Die Templer im Schatten 2: Blutregen

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Mit weit ausholenden, wütenden Schlägen trieb er seinen Gegner zurück. Ihm war wohl bewusst, dass sein Kontrahent der bessere Kämpfer war. Vermutlich war er älter, erfahrener, aber vor allem war er technisch besser. Doch ein Gegner, der seine ganze Wut, seine ganze Kraft in den Angriff legte, konnte auch durch einen besser ausgebildeten Krieger nicht überwunden werden.

Christian trieb den dunkel gekleideten Ritter immer weiter zurück. Wie aus weiter Ferne registrierte er dessen Pupillen, die mit jeder Sekunde, die verging, immer größer wurden. Der Mann stank nach Verzweiflung. Er schwitzte sie aus jeder Pore aus. Und mit einem letzten Hieb schlug er seinen Gegner von den Füßen und dieser prallte schwer auf den Rücken. Die Holzdielen knirschten unter dessen Gewicht.

Vampire waren nicht leicht aus der Puste zu bringen. Nach diesem Schlagabtausch atmete Christian allerdings nur noch stoßweise. Er hob das Schwert und seine Klinge deutete auf die Kehle seines Gegners.

»Wer seid Ihr?«, verlangte er zu wissen.

Sein am Boden liegender Kontrahent jedoch lächelte lediglich völlig ruhig. »Die Zukunft«, antwortete er. Der Vampirritter hob einen Arm und entblößte ein linkes Handgelenk. Dort prangte ein seltsames Zeichen. Es ähnelte Vampirrunen, schien aber wesentlich älter zu sein. Die Tätowierung erinnerte an den Buchstaben B in schnörkeliger Schreibweise.

Christian runzelte die Stirn – und stieß seine Klinge in die Kehle des Mannes. Dieser gurgelte kurz, bevor sein Körper sich auflöste und die edle Rüstung leer zurückließ.

Christian sah sich um. Der Kampf war vorbei. Die Söldner waren geschlagen, doch auch seine Templer hatten hohe Verluste erlitten. Sogar ungewöhnlich hohe Verluste, wenn man bedachte, dass sie gegen Menschen gekämpft hatten.

Sein Blick zuckte zur Treppe, aber die Dame, die der Ritter begleitet hatte, war verschwunden.

Die Tür flog auf und Männer in einfacher Kleidung, aber mit Bögen und Schwertern bewaffnet stürmten die Taverne. Die Hälfte von ihnen hatte einen Pfeil auf die Sehne gelegt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass keine Gefahr mehr drohte, machten sie einem hochgewachsenen jungen Mann respektvoll Platz.

Der Wirt wagte sich endlich aus der Küche. Beim Anblick des Anführers der Waldläufer brach er beinahe in Tränen aus. »Das ist Robin Hood. Robin Hood ist gekommen, um uns alle zu retten.«

Christian entspannte sich etwas beim Anblick seines alten Freundes. Er bedeutete den Templern, das Schwert wegzustecken, und bedachte den Mann, der da vor ihm stand, mit einem amüsierten Blick. »Robin Hood?«, meinte er verschmitzt.

Der Anführer der Waldläufer trat in die Mitte des Raumes. Den Bogen hielt er dabei locker in der Hand. Aus Erfahrung wusste Christian, dass dieser Mann meisterhaft damit umzugehen verstand.

Robin von Locksley seufzte. »Das zu erklären, dürfte nicht ganz einfach werden, alter Freund.«

Kapitel 6

Die Waldläufer nahmen die Templer im Schatten in ihre Mitte, als sie diese in die Dunkelheit des Sherwood Forest eskortierten. Jeder der Vampire war in dicke Gewänder zum Schutz der immer noch am Himmel stehenden Sonne geschützt.

Robin und er setzten sich etwas von den anderen ab. Christian begrüßte die damit einhergehende Privatsphäre, gab es ihm doch Gelegenheit, sich etwas mit seinem alten Freund zu unterhalten.

Schon bald umfing die Dunkelheit sie wie ein schützender Mantel. Je tiefer sie in den Sherwood Forest eindrangen, desto dichter standen die Bäume. Der Anführer der Templer im Schatten legte vor Erleichterung seufzend sein Gewand ab und stopfte es zusammengeknüllt in den Beutel auf seinem Rücken. Christian kam nicht umhin zu bemerken, dass die Wälder ringsum beinahe wie eine Festung wirkten. Wer sich im Inneren aufhielt, genoss einen gewissen Schutz. Wer aber von außen eindringen wollte, musste mit erheblichen Hindernissen rechnen. Vor allem der Einsatz berittener Streitkräfte würde sich extrem schwierig gestalten.

Christians Vampirsicht setzte ein. Mit einiger Verwunderung bemerkte er, dass Robin sich weiterhin leichtfüßig über das Gelände bewegte.

Christian lächelte leicht. »Wie lange lebst du schon hier?« Er deutete mit einer Hand ringsum.

Robin schnaubte. »Ein paar Monate.« Der Bogenschütze schüttelte leicht den Kopf. »Ich dachte, im Heiligen Land hätte ich alles gesehen. Alles erlebt. Und dann komme ich zurück und stelle fest, dass der Feind bereits unerkannt meine Heimat erobert hat.«

Christian runzelte die Stirn. »Erobert? Ist das nicht vielleicht ein zu starkes Wort?«

»Es gibt kein Wort, das zu stark ist, um unsere Situation zu beschreiben«, fuhr Robin fort. »Prinz John ist ein Vampir. Da bin ich mir sicher. Der Sheriff von Nottingham ebenfalls. Sie haben eine Schar blutgieriger Irrer um sich geschart und terrorisieren das Land. Dörfer, die sich ihnen widersetzen oder keinen Tribut entrichten, werden niedergebrannt. Männer werden erschlagen, Frauen vergewaltigt, Kinder zur Arbeit gezwungen.« Bitterkeit schlich sich in Robins Stimme. »Das ist nicht mehr das England, das ich kenne.«

Der Bogenschütze blieb unvermittelt stehen und zwang dadurch auch Christian, sich ihm zuzuwenden. »Wie konnte das geschehen? Ich dachte, mit DiSalvatinos Tod wäre die Sache ein für alle Mal beendet.«

Christian machte eine verkniffene Miene. »Die Dinge sind selten so einfach.« Er leckte sich leicht über die Lippen. »Nach allem, was man hört, geht Salah ad-Din mit äußerster Entschlossenheit gegen Vampirnester vor, wo immer er sie findet. Gut möglich, dass er einige von ihnen zurück nach Europa getrieben hat.«

Robin schnalzte mit der Zunge und setzte sich wieder in Bewegung. Christian folgte mit kurzer Verzögerung. »Ich weiß nicht recht. Diese Antwort fühlt sich irgendwie nicht richtig an.«

»Du hast eine andere Erklärung?«, hakte Christian nach.

»Ich glaube, die Vampire sind schon lange hier. Schon verdammt lange. Ich vermute, sie haben sich im Verborgenen gehalten, und als König Richard mit dem Gros der wehrfähigen Männer zu seinem Abenteuer loszog, haben sie zugeschlagen.« Robin spie aus. »Der Narr hätte zu Hause bleiben und seinen Thron verteidigen sollen.«

Christian dachte angestrengt über die Worte seines Freundes nach. »Du denkst, einige könnten sich die ganze Zeit hier versteckt gehalten haben?«

Robin nickte. »Im Verborgenen. Wartend. Ihre Chancen abwägend.«

»Zu welchem Zweck?«

Robin machte den Anschein, etwas sagen zu wollen, klappte dann aber die Kiefer lautstark zusammen und zuckte die Achseln. »Keine Ahnung.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Aber was die Vampire hier aus dem Boden gestampft haben, das erreicht man nicht mal eben in ein paar Jahren.«

»Du denkst, Prinz John steckt dahinter?«

»Ich denke nein«, verneinte Robin. »Er war noch vor einigen Jahren ein Mensch. Da bin ich mir sicher. All das fing an, als Richard Löwenherz im Heiligen Land kämpfte. In diesem Zeitraum muss sein Bruder verwandelt worden sein.«

»Das bedeutet, sie haben nur auf den richtigen Augenblick gewartet. Der König, der das Land heilen und einen wollte, ist weg und sein machtgieriger Bruder ist eine leichte Beute.«

Robin sah verblüfft auf. »Was weißt du über die Zustände in England?«

Nun war es an Christian, die Achseln zu zucken. »Nicht viel. Nur das, was an Nachrichten über den Kanal kommt. Löwenherz stand dafür ein, Angelsachsen und Normannen unter einem Banner zu einen. Er stand zu England. John soll wohl nur zu seiner eigenen Schatzkammer stehen.«

»Das trifft es ganz gut. Die Vampire wollten wohl eine willfährige Galionsfigur an der Spitze haben.«

Christian nickte. »Das ergibt Sinn. Jemand, den sie leicht lenken können.« Der Vampirtempler rümpfte die Nase. »Das erklärt aber noch nicht, worin ihr Ziel besteht.«

»Krieg«, meinte Robin wortkarg.

Christian wandte sich ihm mit erhobenen Augenbrauen zu. Mit einer knappen Geste forderte er ihn zum Weiterreden auf.

»Mindestens zwei Drittel der Grafen und Herzöge sind inzwischen ebenfalls Vampire. Die wichtigsten unter ihnen. Und allesamt Normannen.«

»Was ist mit den Angelsachsen?«

»Die werden an der kurzen Leine gehalten. Der überwiegende Teil der Normannenstreitkräfte wurde inzwischen zu Blutsklaven gemacht.«

Christian nickte verstehend. »Tageslichtwächter für ihre blutsaugenden Herren.« Er war sich wohl bewusst, wie heuchlerisch sich dieses Schimpfwort aus dem Mund eines Vampirs anhören musste. Aber er betrachtete diese nicht als seinesgleichen. Die Templer im Schatten waren besser als das. Daran glaubte er. Daran musste er glauben. Sonst war alles, was Karl und er in den letzten Jahren erreicht hatten, bedeutungslos.

»Dann lebt also die Bevölkerung in einem Käfig der Angst«, stellte Christian fest.

Robin ließ den Kopf hängen. »Hier leben gute Menschen. Aber sie haben keine Chance gegen eine Armee aus Vampiren und ihren gut trainierten Truppen. Angst kann eine starke Kraft sein und ein schrecklicher Motivator.«

»Allerdings.« Christian warf seinem Freund einen kurzen Seitenblick zu. »Und wie passt deine Rolle in diese ganze Geschichte?«

Mit einem Mal wirkte der Bogenschütze sichtlich peinlich berührt. »Das ist … etwas kompliziert«, wich er zunächst aus. Als er an Christians Blick sah, dass dieser nicht lockerlassen würde, sprach er weiter. »Als mein Freund Will Scarlet und ich nach Hause zurückkehrten, war mein Vater verschwunden. Wahrscheinlich ist er längst tot. Und unser Haushofmeister war ein Vampir. Er hetzte seine Blutsklaven auf uns. Will blieb zurück.« Trauer ließ Robins Stimme versiegen. Er benötigte ein bisschen, um sich wieder zu fassen, und sprach schließlich weiter: »Er wird wohl auch tot sein. Jahre des Krieges im Heiligen Land hat er überstanden. Sarazenen, Skorpione und Krankheiten konnten ihn nicht zu Fall bringen. Dann kommt er nach Hause und wird von Vampiren abgeschlachtet.«

 

Christian betrachtete den Bogenschützen voller Anteilnahme. Dennoch sagte er nichts. Der Ritter wusste, dass Robin nichts von Mitleid oder Mitgefühl hören wollte.

Der Mann holte tief Luft. »Auf jeden Fall konnte ich fliehen. Auf meiner Flucht tötete ich einige Blutsklaven und einen Vampir, der sie anführte. Ein paar Bauern beobachteten den Kampf und die Geschichte darüber verbreitete sich wie ein Flächenbrand.«

Christian stöhnte leise. »Lass mich raten: Mit jedem Mal wurde die Geschichte aufgebauscht. Die Legende um deine Person wurde größer und größer.«

Robin hob hilflos die Arme. »Genauso ist es. Die Leute schrieben mir jeden noch so kleinen Sieg, jeden noch so kleinen Akt des Widerstands zu. Viele der Gefechte, von denen berichtet wurde, hat es gar nicht gegeben. Und bei den meisten, die es tatsächlich gab, war ich meilenweit entfernt. Schließlich kam irgendein Barde auf die glänzende Idee, mich Robin Hood zu nennen. Keine Ahnung, was den geritten hat. Aber auf einmal war ich so was wie ein leuchtender Stern im Kampf gegen die Vampire.«

Christian deutete ringsum. »Und es kamen Menschen, um sich dir anzuschließen.«

»Ich wollte sie zunächst wegschicken, aber sie wollten einfach nicht gehen. Irgendwann habe ich mich dann in mein Schicksal gefügt.«

Christian verkniff sich nur mit Mühe ein Lachen.

»Das ist nicht witzig«, schalt Robin ihn sanft.

»Doch, irgendwie schon«, gab Christian feixend zurück. »Die meisten Menschen träumen ihr halbes Leben lang davon, ein Held zu sein. Dir fällt es in den Schoß und du willst es am liebsten wieder loswerden.«

»Natürlich will ich das, aber es funktioniert einfach nicht. Am Ende wusste ich mir nicht mehr zu helfen und habe nach dir geschickt.«

»Und du hast recht daran getan«, erwiderte Christian. »Wenn die Vampire dabei sind, sich auf der Insel eine Machtbasis zu erschaffen, dann muss das unter allen Umständen verhindert werden.« Er stellte sich vor, wie es für Europa aussehen würde, wenn sich England zu einem einzigen großen Vampirnest entwickeln würde – und schauderte. »Das muss verhindert werden«, wiederholte er leise.

»Es ist sogar noch schlimmer. John und seine Schergen haben ihre Feldzüge bis in den Norden hinein ausgeweitet. Bis nach Schottland.«

»Aber Schottland ist keine Bedrohung. Die dortigen Clans sind sogar englische Vasallen. Das ergibt keinen Sinn.«

»Wer weiß schon, was in einem Vampirhirn vor sich geht?« Robin schenkte dem Vampirtempler einen entschuldigenden Blick.

Dieser lächelte lediglich, wurde jedoch schnell wieder ernst. »Was weißt du über König Richard? Ist er tot?«

»Nach allem, was man weiß, nicht. Es heißt, Leopold von Österreich halte ihn gefangen und wolle ihn nur gegen ein horrendes Lösegeld wieder freigeben.«

»Das John aber nicht zahlen will«, ergänzte Christian. »Er wäre ja schön blöd. Das Letzte, was er will, ist Richard wieder zurück in England zu wissen. Der König könnte der Funken sein, der die Machtbasis seines Bruders in Flammen aufgehen lässt. Er könnte den Widerstand anführen.«

Das Trällern eines Vogels hallte durch den Wald. Christian blieb schlagartig stehen. Robin jedoch bedeutete ihm, ruhig zu bleiben. Der Bogenschütze stieß ebenfalls ein Trällern auf, was mit einem weiteren Signal beantwortet wurde.

»Wir sind da«, erwiderte er mit einem Lächeln.

»Wo sind wir?«

»In unserem Lager.« Robin musterte ihn angestrengt. »Was denkst du, nachdem du jetzt alles weißt?«

»Ich denke, du brauchst Hilfe.« Er schlug dem Bogenschützen sanft auf die Schulter. »Und wir werden dir helfen. Keine Sorge. Ich lass mir etwas einfallen.«

Robin nickte und wollte sich davonmachen. Christian hielt ihn aber noch einmal zurück. »Wie habt ihr uns eigentlich gefunden?«

»Haben wir nicht. Wir waren hinter dem Vampir her, den du getötet hast. Und hinter der Frau, die bei ihm war.«

Christian neigte den Kopf leicht zur Seite. »Die Frau? Wer war sie?«

Tränen traten in Robins Augen, dennoch hielt er sich stoisch aufrecht und auch seiner Stimme war nichts anzumerken. »Ihr Name ist Marian. Sie ist … war … meine Verlobte.« Ohne ein weiteres Wort drehte sich Robin um und entfernte sich in Richtung einer kleinen Senke.

Karl stand plötzlich an Christians Seite. »Und?«, wollte der ehemalige Johanniter wissen. »Worauf haben wir uns dieses Mal eingelassen?«

Christian blickte seinen Freund an und verzog spöttisch die Miene. »Wie es aussieht, ziehen wir wohl in den Krieg.«

Karl ächzte leise. »Scheiße!«, war alles, was er dazu zu sagen hatte.

Kapitel 7

Christian folgte Robin hinein in die schmale Talsenke und blieb bereits nach wenigen Schritten stehen, gleichermaßen fasziniert wie beeindruckt.

Christian hatte ein provisorisches Lager erwartet, in dem Gesetzlose und Vogelfreie ihr erbärmliches, menschenunwürdiges Dasein fristeten. Die Wahrheit konnte nicht weiter entfernt sein. Inmitten des Sherwood Forest hatte sich ein kleines Dorf entwickelt. Es gab ausreichend Hütten für alle Bewohner, einen Schmied, eine kleine Schenke, eine Bierbrauerei und sogar eine Schule für die Familien, die es bis hierher geschafft hatten.

Bei ihrem Eintreffen strömten die Bewohner aus ihren einfachen, nichtsdestoweniger zweckdienlichen Behausungen. Hände streckten sich Robin ehrfurchtsvoll entgegen und dieser bemühte sich, sie alle zu berühren und auch ja keinen zu vergessen.

Christian stand mit offenem Mund daneben. Mit der Zeit verzog sich seine Miene zu einem Ausdruck der stillen Zustimmung. Nachdem alle begrüßt waren, kehrte wieder langsam Ruhe ein. Robin kehrte an Christians Seite zurück, mit einer Mimik, die man nur als Scham bezeichnen konnte.

»Das muss dir nicht peinlich sein«, schalt der Vampirtempler den Bogenschützen sanft. »Die Menschen hier verehren dich. Das würden sie nicht, wenn du ihre Zuneigung nicht wert wärst.« Christian deutete auf die Hütten und Menschen, die das kleine Tal säumten. »Das hier sagt mehr aus als all deine Ausführungen zuvor. Du bist der Anführer dieser Leute. Nicht, weil dich dein Adelsstand über sie erhebt, sondern vielmehr, weil sie dich zu ihrem Anführer erwählt haben. In unseren Zeiten kann das kaum jemand von sich behaupten. Du sagst zwar die ganze Zeit, du willst das nicht, aber ich muss zugeben, du machst dich gut in dieser Rolle.«

»Dennoch wünschte ich, es wäre nicht nötig gewesen.«

Christians Lächeln schwand. »Ja, du trauerst um deinen Vater. Ich verstehe das. Aber du kannst ihm nicht mehr helfen. Willst du ehren, was für ein Mann er gewesen ist, dann musst du denen helfen, die deiner Hilfe bedürfen.«

Robin seufzte. »Das habe ich vor. Aber einfach wird es nicht.«

»Ist es nie«, entgegnete Christian und musterte den Bogenschützen eingehend. »Du hast nicht mehr viel mit dem jungen Mann gemein, den ich damals in dieser Ordensfestung zum ersten Mal traf.«

Ein schalkhaftes Lächeln umspielte Robins Lippen. »Das scheint so lange her zu sein. Fast wie in einem anderen Leben. Er fehlt mir manchmal. Die Zeiten schienen einfacher zu sein.«

»Nicht einfacher«, widersprach Christian. »Der Feind war nur leichter zu erkennen.«

Ein riesiger Schatten trat plötzlich hinter Robin. Kräftige Arme schlangen sich um dessen Brust und hoben ihn mühelos hoch. Christian wich einen Schritt zurück und um ein Haar hätte er seine Klinge gezogen. Nur Robins ehrliches Lachen hielt ihn zurück.

»Lass mich runter, verdammt noch mal! Du blamierst mich vor unseren Gästen.«

Der Hüne ließ Robin überraschend sanft auf den Boden zurücksinken. Der Mann trat in den Schein einer Fackel. Bei Licht betrachtet, wirkte er noch größer als zuvor. Er war in Felle gekleidet und trug einen Stab auf dem Rücken. Das bärtige Gesicht wurde durch ein strahlendes Lächeln in zwei Hälften geteilt.

»Das ist John Little«, stellte Robin den Mann vor. »Aber wir nennen ihn nur scherzhaft Little John. Er ist der stärkste Krieger in Nordengland.«

Christian wunderte sich einen Augenblick über die Ironie, dass ein solcher Kerl den Nachnamen Little trug. Aber weiteren Gedanken konnte er nicht folgen, denn Little John trat vor und seine gewaltige Pranke schlug Christian mit solcher Kraft auf die Schulter, dass diesem die Knie anfingen zu zittern. Und dabei handelte es sich nur um einen freundschaftlich gemeinten Klaps.

»Freunde von Robin sind auch meine Freunde«, polterte die Stimme des Hünen.

»Die Ehre ist ganz meinerseits«, beeilte sich Christian zu sagen.

»Wir sollten uns noch etwas gönnen, bevor wir uns schlafen legen«, schlug Robin vor und deutete auf die Schenke.

Christian nickte, obwohl er wusste, dass es dort nichts gab, was ihm schmecken würde.

Karl gesellte sich zu ihnen. »Die Männer ruhen sich aus«, gab er bekannt.

Christian quittierte diese Nachricht mit kurzem Nicken.

Gemeinsam begaben sie sich in die Hütte, die ein selbst geschriebenes Schild mit krakeligen Buchstaben als Taverne ausgab. Im Inneren war es jedoch verblüffend gemütlich und hinter der Theke stand – zu Christians großer Überraschung – ein Mönch mit ausladendem Brustkorb.

»Tuck«, schrie Robin, »bring uns etwas von deinem besten Gerstensaft!«

»Ich hab nur eine Sorte und die ist besser, als ihr Banausen es verdient«, gab der Mönch namens Tuck lachend zurück.

Die Gruppe setzte sich an einen Tisch und wartete, bis Tuck allen einen Krug vorgesetzt hatte. In einer Ecke der Taverne spielte ein bereits ergrauter Musiker leise auf einer Laute und summte dabei eine Melodie, die Christian nicht kannte. Er warf Robin einen fragenden Blick zu.

»Der Barde«, erwiderte dieser schlicht. »Alan-a-Dale.«

Christian zog beide Augenbrauen in die Höhe. »Etwa der, dem das mit Robin Hood eingefallen ist?«

»Genau jener. Und frag bitte nicht, warum ich ihn hier dulde. Darauf wüsste ich keine für uns beide befriedigende Antwort.«

Little John stieß einen brüllenden Lacher aus, hob den Bierkrug und stürzte ihn in einem Zug hinunter.

Christian wartete, bis sich Little John mit dem Handrücken den Mund abgewischt hatte und noch einen zweiten Krug mittels Handzeichen bestellte.

Christian bemerkte, wie Robin ihn angestrengt musterte. Schließlich suchte der Bogenschütze das Gespräch. »Hast du dir inzwischen eine Meinung über unserer Situation gebildet?«

Er dachte ausgiebig über die Frage nach. Christian leckte sich leicht über die Lippen, bevor er antwortete. »Wie weit bist du bereit zu gehen?«

Der Bogenschütze beugte sich über den Tisch. »Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem man nicht mehr zurückkann. Ich tue, was auch immer notwendig ist.«

Christian grinste und lehnte sich so weit zurück, dass der Stuhl unter ihm protestierend quietschte. »Gut. Ich habe nämlich vor, dein neues Alter Ego auszunutzen und in den Kampf zu schicken.«

Robin stutzte. »Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.«

»Prinz John baut in England ganz offensichtlich eine Armee auf. Er rekrutiert die mächtigsten Adligen, macht ihre Armeen zu Blutsklaven, hält die Bevölkerung klein und schüchtert jeden ein, der in Opposition zu ihm treten könnte.«

Robin nickte. »So ist es. Und weiter?«

»Der Prinz versucht offenbar, nicht nur Löwenherz in seinem Gefängnis in Österreich verrotten zu lassen. Er will die Erinnerung an ihn auslöschen. Und damit die Hoffnung der Menschen, dass sich die Dinge ändern können.«

Robin wechselte einen kurzen Blick mit Little John, bevor er sich erneut Christian zuwandte. »Sprich weiter.«

Der Templer leckte sich abermals über die Lippen. »Mein Plan ist es, König Richard freizukaufen. Aber dazu brauchen wir Geld. Unmengen von Geld. Und die bekommen wir nur von dem Prinzen und seinen Verbündeten.«

Robin richtete sich stocksteif auf. »Sag mir nicht, dass du Robin Hood dafür benutzen willst.«

»Aber natürlich«, stimmte Christian zu. »Wir greifen Prinz John dort an, wo es ihm am meisten wehtut: an seiner Geldbörse. Gleichzeitig weiten wir die Legende des edlen Gesetzlosen vom Sherwood Forest aus. König Richard ist nicht hier. Also müssen wir eine Figur erschaffen, die der Bevölkerung Hoffnung gibt, aber die gleichzeitig auch greifbar ist. Eine Figur, die nicht Hunderte Meilen entfernt in einem Gefängnis schmort, sondern die tatsächlich einer von ihnen ist.«

 

»Du weißt, dass ich blaues Blut in den Adern habe?«

»Nicht was du bist, ist entscheidend, sondern was du tust. Und das wird die Herzen der Menschen berühren und beflügeln. Ehe Prinz John es sich versieht, wird er es mit einer ausgewachsenen Revolte zu tun bekommen.«

»Und genau da sehe ich ein Problem«, mischte sich Karl erstmals ein. »Wir hetzen Bauern gegen Vampire und bewaffnete Truppen. Das gibt ein Blutbad. Hast du das Massaker im Dorf schon vergessen? Diese Leute dachten auch, sie könnten Widerstand leisten.«

»Niemand hat gesagt, dass es leicht wird«, entgegnete Christian bedrückt. »Aber entweder wir unternehmen etwas oder wir können gleich umdrehen und die Heimreise antreten.« Sein Blick richtete sich auf Robin. »Wie siehst du das? Aber bevor du antwortest, sei dir gewiss, dass eine Menge Blut fließen wird. Selbst wenn wir gewinnen. Karl hat nicht unrecht. Die Bauern dieses Landes werden gegen Prinz Johns Schergen zumindest am Anfang nicht viel ausrichten können.«

»Dann trainieren wir sie doch«, meinte unvermittelt Alan-a-Dale aus seiner Ecke. Christian hätte ihn um ein Haar vergessen. Der Barde zupfte immer noch an seiner Laute. Christian hätte schwören können, der Mann wäre in seiner eigenen kleinen Welt versunken gewesen. In Wirklichkeit hatte er jedes Wort mit angehört.

»Du weißt hoffentlich, wie aufwendig es ist, aus Bauern Soldaten machen zu wollen«, entgegnete Little John unwirsch. Sämtliche Heiterkeit war von dem Mann abgefallen.

»Natürlich weiß ich das«, gab Alan-a-Dale zurück. »Aber welche Alternative bleibt uns denn? Der Templer hat recht. Entweder wir kämpfen oder wir geben unser Dorf auf und verstreuen uns in alle Winde. Vielleicht kommen sogar ein paar von uns damit durch.«

»Das ist keine Lösung.« Robin schüttelte vehement den Kopf. »Wenn Christian mit seiner Einschätzung recht hat, dann steht nicht nur England, sondern ganz Europa ein Krieg bevor. Ich war im Heiligen Land. Ich habe gesehen, wie eine Herrschaft der Vampire aussieht.« Er schüttelte erneut den Kopf. Sein Blick fixierte den Vampirritter, der ihm gegenübersaß. »Ich habe mir diese Rolle vielleicht nicht ausgesucht, aber dies hier ist meine Heimat. Ich kann ihr nicht den Rücken zukehren, ohne zumindest zu versuchen, sie zu retten. Und wenn ich Robin Hood in die Waagschale werfen muss, dann soll es eben so sein.«

Christian blickte ernst in die Runde. »Ist das euer aller Meinung?«

Allgemeines Kopfnicken war die Antwort. Christian lächelte, doch seine Augen blieben kalt. »Dann ist es entschieden: Wir ziehen in den Krieg. Und wir fangen gleich morgen damit an.«