Buch lesen: "Verliebte Ferienreise"

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Alfred Hein
Verliebte Ferienreise

Novelle

Saga

I

Es begann wieder um mich zu sein, das Gebiet längs des Sudetenkammes. Gemeinhin hieß es der Glatzer Kessel und war gewiß lieblich, oft sogar herrlich anzuschauen. Für mich, den Geiger bei der Berliner Staatsoper, Christoph Kreusler, blieb es das Kindheitsland, geliebt voll wortloser Zärtlichkeit. Hier wurde ich wieder der seines Namens und Wesens sich kaum bewußte Knabe, hier kehrte ich im tiefsten Sinne zurück an die Quellen meines Wesens. Und dies geschah mir in dieser Landschaft gerade deshalb, weil sie eigentlich gar nicht meine Heimat war. Jene lag hundert Kilometer weiter die Grenze entlang im oberschlesischen Industriegebiet. Dort wurde im Grunde nur die Sehnsucht geboren, das schönheitsdürstende Fernweh des Knaben, der dann bei der ersten Bergfahrt hierzulande erlöst wurde.

Dieser Bergfahrt meiner Jugendzeit aber erinnere ich mich noch genau. Unvergeßlich der Augenblick, als plötzlich ein blauer Dunst mit wolkenhaften Umrissen am Horizont näher und näher schwebte, bis es Berge waren, wie im Märchen. Und dann die Ankunft in einem so feierlichen Orte, der Bad Landeck hieß und ringsum hohe Berge hatte. Und auf einen dieser hohen, hohen Berge stieg ich am anderen Morgen hinauf. Im Zickzack und in Spiralen liefen die Wege. Ich stieg und stieg und glaubte schon, ich käme niemals an. Plötzlich war er da, der Gipfel. Und dann stand ich auf dem im Sommer noch mit Schnee bedeckten Berge, ein Knabe von zehn Jahren, und unter mir lag die Erde wie eine große Reliefkarte mit zwirnsfadendünnen Straßen und Spielzeughäuschen, mit mooshaft zusammengeschwommenen Wäldern und Wiesen. So groß fühlte ich mich mit dem Berg zusammen, so klein schien mir die Welt, mir, dem Zehnjährigen.

Nie bin ich mir größer vorgekommen, nie wieder stand ich in meinem Leben so stolz und kühn und riesenhaft auf einem Gipfel wie vor dreißig Jahren.

Damals marschierte ich an der Seite des Vaters, den schon die schlesische Erde deckt. Auch ich möchte einst in ihr ruhen, am liebsten hier. Ein Berglein zwischen all den heimatlichen Bergen, kaum ein Grab zu nennen. Das wäre ein grünes Bett und Tod und Leben wie vereint.

Es war die einzige Reise meiner Jugend, die hierher führte. Sonst ging es in den Ferien immer zu Verwandten nach Breslau oder in eine der kleinen oberschlesischen Kreisstädte, drüben in der Ebene.

All meine späteren Wanderfahrten durch das deutsche Land legte ich in gleichem Rhythmus an und erlebte sie wie Variationen auf das Grundthema dieser ersten Glatzer Reise.

In dieser Stunde, als der Zug in anmutigen Kehren die Waldhänge des Landes meiner Kindheit erklomm, wurde es mir offenbar: Alle Erlebnisse unseres Daseins wurzeln in unvergeßlichen festlichen Begegnungen der Jugend wie der Baum in seinem Boden. In den Lebensjahren zwischen zwanzig und dreißig gesteht ein Mann dies nicht gern ein. Sein Feld ist die Welt. Fast meidet er die Heimat. Erst wenn er »alles gesehen hat«, kehrt er wieder heim.

Gelassen, ein wenig müde. Und mit dieser Gelassenheit, abhold der großen Welt da draußen, sah ich mich jetzt in der traulichen Enge wieder, die diese Waldberge rundum mit einer undeutbaren Wehmutsüße schufen. Nun war ich reicher an Erfahrungen, und die Vergleiche flogen mir zu: Dieses Dorf lag unter den Felsen wie ein fast ähnliches in Frankenland, jenes dort war beinahe thüringisch, und dieses wiederum schwarzwäldisch anzuschauen. Aber das alles schien nur äußerlich die Vergleiche aufzudrängen. In Wahrheit schwebte immer der Hauch der Kindheit über dem ganzen Land meiner Ferienflucht, und in einem wundersamen Zufall hieß das Tal – mein Ziel — die Schmelze.

War das nicht Name genug, um mein Gefühl zu benennen für all das unbegreiflich Feierliche, das sich in einer Seele zutrug, die nach dreißig Jahren in die Heimat wiederkehrte? Hier lag, in Bergwaldwogen gebettet, das Herzbad, das auch meinem großstadtnervösen Herzen Heilung bringen sollte. Mit kindheitseligen Augen schaute ich es an. In diesem Augenblick gab es auf der Welt für mich nichts Schöneres als diesen bunten Kurort im grünen Tal. Ich lächelte: Hier ist gut sein.

Auf dem Bahnhof meines Reiseziels angekommen, gab ich die Koffer an der Aufbewahrungsstelle ab. Ich mochte nicht sofort auf Zimmersuche gehen. Es war erst früher Nachmittag, die Welt aber lachte so lieblich.

Auf einem stillen Hügel warf ich mich ins Gras, vor mir die Berge und drunten im grünen Schmelzetal der dämmerbunte Badeort. »Das alte Unnennbare«, flüsterte ich immer wieder, »das alte Unnennbare!« Woher stieg dieses Wort aus den unterbewußten Tiefen meiner Seele auf? Als ich nicht mehr darüber nachdachte, nur noch die Stimme der Natur vernahm und den Blick des Himmels spürte, da waren sie von selbst da, Mörikes Verse, die vom alten Unnennbaren erzählen:

Ich denke dies und denke das,

Ich sehne mich und weiß nicht nicht recht, nach was.

Halb ist es Lust, halb ist es Klage.

Mein Herz, o sage,

Was webst du für Erinnerung

In golden grüner Zweige Dämmerung?

Alte unnennbare Tage!

II

Das »Tannhäusel« wurde mein Quartier. Es lag auf halber Höhe allein für sich, dicht am Hochwald. Alle Wegweiser dort wiesen zur »Stillen Liebe«. So hieß der Berg da droben. Drunten im Kurort wollte mir keine Bleibe so recht gefallen. Die eine erschien zu protzig, die andere zu karg, bis ich das »Tannhäusel« hinter Gärten und Tannendickicht hervorlugen sah. Das Haus schaute mich gleichsam an. Es hatte eine Seele und erlebte sich selbst in Gottes freier Natur.

Zuerst schien es, als wollte mich das Haus nicht haben. Der Wirt, in Jägertracht, mit einem etwas an Hermann Löns erinnernden Falkengesicht, sagte zurückhaltend: »Meine Frau wird gleich kommen; aber ich glaube, es ist nichts mehr frei.«

Ich erwiderte, dies sei schmerzlich für mich, aber gewiß ein Lob für das Haus. Ja, meinte der Wirt, sie hätten seit Mai immer so gut wie alle Zimmer besetzt. Aber da sei seine Frau. Ein echtes Glatzer Kind war die Frau Wirtin. Schlesiens Rasse hat eine seltsame Mischung von altem und jungem Ausdruck im Gesicht. Die breit auseinanderstehenden Augen und die fast immer besonders bei den Frauen zu groß wirkende Nase geben dem Gesicht einen leichten Zug von Melancholie. Doch lächelndes Fälteln in den Augenwinkeln und um den Mund herum, vor allem auch der quellklare, tiefe Blick verjüngen das Antlitz liebenswert.

»Ich muß einmal nachdenken«, lächelte die Frau mich an. Mir war es in dieser Sekunde gleichgültig, ob die junge Frau ja oder nein entschied. Ich gab mich nur dem natürlichen Anhauch dieses Lächelns hin und dachte abermals: Hier ist gut sein.

Die Sympathie zwischen den Wirtsleuten und mir wuchs spürbar in diesen Minuten. Als die Frau noch immer nachdachte, wo sie mich zunächst an diesem Tage und in der kommenden Woche unterbringen könnte, fragte der Wirt plötzlich: »Sind Sie auch Jäger?«

»Nein.«

»Ich dachte, weil Sie auch solch grünen Lodenanzug tragen, und Sie haben auch so etwas wie einen Jägerblick.«

Ich lächelte. Was dieser Pseudo-Löns von mir denkt! Ich, ein Jäger? Schweigen wir von meinen Schützenkünsten in der Militärzeit. Auch sonst habe ich im Leben genug vorbeigeschossen, nie aber soviel wie bei den Soldaten. Ich war ein »Krummstiebel«, höchstens früher ein Schürzenjäger, und vielleicht bin ich – dieses Wort kam mir in dieser Stunde zum erstenmal – ein Menschenjäger. Einer, der den Menschen nachjagt, um zu spüren, daß sie Menschen sind. Dies alles dachte ich nur still für mich.

»Solch ein Lodenzeug ist so schön einfach und praktisch, in seinem Grün ein Stück Natur. Man kann sich mit seinem unverwüstlichen Stoff unmittelbar dem Wind und Wetter aussetzen, ins Gras werfen und platt an die Erde drücken, er nimmt den Ruch der Natur an und schließlich in sich auf, und darum liebe ich ihn. Mein Auge aber? Vielleicht vermag es zu prüfen, was echt und unecht ist in dieser Welt. Aber nein, auch das kann ich nicht. Ich lasse es nur hinträumen über Dinge und Menschen. Und vielleicht nimmt es manchmal wahr, was nur wenige oder andere gar nicht sehen.«

»Ach«, sagte die lächelnde Frau Kretschmer nur. So echt schlesisch hießen die Besitzer des »Tannhäusels«. Und mit einem Mal hatte sie ein Zimmer für mich, das Zimmer »7«, zunächst auf zwei Tage. Freilich käme bald ein Herr, für den die »7« schon lange reserviert sei, und ich müßte dann heraus. Vielleicht würde aber ein anderes Zimmer frei, sonst müßte ich das der Köchin für ein, zwei Nächte benutzen.

»Natürlich – ohne lebendes Inventar«, schmunzelte das Falkengesicht des Jägerwirtes. »Oh, wenn die Köchin hübsch ist, bedaure ich es fast«, wurde ich leichthin galant und verhöhnte mich innerlich selbst: Du alter Esel! Wir lachten und wurden in allem Drum und Dran einer solchen Pensionseinweisung bald einig. Frau Kretschmer rief die Mädchen herbei. Sie erschienen, die Anni und die Käthe, und richteten die »7« für »Herrn Kreusler« zurecht.

»Kommen Sie, ich will Ihnen etwas Nettes zeigen, sagte der Wirt.

»Da bin ich wirklich neugierig.«

Mit glücklich leichten Schritten wandelten wir gemach durch den Garten hinter dem Hause. Und schon erfaßte mich kindliches Erstaunen. »Sie haben ein zahmes Reh?«

»Ja, ein Rehbock soll in den nächsten Wochen hinzukommen.«

»Haben Sie es schon lange?«

»Das Hannele? Ja, seit drei Jahren, solange wir das Häusel haben. In dem bösen Winter damals wich es nicht von unserer Tür. Sehen Sie, vielleicht ein Beweis, daß die Tiere in uns Jägern nicht den Feind, sondern den Freund erblicken, der über ihr Leben und über ihren Tod gerecht entscheidet.«

»Hannele heißt es. Natürlich muß ein schlesisches Reh Hannele heißen«, beteuerte ich. »Aber was Sie vom gerechten Jägersmann sagen, stimmt das wirklich? Ist das nicht nur ein übertünchendes Gefühl für die — nun sagen wir einmal offen — für die Mordlust des Jägers?«

»Wir lieben unser Wild!« Herr Kretschmer wurde so zornig, daß ich »Verzeihen Sie!« stammelte. Aber dann mußten wir beide wieder lachen. Und nach einer Weile sagte er: »Wissen Sie, im Grunde weiß man überhaupt nicht recht, warum man dies und jenes tut. Ich liebe die Tiere und schieße sie, wenn sie dran sind, geschossen zu werden. Auch uns holt‘s ja, wenn wir dran sind. Vielleicht ist es auch dieses Schicksalspielen, was dem Jäger gefällt.«

»In welcher Gegend liegt hier Ihre Jagd?«

»Dort drüben, wo in der Sonne jetzt die Felsen aufblitzen, bei Goldbach. Aber nun muß ich an die Arbeit. Hier ist die Liegewiese. Nehmen Sie sich einen Liegestuhl und ruhen Sie aus. Ich darf mich empfehlen. Und nichts für ungut!«

»Aber, mein Lieber!« Niemals bisher hatte ich zu einem Menschen nach wenigen Minuten »mein Lieber« gesagt. »Mein Lieber«, wiederholte ich, denn es gefiel mir so, »ich bitte Sie, ohne Formeln und Floskeln stets zu tun, was Ihnen gefällt, und mich als Freund des Hauses zu betrachten. Ich fühle mich hier schon wie zu Hause.«

»Sie haben sich noch gar nicht das Zimmer angesehen«, rief die Wirtin aus der zu ebener Erde liegenden »7« heraus.

»Ich weiß, daß es gut ist!« Und wieder lachten wir alle, wenn auch nicht zu laut; denn es war Mittagsstunde der Kurgäste. Die Wirtsleute zogen sich zurück, und ich begab mich zur Liegewiese. Jawohl, ich begab mich. Denn es ist ein Kennzeichen richtiger Ferien, daß alle Handlungen wichtig erscheinen, die man ausführt. Im Alltagskampf gibt es nur die Arbeit. Hier wird jeder Schritt, jede Gebärde, jedes Wort zum Ereignis. So auch jetzt das Heranholen des Liegestuhles. Was für lustige Streifen das Tuch des Stuhles hat! Und damit geht‘s auf die grüne Wiese. Du Junge, flüstert die Seele sich selber zu. Und dreißig Jahre sind wie vergessen. Zwei schlafende Frauen, ein lesender Herr und ein schon lang aus seinen Träumen herüberblinzelndes Mädchen von zwanzig bis dreißig, das Alter weiß man ja heute nie genau bei Frauen, bevölkern die Margeritenwiese. Auch blaue Glockenblumen sind da. Und ganz nah, ganz hoch der Wald.

»Kreusler«, murmelte ich.

Die Dame nickte und reichte mir die Hand: »Es wird Ihnen hier gefallen. Sehr schön ist es hier. Und die Menschen alle so nett. Es wird Ihnen gefallen.« Sie sagte es fast beschwörend. Und ich wiederholte beinahe die gleichen Worte, als wollte ich mir auch eindringlich bestätigen, was ich fühlte.

Vorsichtig tastend begann nun Fräulein Gerda Nöhl das Ausplaudern und Ausfragen. Und nach fünf Minuten wußte ich von ihr fast alles, sie von mir zu ihrem Leidwesen nur das allgemein Belanglose, was aus Fremdenbuch und Trauring hervorgeht. Gerda Nöhl war Laborantin einer Apotheke. Sie hatte auch ein nervöses Herz und vor ein paar Tagen eine böse Ohnmacht gehabt. Die große Hitze war daran schuld gewesen! Nun müsse sie sich von der Ohnmacht erholen. Ach, hier sei es so schön, beteuerte sie immer wieder dazwischen. Warum nur? Aha! Der Urlaub neigte sich dem Ende zu, und sie wollte Nachurlaub haben. Der Arzt meinte zwar, die Ohnmacht hätte weiter nichts auf sich. Aber — »Nicht wahr, Frau Belgardt«, rief sie eine der ruhenden Damen an, »ich sah erschreckend aus? Nun begann Frau Belgardt zu schildern: »Als Fräulein Gerda gerade vom ›Wilden Sprudel‹ trank –«

»Nein, ich schöpfte den Becher voll.«

»Richtig, Sie schöpften. Und dann wurde sie blaß —«

»– und dann wurde ich rot –«

»– und ich rief: »Fräulein Gerda, was ist Ihnen?«

»Da war ich auch schon weg!«

»Oh! Ach!« Und ein bedauerndes Kopfschütteln war alles, was ich dazwischen sagen konnte. In Berlin hätte ich ein solches Gespräch als geisttötend empfunden. Hier ertrug ich es. Denn Fräulein Nöhl gab sich mit diesen Worten maskenlos preis. Ihre Ohnmacht war zweifellos das Ereignis, das sie tagelang beschäftigen wird. Denn Fräulein Nöhl – was hat sie hier zu tun? Noch nach Jahren, wenn sie, hinter dem Ladentisch irgendeiner medizinduftgeschwängerten Apotheke stehend, Pillen und Tropfen an mißmutige Kranke aushändigt, wird sie plötzlich wieder daran denken, an den Augenblick, als sie so interessant war und eine Ohnmacht am Wilden Sprudel bekam. Und niemals wird sie sich eingestehen, daß diese Ohnmacht sie weniger erschreckte als beglückte. Vielleicht war sie unterbewußt herbeigeführt, um das drohende Ferienende wieder fernzurücken.

Ich beruhigte Fräulein Nöhl mit betulichen Worten, als seien wir schon jahrelang miteinander bekannt. Sie hatte ein ziemlich nichtssagendes Gesicht. Aber die Sehnsucht nach dem bißchen Ferienglück spiegelte sich rührend darin. Wir plauderten noch eine Weile, dann hatte ich Verlangen, in den Bergwald emporzuwandern.

Allein sein! Ja, dort oben im Wald. Und ich stieg zur »Stillen Liebe« empor. Gott sei Dank, all die Damen durften nicht viel klettern. Sie mußten ihr Herz schonen laut ärztlicher Vorschrift. Ich hatte meinen Berliner Arzt gefragt. Der lachte: »Unbedenklich dürfen Sie mit Ihrem bißchen nervösen Herzen auf die Berge steigen. Nein, keine Bäder! Nicht nötig. Nur Luft und Ruhe und, ja, gerade viel Bewegung.«

Also machte ich mir Bewegung. Sonst aber tat ich nichts. Ich schritt dahin. Es war der alte Wald, der alte Himmel, der alte Wind, der alte Weg. Ja, auch der alte Weg, obwohl ich ihn zum ersten Male ging. Denn alle Wege, die für mich ins Wunschlose führen, zeigen das gleiche Bild: hohe alte Tannen umfrieden mich, langsam geht‘s bergan, und Waldvögel singen ihr Lied dazu.

Dann bin ich wie verwandelt, und in dieses neue Leben lehne ich mich hinein und lasse mich tragen wie von einem großen starken Wind, der aus dem Ewigen kommt.

III

Ich, der Einsamkeitsfanatiker, sitze tatsächlich im Speisesaal des »Tannhäusels« am Gemeinschaftstisch, zum erstenmal in meinem Leben. Wenn ich mit Paulamarie, meiner Frau, wanderte, dann hielten wir uns stets von diesen Schwatzrunden fern. Es war eine Art geistiger Hochmut, ich gestehe es offen. Zu Hause in Berlin konnte mir Paulamarie noch so gut zureden, es gab Tage, da hielt ich jeden Menschen, der mir über den Weg lief, für einen heimlichen Gegner meiner Pläne und Wünsche. Doch dies hat nur den Grund: jeder möchte in seiner Arbeit auf unbegrenztem Feld möglichst schnell vorankommen. So gibt es meist ganz unbewußte Ellenbogenpüffe, bis den Gemütlichsten ein Verdrießen packt, und schließlich ist er verdrießlich über seine eigene Verdrießlichkeit. Nun, da alles dies in der von der Junisonne verklärten Berglandschaft wie eine letzte Wolke verflogen ist, begreift man sich kaum. Man ist doch im Grunde ein so netter, lieber Mensch. Und auch die andern, die man in einem Berliner Restaurant mißtrauisch anstarren würde mit dem Gedanken: setzen Sie sich bloß nicht an meinen Tisch! – plötzlich sind es doch ganz zugängliche, ja reizende Wesen. Man muß eben im Menschen ein Stück Natur sehen.

Und so war es auch. Schon nach wenigen Tagen ihres von Alltagsplagen befreiten Aufenthalts benahmen sich die Tischgenossen wie die Kinder. Ich führte bald die harmlosesten und, zugegeben, auch die unwesentlichsten Gespräche über Wetter, Nachtschlaf, Liegekur, das zahme Reh und nicht zuletzt über das Essen mit ihnen. Dies alles war plötzlich so wichtig, als gäbe es keine anderen Nöte in der Welt.

Und was wurde gelacht! Über jede Kleinigkeit, minutenlang. Wenn Herr Gänsly, der nicht der Kur halber, sondern der Jagd wegen Gast des Jägerwirts war, eine Zitrone bestellte, und die Anni brachte eine Limonade, er aber brauchte Zitronenscheiben für das Schnitzel, was gab das für ein Gepruste und Gejohle! Wie die Kinder!

Natürlich beachtete man scharf auch jedes Wort, das ich an die Damen, besonders die jungen, richtete. Jetzt denken sie schon: zweifellos hat er etwas für Frau von Lähn übrig. Nein, die Nöhl ließ er ziemlich abfallen. Aber was sagen Sie zu dem plötzlich so lebhaft gewordenen Fräulein Isa Hommel, seit Herr Kreusler ihr Tischnachbar ist? Ein Künstler ist er? Geiger? Habe noch nie in Berlin etwas von ihm gehört. Wird nicht viel los sein. Ein Künstler sieht auch anders aus. (Weil ich meine braunen Haare schlicht gescheitelt trug und mich gab, wie ich war, vor allem aber nie von der Kunst sprach.) Herr Kurd Recke, der »nicht mehr ganz unbekannte« Dichter, ja, dessen Auge hat so etwas Gewisses. Und auch die Haarmähne ist des Dichters würdig. Er ist zwar ein winziger Recke und seine Sprache ist piepsig, doch sein Wesen atmet Würde aus. Aber ich?

Mir taten diese Klätschlein nicht weh. Ich stimmte in den Tischchor ein, erzählte fast gewagte Witze, über die sogar gelacht wurde, schon um die anderen, die auf der Veranda saßen, zu ärgern: seht, bei uns geht es am vergnügtesten zu! Wir genießen unsere Ferien aus dem Effeff! Auf der Veranda saßen nämlich jene »älteren Herrschaften«, die ihre Würde noch nicht ablegen konnten; sie hatten offenbar die Absicht, ihre Ferien mit vornehmer Ruhe zu »absolvieren«.

Beim dritten Mittagbrot gab es Braten von jenem Hirsch, den der Jägerwirt vor vierzehn Tagen, wie man lang und breit erzählte, auf recht abenteuerliche Weise nächtens geschossen hatte. Als es allen so ganz besonders gut schmeckte – die Bergluft bereitete ja solch lustig machenden Hunger, wie man ihn seit der Kindheit nicht mehr kannte –, »gewann ich mir«, ein richtiger Gesellschaftslöwe schon, »die Herzen im Fluge« mit dem Bericht von meiner verunglückten Reißausfahrt als »jugendlicher Held« einer Wanderbühne. Ach, waren das Zeiten! Das Stichwort für meine Bravourleistung als Held der Gesellschaft — meine Frau würde staunen, wenn sie mich sähe — gab mir diese von den Tannhäuselgästen vielbesprochene Tatsache:

Ein ziemlich berühmter Filmschauspieler war im Kurhaus abgestiegen, nur für ein paar Tage auf der Fahrt von Berlin nach Pistyan rastend. Das Ziel seiner Reise verriet, daß er an Rheuma oder Gicht leiden mußte, offensichtlich trug er auch eine Perükke, aber die Damen sahen alle in ihm nur den bezaubernden, scharmanten, fabelhaften, großartigen, entzückenden Heldenspieler. Man sprach »demzufolge« nur vom Film und immer wieder von »ihm«.

»Auch ich«, so unterbrach ich bei der Nachspeise, die sich »Frühlingscreme à la reine» nannte und auch so undefinierbar schmeckte, die Verzückungen Fräulein Nöhls; denn sie fand des Rühmens kein Ende. Hatte »er« ihr doch neulich »sein« Bild mit Autogramm gegeben. »Was wollten Sie sagen?« fragte das allzeit ein wenig neugierige Fräulein Vogel.

Wie mir das nur einfiel? Jahrelang hatte ich an meinen drolligsten Jugendstreich nicht gedacht; jetzt aber trat das Erlebte aus dem Dunkel versunkener Erinnerung wieder deutlich hervor wie ein Film, der, merkwürdig meinem heutigen Ich entrückt, abrollte. Und doch, je länger ich erzählte, desto mehr verwandelte ich mich wieder in den Lausbuben von ehedem. Warscheinlich fiel mir überhaupt wegen dieser Verwandlung die Geschichte ein. Das Schicksal spielt ja oft solchen Hokuspokus mit uns. Erst viel später merken wir‘s. Ich brauchte bloß den plötzlich erwachenden Erlebnisbildern zu folgen, da erzählte ich auch schon, mir selbst rätselhaft gesprächig:

»Ja, auch ich. Gewiß hat Sie‘s alle, meine Herren, in der Jugend holden Maientagen gelockt, es einem Karl Moor oder Prinzen von Homburg gleichzutun, ha! auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Bedoiten! Bedoi - i - tten!« höhnte ich und sah Fräulein Nöhl mit ihrem Schwarm für den »Dingsda«-Filmschauspieler spöttisch an. »Ja, auch ich bin einstens unter die Schauspieler gegangen. 1913 war‘s, einen Sommermond lang, mit neunzehn Jahren. Heimlich von Hause fort. Fast zu langweilig entfaltete sich damals das Menschenleben, ohne abenteuerliches Napoleonentum. Ein jeder kam ungefähr zu seinem täglichen Brot ohne viel Mühe, aber auch ohne viel Preis. Diese Langeweile galt es zu bannen. Man wurde leichtfertig. Man sann auf Flucht aus dem Elternhaus.«

Fräulein Vogel lächelte: »Damals war ich ganz, ganz klein, ein Baby.« Herr und Frau Pfundtner, liebe, stille Leute, schmunzelten; sie dachten wie ich: ein Baby von zehn oder zwölf Jahren? Aber dann fuhr ich, die Aufmerksamkeit »bannend«, fort:

»Schon hatte ich mir etwas Geld gespart. 35 Mark und 49 Pfennige, ich weiß es noch ganz genau. Mit Stundengeben wurde dieser Überschuß zum täglichen Geldbedarf herausgeschanzt. Denn mein Vater gab mir, dem Studenten der Philosophie — Oberlehrer sollte ich werden – die freie Station, wie man so sagte. Heimlich hatte ich jedoch längst mehr Rollen als literarische und geschichtliche Vertracktheiten studiert. Gewiß war ich schon damals musikalisch, aber diese Begabung hielt ich nur für eine angenehme Beigabe zu meinem Tragödentalent. Junghilde Kühnlieb hieß meine Lehrerin, zu der ich in den Abendstunden schlich. Ihr etwas wunderlicher Vater hatte sich als herzoglicher Hoftheaterlogenschließer den Vornamen seiner einzigen Tochter so und nicht anders erdacht. Junghilde zählte bestimmt schon an die vierzig bis fünfzig Lenze. Damals rechnete man ja noch nach Lenzen, meine Damen, nicht wie heute nach Doppeljahren.« Ein entrüstetes »Oh!« der Damen, ein beipflichtendes »Soso!« der Herren war der Lohn für dieses »Bonmot«.

»Kühnlieb! Ein entzückender Name!« sagte sehr belustigt Kurd Recke. Und reckte sich wieder, um einem Recken ähnlich zu werden; er blieb aber eine Spitzmaus mit Löwenmähne. Als ich ihn vielleicht zu prüfend betrachtete, wurde er unruhig, griff in die Westentasche und klemmte sich ein Monokel ins linke Auge. Er fixierte mich, wie man so sagt. Ich fuhr seelenruhig fort:

»Aber Kühnlieb, ja, es wäre kühn gewesen, sie noch zu lieben, an ihrem Busen zu ruhen, schweigen wir in seinem mächtigen Schatten. (Lachen erschallt. Die Verandagäste drehen sich ärgerlich nach uns um.) Junghilde Kühnlieb engagierte mich kurzerhand für ihr Ensemble, als ich ihr meine Absichten enthüllte, dem trockenen Studium um der heiteren Kunst willen zu entsagen. Es wurde heiter, sehr heiter. Ich war also engagiert, nebenbei auch als Billettverkäufer. Ich entschwand eines Tages in aller Herrgottsfrühe meinen nichtsahnenden Eltern. Wir fuhren los. Galatournee der ehemaligen Hofschauspielerin Junghilde Kühnlieb mit eigenem Ensemble. Auf dem Repertoire: »Medea« von Grillparzer. Denn Junghilde Kühnlieb war die Medea des Jahrhunderts, nach ihrer Meinung. Nur leider geneidet, verkannt, zu Unrecht beiseite geschoben. Aber vielleicht würde es diese Tournee an den Tag bringen, welch ein Genius über Junghilde Kühnlieb und ihren Getreuen schwebte, so hofften wir alle. Wir waren gebeten worden, in ..... aber nein, den Ort verschweige ich doch lieber. Sie bekommen es fertig, verehrte Zuhörer, und erkundigen sich.«

Keiner merkte, wie ich mich selbst verhöhnte. Ich beobachtete, wie sich mein Ansehen bei allen im Nu hob. Man muß eben etwas angestellt haben im Leben, man muß »angeben« können.

»Ich saß zunächst an der Kasse«, fuhr ich fort, »und zählte die, die nicht kamen und trotz unseres herrlich schönen Plakates, einer sehr realistisch ihre Kinder ermordenden Medea, vorübergingen. Aber manchmal kam doch einer und kaufte, meist Töchterschülerinnen, Dienstmädchen, vielleicht auch daraufhin deren Kavaliere: Soldaten und ein Apothekerlehrling. Das erfuhr man ja alles sofort. Und dann kam der Herr Professor Niespurzel vom Stadtgymnasium. Niespurzel sagte mir sogleich, daß, wenn ihm die Aufführung gefiele, er nicht davon abstehen werde, seinen Schülern den Besuch zu empfehlen. Er nuschelte ein paar griechische Verse aus der »Medea« des Euripides in den Bart. Ich zitierte weiter, als er stockte. Er erstaunte: »Sie sind – akademisch gebildet?« Ich nickte und wurde rot.« Empörtes Räuspern eines Studienrates auf der Veranda. Dabei meinte ich es gar nicht so, wie er meinen Bericht auffaßte. Ich blieb sachlich und fuhr fort:

»So sagte ich nur: ›Nein, nein, hab‘s nur aufgeschnappt.‹ Denn meine Eltern hatten schon die Polizei hinter mir her gehetzt, wie mein Studienfreund mir aus der Vaterstadt schrieb. Kopfschüttelnd ging Niespurzel durch die Mitte ab. Zwei Uhr mittags schloß ich die Kasse. Ich hatte Hunger, das eingenommene Geld nahm Junghilde Kühnlieb in Empfang, um – nein, nein, kein Essen! – um die Saalmiete im voraus zu begleichen. ›Fehlen noch 5 Mark sechzig‹, sagte der Wirt. Die Lisa Tuchmaier fing an zu heulen und wollte zur Mutter zurück. Herr Siegmund Kobenzl machte dauernd Organstudien: ›Babylonische Turmbauspitzengesellschaft — babylonische Turmbauspitzengesellschaft.‹ Indessen rüstete Junghilde alles für die Aufführung. Das goldene Vlies war ein Bettvorleger. Die Zaubertruhe wurde durch eine Seifenkiste dargestellt. Der Opferbecher gehörte einem Ruderklub.«

Ich nahm einen langen Schluck aus meinem Glas voll Buttermilch.

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100 S. 1 Illustration
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9788711463710
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