Buch lesen: "Vermisst"

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VERMISST

DIE WAHRHEIT IST DER BESTE KRIMI

KLAUS PÜSCHEL/ BETTINA MITTELACHER


Vermisst Ein Mensch verschwindet, und es bleiben nur Fragen

Versenkt in einem Grab aus Stein

Leichenteile im Beton

Jahrzehnte auf der Suche

Suche nach Vermissten oder Toten Der Mordfall Khashoggi oder: Ein sehr böser Rechtsmediziner

Der lebendige Tote

Wasserleichen

Ausgelöscht und abgetaucht

Faszination Spürhunde

Weggespült im Paradies

IDKO – Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts

Der Junge, der unsichtbar wurde

Vermisste Kinder

Der lange Schatten des Krieges

Langzeitvermisste

Verschollen im Totenwald

Identifikation

Nachwort und Danksagung

Impressum

Vermisst Ein Mensch verschwindet, und es bleiben nur Fragen

Da ist ein Kerker, in dem ein Kind eingesperrt ist und verzweifelt weint und nach seinen Eltern ruft. Wir stellen uns einen Wald vor, in dem sich ein Mädchen verirrt hat und völlig erschöpft im Schatten eines Baumes zusammensackt. Oder es stürzt in ein Gewässer und verschwindet darin. Wir sorgen uns um unseren alten, dementen, kranken Verwandten, der vielleicht orientierungslos durch die Gegend irrt. Der nicht nach Hause findet, stürzt, bewusstlos wird und stirbt. Wir sehen vor unserem geistigen Auge einen Pistolenlauf, auf den der Bruder starrt und in Panik die tödliche Kugel erwartet. Wir malen uns einen fensterlosen Raum aus, in dem eine Frau als Geisel gefangen gehalten wird, ohne Essen und Trinken, angekettet.

Unsere Fantasie entwirft die schlimmsten Szenarien, wenn ein geliebter Mensch plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung verschwindet. Wenn wir nicht wissen, was ihm widerfahren ist, ob und wie sehr er leidet. Wenn wir im Ungewissen bleiben, in angespannter, zermürbender Wartestellung, vielleicht über Wochen, Monate, Jahre. Für immer?

Vermisst …

Opfer sind nicht nur die Eingeschlossenen, die Verschollenen oder die Menschen in den Gräbern. Opfer sind auch die anderen, die zurückbleiben und ihre Angehörigen oder Freunde vermissen. Die lange im Unklaren ausharren müssen und vielleicht niemals Gewissheit bekommen. Warten kann zermürben und zerstören. Warten zu müssen kann unerträglich werden, wie ein tiefer, alles verschlingender Abgrund. Wir denken an den letzten Blick, den wir mit diesem Menschen getauscht haben. Die letzten Worte. War der letzte Moment ein Streit? Wie war es genau, bevor plötzlich alles abriss?

Wie in einer Endlosschleife verfolgt uns dieser allerletzte Moment, da wir unseren geliebten Menschen gesehen haben. Haben wir alles richtig gemacht? Waren wir unfreundlich? Haben wir ihn womöglich vertrieben? Sind wir schuld daran, dass er nicht mehr da ist? Haben wir nicht genug aufgepasst?

Es sind diese Fragen, die uns quälen, wenn der Partner, der Angehörige plötzlich verschwunden ist und vermisst wird. Seit Tagen, Monaten oder auch Jahren. Manchmal ist es fast schon eine Ewigkeit her, gefühlt ein ganzes Menschenleben. Aber auch schon wenige Stunden können sich scheinbar unendlich strecken, wenn Angst uns die Kehle zuschnürt.

Vermisst – ein Thema mit vielen Facetten. Manchmal stellt sich alles als völlig banal heraus. Jemand hat vergessen, sich abzumelden, hat den Zug verpasst, hat eine Autopanne, hat vergessen zu telefonieren und taucht nach kurzer Zeit wohlbehalten wieder auf. Manchmal braucht man einfach etwas Geduld. Es gibt viele Erklärungen dafür, dass eine Person irgendwo irgendwie aufgehalten wird und die Zeit vergisst. Dass sie einfach nicht Bescheid sagt.

Manchmal sind die Umstände beunruhigend, mitunter tragisch. Die Person hat einen schweren Unfall gehabt und liegt bewusstlos im Krankenhaus. Sie hatte keine Papiere bei sich, man konnte sie nicht identifizieren.

In anderen Fällen gibt es eine komplizierte Vorgeschichte, einen komplexen Hintergrund. Die Pläne des anderen sind den Angehörigen aber nicht bewusst. Dabei kann es sich um ein absichtliches Wegbleiben handeln, um einen Rückzug aus der gewohnten Umgebung, eine Auszeit, um den Beginn eines „neuen Lebens“ an einem anderen Ort, wobei alle Brücken kommentarlos abgebrochen wurden. Manchmal, findet man später heraus, hat dieser Mensch auch vorher schon ein Doppelleben geführt. Und jetzt lebt er an einem anderen Ort, in einer neuen Umgebung – glücklicher als zuvor? Auch diese Vorstellung zehrt an den Nerven.

Oder der Hintergrund einer Flucht ist kriminell, eine Person ist geflohen, etwa um sich der Strafverfolgung zu entziehen, eventuell auch um sich aus einer belastenden Umgebung mit Ärger, Stress, Schulden und Vorwürfen zurückzuziehen. Es kann sich um einen Versicherungsbetrug handeln, um eine Lebensversicherungssumme zu kassieren, wenn ein Mensch verschwindet und dann für tot erklärt wird.

Es kann aber ebenso eine dramatische Entführung gegeben haben, mit anschließender Erpressung und Lösegeldforderung. Oder es handelt sich um einen Mord, vielleicht auch um einen Mord ohne Leiche, damit es keine Spuren mehr gibt.

Ein weiteres Mal gilt die immer wieder zitierte Erfahrung der Rechtsmedizin: „Es gibt nichts, was es nicht gibt …“

Weil das Phänomen so vielschichtig ist, wird es manchmal überbewertet. Oder umgekehrt werden bedrohliche Umstände und Signale überhaupt nicht wahrgenommen. Manchmal wird die Situation zu Unrecht extrem unterschätzt und zu wenig ernst genommen.

Für die Polizei ist es keine leichte Aufgabe, hier eine angemessen professionelle und im Hinblick auf die betroffenen Angehörigen emotional verständnisvolle Herangehensweise zu praktizieren. Manchmal wird jemand mit großem Aufwand fieberhaft gesucht, er hat sich aber nur gedankenlos nicht ordnungsgemäß verabschiedet und taucht völlig unbehelligt wieder auf. Auf der anderen Seite wartet die Polizei zuweilen sehr lange mit Suchmaßnahmen, wiegelt ab, tut zunächst nichts oder nur wenig, obwohl es um Leben und Tod geht oder ein Tötungsdelikt bereits vollendet ist.

Die Erfahrung mit zahlreichen zum Teil bizarren rechtsmedizinischen Fällen führt zu dem eindringlichen Rat, jede Vermisstensache standardisiert und hoch professionell anzugehen. Dies ist in den neuen Konzepten der Kriminalpolizei auch ausdrücklich so vorgesehen. Selbst wenn man weiß, dass mehr als neunzig Prozent der Vermisstensachen letztlich harmlos ablaufen, eine einfache Erklärung finden und ein glückliches Ende nehmen.

Zur Vorgehensweise bei Vermisstensachen hat die Kriminalpolizei speziell in neuerer Zeit Leitlinien und Standards entwickelt, die bei konsequenter Anwendung eine neue Dimension der Sachbearbeitung erwarten lassen. Der im Folgenden referierte Maßnahmenkatalog lehnt sich speziell auch an Aspekte an, die von der Hamburger Kriminalpolizei ausgearbeitet wurden. Die aufgeführten Maßnahmen sind nicht abschließend zu betrachten; ihre Reihenfolge ist dem gegebenen Sachverhalt anzupassen. Für unseren Zusammenhang werden hier nur besonders herausragende Aspekte dargestellt:

•Verifizierung der Personenbeschreibung (Narben, Tätowierung, Schmuck und so weiter; Biometrie)

•Vernehmung des Anzeigenden sowie von wichtigen Zeugen, zum Beispiel im Hinblick auf besondere Umstände wie finanzielle Situation, Krankheit, eventuell notwendige Medikamente, Drogenabhängigkeit, familiäre Ereignisse, um ein mögliches Motiv für das Verschwinden zu erkennen; bestehen spezielle Hinweise auf Eigen- oder Fremdgefährdung?

•Ermittlung des letzten Standorts der vermissten Person, insbesondere auch im Hinblick auf technische Daten (Handyortung, Telekommunikationsüberwachung, Verbindungsdaten, Funkzellendaten und Ähnliches)

•Aufsuchen der Wohnung der vermissten Person, hierbei Sicherstellung von Proben zur DNA-Untersuchung, Geruchsproben für den Einsatz von Spürhunden; Überprüfen bevorzugter Aufenthaltsorte, Garagen, Lauben, direktes Wohnumfeld

•Gegebenenfalls Öffentlichkeitsfahndung (Printmedien, Radio, Internet), insbesondere wenn Gefahr für Leib und Leben der vermissten Person zu begründen ist

•Überprüfung der finanziellen Situation; Kontoübersicht, Berücksichtigung von EC-Karten, Kreditkarten

•Je nach Ausgangssituation Einsatz eines Hubschraubers, von Tauchern, einer Hundertschaft zum Absuchen größerer, eventuell unübersichtlicher Areale

•Anfragen bei Krankenhäusern, Ärzten eventuell Hotels, Flugplätzen, Taxiunternehmen

•Durchsicht persönlicher Sachen: Aufzeichnungen, Computer, Telefon, PC; Auswertung des Routers

•Sicherung von Fingerabdrücken

•Recherchen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram; gegebenenfalls Überprüfung von Dienstleistern wie Ebay, PayPal

•Möglicherweise Einschaltung weiterer Polizeidienststellen, der Staatsanwaltschaft und von Gerichten.

Endet die Suche nach einem vermissten Menschen damit, dass er nur noch tot aufgefunden werden kann, so ist die definitive Identifizierung durch Polizei oder Rechtsmedizin jedes Mal als ein absolut erschütternder Moment zu bezeichnen. In einem einzigen Augenblick überlagert sich die Erleichterung darüber, dass die Ungewissheit ein Ende hat, mit dem Schmerz, dass man jede Hoffnung aufgeben muss.

Man kann, was in diesem Augenblick geschieht, nur hilflos umschreiben. Immer wieder fallen Worte und Sätze wie „lähmendes Entsetzen“, „das Schlimmste, was Eltern passieren kann“, „der Schmerz hört nie auf“. Solche Äußerungen lassen den Abgrund an Gefühlen erahnen.

Jeder Betroffene verarbeitet die Situation anders: die Mutter, der Vater, der Ehepartner, die Geschwister, die Familie, die Freunde, das soziale Umfeld. Gleiches gilt für die ermittelnden Polizeibeamten, die Rechtsmediziner, die Journalisten, die über solche Fälle berichten, und für alle auf andere Weise Involvierten.

Für die Polizei bedeutet das Verschwinden eines Menschen Dauerstress. Vieles muss jetzt ganz schnell und gleichzeitig organisiert werden, Spurensuche, Ermittlungen, Suchtrupps, Spürhunde. Am Anfang scheint es ein Wettlauf mit der Zeit zu sein. Später fragt man sich, ob die Zeit Abstand schafft?

Nicht selten werden die betroffenen Angehörigen selbst psychisch krank. Das ist immer wieder zu beobachten. Nahe Angehörige, die in psychiatrischen Kliniken behandelt werden müssen. Die Tochter, die mehr als 3000 Gedichte über ihre verschwundene Mutter schreibt. Angehörige, die sich auf lange Reisen begeben, eventuell auch in andere Länder, wenn sie meinen, es gebe eine neue Spur …

Besonders schlimm: Gar nicht so selten gibt es auch Trittbrettfahrer, die merkwürdige Tipps geben, falsche Versprechungen machen, sich Fantasiegeschichten ausdenken. Auf krankhafte Weise suchen sie die Nähe zum Leid der Angehörigen und unternehmen einiges, um es zu vergrößern.

Eine andere zweifelhafte Personengruppe sind Menschen, die Geld verdienen wollen, indem sie das Leid der anderen ausnutzen: Detektive, Hellseher, Wahrsager, zwielichtige Gestalten, falsche Freunde.

Es kursieren Zahlen, die aufrütteln. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2019 bundesweit 15 395 Kinder als vermisst registriert. 98 Prozent der Fälle konnten geklärt werden. Allein in einer Stadt wie Hamburg werden jährlich etwa 5500 Vermisstenvorgänge bearbeitet, darunter 70 Prozent Jugendliche, 10 Prozent Kinder und 20 Prozent Erwachsene. Meist brechen Jugendliche aus, um vor familiären Problemen zu fliehen. Sie wollen damit ein Zeichen setzen, ein Warnsignal. Manchmal steckt eine Gewalterfahrung außerhalb der Familie dahinter. Auch gibt es einen relativ hohen Anteil mehrfach vermisster Minderjähriger, sogenannte „Streuner“.

Die absolute Zahl spurlos verschwundener Kinder seit 1951 erscheint hoch: 1869 Kinder wurden vermisst gemeldet und sind nie wieder gefunden worden.

Andere Alters- und Gesundheitskonstellationen erfordern eine ähnlich dringliche Aufarbeitung. So gibt es zum Beispiel immer wieder Alte und Kranke, Desorientierte, Demente, die den Weg nach Hause nicht mehr finden und dadurch möglicherweise in Gefahr geraten.

Wir möchten an dieser Stelle in aller Kürze einige Fälle skizzieren, die das breite Spektrum der Vermisstensachen aus Sicht der kriminalistischen und rechtsmedizinischen Praxis deutlich machen.

Ein junger Mann aus Schottland will zusammen mit seinem Bruder dessen Abschied vom Junggesellendasein feiern. Man unternimmt eine Kneipentour in Hamburg, auf der der Mann plötzlich spurlos verschwindet. Mit großem Einsatz wird nach ihm gesucht, mehrfach kommt auch der Bruder erneut nach Hamburg. Die gesamte Familie und die Freunde versuchen, den Verschwundenen zu finden. Erst nach Wochen wird er entdeckt — als Wasserleiche. Es stellt sich heraus: Auf dem Rückweg von der Kneipe ins Hotel war der junge Mann in die Elbe gestürzt und ertrunken.

Besonders dramatisch ist der Fall der verschwundenen Hilal, bis heute. Die Zehnjährige wird am 27. Januar 1999 in Hamburg zuletzt gesehen, als sie sich wegen eines guten Schulzeugnisses Süßigkeiten kaufen darf. Die Polizei leitet bereits wenige Stunden nach dem mysteriösen Verschwinden eine Suche ein. Immer wieder gehen Hinweise ein, unter anderem nachdem die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ über den Fall berichtet hat. Zuletzt suchen Beamte der Ermittlungsgruppe „Cold Cases“ nach Spuren in der Vermisstensache, die bis heute ungeklärt ist.

Im Fall einer Familientragödie aus Wedel bei Hamburg hat die Polizei mehrere Tage nach der Mutter zweier kleiner Kinder gesucht. Der zwei Jahre alte Junge und seine fünfjährige Schwester sind zuvor von den Großeltern tot in ihrem Zuhause aufgefunden worden. Jemand hat sie ertränkt. Kurze Zeit später wird bekannt, dass der Vater sich von einem siebenstöckigen Haus gestürzt hat. Es stellt sich heraus, dass er der Mörder seiner Kinder ist. Drei Tote in einer Familie — ein furchtbares Drama. Aber was ist mit der Mutter der ermordeten Geschwister? Man hofft, dass zumindest die gebürtige Bolivianerin überlebt hat, dass sie einfach verreist ist. Aber würde sie dann über Tage ihr Mobiltelefon ausschalten? Der Verdacht, der mit jedem Tag ohne Lebenszeichen immer wahrscheinlicher wird: Auch die 37-Jährige ist tot. Drei Tage später wird der Leichnam der Vermissten nur wenige Meter vom Haus der Familie entfernt gefunden. Leichenspürhunde haben die Ermittler zu einem schmalen, zugewucherten Streifen neben dem Grundstück der Familie geführt, wo der übel zugerichtete Körper verscharrt war.

Persönlich besonders belastend waren die Versäumnisse von Rechtsmedizin und Polizei im Fall eines jungen Mannes, der nach einem St. Pauli-Besuch nicht mehr nach Hause kam. Die Mutter hat mehr als sieben Jahre nach ihrem Sohn gesucht, überall in Deutschland. Sie hat jede einzelne in den Medien gemeldete Vermisstensache und das Auffinden eines unbekannten Leichnams irgendwo in Deutschland gezielt überprüft, in banger Sorge, ob es sich um ihren Sohn handeln könnte.

Das schwer Bedrückende aus Sicht von Rechtsmedizin und Polizei, ein kaum verzeihlicher Fehler: Bereits sechs Wochen nach dem Verschwinden des jungen Mannes war ein fortgeschritten fäulnisveränderter Leichnam im Institut zu untersuchen. Beim Messen der Körperlänge wurde ein Übertragungsfehler gemacht, sodass die Polizei von einer falschen Körpergröße ausging und einen Zusammenhang mit dem Vermissten zunächst ausschloss. Erst Jahre später wird durch spezielle DNA-Untersuchungen und einen Abgleich in der Kartei des Bundeskriminalamts die wahre Identität des unbekannten Leichnams festgestellt. Man hätte der Mutter Jahre vergeblichen Suchens und Wartens ersparen können.

Alles in allem ist in einem Land wie Deutschland die Erfolgsquote bei der Identifizierung unbekannter Toter in der Rechtsmedizin allerdings vergleichsweise hoch; sie liegt bei über 95 Prozent. Es verbleiben letztlich nur einzelne nicht identifizierbare Leichen, die dann als „unbekannt“ erdbestattet werden.

Erwähnt sei der Reemtsma-Entführer Wolfgang Koszics, der am äußersten westlichen Ende von Europa, in Portugal, starb. Er hat sehr wahrscheinlich selber seinem Leben ein Ende gesetzt, indem er in suizidaler Absicht von einer hohen Klippe sprang. Sein Ziel war es eigentlich, vollständig zu verschwinden, er erwartete, dass der Leichnam auf den Atlantik hinausgetrieben werde. Durch besondere Strömungsverhältnisse landete der Körper allerdings in einer nahe gelegenen Meeresbucht. Immerhin dauerte es fast ein Jahr, bis die Identität des Leichnams festgestellt war.

Ähnliche Fälle gibt es immer wieder. Im Zusammenhang mit einem Suizid suchen die betreffenden Personen mitunter sehr einsame Plätze auf. Möglicherweise springen sie auch von einem Kreuzfahrtschiff in den unendlichen Ozean. Ihr Ziel ist ein Szenarium, bei dem der Leichnam vollständig von dieser Welt verschwindet.

Auch bei spektakulären Kriminalfällen ist nicht selten eine Vermisstensache inkludiert. Beispielsweise waren die vier Opfer des St. Pauli-Mörders Fritz Honka sämtlich ältere Prostituierte, die so isoliert und einsam lebten, dass sie von niemandem vermisst wurden. Ganz anders verhielt es sich bei den beiden Frauen, die der Hamburger Säuremörder getötet und in Fässern vergraben hatte. Jahrelang hatten die Fälle bei der Polizei als nicht weiter relevante Vermisstensache gegolten, weil man die Frauen im Ausland vermutete. Auch die vom sogenannten Maskenmann aus Schullandheimen entführten Kinder wurden zunächst wochenlang vermisst, weil der Mann die Körper der von ihm getöteten Jungen versteckt beziehungsweise vergraben hatte.

Speziell im Zusammenhang mit politisch motivierten Tötungen fehlt manchmal das „Beweismittel Leiche“. Erinnert sei an den Journalisten Jamal Khashoggi aus Saudi-Arabien, dessen Leichnam niemals gefunden wurde. Dennoch wurden mehrere Männer als Mörder verurteilt. Im afrikanischen Benin war im Zusammenhang mit Wahlen ein Oppositionspolitiker wochenlang verschwunden, bevor man seinen Leichnam fand, vergraben hinter der Hütte eines Voodoo-Zauberers.

Entführungen sowie das Verschwindenlassen von Personen nach ihrer Ermordung kennt man insbesondere aus dem Bereich der organisierten Kriminalität. Kriminellen Organisationen wie der Mafia werden spezielle Kenntnisse und Verfahren zugerechnet, mit denen man Tote verschwinden lassen kann. Solche Fälle von „Mord ohne Leiche“ führen häufig dazu, dass die Täter nicht zu überführen sind.

In Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen kommt es in einem großen Ausmaß zu Tötungen, Verschollenheit und Vermisstensachen. Erinnert sei zum Beispiel an die vielen Tausend Toten aus Srebrenica in Bosnien-Herzegowina, deren Körper und Überreste man immer noch sucht, um sie den Angehörigen zurückzugeben. Erinnert sei auch an die vielen Toten und Massengräber vergangener Kriege sowie aktueller kriegerischer Auseinandersetzungen, etwa in Syrien. In Ruanda wurden während des Genozids an den Tutsi eine Million Menschen innerhalb von hundert Tagen getötet. Hamburger Rechtsmediziner haben sich an der Ausgestaltung einer Gedenkstätte in Murambi am Rande des Regenwaldes beteiligt. Dabei ging es ausdrücklich nicht um die Identifikation einzelner Toter, sondern um das Wachhalten der Erinnerung an den Genozid.

Diese traurige und zugleich tröstende Wahrheit betrifft Menschen auf der ganzen Welt: Auch wenn ein geliebter Mensch vermisst bleibt — in unseren Erinnerungen ist er immer bei uns.

Versenkt in einem Grab aus Stein

Es ist tiefe Nacht, als sich eine Gestalt aus dem Dunkel des Hauseingangs schleicht. Der Mann ist schwarz gekleidet, nur seine Silhouette ist gegen den sternenlosen Himmel auszumachen. Er läuft geduckt zu einem Nebengebäude, dabei wuchtet er eine Schubkarre vor sich her. Das Rad quietscht unter dem schweren Gewicht eines massigen Körpers, der hastig und nachlässig in der Karre verstaut worden ist. Zwei Beine eines Menschen hängen schlaff über den hinteren Rand des Gefährts. Und vorne, wo der Kopf zu liegen gekommen ist, tropft unablässig Blut als schmale Spur in den lehmigen Boden des Hofes. Die finstere Gestalt setzt einen Spaten an, um ein Grab zu schaufeln — ein Grab, das niemals jemand finden soll.

Das Böse hat in ein kleines, verschlafenes Dorf Einzug gehalten.

Das Abgründige hat sich an einem Ort eingenistet, in dem bis dahin die ländliche Harmonie herrschte, die Stille. Es ist eine Gegend in Schleswig-Holstein, wo der Blick meilenweit schweifen kann, wo Tiere auf satten Weiden grasen, eine Region, in die Menschen ziehen, die Ruhe suchen. Es ist auch ein Ort, wo ein Lindenblatt ins Wappen aufgenommen wurde, als Symbol für einen Baum, dem von alters her die Kraft zugesprochen wird, das Schicksal „gelinde“ zu stimmen, also milde. Es hat nicht gefruchtet.

Denn hier, in diesem 300-Seelen-Ort in Dithmarschen, hat sich ein Verbrechen abgespielt, das in seiner Brutalität und seiner Abgebrühtheit schockiert. Es ist ein Fall, der schließlich als „Stückel-Mord“ durch die Medien geht. Lange Zeit ist die Tat unentdeckt geblieben. Es hat keine Leiche gegeben, noch nicht einmal einen ernsthaften Verdacht. Bis ein Schüler eines Tages plötzlich mitten im Unterricht aufsteht und wortlos das Klassenzimmer verlässt. Er hat es eilig. Zu lange schon hat sein Gewissen den 17-Jährigen wie eine schwere Last bedrückt. Jetzt geht er zur Polizei. Er hat sich entschlossen, das Unfassbare zu melden.

Knapp zwei Jahre zuvor, im April 2017, macht man sich im Ort noch nicht viele Gedanken, als ein einundvierzig Jahre alter Mann spurlos verschwindet. Es handelt sich um einen Fenster- und Treppenverkäufer, der seit einigen Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin und den beiden gemeinsamen Töchtern auf einem Hof in dem kleinen Ort im Kreis Steinburg lebt. Die vier halten Pferde, Schafe, Hühner und Gänse, es sieht nach dem harmonischen Landleben einer glücklichen Familie aus.

Als die Frau ihren langjährigen Bekannten Yasar S. als neuen Mitarbeiter ein Zimmer auf dem Hof beziehen lässt, ist es jedoch mit der Harmonie vorbei. Die Chefin und der 46-Jährige kennen sich von früher aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, wo sie als Prostituierte gearbeitet hat und er als Aufpasser. Offenbar schweißt die gemeinsame Vergangenheit die beiden mehr zusammen, als es dem Familienleben guttut. Der neue Mitbewohner wird nun zum Störfaktor auf dem Hof; es kommt zu Spannungen zwischen ihm und dem Gutsbesitzer. Wenn der eine der Lebensgefährte der Hausherrin ist, der andere aber nun ihr Liebhaber wird, kann das nicht gutgehen.

Und dann verliert sich Ende April 2017 von dem Familienvater jede Spur. Seine Partnerin Jessica M. bleibt gegenüber ihrem Umfeld bemerkenswert gefasst. Sie erzählt einer Nachbarin, dass ihr Mann, der gebürtige Pole Miroslav P., wohl abgehauen sei, vermutlich in sein Heimatland. Sie habe das Haus verlassen vorgefunden, als sie von einem Ausflug nach Hause gekommen sei. Alle Türen hätten offen gestanden. Etwa eine Woche später meldet die 37-Jährige ihren Lebensgefährten offiziell als vermisst.

Ahnt sie, dass es vermutlich keine aufwendigen, intensiven Suchmaßnahmen geben wird?

Wenn ein Kind oder Jugendlicher vermisst wird, wird bei der Polizei sehr zügig eine Suchaktion in die Wege geleitet, oft mit mehreren Hundertschaften. Je nach Situation werden auch Hunde, Hubschrauber und Wärmebildkameras eingesetzt. Alles wird getan, um das Kind, das vermutlich in Gefahr schwebt, möglichst schnell zu finden. Jede Stunde zählt, vielleicht sogar jede Minute.

Anders ist es bei Menschen im Erwachsenenalter. Hier wird von der Polizei nicht sofort eine Ablaufkette in Gang gesetzt mit dem Ziel, den Verschollenen zu finden. Es ist die Entscheidung eines Erwachsenen, ob er oder sie vielleicht eine Auszeit braucht, für eine Stunde — oder für ein neues Leben. In Deutschland ist es das Recht eines jeden Erwachsenen, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Er braucht diesen Ort auch nicht seinen Angehörigen oder Freunden mitzuteilen. Eine Ausnahme gilt nur dann, wenn die Person nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte ist. Oder wenn es den Verdacht gibt, derjenige könnte in Lebensgefahr sein, sei es durch einen geplanten Suizid oder weil er beispielsweise Opfer eines Unfalls geworden sein könnte.

Oder einer Straftat.

Einen solchen Hinweis, dass Miroslav P. womöglich Opfer eines Verbrechens geworden ist, bekommt die Polizei lange Zeit nicht. Denn die, die etwas darüber wissen könnten, schweigen. Einzig der vierzehn Jahre alten Tochter des vermissten Mannes gelingt es nicht, vollkommen dicht zu halten. Die Schülerin schreibt zur Zeit des Verschwindens ihres Vaters eine verklausulierte Chat-Nachricht an ihren Freund. Sie gibt ihm dabei zu verstehen, er solle jeweils nur das erste Wort in jedem Satz lesen.

Die Wörter ergeben eine verstörende Nachricht: „Heute bringen wir meinen Vater um.“

Ihr Freund hält das zunächst für einen schlechten Scherz. Wahrscheinlich will er einfach glauben, dass nichts wirklich Schlimmes geschehen sei. Weitere Erzählungen seiner Freundin über einen angeblichen Mord und eine Leiche auf dem Reiterhof behält er ebenfalls zunächst für sich. Er hat Sorge, dass er und seine Familie in Gefahr geraten könnten, wenn er seine Vermutungen der Polizei offenbaren würde.

Doch schließlich, fast zwei Jahre später, erdrückt ihn die Last der dunklen Ahnung, dass ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen ist. Sie wiegt so schwer, dass es den Jugendlichen im Schulunterricht nicht mehr auf seinem Stuhl hält, sondern zur Polizei nach Itzehoe treibt. Der Jugendliche wirkt auf die Ermittler aufgewühlt und ängstlich. Er schildert den Beamten, seine Ex-Freundin habe ihm seinerzeit erzählt, dass ihr Vater von dem neuen Liebhaber ihrer Mutter in eine Falle gelockt und getötet wurde. Der Leichnam sei in der Reithalle des Hofes zu finden. Dort soll der Körper mit Chemikalien überschüttet und verscharrt worden sein.

Im Zusammenhang mit der Aussage des Schülers gewinnt bei weiteren Ermittlungen die Beobachtung eines Mitarbeiters in einem Landhandel besondere Bedeutung. Ihm ist es merkwürdig vorgekommen, dass ein Kunde mehrere Säcke Branntkalk gekauft hat, insgesamt sind das 150 Kilo. Für eine Firma wäre das keine ungewöhnlich hohe Menge, für eine Privatperson schon. Branntkalk wird in der Bauindustrie als Beimischung zu Mörtel und Putzen verwendet. Früher nutzte man ihn zur Desinfektion von Begräbnisstätten. Und: Er hat eine geruchsbindende Wirkung.

Wofür also wurde dieser Branntkalk genutzt? Der Mann, der den erstaunlichen Kauf getätigt hat, ist Yasar S., der neue Bewohner auf dem Reiterhof — jener Mann, der vom Mitarbeiter zum engen Vertrauten der Hausherrin avanciert ist.

Die Angaben der Zeugen sorgen dafür, dass die Ermittler Yasar S. intensiver ins Visier nehmen. Am 5. März 2019 rückt die Polizei schließlich mit großer Besetzung in dem Dithmarscher Ort an. Etwa hundert Beamte sind auf dem Reiterhof im Einsatz, um dem Verdacht eines Mordes durch den 46-Jährigen auf den Grund zu gehen. Die Hamburger Rechtsmedizin unterstützt die Hausdurchsuchung vor Ort, weil die Ermittler davon ausgehen, dass wohl ein Leichnam gefunden wird. Die Ausgrabung des Körpers soll von einer Anthropologin professionell begleitet werden.

Die Polizei durchkämmt den gesamten Hof und setzt dabei unter anderem Metallsuchgeräte und speziell ausgebildete Hunde ein. Schließlich wenden sich die Ermittler gezielt einem Komplex zu, bei dem ein Leichenspürhund anschlägt und den der 17-jährige Zeuge bereits in seiner Aussage genannt hat: die Reithalle. Die Ermittler räumen das Gebäude frei, der Boden wird abgezogen und sauber gefegt. Nachdem die Staubschicht beseitigt ist, fällt etwa in der Mitte ein rechteckiger Abschnitt auf, wo der Boden festgestampft wurde. Der Bereich misst zirka zwei mal einen Meter und setzt sich farblich deutlich von der Umgebung ab.

Ein verborgenes Grab?

Zentimeter für Zentimeter wird der Boden, in dem sich große Mengen Branntkalk befinden, abgetragen. In rund 50 Zentimeter Tiefe stoßen die Ermittler auf eine körperähnliche Struktur, die entfernt an einen menschlichen Rumpf erinnert, ohne Kopf, Arme und Beine. Dieses Gebilde, das von Tampen umschnürt ist, wird immer weiter freigelegt und dann aus der Grube herausgehoben. Die Anthropologin erkennt sofort knöcherne Strukturen, vor allem Wirbel und Gelenke, die am oberen und unteren Ende des Bündels abgrenzbar sind. Dieser Befund deutet stark darauf hin, dass es sich um einen menschlichen Torso handelt. Das Gebilde wird unverzüglich nach Hamburg ins Institut für Rechtsmedizin geschafft.

Die gerichtliche Sektion bestätigt die vorläufige Einschätzung unmittelbar nach der Bergung: Es handelt sich um einen menschlichen Rumpf mit abgetrenntem Kopf, ohne Arme und Beine. Reste eines männlichen Geschlechtsteils sind noch abzugrenzen, der Penis selber fehlt; er ist abgeschnitten worden. Der Torso weist vergleichsweise zarte Schlagadern und knorpelige Rippenansätze am Brustbein auf. Anhand dieser Befunde wird das Alter des Mannes auf ungefähr dreißig bis vierzig Jahre geschätzt, was in etwa zu dem vermissten Miroslav P. passt.

Die Leichenliegezeit wird auf ein bis zwei Jahre taxiert, genauer ist das nicht einzugrenzen. Auch diese Daten würden zu dem Verdacht passen, dass es sich um den verschollenen Familienvater handelt.

Nun geht die Polizei einem weiteren Hinweis nach. Es heißt, der mutmaßliche Täter habe den Toten zunächst zwar als Ganzes in der Reithalle vergraben, ihn dann aber nach mehreren Monaten wieder freigelegt und Kopf, Gliedmaßen und Geschlechtsteil abgetrennt. Für Polizei und Rechtsmedizin stellt sich nun die Frage: Wo sind die noch fehlenden Körperteile?

€11,99
Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
162 S. 5 Illustrationen
ISBN:
9783831910465
Rechteinhaber:
Bookwire
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