Wyatt Earp 229 – WesternText

Aus der Reihe: Wyatt Earp #229
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Wyatt Earp – 229 –

Er hatte keinen Namen.

Jedenfalls an dem Tag, an dem er die Stadt Mesita erreichte, schien er namenlos zu sein. Woher er genau kam, wusste niemand, ebenso wenig wie man nicht wusste, wie er eigentlich hieß.

Er war mittelgroß, hatte rötlich-blondes gekraustes Haar und trug einen grauen abgetragenen Stetsonhut, der mit starken Schweißstellen besetzt war und dessen Krempe ziemlich zerfleddert wirkte. Sein Hemd war bräunlich und kragenlos. Das blaue Halstuch war verwaschen wie die Hose und wie die schwarz-weiß karierte Weste. Sein Gesicht hatte einen ovalen Schnitt. Die Augen standen schräg darin, aber so, dass die äußeren Enden nach unten liefen. Scharf fielen die Lider über die Außenwinkel der Augen. Die Nase war lang, und die Spitze nach unten gebogen, sodass sie über den üppigen Mund zu ragen schien. Das Kinn war spitz und zeigte nach vorn. Auf seiner linken Wange war eine große Warze, aus der drei Haare heraussprangen.

Es war kein gutes, kein angenehmes Gesicht. Die Ohren waren winzig klein, und das Haar wuchs ihm hinten fast ins Halstuch. Er war trotz des eckigen Gesichtes nicht etwa dünn, denn er hatte ein Doppelkinn, das um seinen Hals schwabberte. Die Brust wirkte eingefallen, und der Bauch stand vor und erlaubte es nicht mehr, dass die Weste geschlossen werden konnte. Statt eines Revolvers hatte er ein altes Winchestergewehr, dessen Kolben sehr abgegriffen wirkte.

Die Hosen steckten in den ziemlich hohen Stiefelschäften, und über den Absätzen saßen verrostete mexikanische Sporen. Leicht vornübergebeugt und fast bucklig wirkend saß der Mann im Sattel und stützte sich mit beiden Händen aufs Horn auf. Der Braune, den er ritt, hatte einen harten Gang, sodass der Reiter bei jedem Schritt durchgeschüttelt wurde.

Es war am Morgen eines kühlen Februartages, als er in Mesita einritt.

Die Stadt war nicht sehr groß, vielleicht zwanzig oder dreißig Häuser, Ställe, Anbauten, Scheunen und Corrals. Eine braun-graue Kistenholzstadt wie jede andere im Westen.

Der Reiter, der die ganze Zeit auf der Overlandstreet nicht die Straßenmitte innegehabt hatte, sondern die rechte Seite, hielt sich auch jetzt auf der rechten Straßenseite, so als müsse er jeden Augenblick irgendwo Deckung suchen.

Vor einem Store hielt er seinen Braunen an, rutschte aus dem Sattel und warf die Zügelleinen um den Querholmen. Dann ging er auf gebogenen Reiterbeinen auf den Laden zu, öffnete die Tür und blinzelte in den dämmrigen Raum.

Eine verhutzelte Frau schrak aus ihrem Nickerchen hoch, das sie wohl eben gerade hier hinterm Tresen gehalten hatte und blickte ihm neugierig entgegen.

Es geschah nicht oft, dass ein Fremder ihren kleinen Laden betrat.

Der Mann kam ein paar Schritte herein, blieb dann neben den Hemdenstapeln, die auf einem Bord vorne lagen, stehen, griff eines der Hemden heraus und prüfte den Stoff.

»Das hier«, sagte er nur.

Die Frau faltete es auseinander und schüttelte den Kopf.

»Es ist Ihnen viel zu groß, Mister.«

»Ich habe gesagt, ich will das Hemd«, entgegnete er mit einer Stimme, in der ein befehlsgewohnter Ton mitschwang.

Die Frau zog die Schultern hoch, nahm ein Stück Zeitungspapier und wickelte das Hemd darin ein.

»Nein, nein«, meinte der Mann, »ich ziehe es gleich an.«

Dann zog er sich sehr umständlich sein altes Hemd aus, schob es mit dem Fuß unter eine Bank, zog das neue Hemd an und musste nun feststellen, dass es ihm tatsächlich zu groß war.

Aber er dachte nicht daran, es gegen ein anderes einzutauschen, denn die Farbe gefiel ihm. Es war in einem fahlen Gelb gehalten, das von schwarzen Längsstreifen verziert wurde.

»So, und jetzt brauche ich Tabak.«

»Den habe ich leider nicht«, entgegnete die Frau, »da müssen Sie drüben Hubert’s Liquor Store aufsuchen. Er hat Tabak, Zigarren und auch Pfeifen.«

Der Mann warf das Geld für das Hemd auf das Bord, wandte sich um und verließ grußlos den Shop.

Die Frau sah, dass er über die Straße ging und bei jedem seiner Schritte den Sand, der die Straße bedeckte, zu schaufeln schien.

Er hatte einen sonderbar wiegenden Gang, so als wollte er seiner nicht gerade ansehnlichen Figur einen Ausgleich durch einen auffälligen Gang verschaffen.

Als er den Liquor Store erreicht hatte, blieb er stehen, wandte sich um, kam noch einmal an die Vorbaukante zurück und blickte die Straße hinunter nach Westen.

Dann betrat er den Liquor Store und verlangte von dem jungen Mann, der mit Hemdsärmeln aus einer Schuhmacherwerkstatt kam, Tabak für Zigaretten. Als er sich seinen Tabaksbeutel gefüllt hatte und auch neue braune Kentuckypapierchen gekauft hatte, drehte er sich ohne Hast eine Zigarette, schob sie sich zwischen die gelben Zähne und riss ein Zündholz unter dem Tresen an.

»Ach ja, Zündhölzer brauche ich auch«, sagte er dann.

Der dreiundzwanzigjährige Joseph Cotton war der zweite Mensch in Mesita, der den Fremden gesehen und mit ihm gesprochen hatte.

Unser Mann zahlte auch hier, verließ den Store und blieb vorn an der Vorbaukante wieder stehen, um die Straße zu überblicken.

Dann war sein Blick auf ein Haus gefallen, das etwas zurücklag und ziemlich groß war. Vorn an der hochgezogenen Fassade trug es in riesigen Buchstaben die Aufschrift »Bar zum Kugelfang«.

Der Fremde ging auf die Schenke zu, sah mehrere Pferde vorn an den Halfterstangen und blieb eine Weile auf dem Vorbau stehen, um ein Plakat zu lesen, das neben der Tür an der Holzwand angeschlagen war.

Es zeigte reichlich undeutlich den Kopf eines bärtigen Menschen, der Griffith hieß und wegen Mordes gesucht wurde.

José Griffith, 24, aus Leplanc am Rande des Las Animas Countys. Der Verbrecher sollte in Trinidad eine Frau erstochen haben.

Mit einer müden Bewegung wandte sich der Fremde ab und trat auf den Eingang zu, schob die beiden hölzernen Schwingarme der Pendeltür auseinander und blickte in den dämmrigen Raum. Von dem gleißenden Licht der Straße war er so geblendet, dass er die fünf Gestalten an der Theke kaum erkennen konnte.

Es waren staubige Männer in Cowboytracht, die stumm vor ihrem Bier standen.

Der Fremde trat ein, sah sich um, ging auf das Orchestrion zu und warf eine Münze hinein. Als sich der ­Musikkasten ratternd und stampfend in Bewegung setzte und den Coloradosong in den Raum krächzte, nickte der Fremde den Takt mit dem Kopf dazu, blieb stehen, bis das Musikstück heruntergeleiert war und nahm an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz.

Der Salooner, der ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte, zog die Schultern hoch und ging um die Theke herum auf ihn zu. Filipe Jonas liebte es nicht allzu sehr, wenn er seine Gäste im Schankraum bedienen musste. Vor allem tagsüber liebte er es gar nicht. Es reichte ihm schon, wenn abends seine Tochter mit den Gläsern durch die Tischreihen keuchen musste, um den Durst der Gäste zu löschen. Aber dass er selbst am Tag noch hinter der Theke hervorkriechen musste, gefiel ihm absolut nicht.

Er stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne eines gegenüberliegenden Stuhles auf, blickte unseren Mann an und fragte:

»Was darf’s sein, Mister?«

»Ich werde es mir noch überlegen, Salooner. Wenn es mir eingefallen ist, werde ich es Ihnen sagen.«

»Es wäre mir ganz lieb, Mister, wenn es Ihnen gleich einfallen würde«, knurrte der Wirt.

Der Fremde zog die Brauen zusammen, und seine Falte, die dazwischen stand, vertiefte sich und hatte plötzlich zwei Geschwister.

»Hören Sie Mann, ich bin hier der Gast, und Sie derjenige, der den Gast zu bedienen und sich nach seinen Wünschen zu richten hat.«

»He, ein Schulmeister, wie es scheint«, meinte der Salooner und lächelte krampfhaft.

»Absolut nicht«, entgegnete der Fremde. »Also, ich werde darüber nachdenken, was ich serviert haben möchte. Lassen Sie mich einstweilen hier zufrieden.«

Der Wirt rümpfte die Nase, zog dann die Schultern hoch, wandte sich ab und ging ärgerlich gestikulierend zur Theke zurück.

Einer der Gäste feixte ihm zu.

Das ärgerte ihn noch mehr. Deshalb hantierte er ziemlich geräuschvoll mit den Gläsern herum.

Aber er konnte die Cowboys damit nicht in ihrer Ruhe stören.

Als er gerade auf einen Stuhl gestiegen war, um die Uhr oben über dem Flaschenbord aufzuziehen, hörte er den Fremden mit näselnder Stimme rufen:

»Ich möchte einen Firepoint.« (Feuerpunkt, ein in der damaligen Zeit sehr beliebtes Getränk, das eine rubinrote Farbe und einen likörähnlichen Geschmack hatte. Es war bedeutend stärker als unsere heutigen Liköre. Damals wurde es in verhältnismäßig kleinen, dicken vierkantigen Flaschen ausgeschenkt.)

Der Wirt stieg von seinem Stuhl herunter, griff nach der Firepoint-Flasche, zog ein Glas zu sich heran und goss es zu einem Drittel voll. Dann nahm er ein Handtuch auf den Arm und stiefelte los.

Mit dem Handtuch wischte er erst den Tisch vor dem Fremden ab, setzte dann das Glas hin.

»Sie hätten den Tisch höchstwahrscheinlich nicht abgeputzt, wenn ich nur ein Bier bestellt hätte, he?«, meinte der Fremde nörgelnd.

»Ich weiß nicht, was Sie wollen, Mister, hier wird jeder gleich bedient. Ganz einerlei, ob er nun ein Glas Zuckerwasser oder Scotch bestellt. Aber Scotch ist natürlich nicht jedermanns Sache, denn schließlich kostet er Geld.«

»Ich nehme an, dass ich den Firepoint auch nicht geschenkt bekomme«, entgegnete der Fremde schroff.

»Allerdings nicht, Mister. Und es wäre mir ganz recht, wenn Sie ihn jetzt gleich bezahlen würden.«

»Ah, misstrauisch«, krächzte der Fremde, »tut mir leid, ich kann Ihnen den Gefallen nicht tun. Ich bin gewohnt, meine Drinks immer erst dann zu bezahlen, wenn ich sie durch die Kehle befördert habe. Sie müssen nämlich wissen, dass ich in Las Palmas, das etwa zweihundert Meilen von hier entfernt liegt, einen Burschen erlebt habe, der seinen Whsiky zahlte, ehe er ihn trank. Allerdings kam er nicht mehr dazu, ihn zu trinken. Er hatte, ehe er ihn an die Lippen bringen konnte, etwas im Bauch, das schwerer war als eine ganze Flasche von dem Zeug, nämlich drei glühende Revolverkugeln.«

 

Er ließ diesen Worten eine unangenehme Lache folgen, an der jedoch seine Augen nicht teilnahmen.

Der Wirt hatte das Gefühl, dass er sich schütteln musste, wandte sich ab und ging zur Theke zurück.

Der Fremde trank und bestellte sich nach einer Weile noch einen Firepoint.

Diesmal hatte er zu bemängeln, dass das Glas nicht ganz zu einem Drittel gefüllt war.

»Ich werde das bei der Bezahlung korrigieren.«

Der Wirt, der selbst kein angenehmer Zeitgenosse war, rieb sich mit dem haarigen, braunbetupften Handrücken sein stoppelbärtiges Kinn und wandte sich abrupt ab.

Unser Mann schlurfte seinen Firepoint fast eine Viertelstunde lang und hatte gerade den letzten Tropfen durch seine Kehle rinnen lassen, als draußen Stimmen laut wurden.

Zwei Männer kamen herein, die einen Dritten mit sich schleppten. In der Mitte des Schankraumes zwischen den Tischen sackte er zusammen und blieb am Boden liegen.

»Was ist mit ihm?«, rief der Wirt.

»Er ist krank.«

»Krank? Weshalb schleppen Sie ihn denn hier herein?«

»Weil er sagte, dass er einen Drink brauchte.«

»Seid ihr wahnsinnig? Lasst den Kerl draußen.«

»He, Filipe«, krächzte einer der Cowboys, »wer wird denn so grausam sein? Vielleicht wollte der Junge noch einen Drink, bevor er sich auf die große Reise machte.«

»Das muss es sein«, meinte einer der beiden, die ihn hereingebracht hatten.

Der Mann am Boden war wieder zu sich gekommen, wand sich wie in Krämpfen und stemmte sich dann auf die Hände auf, um zur Theke herüberzublicken.

Rasch goss der Salooner ein Glas zu einem Drittel voll und reichte es einem der Kuhtreiber, der es einem der beiden Begleiter des Kranken gab.

»Was hat er denn?«, wollte der Cowboy wissen.

»Keine Ahnung. Wir sahen ihn vor der Stadt am Boden liegen. Als wir ihn erreichten, jammerte er nach einem Schluck Whisky. Aber man schleppt das Zeug ja nie lange mit sich herum. Und deshalb konnten wir ihm den Gefallen nicht tun. Da haben wir ihn ganz einfach hergebracht.«

Da krächzte der Wirt:

»Ihr müsst ihn wegbringen. Drüben auf der anderen Straßenseite wohnt ein Priester.«

»Zum Priester«, entrüstete sich da der Fremde, der sich erhob und auf die Gruppe zukam, um sich über den am Boden Kauernden zu beugen. »Nein, der Mann braucht keinen Priester, er braucht einen Arzt.«

»Hier ist kein Arzt in der Stadt«, entgegnete der Salooner mürrisch.

»Ich dachte es mir.«

Der Fremde zog dem Kranken die Jacke aus, rollte sie zusammen und schob sie ihm unter den Kopf. Dann öffnete er ihm das Hemd über der Brust und lauschte nach seinem Atem.

»Ja«, stellte er dann fest, »es sieht allerdings ziemlich schlecht aus.« Er ging zur Tür, blieb noch einmal stehen, wandte sich dann um und sagte:

»Ich hole eben das Nötige.«

Verblüfft blickten die Männer hinter ihm drein.

Als er zurückkam, hatte er einen Zampelbeutel bei sich, den er aufschnürte, um ihm mehrere Fläschchen zu entnehmen, die er auf einen Stuhl setzte. Aus einer der Flaschen goss er etwas auf einen Löffel, den er sich vom Salooner hatte geben lassen und träufelte es dem am Boden Kauernden zwischen die Lippen.

»Ja, ja, verziehen Sie nur das Gesicht, Mister, das schadet nichts. Es muss sogar sein. Die Medizin ist bitter, ich weiß. Aber sie hilft. Wenn überhaupt noch zu helfen ist.«

Plötzlich stieß der Mann am Boden einen unartikulierten Schrei aus, sprang auf und tobte wie ein Wilder umher.

»Was um Himmels willen haben Sie ihm denn eingegeben?«, knurrte da einer der Cowboys.

»Abwarten.«

Mit Seelenruhe beobachtete er den Mann, der sich über den Boden wälzte, wie es nur einer tat, der von furchtbaren Krämpfen befallen wurde.

Als das wilde Schreien nicht aufhören wollte, blickte der Fremde die beiden Männer, die ihn hereingebracht hatten, an und gebot ihnen:

»Haltet ihn.«

Als das den beiden nicht gelang, forderte er auch die Cowboys auf, mitzuhelfen.

Der Mann wurde festgehalten und auf einen Stuhl gepresst.

Dann nahm der Fremde eines der anderen Fläschchen, öffnete es und goss ein paar Tropfen auf den Löffel.

»So, und nun haltet ihn mir gut fest. Jetzt wird es nur noch Sekunden dauern, und dann ist ihm wohler. Ich dachte nicht, dass er schon diese starke Medizin braucht.«

Kaum hatte er die Tropfen dem anderen zwischen die Lippen gegeben, als dessen Zuckungen nachließen und auch seine Schreie ausblieben.

Er hatte den Kopf auf der Brust hängen und kippte schließlich zur Seite.

»Heavens«, brummte einer der Cowboys, »er ist doch nicht etwa tot?«

»Es geht ihm jetzt besser als vorher«, entgegnete der Fremde gelassen.

»Yeah«, knurrte der Cowboy, »das ist möglich. Denn ich glaube auch, dass es jedem Toten besser geht als dem gesündesten Lebenden.«

»Ansichtssache«, krächzte der Wirt, der auch bei der Gruppe stand und misstrauisch den Fremden beobachtete.

Der trat jetzt näher an den Kranken heran, beugte sich wieder über ihn und griff dann nach seinem Puls.

»So, jetzt geht’s ihm schon besser. Vielleicht könnten wir ihn da draußen einen Moment auf einen der großen Tische legen.«

»Auch das noch«, knurrte der Wirt. »Ich habe doch kein Hospital hier für sterbende Landstreicher.«

Da aber war er falsch bei den Cowboys angekommen, die zwar raue Burschen waren, aber doch allen Respekt vor Krankheiten und Dingen hatten, die damit zusammenhingen. Wussten sie doch aus bitterer Erfahrung, was es bedeutete, wenn einer von ihnen plötzlich draußen auf dem Ranchhof oder aber auf der Weide zusammensackte und weit und breit kein Mensch zu finden war, der ihm hätte helfen können.

Der Fremde legte dem Kranken jetzt seine Hände auf die Stirn und schloss die Augen. Er hatte eine kerzengerade Haltung angenommen, was bei seiner etwas verdrechselten Figur eigenartig wirkte.

In hochachtungsvollem Halbkreis umstanden ihn die Cowboys und die beiden, die den Mann hereingebracht hatten.

Der schlug plötzlich die Augen auf, stützte sich wieder auf seine beiden Hände und wollte sich aufrichten.

»Noch liegenbleiben«, mahnte ihn der Fremde.

»Um Himmels willen, was ist geschehen?«

»Sie hatten einen Ihrer Anfälle«, sagte der Fremde.

Er hatte gesagt »Ihrer Anfälle«. Der Wirt und die Cowboys hatten es gehört.

Da wischte sich der Kranke durchs Gesicht, schüttelte langsam den Kopf und saß dann auf der Tischkante. Seine Beine baumelten schlaff herunter, und sein Kopf hing noch immer auf seiner Brust.

»Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie einen solchen Anfall heute zum ersten Mal hatten?«, fragte ihn der Fremde.

Der Kranke schüttelte den Kopf.

»Nein, ich hatte es schon öfters. Es muss die Lunge sein.«

»Nein, es sind die Nieren«, sagte der Fremde.

»Die Nieren?«

»Ja. Sie sind ein Trinker. Ein schwerer Trinker. Und dann hatten Sie einmal eine Nierenentzündung vor vielleicht zehn Jahren.«

Der Kranke hatte seine Augen sperrangelweit aufgerissen und ruschte vom Tischrand herunter, hielt sich an einer Stuhlkante fest und nickte dann erstaunt.

»Ja, es ist wahr. Ich hatte eine schwere Krankheit, und nur weil ich immer und immer wieder von den Anfällen gepackt wurde, griff ich zum Alkohol. Es geschah aus purer Verzweiflung. Ich weiß nicht, was andere an meiner Stelle tun würden.«

Mitleidig blickten die Männer auf den von der Krankheit schwer gezeichneten Mann. Sein Gesicht war blass, und unter seinen Augen lagen dunkle Ringe.

Da meinte der Fremde, während er seine Tasche schloss:

»Wie lange dauern solche Anfälle gewöhnlich?«

»Immer mehrere Stunden, wenigstens drei.«

»Und was glauben Sie wohl, wie lange Ihr Anfall jetzt gedauert hat?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich auf die Stadt zuritt und dann – und dann muss es geschehen sein.«

»Es ist kaum zwanzig Minuten her«, sagte einer der Männer, die ihn gebracht hatten. »Wir sahen Sie aus dem Sattel fallen.«

»Zwanzig Minuten, das ist ausgeschlossen. Ich fühle mich wieder ­richtig wohl. Der Anfall ist vollkommen vorüber. So etwas gibt es ja gar nicht.«

»Gibt es doch«, entgegnete der Fremde, während er seinem Platz zusteuerte, den Zampelbeutel neben seinen Stuhl stellte und auf sein leeres Glas blickte.

Da brummte einer der Cowboys, ein älterer bärtiger Bursche, während er mit dem Daumen über die Schulter wies:

»Los, Filipe, bring ihm einen Drink von mir.«

Der Wirt hatte plötzlich schnelle Beine bekommen, nahm die Flasche mit dem Firepoint und trat damit an den Tisch des Fremden. Er goss ihm ein und sagte dann:

»Die Flasche bleibt hier. Sie ist von mir, und zwar umsonst.«

»Ich nehme nichts geschenkt«, entgegnete der Fremde.

»Den Drink müssen Sie nehmen, er ist von dem Cowboy.«

»Den nehme ich auch, aber nicht mehr.«

Da torkelte der Kranke auf immer noch unsicheren Beinen an seinen Tisch, blieb davor stehen und schluckte schwer:

»Mister, ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich – ich habe schon seit Jahren einen Arzt gesucht, aber nun ja, die Männer, mit denen ich gesprochen habe, die haben mir nur die Dollars aus den Taschen gezogen und konnten mir nicht helfen. Und da entschloss ich mich, zum Alkohol zu greifen, weil der mich immer wieder betäubte und mir die Schmerzen vergessen half.«

»Das ist genau das falsche Mittel.«

»Und was soll ich tun?«

»Lassen Sie die Hände vom Alkohol. Jedenfalls können Sie ihn nur in winzigen Mengen vertragen, zunächst einmal.« Und dann bückte er sich, griff in seinen Zampelbeutel und nahm eine Schachtel hervor, die er öffnete. Sie enthielt kleine weiße Pillen, nicht viele, vielleicht sieben oder acht.

»Hier, das ist das Einzige, was hilft. Es ist das Mittel, das ich Ihnen vorhin in flüssiger Form gegeben habe. Es heißt Serentol. Sie bekommen es in jeder Stadt in jedem vernünftigen Arzneistore.«

»Aber wir haben hier keinen Arzneistore«, sagte da einer der Cowboys.

»Eben, das ist ja das Schlimme. Die Sache wird euch alle noch auffressen. Diese oder eine andere.«

Er goss sich einen Firepoint ein und nippte etwas davon.

Die Cowboys waren an die Theke zurückgegangen. Aufmerksam blickten sie zu dem Fremden hinüber.

Der Mann, der die Schachtel mit den Pillen bekommen hatte, meinte:

»Es tut mir leid, Mister, ich bin kein reicher Mann. Ich kann Ihnen höchstens das geben, was ich bei mir trage. Und es sind nur fünf Dollar.«

»Es kostet nur einen Dollar«, sagte der andere ungerührt.

Da nestelte der Kranke rasch einen Dollar hervor und legte ihn beglückt auf den Tisch. Mit heißen Dankesworten machte er sich davon.

Der Wirt stand immer noch am Tisch des Fremden und krampfte seine Hände um eine Stuhllehne. Sein Gesicht sah jetzt ganz anders aus als vorhin. Er suchte verzweifelt nach Worten.

Der andere machte es ihm nicht leicht, sah ihn nicht an und forderte ihn auch nicht auf, zu sprechen.

Schließlich druckste der Wirt:

»Es ist wegen – meiner Frau, Mister.«

»Was ist mit ihr«, kam es uninteressiert zurück.

»Sie ist krank. Schon seit Monaten.«

»Was hat sie?«

»Das ist es ja eben. Niemand weiß es. Ich vermute, dass es der Magen ist. Sie kann kaum noch etwas essen und ist schon so hinfällig, dass sie das Bett nicht mehr verlassen kann.«

»Arme Frau«, sagte der andere.

»Mister, wenn Sie – ich meine, Sie sind doch ein Doc – und es ist eine große Gnade für unsere Stadt, dass Sie hier durchgekommen sind. Ich würde alles tun, wenn Sie mir helfen könnten. Ich meine, meiner Frau, wenn Sie sie nachher sehen würden. Es ist doch kein Leben mehr, das sie da leben muss. Dann wäre es schon besser –« Jäh brach er ab.

Der andere warf den Kopf hoch und blickte ihn aus seinen wässrigen Augen an.

 

»Sie wollten sagen, dann wäre es schon besser, wenn sie tot ist, nicht wahr? Sprechen Sie es nur aus. Das denkt ihr doch alle. Wenn einer krank ist, dann wäre es besser, er wäre tot. Ein elender Unsinn ist das, nichts weiter. Wozu gibt es Arzneien. Hunderte von Arzneien? Es gibt gegen jedes Übel ein Kraut.«

»Aber was hilft es«, meinte der Wirt, nicht ganz zu Unrecht, »wenn man die Kräuter nicht kennt und wenn man nichts von ihrer Anwesenheit versteht, wenn man nicht weiß, welches für welche Krankheit benutzt werden muss.«

Der Fremde nickte.

»Es ist gut. Bringen Sie Ihre Frau her.«

»Aber sie kann nicht gehen.«

»Bringen Sie sie her!«

Der Wirt nickte und lief davon.

An der Theke winkte er einem der Cowboys, den er offensichtlich seit Langem kannte, und forderte ihn auf, mit ihm zu kommen.

Es dauerte nicht lange, und die beiden kamen zurück mit einer Frau, die etwa dreißig Jahre sein musste. Sie hatte ein blasses Gesicht, das von einer gelblichen Farbe überzogen war.

Als sie die Theke erreicht hatten, musste sie sich da stützen, weil ihr der Atem versagte.

Da erhob sich der Fremde, nahm seinen Beutel, nickte und kam auf die Theke zu.

Achtungsvoll wichen die Cowboys zurück.

Er blickte in das Gesicht der Frau, griff dann nach ihrem Puls und sagte sofort:

»Es ist die Galle.«

»Sie ist verloren, nicht wahr, sie ist verloren«, stammelte der Wirt.

»Reden Sie doch keinen Unsinn. Sie ist in ein paar Tagen so gesund wie Sie und ich. Und sie wird sich augenblicklich besser fühlen, wenn sie das hier genommen hat.«

Er griff in seine Tasche, nahm wieder eines der Fläschchen heraus und tröpfelte etwas von der Flüssigkeit auf einen Löffel.

Die Frau blickte ihn aus großen, weit aufgerissenen Augen an, in denen ein Hoffnungsfunke glomm. Hatte sie doch längst schon alle Hoffnung aufgegeben. Sah sie sich doch schon draußen auf dem Graveyard liegen.

Willig nahm sie die Tropfen und würgte sie hinunter.

Das Zeug schmeckte scheußlich. Aber die Frau verzog keine Miene. Sie hatte das Gefühl, dass die Tropfen in ihrem Magen brannten.

»Sie werden jetzt spüren, wie die Medizin in das Blut übergeht und durch all Ihre Organe geführt wird. Warm rinnt es durch die Adern, spüren Sie es?«

Die Frau nickte.

»Merken Sie, wie es Ihnen besser wird?«

»Ja«, stammelte sie mit tonloser Stimme.

»Ann!«, rief der Salooner, während er beide Hände um ihren rechten Arm legte, »Ann, spürst du wirklich, dass es dir schon besser geht?«

»Ja, sogar viel besser«, sagte die Frau mit schwacher Stimme.

Gelassen wandte sich der andere ab und wollte zu seinem Tisch zurückgehen.

Da aber rief der Wirt ihm nach und hielt ihn auf: »Mister, Doc, ich flehe Sie an, Sie müssen auch ihr etwas geben. Denn die Besserung wird nicht lange anhalten.«

Da griff der Fremde in seinen Beutel und holte eine kleine Schachtel heraus, die im Gegensatz zu der, die er dem Mann vorhin gegeben hatte, ein grünes Etikett trug.

»Das muss sie sieben Tage lang nehmen.«

Der Wirt spannte die Hand um die kleine Schachtel und griff dann in die Tasche und holte seine Hand voll Dollars heraus.

Der Fremde schüttelte den Kopf.

»Geben Sie einen Dollar. Es reicht. Ich bin schließlich nicht hier ansässig, und mehr kosten die Pillen mich selbst nicht.«

»Aber Sie können doch nichts verschenken.«

»Ich verschenke ja nichts. Ich gebe es nur weiter. Glücklicherweise ­brauche ich das Zeug ja selbst noch nicht. Aber ich weiß natürlich, dass für jeden eines Tages die Stunde kommen wird, wo er irgendwelche Pillen braucht, und wenn er sie dann nicht hat, ist er verloren. Das, was der Mann da vorhin hatte, war keineswegs so lebensgefährlich wie es aussah. Er hatte einen Nierenbrand, so etwas ist leicht behoben. Und Ihre Frau hat es an der Galle. Das braucht seine Zeit, aber auch das ist nicht allzu schlimm. Aber es gibt Krankheiten, die schlimm sind, sehr schlimm, die nämlich das Herz betreffen. Auch echte Magenkrankheiten sind schlimm und Kopfkrankheiten. Die Medizinen dafür kosten ein Heidengeld, und die Behandlung ist schwer. Ihr solltet sehen, dass ihr zu einem Arzt kommt.«

Er ging zu seinem Tisch, setzte sich nieder, trank noch einen Firepoint, erhob sich dann, nahm sein Bündel und wollte hinaus.

Da kam ihm einer der Cowboys nach. Ein Bursche von vielleicht sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahren. Er sagte mit belegter Stimme:

»Ich wollte vorhin schon fragen, Doc, ob Sie nicht nach meinem Arm sehen wollten.«

Der Fremde warf einen kurzen Blick über die Gestalt des Kuhtreibers und sagte dann:

»Nach Ihrem linken, nicht wahr?«

»Ja«, stotterte der Cowboy. »Wie kommen Sie darauf?«

»Es steht in Ihrem Gesicht, in Ihren Augen zu lesen, dass Ihr linker Arm krank ist.«

Der Cowboy wandte sich nach seinen Kameraden um und rief:

»Habt ihr das gehört?«

Da meinte der Arzt:

»Machen Sie den Arm frei. Krempeln Sie einfach das Hemd hoch.«

Der Cowboy krempelte es hoch und oben links, zwei Hand breit über dem Ellbogengelenk war eine lange tiefe Narbe zu sehen, die brandrot entzündet war.

»Wann haben Sie sich da verletzt?«

»Vor einem Monat, Doc«, sagte der Kuhtreiber.

»Und die Narbe war zu?«

»Yeh, sie war zu, und nun schmerzt der Arm plötzlich wie verrückt.«

»Es ist Schmutz hineingekommen«, sagte der Fremde. »Ich kann das jetzt hier nicht behandeln. Es tut mir leid, Sie müssen sehen, dass Sie einen Arzt finden, der sich darum kümmert.«

Er ging an dem Kuhtreiber vorbei hinaus und wollte sich in den Sattel ziehen.

Da aber tauchten plötzlich die fünf Cowboys vor ihm auf.

Der mit dem zottigen Bart trat vor und meinte:

»Mister, ich habe Ihnen im Namen meiner Kameraden etwas zu sagen.«

Ziemlich uninteressiert blickte ihn der Fremde an.

»Also es ist so, Mister. Wir haben hier in unserer Stadt keinen Doc. Sie haben es gehört. Und Sie sagen ja selbst, dass das kein Zustand ist. Wir sind schon lange auf der Suche nach einem anständigen Doc. Einmal, vor vier Jahren, ist einer hier durchgekommen, aber das war ein Scharlatan. Ein Kerl, der behauptete, Zähne ziehen zu können und einem fast den­ ­halben Kiefer dabei herausriss. Da macht es fast der Barbier noch besser.«

Schweigend blickte der Fremde die Kuhtreiber an.

»Ich wüsste nicht, was Sie mir für einen Vorschlag zu machen hätten.«

Da sagte der ältere Cowboy:

»Mein Bruder hat hier in der Stadt ein Geschäft. Außerdem ist er der Mayor.«

»Was habe ich mit dem Mayor dieses Nestes zu tun?«

»Mister, wir wissen, dass Sie uns nicht kränken wollen, aber wir wissen auch, dass wir einen Doc brauchen, um jeden Preis, koste es, was es wolle.«

»Um jeden Preis?«, fragte der Fremde, und auf einmal war ein Lauern in seinen wasserhellen Augen.

»Um jeden Preis«, wiederholte der Cowboy.

Da tauchte der Wirt hinter den Kuhtreibern auf. Er war atemlos herausgekommen.

»Leute, es ist unfasslich. Meine Frau sitzt in der Küche am Tisch und möchte einen Kaffee. Einen Kaffee, und die Jungen sind bereits dabei, ihr einen aufzubrauen. Seit Monaten habe ich so etwas nicht mehr gehört. Sie ist gesund. Gesund ist sie. Es ist nicht zu glauben! Mister, Sie können den Dank nicht ablehnen, den ich Ihnen jetzt aussprechen muss. Wir haben zwar nicht viel Geld gespart, aber wir wollen Ihnen die hundert Dollar geben. Doch, sprechen Sie nicht dagegen, Sie müssen das Geld annehmen; wenn meine Frau gestorben wäre, hätten uns auch die hundert Dollar nichts genützt. Hier, bitte, ich bitte Sie wirklich, nehmen Sie das Geld. Sie haben es sich verdient.«

Er drückte dem Fremden das Geld in die Tasche.

Der blickte von einem zum anderen und wandte sich dann wieder seinem Pferd zu.

»Bitte, reiten Sie nicht weg«, sagte der alte Cowboy. »Mein Bruder wird Ihnen ein gutes Angebot machen. Wir werden es unterstützen. Die Stadt braucht einen Doc, und zwar einen guten Doc, wie Sie einer sind.«

»Wer weiß, ob ich ein guter Doc bin, vielleicht bin ich sogar ein schlechter«, sagte der Fremde.

»Nein, Sie sind ein guter Doc. Wir haben es alle gesehen. Ein Zufall bewies es uns besser als wir es nach drei Jahren, die Sie vielleicht hier tätig gewesen wären, hätten erfahren können. Sie haben einem Mann geholfen, der eine schwere Nierenkolik hatte, und Sie haben einer Frau geholfen, die eine schwere Gallenkrankheit hat.«

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