Buch lesen: "Queer*Welten 07-2022 - Das queerfeministische Phantastikmagazin"

https://queerwelten.de

Ach je Verlag
Traunstein - AT&Tlantis - Tschuri
https://ach.je
Herausgeber*innen:
Judith Vogt, Lena Richter, Kathrin Dodenhoeft
© 2022 Ach je Verlag
ein Imprint des Amrûn Verlag, Traunstein
Layout: Kathrin Dodenhoeft
Coverillustration: Daniela Schreiter
Umschlaggestaltung im Verlag
Queer*Welten Logo: Milan Dangol https://milandangol.de
Printed in the EU
ISBN 978-3-947720-85-9 (Print)
ISBN 978-3-95869-490-3 (E-Book)
https://queerwelten.de
Inhalt
Hinweis der Redaktion 5
Vorwort 7
Messy Learning: 9
Tags und Inhaltshinweise 9
Medusas Lachen 11
Die gläserne Tochter 21
MGM & Baby Ray 26
Euer Happy End ist mein Albtraum. Queere und transhumane Ich-Erzähler*innen in phantastischer Literatur 41
Queer*Welten – Der Queertalsbericht 04/2021 54
Herausgeber*innen:
Judith Vogt, Lena Richter, Kathrin Dodenhoeft
© 2022 Ach je Verlag
ein Imprint des Amrûn Verlag, Traunstein
Layout: Kathrin Dodenhoeft
Coverillustration: Daniela Schreiter
Umschlaggestaltung im Verlag
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Hinweis der Redaktion
Liebe Leser*innen,
heute findet ihr vor dem eigentlichen Editorial noch einige Worte dazu, wieso diese Ausgabe verspätet erscheint und wie die Zukunft von Queer*Welten aussehen wird.
Wir nehmen Abschied – aber hoffentlich nicht von euch. Sicherlich habt ihr bemerkt, dass diese Ausgabe, Queer*Welten 7, später erscheint als geplant. Das hat vor allem den Grund, dass Jascha Urbach sich aus dem Ach Je Verlag zurückgezogen hat. Wir wussten bereits seit einiger Zeit, dass wir für Queer*Welten nach Ausgabe 8 eine neue Heimat würden suchen müssen, aber gesundheitliche Gründe sind dafür verantwortlich, dass es schon jetzt passieren musste. Das kam auch für uns recht plötzlich und hat uns ganz kurz vor der Drucklegung von Queer*Welten 7 überrascht. Aber es gibt gute Nachrichten: Der Verlag existiert weiter als Teil des Amrûn Verlags. Der Umzug aller Ach Je-Produkte hat einiges an Zeit und Arbeit gekostet, sodass sich Ausgabe 7 verschoben hat.
Queer*Welten nimmt nun also Abschied von Jascha: Danke, Jascha, und alles Gute für dich. Es war eine spannende gemeinsame Zeit, und ohne dich gäbe es Queer*Welten nicht. Es war sehr gut.
Danke sagen wir auch den vier Autor*innen dieser Ausgabe, die geduldig mit unserer Entscheidungsfindung waren. (Wenn ihr könnt, gebt ihren Geschichten und dem Essay ganz viel Liebe, sie haben es definitiv verdient!) Denn Queer*Welten ist nicht mit den anderen Ach Je-Projekten zu Amrûn hinübergewandert, sondern hat noch einen Schlenker gemacht: Das Projekt „gehört“ nun offiziell uns beiden Herausgeber*innen Lena und Judith und erscheint bei Ach Je/Amrûn. Der Verlag unterstützt uns tatkräftig, was Cover, Druck und Vertrieb angeht.
Kathrin, unsere dritte Mitstreiterin im Herausgeber*innenteam, hat die Neufindungsphase genutzt, um ihre Arbeit ebenfalls zu übergeben, die einfach neben dem ebenfalls progressiv-phantastischen Brotjob nicht mehr zu bewältigen war. Wir bedanken uns auch ganz herzlich bei dir, es war eine große Freude, mit dir zusammen Queer*Welten auszuhecken, Geschichten und Essays auszuwählen und zu lektorieren. Danke für deine Zeit und alles Gute!
Ihr findet im Folgenden unsere Ausgabe 7 so, wie wir sie im Herbst geplant haben, und zum letzten Mal im bekannten Format mit drei Geschichten, einem Essay und dem Queertalsbericht. Mit Ausgabe 8 werden wir Queer*Welten ein bisschen verändern: Wir wechseln auf einen halbjährlichen Rhythmus. Dies hat zum einen den Grund, dass das quartalsweise Erscheinen für uns so arbeitsintensiv war, dass wir, sobald eine Ausgabe fertiggestellt war, schon mit Hochdruck an der nächsten arbeiten mussten. Dadurch blieb oft das zeitnahe Lesen und Auswerten der eingesandten Texte auf der Strecke. Zum anderen haben wir das Gefühl, dass auch die Lesenden mit der hohen Schlagzahl an Ausgaben etwas überfordert waren, denn das Feedback zu den neuen Ausgaben wurde mit jedem Heft weniger und die Nachrichten, dass noch ein oder mehrere Queer*Welten auf dem Lesestapel ausharren, bis endlich mal wieder Zeit ist (wir kennen es ja alle) wurden mehr. Deswegen hoffen wir, dass wir uns mit zwei Heften im Jahr etwas mehr Luft für die Arbeit an Queer*Welten und euch etwas mehr Zeit, die Ausgaben zu lesen, ehe die nächste erscheint, verschaffen. Aber keine Sorge: Ihr bekommt dafür pro Heft mehr Inhalt, denn wir planen, ab Ausgabe 8 mehr Kurzgeschichten ins Heft aufzunehmen. Wir hoffen, ihr schickt uns weiterhin eure Texte, damit der Plan auch aufgeht.
Ausgabe 8 wird voraussichtlich im Frühjahr 2022 erscheinen, Ausgabe 9 dann im Herbst. Ihr könnt uns in Zukunft weiterhin mit einem Abo unterstützen.
Außerdem möchten wir uns bei Jürgen von Amrûn bedanken dafür, dass es mit Queer*Welten weitergeht – alle Ausgaben sind mittlerweile als Print und E-Book wieder lieferbar. Danke, dass du es möglich machst, dass wir Queer*Welten nun im „Ach Je Verlag im Amrûn Verlag“ weiter herausgeben können!
Und last, but certainly not least: Danke an euch, dafür, dass ihr uns nach wie vor unterstützt und nun diese turbulente 7. Ausgabe in den Händen haltet. Im Anschluss an dieses Vorwort findet ihr das eigentliche Editorial, das wir euch, auch wenn es schon vor einer Weile verfasst wurde, nicht vorenthalten wollten, weil wir es immer noch relevant und wichtig finden.
Wir freuen uns darauf, wie es weitergeht!
Judith & Lena (mit Kathrin)
Vorwort
Liebe Leser*innen –
wir sind mütend (wer das nicht kennt: Es ist ein Kofferwort aus müde und wütend und beschreibt genau diesen Zustand). Und das gleich mehrfach, aber eigentlich hängt im Kern doch alles immer zusammen.
Fangen wir mit der Initiative „Fair lesen“ an. Dort stellen eine ganze Menge Verlagsmenschen und Autor*innen die fragwürdige These auf, dass die „Onleihe“ der Bibliotheken ihre Existenzgrundlage gefährden würde. Das Ausleihen von E-Books über die Website öffentlicher Bibliotheken zerstöre nicht nur die Lesekultur, sondern gleich die ganze Meinungsfreiheit. Literatur, zugänglich für kleines Geld, in Bibliotheken? Bildungsbürgertums-Gatekeeping to the rescue!
Nicht in Frage gestellt wird dabei mal wieder, dass Literatur gnadenlos marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen wird und dieser Fisch halt einfach vom Kopfe stinkt. Unglaublich war auch die Behauptung der Initiative, der Buchmarkt würde, wäre er nicht durch die Onleihe bedroht, „seit Jahrzehnten funktionieren“ und „für literarische Vielfalt sorgen“. Als unfassbar nischiges queerfeministisches Phantastik-Zine lachen wir darüber ein wenig verzweifelt und gehen dann wieder an die – unbezahlte – Redaktionsarbeit.
Bitte, lest Queer*Welten wo und wie auch immer ihr mögt und sie vorfindet! Natürlich sind auch wir abhängig von Verkäufen (der stinkige Fischkopf verfolgt uns genauso wie alle anderen in diesem System), aber dass wir Bibliotheken verteufeln statt kapitalistische Marktwirtschaftsstrukturen? Not gonna happen.
Was uns auch mütend gemacht hat: der Skoutz-Award, von dessen Longlist wir Queer*Welten bereits im Frühjahr zurückgezogen haben, weil die Orga des Awards klagte, es gäbe zu viel queere Repräsentation in der Literatur, und wenn sich das auf die Gesellschaft übertrüge, würde die Menschheit aussterben. Ganz schön queerfeindlicher Scheiß, findet ihr? Oh ja, wir auch, doch sie legten noch nach. Neulich klagten sie erst, dass man nun nichts mehr schreiben dürfe. Darauf folgte so etwas wie: „Wir müssen jetzt Diversity schreiben, sonst setzts Shitstorm von den Twitter-Hyänen.“ Dazu möchten wir den Skoutz-Verantwortlichen und allen, die mit ihnen einer Meinung sind, sagen: Bitte, lasst es einfach. Die Welt wartet nicht auf eure „diversen“ Figuren und die von euch halbherzig gewährte Repräsentation. Wir können auf Diversity als Trend verzichten und lesen uns lieber zum Beispiel bei all den Autor*innen fest, die bislang schon mit viel Herzblut Geschichten zu Queer*Welten beigetragen haben.
Aber das war natürlich noch nicht alles, was für Mütigkeit gesorgt hat, denn die Frankfurter Buchmesse platzierte in diesem Jahr einen faschistischen Verlag in einer der meistfrequentierten Hallen in direkter Nähe zum Stand des ZDF, woraufhin mehrere B_PoC-
Autor*innen ihre Teilnahme und ihre Programmpunkte absagten. Von der Messe kam das übliche Aber-die-Meinungsfreiheit-Larifari, das wissentlich in Kauf nimmt, dass marginalisierte Autor*innen fernbleiben oder sich auf der Messe bedroht und unwohl fühlen. Und das ZDF? In einer besseren Welt hätten sie vielleicht dafür gesorgt, dass die Autor*innen etwas Sendezeit oder gar einen geschützten Raum erhalten. In unserer Realität hingegen befragten sie dazu einen weißen Kabarettisten, der den Selbstschutz der von Rechten, Rassismus und Faschist*innen bedrohten Menschen als „Befindlichkeit“ abtat. Auseinandersetzung mit weißen Privilegien und Schwarzer Literatur? Nicht auf dieser Buchmesse, die ironischerweise (wir lachen nicht) das ganze Programm unter ein „Sheroes“-Motto gestellt hat.
Marginalisierte sollen unauffällig sein, angepasst, unaufgeregt, und sich irgendwo neben rechten Verlagen still und leise einsortieren. Wir sind es leid. Wir wollen euch ermutigen, auch in der Literatur, auch in eurem Schaffen und in eurem Lesen aufgeregt marginalisiert zu sein, Figuren zu schreiben, die unangepasst sind und den Status Quo in Frage stellen, wie die Hauptfiguren, denen sich Liv Kątnys Essay in dieser Ausgabe widmet. Hinterfragt Erzähltraditionen, wie Iva Moor in „Medusas Lachen“! Schreibt aufgeregt neonfarben und schillernd heruntergekommen wie „MGM & Baby Ray“ von Aisha Dismond! Träumt davon, euch, wie die Protagonistin in „Die gläserne Tochter“ von Lisa J. Krieg, dem Patriarchat und der Gewalt, die es über uns hat, zu entziehen. Wir schaffen das vielleicht in absehbarer Zeit nicht – aber die Geschichten helfen uns dabei, nicht mehr müde und wütend zu sein, sondern kreativ und wütend.
Um noch mal auf einen bereits etwas weiter zurückliegenden Essay von Frank Reiss aus Ausgabe 3 zu verweisen: Lasst uns die Literatur zerstören!
Lena und Judith
vom Queer*Welten-Team
Vorwort
Liebe Leser*innen –
wir sind mütend (wer das nicht kennt: Es ist ein Kofferwort aus müde und wütend und beschreibt genau diesen Zustand). Und das gleich mehrfach, aber eigentlich hängt im Kern doch alles immer zusammen.
Fangen wir mit der Initiative „Fair lesen“ an. Dort stellen eine ganze Menge Verlagsmenschen und Autor*innen die fragwürdige These auf, dass die „Onleihe“ der Bibliotheken ihre Existenzgrundlage gefährden würde. Das Ausleihen von E-Books über die Website öffentlicher Bibliotheken zerstöre nicht nur die Lesekultur, sondern gleich die ganze Meinungsfreiheit. Literatur, zugänglich für kleines Geld, in Bibliotheken? Bildungsbürgertums-Gatekeeping to the rescue!
Nicht in Frage gestellt wird dabei mal wieder, dass Literatur gnadenlos marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen wird und dieser Fisch halt einfach vom Kopfe stinkt. Unglaublich war auch die Behauptung der Initiative, der Buchmarkt würde, wäre er nicht durch die Onleihe bedroht, „seit Jahrzehnten funktionieren“ und „für literarische Vielfalt sorgen“. Als unfassbar nischiges queerfeministisches Phantastik-Zine lachen wir darüber ein wenig verzweifelt und gehen dann wieder an die – unbezahlte – Redaktionsarbeit.
Bitte, lest Queer*Welten wo und wie auch immer ihr mögt und sie vorfindet! Natürlich sind auch wir abhängig von Verkäufen (der stinkige Fischkopf verfolgt uns genauso wie alle anderen in diesem System), aber dass wir Bibliotheken verteufeln statt kapitalistische Marktwirtschaftsstrukturen? Not gonna happen.
Was uns auch mütend gemacht hat: der Skoutz-Award, von dessen Longlist wir Queer*Welten bereits im Frühjahr zurückgezogen haben, weil die Orga des Awards klagte, es gäbe zu viel queere Repräsentation in der Literatur, und wenn sich das auf die Gesellschaft übertrüge, würde die Menschheit aussterben. Ganz schön queerfeindlicher Scheiß, findet ihr? Oh ja, wir auch, doch sie legten noch nach. Neulich klagten sie erst, dass man nun nichts mehr schreiben dürfe. Darauf folgte so etwas wie: „Wir müssen jetzt Diversity schreiben, sonst setzts Shitstorm von den Twitter-Hyänen.“ Dazu möchten wir den Skoutz-Verantwortlichen und allen, die mit ihnen einer Meinung sind, sagen: Bitte, lasst es einfach. Die Welt wartet nicht auf eure „diversen“ Figuren und die von euch halbherzig gewährte Repräsentation. Wir können auf Diversity als Trend verzichten und lesen uns lieber zum Beispiel bei all den Autor*innen fest, die bislang schon mit viel Herzblut Geschichten zu Queer*Welten beigetragen haben.
Aber das war natürlich noch nicht alles, was für Mütigkeit gesorgt hat, denn die Frankfurter Buchmesse platzierte in diesem Jahr einen faschistischen Verlag in einer der meistfrequentierten Hallen in direkter Nähe zum Stand des ZDF, woraufhin mehrere B_PoC-
Autor*innen ihre Teilnahme und ihre Programmpunkte absagten. Von der Messe kam das übliche Aber-die-Meinungsfreiheit-Larifari, das wissentlich in Kauf nimmt, dass marginalisierte Autor*innen fernbleiben oder sich auf der Messe bedroht und unwohl fühlen. Und das ZDF? In einer besseren Welt hätten sie vielleicht dafür gesorgt, dass die Autor*innen etwas Sendezeit oder gar einen geschützten Raum erhalten. In unserer Realität hingegen befragten sie dazu einen weißen Kabarettisten, der den Selbstschutz der von Rechten, Rassismus und Faschist*innen bedrohten Menschen als „Befindlichkeit“ abtat. Auseinandersetzung mit weißen Privilegien und Schwarzer Literatur? Nicht auf dieser Buchmesse, die ironischerweise (wir lachen nicht) das ganze Programm unter ein „Sheroes“-Motto gestellt hat.
Marginalisierte sollen unauffällig sein, angepasst, unaufgeregt, und sich irgendwo neben rechten Verlagen still und leise einsortieren. Wir sind es leid. Wir wollen euch ermutigen, auch in der Literatur, auch in eurem Schaffen und in eurem Lesen aufgeregt marginalisiert zu sein, Figuren zu schreiben, die unangepasst sind und den Status Quo in Frage stellen, wie die Hauptfiguren, denen sich Liv Kątnys Essay in dieser Ausgabe widmet. Hinterfragt Erzähltraditionen, wie Iva Moor in „Medusas Lachen“! Schreibt aufgeregt neonfarben und schillernd heruntergekommen wie „MGM & Baby Ray“ von Aisha Dismond! Träumt davon, euch, wie die Protagonistin in „Die gläserne Tochter“ von Lisa J. Krieg, dem Patriarchat und der Gewalt, die es über uns hat, zu entziehen. Wir schaffen das vielleicht in absehbarer Zeit nicht – aber die Geschichten helfen uns dabei, nicht mehr müde und wütend zu sein, sondern kreativ und wütend.
Um noch mal auf einen bereits etwas weiter zurückliegenden Essay von Frank Reiss aus Ausgabe 3 zu verweisen: Lasst uns die Literatur zerstören!
Lena und Judith
vom Queer*Welten-Team
Messy Learning:
Tags und Inhaltshinweise
Ihr findet vor jeder Kurzgeschichte Inhaltshinweise und Tags.
Die Tags dienen dazu, euch einen Überblick über die Themen der Kurzgeschichte zu geben – sie sind an Fanfictionportale wie Archive of Our Own angelehnt und geben Handlungselemente, Motive und Genrekategorisierungen wieder, damit ihr einschätzen könnt, was euch in der Geschichte erwartet.
Bei den Inhaltshinweisen versuchen wir, Elemente der Geschichte zu sammeln, von denen wir wissen, dass manche Lesenden sie lieber vermeiden würden oder vorgewarnt wären.
Die Listen sind in Zusammenarbeit mit den Autor*innen entstanden, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für Feedback und Wünsche zu Tags und Inhaltshinweisen sind wir immer offen.
Medusas Lachen
von Iva Moor
Inhaltshinweise
Sexuelle Gewalt (Vergewaltigung), Gewalt, Tod durch Enthauptung, Blut, Kastration (angedeutet), Schwangerschaft (erwähnt)
Tags
(Geschwister-)Solidarität, Mythendekonstruktion, Streichhölzer für
patriarchale Strukturen, nicht-binäre Gorgonen, transformative Wut, Meta-Verwandtschaft mit Christa Wolfs „Kassandra“
und Anna Zabinis „Heldenfresserin“
Hörst du, Euryale? Sie tun es schon wieder.
Werden sie es nie leid? Hat die Geschichte keine übleren Gestalten hervorgebracht, dass ihnen selbst heute als erstes der Name unserer kleinen Schwester einfällt, wenn man sie nach „bösen Frauen“ fragt?
Schon gut, Euryale, ich rege mich ja gar nicht auf. Ich bin ja schon ruhig.
…
Nein, verflucht, ich bin nicht ruhig! Wie kannst du es wagen, das von mir zu verlangen? Sie wollen doch, dass wir ruhig sind! Dass wir müde werden, dass wir schweigen! Wohin ist deine Wut verschwunden, Euryale?
Du hast keine Kraft mehr, sagst du?
Was glaubst du, wie wenig Kraft Medusa noch hatte, als sie …
Warte! Warte, geh nicht weg.
Verzeih mir, kleines Geschwister! Es tut mir leid. Ich bin nicht wütend auf dich, das weißt du. Du kennst mich – die aufbrausende Stheno, die temperamentvolle Stheno. Bleib bei mir, bitte. Leg deine Wut nicht nieder. Gib der Müdigkeit nicht nach. Sie wollen, dass wir müde werden. Dass wir schweigen. Komm, stütz dich auf mich. Ich halte uns beide aufrecht, nur noch ein bisschen länger.
Siehst du? Es geht schon wieder.
Ob ich denn gar nicht müde bin, fragst du? Natürlich bin ich müde. Aber die blanke Wut hält mich wach. Sie brennt heiß in meinem Magen, zischt, rot und giftig, wie die Schlangen auf meinem Kopf. Keine Flut und kein Regen löscht dieses Feuer, das in mir lodert, seit man uns unsere jüngste Schwester nahm. Nicht einmal im Tod lässt man sie in Frieden! Es genügte Perseus ja nicht, ihren Kopf davonzutragen wie eine Trophäe – nein, er musste diesen abgehackten Teil von ihr auch noch zu einer Waffe machen. Zu seiner Waffe!
Nein, ich beruhige mich nicht, Euryale!
Die Geschichte wird immer von den Siegenden geschrieben. Unsere kleine Schwester hat das Spiel verloren. Unsere Medusa hat das Spiel verloren, und Perseus und die Götter sind zum Kotzen schlechte Gewinner.
Die Geschichte, die wir zu erzählen haben, ist kurz:
Ein Mann bricht in ein Haus ein und ermordet eine Frau im Schlaf. Er verstümmelt und bestiehlt sie. Die Welt feiert ihn als Helden.
Zu extrem, sagst du? Dabei ist das schon die zensierte Version. Die ungeschönte Version lautet:
Ein Mann bricht in ein Haus ein und ermordet ein Vergewaltigungsopfer im Schlaf. Er verstümmelt und bestiehlt sie. Die Welt feiert ihn als Helden.
Nein, du hast Recht, da fehlt immer noch ein wichtiger Punkt. Also noch einmal:
Ein Mann bricht in ein Haus ein und ermordet eine schlafende Frau, die durch eine Vergewaltigung schwanger war. Er verstümmelt und bestiehlt sie. Die Welt feiert ihn als Helden.
Warum feiern sie ihn als Helden? Wer feiert so jemanden?
Ah, ja, diejenigen, die das Mordopfer ein Monster nannten.
Wenn sie Medusa noch immer ein Monster schimpfen, sind wir noch immer zu leise, Euryale.
Es ist ein altes Lied: Wenn du nicht zu dieser schmalen, aber oh so geschätzten Männerriege gehörst, genügt es, dein Gesicht zu zeigen, obwohl die Welt dich nicht für schön hält. Oder als schön zu gelten, aber deine eigene Schönheit nicht verschämt kleinzureden. Es genügt, laut auszusprechen, wenn du etwas nicht willst. Oder zu sagen, dass du etwas willst. Ja, überhaupt: zu wollen!
Frauen haben nichts zu wollen – erst recht nicht, wenn sie damit die strengen Regeln des Frauseins missachten. Männer, die das Spiel der Maskulinität falsch spielen, haben nichts zu wollen. Und jenen, die weder das eine noch das andere sind, steht das Wollen erst recht nicht zu. Heißt es.
Es genügt ja schon, dass du nicht scheu den Blick senkst, sondern den Blick erwiderst – ja vielleicht sogar selbst den Blick suchst.
Objekte, die selbst die Initiative ergreifen, die sich erdreisten, zum Subjekt zu werden, sind unheimlich.
Mehr braucht es nicht, um als schwierig zu gelten. Kompliziert. Anstrengend. Oder, wenn du gar zu laut und selbstbewusst sprichst: eine Furie.
Das Bittere ist: All das musste unsere Medusa nicht einmal tun. Es reichte der Wunsch, am Leben bleiben zu wollen. Sich Sicherheit zu wünschen.
Das war ihr Verbrechen.
Das genügte, um sie böse zu nennen.
Ein Monster.
Ach Athene, wenn du gewusst hättest, was dein Geschenk anrichtet – hättest du uns dann überhaupt damit beschenkt?
Ja, Euryale, ich weiß, dass alle Welt von einem Fluch spricht. Aber alle Welt war nicht dabei, damals. Nur wir beide waren da, um die Scherben aufzusammeln, als Poseidon unsere Schwester im Tempel liegen ließ, zitternd, weinend, nass von ihrem Blut und seinem Schweiß. Die Welt – wer ist das schon? Gesichtslose Stimmen, die nicht einmal aussprechen wollen, dass es eine Vergewaltigung war. Ach, Euryale, ich wünschte, die Version der Geschichte, in der unsere Medusa Poseidon im Tempel verführt hat, wäre wahr. Ich hätte es ihr gewünscht, selbstbestimmt einen Gott zu lieben, einfach, weil ihr danach war. Immerhin hatte sie schon früher Geliebte mit in den Tempel genommen. Meist andere Priesterinnen, manchmal Nymphen, manchmal junge Bauern, einmal eine Seherin. Poseidon dagegen war ihr stets zuwider. Doch ihr Nein war ihm gleich.
Oh, wie gerne hätte ich ihn bluten lassen! Ihn entmannt und das Maul mit dem gestopft, was so viele als ihre „Männlichkeit“ begreifen, für das, was er unserer Schwester angetan hat!
Wer ist das Monster? Die Frau mit den Schlangenhaaren? Der vergewaltigende Gott? Oder die Göttin, die das Opfer bestraft? Wenn es nach Perseus und der Welt geht, ist die Frau mit den Schlangenhaaren das Monster – zu Recht verflucht von einer eitlen, eifersüchtigen, egozentrischen Göttin. Denn so sind sie eben, die Göttinnen. Die Frauen! Zerfleischen und bekriegen sich untereinander wie die Furien!
Nicht wahr?
Eine eitle, rasende Athene passt besser in die Geschichte als eine, die ihrer Priesterin aus Mitgefühl ein Geschenk macht.
Und natürlich ist es ein Fluch – eine Strafe! Sicher kein Geschenk, wenn dir plötzlich Schlangen aus dem Kopf wachsen und dein Blick jeden, der dich anschaut, versteinern lässt.
Wer würde so etwas schon wollen?
Es heißt, die zornige Athene habe Medusa verwandelt. Doch die Verwandlung geschah, bevor Athene ihr das Schlangenhaar verpasste. Nicht Athene verwandelte unsere Schwester, sondern Poseidon. Nicht in ein Monster, sondern in einen Schatten ihrer selbst. Medusas Lachen erstarb. Sie schlief nicht mehr. Wagte sich nicht mehr allein aus dem Tempel, nicht mehr allein in die Innenhöfe, in denen sie so gern gesessen und die Schlangen beobachtet hatte. Ihr scharfsinniger Blick kam nicht mehr zur Ruhe, stets bereit, zuzustechen, wenn erneute Gefahr drohte. Sie wurde so still. Ihr Lächeln verschwand. Vermisst du ihr Lächeln auch so sehr, Euryale?
„Ich habe Angst, Stheno“, sagte sie leise zu mir und spähte dabei umher, als fürchtete sie, der Wind könne lauschen. Möglich war es. Zeus, Poseidon, Hades, die ganze Bagage – verwandelten sie sich nicht ständig in Getier und Gewässer und Luft, um unerkannt zuzuschlagen? „Was, wenn es wieder passiert?“
Ich wollte ihr versichern, dass es nie wieder geschehen würde, aber wie konnte ich ein solches Versprechen halten? Es war einmal geschehen. Wer würde verhindern, dass es sich wiederholte?
Es ist so bitter. Sie, deren Name „Beschützerin“ bedeutet, die den Tempel stets bewacht hat … wer hat sie beschützt?
Dass ausgerechnet Athene ihr die Sicherheit schenken würde, nach der sich Medusa sehnte, hätte keine von uns gedacht.
Wir hatten ihr verschwiegen, was vorgefallen war, aber auch die Göttin bemerkte, wie still ihre hingebungsvollste Priesterin geworden war. Auch Athene vermisste Medusas Lächeln, und als sie uns endlich entlockte, was geschehen war, blendete ihre Wut uns alle drei. Sie tobte, zürnte Poseidon, der ihren Tempel beschmutzt und ihre Priesterin verletzt hatte.
Auch die zürnende Athene, die auf Poseidon fluchte, kommt in keiner Geschichte vor.
Die kostenlose Leseprobe ist beendet.