​Lucifuge kehrt zurück: Der Dämonenjäger von Aranaque 56

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Art Norman

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Inhaltsverzeichnis

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  ​Lucifuge kehrt zurück: Der Dämonenjäger von Aranaque 56

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Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER + William Trost Richards

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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​Lucifuge kehrt zurück: Der Dämonenjäger von Aranaque 56
Art Norman

Hier war Grauen zu Hause. Hier regierte das Böse. Hier wimmerten die verlorenen Seelen im Ewigen Feuer. Hier war das Reich der bösen Geister, der Dämonen und Teufel, erschreckend und angsteinflößend, seelenfressend. Und doch gab es Kreaturen, die sich hier wohl fühlten, die sich an der Furcht der Sterblichen und Verdammten ergötzten, denen diese Sphäre Heimat bedeutete, welche die Menschen mangels besserer Begriffe als Hölle bezeichneten.

Hier residierte der Fürst der Finsternis, der Herr der Schwarzen Familie der Dämonen. Leonardo deAranaque, einst Mensch und in fast ein Jahrtausend währendem Prozeß zum Dämon gereift. Er hatte nach der Macht gegriffen und sie im Höllenreich erlangt. Doch er strebte nach noch größerer Macht.

Die Chancen standen gut. Um so größer war sein Erschrecken, als er einem begegnete, den er längst vernichtet geglaubt hatte. Einer, der in der Lage war, selbst dem Fürsten der Finsternis Angst einzuflößen…

Lucifuge Rofocale war wieder da!

***

»Was, bei Satans Gehörn, tust…«

Leonardo deAranaque unterbrach sich jäh, als er den Frevler erkannte, der sich auf seinem eigenen Knochenthron niedergelassen hatte. Der Fürst der Finsternis hatte eine Besprechung mit anderen hochrangigen Dämonen anberaumt und wollte jetzt in seinem Thronsaal Platz nehmen. Doch das ging nicht mehr. Ein anderer saß dort, wo Leonardos Platz war.

»Lucifuge…«

»Rofocale«, ergänzte der andere. Grimmig grinsend bleckte er die langen spitzen Zähne seines mächtigen Gebisses. Die langen Hörner, die aus seinem kahlen Schädel aufragten, drehten sich ein wenig, als seien sie lebendige, eigenständige Gebilde. Ihre Spitzen richteten sich auf den Fürsten der Finsternis.

»So etwas nennen die Sterblichen ›Verkehrte Welt‹, nicht wahr?« grinste Lucifuge Rofocale. »Warst du es nicht, der sich auf meinen Thron setzen wollte, nachdem der Verräter Eysenbeiß durch deine Hand starb? Nun habe ich mich auf deinen Thron gesetzt.«

Leonardo ballte die Fäuste. »Willst du mich für den Tod Eysenbeißens zur Rechenschaft ziehen?« stieß er wild hervor. »Bedenke dann, daß der Kaiser LUZIFER durch sein Schweigen sein Eiverständnis erklärte…«

Lucifuge Rofocale legte den Kopf schräg. Er hob die gepfeilten Èrauen über seinen tückisch glimmenden Augen.

»Oh, der Kaiser LUZIFER hat schon zu sehr vielen Dingen durch sein Schweigen sein Einverständnis erklärt«, entgegnete er spöttisch. »Unter anderem dazu, daß Eysenbeiß sich auf den Thron setzen konnte, den ich ihm räumte. Unter anderem dazu, daß du jetzt Fürst der Finsternis bist und den Platz einnimmst, den Asmodis jahrtausendelang innehatte und auf dem sich der Narr Belial nur ein paar Tage halten konnte, ehe Moronthor ihn umbrachte.« Lucifuge Rofocale lachte meckernd.

»Bist du gekommen, um mir Unterricht in höllischer Geschichte zu erteilen?« fragte Leonardo schroff. »Wenn nicht, ersuche ich Dich in allem Respekt, meinen Platz zu räumen. Warum setzt du dich nicht auf deinen Thron? Er ist doch jetzt frei. Eysenbeiß ist tot.«

»Und du hast das Amulett an dich genommen, das er einst besaß.« Wieder meckerte Lucifuge Rofocale. »Oh, ich dachte, ehe ich meinen alten Platz wieder einnehme, sehe ich erst einmal nach, ob nicht andere Anspruch darauf erheben. Du zum Beispiel, Fürst der Finsternis.«

Leonardo preßte die Lippen zusammen.

»Ich werde dir deinen Platz nicht streitig machen, das weißt du«, sagte er.

Lucifuge grinste.

»Du bist der Meister der Lüge und Niedertracht. Asmodis wahr ehrlicher als du«, sagte er. »Du würdest wahrscheinlich dich selbst betrügen, wenn es dir einen Vorteil brächte. Nun, ich kenne und durchschaue dich. Und ich sage dir, daß ich dich ungern hier sehe. Asmodis versuchte damals, deine Wandlung zum Dämon zu verhindern, indem er dir einen neuen Körper und ein zweites Leben gab und dich zur Erde zurücksandte. Dennoch wurdest du zum Dämon und sitzt nun auf seinem Thron. Pardon, im Moment ja nicht.« Er lachte wieder spöttisch. »Mein einstmals menschlicher Freund, den selbst neunhundert Jahre Höllenfeuer nicht verzehren konnte, ich kenne und durchschaue dich. Und ich warne dich. Gib dich mit dem zufrieden, was du bist. Denn aufsteigen wirst du nicht mehr, eher stürzen. Ich bin wieder hier.«

»Ich sehe es«, sagte Leonardo. »Und ich versichere dir ein weiteres Mal meine Loyalität…«

»Deine Loyalität hat LUZIFER zu gelten, nicht mir«, brüllte Lucifuge Rofocale. »Vergiß das nie, Narr, der nicht in den Schwefelklüften geboren ward!«

Und mit einem Donnerschlag war er aus Knochenthron und Thronsaal verschwunden.

***

Langsam, mit schleppenden Schritten, ging Leonardo auf seinen Thron zu. Er stieg die Stufen des Podestes hinauf und ließ sich dann auf die Sitzfläche sinken. Der Thron war aus Menschenknochen konstruiert, die Armlehnen bestanden aus Schädeln. Leonardos Hand umschloß den Knauf seines Schwertes. Am liebsten hätte er es gezogen und Lucifuge Rofocale damit den Kopf abgeschlagen. Aber mit der Klinge kam er gegen den Dämon nicht an. Das Schwert war vorwiegend Zierde; Zeichen seiner Herkunft, seiner Zeit, in der er sein erstes Leben geführt hatte. Er trainierte auch jetzt noch mit der Klinge, aber als Fürst der Finsternis benutzte er andere Waffen.

Die der Intrige hauptsächlich.

Lucifuge Rofocale!

Mit seiner Rückkehr hatte Leonardo deAranaque nicht gerechnet.

Sein einstiger Vertrauter und Berater, Magnus Friedensreich Eysenbeiß, hatte Leonardo hintergangen, umgangen und es irgendwie fertiggebracht, Lucifuge Rofocale von seinem Thron als Satans Ministerpräsident zu verjagen. Inzwischen wußte Leonardo, daß es ihm mit dem legendenumwobenen Ju-Ju-Stab gelungen war, der einst Moronthor gehört hatte und der eine absolut vernichtende Waffe gegen jeden echten Dämon war. Selbst Lucifuge Rofocale hatte davor weichen müssen, um nicht ausgelöscht zu werden.

Eysenbeiß selbst war ein Mensch gewesen, ein sterbliches Wesen ohne Dämonenblut in den Adern. So hatte er den Ju-Ju-Stab benutzen können, ohne selbst Schaden zu leiden. Aber sein Verrat an der Hölle war ihm zum Verhängnis geworden. Es war ruchbar geworden, daß er einen Pakt mit der SIPPE DER EWIGEN eingegangen war, die den Höllischen feindlich gesonnen waren, und daß er gar dem ERHABENEN der SIPPE für eine Weile Asyl in den Schwefelklüften gewährt hatte. Da hatte ihn auch das anfängliche Wohlwollen LUZIFERS nicht mehr retten können. Ein Tribunal, bestehend aus Leonardo deAranaque, Astaroth und Astardis, hatte ihn zum Tode verurteilt. Er hatte sich mit Ju-Ju-Stab und Amulett gewehrt, aber Leonardo deAranaque hatte seinen Schatten ausgesandt, und dieser hatte Eysenbeiß erwürgt. Das Amulett hatte Leonardo an sich genommen, und Astardis hatte versprochen, den Ju-Ju-Stab zu vernichten - und dies nach Leonardos Wissensstand inzwischen auch getan. Das heißt, der Stab war nicht vernichtet, sondern versiegelt worden, eingehüllt in eine kristallische Masse, die nicht mehr aufgesprengt werden konnte, und in den vulkanischen Fluten der Höllentiefe versenkt.

Leonardo hatte selbst dabei zugesehen, wie der kristallische Safe in der Lava verschwand. Danach hatte er eine Besprechung einberufen, und noch ehe diese stattfand, war Lucifuge Rofocale hier erschienen.

Ausgerechnet er!

Leonardo hatte ihn für tot gehalten, als er damals spurlos verschwand. Einige höhere Dämonen hatten zwar nicht an Lucifuges Tod glauben wollen und nach ihm suchen lassen, und Eysenbeiß hatte das nicht unterbunden. Leonardo hatte es so gedeutet, daß Eysenbeiß sicher war, Lucifuge sei tot und könne deshalb nicht gefunden werden.

 

Aber offenbar hatte er sich nur versteckt gehalten und auf seine Chance zur Rückkehr gewartet.

Aber da blieben ein paar Rätsel offen.

Weshalb hatte er den Emporkömmling Eysenbeiß nicht selbst angegriffen? Er hätte bestimmt die Möglichkeit dazu gehabt, ihm eine tödliche Falle zu stellen. Immerhin war es dem dämonischen Tribunal ja auch gelungen, Eysenbeiß trotz des Ju-Ju-Stabes zu töten. Sicher, ein paar niedere Dämonen waren dabei ausgelöscht worden -aber wie Leonardos Vorgänger Asmodis zuweilen sarkastisch zu sagen pflegte: »Mit Schwund muß man rechnen.« Opfer mußten gebracht werden.

Ein anderes Rätsel war, wo sich Lucifuge Rofocale in der Zwischenzeit aufgehalten hatte, so daß er selbst mit den Mitteln der Hölle nicht aufzufinden gewesen war. Es mußte ein wahrhaft teuflisch gutes Versteck sein.

Vielleicht ließ es sich jetzt finden, da Lucifuge nicht mehr darin lauerte. Vielleicht konnte man seine Lage in Erfahrung bringen. Leonardo ahnte, daß das auch für ihn ein guter Unterschlupf sein mochte, falls es ihm irgendwann einmal an den Kragen gehen sollte. Sie haßten ihn, seine Untergebenen, sie wagten nur offiziell nichts gegen ihn zu unternehmen. Aber wenn ihm ein Fehler unterlief, mochten sie sich ebenso gegen ihn erheben, wie er sie gegen den Verräter Eysenbeiß geführt hatte. Und dann war es gut, schnell untertauchen zu können.

Außerdem empfand er die Worte Lucifuges als Drohung. Selbstverständlich schielte er nach dessen Thron! Die geplante Besprechung hatte den Sinn gehabt, Einzelheiten zur Neubesetzung des von Eysenbeiß zwangsweise geräumten Thrones zu klären. Leonardo wußte, daß eine ganze Reihe hochrangiger Dämonen nicht daran interessiert waren, das Amt des Ministerpräsidenten der Hölle anzutreten; er hatte vorgehabt, sie zu überreden, daß sie seinen Aufstieg befürworteten. Er hatte sich schon einen geschickten Plan dafür zurechtgelegt.

Doch jetzt hatte sich das alles vorerst erledigt. Der Bär, dessen Fell verteilt werden sollte, hatte sich über seinen Jägern wieder aufgerichtet und war lebendiger denn je zuvor.

Leonardo wurde aus seinen düsteren Gedanken hochgeschreckt, als ein Irrwisch in seinen Thronsaal funkelte und sich ehrerbietig vor dem Fürsten der Finsternis in den Staub senkte. »Herr, die ersten der zur Besprechung geladenen Dämonen sind eingetroffen und begehren Einlaß.«

Leonardo straffte sich.

»Sage ihnen, die Besprechung sei verschoben. Etwas Unvorhergesehenes ereignete sich. Lucifuge Rofocale ist wieder da.«

***

Professor Moronthor seufzte. Anklagend sah er in den strahlend blauen Himmel über Château Aranaque.

»Womit habe ich das nur verdient?« seufzte er.

Da war die Schlechtwetterperiode vorbei, seit ein paar Tagen schien endlich die Sonne brennend heiß und lud zum Erholen und Ausspannen und Faulenzen und anderen ergötzlichen Dingen ein, und woraus bestand die rauhe Wirklichkeit?

Aus Ärger, Arbeit und Kampf!

Gerade hatten sie dem Dämon Sammael klar gemacht, daß sich gezielte Umwelt Verseuchung nicht rentierte, und ihm eine empfindliche Niederlage beigebracht, als die Druidin Teri Rheken als Störfaktor auftauchte. [1]

Rein optisch betrachtet, fand Moronthor, störte sie natürlich nicht. Die knapp über zwanzig Jahre junge Silbermond-Druidin war eine Schönheit mit bis auf die Hüften fallendem goldenen Haar. Aber Schönheit konnte Moronthor auch bei seiner Lebensgefährtin Nicandra Darrell genießen. Deren Haar war zwar bei weitem nicht so lang, weil sie ständig neue Perücken ausprobierte und alle paar Tage mit einer anderen Haarpracht brillierte, aber von Angesicht und Gestalt stand sie Teri in nichts nach. Darüber hinaus hatte sie einen weiteren entscheidenden Vorteil für sich zu buchen: Moronthor und Nicandra liebten sich tief und innig, während sie beide mit Teri »nur« eine enge Freundschaft verband.

Das Störende war also eher, was Teri berichtete.

»Rob Tendyke braucht deine Unterstützung, Moronthor«, hatte sie gesagt. »Du erinnerst dich sicher, daß vor ein paar Tagen der Dämon Astardis bei ihm auftauchte.«

Moronthor hatte genickt. »Ja, und?«

»Tendyke befürchtet, daß Astardis das Geheimnis des Telepathenkindes erkannt haben und daraus Kapital in der Hölle schlagen könnte. Er will Astardis zuvorkommen und ihm eine Falle stellen. Und um Astardis zu ködern, brauchte er deine Hilfe.«

»Wieso meine?« fragte Moronthor. »Ich bin ein einfacher, relativ harmloser Parapsychologe, der dumm und ehrlich seine Steuern zahlt und hin und wieder Geister und Dämonen jagt. Du aber bist eine Druidin vom Silbermond. Warum erledigst du diesen Job nicht? Zusammen mit Gryf? Auch er ist Druide und besitzt erhebliche Para-Fähigkeiten. Ich bin ein alter, verbrauchter Mann, der seine Ruhe braucht. Nach unzähligen Abenteuern und Kämpfen habe ich sie mir verdient. Jagt ihr also Astardis und laßt mich Nicandras sanfte Küsse genießen…«

»Cherie, du bist ein Troll«, stellte Nicandra Darrell trocken fest. »Laß dir erst mal erklären, was dein Part bei dieser Sache sein soll.«

Teri zuckte mit den Schultern.

»Wir dachten, du hättest eine Idee«, sagte sie. »Fest steht, daß wir Astardis so gründlich auf die Finger klopfen müssen, daß er vergißt, was er möglicherweise vorhatte. Er muß wissen, daß Tendyke’s Home für ihn absolut tabu ist. Daß es für ihn gefährlich ist, sich dort blicken zu lassen oder seine Handlanger her zu schicken.«

»Na gut. Sendet ihm eine einstweilige richterliche Verfügung«, schlug Moronthor vor.

»Idiot«, sagte Nicandra leise.

Moronthor sah sie an. »Himmel, ich möchte mal ein paar Tage meine Ruhe haben, verstehst du? Es ist gerade einen Tag her, daß wir es mit Sammael zu tun hatten. Und davor hatten wir gerade mal drei Tage Pause, in denen wir uns mit uns selbst beschäftigen konnten. Ich bin auch nicht unendlich belastbar. Und dein Job, als meine Sekretärin, sollte auch mal wieder ausgefüllt werden. Im Arbeitszimmer liegt jede Menge Schreibkram, der erledigt werden muß. Auch dafür braucht’s Zeit. Verflixt, Tendyke hat doch so etwas ähnliches wie ein Gehirn im Kopf. Teri desgleichen. Gryf gibt’s auch noch. Fenrir, zur Not. Und wenn alles nichts mehr hilft, können Valenius und Ullich vielleicht ein paar Fäden ziehen, oder gar Sid Amos von Caermardhin aus eingreifen. Ich will nicht. Es sind auch noch andere da, die mal was tun können.«

»Du kommst also nicht mit?« fragte Teri enttäuscht.

Moronthor seufzte abermals abgrundtief.

»Rob ist mein Freund«, sagte er leise. »Und Freunden hilft man. Natürlich komme ich mit. Ich frage mich nur, warum ich dazu verdammt bin, nicht einmal für ein paar Tage Ruhe zu finden. Warum muß immer irgendwo etwas los sein, wo ich gebraucht werde? Was passiert eigentlich, wenn ich mal Pech habe und der Dämon stärker ist? Wer greift dann ein und hilft, wenn ich mal nicht mehr da bin?«

»Darauf kann dir wohl keiner eine Antwort geben«, sagte Nicandra leise. »Und ich wette, du willst auf diese Frage auch gar keine Antwort haben.«

Moronthor erhob sich. »Also gut. Wechseln wir vom sonnigen Frankreich ins verregnete Florida. Wenigstens kostet uns die Reise diesmal nichts - oder hast du deine Para-Fähigkeit noch nicht wieder im Griff?« Moronthor spielte auf die Phase an, in der Teri Rheken ihre Druiden-Kraft nahezu vollständig verloren hatte. Sie war bei der Durchführung eines zeitlosen Sprunges in der von einem Dämon manipulierten Schutzsphäre um Château Aranaque »hängengeblieben«. Das hatte einen Schock ausgelöst, der ihr ihre Fähigkeiten raubte. Sie hatte lange benötigt, bis sie sie wieder einsetzen konnte.

»Natürlich habe ich sie wieder im Griff«, stellte Teri energisch fest. »Was glaubst du denn, wie ich hierher gekommen bin? Mit dem Flugzeug oder dem U-Boot?«

Moronthor grinste.

»Okay, ich packe Nicandras und meine Wintermäntel ein, und dann sind wir reisefertig. Was ist mit Fenrir? Nehmen wir Brüderchen Wolf mit?«

»Den laß lieber seine Wunden lecken«, empfahl Nicandra. »Die Spinnenbisse von damals hat er noch nicht völlig ausgeheilt, und die mutierten Sammael-Ungeheuer, die er in den Fängen hatte, könnten auch noch Nachwirkungen zeigen. Wir lassen ihn hier. Raffael soll ihm ein paar Extra-Dosen Hundefutter beschaffen, und als Gegenleistung darf er in den unerfindlichen tiefen Kellergewölben Spinnen und Mäuse jagen.«

»Wie ich ihn einschätze, vergreift er sich an den Weinflaschen. Hast du schon mal einen betrunkenen Wolf den Mond anheulen gehört?«

***

In den Schwefelklüften der Hölle ging der Dämon Astardis seinen Gedanken nach. Er war ein Einzelgänger, der uralt war und den die Macht nicht reizte. Er lebte äußerst zurückgezogen, und erst in den letzten Tagen und Wochen hatte er sich zum ersten Mal nach vielen Jahrtausenden wieder bemerkbar gemacht. Es war ein vorsichtiges Abtasten der Kräfte Moronthors gewesen, an dem bislang noch jeder andere Dämon schiußendlich gescheitert war. Astardis war vorsichtig. Er erging sich nicht in Prahlereien über seine eigene Unbesiegbarkeit und Unüberwindlichkeit, sondern er prüfte erst einmal, wie stark der Gegner überhaupt war, mit dem er es zu tun hatte.

Er hielt Professor Moronthor für einen starken, ernstzunehmenden und äußerst interessanten Gegner. Und immerhin war es Astardis aufgrund seiner speziellen Fähigkeiten, die seines Wissens kein anderer der Dämonen beherrschte, gelungen, die weißmagische Abschirmung von Château Aranaque zu unterwandern und sogar zu manipulieren. Er hatte Moronthor damit eine harte Nuß zu knacken gegeben. Lange Zeit hatte der Meister des Übersinnlichen nicht einmal gewußt, daß sein Gegner sich längst in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt, innerhalb der Schutzzone. Und auch jetzt war Moronthor sich noch nicht völlig sicher, ob diese Dämonin Angela, mit der er es zu tun gehabt hatte, die gleiche Figur war wie der Dämon Angelo diAstardi, der in einer Parallelwelt gegen Teri Rheken angetreten war. Denn Angela war »getötet« worden und vor Moronthors Augen zerfallen. Und auch Angelo diAstardi war im Hause Rob Tendykes »erschlagen« worden. Offiziell galten beide Figuren als tot.

Astardis lebte aber noch.

Er war sowohl Angela als auch Angelo diAstardi gewesen - und war es zugleich doch nicht.

Denn er selbst verließ sein Versteck in den Tiefen der Hölle so gut wie nie. Er besaß ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und verbarg sich. Nicht einmal die Dämonen der Hölle bekamen seinen eigentlichen Körper zu Gesicht.

Astardis bildete feinstoffliche Doppelkörper. Er konnte in beliebiger männlicher oder weiblicher Gestalt erscheinen, wie er es gerade für richtig hielt. Er projizierte diese künstlichen Doppelkörper an jenen Ort, den er erreichen wollte, und ließ diesen Scheinkörper dort so agieren, als wäre er es selbst. Er sah durch die Augen des Zweitkörpers, er hörte und sprach, roch und schmeckte mit dessen Sinnen, und er dachte mit dem Gehirn dieses Doppelkörpers. Aber seine Magie verblieb in den Tiefen der Schwefelklüfte. Sie wurde von dort aus eingesetzt und da wirksam, wo der Doppelkörper es wollte. Der feinstoffliche Zweitkörper selbst war dabei nicht als Träger der Schwarzen Magie zu erkennen. Allenfalls eine hauchfeine astrale Verbindung, die zum Versteck des Dämons führte, konnte festgestellt Werden, wenn der Forschende besonders empfindsam war. Doch hatte es bislang noch niemand fertiggebracht, dieser astralen Nabelschnur zu folgen. Sie war viel zu dünn, um einen Sucher ans Ziel zu führen.

Und Astardis würde einen solchen Sucher natürlich auch sofort bemerken und die Verbindung unterbrechen können, so daß der andere ins Leere stieß. Von daher war Astardis praktisch unauffindbar. Er war sicher in seinem Versteck, das er nie zu verlassen brauchte.

Er konnte demselben Gegner mehrmals gegenüber stehen, jedes Mal in einer anderen Gestalt, und der andere würde nicht einmal ahnen, daß er es jedes Mal in Wirklichkeit mit Astardis zu tun hatte. Astardis aber konnte sich dann von Mal zu Mal besser auf seinen Gegner einstellen, weil er immer wieder dazulernte und neue Fähigkeiten oder Tricks erkannte und erlebte, um ihnen beim nächsten Mal wirksam entgegentreten zu können.

Das war sein großer Vorteil.

Astardis, einer der uralten Erzdämonen, wußte sehr wohl, daß er in der Hierarchie der Hölle viel höher hätte stehen können, wenn er es nur wollte. Denn durch die Möglichkeit, nur einen Scheinkörper agieren zu lassen, während er selbst doch in einem unauffindbaren Versteck in Sicherheit war, wäre er auch für die Intrigenspiele und Angriffe neidischer Konkurrenten so gut wie unangreifbar. Unangreifbarer jedenfalls als Erzdämonen, die offen im Rampenlicht standen, wie es Astaroth oder Lucifuge Rofocale taten, oder wie es Asmodis getan hatte und auch sein Nachfolger Leonardo deAranaque jetzt tat.

 

Aber Astardis war daran nicht interessiert.

Denn er besaß Macht. Er hatte sie durch seine Fähigkeiten, und er liebte es, seine Macht heimlich auszuspielen. Er brauchte keine Bewunderer. Es reichte ihm zu wissen, was er bewirken konnte, und andere vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Lange hatte er es nicht mehr getan.

Erst jetzt, seit kurzem, befaßte er sich wieder mit den Dingen, die sich in der Welt der Menschen und auch im Dämonenreich abspielten. Auf das Verlangen des Fürsten der Finsternis hin hatte er an dem Tribunal gegen Eysenbeiß teilgenommen und glaubte, damit seinen »gesellschaftlichen« Verpflichtungen für die nächsten tausend Jahre wieder Genüge getan zu haben. Er hatte den Ju-Ju-Stab an sich gebracht. Offiziell galt der Stab als versiegelt und in den vulkanischen Tiefen versenkt; der kristallische Block mit dem Stab darinnen würde irgendwann bis in den Abyssos hinabsinken, und was dort mit ihm geschehen würde, war eine Sache, die die sieben Kreise der Hölle nicht mehr betraf. Aber in Wirklichkeit befand sich der Stab jetzt in der Hand Astardis’.

Er hatte ein Duplikat angefertigt und vor den Augen des Fürsten der Finsternis in die Lavagluten geschleudert. Der echte Stab war jetzt in seinem Besitz.

Es war ein äußerst gefährlicher Besitz. Denn der Ju-Ju-Stab war mühelos in der Lage, auch Astardis zu vernichten. Der Dämon mußte sich hüten, ihn mit eigener Hand zu berühren. Es wäre sein sofortiger Tod.

Aber sein Scheinkörper konnte den Stab berühren und benutzen. Denn er war magisch neutral. Die dünne astrale Nabelschnur war von den Kräften des Ju-Ju-Stabes nicht betroffen, sie war keine dämonische Substanz, sondern lediglich ein geistiger Kraftstrom. Nachdem Astardis das erkannt hatte, hatte er spontan beschlossen, den Stab als Geheimwaffe zu behalten.

So, wie es Magnus Friedensreich Eysenbeiß getan hatte.

Natürlich hatte der Besitz des Stabes Eysenbeiß nicht retten können. Aber Astardis besaß ganz andere Voraussetzungen. Eysenbeiß war ein Mensch gewesen, der über schwache magische Fähigkeiten verfügte - noch dazu solche, die ihm hier in der Hölle wenig nützten. Was brachte es ihm dann effektiv. Gegenstände aus der Zukunft herbeizaubern zu können? Es war eine nutzlose Fähigkeit.

Astardis dagegen konnte seinen Doppelkörper den Ju-Ju-Stab einsetzen lassen und andere Dämonen damit bezwingen - und wenn er selbst von übermächtiger Magie angegriffen wurde, löste er den Körper einfach auf, und die Magie verpuffte wirkungslos im Nichts. Statt dessen entstand der Doppelkörper an einer anderen Stelle schon wieder neu und konnte zum Angriff übergehen.

Den Ju-Ju-Stab zu besitzen, war für Astardis eine unglaubliche Versuchung. Der Stab verlieh ihm Macht. Uneingeschränkte, unbesiegbare Macht über alle anderen Dämonen. Mit diesem Stab konnte er sich ohne Weiteres zum Herrn der Hölle aufschwingen, vielleicht sogar den Kaiser LUZIFER besiegen, den noch niemand wirklich von Angesicht sah. Aber die Versuchung dieser Macht verführte auch zum Leichtsinn.

Und deshalb beherrschte sich Astardis. Er war niemals leichtsinnig gewesen. Allein das Wissen, daß er jederzeit erfolgreich nach der Macht greifen konnte, wenn er es wollte, ließ ihn leichten Herzens darauf verzichten.

Astardis fragte sich nun, was Leonardo deAranaque mit der kurzfristig angesetzten und noch kurzfristiger wieder verworfenen Besprechung bezweckt hatte. Sollte es darum gehen, den Thron des Ministerpräsidenten Satans wieder neu zu besetzen, nachdem Eysenbeiß gerichtet worden war? Wollte der Fürst der Finsternis eine »Hausmacht« um sich scharen, die ihn bei seinem Ansinnen unterstützte? Es war Astardis klar, daß Leonardo versuchen würde, auf der Rangleiter noch ein Stück weiter hinaufzurücken. Es war Astardis aber auch klar, daß er selbst das niemals unterstützen würde. Er würde aber selbst auch nicht bereit sein, dieses Amt anzunehmen.

Von Astaroth wußte er, daß der auch nicht interessiert war. Wie es bei den anderen ursprünglich zur Besprechung geladenen Dämonen war, wußte Astardis nicht, aber er nahm an, daß Leonardo nur solche ausgesucht hatte, die selbst keine Ambitionen besaßen, sich auf den zweithöchsten Höllenthron zu setzen.

Aber jetzt schien es, als sei das Thema ohnehin erledigt. Wenn es stimmte, daß Lucifuge Rofocale zurückgekehrt war, hatte der Thron wieder einen rechtmäßigen Besitzer. Denn Lucifuge Rofocale würde nicht darauf verzichten und ins zweite Glied zurücktreten, nur weil er eine Zeitlang nicht präsent gewesen war.

Es mochte aber auch geschehen, daß jetzt ein frischer Wind wehte. Möglicherweise hatte Lucifuge Rofocale sich alles nur aus der Ferne angesehen und würde jetzt mit dem eisernen Besen kehren, um entstandene Mißstände zu bereinigen. Daß einer der am Tribunal gegen Eysenbeiß beteiligten Dämonen dafür zur Rechenschaft gezogen werden würde, daran glaubte Astardis nicht. Nicht einmal LUZIFER hatte etwas dagegen einzuwenden gehabt, nachdem Eysenbeißens Verrat ruchbar wurde. Eher war es möglich, daß Lucifuge Rofocale ein Donnerwetter losließ, weil man es überhaupt erst zugelassen hatte, daß Eysenbeiß die Macht ergriff und seinen Verrat durchführen konnte. Dieses Donnerwetter würde dann aber hauptsächlich Leonardo treffen, da Eysenbeiß vorher dessen Berater gewesen war.

Astardis war froh darüber, daß er sich aus solchen Dingen immer weitgehend herausgehalten hatte. Schon am Tribunal hatte er ungern teilgenommen; nur auf persönliche Aufforderung des Fürsten der Finsternis hin. Leonardo deAranaque hatte einen »unbefangenen und unparteiischen« Richter im Tribunal haben wollen.

Aber was auch immer jetzt kommen mochte - Astardis besaß einen nicht zu überbietenden Trumpf in allen möglichen Lagen: den Ju-Ju-Stab, den jeder vernichtet beziehungsweise unbrauchbar gemacht glauben würde. Das war die ultimate Geheimwaffe.

Aber sie nützte ihm nur im Dämonenreich etwas. Gegen Feinde unter den Menschen, wie sie der Dämonenjäger und Parapsychologe Professor Moronthor oder die Druidin Teri Rheken darstellten, half diese Waffe nicht. Da mußte er sich etwas anderes ausdenken.

Er dachte an gerade diese beiden Gegner. Zuletzt hatte er ihnen in Florida gegenübergestanden, genauer gesagt, sein Zweitkörper. Es war im Haus eines gewissen Rob Tendyke gewesen.

Der war nicht allein gewesen. Neben Moronthor, Teri Rheken und dem Personal, das Astardis teilweise unter seine hypnotische Kontrolle hatte bringen können, waren da noch zwei weitere Personen gewesen. Zwei Mädchen.

Astardis kannte sie nicht.

Er hatte auch nicht die Zeit gefunden, sich näher mit diesen beiden zu befassen. Aber irgendwie spürte er, daß sie wichtig waren.

Mit ihnen stimmte etwas nicht…

Vielleicht sollte er sich einmal näher mit ihnen befassen. Es war ihm einmal gelungen, Tendyke’s Home zu betreten, und es würde ihm auch ein zweites Mal gelingen. Magische Abschirmungen spielten für seinen Doppelkörper schließlich keine Rolle.

***

Über Florida schien die Sonne.

Hier war es noch früher Mittag.

Zwischen dem Château Montage im Loire-Tal in Frankreich und der Halbinsel Florida lag ein Zeitunterschied von etwa sechs Stunden. Und der kam in diesem Moment voll und unverkürzt zum Tragen, weil Teri Rheken Moronthor und Nicandra im zeitlosen Sprung mitgenommen hatte.

Moronthor hatte zwar noch einmal dezent erwähnt, daß es im Château eine Menge unerledigter Büroarbeit gäbe, und daß er eigentlich mit diesem Fall doch auch allein fertig würde. »Kommt gar nicht in Frage«, hatte Nicandra protestiert. »Mich läßt du hier im Schweiße meines Angesichts am Schreibtisch schuften, und du selbst amüsierst dich prächtig und erholst dich bei dem bißchen Dämonenjagen. Ich komme mit, mein Lieber. Und wenn es nur darum geht, auf Krokodiljagd zu gehen, während du dich mit den Dämonen amüsierst.«

»Es gibt in Florida keine Krokodile«, hatte Moronthor verbessert. »Sondern Alligatoren.«

»Mir egal! Und den Krokodilen ist es bestimmt auch egal, daß sie Alligatoren sind. Auf jeden Fall haben sie Panzerhaut und Zähne, und man kann Handtaschen aus ihnen machen.«

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