Buch lesen: "Diesseits der Geschichte"
Achim Landwehr
Diesseits der
Geschichte
Für eine andere Historiographie
WALLSTEIN VERLAG
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© Wallstein Verlag, Göttingen 2020
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, SG Images, Düsseldorf
ISBN (Print) 978-3-8353-3742-8
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4507-2
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4508-9
Inhalt
Immanenz des Historischen Zur Einleitung
Zeitfragen
Alte Zeiten, Neue Zeiten Aussichten auf eine Zeiten-Geschichte
Das Jetzt der Zeiten
Zeitrechnung
Zeitweisen
Kontingenz der Vergangenheit
Gegenwart Erkundungen im zeitlichen Diesseits
Zukunft – Sicherheit – Moderne Zu einem unklaren Verhältnis
Zeitwirbel
Kulturelles Vergessen Erinnerung an eine historische Perspektive
Von der ›Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‹
Über den Anachronismus
Zeitschaften
Chronoferenzen
Das Bad, die Höhle, der Müll Carlsbader Chronoferenzen
Heiner Hamlet Hans Eigenzeiten und die Macht der Gespenster
Geschichte schreiben mit Claude Simon
Literaturverzeichnis
Drucknachweise
Anmerkungen
Time present and time past
Are both perhaps present in time future,
And time future contained in time past.
If all time is eternally present
All time is unredeemable.
What might have been is an abstraction
Remaining a perpetual possibility
Only in a world of speculation.
What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.
T. S. Eliot, Four Quartets
Immanenz des Historischen
Zur Einleitung
Zeiten allerorten
Zuweilen mag es genügen, aus dem Fenster zu sehen; besser vielleicht noch, vor die Tür zu treten und einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Ähnlich wie die Lebensmittelindustrie Haltbarkeitsdaten auf ihre Produkte pappt, ließe sich beim zwanglosen Schlendern die eigene Umgebung mit Datierungen versehen. Das Haus auf der anderen Straßenseite ist vor bald 100 Jahren erbaut worden. Geht man zwei Straßen weiter, wartet dort bereits das 19. Jahrhundert, und Richtung Stadtmitte finden sich Behausungen, die noch einmal ein paar Jahrhunderte älter sind. In der entgegengesetzten Richtung kündet eine riesige unbebaute Fläche, auf der kreuz und quer fahrende Bagger und Lastwagen ihr ganz eigenes Ballett aufführen, von Häusern, die es noch gar nicht gibt, deren zukünftige Bewohner aber bereits jetzt auf einer riesigen Werbetafel Hand in Hand und glücklich lächelnd durch sonnenbeschienene Grünanlagen flanieren. Dahinter wiederum lässt sich unschwer ein Waldgebiet erkennen, in dem einige bizarr geformte Eichen stehen, von denen man höchstens erahnen kann, aus welchen Zeiten sie zu berichten wüssten, wenn wir ihre Botschaften nur verstünden. Um die Ecke steigt gerade ein Mann mittleren Alters in sein Auto, einen Oldtimer, der auch schon seit einigen Jahrzehnten auf den Straßen unterwegs ist und seinen geschichtsträchtigen Zustand gut sichtbar durch ein H (für ›Historisches Fahrzeug‹) auf dem Nummernschild zu erkennen gibt. Nicht die einzige Gelegenheit, bei der das deutsche Steuerrecht Vergünstigungen bereithält, sobald es um die Fähigkeit (oder das Glück) von Objekten geht, eine bestimmte Zeitspanne überstanden zu haben. Dieser Mann fährt einem Tag entgegen, den er zwar nach den Möglichkeiten einer rationalen Planung bereits im Vorhinein organisiert hat, von dem er aber trotzdem noch nicht (genau) weiß, was er ihm bringen wird. Im Wegfahren hat er noch eine Hand frei, um eine Frau zu grüßen, unübersehbar schwanger, die noch ganz andere Gedanken über künftige Unwägbarkeiten näherer und fernerer Art hin und her wägt. A day in the life.
Ich bin kaum einen Schritt die Straße entlanggegangen, schon purzeln innerhalb weniger Augenblicke die Zeiten durcheinander. Zu fragen, wie viel Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft jeweils in diese Dingen, Menschen und Situationen steckt, erscheint befremdlich. Muss denn nicht alles, was einem begegnet, sei es vor der eigenen Haustür oder an einem anderen denkbaren Ort, Anteil haben an allen Zeitformen? All das muss gegenwärtig sein, um überhaupt wahrgenommen werden zu können; es muss eine Vergangenheit haben, in der es entstanden ist; und wenn nicht in diesem Moment ein katastrophales Unglück geschieht, wird alldem wohl auch noch eine mehr oder weniger lange Zukunft beschieden sein. Was ist daran das Besondere? Wir sind nun einmal zeitliche und verzeitlichte Wesen, da ist der beständige Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht außergewöhnlich. Und genau genommen sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ja auch nur drei von den vielen möglichen Zeitformen, mit denen wir Umgang pflegen. Nicht vergessen werden sollte in einer notgedrungen unvollständigen Auflistung die Zeitlosigkeit, der Zeitvertreib, der Zeitpunkt, die Ewigkeit, der Zeitsprung, die Zeitbombe, die Zeitvergeudung, die Saure-Gurken-Zeit, der Zeitverlust, die Unzeit, die Kernzeit, die Langzeitwirkung, die Zeitverschiebung, die Zeitraffer, die Freizeit oder die Endzeit.
In der Tat, eine solche Augenblickswahrnehmung unterschiedlicher Zeiten ist nichts Besonderes. Gerade deshalb stellt sich die Frage, weshalb sie für unser Nachdenken über Zeit und unsere Beschreibungen von Zeit so selten eine Rolle spielt. Sobald das Temporale in gewisse Verallgemeinerungen transponiert wird, erweisen sich unsere Beschreibungen von der Zeit als seltsam einfallslos. Dann reduzieren sich die vielen unterschiedlichen Zeiten recht schnell auf einen linearen Strahl, auf dem alles fein säuberlich angeordnet werden kann. Zwar lassen sich die Zeitverwirbelungen vor der eigenen Haustür chronologisch eindeutig zuweisen, kann man ihnen ein unverwechselbares Datum und eine eindeutige Uhrzeit geben – aber was ist damit erreicht? Jede Gegenwart hat die Eigenschaft, ungleichzeitig mit sich selbst zu sein, weil in ihr immer schon so viele andere Zeiten vorkommen. In ein und demselben Augenblick träumen sich manche schon in die Zukunft eines nicht gebauten Hauses, imaginieren das Leben nach ihrem eigenen Tod, sehnen sich andere in die 1950er Jahre zurück oder hoffen auf die ewige Auszeit unter Palmen. Sie sind zwar alle gleichzeitig hier – aber sind sie auch alle jetzt?
Kollektivsingular
Ganz egal, ob man aus dem Fenster blickt, vor die Tür tritt oder regelmäßig Nachrichten über das nähere und fernere Weltgeschehen konsumiert: Es kann sich einem die Frage aufdrängen, wie aus diesen vielen unterschiedlichen Zeiten und Geschichten die eine große Geschichte wird. Hängt das alles zusammen? Oder wird das erst durch diejenigen zusammengehängt, die das Geschehen betrachten? Es mag einem so ähnlich gehen wie dem Kind, das ebenfalls auf die Straße tritt, zuvor aber noch den Hinweis zu hören bekommen hat, es solle auf den Verkehr achten. Kaum vor dem Haus stehend, sieht es Straßen, Schilder, Fahrräder, Autos, Zebrastreifen, LKWs, Ampeln – aber wo ist der Verkehr?
Innerhalb westlicher Kulturen sind wir darauf geeicht, von ›der Geschichte‹ als einem sogenannten ›Kollektivsingular‹ zu sprechen. Wir verstehen ›Geschichte‹ als einen sich selbst genügenden und einheitlichen Gesamtprozess. Darin finden sich nicht nur alle einzelnen Geschichten in einem großen Ganzen vereint und aufgehoben (deswegen: Kollektivsingular), sondern in diesem Verständnis sind auch Subjekt und Objekt der Geschichte miteinander vereint: Es ist die Geschichte selbst und nichts weiter.[1]
Wir praktizieren diese Rede von ›der Geschichte selbst‹ aber noch nicht allzu lange. Auch wenn uns eine solche Rede und eine damit zusammenhängende Denke selbstverständlich vorkommen mag, so ist sie es doch nicht. Man müsste spätestens dann ins Grübeln geraten, wenn man feststellt, dass diese Idee von ›der Geschichte‹ selbst eine Geschichte hat. Denn wie kann etwas als Gesamtrahmung für alles Geschehen und alle Veränderungen dienen, das es gerade einmal seit etwas mehr als drei Jahrhunderten gibt? Wie kann etwas als alles erklärende Totalität herhalten, das, soweit wir bisher informiert sind, als Wort und als Konzept erstmals im Frankreich des späten 17. Jahrhunderts nachzuweisen ist,[2] sich dann im Verlauf des 18. Jahrhunderts in europäischen intellektuellen Debatten durchzusetzen begann, bevor es im 19. Jahrhundert zum Allgemeingut wurde?[3] Vielleicht ist es an der Zeit, diese Idee im 21. Jahrhundert wieder loszuwerden.
Wenn man aber schon die Historizität von ›der Geschichte‹ nicht sonderlich beunruhigend findet, dann sollte einem doch spätestens der Widerspruch zu denken geben, dass zwar die Idee von ›der Geschichte‹ die Wandelbarkeit von allem und jedem verkündet, dabei allerdings eine bedeutende Ausnahme macht – nämlich bei der Idee von der einen, großen Geschichte selbst. Ausgerechnet sie soll der historischen Veränderbarkeit nicht unterworfen sein.[4] Durch diesen Entzug ist ›die Geschichte‹ überhaupt erst in der Lage, die Aufgabe zu übernehmen, die ihr wesentlich zugedacht ist, nämlich an die Stelle der göttlichen Allmacht zu treten. Während das Vertrauen in eine göttliche Vaterfigur und deren Vorsehung über den Weltenlauf allmählich, sehr allmählich zu schwinden begann, bastelten europäische Intellektuelle an einem Ersatzgott namens ›Geschichte‹.[5] Wollte man fortan (und bis zum heutigen Tag) wissen, warum die Dinge sind, wie sie nun einmal sind, schaute man nicht mehr nach oben, sondern nach hinten.[6] Über den Geschichten, so hat es der Historiker Johann Gustav Droysen einmal formuliert, ist ›die Geschichte‹.[7]
Das führt uns wieder zurück zu dem Kind auf der Straße, das den gesuchten Verkehr nicht findet. Sicherlich wird es mit ein wenig mehr Erfahrung feststellen können, dass da Dinge zusammenhängen, oder besser: zusammengehängt werden, die sich als Verkehr bezeichnen lassen. Man kann vielleicht diesen ›Verkehr‹ ebenso wenig sehen wie ›den Staat‹, ›die Gesellschaft‹, ›die Wirtschaft‹ oder eben ›die Geschichte‹. Aber es lässt sich feststellen, dass da etwas ist. Die Frage ist nur, wie wir dieses Etwas benennen und beschreiben wollen, welche Funktionen und welche Verantwortlichkeiten wir diesem Etwas zuschieben wollen und welche Bedeutsamkeit wir ihm aufzubürden gedenken. Im frühen 21. Jahrhundert lässt sich unschwer ausmachen, dass mit dem Gesamtphänomen namens ›Verkehr‹ nicht mehr alles im Lot ist. Und dem Kollektivsingular Geschichte scheint es nicht sehr viel besser zu gehen.
Verunsicherung
Entgegen eines ersten Eindrucks handelt es sich bei solchen – zugegebenermaßen eher luftigen – Überlegungen keineswegs um eine ausschließlich akademische Angelegenheit. Auch wenn die Frage, ob die Rede vom Kollektivsingular Geschichte denn noch zutreffend sein kann, auffallend nach wissenschaftlicher Gespreiztheit tönen mag, so führt sie doch mitten hinein in die allgemeinen Fragen und Debatten, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu weltweit vernehmen lassen. Diese Diskussionen kreisen – mit einer nahezu sträflichen begrifflichen Unschärfe – um den Eindruck einer allgemeinen Verunsicherung. Das wirklich Verunsichernde an dieser Art der Verunsicherung ist, dass sich schwer sagen lässt, worüber man genau verunsichert sein soll. Entweder macht sie sich nur als diffuses, ungreifbares, eher gefühltes denn konkret benennbares Grundrauschen bemerkbar, das häufig gepaart mit dem Schlagwort ›Krise‹ auftritt, oder sie konkretisiert sich in einer langen Liste substantivierter Phänomene, bei der man immer den Eindruck haben darf, sie sei notorisch unvollständig: Klimawandel, Migration, Fake-News, Finanzkrise, Pandemie, Infragestellung westlicher Werte, Postfaktizität, Anthropozän, alte und neue Weltmächte, Niedergang der Demokratie, Zweifel am wissenschaftlichen Wissen, Macht der Internetkonzerne …
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebt zumindest der privilegierte Teil der Menschheit (der es mir beispielsweise ermöglicht, diesen Text zu schreiben) in der wohl sichersten und wohlhabendsten Welt, die die Menschheitsgeschichte jemals gekannt hat. Und trotzdem (oder gerade deswegen) ist genau diese Welt voll von Verunsicherungen. Dieser privilegierte Teil der Welt scheint zu existieren in einer Spaltung zwischen Perfektion und Weltuntergang: Auf der einen Seite das bedingungslose Grundeinkommen und die Erlösung von aller Mühsal durch den umfassenden Einsatz hochkomplexer Technik vor Augen – auf der anderen Seite die mehr oder minder unmittelbare Vernichtung dieser Welt erwartend. It’s the end of the world as we know it (and I feel fine).
Sollen solche Phänomene, solche grundlegenden Verunsicherungen über die Wirklichkeit, in der wir leben, beschrieben werden, dann wird nahezu selbstverständlich zu historischen Erzählungen gegriffen. Das ist eben die wesentliche Aufgabe, die der Kollektivsingular Geschichte seit geraumer Zeit und bis zum heutigen Tag zu erledigen hat: einzuordnen, wie es zu dem gekommen ist, mit dem man es gerade zu tun hat. Und wie weitgehend dieser Allerklärungsinstanz namens Geschichte die Aufgabe zugewiesen worden ist, Ordnung in das selbst attestierte Chaos zu bringen, lässt sich anhand der ungemein ausgefeilten und differenzierten Geschichtskultur feststellen, die sich (post-)industrialisierte Gesellschaften leisten. Historisches durchdringt den Alltag auf allen Ebenen. Da wimmelt es nicht nur von Museen unterschiedlicher Couleur, da werden auch geschichtliche Themen in allen medialen Formen angeboten, als Buch, als Film, als Internetpräsenz, da muss sich jede größere Firma oder Institution eine eigene Geschichte geben, da werden Reenactments aufgeführt, da werden Gedenkschilder aufgestellt, da werden Computerspiele in diversen Vergangenheiten angesiedelt undsoweiter undsofort.
Aber es ist nicht nur diese Geschichtskultur, die einordnen soll, es ist noch weit mehr der Versuch, das eigene Hier und Jetzt einzusortieren in einer erweiterten Gegenwart, welche man wahlweise beginnen lassen kann mit dem 11. September 2001, dem Untergang des Ostblocks ab 1989, dem Ende des Nachkriegsbooms, den Berichten des Club of Rome, mit 1968, der Kuba-Krise oder den Prozessen der Dekolonisation. Oder sind die Grundübel nicht vielleicht schon gelegt worden in den großen Kriegen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Haben nicht vielleicht die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik, die Kunst der Moderne oder das Fin de siècle eine Welt geschaffen, die uns zunehmend abhanden kommt, weil sie grundsätzlich unverständlich bleibt? Vielleicht lag es auch eher an den imperialistischen Kolonisierungsvorhaben des 19. Jahrhunderts, an deren Nachwirkungen die Welt bis heute leidet? Oder waren es doch die fatalen Rationalitätsversprechen der Aufklärung und der Französischen Revolution, deren dialektische Machbarkeits- und Fortschrittsparadigmen wir nicht verlassen zu können scheinen?
Keine Sorge, ich werde mich nun nicht zu einer Antwort auf diese Fragen aufschwingen. Historische Bemühungen wären hoffnungslos mit Erwartungen überfrachtet, wollte man in ihnen tatsächlich die Lösung diverser Welträtsel erkennen. Einerseits wäre die Erwartung irreführend, historische Beschreibungen würden allein durch die Darstellung einer chronologisch begründeten Kausalität bereits die Antwort auf das zugrunde liegende Problem liefern. Auf eine letztlich oberflächliche, allein dem Deskriptiven verhaftete Aufgabenzuteilung muss sich die Geschichtsschreibung nicht verpflichten lassen. Sie hat nicht nur in einem selbst auferlegten Positivismus die Frage zu beantworten, wie es denn ausgerechnet dazu gekommen ist. Schließlich hält das Historische andererseits so sehr viel mehr Möglichkeiten bereit, nicht zuletzt auch Möglichkeiten theoretischer Art,[8] um die Beschreibung, Bearbeitung und möglicherweise sogar Lösung gegenwärtiger Probleme anzugehen – Möglichkeiten, die ihr üblicherweise nicht zugetraut werden und die unter anderem in einer angemessenen Behandlung komplexer zeitlicher Verhältnisse liegen, für welche die Geschichtsschreibung eine besondere Expertise besitzen könnte und sollte. Aus der Geschichte können wir nichts mehr lernen – und gleichzeitig haben wir nur das Historische, von dem wir lernen können.
Was aber ist hier zu lernen? Der Blick aus dem Fenster, der Gang auf der Straße oder das nachrichtenmäßige Verfolgen aktueller Geschehnisse in der Nähe und Ferne mag einem das bereits angedeutete große Durcheinander nahelegen. Dessen Hintergrund aber sind tiefgreifende Irritationen über Identitäten, Räume und Zeiten: Wer sind wir eigentlich? Wo befinden wir uns überhaupt? Und ganz wichtig: Wann sind wir? In einem Diskussionszusammenhang, der sich nur noch mit Schwierigkeiten als ›Europa‹ oder ›die westliche Welt‹ bezeichnen lässt, sind schon seit längerer Zeit solche und ähnliche Fragen zu vernehmen. Diese Fragen sind wahrlich nicht neu, selbst wenn es denjenigen so vorkommen mag, die sie gerade stellen.
So lässt sich nicht mehr gar so einfach von Europa und westlicher Welt sprechen, weil nicht mehr eindeutig ist, was damit gemeint sein könnte. Die Grenzen dieser diffusen geographischen Einheiten waren schon immer schwer zu bestimmen (Wo sind die Grenzen Europas? Was kann man noch / schon / nicht mehr zum Westen zählen?), aber Entwicklungen und Diskussionen, die wir etwas hilflos als Globalisierung und Postkolonialismus bezeichnen, haben diese Probleme nochmals deutlicher werden lassen. Wie nicht zuletzt Migrations- und Grenzsicherungsdebatten zeigen, versuchen sich erhebliche Teile Europas und der westlichen Welt gegen solche Diffusionen abzuschotten.
Im frühen 21. Jahrhundert scheint aber nicht nur die Bestimmung schwerzufallen, wo und wie wir sind, sondern es ist auch nicht mehr so einfach zu sagen, wann wir sind. Die verwirrenden Verwendungen und Diskussionen der Moderne, Postmoderne, Post-Postmoderne, Hypermoderne, Altermoderne und weiterer Kombinationen können davon Zeugnis ablegen. Die Behauptung geht einem nicht mehr leicht über die Lippen, man lebe in etwas, das sich als Moderne bezeichnen ließe. Und wieso überhaupt in der Moderne? Irgendetwas scheint daran nicht (mehr) zu stimmen. Bruno Latour hat bekanntermaßen formuliert, dass wir noch nie modern waren.[9] Wenn das aber stimmt, was waren wir dann die ganze Zeit? Wähnten wir uns über zwei Jahrhunderte lang in einem Zug durch die Zeit, ohne zu bemerken, dass es nur die Landschaft hinter dem Fenster war, die sich bewegte?
Es existieren aktuell zahlreiche Versuche, um das eigene Hier und Jetzt historisch-epochal einzuordnen: Man kann sprechen vom Zeitalter der Globalisierung, vom digitalen Zeitalter, vom Informationszeitalter, vom Anthropozän. Aber wird es diesen historischen Selbstbestimmungen besser ergehen als anderen epochalen Beschreibungen, die auch noch nicht sonderlich alt sind, aber von niemandem mehr benutzt werden? Oder wer erinnert sich noch an das Atomzeitalter, das Raketenzeitalter, das Maschinenzeitalter?
Die Unsicherheit hinsichtlich einer angemessenen Epochenbezeichnung nimmt sich nahezu harmlos aus angesichts solcher Schlagworte wie alternative Fakten, Fake-News oder post-truth. Reicht die Verunsicherung über unsere Wirklichkeit und ihre angemessene, gar wahre Beschreibung inzwischen schon so weit, dass es immer schwieriger wird, eine einigermaßen verbindliche Geschichte über diese Wirklichkeit zu schreiben? Oder noch schlimmer: Sind Verschwörungstheorien unterschiedlicher Couleur vielleicht nur die extremen Auswüchse einer Welt, in der sich jedes Kollektiv seine eigene Geschichte zusammenbasteln kann, wie es ihr gerade gefällt? Wenn wir keine großen Erzählungen mehr haben, können dann alle ihre eigene fabrizieren?
Auch in Sachen einer historischen Selbstbestimmung scheinen wir uns vor die Wahl zu stellen: Perfektion oder Weltuntergang? Große Ganzheit oder vollständige Zersplitterung? Die Welt entzieht sich uns, verweigert sich jeglicher Erfassung, auch und gerade die Welt in ihrer zeitlichen Verfasstheit. Lockt auf der einen Seite das Gewesene als Hort der Gewissheit, weil sich mit dem Blick ins Gestern doch eindeutig feststellen lassen sollte, was der Fall war (und immer noch ist), zeigt sich die Vergangenheit auf der anderen Seite als ausgesprochen flexibel, wenn es um neue Versionen ihrer selbst geht, ist geradezu aufnahmewillig für Anpassungen und Veränderungen (die von sich selbst aber regelmäßig behaupten, nun die endgültige und wahre Version zu sein). Auch wenn das Geschehene geschehen ist, wenn Schlachten nicht noch einmal geschlagen werden müssen, Revolutionen nicht noch einmal durchzufechten sind, Leben nicht noch einmal gelebt werden können und Tote nicht wieder auferstehen werden, haben wir doch die eigentümliche Eigenschaft, die Vergangenheit nicht ruhen lassen zu können, sondern immer wieder zu bearbeiten und immer wieder mit uns in Beziehung zu setzen. Und seltsamerweise verändert sich im Zuge dieser Bemühungen die Vergangenheit dann doch.