Die Templer im Schatten 2: Blutregen

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Kapitel 1

Eine einsame Gestalt eilte durch die Straßen des nächtlichen Paris. Die Füße desjenigen schienen kaum den Asphalt zu berühren. Wer seinen Weg kreuzte, der machte schnell Platz. Der Krieger wirkte wie der Ingrimm auf zwei Beinen und niemand wollte sich freiwillig mit ihm anlegen. Der Mann trug einen langen Mantel, der im Wind flatterte. Das Gesicht des Ritters war durch die tief in die Stirn gezogene Kapuze verborgen. Der Mann trug ein langes Schwert an der Seite. Seine linke Hand lag die ganze Zeit über auf dem Kauf.

Der Schrei einer Frau hallte durch die Nacht. Der Mann hielt inne und hob das Haupt. Die Straßen in diesem Teil der Stadt waren um diese Zeit praktisch menschenleer. Hätte ihn aber jemand beobachtet, er hätte den Eindruck gewinnen können, der Mann in dem Mantel nehme Witterung auf.

Der Ritter beschleunigte erneut seine Schritte, nach wenigen Metern rannte er. Er folgte einer Spur, die außer ihm niemand wahrnehmen konnte. Ein weiterer Schrei hallte durch die Straßen des nächtlichen Paris. Der Mann hielt inne, allerdings nur für einen Moment, bevor er sich erneut in Bewegung setzte. Er stoppte erst in einer Gasse im Armenviertel. In der Ferne waren die gewaltigen Umrisse der Kathedrale Notre-Dame zu erkennen. Das Mammutprojekt befand sich in der dritten Bauphase und sie nahm langsam Gestalt an.

Der Mann in dem Mantel hatte jedoch keinen Sinn für die Schönheit des Bauwerks. Nicht heute Nacht. Seine volle Aufmerksamkeit galt der jungen Frau, die mit aufgerissener Kehle auf dem blanken Asphalt lag. Der Ritter kniete sich neben ihren Leichnam und strich ihr sanft das lange brünette Haar aus dem aschfahlen Gesicht. Mitleid überkam ihn. Sie konnte sechzehn Lenze noch nicht überschritten haben. Ein junges, unschuldiges Ding. Noch ein halbes Kind, das ihrer Kleidung nach vermutlich aus einer der Handwerksfamilien in der Nähe stammte.

Der obere Teil ihres Kleides war zerrissen, die Kehle von mehreren Bissen punktiert worden. Das arme Ding war von mindestens drei dieser Bestien angefallen worden. Der Mann knurrte leise. Diese dreckigen Bastarde waren wie Tiere in ihrem Wahn nach Blut.

Er drehte ihren Kopf sanft zur Seite. Es gab kaum Blut auf dem Boden. Nur einige wenige Tropfen benetzten die Steine. Die Vampire hatten nichts vergeudet, sondern das Mädchen innerhalb von Sekunden ausbluten lassen. Sie waren gierig. Reichhaltige Jagdgründe wie Paris hatten sie maßlos werden lassen – maßlos und … unvorsichtig.

Unvermittelt stieg ihm ein anderer Duft in die Nase. Er war eindeutig nicht menschlich. Er sah auf. Drei Gestalten standen ihm gegenüber: zwei schlanke hochgewachsene Männer und ein dritter sehr viel bulligerer und muskulöserer; Letzterer war fast schon so breit wie hoch.

Der Ritter erhob sich aus seiner knienden Position und schlug die Kapuze zurück.

Christian d’Orléans funkelte seine Gegenüber warnend an. Seine gelben Pupillen blitzten im Schein der spärlichen Straßenbeleuchtung.

Der bullige Vampir hob den Kopf, schnupperte vielsagend in der kalten Nachtluft und wandte sich anschließend seinen beiden Kumpanen zu. »Fremder Geruch«, kommentierte er wortkarg.

Christian lächelte bar jeder Gefühlsregung. »Irgendetwas sagt mir, dass du nicht das Gehirn hinter dieser Truppe bist.«

Einer der anderen Vampire trat vor ins Licht einer Straßenlaterne. Wäre er noch ein Mensch, ginge er wohl als Schönling durch. Doch seine Attraktivität war überschattet von Finsternis und Bösartigkeit. Die Grausamkeit stand ihm ins Antlitz geschrieben. Christian kannte diesen Typ. Dieser Vampir hatte sich völlig seinem Dasein ergeben und genoss den Durst. Er suhlte sich darin wie ein Schwein in seinem eigenen Dreck. Er hatte nicht den leisesten Zweifel, dass ihm hier der Anführer des örtlichen Nests gegenüberstand.

»Aber er hat recht«, meinte der Beau. »Du gehörst nicht zu unserer Sippe. Du verschwindest besser. Das ist unser Revier und wir teilen unsere Beute nicht.«

Christian verzog vor Abscheu leicht die Miene. »Und wenn ich nicht gehe?«

Der Schönling lachte lauthals auf und deutete auf den bulligen Vampir neben sich. »Dann reißt dir Jean nacheinander Arme und Beine aus. Und zum Schluss ist der Kopf dran, damit du auch ja nichts verpasst. Das hat er schon getan. Halte das bloß nicht für eine leere Drohung.«

Christian baute sich vor dem Trio breitbeinig auf. Er sagte kein Wort, aber die Drohung war offenkundig. Der Schönling stutzte für einen Moment. Er war Derartiges offenbar nicht gewohnt. Rüpel regierten mit Angst. Egal ob Mensch oder Vampir, sie waren alle gleich. Es handelte sich schlicht um Feiglinge, die die Angst anderer nutzten, um sich selbst groß zu fühlen. Es genügte, sich ihnen in den Weg zu stellen, um sie zu verunsichern. Mit dem Mut ihrer Gegenüber konnten sie nicht umgehen.

Tatsächlich wirkte der Schönling nachdenklich, doch dann zuckte er die Achseln und gab dem bulligen Kerl mit Namen Jean ein knappes Zeichen. Dieser kam mit bösartigem Grinsen auf Christian zu.

Der Ritter wartete, bis Jean nur noch wenige Schritte entfernt war – dann schlug er die linke Seite seines Mantels zurück. Zum Vorschein kam die schwarze Scheide eines Schwertes. Ein unübersehbares schwarzes Templerkreuz prangte als Wappen darauf. Christian zog in einer fließenden Bewegung die Klinge, geschmiedet aus Stahl und mit Silber überzogen, gesegnet vom Heiligen Vater in Rom persönlich. Eine Waffe, tödlich für alle Kreaturen der Dunkelheit.

Der Schönling zischte. »Es ist einer von … denen

Jean reagierte für seine Größe und Masse außergewöhnlich schnell. Er zog zwei kleine Kurzschwerter aus einer versteckten Scheide auf dem Rücken. Er war geschickt, aber bei Weitem nicht geschickt genug. Der geübte und erfahrene Tempelritter sprang vor, seine Klinge beschrieb einen weiten Bogen. Jean bemühte sich um eine ernst zu nehmende Abwehr. Christians Klinge durchtrennte beide Kurzschwerter knapp über der Parierstange und anschließend Jeans Hals. Die beiden zerbrochenen Klingen klapperten über den Asphalt. Für Sekunden waren es die einzigen Geräusche. Jeans Gestalt hielt noch für den Bruchteil eines Augenblicks die Form, zerfiel dann zu Staub und bildete ein Häufchen neben der Leiche der jungen Frau. Die Kleider, nun ihres Inhalts beraubt, lagen nur knapp daneben.

Der Schönling zog sein Schwert. Seine Hände zitterten. Christian war kein Freund des Tötens, aber das hier würde er wahrlich genießen. Der Anführer des Vampirnests machte einen Schritt rückwärts. Sein Impuls riet ihm zur Flucht. Nur das Wissen, dass Christian ihn einholen und zur Strecke bringen würde, hielt ihn zurück.

Der Kerl hatte Angst. Er stank aus jeder Pore danach. Christian griff mit atemberaubender Schnelligkeit an. In seinen kämpferischen Fähigkeiten war er fleischgewordene Eleganz. Im Vergleich bewegte sich der Schönling steif und schwerfällig. Er hatte nicht den Hauch einer Chance.

Christians Schwert wischte dessen Abwehr mühelos beiseite. Die geweihte Klinge glitt durch die Bauchdecke seines Gegners. Dieser schrie schrill auf. Christian fragte sich, ob dieser wohl nun dieselbe Angst spürte, die sein Opfer gefühlt haben musste, bevor man es grausam abgeschlachtet hatte. Der Schönling raffte sich ein letztes Mal auf und schlug mit dem eigenen Schwert nach dem Tempelritter. Abermals wischte dieser die Klinge seines Kontrahenten einfach aus der Luft.

Der geweihte Stahl mit der Silberbeschichtung glitt aufwärts und drang durch das Kinn in den Kopf seines Gegners ein. Wo auch immer das Silber es berührte, da begann das Fleisch des Vampirs zu qualmen, zu verkohlen und verbrannt vom Körper abzufallen. Der Schönling schrie vor Schmerzen. Der Schrei endete erst, als die Klinge den Kopf des Vampirs vollständig durchquert und dabei auch das Gehirn in zwei Teile gespalten hatte. Der Körper des Nun-nicht-mehr-so-Schönlings zerfiel, wie auch der seines Kumpans Jean es zuvor getan hatte.

Christians Blick richtete sich auf den dritten Vampir. Dieser hatte den Tod seiner zwei Brüder stocksteif mit angesehen. Er schien es gewohnt zu sein, Beute einzuschüchtern, bevor er über sie herfiel. Einem Gegner standzuhalten, der es vermochte, sich zu wehren, überstieg dessen Fähigkeiten bei Weitem. Der Tod des Schönlings ließ die Schockstarre von dem dritten Vampir abfallen. Dieser drehte sich um und rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, davon.

Er kam nicht weit. Ein Schatten erhob sich auf einem Dach und löste sich von dem Schornstein, hinter dem er sich verborgen gehalten hatte. Behände segelte die Gestalt auf die Straße hinab. Ein silberner Schemen zischte durch die Luft und schlug dem dritten Vampir den Kopf von den Schultern. Kopf und Körper lösten sich zu Staub auf, noch bevor sie auf den Boden aufschlagen konnten.

Christian nickte seinem Waffenbruder dankbar zu. Hendrick de Videre säuberte seine Klinge von den Resten des gerade getöteten Vampirs, indem er seinen Mantel nutzte. »Drei Menschenfresser erledigt«, meinte der Ritter aus Flandern. »Nicht schlecht für eine Nacht Arbeit.«

»Wir sind noch nicht fertig«, korrigierte Christian.

Hendrick sah auf. »Noch mehr von denen?«

Christian nickte und deutete auf ein oberflächlich betrachtet leer stehendes, halb verfallenes Gebäude am Ende der Gasse.

Hendrick hob Witterung aufnehmend den Kopf. Als er ihn wieder senkte, zog er ungläubig beide Augenbrauen hoch. »Das ist doch jetzt nicht wahr?!«

Christian nickte. »Sie haben Beute in der Nähe ihres Nestes gemacht.«

Hendrick schnaubte. »Ein schlimmer Fehler.«

»Sie waren zu arrogant. Zu selbstgefällig.«

Hendrick zog einen Mundwinkel leicht nach oben. »Ob sie schon wissen, dass ihren Anführer das Zeitliche gesegnet hat?«

 

Christian lächelte. »Überbringen wir ihnen doch einfach die traurige Botschaft.«

Mit weit ausgreifenden Schritten ging Christian auf das verfallene Haus zu. Hinter ihm stieß Hendrick einen kurzen Pfiff aus. Die Nacht wurde lebendig, als sich weitere Schatten von den Dächern lösten und um ihren Anführer sammelten. Als Christian die verrammelte Eingangstür erreichte, befanden sich fünfzig Templer im Schatten in seiner unmittelbaren Nähe.

Er blieb stehen, holte mit seinem Fuß aus und trat die Eingangstür mit einem fürchterlichen Tritt auf. Falls die Vampire noch nicht wussten, dass sich etwas zusammenbraute, spätestens nun dürfte es ihnen klar sein. Ekelhafter Geruch nach Tod und Verwesung schlug ihm entgegen. Gestank, der in einem Armenviertel nicht weiter auffiel. Deshalb hatten sie dieses Gebäude als Standort für ihr Nest gewählt.

Christian packte das Heft seines Schwertes fester. »Niemand entkommt«, schwor er seine Ritter auf den bevorstehenden Kampf ein. »Dieses Nest geht heute Nacht unter. Mit Mann und Maus.«

Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm, während er den Fuß in das Vampirnest setzte. Seine Ritter folgten ihm – und die Hölle brach los.

Kapitel 2

Nur eine Stunde später kehrte Christian in ihren Unterschlupf in der Nähe der Seine zurück. Wie sich herausstellte, wurde er bereits erwartet.

Karl von Braunschweig trat ihm entgegen und umarmte seinen langjährigen Freund herzlich. Hinter Christian betraten die übrigen Ritter, die ihn begleitet hatten, das Domizil der Templer im Schatten in Paris. Sie alle wirkten müde und ausgelaugt. Christian bemerkte, wie Karl sie durchzählte. Als der Letzte die Tür hinter sich ins Schloss zog, warf sein Freund ihm einen kurzen Blick zu. Christian nickte.

»Wir haben zwei Brüder verloren.«

Trauer umwölkte Karls Blick. »Wen?«

»Bruder Bernhard und Bruder Pierre. Sie waren zwei gute Ritter und haben gut gekämpft.«

Karl presste die Lippen aufeinander, nickte jedoch. »Hat es sich wenigstens gelohnt?«

»Allerdings. Das letzte Vampirnest in Paris ist zerstört. Die Stadt ist sicher.«

»Vorerst«, dämpfte Karl den Enthusiasmus. »Seit der König von England mit Salah ad-Din Waffenstillstand geschlossen hat, konzentriert sich dieser darauf, die Vampire aus dem Heiligen Land zu vertreiben.«

Christian seufzte. »Ja, ich weiß. Und er treibt sie alle wieder zurück nach Europa.«

»Ich wünschte, ich könnte zornig auf ihn sein, aber das ist nicht einmal seine Schuld. Er kann nicht steuern, wohin sie fliehen.«

»Seine Probleme erben wir dennoch.« Christian schnallte den Schwertgurt ab und lockerte seine Muskeln durch Bewegen der Arme. »Gibt es Nachrichten von unseren Kapiteln in Trier und Mailand?«

»Trier hat eine Botschaft geschickt, dass es jetzt ebenfalls frei von Menschenfressern ist. Aus Mailand haben wir noch nichts gehört. Aber da du gerade Italien erwähnst, du hast Besuch.«

Christian hob interessiert das Haupt. »Positiven Besuch?«

»Das zu beurteilen, steht mir nicht zu. Und ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Der Bote kommt vom Vatikan.«

Nun war Christian vollends interessiert. »Vom Vatikan? Kein Scherz?«

»Direkt vom Heiligen Vater persönlich.« Er deutete in eine Ecke des Raumes, wo ein Soldat in der Uniform der päpstlichen Leibwache stand und sich unbehaglich umsah. Der Offizier war noch recht jung, aber wenn der Heilige Vater ihn mit einer Mission betraute, dann musste er diesem vertrauen. Und darauf gab Christian mehr denn auf das bloße Aussehen. Außerdem hatte sich dieser Leibgardist freiwillig in einen Unterschlupf voller Vampire begeben. Und auch wenn man auf der gleichen Seite stand, gehörte dazu eine ganze Menge Mut.

Christian musterte seinen Gast eingehend. Nach der Rückkehr der Templer im Schatten aus dem Heiligen Land hatte sich der Vatikan zähneknirschend dazu bereit erklärt, Frieden mit Christians Vampiren zu halten. Es schien den Kirchenoberen klar zu sein, dass es nicht schaden konnte, beim Kampf gegen das Böse ein paar Vampire auf der eigenen Seite zu wissen.

Kurzzeitig hatte es noch böses Blut gegeben, als sich die Templer im Schatten – allen voran Christian – geweigert hatten, sich dem Dritten Kreuzzug anzuschließen. Christian war felsenfest überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war. Er hatte diesen Orden nicht gegründet, um Menschen abzuschlachten, und auch nicht, um ihn von Menschen ausnutzen zu lassen. Vampire, die sich von Menschen ernährten, wurden von ihnen schlicht Menschenfresser genannt. Und bei jenen handelte es sich um den wahren Feind. Diese Meinung vertrat er und diese würde er auch nicht ändern.

Mit betont freundlichem Lächeln trat er seinem Gast entgegen und reichte diesem die Hand. Der Gardist nahm sie nach kurzem Zögern entgegen. »Giovanni Maldonaldo«, stellte sich der Offizier vor, »Leutnant in der Leibwache Seiner Heiligkeit.«

Christian neigte respektvoll das Haupt. »Ihr habt eine Botschaft vom Heiligen Vater für mich?«

Der Gardist nickte, griff unter sein Wams und zog einen versiegelten Brief hervor. Christian nahm ihn entgegen, brach das Siegel und begann zu lesen. Nachdem er den Brief ein zweites Mal gelesen hatte, nahm er ihn sich ein drittes Mal vor in der Hoffnung, etwas übersehen zu haben, das die Lage etwas weniger trostlos erscheinen ließ.

Christian setzte den Brief ab, leckte sich über die Lippen und entblößte dabei unabsichtlich seine Reißzähne. Er bemerkte, wie der Bote unwillkürlich erstarrte. Seine rechte Hand zuckte, als wolle er nach dem Schwert an seiner Seite greifen. Der Mann wollte die Reaktion verbergen. Es gelang ihm allerdings nicht wirklich. Christian kannte und akzeptierte derlei Verhalten auf den Anblick seiner Zähne. Die Menschen konnten nichts dafür. Im Gegenteil, er verstand sie sogar. Vampire waren Wesen der Nacht, entstanden durch einen Vorgang, den man nur als Vergewaltigung bezeichnen konnte. Natürlich wurden sie gefürchtet, ganz gleich, auf wessen Seite sie kämpften.

Christian bemühte sich um ein freundliches Lächeln. Das Einzige, was er erreichte, war, dass der Bote noch besorgter schien als noch Sekunden zu vor.

»Einen Augenblick. Ich muss mich mit meinen Hauptleuten beraten.«

Der Gardist des Papstes sah sich beunruhigt in dem Unterschlupf um. Viele der Templer im Schatten hatten inzwischen mit dem Abendessen begonnen. Nagetiere wie Ratten und Hamster sowie kleine Wirbeltiere wie Füchse quiekten angsterfüllt, bevor ihr Gewimmer durch einen kräftigen Biss gnädigerweise endete. Die Miene des Boten verlor jede Farbe und er wirkte, als müsse er sich jeden Augenblick übergeben. Er straffte jedoch seine Gestalt und nickte tapfer. Christian hatte von einem Mann, der mit dem Schutz des Heiligen Vaters betraut war, nichts anderes erwartet. Am liebsten hätte er dem Leibgardisten eine Erfrischung angeboten. Das Problem war nur, sie hatten nichts da, was dem Mann schmecken würde.

Er nickte dem Boten zu und schlenderte mit wenigen gelassenen Schritten in den Raum hinein. Er wollte seine Leute nicht beunruhigen, indem er sie unbewusst wissen ließ, dass etwas nicht stimmte. »Karl? Hendrick? Auf ein Wort bitte.«

Die beiden Templer lösten sich von ihren Männern und gesellten sich zu ihrem Anführer. Christian gab seinen beiden Vertrauten den Brief zu lesen und beobachtete deren Miene genau. Im Wesentlichen spielten sich dort dieselben Gefühlsregungen ab wie auch bei ihm zuvor. Der Brief stammte von ihrem alten Waffenbruder Robin von Locksley. Er berichtete dort im Prinzip von seiner Heimkehr und von den Zuständen, die er im Schloss seiner Familie vorgefunden hatte. Und er bat um Hilfe, weil nicht auszumachen war, inwieweit die ganze Region von Vampiren verseucht wurde. Eine Bitte, die man dringend ernst nehmen musste. Robin war kein Mann, der leichtfertig um Unterstützung ersuchte.

Seine beiden Hauptleute sahen auf und wechselten einen betretenen Blick, bevor sie sich Christian zuwandten. Dieser sah von einem zum anderen. »Und?«, forderte er seine Freunde zum Reden auf.

»Das ist eine schlimme Sache«, meinte Karl. »England ist eines der mächtigsten europäischen Königreiche. Sollte es an die Vampire gefallen sein, sind wir alle in großen Schwierigkeiten. Die Vampire könnten die Inseln zu einer Festung ausbauen, an die wir dank des Meeres nur schwer rankommen. Von dort aus könnten sie Europa überrennen.«

Hendrick schüttelte den Kopf. »Wir sollten nicht gleich alles so schwarzmalen. In dem Brief steht nichts davon, dass England von Vampiren beherrscht wird. Es ist nur von Locksley Castle die Rede.«

Christian schürzte die Lippen. »Aber das sagt schon eine Menge aus. Wenn die Vampire bereits dieses mächtige Adelshaus kontrollieren, dann ist das sicher nicht das einzige. Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Seuche bereits ausbreitet.«

»Es könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum in Frankreich, Flandern und den deutschen Landen Vampirnester aus dem Boden schießen. Schneller, als wir sie zerstören können.« Karls Miene blieb während seiner Ausführungen überaus ernst.

Christian hob eine Augenbraue. »Du meinst, sie kommen nicht aus dem Heiligen Land, sondern aus England?«

Karl nickte. »Das ist eine Möglichkeit, die wir ins Auge fassen müssen.«

»In der Tat«, stimmte Christian zu.

Hendrick musterte ihn eindringlich. »Du spielst wirklich mit dem Gedanken, nach England überzusetzen?«

Christians Augen funkelten. »Warum auch nicht? Robin ist unser Freund und bittet um Hilfe. Allein deshalb sollten wir schon gehen. Aber auch ohne diese Freundschaft wäre eine Vampirseuche in England ein Grund zu größter Sorge.«

»Wenn wir dort tätig werden, könnte das einen Krieg auslösen«, gab Hendrick zu bedenken. »Bist du dir dessen bewusst?«

»Was wäre die Alternative? Wenn wir untätig bleiben und die Vampire dort schalten und walten lassen, wie es ihnen beliebt, dann gehen wir einem Krieg nicht aus dem Weg. Wir schieben ihn lediglich auf die lange Bank. Und wenn die Vampire aus England ausbrechen, dann vermutlich in so großer Zahl, dass auch wir ihnen nahezu hilflos ausgeliefert wären.« Christian schüttelte vehement den Kopf. »Nein, ich sehe keine Alternative.« Er seufzte. »Wie viele Ritter können wir aufbieten?«

Karl und Hendrick wechselten einen unschlüssigen Blick. Es war schließlich Karl, der antwortete. »In Paris? Etwa siebzig.«

Christian runzelte die Stirn. »So wenige?«

Hendrick zuckte die Achseln. »Wir hatten Verluste. Schwere Verluste. Und im Gegensatz zu den Vampiren, die wir bekämpfen, können wir unsere Reihen nicht so schnell wieder auffüllen. Wir verwandeln Rekruten für unsere Sache nur, wenn sie sich freiwillig dazu entscheiden. Und viele von ihnen sind keine geübten Kämpfer. Wir müssen sie erst ausbilden. Diese ganzen Vampirnester haben dieses Problem nicht. Sie verwandeln all jene, die ihnen gefallen, und der Rest ist bloße Nahrung für diese Bastarde.«

Christian rümpfte die Nase. »Schon verstanden. Wir haben also ein Nachschubproblem.«

»Sogar ein großes«, stimmten Karl und Hendrick gleichzeitig zu.

Hendrick machte ein nachdenkliches Gesicht und strich sich über den sorgfältig gestutzten Kinnbart. »Wenn ich heute Nacht noch Nachrichten aussende, dann könnte ich innerhalb von einem Monat um die dreihundert unserer Brüder hier in Paris versammeln. Mit etwas Glück vielleicht mehr. Unsere Häuser auf dem Festland könnten uns jeden entbehrlichen Mann schicken.«

»So viel Zeit haben wir nicht«, entgegnete Christian frustriert. Er brauchte nicht lange zu überlegen. Mit tief über der Nasenwurzel zusammengezogenen Augenbrauen wandte er sich an Karl. »Du brichst noch heute Nacht nach Calais auf. Dort suchst du uns ein gutes Schiff. Ich wähle fünfzig unserer besten Ritter aus und folge dir bei Anbruch der nächsten Nacht. Ich will in spätestens drei Tagen in See stechen.« Christian drehte sich zu Hendrick um. »Und du schickst deine Botschaften los, und zwar augenblicklich. Fordere jeden Mann an, den unsere anderen Kapitel uns schicken können. Sobald du genügend hast, folgst du uns über den Kanal.«

Hendrick nickte. »Aber ist das klug, unsere Kräfte zu teilen?«

»Ich sehe nicht, welche anderen Möglichkeiten wir haben.« Christian wechselte mit seinen beiden Freunden einen letzten Blick. »Ihr habt eure Befehle. Geht jetzt.«

Er drehte sich um und stapfte zu seinem Gast zurück, der immer noch an exakt derselben Stelle stand, an der er diesen zurückgelassen hatte. Etwas amüsiert verbarg er sein Schmunzeln.

 

»Kehrt zum Vatikan zurück. Überbringt folgende Botschaft: Die Templer im Schatten werden sich der Bedrohung stellen.«

Der Gardist wirkte eindeutig erleichtert, verbeugte sich tief und verschwand durch die verstärkte Eichenholztür, mit der der Unterschlupf gesichert war. Christian wusste nicht zu sagen, was jenen mehr zur Eile trieb: dem Vatikan die Botschaft zu überbringen oder aus dem Unterschlupf voller Vampire zu entkommen. Vermutlich beides.

Addison Pembroke beobachtete aus den Schatten heraus, wie der Leibgardist des Papstes den Unterschlupf der Verräter verließ. Der Vampir knurrte, als er die in Rüstung gehüllten Templer bemerkte, die das Gebäude sowohl innen beschützten als auch außen bewachten.

Und dieser Abschaum nannte sich tatsächlich Vampire. Sie nannten sich Vampire und gaben sich gleichzeitig mit Menschen ab. Menschen waren Nahrung, nichts weiter. Selbst der niederste Vampir stand weit über einem von denen. Am liebsten hätte er sich ein paar von ihnen gerissen, nur so aus Spaß. Doch sein Auftrag verhinderte dies. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Boten des Vatikans.

Der Mann marschierte am Ufer der Seine entlang. Pembroke konnte dessen Herzschlag so deutlich hören, als würde er neben ihm stehen. Der Geruch seines Blutes stieg ihm in die Nase. Er sah das rhythmische Pulsen der Halsschlagader des vatikanischen Boten. Pembrokes Magen knurrte. Der Durst regte sich. Die Killerinstinkte des Vampires erwachten. Nur mit der angeeigneten Disziplin vieler Jahre des Dienstes hielt er sich im Zaum.

Pembroke lächelte kalt. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, hielt er sich selbst leise vor.

Er folgte dem Boten einige Zeit lang. Die Menschen zogen sich mittlerweile in die Sicherheit ihrer Behausungen zurück. Die Straßen waren fast wie leer gefegt. Pembroke knurrte vor unterdrückter Vorfreude.

Mit einem Mal bewegte er sich mit unfassbarer Geschwindigkeit. Er packte den Soldaten am Genick und schleuderte ihn gegen die nächste Mauer. Pembroke achtete peinlich genau darauf, nicht zu viel Kraft aufzuwenden. Er wollte den Mann nicht töten. Noch nicht. Tote Männer konnten keine Fragen mehr beantworten.

Der Kopf des Boten knallte mit lautem Geräusch gegen das Gemäuer. Er ächzte und taumelte zur Seite. Pembroke griff erneut an. Der Soldat reagierte trotz der Überraschung und der bereits erlittenen Verletzung verblüffend schnell und behände. Der Mann zog sein Schwert. Es zischte durch die Luft und erwischte Pembroke an der Wange. Der Attentäter zögerte und erwartete im nächsten Augenblick, dass sein Fleisch zu qualmen anfangen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Der Attentäter lachte hämisch. Die Waffe war nicht mit Silber überzogen. Es handelte sich um ein ganz gewöhnliches Schwert.

Der Bote holte noch einmal aus. Dieses Mal war Pembroke vorbereitet. Er wich seitlich aus. Seine Hand packte schneller zu, als ein menschliches Auge der Bewegung hätte folgen können. Mit einer beinahe sanften Drehung brach er dem Boten das Handgelenk. Der Mann schrie vor Schmerz schrill auf. Das Schwert klapperte nutzlos über die spröden Asphaltsteine.

Pembroke packte den Mann an der Kehle und hob ihn ohne Anstrengung so hoch, dass seine Zehenspitzen gerade noch den Boden berührten. Mit schnellen, präzisen Bewegungen durchsuchte er die Taschen des Mannes und wurde sogleich fündig. Er förderte den Brief des Papstes zutage, entfaltete ihn und begann begierig zu lesen. Nachdem er fertig war, richtete er sein Augenmerk auf den immer noch in seinem unerbittlichen Griff zappelnden Leibgardisten.

»Und wie lautet die Antwort, die du überbringen sollst?«, fragte er den Boten betont freundlich. »Werden Christian d’Orléans und seine lächerlichen Weltverbesserer den Engländern zu Hilfe eilen?«

Das Gesicht des Boten lief langsam rot an und der Vampir lockerte seinen Griff etwas, damit der Mann zu reden imstande war. Die Antwort fiel jedoch etwas weniger höflich aus, als Pembroke gehofft hatte.

»Brenn … in der … Hölle, Hurensohn!«, zischte der Bote zurück.

Pembroke neigte leicht den Kopf zur Seite und betrachtete den Mann mit vor Vergnügen funkelnden Augen. »Das sehe ich einfach mal als ein Ja an.«

Ohne weiteres Wort zog er den Boten dicht zu sich heran, entblößte dessen Hals und stieß seine Reißzähne tief in dessen Halsschlagader. Er spürte Verzweiflung und Entsetzen des Mannes und ergötzte sich daran. Das Blut rann seine Kehle hinab. Ein kleines Rinnsal ergoss sich über sein Kinn und befleckte sein Hemd. Die Bewegungen des Boten erlahmten. Pembroke war aber noch nicht zufrieden. Er saugte den Mann aus, bis nichts mehr übrig war und er lediglich noch eine leblose, bleiche Hülle in den Händen hielt. Er drehte sich um und warf den Leichnam in hohem Bogen über die Uferpromenade. Pembroke hörte noch, wie der Körper in den Fluten der Seine klatschend auftraf. Man würde den Boten erst in wenigen Tagen finden. Wenn überhaupt.

Pembroke leckte sich die letzten Reste des Blutes vom Gesicht. Er sah sich verstohlen um. Niemand war zu sehen. Niemand hatte die grausame Bluttat bemerkt. Schade eigentlich. Es wäre ein Vorwand gewesen, noch eine Beute zu reißen.

Pembroke zog sich in die Dunkelheit einer einsamen Gasse zurück. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. »Herr? Ich habe den Boten erledigt, den der Vatikan zu den Verrätern geschickt hat.«

»Das hast du gut gemacht.«

Pembroke öffnete die Augen. Vor ihm stand die bullige Gestalt des Sheriffs von Nottingham. Sein Herr stand nicht wirklich hier vor ihm. Die Begegnung fand lediglich in Pembrokes Geist statt. Auf diese Weise kommunizierten Vampire einer Sippe. Und sie waren imstande, damit erstaunliche Entfernungen zurückzulegen.

»Sie haben einen ihrer Ritter nach Norden ausgeschickt. Ich vermute nach Calais.«

»Dann sind sie also bereits auf der Suche nach einem Schiff.«

»Das vermute ich, Herr.«

Der Sheriff nickte nachdenklich und sah schließlich auf. »Na schön. Dann weißt du, was du zu tun hast. Die Templer dürfen Englands Küste nicht erreichen. Wir sind zu weit gekommen, um sie in unseren Angelegenheiten herumschnüffeln zu lassen. Du erledigst das.«

»Wie Ihr wünscht, Herr. Ich kenne einige vertrauenswürdige Männer, die für diese Art Arbeit infrage kommen.«

Der Sheriff nickte. »Halte mich auf dem Laufenden.« Mit diesen Worten verschwand er. Pembroke erzitterte und sah sich leicht verwirrt um, als würde er aus einem Tagtraum erwachen. Er fing sich schnell wieder und lächelte boshaft. Er liebte seine Arbeit. Aber dieses Mal liebte er sie nicht nur, er würde sie darüber hinaus auch noch wahrhaft genießen.