Moonlight Romance Staffel 1 – Romantic Thriller

Text
Aus der Reihe: Moonlight Romance Staffel #1
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Inhalt

Erben müssen sterben!

Die Höllenhunde von Dartmoor

Die Toten aus dem Moor

Turm der Dämonen

Der Fluch des Vogelmonsters

Verfluchte Seelen

Die Erbinnen von Manthurin

Das Geheimnis des Maya-Gottes

Arsenal des Todes

Wenn der Hass unsterblich ist

Moonlight Romance – Staffel 1 –

Erben müssen sterben!

Er war da. Er war in ihrer Nähe. Er war draußen und beobachtete sein ahnungsloses Opfer durch das Fenster. »Keine weiteren Spielchen mehr, Molly Stone«, flüsterte er. »Ich hatte meinen Spaß mit dir, habe erreicht, was ich wollte, habe dir Angst eingejagt, dich konfus und kopflos gemacht. Du weißt mittlerweile weder ein noch aus, wirst von einem Berg von Fragen erdrückt, auf die du keine Antworten findest. Ich denke, dass du nun reif bist fürs Finale.«

»Liebst du mich?«, fragte Harry Baxter.

Molly Stone strich ihm zärtlich lächelnd das schweißfeuchte blonde Haar aus der Stirn. »Würde ich sonst mit dir schlafen?«

Sie saßen in Harrys betagtem Wagen auf den Rücksitzen. Die Scheiben waren ringsherum so dicht beschlagen, dass man nicht hinaussehen konnte. Aber auch nicht hinein. Und das war gut so, denn die beiden hatten im Moment nicht allzu viel an. Es war schon fast Mitternacht, und das Fahrzeug stand am stillen Ufer eines einsamen Weihers, auf dessen glatter Oberfläche das bleiche Spiegelbild des Mondes schwamm. Das Pärchen wähnte sich allein, aber …

»Wie sehr liebst du mich?«, wollte Harry wissen. Er war vierundzwanzig und somit fünf Jahre älter als die süße, brünette Molly mit den großen dunklen Samtaugen.

»So sehr, dass ich es nicht sagen kann«, flüsterte sie ergeben. »Und wie sehr liebst du mich?«

Da war eine schemenhafte Gestalt – ganz in der Nähe. Sie verschmolz beinahe völlig mit der Dunkelheit. Was hatte sie im Sinn? Gutes wohl kaum.

»Ich liebe dich so sehr, dass ich am liebsten jeden töten würde, der dich auch nur ansieht«, stieß Harry leidenschaftlich hervor. »Ich liebe deine sanfte Stimme, deine weiche Haut, den wunderbaren Geruch deines seidigen Haares, deinen liebreizenden Gang, deine unvergleichliche Anmut, deine bezaubernde Grazie, deinen vollendeten Charme … Wenn du mich jemals verlässt …«

»Warum sollte ich das tun?«

»Ich weiß es nicht.« Harry küsste Mollys volle Lippen. »Wenn du irgendwann einmal nichts mehr von mir wissen willst, bringe ich mich um. Ehrlich. Dann werfe ich mich vor einen Schnellzug, springe von irgendeinem hohen Turm oder schlucke so viele Schlaftabletten, dass ich …«

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und brachte ihn damit zum Schweigen. Sie wollte so etwas Hässliches nicht hören. »Du dummer Kerl«, sagte sie. »Keine Sorge, ich verlasse dich nicht. Ich bin doch glücklich mit dir. Ich bin froh, dass ich dich habe. So froh, dass du mich nie wieder los wirst. So sieht’s aus. Ich liebe, liebe, liebe dich, Harry Baxter. Mit jeder Faser meines Herzens. Immer. Ewig. Und noch viel länger.«

Die dunkle, unheimliche »Erscheinung« belauschte sie. Immer? Ewig? Wie lächerlich. Immer. Ewig. Das waren alberne Worte, die nur dummen Verliebten in den Sinn kommen konnten. Nichts hat immer und ewig Bestand. Das Leben nicht, und die Liebe schon gar nicht.

Sonst wären die Scheidungsraten weltweit nicht so hoch. Liebe ist ein chemischer Prozess, der eines Tages beginnt und irgendwann endet.

Zumeist merken dies die Menschen gar nicht sofort, sondern kommen erst viel später drauf. Wachen auf, kommen zu sich, erkennen, dass es vorbei ist, und trennen sich. So viel zu »immer« und »ewig».

Aber der Unheimliche ließ das Pärchen vorläufig in seinem infantilen Irrglauben. Das böse Erwachen würde noch früh genug auf Molly Stone und Harry Baxter zukommen.

*

»Wie spät ist es?«, fragte Molly.

Harry schmunzelte. »Sag ich dir lieber nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil du dann sofort nach Hause willst.«

»So spät ist es schon?« Molly begann sich rasch anzuziehen und ihre Kleidung mit flinken Fingern in Ordnung zu bringen.

»Die Zeit vergeht jedes Mal wie im Flug, wenn wir zusammen sind«, sagte Harry. »Das weißt du doch.«

»Ich wollte um Mitternacht zu Hause sein.«

»Das schaffen wir l-e-i-d-e-r nicht mehr.« Er sah sie verliebt an. »Ist das schlimm?«

»Ich wollte morgen etwas früher aufstehen.«

»Wozu?«

»Na ja. Duschen. Die Haare machen.«

»Deine Haare sind doch wunderschön«, befand er.

Sie winkte ab. »Davon verstehst du nichts.« Sie sah in ungeduldig an. »Würdest du dich jetzt bitte auch anziehen?«

Er griente. »Was gefällt dir nicht an meinem Outfit?«

Sie musterte ihn von oben bis unten. »Outfit? Du hast ja so gut wie nichts…« Sie unterbrach sich kurz und fuhr dann energisch fort: »Also bitte, beeile dich ein bisschen, sonst komme ich nicht mehr so bald mit dir hierher.«

Er glaubte ihr das zwar nicht, weil sie dieses idyllische Fleckchen nämlich sehr liebte, tat ihr aber doch den Gefallen, sich zu beeilen.

Molly stutzte plötzlich.

»Ist was nicht in Ordnung, Liebes?«, erkundigte sich Harry.

Sie lauschte gespannt. »Hast du nichts gehört?«

Harry schüttelte den Kopf. »Nein. Was denn?«

»Da draußen ist jemand«, flüsterte Molly beunruhigt. Sie wirkte angespannt.

»Quatsch.«

»Doch«, widersprach Molly überzeugt. »Jemand schleicht um den Wagen herum.«

»Unsinn«, brummte Harry. »Wer sollte …«

»Ein Spanner.«

»Der kann was erleben«, knurrte Harry grimmig. Er wollte aussteigen, doch Molly hielt ihn zurück. Sie griff mit beiden Händen nach seinem Arm und ihre Finger drückten so fest zu, dass es sogar ein wenig weh tat.

»Bleib bitte bei mir, Harry«, flüsterte Molly flehend. »Lass mich nicht allein.«

Er wischte mit der Hand über das beschlagene Glas und schaute hinaus. »Da ist niemand«, stellte er fest. »Wir sind ganz allein hier draußen.«

Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ich habe ein Geräusch gehört.«

»Die Nacht ist immer voller Geräusche. Es ist nie ganz still. Vielleicht ist eine Katze vorbeigelaufen. Oder ein Marder. Es kann auch ein streunender Hund gewesen sein.«

»Ich glaube, es war ein Mensch.«

»Und wieso sehe ich dann keinen? Er kann sich nicht in Luft aufgelöst haben.«

»Das nicht. Aber er kann sich versteckt haben.«

Harry löste sich von seiner Freundin und verließ den Wagen, obwohl ihr das nicht recht war. »Hey!«, rief er furchtlos in die Dunkelheit. »Ist da jemand?«

Leises, geisterhaftes Wispern in den Büschen. Ein leichter Wind fuhr in die ausladenden Baumkronen, und dürre Äste rieben sich knarrend aneinander. Harmlose Geräusche der Natur, vor denen man sich nicht zu fürchten brauchte.

Harry drehte sich entspannt um und sprach in den Wagen: »Siehst du? Es ist niemand hier. Du kannst getrost aussteigen. Die Luft ist rein.«

»Mach dich nicht über mich lustig«, sagte Molly ärgerlich. Aber sie stieg ebenfalls aus und sah sich misstrauisch um.

Für sie war die Sache noch nicht erledigt. Ich weiß, was ich gehört habe, ging es ihr durch den Sinn. Das waren keine Tiere. Ich habe Schritte gehört. Die Schritte eines Menschen. Eines Mannes. Eines Voyeurs – wahrscheinlich.

Harry breitete die Arme aus. »Alles in bester Ordnung«, beruhigte er sie. Er klatschte in die Hände. »So, und jetzt bringe ich dich heim.«

Im gleichen Moment klappte in der Nähe eine Autotür zu.

*

Harry Baxter fiel sein sorgloser Ausdruck förmlich aus dem Gesicht. Er wechselte mit Molly Stone einen hastigen Blick.

»Glaubst du mir jetzt?«, fragte sie vorwurfsvoll.

»Hey!« Er stürmte los. »Hey!« Ein Motor wurde angelassen. Harry lief schneller. »Hey! Du verfluchter Mistkerl!« Ein Wagen fuhr los.

Harry wollte ihn einholen und stoppen oder wenigstens einen Blick auf das Kennzeichen erhaschen, doch der Fahrer gab kräftig Gas und sein Auto war unbeleuchtet. Harry konnte nicht einmal die Marke erkennen. War es ein europäisches Fabrikat? Ein amerikanisches? Ein fernöstliches? Die sehen heutzutage alle irgendwie gleich aus, dachte Harry Baxter ärgerlich und blieb enttäuscht stehen. Ob es einen Sinn hatte, dem Spanner hinterher zu fahren? Vermutlich nicht, sagte sich Harry. Sein Vorsprung ist zu groß. Den hole ich mit meiner alten Karre bestimmt nicht ein. Er ballte die Hände zu Fäusten. Mann, wenn ich dich in die Finger gekriegt hätte. Ich hätte dich so richtig … Nach allen Regeln der Kunst… Du krankes Schwein …

Er kehrte zu Molly zurück.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte sie mit belegter Stimme.

Er schüttelte verdrossen den Kopf. »Leider nein.«

 

»Das Nummernschild?«

Harry zuckte frustriert mit den Achseln. »War nicht zu erkennen.«

Molly sah ihn rügend an. »In Zukunft zweifelst du hoffentlich nicht mehr an dem, was ich sage.«

Er ließ die Schultern hängen. »Tut mir leid, Schatz«, sagte er zerknirscht. »Entschuldige. Ich dachte, du hättest dir was eingebildet.«

»Ich habe gute Ohren.«

Er nickte bestätigend. »Ja, die hast du.« Er lächelte. »Und hübsch sind sie obendrein.« Er zeigte auf seinen Wagen. »Wollen wir?«

Sie stiegen ein, wischten die Scheiben ab, und Harry brachte sein Mädchen nach Hause.

Molly gab ihm einen Abschiedskuss, sobald er den Wagen angehalten hatte, und flüsterte ihm dankbar ins Ohr: »Es war wieder sehr schön mit dir.«

Er lächelte verliebt. »Es ist immer schön, wenn wir …«

Molly runzelte die Stirn. »Schade, dass es zu diesem … diesem Misston kam.«

Harry rümpfte die Nase. »Ach, vergiss den blöden Kerl«, sagte er. »Er ist es nicht wert, dass man auch nur einen einzigen Gedanken an ihn verschwendet.«

»Gute Nacht, Harry«, sagte Molly.

»Gute Nacht, Liebling«, gab er sanft zurück. »Schlaf gut. Träum süß. Ich rufe dich morgen an.«

Sie stieg aus, wohnte mit ihren Eltern in einem dieser unattraktiven Londoner Vororte, wo die Häuser nicht prunkvoll, aber die Mieten einigermaßen bezahlbar waren. Mollys Mutter verkaufte mit mäßigem Erfolg Immobilien. Der Vater arbeitete als Werbetexter in einer Vier-Mann-Agentur. Molly jobbte als Sekretärin im Lo­gistikzentrum einer internationalen Lebensmittel-Handelskette namens »Modol».

Zurzeit machten Mollys Eltern Urlaub an der Costa Brava. Sie hätte mit Harry das Haus für sich allein gehabt, aber ein bisschen Landluft zu schnuppern war ihnen lieber gewesen. Harry wartete im Wagen, bis Molly im Haus war. Sie ließ ihren Blick die menschenleere Straße hinauf und hinunter wandern und ihr bot sich ein vertrautes Bild.

Der kantige Pick-up der Nachbarn stand, wie stets, an derselben Stelle. Der knallgrüne Kleinwagen der Hendersons parkte wie gewohnt vor deren Haus. Und der alte Mercedes der Peabodys mit den hässlichen Aufklebern, die die zahlreichen Roststellen verdecken sollten, stand auf »seinem« schmalen Grünstreifen.

Alles war wie immer.

Fast alles.

Nur ein Wagen passte nicht in das gewohnte Bild, aber das fiel Molly nicht auf.

*

Kennen gelernt hatten sich Molly Stone und Harry Baxter vor elf Monaten auf einer Party, zu der Molly eigentlich nicht gehen wollte, weil dort ein paar ziemlich schräge Typen, die sie nicht besonders mochte, weil sie ein bisschen zu gerne und zu oft high waren, rumhängen würden.

Warum sie dann doch da aufgekreuzt war, wusste sie eigentlich nicht mehr so genau. Ihr Erscheinen war wohl einer Gemütsschwankung, die plötzlich aufgetreten war, zu verdanken gewesen, und sie war heute froh, dass es dazu gekommen war, denn sonst hätte sie wahrscheinlich nie die Gelegenheit gehabt, sich in Harry zu verlieben. Er hatte sich angenehm von den unsympathischen Angebern abgehoben, die permanent blöde Sprüche geklopft und sich so hemmungslos betrunken hatten, als gäbe es kein Morgen mehr, hatte sie nett angelächelt und freundlich »Hi« gesagt.

»Hi«, erwiderte sie ebenso freundlich und musterte ihn blitzschnell. Das machte sie immer, und was sie sah, gefiel ihr.

Der Lärmpegel war ziemlich hoch. Die großen Lautsprecherboxen zeigten ordentlich »Charakter« und gaben die ausgesuchten Stimmungstitel unverfälscht wieder. An der Decke drehte sich unermüdlich eine dicke Diskokugel, deren viele kleine Spiegel das Licht der Spotlights wie Blitze um sich schossen.

»Ich bin Harry Baxter«, stellte sich der gut aussehende Blonde mit erhobener Stimme vor, »und wie heißt du?«

»Molly.«

»Molly – und wie noch?«

»Molly Stone«, gab sie zur Antwort.

Er nahm ihren Namen nickend zur Kenntnis. »Bist du allein hier?«

»Nein. Mit einer Freundin.«

»Wie ist ihr Name?«, erkundigte sich Harry.

»Ashley Clinton«, sagte Molly. »Sie tanzt dort drüben mit Kevin Biggelow.«

Harry zog die Augenbrauen zusammen und runzelte leicht besorgt die Stirn. »Deine Freundin sollte sich vor dem in Acht nehmen.«

»Wieso?«

»Er hat keinen guten Ruf, ist ein ziemlich eifriger Schürzenjäger.«

»Und du?«

»Ich?« Harry lachte herzlich. »Nein.« Er schüttelte belustigt den Kopf. »Nein, ich bin nicht hinter jedem Weiberrock her. Schätzt du mich etwa so ein?«

»Eigentlich nicht«, antwortete Molly, »aber mit meiner Menschenkenntnis ist es angeblich nicht weit her.«

»Wer sagt das?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Viele.«

Harry setzte ein offenes, ehrliches, gewinnendes Lächeln auf. »Ich kann dich beruhigen, Molly Stone. Ich bin nicht wie Kevin Biggelow.«

»Sondern?«, erkundigte sie sich ehrlich interessiert.

Er schürzte nachdenklich die Lippen. »Ich möchte fast sagen, dass ich das Gegenteil von ihm bin.«

»Also kein Schürzenjäger.«

»Definitiv nicht.«

Molly sah ihn erheitert an. »Aber du hast mich angesprochen.«

»Wie hätte ich dich sonst kennenlernen sollen?«, rechtfertigte sich Harry. »Möchtest du tanzen?«

»Später.«

»Ich hole uns was zu trinken«, schlug Harry vor.

»Okay.«

»Pina Colada?«, fragte er.

Sie nickte. »Einverstanden.«

Damit begann für Molly Stone die schönste, aufregendste und unvergesslichste Party ihres Lebens, und danach erlaubte sie Harry Baxter, sie nach Hause zu fahren und ihr zum Abschied einen ersten, berauschenden Kuss zu geben, der ihr Blut ungemein in Wallung brachte und dem seither viele wunderbare Küsse gefolgt waren.

*

Molly Stone ging durch den schmalen, gepflegten Vorgarten, in dem sich langsam eine kleine bunte Windmühle mit weißen Flügeln drehte, schloss die Haustür auf, winkte Harry noch einmal kurz, er winkte zurück, und nachdem sie das Haus betreten und die Tür geschlossen hatte, fuhr er weiter. Ein verträumtes Lächeln umspielte Mollys wohlgeformte Lippen, während sie aus ihren Schuhen schlüpfte. Komm gut heim, Harry, dachte sie zärtlich. Morgen sehen wir uns wieder. Ich freue mich schon darauf.

Dass sich nicht weit von ihrem Haus entfernt ein Fahrzeug von der Bordsteinkante löste und Harrys Wagen folgte, bekam sie nicht mit.

Wenn sie es bemerkt hätte, hätte sie sich Sorgen um ihren Liebsten gemacht. So aber ging sie ahnungslos durchs Haus und wurde von Johnny, ihrem dicken, schwarzen Kater schnurrend begrüßt.

Sie verwöhnte ihn mit ein paar sanften Streicheleinheiten. Er strich miauend um ihre schlanken Beine und rieb seinen Kopf daran.

»Ja, ja«, sagte sie zärtlich. »Ist ja schon gut. Du tust ja so, als hättest du mich seit Wochen nicht mehr gesehen. Ich war doch bloß ein paar Stunden weg.«

Sie machte ihn mit einer Schüssel Trockenfutter glücklich und ging dann nach oben. In längstens zehn Minuten würde auch Harry zu Hause sein.

Er wohnte ja nicht weit von hier, hatte ein sehr kleines Nest, das er scherzhaft als »Wohnklosett mit Kochnische« zu bezeichnen pflegte.

Seine Eltern waren geschieden. Die Mutter lebte mit ihrem zweiten Ehemann in Birmingham, der Vater allein in Hull. Seit Harry mit Molly zusammen war, träumte er immer intensiver von einem hübschen Häuschen im Grünen. Er arbeitete als freiberuflicher Grafiker für mehrere Buchverlage und Werbefirmen, war gut im Geschäft und sehr gefragt. Trotzdem reichte das Geld noch nicht, um den Traum vom eigenen Haus wahr werden zu lassen, aber irgendwann würde Harry genug gespart haben, um ihn zu verwirklichen – und bis dahin … Nun ja, träumen darf man ja. Und sich ausmalen, wie schön es eines Tages sein wird.

Auf Mollys Nachttisch stand ein gerahmtes Foto von Harry. Sie nahm es in die Hand, drückte einen innigen Kuss auf das kalte Glas und flüsterte: »Ich hab dich sehr, sehr lieb, Harry. Und ich bin wahnsinnig gern mit dir zusammen. Eines Tages werden wir Kinder haben – einen Jungen und ein Mädchen – und eine rundum glückliche Familie sein.«

Eines Tages hatte sie gesagt. Aber hatte sie noch so viel Zeit? Hatte das Schicksal nicht andere Pläne mit ihr? Pläne, von denen sie heute noch nichts ahnte? Pläne, die mit dieser unheimlichen Gestalt am nächtlichen Weiher zu tun hatten?

*

Harry Baxter fuhr nach Hause, ohne dass ihm der Wagen, der ihm folgte, auffiel. Er schwebte einmal mehr auf Wolke sieben.

Das tat er immer, wenn er mit Molly zusammen gewesen war. Er hatte vor ihr schon einige andere Freundinnen gehabt, aber so rasend glücklich wie Molly Stone hatte ihn noch keine gemacht.

Sie war die ideale Partnerin für ihn. Keine andere passte besser zu ihm. Deshalb konnte er sich ein Leben ohne sie auch nicht mehr vorstellen. Seine Eltern waren nicht zusammen geblieben. Die hatten eben nicht ganz so perfekt zueinander gepasst.

Aber ihm würde das nicht passieren. Er würde mit Molly ein ganzes Leben lang glücklich sein, das wusste er mit absoluter Sicherheit.

Er bog in die Straße ein, in der er wohnte. »Sein« Parkplatz, direkt vor dem Haus, war heute besetzt, aber dafür war ein anderer frei.

Die paar Schritte … Null Problemo, dachte Harry.

Während er die Stufen zu seiner Miniaturwohnung hinaufstieg, umrundete jemand draußen seinen Wagen. Und nicht nur das …

Kurze Zeit später betrat die schwarz gekleidete Person das Haus, in dem Harry Baxter wohnte, sah sich im Erdgeschoss die an der Wand hängenden Briefkästen an und schlich dann nahezu lautlos durch die Stille des alten Hauses. Alle Mieter schliefen.

Nur Harry Baxter war noch wach. Er ging vergnügt pfeifend in seiner engen Bleibe hin und her und bereitete sich aufs Zu-Bett-Gehen vor.

Die Klappe des Wohnungstürschlitzes bewegte sich, ohne dass Harry es mitbekam. Jemand drückte sie lautlos nach innen. Ein dunkles, glänzendes Augenpaar blickte hindurch und verfolgte Harrys Beine.

Als Harry Baxter im winzigen Bad verschwand, glitt etwas Weißes durch den Briefschlitz, fiel lautlos auf den Boden und blieb da unbemerkt liegen.

*

Molly Stone drehte sich fortwährend im Bett hin und her. Meine Güte, ich bin ja das reinste Perpetuum mobile, dachte sie ärgerlich. Wieso kann ich heute nicht einschlafen? Ich habe doch sonst niemals Schwierigkeiten damit. Hängt es mit diesem seltsamen Kerl zusammen, der uns belauscht und beobachtet hat? Wie viel hast du bekloppter Spanner mitbekommen? Bist du auf deine Kosten gekommen, ja? Grundgütiger, wie krank muss man im Kopf sein, dass man gezwungen ist, so etwas zu tun? Eigentlich sollte ich dich armes Schwein bedauern, aber ich habe kein Mitleid mit dir. Tut mir leid. Ich kann dich nur verachten.

Irgendwann schlief Molly dann doch ein. Aber die Nacht war natürlich viel zu kurz, und als der Radiowecker frühmorgens mit grausamer Heiterkeit – und auch noch viel zu laut – loslegte, hätte sie ihn am liebsten aus dem Fenster geworfen.

Sie kam fast nicht aus dem Bett, und dann ging ihr auch noch nichts so glatt wie gewohnt von der Hand. Eine Teetasse – zum »Glück« noch leer – rutschte ihr aus den Fingern und zerschellte auf dem Küchenboden.

Der neue Haarföhn streikte aus einem unerfindlichen Grund und Molly musste reumütig ihren alten aus dem Keller holen, wo er schon zum Entsorgen bereit gelegen hatte. Jetzt war sie froh, dass sie ihn nur zwischengelagert und nicht schon weggeworfen hatte.

Selbstverständlich kam sie atemlos, aber trotzdem zu spät ins Büro, und kaum hatte sie an ihrem Schreibtisch Platz genommen, schoss es ihr heiß durch den Kopf, dass sie vergessen hatte, Johnny zu füttern.

Sorry, mein Kleiner, dachte sie schuldbewusst. Bitte sei mir nicht böse. Du musst dir vorläufig ein paar Mäuse fangen. Tut mir wirklich sehr, sehr leid. Frauchen macht es mit einer besonders leckeren Sonderration wieder gut, wenn es heimkommt. Versprochen.

Hetty Page – Mollys dralle, rothaarige, sommersprossige Kollegin – erkundigte sich: »Ist alles in Ordnung?« Sie sah irgendwie »abgepackt« aus, kaufte ihre Klamotten immer zu klein.

Molly atmete schwer aus. »Ich hoffe es.«

»Du weißt es nicht?«

Molly seufzte. »Hab sehr wenig Schlaf bekommen.«

»Das sieht man.«

Molly wackelte mit dem Kopf. »Vielen Dank.«

»War nicht böse gemeint«, sagte Hetty Page wohlwollend. Ihr Busen machte reichlich Druck auf die ­kleinen Blusenknöpfe. Wie lange würden sie dieser enormen Belastungsprobe wohl standhalten? »Ich bin nicht nur deine Kollegin, sondern auch deine Freundin«, ergänzte Hetty. »Ich darf so etwas sagen. Oder etwa nicht?«

 

»Schon«, antwortete Molly Stone. »Aber ein bisschen taktvoller hättest du es ruhig formulieren können.«

»Ich werde mich bessern«, versprach Hetty und kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück. Eine halbe Stunde später stand sie wieder neben Mollys Schreibtisch. »Du sollst zum Big Boss kommen.« Sie hob den Zeigefinger. »Vorsicht!« Sie wippte mit den Augenbrauen. »Sturmwarnung! Der gute Mann hat ziemlich schlechte Laune. Hat vermutlich ebenfalls sehr wenig geschlafen.«

Molly stand auf und ging zum Chef. Die Tür zu seinem Büro war offen. Molly klopfte an den Rahmen. »Sie möchten mich sprechen, Mr. Daglow?«

»Ja«, brummte er gallig. »Kommen Sie herein und schließen Sie die Tür.«

Molly kam mit Jonah Daglow normalerweise sehr gut aus. Er behandelte sie für gewöhnlich freundlich und mit Respekt, wusste ihre solide Arbeit zu schätzen. Er war ein grober Klotz, der in einem mitternachtsblauen Maßanzug steckte, in dem er sich noch nie wohl gefühlt hatte. Er trug viel lieber Jeans und Holzfällerhemden, aber in seiner Position war das nicht möglich.

Da musste man mit teurem Zwirn, Schlips und Buttondawn-Hemd »etwas darstellen». Firmen-Philosophie. Jeder musste sich daran halten.

Jeder. Auch Jonah Daglow. Ob ihm das nun passte oder nicht. Aber das war nicht der Grund für seine heutige Übellaunigkeit.

Er zeigte auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. »Setzen Sie sich, Molly.«

Sie nahm gespannt Platz. Was will er von mir?, fragte sie sich nervös. Was passt ihm nicht? Habe ich irgendetwas verbockt? Ich wüsste nicht, was.

»Sie wissen, dass ich Golf spiele«, begann Jonah Daglow grollend.

Jeder weiß das, dachte Molly. »Ja, Mr. Daglow«, antwortete sie.

»Ich spiele oft und gern und mit jedem«, sagte Jonah Daglow mit finsterer Miene. »Auch mit Leuten, die in Konkurrenzbetrieben arbeiten. Da kommen einem so manche Interna zu Ohren. Wie zum Beispiel, dass Ihnen das Klima bei uns nicht behagt, dass Sie mit Ihrem Gehalt nicht zufrieden sind, dass Ihnen mein Führungsstil nicht gefällt …«

Molly war fassungslos. »Wie bitte?«

»Dass Sie sich verändern möchten«, ergänzte Jonah Daglow die Liste seiner Vorwürfe laut.

»Wer hat das gesagt?«, fragte Molly empört.

»Sie haben sich bei ›Eldoo‹, unserem schärfsten Konkurrenten, um einen Job beworben«, sagte Jonah Daglow anklagend.

»Ich?« Molly wurde wütend. Hitze stieg ihr in die Wangen.

»Leugnen Sie das etwa?«

»Ganz entschieden sogar«, antwortete Molly erbost. Wenn ihr jemand Unrecht tat, konnte sie ziemlich heftig werden. »Ich habe mich nirgendwo beworben.«

»Nicht Sie persönlich«, sagte Jonah Daglow. »Das hat Ihr Freund telefonisch für Sie getan. Harry Baxter sollte nur mal bei Hank Braddock vorfühlen, ob was frei ist, ob für Sie die Möglichkeit besteht, den Arbeitsplatz zu wechseln – von ›Modol‹ nach ›Eldoo‹.«

»Hat Mr. Braddock das gesagt?« Zorn rötete Mollys hübsches Gesicht.

»Jawohl, das hat er«, bestätigte Jonah Daglow. »Zwischen Loch zehn und elf.«

»Das ist eine unverschämte Lüge!«, stieß Molly aufgebracht hervor. Sie konnte sich einfach nicht beherrschen, war nahe daran, aufzuspringen und aus dem Büro ihres Chefs zu stürmen. »Eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist das. Völlig aus der Luft gegriffen. Wie kommt Mr. Braddock dazu, so etwas zu behaupten? Was bezweckt er damit? Will er mir schaden? Weshalb? Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Und er kennt mich nicht.« Sie versuchte sich wenigstens einigermaßen zu beruhigen. Ihr Herz hämmerte wild. Sie beugte sich vor und sah ihrem Chef so fest in die Augen, als wollte sie ihn hypnotisieren. »Hören Sie, Mr. Daglow«, sagte sie so maßvoll wie möglich. »Ich arbeite gern hier. ›Modol‹ ist mein berufliches Zuhause. Mir gefällt mein Job. Ich möchte keinen andern haben. Weder bei ›Eldoo‹ noch sonst wo. Ich habe meinen Freund nicht gebeten, Mr. Braddock anzurufen, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er es eigenmächtig getan hat, weil er weiß, dass ich mich hier wohlfühle. Entweder liegt dem Ganzen ein bedauerlicher Hörfehler zugrunde, oder jemand hat sich auf meine Kosten einen sehr, sehr schlechten Scherz erlaubt. Das müssen Sie mir glauben.«

Molly stand ruckartig auf. Mehr war zu dieser hirnrissigen Anschuldigung nicht sagen. Sie kehrte aufgewühlt an ihren Schreibtisch zurück und hoffte, dass Jonah Daglow die unerfreuliche Angelegenheit so bald wie möglich vergaß.

*

Am frühen Nachmittag rief Harry Baxter an. Molly erzählte ihm nichts von dem unerquicklichen Vorfall. Sie wollte nicht am Telefon darüber reden. Harrys Stimme klang irgendwie rau und spröde.

War er sauer? Hatte er sich über einen Kunden geärgert? So hörte er sich an. Und er war auch nicht so freundlich wie sonst, gab ihr keine Kosenamen, sprach nüchtern und war kurz angebunden.

Er hat irgendwas, vermutete Molly. Was mochte ihm über die Leber gelaufen sein? Er sagte, er würde sie nach Feierabend von daheim abholen.

»Okay.«

»Ich komme mit Jacobs Motorrad«, ergänzte er. Jacob Brown war sein Freund, ein ebenso zuverlässiger wie preiswerter Mechaniker, der sich in letzter Zeit immer öfter um Harrys fahrbaren Untersatz kümmern musste. Alte Menschen müssen häufiger zum Arzt gehen. Alte Fahrzeuge müssen öfter in die Werkstatt.

»Streikt dein Auto mal wieder?«, fragte Molly. »Gestern ist es doch noch…«

»Ein Sprayer hat mir in der Nacht die Windschutzscheibe total versaut«, fiel ihr Harry so unwirsch ins Wort, als hätte sie es getan. »Jetzt steht der Wagen in Jacobs Garage, und er wird versuchen, das Glas mit irgendeinem Lösungsmittel sauber zu bekommen.«

Hast du hinter meinem Rücken mit dem Chef von »Eldoo« geredet?, ging es Molly durch den Sinn. Willst du mir ohne mein Einverständnis zu einem besser bezahlten Job verhelfen? Bei »Eldoo« sind zwar die Gehälter höher, aber die Firma beutet ihre Leute rücksichtslos aus. Das ist allgemein bekannt. Es gibt nirgendwo mehr Burnouts als da, deshalb würde es mir nicht einmal im Traum einfallen, mich bei diesem Unternehmen um einen Job zu bemühen. Ganz abgesehen davon, dass hinter »Eldoo« – wie auch jeder weiß – eine international agierende Sekte steht, die ziemlich umstritten ist.

Harry sagte: »Bis später.« Und legte auf.

Kein Küsschen diesmal, dachte Molly ein wenig enttäuscht. Sonst schickt er zum Abschied immer noch schnell eines durch die Leitung. Er scheint im Moment wirklich nicht besonders gut drauf zu sein.

*

Als Molly nach Hause kam, wollte sie sich sogleich mit einer Katzenfutter-Sonderration bei Johnny entschuldigen, doch der dicke schwarze Kater glänzte durch Abwesenheit. Sie suchte ihn im ganzen Haus und auch draußen, rief und lockte ihn, doch er ließ sich nicht blicken.

Er ist böse auf mich, dachte Molly schuldbewusst. Ich kann’s verstehen. Wie konnte Frauchen nur so grausam sein und dir eine Hungerdiät aufzwingen, wo es doch weiß, wie gerne du frisst?

Sie kehrte ins Haus zurück und spannte eine Frischhaltefolie über den Fressnapf, damit das Katzenfutter nicht austrocknete.

Während sie sich für die bevorstehende Motorradfahrt umzog, beschlich sie ein eigenartiges Gefühl. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jemand während ihrer Abwesenheit im Haus gewesen war.

Einbildung? Realität? Die große blau marmorierte Keramik-Obstschüssel, die Molly ihrer Mutter zum Geburtstag geschenkt hatte, stand nicht an ihrem gewohnten Platz. Ein bordeauxroter Lederhocker war aus dem Wohnzimmer verschwunden. Molly entdeckte ihn im Flur. Und die große antike Pendeluhr neben dem prall gefüllten Bücherregal aus Eichenholz zeigte eine völlig falsche Zeit an. Das war sehr ungewöhnlich, denn normalerweise war die Uhr an Präzision nicht zu übertreffen. Molly klappte das runde Schutzglas auf, brachte die Zeiger in die richtige Position und schloss das Glas wieder. Wer hat das getan?, fragte sie sich unsicher. War ich das etwa und kann mich nicht daran erinnern? Habe ich geistige Aussetzer? Stimmt irgendetwas nicht mit mir? Bin ich krank? Im Kopf? Man hört und liest so viel von gefährlicher Handy-Strahlung, von schädlichen Konservierungsstoffen, von krebserregenden Pestiziden, die hemmungslos und in überreichem Maß in der Landwirtschaft eingesetzt werden, um den Ertrag zu erhöhen. Hirntumore sind in meinem Alter zwar selten, aber nicht ausgeschlossen.

Sie trat vor den großen Spiegel, der neben dem Fenster an der Wand hing, und betrachtete sich besorgt. »Was ist mit dir nicht in Ordnung, Molly Stone?«, fragte sie ihr Spiegelbild mit bangem Herzen. »Hast du einen Grund, an deinem Verstand zu zweifeln?« Sie trat näher und schaute sich tief in die Augen. »Was hast du mit Johnny gemacht, Molly? Wieso ist er nicht hier? Hast du deinem geliebten Kater etwas angetan?« Sie drehte sich erschrocken um. »Großer Gott, was denke ich denn da?«, stieß sie mit belegter Stimme hervor.