Die besten 12 Strand Krimis Juni 2021

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17

Drei weitere Tage vergingen. Bount Reiniger hielt während dieser Zeit Augen und Ohren offen. Er hörte sich in Fahrerkreisen um. Er sprach mit Männern, die ihm nicht ganz astrein zu sein schienen, ließ durch blicken, dass er für jeden Job zu haben sei. Doch alle seine Bemühungen, mit den Truck-Hyänen Kontakt aufzunehmen, scheiterten vorläufig.

Von Jozef Kalescus Tod wusste jeder Truck-Driver. Viele Fahrer waren der Ansicht, dass die Gangster einen härteren Kurs eingeschlagen hatten. Das beunruhigte sie.

Den Verbrechern genügte es offensichtlich nicht mehr, einen Truck-Driver nur bewusstlos zu schlagen. Sie töteten ihn. Jeder stellte sich die bange Frage, wen es als Nächstes erwischen würde.

Drei Tage harte Arbeit brachten nichts ein. Bount Reiniger war sauer. Gab es denn keine andere Möglichkeit, an die Bande heranzukommen?

Am Abend des dritten Tages kehrte Bount Reiniger von einer Tour nach New Haven zurück. Er lieferte seinen Truck bei Tennessee Brooks mitsamt den Papieren ab. Brooks saß in seinem kleinen Büro in der Truck-Halle.

„Ah, Sheridan. Wie war die Fahrt?“

„Bestens.“

„Keine Probleme?“

„Ich wurde nicht überfallen“, erwiderte Bount grinsend.

Tennessee Brooks zuckte zusammen. Seine Miene nahm einen ärgerlichen Ausdruck an. „Mann, mit so etwas scherzt man nicht. Das ist viel zu ernst. Jeder von euch Truck-Drivern sollte dem Himmel täglich dafür danken, von diesen Banditen verschont geblieben zu sein.“

„Die sahnen ganz schön ab.“

Brooks hob den Kopf und blickte Bount prüfend an. „Das hört sich so an, als würdest du’s ihnen neiden.“ Längst war er zum Du übergegangen, denn er duzte alle Fahrer, während sie ihn siezen mussten. Er wollte damit wohl herausstreichen, dass er eine Etage höher stand als sie.

Bount zuckte mit den Schultern. „Ich beneide die Gangster zwar nicht, aber ich hätte auch gern mehr Geld.“

„Das hört man gern. Du hast eben erst die Nase bei uns hereingesteckt, und schon bist du unzufrieden. Junge, Junge, ich fürchte, du wirst dich nicht lange bei uns halten, wenn du diese Einstellung beibehältst.“

„Hätte nicht jeder gern mehr Geld, als er tatsächlich hat?“

„Ich nicht. Ich bin zufrieden.“

„Dann sind Sie eine große Ausnahme“, sagte Bount. „Brauchen Sie mich noch?“

„Nein, du kannst gehen.“

„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.“

„Merk dir eines, Sheridan: Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viel Geld man besitzt, sondern wie man es sich verdient hat. In diesem Punkt spielt das Gewissen eine nicht unbedeutende Rolle.“

„Ich werde darüber nachdenken“, erwiderte Bount und verließ das Büro des Fuhrparkleiters. In der Halle lief ihm Richard Dodge über den Weg. Der Truck-Driver hatte sich - genau wie Bount - von den Hieben des Hünen und dessen Freunden bestens erholt. Aber sie waren bis heute nicht dazugekommen, Jack Lunas Truck-Driver-Kaschemme wieder aufzusuchen.

„Klappt es heute mit uns beiden?“, erkundigte sich Bount Reiniger.

„Tut mir leid, ich muss für einen kranken Kollegen einspringen. Gehst du allein zu Jack Luna?“

„Werde ich wohl müssen. Ich komme um vor Durst.“

„Schade. Vielleicht haben wir morgen mehr Glück“, meinte Dodge ehrlich bedauernd. Er blickte auf seine Uhr, sagte, er müsse sich beeilen und lief an Bount vorbei.

Bount Reiniger trat aus der Halle. Er wollte das Firmengelände verlassen, da hörte er jemand seinen falschen Namen rufen. Ein Mädchen. Er reagierte sofort und drehte sich um. Celestine Cabot, die Tochter seines „Chefs“, kam lächelnd auf ihn zu.

Sie trug blau weiß gestreifte Karottenhosen und eine cremefarbene Schlotterbluse. „Alles in Ordnung, Mister Sheridan?“

„In bester Ordnung.“

„Haben Sie sich bei uns schon eingewöhnt?“

„Oh ja, das war nicht schwierig.“

„Das freut mich. Wie kommen Sie mit Mister Brooks aus?“

„Blendend.“

„Und mit Ihren Fahrerkollegen?“

„Ausgezeichnet. Nur Brick Curtis kann mich nicht riechen. Aber man kann nicht jedem Menschen sympathisch sein.“

„Brick ist ein sonderbarer Junge. Aber er ist in Ordnung“, sagte Celestine.

„Wenn Sie das behaupten, will ich es Ihnen gerne glauben.“

„Machen Sie Schluss für heute?“

„Ja, ich bin rechtschaffen müde.“

„Mein Vater hätte Sie noch gern gesehen. Er ist in seinem Büro. Mir kommt vor, als hätte er neuerdings Geheimnisse vor mir.“ Celestine sagte das, während sie Bount so ansah, als würde sie ihn mit diesen Geheimnissen in Verbindung bringen.

Bount gab sich naiv. „So?“

„Er scheint mir etwas zu verheimlichen. Das hat er noch nie getan. Ob das mit den Truck-Überfällen zusammenhängt?“

Bount hob die Schultern. „Da bin ich leider überfragt, Miss Cabot.“

„Ach bitte, nennen Sie mich doch Celestine, ja?“

„Okay, Celestine.“

Sie trennten sich. Bount begab sich zum Bürogebäude und betrat es gleich darauf. Errol Cabot machte keinen zufriedenen Eindruck auf ihn, als er dessen Büro betrat. Der Mann war nervös. Bei Bounts Eintreten sprang er auf und kam hastig um seinen Schreibtisch herum. Sobald Bount die Tür geschlossen hatte, redete ihn Cabot mit seinem richtigen Namen an.

„Mister Reiniger, ich muss sagen, dass ich enttäuscht bin.“

„Von mir?“

„J...ja.“

„Sie würden schon gern eine Erfolgsmeldung hören.“

„Ist das nicht verständlich?“

„Natürlich ist es das, Mister Cabot. Aber ich kann leider nicht zaubern. Sie können mir glauben, dass ich alles in meiner Macht Stehende unternommen habe, um den Gangstern auf die Spur zu kommen, aber es will einfach nicht klappen. Das frustriert mich bestimmt ebenso wie Sie.“

„Die ersten Rückschläge sind zu verzeichnen, Mister Reiniger. Einer meiner langjährigen Geschäftspartner hat sich entschlossen, seine Waren von der Bahn transportieren zu lassen. Wenn dieses Beispiel Schule macht, gehen wir Frachtunternehmer schwierigen Zeiten entgegen. Ich hoffte, Sie würden mit diesen Verbrechern im Handumdrehen fertigwerden, aber das war ein Irrtum.“

„Rom ist auch nicht an einem einzigen Tag erbaut worden, Mister Cabot“, erwiderte Bount ernst. „Ich kann keine Wunder wirken. Ich gebe mein Bestes. Sollte Ihnen das allerdings nicht reichen, so bin ich gerne bereit, Sie aller Verpflichtungen mir gegenüber zu entbinden.“

Errol Cabot schüttelte heftig den Kopf. „Mein Gott, so war das doch nicht gemeint, Mister Reiniger. Ich habe nicht die Absicht, meinen Auftrag zurückzuziehen. Ich wollte Ihnen nur meine prekäre Situation erklären.“

„Ich kriege die Gangster“, sagte Bount zuversichtlich. „Aber sie müssen mir Zeit lassen.“

Cabot strich sich mit der Hand über die Stirn. „Natürlich. Verzeihen Sie. Ich wollte Sie in keiner Weise kritisieren.“

„Früher oder später machen die Brüder einen Fehler, und dann gehen sie hoch“, sagte Bount.

„Ich hoffe, das wird schon morgen geschehen“, seufzte der geplagte Frachtunternehmer.

Bount verließ Cabots Büro.

Zwanzig Minuten später betrat er die Truck-Driver-Kaschemme. Ein schon bekanntes Bild bot sich ihm. Er sah alte und neue Gesichter, und er sah eine Visage, die in seinem Inneren sofort einen Alarm auslöste.

Dieses Gesicht mit der hässlichen roten Narbe an der rechten Wange und dem tief hängenden Auge sah Bount Reiniger nicht zum ersten Mal. Er erinnerte sich, den Mann schon mal gesehen zu haben.

Im Krankenhaus. Nachdem Paul Carson gestorben war!

18

Bount behielt den Mann im Auge. Marcuse war allein. Er lümmelte auf dem Tresen und hatte ein großes Bier vor sich stehen. Was die Männer um ihn herum sprachen, schien ihn nicht zu interessieren. Er stierte vor sich hin, schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein.

Was hatte dieser Kerl im Krankenhaus zu suchen gehabt? Dass er rein zufällig dagewesen war, klammerte Bount von vornherein aus. Die Erfahrung hatte Bount Reiniger gelehrt, niemals an Zufälle zu glauben.

Der Mann interessierte ihn. Marcuse leerte sein Glas, schob Jack Luna Geld über den Tresen zu und verließ das Lokal.

Bount heftete sich an die Fersen des Hässlichen. Charles Marcuse schritt zügig die Straße entlang. Er blickte sich kein einziges Mal um. Bount konnte das nur recht sein.

Marcuse bog um die Ecke. Bount forcierte sein Tempo. Er holte auf. An der Ecke blieb er kurz stehen, um die Lage zu sondieren. Marcuse überquerte soeben die Fahrbahn und verschwand in einem finsteren Durchgang.

Bount wollte dem Hässlichen ein paar Fragen stellen. Er war gespannt, was für Antworten er darauf bekommen würde. Hatte er endlich eine Spur gefunden, die zu den Truck-Hyänen führte? Es wäre eigentlich an der Zeit gewesen.

Bount Reiniger langte bei dem Durchgang an. Schmal standen die Häuser hier beisammen. Abfälle lagen auf dem Boden. Bount stieg über den Müll, während seine Augen den Fremden suchten.

Der Mann schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Gab es hier die Möglichkeit, eines der Häuser durch eine Hintertür zu betreten? Bount suchte nach einer solchen Tür.

Plötzlich spürte er den Druck eines Revolvers in seinem Rücken und versteifte sich. Der Bursche hatte ihm den Arglosen gut vorgespielt. In Wirklichkeit aber hatte er gemerkt, dass ihm jemand folgte, und er hatte sich hinter einem Mauervorsprung auf die Lauer gelegt.

„Hände hoch!“, schnarrte Marcuse.

Bount hatte keine andere Wahl, er musste ihm diesen Gefallen erweisen.

 

19

Sie hatten beschlossen, sich zu einer Aussprache bei Victor Tiggers zu Hause einzufinden. Charles Marcuses Extratour, mit der er den Coup hätte gefährden können, hatte zu einem Nachspiel geführt.

Tiggers, der schon lange keine Lust mehr verspürte, hinter Marcuse die zweite Geige zu spielen, hatte ein längeres Gespräch unter vier Augen mit dem Boss gehabt. Über das Ergebnis wollte er nun mit Eliot Banninger und Charles Marcuse reden.

Banninger war bereits da. Nur Marcuse fehlte noch. Tiggers zündete sich eine Zigarette an. Er blies den Rauch nach oben. „Charles lässt stark nach“, sagte er verdrossen. „Früher konnte man nach ihm die Uhr stellen. Heute kommt zu allen seinen Fehlern auch noch die Unpünktlichkeit dazu.“

„Es muss ihm etwas dazwischengekommen sein“, meinte Eliot Banninger.

„Er ist nicht mehr derselbe wie früher. Deshalb wird er von nun an auch nicht mehr das Sagen haben. Der Boss wird sich ab sofort mit allem, was ihm am Herzen liegt, nur noch an mich wenden. Ihr erhaltet ab sofort von mir die Befehle.“

Banninger rümpfte die Nase. „Das wird Charles nicht gefallen.“

„Uninteressant!“, sagte Tiggers und winkte ab.

„Wenn Charles irgendetwas nicht passt, kann er ja aussteigen.“

„Das wird er nicht tun. Er wird dir deinen Platz streitig machen.“

„Das soll er probieren.“

„Es wird zu Reibereien kommen. Das ist nicht gut für unsere Arbeit.“

„Ein Kerl, der so unbeherrscht und undiszipliniert ist wie Charles Marcuse, muss beizeiten zurückgestutzt werden. Das ist meine und auch die Meinung des Chefs. Wir werden unsere Crew übrigens demnächst aufstocken, damit wir an mehreren Stellen gleichzeitig zuschlagen können.“

„Wie viel Mann sollen dazukommen?“

„Der Boss denkt an drei weitere zuverlässige Jungs. Wir werden ihm ein paar Leute vorführen, und er wird entscheiden, wer bei uns einsteigt. Sollte Charles nicht spuren, werden wir ihn austauschen.“

„Damit wird er nicht einverstanden sein.“

„Er wird einfach keine andere Wahl haben“, sagte Tiggers kalt. „Sollte er aufbegehren, dann ...“ Tiggers sprach nicht weiter. Er wies nur mit dem Daumen nach unten, und Banninger kannte sich aus.

20

Bount Reiniger hob langsam die Hände. „Bloß keine Unüberlegtheiten“, sagte er. „Es würde uns beiden nicht guttun, wenn der Ballermann losginge.“

„Wieso schleichst du mir nach?“, fragte Marcuse scharf.

„Wie kommst du denn da drauf? Wir hatten zufällig denselben Weg.“

„Zufällig“, spottete Marcuse. Auch er glaubte an keine Zufälle. „Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

„Mach’ ich gern. Kennst du sie? Eine nette Person ...“

Der Druck des Revolvers verstärkte sich. „Dir werden die Scherze gleich vergehen, mein Lieber!“, knurrte Marcuse. „Dreh dich um. Ich will dein Gesicht sehen!“

„Was wird dein Revolver dazu sagen?“

„Vorläufig nichts.“

Bount drehte sich um. Marcuse zog die Waffe zurück. Das war der Moment, auf den Bount Reiniger gewartet hatte. Er beschleunigte die Drehung, wirbelte herum und schlug die Kanone des Gangsters zur Seite.

Wenn Marcuse jetzt abgedrückt hätte, wäre die Kugel in die Mauer des gegenüberstehenden Hauses gerast. Aber der Gangster verzichtete darauf, den Stecher durchzuziehen.

Der Schuss hätte nur Aufsehen erregt. Irgendjemandem hätte es in den Sinn kommen können, die Polizei anzurufen, und das war nicht nach Marcuses Geschmack.

Er glaubte, auch so mit seinem Gegner fertigzuwerden. Blitzschnell riss er sein Knie hoch. Der Hieb verfehlte Bount knapp. Von unten nach oben kam Bount mit einer harten Geraden durch.

Marcuse musste sie voll wegstecken. Der Gangster grunzte und wankte, und plötzlich sah Marcuse wieder rot. Mit einem Mal war ihm alles egal. Er hatte nur noch einen Wunsch: diesen Kerl, der ihn schmerzhaft getroffen hatte, zu töten.

Er hieb wuchtig auf Bount Reiniger ein. Mehrmals traf er glücklich. Bount hatte Mühe, einige Schläge abzufangen.

Ein harter Schlag traf Bounts Kinnwinkel. Er fiel auf die Knie, und Charles Marcuse wollte sich sogleich auf ihn stürzen.

Aber da waren plötzlich Schritte zu hören. Das brachte Marcuse zur Vernunft. Er drehte sich herum und suchte das Weite.

Die Schritte erreichten den Durchgang. Bount sah einen Mann, der daran vorbeiging, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Du warst mir eine große Hilfe, dachte Bount. Die Schritte entfernten sich, und da an eine weitere Verfolgung des Gangsters nicht mehr zu denken war, kehrte Bount Reiniger zu Jack Lunas Truck-Driver-Kaschemme zurück. Marcuses Revolver blieb unbeachtet im Durchgang liegen.

Bount lehnte sich da an den Tresen, wo vor kurzer Zeit Charles Marcuse gelümmelt hatte. Jack Luna richtete seinen Blick auf ihn. „Was möchtest du haben?“

„Bier“, erwiderte Bount.

Er bekam das Gewünschte umgehend.

„Erinnerst du dich an den Knaben, der vor ein paar Minuten hier gestanden hat, Jack?“, fragte Bount Reiniger.

„Du siehst doch, wie voll die Bude ist. Ich kann mir unmöglich alle Gäste merken.“

„Der, von dem ich spreche, hat eine Narbe an der Wange, und sein Auge hängt tief.“

„Ach der. Das ist Charles Marcuse.“

„Auch ein Truck-Driver?“

„Das war er mal. Was er heute macht, weiß ich nicht. Früher war er oft hier. In letzter Zeit lässt er sich nur noch selten blicken.“

„Kannst du mir sagen, wo er wohnt?“

Jack Luna schüttelte den Kopf. „Das weiß wohl keiner hier. Marcuse ist ein Zugvogel. Der hält es in keiner Bleibe lange aus.“ Der Wirt wies auf ein schwarzhaariges Mädchen. „Vielleicht kann Maggie dir helfen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist sie mit einem Kumpel von Marcuse befreundet.“

Bount griff nach seinem Bierglas. „Vielen Dank für den Tipp.“ Er setzte sich an einen Tisch und blickte eine Weile zu Maggie hinüber. Sie war von Truck-Drivern umringt und hielt die rauen Gesellen bei bester Laune.

Es fiel ihr bald auf, dass Bount sie fortwährend ansah, und es dauerte danach nicht mehr lange, bis sie sich aus dem Männerkreis löste und zu Bount Reiniger kam. Ihre Figur war sehenswert, nur der Busen war etwas klein, aber das störte nicht.

„Hallo“, sagte sie mit einer rauchigen Stimme.

„Hallo, Maggie“, gab Bount lächelnd zurück.

„Ich weiß auch, wie du heißt. Dein Name ist Bruce Sheridan. Du fährst für Errol Cabot.“

„Woher weißt du das?“, fragte Bount erstaunt.

„Ich habe mich erkundigt.“

„Und warum das?“

„Du hast Brick Curtis vor ein paar Tagen aus der Klemme geholfen. Mir gefiel die Art, wie du mit deinem vierschrötigen Gegner umgesprungen bist. Darf ich mich zu dir setzen?“

„Aber natürlich. Möchtest du was trinken?“

„Whisky.“

Bount bestellte den Drink für das Mädchen. Sie hatte dunkle Kohleaugen und sinnliche Lippen. Bount fragte sich, ob es vernünftig war, sie gleich nach Charles Marcuse zu fragen. Er entschied sich dagegen. Er wollte der Unterhaltung Zeit geben, sich zu entwickeln. Maggie erhielt ihren Drink.

„Auf dein Wohl“, sagte sie und erhob ihr Glas.

Bount nickte gönnerhaft. „Ich wollte, ich hätte so viel Geld, um dir mehr als nur einen Whisky spendieren zu können.“

„Kommst du mit deinem Geld nicht aus? Ihr Truck-Driver verdient doch nicht schlecht.“

„Das kommt darauf an, was für Ansprüche man an das Leben stellt. Ich lebe gern auf großem Fuß, da ist das Moos schnell alle. Man müsste mehr Geld verdienen können.“

„Auf ehrliche Weise ist das kaum möglich“, sagte Maggie.

Bount bleckte die Zähne. „Ob einer sein Geld ehrlich verdient oder nicht, dem Zaster merkt man es nicht an, wenn er ausgegeben wird.“

Maggie drückte ihr Glas an die Wange. „Du meinst, du würdest auch etwas tun, was nicht ganz astrein ist, wenn die Kasse stimmt?“

„Warum denn nicht? Die da oben - du weißt schon, wen ich meine - leben doch auch von Lüge und Betrug. Warum soll der kleine Mann sich nicht auch ein bisschen helfen?“

„Hast du schon mal ein krummes Ding gedreht?“

Bount lachte. „Hör mal, für wie naiv hältst du mich denn? Glaubst du, ich bete dir jetzt mein Sündenregister vor? Du bist zwar ein netter Käfer, aber ...“

„Du traust mir nicht?“

„Ich traue kaum mir selbst“, sagte Bount.

„Du hast Mut und kannst kämpfen. Vielleicht kann ich dir einen Job verschaffen.“

Bount horchte auf. Hoppla, sollte er endlich Glück haben? „Es müsste schon etwas Ordentliches sein“, sagte er. „Ich meine einen Job, der sich auszahlt.“

„Du würdest zufrieden sein.“

„Was hätte ich zu tun?“

„Für einen durch und durch ehrlichen Menschen wäre es jedenfalls nichts.“

Bount grinste. „Wer kann es sich heutzutage schon leisten, durch und durch ehrlich zu sein? Es wäre verdammt anständig von dir, wenn du mich mit jemandem zusammenbringen würdest, der Verwendung für meine brachliegenden Talente hätte. Ich würde mich auch erkenntlich zeigen.“

„Das brauchtest du nicht“, erwiderte Maggie.

„Du würdest dich aus reiner Nächstenliebe für mich einsetzen?“

„Ich würde es tun, um einem Freund einen Gefallen zu erweisen.“ Einem Freund, dachte Bount. Etwa Charles Marcuses Freund? Er wollte nicht zerstören, was er soeben vorsichtig aufgebaut hatte, deshalb erwähnte er Marcuses Namen auch weiterhin nicht.

„Und wie geht’s nun weiter?“, erkundigte sich Bount Reiniger.

„Komm morgen Abend wieder. Vielleicht kann ich dir dann schon mehr sagen.“

Bount nickte. „Ich werde mir diese Chance nicht entgehen lassen.“

21

Marcuse war wütend. Verdammt, wieso war ihm dieser Kerl gefolgt? Der Gangster eilte die Straße entlang. Es behagte ihm nicht, dass sich jemand um ihn kümmerte, den er nicht kannte. War der Kerl ein Bulle gewesen? Es ärgerte Marcuse, dass er nicht einmal das Gesicht des Fremden gesehen hatte. Und der Gedanke, dass er seinen Revolver verloren hatte, löste eine Zornwelle in seinem Kopf aus.

Von diesem Zwischenfall würde er Tiggers und Banninger nichts erzählen. Er hatte bei der Sache nicht besonders gut ausgesehen, deshalb wollte er darüber lieber kein Wort verlieren.

Er erreichte mit Verspätung das Haus, in dem Tiggers wohnte. Mit dem Lift fuhr er zur dritten Etage hoch. Wenig später läutete er an Tiggers’ Apartmenttür.

Der Komplize öffnete. „Na endlich!“

„Was ist das denn für eine Begrüßung?“, schnauzte Marcuse den anderen ärgerlich an.

„Wieso kommst du erst jetzt?“, fragte Tiggers kalt.

„Das geht dich nichts an. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“

Die Atmosphäre war vergiftet. Zwischen den beiden Männern baute sich ein gefährliches Spannungsfeld auf. Tiggers führte Marcuse in den Livingroom, wo Eliot Banninger auf einer Sitzbank saß.

„So“, sagte Victor Tiggers und setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels. „Jetzt sind wir vollzählig.“

Marcuse benahm sich, als wäre er hier zu Hause. Er begab sich zur Hausbar und schüttete sich einen Drink ein. „Du hast uns zu einer Aussprache in dein Apartment eingeladen“, sagte er und drehte sich mit dem Glas in der Hand um. „Hier sind wir. Schieß los!“

Tiggers’ Brauen zogen sich zusammen. Er wich Marcuses stechendem Blick nicht aus. „Ich habe mit dem Boss über dich und deine Extratour gesprochen.“

Marcuse trank und verzog verächtlich das Gesicht. „Du meinst, du hast gepetzt wie ein kleiner Schuljunge.“

„Ich habe dem Boss lediglich die Fakten berichtet. Schließlich hat er ein Recht darauf, zu erfahren, wie wir unsere Arbeit tun.“

„Wichtig sollte für ihn lediglich sein, dass wir unsere Jobs erfolgreich hinter uns bringen.“

Tiggers nickte. „Richtig. Aber ein solcher Erfolg ist in Frage gestellt, wenn jeder von uns tut, was ihm gerade einfällt. Der Boss ist mit mir der Meinung, dass dein Jähzorn für uns alle noch mal zur Gefahr werden kann. Du hast nun bereits zwei Minuspunkte bei ihm. Der erste ist Paul Carson ...“

Marcuses Augen verengten sich. „Du hast beim Boss Stimmung gegen mich gemacht, du verfluchter Bastard. Aber es macht mir nichts aus, wenn du mich anschwärzt, denn nach wie vor zählt bei uns die Leistung, und mit meiner kann der Boss zufrieden sein.“

 

„Du wirst künftig ein wenig zurückstecken müssen, Charles.“ Marcuse starrte den Komplizen wutentbrannt an. „Wer verlangt das?“

„Der Boss. Von nun an hörst du auf mein Kommando.“

„Du willst wohl, dass ich einen Lachkrampf kriege!“

„Du kannst dich dieser Entscheidung fügen oder aussteigen.“

Marcuse leerte ruckartig sein Glas. „Aussteigen? Du willst mich ausbooten? Sag mal, bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was bildest du dir ein, wer du bist? So kann man mit mir nicht umspringen!“

„Es ist nicht meine Entscheidung, sondern die des Chefs“, erwiderte Tiggers emotionslos.

Marcuse hatte große Mühe, sich zu beherrschen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem gereizten Grinsen. „So ist das also. Ich soll von nun an die letzte Geige spielen, und wenn mir das nicht passt, kann ich hingehen, wo der Pfeffer wächst. Sag mal, hat der Boss denn keine Angst, ich könnte versuchen, ihm eins auszuwischen, indem ich auspacke?“

Tiggers schüttelte langsam den Kopf. „Das würdest du nicht tun, Charles.“

„So? Und warum nicht?“, fragte Marcuse heiser.

„Weil du weißt, dass wir dich dann umlegen würden, wo immer du wärst.“

Das war zu viel für Marcuse. Er konnte sich nicht mehr länger zurückhalten. Tiggers hatte ihm hinter seinem Rücken seine Führungsposition abgenommen. Und jetzt sagte er ihm auch noch offen ins Gesicht, dass sie ihn töten würden, wenn er sich gegen sie wenden würde.

„Du verdammter ...!“, entfuhr es Marcuse. Mit dem Glas in der Hand wollte er sich auf Tiggers stürzen. Da passierte etwas, womit er nicht rechnete.

Banninger und Tiggers sprangen auf. Beide zogen gleichzeitig die Revolver und richteten sie auf ihn. Marcuse stoppte mitten in der Bewegung. Er starrte seine Komplizen mit großen Augen an.

„So sieht die Sache also aus“, sagte er heiser.

„Besser du fügst dich, Charles“, sagte Eliot Banninger. „Sonst müssten wir dich durch einen anderen Mann ersetzen.“

Marcuse begriff, dass er verloren hatte. Aber vergessen würde er diese schmachvolle Niederlage niemals. Und verzeihen würde er seinen Komplizen auch nie, dass sie sich mit ihren Waffen gegen ihn gestellt hatten. Eines Tages würden sie das zurückkriegen. Er war ein Mensch, der auch sehr lange auf seine Rache warten konnte. Umso grausamer würde sie hinterher ausfallen.

Mühsam schluckte er. „Okay“, sagte er leise. „Okay, wir wollen das Kriegsbeil begraben. Es wäre doch verrückt von uns, wenn wir einander bekriegen würden. Ihr habt nicht so unrecht. Ich bin ein Heißsporn. Das ist nicht immer gut. Ich werde versuchen, mich künftig besser im Zaum zu halten.“

Eliot Banninger atmete erleichtert auf. „Ich habe gehofft, dass du Vernunft annimmst, Charles.“

Die Spannung zerplatzte wie eine Seifenblase. Banninger steckte seinen Revolver weg. Auch Victor Tiggers entspannte sich, aber sein Misstrauen blieb. Er würde Charles Marcuse wohl nie mehr so wie früher trauen können. Zwischen ihnen war etwas zerbrochen. Sie waren keine Freunde mehr.