Buch lesen: "Die Melodie in dir"
Die Melodie in dir
von
Alessandra Grimm
„Was ist die größte Muse für einen Musiker?“
Ihre Frage traf einen Nerv in seinem tiefsten Inneren. Er atmete tief ein. Seine Brust zog sich zusammen, gefolgt von einem stechenden Schmerz. Den Kopf senkend atmete er laut aus. Er wollte ihrem prüfenden Blick entgehen, welcher ihm sichtlich Unbehagen bereitete. Stirnrunzelnd beäugte sie ihn. Sie wusste, dass diese Frage für ihn sehr intim war und seine Antwort womöglich zu einem Bruch zwischen ihnen führen würde. Aber nach all den Wochen wollte sie die Worte einfach nur über die Lippen bringen. Sie musste die Antwort wissen, ahnte sie diese doch bereits. Doch war sich Ben darüber im Klaren? Die Erkenntnis würde ihn womöglich etwas aus der Bahn werfen. So bezweifelte sie, dass er jemals in seinem Leben diese Reflektion vorgenommen hatte. Seine Reaktion auf die Frage bestärkte sie nur noch mehr. Es war nicht ihr Stil, aber die Ereignisse der letzten Wochen hatte das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen gebracht. Ungeduldig klopfte sie mit den Fingern auf den Tisch. Wie eine Oktave auf dem Klavier spielend tänzelten sie auf und ab. Die dumpfen Geräusche entrissen ihn aus seiner schützenden Trance. Mit glasigen Augen sah er sie an. Die Antwort fiel ihm nur schwer über die Lippen. „Einsamkeit.“, hauchte er beinahe. Seine Stimme klang unsicher und kratzig und nachdem er das Wort ausgesprochen hatte, musste er schwer schlucken. Sie nickte, nahm ihre Jacke samt Handtasche und wandte den Blick von ihm ab. „Dann kannst du ohne sie kein Musiker sein.“ Er hörte wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Sie war weg und diesmal vielleicht für immer. Jetzt leisteten ihm nur reine Stille und seine Selbstzweifel Gesellschaft.
Kapitel 1
15 Jahre zuvor….
Laut sang sie den Song Generation Rock von Revolverheld mit, als sie eilig den Stapel Shirts aus dem Kleiderschrank zog und diesen achtlos auf den Boden warf. Irgendwo zwischen den ganzen Stoffen musste das Shirt mit dem Logo ihrer Schulband sein. Ihre Mutter hatte es definitiv mitgewaschen und seit dem letzten Konzert vor drei Wochen wurde es nicht noch mal angezogen. Ungeduldig tastete sie sich in die hinterste Ecke ihres überfüllten Schrankes, leider ohne Erfolg. Genervt starrte sie auf den Kleiderhaufen zu ihren Füßen hin. Es würde wieder Ewigkeiten dauern, bis sie alles ordentlich gefaltet und in den Schrank eingeräumt hätte. Sie schaute auf ihre Armbanduhr und bemerkte, dass sie jetzt schon ziemlich spät dran war. Aufräumen würde daher erst morgen anstehen. Das Öffnen ihrer Zimmertür war zu hören: „Mama, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du anklopfen sollst!“, brüllte sie der kleinen, blonden Frau entgegen, die grimmig in das Zimmer ihrer Tochter blickte. Mia stand, mit noch halbnassen Haaren und im BH, vor ihr. Das Chaos, dass sie in ihrem Zimmer veranstaltet hatte, sorgte jetzt schon für sichtliches Unbehagen bei ihrer Mutter. Aber sie versuchte ihrem Ordnungsdrang zu widerstehen, damit Mia selbst ihr Zimmer wieder aufräumte. „Was suchst und fluchst du denn die ganze Zeit?“, fragte sie mürrisch und freute sich schon auf den ruhigen Abend, ohne laute Rockmusik und Gejaule. „Mein Band-Shirt.“, erwiderte Mia sichtlich genervt. „Ich finde es einfach nicht und du hast es definitiv gewaschen und gebügelt.“, sie sah ihre durchdringend Mutter an. Dann kniff sie die Augen leicht zusammen und verschränkte die Arme. „Hast du es?“, fragte sie vorwurfsvoll. Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich mir dein Band-Shirt nehmen? Ich weiß ja nicht mal, wie die heißen.“, antwortete sie, überzeugt davon, dass sie keine Schuld traf.
„Das weißt du wohl und es wäre nicht das erste Mal, dass auf mysteriöse Art und Weise meine Sachen in deinem Schrank landen.“, zielsicher hastete Mia an ihrer Mutter vorbei und ging ins Elternschlafzimmer. Sie riss die Schranktüren auf und brüllte „Boah Mama“. Wie auf dem Präsentierteller lag da ihr Shirt der Band Good-For-Nothing. Unbekannt und eher ein Hobby-Projekt von Schülern und Freunden, aber ihre absolute Lieblingsband. Schließlich war ihr bester Freund deren Schlagzeuger. „Ich weiß nicht, wie das T-Shirt da hingeraten ist. Ich muss es verwechselt haben. So was trage ich doch nicht.“, erwiderte ihre Mutter, sichtlich entrüstet über den Fund. Mia rollte lediglich mit den Augen. Ihre Mutter konnte nie einen Fehler zugeben und sie wusste nur zu genau, dass sie das Shirt wohl ab und an beim Sport oder Putzen getragen hatte. Aber zugeben würde sie es nie. Eher würde sie eine Ausrede á la „Ich habe einfach nach irgendeinem Shirt gegriffen, das gerade parat lag“ parat haben, als einzugestehen, dass ihr die Klamotten ihrer Tochter auch an ihr selbst gefielen.
Hastig streifte Mia das Shirt über ihren Körper. Dazu trug sie schlichte, schwarze Jeans. Ihr schwarzen Chucks durften nicht fehlen, wurden sie doch bei jedem Konzert getragen. Zum Leidwesen ihrer Mutter, war gerade bei den Jugendlichen dieser Szene angesagt, ihre Schuhe mit kleinen Glöckchen zu verzieren. Bei jedem Schritt ertönte der metallisch klingende Ton, der sie ankündigte. Immer wieder witzelten Eltern darüber, dass ihre Kinder dadurch wie Kühe auf einer Weide glichen. Doch ihre Kinder verstanden diesen Spaß ganz und gar nicht und warfen ihnen daher vor, einfach zu alt zu sein. Mia ging in ihr Zimmer, prüfte sich im Spiegel und wuschelte durch ihre schwarzen Haare, die sich wie üblich in kleine Wellen legten. Sie hatte keine Zeit mehr, sie zu glätten. Wohl oder übel würde sie mit ihrer selbst ernannten Naturkatastrophe auf ihrem Kopf zum Schulgebäude fahren. Ein seltener Anblick, denn sie mochte ihre Frisur leider überhaupt nicht. Nachdem sie noch leichten Gloss auf ihre Lippen nachgezogen hatte, schnappte sie sich ihre Umhängetasche mit dem glitzernden Totenkopf bedruckt und zog sich ihre Jeansjacke über. „Wann kommst du Heim?“, fragte ihre Mutter. „Ich bringe die Brötchen mit.“, erwiderte Mia und klang dabei leider weniger cool, als sie eigentlich wollte. Schnaubend hob ihre Mutter den berüchtigten Zeigefinger. „Junge Dame, du bist noch keine Achtzehn! Du bist um 22:30 Uhr zu Hause. Fährt dich Rebecca?“
Mia nickte genervt und zählte im Kopf die Tage, ab wann sie endlich auch gesetzlich nicht mehr als Kind behandelt werden würde. Dennoch war 22:30 Uhr besser, als gar nicht zum Konzert zu gehen und da viele der Schüler noch nicht die Volljährigkeit erreicht hatten, fing die Veranstaltung bereits um 18:30 Uhr an. Mia gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg, um zwei Straßen weiter bei Becky alias Rebecca zu klingeln, die schon mit dem Autoschlüssel bereitstand. Becky war an derselben Schule wie Mia, allerdings zwei Stufen drüber. Sie hatten sich im Schulchor vor einigen Jahren kennengelernt und angefreundet. Ihre Liebe zu Rockmusik und Musicals verband die beiden. Im nächsten Jahr würde Becky ihr Abitur machen und Mia versuchte nicht daran zu denken, dass die Freundschaft sich dann womöglich im Sande verlaufen würde. Immerhin würde der Schulabschluss einen vollkommenen neuen Lebensabschnitt nach sich ziehen und wer wusste schon, ob es Becky nicht nach Berlin ziehen würde. So genoss sie die Zeit, die sie noch mit ihr hatte.
„Da bist du ja endlich!“, begrüßte Becky ihre Freundin und sie gingen direkt zu ihrem kleinen, dunkelblauen VW. Mia drehte die Musik auf, als Becky den Wagen startete. Passend zur Stimmung hatte sie natürlich die neueste Good-For-Nothing-CD eingelegt. Lauthals sangen die Freundinnen alle Songs mit und versuchten sich jede Zeile zu merken, damit sie nachher nicht nur mit Tanzeinlagen, sondern auch ihren Gesangskünsten prahlen konnten. Es ertönte Wische doch deine Tränen weg, Mias absoluter Lieblingssong. Ihr bester Freund Simon hatte ihn für sie geschrieben, als sie, in ihren Worten gesagt, eine depressive Episode hatte. Vor einem Jahr war sie in ein Loch gefallen. Vollkommen aus dem Nichts heraus. Es ging ihr plötzlich nicht mehr gut und sie wusste überhaupt nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Die Motivation war sprichwörtlich im Keller. Keine Komödie, kein Witz konnten sie zum Lachen bringen. Auf ihre Mitmenschen wirkte sie kühl und distanziert. Sichtlich besorgt hatte Simon in Foren recherchiert und sie dazu bewegt, ihre Gedanken nieder zu schreiben. So schaffte er sie aus der Dunkelheit heraus ins Licht zu holen. Erst sollte sie eine Art Tagebuch führen, doch dann bemerkte sie ihre poetische Ader und so wurde es zu ihrem liebsten Hobby. Sie war nicht der Meinung, dass sie gut war, aber das Schreiben an sich half ihr, sich in eine andere Welt zu flüchten und zu erkennen, dass das Leben nicht so Grau war, wie es in diesem Augenblick auf sie wirkte. Die Welt war voller Farben und Klänge, voller Emotionen die gut und schlecht sein konnten. Sie schrieb viele Kurzgeschichten und erkannte, dass auch die negativen Gefühle nötig waren, um glücklich zu sein. Denn ohne den Schatten, gab es auch kein Licht. Das Leben wäre sonst zu trist und langweilig, dachte sie sich danach immer wieder. „Irgendwann kommt der Moment, der dich wieder lachen lässt.“, sangen die Freundinnen mit und hofften, dass die Band auch heute Abend den Song spielen würde.
Becky parkte am Schulparkplatz. Direkt am Schuleingang winkten ihnen schon ihre restlichen Freunde zu. Eine durchmischte Clique verschiedenen Alters und auch Schulen. Verbunden durch die Musik. Sei es den Konzerten zu lauschen oder selbst welche zu machen. Wobei diese anzutreffende Gruppe zu den Chorsängern gehörte, zu denen auch Mia und Becky zählten. Sie begrüßten sich freudig, nahmen sich gegenseitig in den Arm und betraten die Schulaula. Einer der Abiturienten kontrollierte ihre Eintrittskarten, die eher wie ein Bon von der Kirmes aussahen. Mia müsste später in ihr Tagebuch noch Tag und Namen des Events eintragen, denn sie hob alle Tickets ihrer Veranstaltungen auf. Dazu schrieb sie immer ein bis zwei Sätze, um den Abend zu beurteilen. War er gut, war er schlecht? Hatte sie jemand Besonderes getroffen oder irgendetwas Witziges erlebt? Dann wurde es dort festgehalten.
„Mia!“, hörte sie wen rufen. Es war Simon, der sie freudig zu sich rüber winkte.
Kapitel 2
Simon umarmte seine beste Freundin so sehr, dass viele an ein lang ersehntes Wiedersehen dachten, oder aber eine frische junge Liebe. Oft hatten sie mit Gerüchten in der Schule zu kämpfen, dass sie ein heimliches Paar wären und es nur nicht zugeben wollten. Selbst die Lehrer rätselten regelmäßig im Lehrerzimmer darüber und mussten jedes Mal verschmitzt grinsen, wenn sie in ihrer Klasse die beiden wieder nebeneinander vorfanden. Mia und Simon konnten diese Gerüchte überhaupt nicht nachvollziehen. Sie fühlten sich wie Geschwister und auch Mias Mutter sprach immer von ihrem Sohn, wenn es um Simon ging. Bekannt miteinander waren sie seit der fünften Klasse und seitdem, trotz der Tatsache, dass sie nicht in dieselbe Klasse gingen, unzertrennlich. Tatsächlich hatte der Schulchor die beiden zueinander geführt, zum Leidwesen von Herrn Pittek, der die beiden immer ermahnen musste. Nur Albernheiten im Kopf und manchmal lachten sie so laut, dass sie regelrecht die Chorprobe störten. Irgendwann begannen sie aber, sich zusammenzureißen, da sie doch lieber sangen, als sich von Herrn Pittek ständig Standpauken anhören zu dürfen und von der Probe ausgeschlossen zu werden.
In der siebten Klasse hatten sie dann den Französischkurs zusammen gemeistert, wohl gemerkt eher schlecht als recht und mit jeder Stufe häuften sich die gemeinsamen Kurse. Zum Leidwesen der Lehrer, denn zwar wurden sie gemocht, aber wirklich fleißig und motiviert waren beide nicht. Immer wieder hatten die Lehrer versucht, sie auseinanderzusetzen, damit der Einfluss von Einser-Schülern auf sie abfärbte. Wie zu erwarten brachte das natürlich gar nichts, woraufhin sie die kapitulierten und die beiden wieder nebeneinandersitzen ließen. Es lag auch nicht an mangelnder Aufmerksamkeit. Sie hatten beide immer die Hausaufgaben gemacht und beteiligten sich mal mehr, mal weniger am Unterricht. Aber beide waren offen gesagt unheimlich faul, was das Lernen betraf und taten es nur für Fächer, die sie wirklich interessierten. Ihr Notenschnitt ließ schon früh erahnen, dass wohl keiner von beiden jemals Medizin studieren würde.
„Ich habe dich früher erwartet!“, erwiderte Simon vorwurfsvoll. „Ich habe mein Shirt nicht gefunden.“, gab Mia achselzuckend wieder. „Lass mich raten, deine Mutter hat es wieder ausversehen in ihren Schrank gepackt?“, dabei formte er Anführungszeichen mit den Fingern, als er das Wort „ausversehen“ aussprach. Mia nickte und grinste ihn an. „Welche Bands sind denn heute noch dabei? Ich habe gar nicht auf die Liste geschaut.“, fragte sie.
„Viele, die man nicht kennt. Eine Band nennt sich Spontan, finde ich jetzt nicht so kreativ. Tim ist auch dabei mit The Pressure.“
Mia kannte Tim seit etwa einem Jahr. Er war etwas jünger als sie und sie hatten sogar am selben Tag Geburtstag. Die Freundschaft hatte sich leider nach einiger Zeit etwas aufgelöst, da er sich irgendwann in sie verliebt hatte, sie aber leider nicht in ihn. Erinnern wir uns an jeden Tag, denn die Geschichte ist für manche belustigend, für andere schockierend. An jenem Tag waren sie mal wieder bei ihm verabredet. Tim hatte den Luxus mit seinem älteren Bruder in einer eigenen Wohnung zu leben. Die Eltern wohnten nebenan. So waren die Jugendlichen ungestört von den prüfenden Blicken der Eltern, weswegen die meisten sich immer bei ihm zu Hause treffen wollten. Fast jeden Samstag fuhr sie nach Düsseldorf, um Tim zu besuchen. Sie hörten gemeinsam Musik, schrieben Song-Texte und ab und an überredete er sie sein Schlagzeug auszuprobieren. Hoffnungslos. Wenn Mia in etwas kein Talent hatte, dann in der Koordination der Schläge von Trommeln und Blechen. Daher ernteten Schlagezuger bei ihr schnell den höchsten Respekt.
Tim hatte diesmal in der Küche einen kleinen Brunch vorbereitet. Es fanden sich frisch gepresster Orangensaft, Croissants, schön geschnittene Gurken und Tomaten und verschieden Aufstriche und Aufschnitte wieder. Sie wusste noch, dass sie gar keinen Hunger gehabt hatte und mehr als überrascht über den reichlich gedeckten Tisch war. Oft hatte Tim im Chat beton, dass er ein wunderbares Frühstück zaubern könne, doch Mia blieb davon unbeeindruckt und nahm die Aussage stumpf zur Kenntnis. Womöglich wollte er sich beweisen, dachte sie sich. Doch als ihr Blick von den Konfitüren hin zur Tischecke wanderte, sprang ihr die Rose ins Auge. Schlagartig zog sich ihr Magen zusammen und ihr wurde speiübel. Sofort wusste sie, was jetzt passieren würde und ihr war das mehr als unangenehm. „Ich weiß, du magst keine roten Rosen und findest es kitschig, darum habe ich eine gelbe Rose besorgt.“, fing Tim an zu sprechen.
„Du weißt, das Gelb für Neid steht?“, unterbrach sie ihn direkt. Ihr Magen pochte. Am liebsten wäre sie aus der Wohnung gerannt und hätte am nächsten Tag so getan, als wäre dies alles niemals geschehen und Tim hätte das alles nur in seinen Träumen gesehen. „Oh, nein das wusste ich nicht! Tut mir leid!“, sagte er und schaute verlegen zu seinen Füßen, während er einen Arm hinter seinen Kopf zog und sich dort kratzte.
„Nicht schlimm, der Gedanke zählt.“, murmelte sie kaum hörbar.
„Ich… also ich wollte dir damit natürlich etwas sagen. Ich kaufe dir nicht ohne Grund diese Rose.“, fuhr er fort. Bitte nicht, dachte Mia. Tim war ihr lieb und teuer, die Freundschaft würde nach der Abfuhr niemals wieder wie zuvor sein, das wusste sie.
„Ich habe mich in dich verliebt, Mia.“ Ein unangenehmer Schwall bahnte sich den Weg ihrer Speiseröhre hoch. Mit der einen Hand packte sie den Stuhl, mit der anderen umfasste sie ihren Bauch. „Alles gut?“, fragte Tim erschrocken. „Du bist auf einmal so blass!“
„Ich glaube, ich muss ums Eck!“, keuchte sie und verschwand ins Bad. Von außen waren noch die Würggeräusche hörbar gewesen. Bis heute plagt Mia das schlechte Gewissen Tim gegenüber und sie brachte es kaum fertig, ihm in die Augen zu sehen. Immer wieder musste sie an ihren Fauxpas denken und wie sie ihn gekränkt haben musste. Trotz dieser unangenehmen Geschichte kamen sie überraschenderweise gut miteinander aus und Mia bekam das Gefühl, dass Tim sich sogar freute, wenn er sie auf einem Konzert wiedersah. Die alleinigen Treffen in Düsseldorf fielen seither natürlich aus.
„Ah cool, da kann ich ja auch ein paar Songs noch mitsingen.“, sagte Mia zu Simon.
„Genau. Und sonst gibt es noch so ein Trio. Die haben einen Namen der was für dich ist mit deinem Lieblingsfach.“, er pikste sie in die Seite. Direkt wissend, dass er auf den Deutsch-Kurs anspielte, erwiderte sie mit hoch gezogener Augenbraue: „Die drei Fragezeichen sind aber leider schon vergeben.“
„Nein, so nennen die sich natürlich nicht. Wie heißt das denn noch mal, wenn Frage- und Ausrufezeichen zusammen sind. Inter?“, Simon kratzte sich am Kopf. „Interrobang?“, half Mia nach.
„Ja genau! Interrobang nennen die sich.“, seine Hände trafen aufeinander und das entstehende Klatschen erinnerte an einen Peitschenhieb. „Wieso kannst du dir so was merken?“
„Na, weil das in den Marvel-Comics oft verwendet wird. Und irgendwann habe ich nachgeguckt, ob es dafür einen Namen gibt.“, erklärte sie.
„Würde ich jetzt auch behaupten, damit das Wissen darüber cooler wirkt. Willst du mit Backstage kommen und die Jungs begrüßen?“, ohne eine Antwort abzuwarten legte er seinen Arm um sie und zerrte sie mit zum sogenannten Backstage-Bereich, der einfach ihr Musikklassenzimmer war. Direkt sah sie Tim der ihren Blick auffing und strahlend auf sie zuging. „Mia!“, umarmte er sie und hob sie dabei, wie üblich, hoch. Er war jetzt schon über einen Kopf größer als sie und konnte sich den neckischen Spitznamen Kleine nicht verkneifen, was ihr natürlich gar nicht gefiel.
„Wie geht es dir Tim? Haben uns auch wieder ewig nicht gesehen.“ Sie versuchte den besagten Tag voller Peinlichkeiten zu verdrängen. Bei jedem Wiedersehen keimte die Erinnerung daran wieder auf und ihr schlechtes Gewissen klopfte energisch gegen die Tür. Alleine die Tatsache, dass sie sich nach einer süßen Liebeserklärung übergeben musste, sprach schon für sich. Kein Wunder, dass sie noch keinen Freund bisher gehabt hatte.
„Alles bestens! Ich habe jetzt eine Freundin!“, sagte er und reckte seine stolze Brust ihr entgegen. „Das freut mich! Ist sie auch hier?“
„Leider nicht. Ihre Eltern erlauben es ihr noch nicht, sie sei zu jung. Vielleicht in zwei Jahren mal.“
Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis die Bandkollegen von Simon dazu kamen. Sie waren allesamt älter als Simon, aber von ihrer Art her hätte man keinen Altersunterschied gemerkt. Obwohl unter anderem Sven schon achtzehn war, dachte Mia manchmal, sie würde mit einem vierzehn-Jährigen reden. Die regelmäßigen Chats am Abend blieben nicht aus und oft half sie Sven bei seinen Songtexten. Immer wieder versuchte Mia ihn dazu zu bringen, auch mit Becky zu schreiben, denn ihre Freundin war ziemlich in den Gitarristen verschossen. Doch leider hatte er überhaupt kein Interesse an ihr.
Mia unterhielt sich mit allen die sie kannte und teilweise kamen auch die Fremden mit in die Runde. Zu groß war die Neugier, wer hier im Backstage-Bereich so viel Aufsehen und Lacher erregte, gab es sonst kaum Angehörige der einzelnen Bandmitglieder, die sich dort blicken ließen. Außerdem spielte Mia mal wieder ihre Flachwitz-Kassette ab, die viele äußerst amüsant fanden. „Ist das deine Freundin, Simon?“, ertönte eine dunkle Stimme von hinten. Mia drehte sich um. Ein Junge stand vor ihr mit kinnlangen, braunen Haaren. Seine Augen trugen dieselbe Farbe. Hier und da hatte er ein paar Pickel am Kinn. Von Bartwuchs noch keine Spur. Er sah schlaksig aus, aber wer tat das in diesem Alter nicht? Definitiv war er älter als sie. Sie schätzte ihn auf mindestens siebzehn ein.
Seine vollen Lippen formten sich zu einem Lächeln und ließen seine hellen Zähne hervorblitzen. „Warum guckt sie denn so kritisch.“, erwiderte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Irritiert sah sie zu Simon und bemerkte erst dann, dass sie tatsächlich die Stirn krausgezogen hatte und dadurch eher sauer wirkte, als freundlich. Simons Miene hatte ihr das deutlich wieder gespiegelt. Er strich sich durch sein schwarzes Haar, das ebenfalls zu lang für ihren Geschmack war. Die Mode damals war eben anders. „Nein, das ist meine beste Freundin Mia. Mia das ist Ben, der Sänger und Gitarrist der Band Interrobang.“
Mia reichte ihm die Hand. „Nett, dich kennenzulernen. Bin auf eure Musik gespannt.“ Sein Blick wanderte von ihren Augen hin zur Hand, dabei biss er sich verlegen auf die Unterlippe, sah wieder hinauf und entgegnete endlich der Geste. Als sich ihre Hände berührten, spürte Mia ein leichtes Kribbeln auf ihrer Haut, gefolgt von einem flauen Gefühl in ihrer Magengrube. „Freut mich auch, beste Freundin von Simon. Ich bin gespannt, wie dein Urteil ausfallen wird.“
„Mia.“
„Was?“
„Mia ist mein Name. Noch bist du nicht so berühmt, als dass du dir Namen nicht merken solltest.“ Verblüfft sah er ihr hinterher, als sie die Hand rasch wegzog und den Backstage-Bereich verließ.