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Alexandre Dumas

Katharina Howard

Impressum

Texte: © Copyright Alexandre Dumas

Umschlag: © Copyright by Walter Brendel

Übersetzer: © Copyrighby Ludwig von Alvensleben

Verlag: Brokatbook Verlag Dresden Gunter Pirntke

Gunter Pirntke

Altenberger Straße 47

01277 Dresden

brokatbook@aol.com

walterbrendel@mail.de

Inhaltsverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

1.

Im Empfangsaal im Palast zu White-Hall harrte der Lord Kammerherr auf das Lever Heinrichs VIII., der sich mit dem Lord Großkanzler in seinem Schlafzimmer befand. Bald gesellten sich der Herzog von Norfolk und Sir Thomas Cranmer, Erzbischof von Canterbury, zu dem Harrenden, in der Absicht, dem König ebenfalls ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Der Herzog fragte den Erzbischof nach Neuigkeiten aus Rom dieser wollte dagegen von dem Generallieutenant hören, wie die Sachen in Schottland standen, denn der König von England stand mit seiner schottischen Majestät nicht besser als der Erzengel Michael mit dem höllischen Satan. Erst am vorigen Tage war Heinrich VIII. aus der Grafschaft York zurückgekehrt, wo er sechs Tage lang vergebens seinen unbesonnenen Neffen erwartet hatte, der ihm nach Verlauf dieser Zeit endlich eine kahle Entschuldigung geschickt hatte, so dass der König ganz wütend nach London zurückgekehrt war. Andererseits lauteten die Nachrichten aus Rom nicht besser; der König und das Reich, der Adel und das Volk waren noch immer mit dem Bannfluch belegt; dagegen hatte der König eine Versammlung von neunzehn Prälaten und fünfundzwanzig Doktoren berufen, welche die Ernennung des Papstes verworfen, ihm keine andere als eine rein geistliche Gewalt zugestanden, so wie keinen andern Titel, als den eines Bischofs von Rom, und Heinrich VIII. König von England, zum Oberhaupt der Religion proklamierte. Das konnte nun ebenso gut zu einem blutigen Krieg führen, wie mit Jakob V., denn dessen Heirat mit Maria von Guise, wie die Annahme des Titels: »Verteidiger des Glaubens«, den ihm der Papst Paul III. gegeben hatte, war so gut wie eine offene Kriegserklärung.

Die drei Männer brachen jetzt ihr politisches Gespräch ab, denn soeben erschien Prinzessin Margarethe, die Schwester des Königs, von dem Grafen von Sussex geführt, der erst aus Frankreich zurückgekehrt war, um das Erbe seines Vaters in Empfang und dessen durch den Tod erledigte Stelle im Oberhaus einzunehmen.

»Als ich die Herzogin von Etampes zum ersten Male an dem Hofe Franz l. sah«, sagte der Graf im Eintreten zu der Prinzessin, »trug sie ein Kleid von demselben Stoffe, wie Eure Hoheit.«

»Ihr erfreut Euch eines guten Gedächtnisses, Mylord«, erwiderte Margarethe mit Leutseligkeit; »wenn es daher unser gnädigster Bruder und Beherrscher vergönnt, so werden wir Euch zum Großmeister unserer Kleiderkammer ernennen. Dieser Stoff kam uns wirklich über das Meer her; Heinrich erhielt ihn mit andern Geschenken, welche ihm der König von Frankreich zum Zeichen seiner Freundschaft schickte . . . Gott zum Gruße, Erzbischof von Canterbury! guten Morgen, Mylords.«

Die anwesenden Männer neigten sich tief vor ihr; Sussex grüßte sie leicht ihn, und fuhr dann in seinem Gespräche mit der Prinzessin fort:

»Als Zeichen der Freundschaft, sagt Ihr? . . . Das tut mir leid, Mylady; denn wir haben uns im Einverständnis mit den Herren von Montmorency und von Guise versprochen, dass diese Freundschaft nicht von langer Dauer sein soll.«

»Wie!« fiel ihm der Herzog von Norfolk ein, »Ihr wollt uns mit Frankreich entzweien, Graf?«

»Wir tun alles zu diesem Zweck, Lord Generallieutenant«, erwiderte der Graf. »Der Tag der Sporen liegt unsern Nachbarn schwer aus dem Herzen, und das Absteigequartier, das Heinrich sich zu Calais vorbehält, lässt hoffen, dass er nicht anstehen wird, nochmals über das Meer zu schiffen, um ihnen Revanche zu bieten.«

»Ich fürchte«, entgegnete ihm der Herzog von Norfolk, »dass seine Gnaden für den Augenblick so viel Beschäftigung hat, dass es ihm unmöglich ich sein wird, auf Eure politischen Absichten einzugehen, so vorteilhaft sie ihm auch scheinen mögen. Die Herren von Montmorency und von Guise können ja über das Meer herüber kommen; ich glaube sogar, dass zwei Schwerter, so tapfer und treu wie die ihrigen, am Hofe Jakobs sehr willkommen sein würden; und da ich hoffe, Euch Mylord, unter den Anführern des Heeres zu zählen, welches ich an die Grenze führen werde, so ist das eine gute Gelegenheit für Euch, an den Ufern der Twed die Bekanntschaft zu erneuern, welche Ihr mit Euern Freunden an den Ufern der Seine geschlossen habt.«

»So soll es sein«, gab Sussex zur Antwort, »wenn anders Gott und der König mich nicht daran verhindern. Es besteht ein altes Sprichwort in England, welches sagt, dass, so oft zwei Schwertklingen auf unserer Insel im Sonnenstrahle erglänzen, man nur an die Seite eines Grafen von Sussex zu schauen brauche, um eine leere Scheide zu finden.«

»Hm!« sagte der Erzbischof, »ist allerdings so alt, dass es anfängt, in Vergessenheit zu geraten.«

»Es würde neues Leben gewonnen haben, wenn ich mich zur Zeit des Prozesses der unglücklichen Anna Boleyn in England befunden hätte«, erwiderte der Graf mit Feuer; »und vielleicht wäre es gut gewesen für die Ehre des Königs, wenn ich da gewesen wäre, und auch für Eure Ehre, gnädiger Herr, die ich vor einem hässlichen Flecken bewahrt haben würde.«

»Wenn ich Euch recht verstehe, Mylord«, sagte der Erzbischof, »so wollt Ihr sagen, dass Ihr die Königin verteidigt haben würdet.«

»Ja, Herr Erzbischof, und das auf zweifache Weise.«

»Darf man fragen wie?«

»Im Parlament durch meine Rede.«

»Und wenn Euch der König Schweigen geboten hatte, wie mir?«

»Dann in den Turnierschranken mit meinem Schwerte . . . «

Die Prinzessin, die es als Schwester des Königs nicht für schicklich hielt, solche Erörterungen mit anzuhören, gebot den beiden Streitenden, ihrem Gespräche eine andere Wendung zu geben, als der Türsteher Lord Ethelword, Herzog von Dierham, anmeldete, welcher der Prinzessin mittheilte, dass er am Gitterthor des Palastes durch eine Gesandtschaft aus Schottland und die sie umringende Volksmenge aufgehalten worden sei.

Alle sahen sich erstaunt einander an, aber noch bevor sie Worte finden konnten, ließen sich die Töne der schottischen Dudelsäcke, mit Geschrei untermischt, vernehmen, worin der Herzog von Norfolk alsbald den Marsch und das Kriegsgeschrei des Klans Mac-Cellan erkannte. Von den wilden Tönen erschreckt, warf sich die Prinzessin zur Seite, als in demselben Augenblicke der König die Tür seines Schlafzimmers hastig aufriss, und horchend stehen blieb, ohne ein Wort zu sagen.

»Bei St. Georg! Mylords, habt Ihr gehört?« rief er endlich, indem er, die Arme kreuzend, in den Saal hinaus trat. »Oder ist es nur ein Traum? Der Marsch und das Kriegsgeschrei der Schotten ertönt im Hofe zu White-Hall!«

»Sire, sie haben so oft die englischen Trompeten im Hofe des Palastes von Stirling vernommen«, entgegnete der Graf von Sussex.

»Ihr habt Recht, Graf«, lachte der König; »aber die Trompeten machten wenigstens kein solcher Lärm, um die Toten damit aus ihren Gräbern zu erwecken. Seht nur, da kommt sogar mein alter Alchimist Flemming zitternd aus seinem Laboratorium hervor, um zu fragen, ob er nicht etwa die Posaunen des Jüngsten Gerichts gehört hätte.«

In der Tat erhob Flemming die Tapisserievorhänge, welche eine kleine gewölbte Tür verbargen; streckte sein greises Haupt hervor, und sah sich ängstlich nach allen Seiten um.

»Geh nur wieder hinein, alter Prophet«, rief ihm der König lachend entgegen; »es ist nichts als Gebrülle des schottischen Fuchses, das von dem Gebrülle des englischen Löwen übertäubt werden wird.«

Hierauf befahl er dem Herzog von Norfolk, die Higlanders-Ochsentreiber einzulassen, und zugleich seine Trompeter zu fragen, ob sie sich noch des Marsches von Flodden erinnerten. Als der Herzog gegangen war, begrüßte er seine Schwester und die Lords.

»Kommt doch näher, Sir Thomas Canterbury«, sagte er, indem er auf seinen Thron zuschritt, »denn wir wissen, dass unser Thron nur stark und mächtig ist, weil er sich einerseits auf die Tapferkeit des Adels und anderseits auf die Gelehrsamkeit der Kirche stützt.«

Bei diesen Worten reichte er sowohl dem Herzog von Dierham als dem Erzbischof die Hände; und als er sah, dass die Prinzessin Margarethe eben im Begriffe war, sich zu entfernen, fragte er sie rasch, wohin sie wolle.

»Sire«, erwiderte diese, »ich war gekommen, um Euerm Lever, nicht aber einer Kriegsaudienz beizuwohnen. Ich hoffe also, dass mein Platz . . . «

»Euer Platz«, fiel ihr der König schnell in die Rede, »sollte häufiger im Rat und minder auf dem Ball sein; Ihr vergesst, dass bei uns die Frauen zur Nachfolge gelangen können, und wenn dem Prinzen Eduard ein Unglück zustieße . . . «

»Ich hoffe, dass Gott Eurer Gnaden allen derartigen Kummer ersparen wird«, sagte die Prinzessin mit einem Tone, der tief aus der Seele hervor kam.

 

Auf ein Zeichen des Königs geleitete der Graf von Essex die Prinzessin in ihre Gemächer zurück. Indessen vernahm man den Schall der englischen Trompeten, welche die Töne der schottischen Dudelsäcke beantworteten. Der König nahm Platz auf dem mit dem englischen Wappen geschmückten Lehnstuhl, der ihm als Thron diente, und gleich darauf meldete der zurückkehrende Herzog von Norfolk, dass Sir John Scott von Thirlstane, Gesandter des Königs von Schottland, um die Ehre bitte, vor den König gelassen zu werden.

Heinrich winkte bejahend, und als der Gesandte jetzt eintrat, rief er ihm entgegen:

»Gott zum Gruße, Sir John! Wir erkennen heute, dass Ihr Eures Wahlspruchs: Immer fertig! würdig seid.«

Der Schotte neigte sich mit stolzer Würde vor dem König, und sagte:

»Besonders wenn es sich um die Ehre meines Königs und meines Vaterlandes handelt, bin ich stolz, ihn zu führen, und ehrgeizig, seiner würdig zu sein.«

»Nun«, rief der König, »unser Neffe schickt uns einen Gesandten, und verlangt eine öffentliche Audienz. Ist er endlich gewillt, die reformierte Religion anzunehmen, die Klöster in seinem Reiche aufzuheben, und den Papst nur als Bischof von Rom zu betrachten?«

»Sire«, erwiderte John von Thirlstane ehrerbietig, »Schottland und sein König sind seit dem dritten Jahrhundert mit Leib und Seele katholisch; für sie wird der Nachfolger des heiligen Petrus stets der Statthalter Christi sein, und Volk und Monarch werden dem Glauben wie der Tapferkeit ihrer Väter treu bleiben.«

»Gut«, sagte Heinrich, »die Verbindung des Königs Jakob mit der fanatischen Familie der Guisen ließ mich diese Antwort auf meine erste Frage erwarten. Ich werde später entscheiden, welches Gewicht sie in der Wage des Kriegs und des Friedens haben soll.«

»Wir hoffen, dass Euer Gnaden sie mit einer Hand halten wird, die ebenso gerecht sein wird, als sie mächtig ist, und dass weder der Hauch des Fanatismus, noch die Ratschläge des persönlichen Interesses ihre Waagschale niederziehen werden.«

»Der Entschluss, den ich fassen werde, Sir John, hängt weniger von der Antwort ab, die Ihr mir gegeben habt, als von der, die Ihr mir geben werdet.«

Der schottische Edelmann neigte sich ehrfurchtsvoll vor dem König, der ihn nun fragte, ob Jakob V. einwillige, ihm wegen der Krone Schottlands zu huldigen, wie seine Vorfahren seit dem Jahre 900 den Vorfahren Heinrichs gehuldigt hätten; wie Erich Eduard I., Malcolm Eduard dem Beichtiger, Wilhelm dem Eroberer, und Wilhelm dem Roten; wie Edgar, Malcolms Bruder, Heinrich I.; David, der Nachfolger Edgards, der Kaiserin Mathilde; Davids Sohn, Stephan, dessen Bruder Wilhelm, nebst dem ganzen Adel Heinrich II. Richard I. und dem König Johann gehuldigt hatten, welche letzte Huldigung, um ihr einen feierlicheren Charakter zu geben, öffentlich auf dem Lincolmsberg gehalten, und auf das Kruzifix des Erzbischofs von Canterbury beschworen wurde. Diese Huldigung, welche Johann von Bailiol Eduard III. noch geleistet hatte, war unter der Herrschaft Richards II. und Heinrichs IV. unterbrochen worden wegen der Bürgerkriege, welche damals England verheerten; als aber ihr Nachfolger, Heinrich, dem König von Schottland gebot, ihn als Vasall auf seinem überseeischen Kriegszug zu begleiten, da gehorchte ihm der König von Schottland. Unter Richard III. erlitt diese Huldigung abermals eine Unterbrechung; aber Richard war ein Usurpator, und halte mithin keinen Anspruch darauf. Heinrich VII., der Vater des herrschenden Königs, war zu sehr mit politischen und religiösen Faktionen beschäftigt, welche das Reich in seinem Innern bewegten, um die Blicke nach Außen zu wenden, und hatte daher diese Huldigung von Jakob IV. nicht verlangte aber Heinrich VIII., der, sich als Vollstrecker der göttlichen Rache betrachtend, die Rebellen in ihrem Blut ertränkt, die Kehre in den Flammen erstickt, und die feindlichen Heere auf den Schlachtfeldern vertilgt hatte, er, der das alte England seit vier Jahrhunderten von den Stößen der Bürgerkriege untereinander gerüttelt und seit tausend Jahren in der Nacht des Irrtums versunken sah, er wollte das nicht länger dulden; wollte, dass die Dinge ihren unterbrochenen Gang wieder gehen sollten. Nach seiner Ansicht war das schottische Volk seinem Adel, der schottische Adel seinem König, der schottische König dem König von England, und der König von England Gott zur Huldigung verpflichtet.

Dieser Meinung war aber die des Sir von Thirlstane gerade entgegengesetzt, denn er behauptete, die Huldigung, welche die alten Könige von Schottland den Königen von England dargebracht, habe sich nur auf die Grundstücke bezogen, welche jene in England besaßen, so wie auch die Könige von England denen von Frankreich wegen der Herzogtümer Guyenne und der Normandie huldigten. Der König besaß Geschichtskenntnis genug, um die Huldigung wegen der Grafschaft Huntington nicht mit der Huldigung des Reichs und die der Besondere König von Northumberland, nicht mit der der König von Schottland zu verwechseln. Aus dem, was unter der Regierung Bailiols vorgegangen war, konnte England keine andere Schlussfolgerung ziehen, da der schottische Adel stets gegen dieses Verfahren protestiert hatte. Johann von Bailiol hatte Eduard I. allerdings aus Dankbarkeit gehuldigt, weil ihm dieser behilflich gewesen, den Thron zu erlangen; aber er verlor deswegen die Achtung seines Adels und die Freundschaft seines Volks; Jakob V. war aber zu geachtet von dem einen und zu geliebt von dem andern, um sich jemals einem solchen Unglück auszusetzen.

Wie ehrerbietig der alte Edelmann seine Meinung auch ausgesprochen hatte, so begann das leicht entzündliche Blut in Heinrichs Adern doch heftiger zu wallen, und mit schlecht verhaltenem Zorne rief er aus:

»Also mein Neffe weigert sich, mich als Lehnsherrn anzuerkennen?«

»So ist es«, erwiderte der Schotte trocken.

»Herr er im Voraus auch alle Folgen erwogen, welche seine Weigerung nach sich zieht?«

»Welches sie auch sein mögen, er wird sie tragen; die Könige von Schottland haben den Gebrauch, mit der Hand erst an ihr Schwert zu fahren, bevor sie nach ihrer Krone fassen.«

»Wohl! Sir von Thirlstane! . . . « sagte Heinrich, indem er sich rasch von seinem Thronsessel erhob, »wohl! wir sind all’ der geschwornen und wieder zurückgenommenen Huldigungen müde. Hört mich also an: vorhin hätte ich mich noch mit Dem begnügen können, was ich von Euch begehrte; jetzt verlange ich mehr. Die Hand Gottes warf unsere beiden Nationen fern von andern Völkern der Welt in die Mitte des Ozeans, aus einen und denselben Boden, der aber ungleich zwischen sie geteilt ist; nur durch das schmale Bett des Tweds getrennt, wäre das hinreichend, um zwei Provinzen, nicht aber zwei Königreiche von einander zu scheiden; auch ist seit tausend Jahren das beste Blut der beiden Völker bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer geflossen; seit tausend Jahren hatte England keinen Feind, der nicht Schottland zum Bundesgenossen gehabt hätte; seit tausend Jahren wütete kein Bürgerkrieg in Schottland, dass nicht Englands mächtiger Hauch die Feuersbrünste seiner Städte angefacht hätte; zwischen unsern beiden Völkern besteht ein Hass, den die Mutter ihren Töchtern mit der Milch einflößt, den der Vater seinen Söhnen mit dem Schwerte vererbt . . . Wohlan, Sir John, dieser Hass würde von Generation zu Generation bis zum Tage des letzten Gerichts fortdauern, wenn es nicht mir, Heinrich von England, in den Sinn gekommen wäre, dass das unter meiner Regierung ein Ende nehmen sollte; Huldigung genügt mir seht nicht mehr, ich will erobern, denn zwei Kronen und zwei Köpfe sind um die Hälfte zu viel für eine Insel . . . Von heute an gibt es nicht mehr einen König in England und einen König in Schottland, sondern einen König von England und Schottland . . . Der Gott der Heerschaaren wird entscheiden, ob er Heinrich VIII. oder Jakob V. heißen wird.«

»Sire, der Gott der Heerschaaren ist auch der Gott der Gerechtigkeit«, warf ihm der greise Krieger mit ruhiger Würde ein.

»Davon habt Ihr einen Beweis vor Augen, Sir John«, sagte der König aufbrausend, indem er aus die Wand deutete, an welcher überall Waffentrophäen aufgehängt waren; »schaut zu Eurer Linken, die Rüstung dort gehörte dem König Jakob IV., der nebst seinem Sohne, zwölf Grafen und siebzehn Baronen auf dem Schlachtfeld von Flodden blieb. Auf dem Harnisch könnt Ihr noch die Öffnung sehen, durch welche der Stahl eindrang und das Leben entfloh. Wohlan, Sir John! ich schwöre bei meinem Zepter, dass, mit welcher starken Rüstung ihr Schottland auch umgeben mögt, ich ihm doch eine Wunde beibringen werde, die breit und tief genug ist, auf dass alles Rebellenblut seinem Herzen auf einmal entströme . . . «

»Bevor Ihr aber dahin gelangt, Sire«, fiel ihm der Schotte in das Wort, »müsst Ihr erst die letzte seiner Städte zerstört, den letzten seiner Söhne aufgeopfert haben! . . . Was mich betrifft, so beliebte Ew. Gnaden vorhin, zu bemerken, dass ich meines Wahlspruchs würdig sei . . . Ich würde dagegen verstoßen, wenn ich nicht auf das schnellste Urlaub von Euch nähme; denn ich wünsche, dass Ihr mich an den Sitze der ersten Krieger, die gegen Euch ausziehen, finden und dann sagen mögt: Immer fertig

»Wir halten Euch nicht zurück, Sie John«, sprach Heinrich gereizt. »Die englischen Könige besitzen auch einen Wahlspruch, den sie nie in Vergessenheit kommen ließen, und der, bevor ein Monat vergeht, in feurigen Buchstaben auf so viel Städten geschrieben stehen soll, dass man aus allen Winkeln Schottlands darauf lesen kann: Gott und mein Recht!«

Hierauf entließ er den schottischen Edelmann, seine Umgebung auffordernd, ihm das Ehrengeleit zu geben, nicht als Gesandten des Königs von Schottland, sondern als Botschafter seines Neffen, Jakobs V. Nur Ethelword, den Herzog von Dierham, hielt er durch einen vertraulichen Wink bei sich zurück; er fasste ihn unter den Arm wie einen liebgewordenen Freund, ging einige Mal in dem großen Gemache mit ihm auf und nieder, und sagte endlich:

»Nun, Herzog von Dierham, was sagt Ihr zu der Hartnäckigkeit unseres Neffen?«

»Dass niemals ein König einen Gesandten wählte, der kürzer gefasst in seinen Antworten war, als dieser.«

Heinrich nickte lächelnd, denn er selbst musste zugestehen, dass Sir John ein würdiger Schotte war, der nur das Unrecht hatte, sich noch in den Zeiten der Robert Bruce und der William Wallace zu wähnen, und zu glauben, dass nach sechs Jahrhunderten die Herzen noch dieselben wären, weil die Harnische, die sie bedeckten, noch die nämliche Gestalt hatten. Er glich einer Bildsäule aus alter Zeit, die als Meilenzeiger auf die Heerstraße des Lebens gestellt war, und die mit ihren steinernen Augen nicht gesehen hatte, dass die Generationen in dem Grade verarmten, als sie aufeinander gefolgt waren.

Sich plötzlich dem Nachdenken entreißend, in welches er versunken war, sagte der König zu Ethelword: »Glaubt mir, Mylord, dieses Krieges wegen wird kein einziges meiner Haare bleichen. Mein Schwert ist lang und schneidend, und wohin ich mit ihm nicht reichen kann, da schleudere ich es hin! . . . Das macht mich nicht unglücklich, Mylord, das nicht.«

Er warf sich ungestüm in einen Sessel und versank wieder in tiefes Sinnen. Ethelword konnte nicht begreifen, wie er, der Sieger war von außen und Sieger im Innern, der den Streit der roten und der weißen Rose beendigt und zu Frankreich und England gesagt hatte: »Nun ist es genug!« wie dieser sich unglücklich fühlen konnte. Der menschliche Ehrgeiz musste größer sein als die Welt, da die Welt ihm nicht mehr genügte. — Aber das war es nicht — ein gut gebautes Schiff wird nicht durch den Zorn der Elemente zum Scheitern gebracht, wohl aber durch die unter dem Meere verborgenen Klippen; die Wunde wird tödlich, weil sie unsichtbar ist. Heinrich war groß und mächtig, aber obgleich ihn jeder seiner Untertanen beneidete, so beneidete er hingegen oft auch wieder den geringsten seiner Untertanen, denn Krone und Zepter allein sind nicht hinreichend zum Glücke. Der König bedurfte eines weichen Pfühls, worauf er von ihrer Last ausruhen konnte; neben der Größe des Palastes sehnte er sich nach derer Glücke der Häuslichkeit, das ihm seine vier Gemahlinnen nicht gegeben hatten. Katharina von Aragonien war mit seinem Bruder verlobt gewesen, bevor sie seine Gattin ward, woraus er später solche Gewissensskrupel schöpfte, dass er sich gezwungen fühlte, sie zu verstoßen. Anna Boleyn hatte wegen angeblicher Untreue das Schafott besteigen müssen. Den vom Himmel herabgestiegenen Engel Jeanne Seymour, hatte der eifersüchtige Himmel wieder zu sich zurück berufen. Anna von Cleve hatte er nur im Bilde gesehen, sich mit ihr vermählt, doch als sie nun in England ankam, fand er sie so wenig feiner Erwartung entsprechend, dass sie sich mit Schwesterrechten begnügen musste. Was war ihm also von seinen vier Ehen geblieben? Die Erinnerung an einige glückliche Tage, zwanzigjährige Reue, Scham und Kummer — zwei Töchter, welche das Gesetz zur Regierung unfähig erklärt hatte, und ein Sohn, dessen schwächlicher Lebensfaden keine lange Dauer versprach.

 

Noch war der Monarch jung, darum wollte er das Eheglück noch einmal versuchen; aber dieses Mal wollte er seine Lebensgefährtin nicht von fürstlichen Höfen suchen, denn er war es müde, dass sich Europa in seine häuslichen Streitigkeiten einmischte; seine Scheidung von Katharina von Aragonien hatte ihm einen Krieg mit Spanien, den Niederlanden und dem deutschen Reiche zugezogen. Es stand zu erwarten, dass die Verstoßung Anna’s von Cleve Hennegau, Flandern, vielleicht sogar Frankreich gegen ihn in Aufstand bringen würde. Isoliert, wie er im Schoß des Meeres war, konnte kein Bündnis seine Macht verstärken. Seine Stärke war in ihm, drum wollte er ein Weib, das jung sein sollte, auf dass er sie lieben könne; schön, auf dass sie ihm gefalle, und tugendhaft, auf dass er sich auf sie verlassen könne; ihre Geburt war ihm gleichgültig, hatte er doch zwei Staatsminister, den einen aus einem Metzger, den andern aus einem Grobschmied gemacht, warum sollte er nicht einen königlichen Prinzen aus dem Schoß einer Vasallin ziehen.

Und er hatte gefunden, was er suchte —- eine junge Waise, die in Ermanglung von Eltern von einer Amme aufgezogen worden war, und die, drei Meilen von London entfernt, ein kleines Landhaus am Ufer der Themse bewohnte. Sie hieß Katharina Howard . . . ein so unbekannter Name, dass nichts weniger dazu gehört hatte, als das Auge des Alchimisten Flemming, um sie unter den zwölf Millionen Untertanen des englischen Königs heraus zu finden. Er hatte dazu weder Zauberei noch Hexenkünste bedurft; denn als er eines Tages in der Umgegend von London nach irgend einer Pflanze suchte, die er für sein Laboratorium bedurfte, war er vom Regen überrascht worden, und hatte Obdach in einem einsamen Häuschen gefunden, das Katharina mit ihrer Pflegerin bewohnte. Dieser wunderbare Schatz fiel ihm auf; da er allein um die Absicht des Königs wusste, so erzählte er ihm von dem Mädchen, und später las er in den Sternen sowohl als in den Zahlen seiner kabbalistischen Berechnungen, dass dieses das Weib sei, wie es der König bedurfte. Doch dieser, durch Anna von Cleve vorsichtig gemacht, wollte seine königliche Liebe nicht eher verpfänden, bis er sich mit eigenen Augen überzeugt hätte, ob das Mädchen, welchem er sie anbieten wollte, ihrer auch wohl würdig sei, . . . daher hatte er sich auf den Rat des Alchimisten am vorigen Tage verkleidet, mit diesem eine gewöhnliche Barke bestiegen, und war mit ihm die Themse hinauf gefahren, bis an den Ort, wo die Dame seiner Gedanken wohnte. Dort sah er sie, auf den Arm ihrer Amme gestützt, am Ufer lustwandeln,: melancholisch und träumerisch, als ob sie ihr hohes Geschick im Voraus ahnte . . . Aber Flemming war weit hinter der Wahrheit zurückgeblieben, denn sie vereinigte Anna Boleyns Schönheit und Jeanne Seymour’s Anmut in ihrer Person. Der König war entzückt; als sie aber sah, dass die Barke auf sie zu ruderte, entfernte sich sie eilig.

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