Unter Extremisten

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Ramazan Demir:

Unter Extremisten

Alle Rechte vorbehalten

©2017 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-99001-260-4

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

Musa

Sind Extremisten auch nur Menschen wie du und ich?

Auserwählt vom Bösen: Wie Muslime radikal werden.

Beten am Handtuch: Der Blick in die Seele

Kopf an die Wand: De-Radikalisierung und Reue.

Mauer der Ignoranz: Die Arbeit mit den Unverbesserlichen.

Die zwanzig klassischen Irrtümer der Extremisten

Das Frauenbild der Extremisten

Was Extremisten wollen

Was zu tun ist

Auf ein letztes Wort

Glossar

MUSA

Sie töten dich, wenn sie dich finden.

Musa kauert in einer Ecke, den Kopf zwischen den Knien, die Hände flach an die Ohren gepresst. Ein Bild von Geborgenheit, auf einen ersten, flüchtigen Blick. Ähnlich dem eines Kindes, das beim Versteckspiel die Augen schließt im Glauben, für sich zu sein, selbst nicht gesehen zu werden. Doch Musas Kauern ist das genaue Gegenteil von Geborgenheit. Der untaugliche Versuch zur Abwehr einer Welt, die nicht länger sein darf. Auch ist Musa kein Kind. Und es ist auch nicht länger ein Spiel. Das ist es nie gewesen. Um ihn herum das erkaltete Gemäuer eines Einfamilienhauses oder das, was einmal vorgegeben hat, ein Einfamilienhaus zu sein.

Stockdunkel umhüllt den jungen Mann. Nicht weit von seinem löchrigen Unterschlupf, vielleicht fünfzig Schritte voraus, zerreißt Maschinengewehrfeuer die schwarze Luft. Nur allmählich verebbt das arrhythmische Tackern der Salven. Zögerlich. Als müsste die Luft erst für sich selbst befinden, ob sie diesem so schwer misshandelten Land eine Pause zum Verschnaufen gönnt oder nicht.

Sie töten dich, wenn sie dich finden.

Ja, denkt Musa, das werden sie. Denn Musa ist um keinen Deut besser als einer von denen, um nichts besser als ein kāfir, ein Ungläubiger, deren es unzählige gibt auf dieser Welt und die zu unterwerfen, zu bekehren oder am besten gleich auszurotten ist. Seinerzeit. Acht Monate liegt dieses Seinerzeit gerademal zurück. Seinerzeit hat er ernst gemacht, hat den theoretischen Beschwörungen der guten, gottgerechten Sache die Krone der Praxis aufgesetzt, ist endlich angetreten an der Front. Als Krieger Allahs. Hier in Syrien.

Wie viele hast du seither getötet?

Musa weiß es nicht. Bloß, dass ihm das MG 3, das sie ihm verpasst haben, zum treuesten Gefährten in diesen Monaten herangewachsen ist. Ein aalglattes, kühles Stück deutschen Maschinengewehrstahls, erbeutet in einem der blutigen Raubzüge des IS und von Anfang an hart am Mann. Unausgesetzt. Tagsüber. Nachtsüber. Ausschweifend lange Einweisungen am Gerät vor Ort hat es nicht gebraucht. Alles hundertfach trainiert. Und dann: einfach drauf losballern, Ego-Shooter-Routine. Ego-Shooter-Kitzel. Bloß in echt. Das Gute auf der Jagd nach dem Bösen. Das blindlings erfolgte Hinausjagen einer Salve um die andere. Ins Licht. Ins Dunkel. Bald schon hat er aufgehört, ihren satten Donner zu hören. Bald schon sieht er nur noch die Blitze, die von seinem stählernen Gefährten losfahren, ins Weiß, ins Schwarz, und bisweilen, wie zum bestätigenden Echo, als verzerrtes Wehklagen wiederkehren. Bizarre Schreie klingen auf. Als würden sie aus einer Spielkonsole generiert. Als wären sie nicht von dieser Welt. Und doch sind sie Bezeugungen eines im Hier und Jetzt gezeitigten Erfolges.

Musa nimmt die eine Hand vom Ohr, betastet die aufgeschürften Knie. Eben noch hat er in einem Haufen aus Schutt, Glas, zersplittertem Metall gekniet. Doch da ist kein Schmerz. Nur ein dumpfes Fühlen. Die Kälte kann seinem ausgemergelten Körper nicht an. Dünne Jacke hin, zerschlissene Hose her. Ebenso wenig Hunger oder Durst. Ströme von Adrenalin pumpen jedes Empfinden hinfort.

Stattdessen wehen Fetzen loser Gedanken heran, schütteln Musa durch. Wie Rückstöße der unkontrollierten Salven, die er eben noch in die Nacht gejagt hat. Hat er denn überhaupt? Er greift nach den Gedanken, bekommt eine Handvoll zu fassen. Andere lässt er unformuliert ziehen, spürt ihnen in einer Mischung aus Wehmut und Schaudern nach. Und auf einmal gewahrt er, dass er am ganzen Leib zittert. Ein Bibbern wie von Schüttelfrost. Ein Krampf durchfährt seinen Leib. Auch er kommt und geht frei von Schmerz. Abgetönt, wie in Watte. Der Tod ist nahe gerückt, verdammt nahe, sagt er sich. Und er weiß, dass es nicht jener Tod ist, auf den man ihn so lange so eindringlich vorbereitet und den zu fürchten er sich versagt hat. Es ist ein friendly fire, dem er ins Auge blickt, eines, das so gar nicht friendly daherkommt, so gar nicht unbeabsichtigt aus den eigenen Reihen erfolgt und auch nicht konform geht mit den Verheißungen.

Sie töten dich, wenn sie dich finden. Erst foltern sie dich. Endlos lange. Dann, irgendwann, richten sie dich hin.

Natürlich weiß einer wie Musa, was ihm blüht. Er kennt die eisernen Gesetze, die unerbittliche Härte nach außen und die noch um vieles unerbittlichere nach innen, kennt die Mechanismen der gnadenlosen Abrechnung mit jenen, die vom großen Traum der großen Sache abfallen. Die Abtrünnigen. Die Verräter. Sie sind schlimmer noch als jeder gottverdammte kāfir auf diesem Planeten. Und genau das ist er: ein Abtrünniger. Ein Verräter.

Musa hat seinen Traum bis ans Äußerste gelebt. Die Blase seines Traumes. Doch dann, in einem sehr bestimmten Augenblick, ist es zu viel gewesen. Und an die Stelle des unverrückbaren Guten in ihm ist die Fratze des Bösen getreten. Das Böse hat sich ihm zum Spiegelbild gemacht. Jenes Böse, das er mit jeder weiteren Kugel, jedem weiteren Toten erfolgreich zu bekämpfen geglaubt hat. All die wahllosen Übergriffe, Schändungen, Folterungen, Hinrichtungen, an denen er und Seinesgleichen euphorisch teilgehabt, haben unvermutet angefangen ihn zu umzingeln. Es ist ein innerer, doch schier unüberwindbarer Feind, der ihn da umfängt, ausgestattet mit der Gewalt der Ernüchterung, der zersetzenden Kraft eines jäh verblassenden Trugbildes. Die Kraft der Gerechtigkeit, die er auf alle Tage an seiner Seite getragen hat, ist implodiert unter einer machtvollen Detonation, und aus den rauchenden Trümmern seines Daseins belagern ihn die Versatzstücke der leergefegten Bühne: Unsicherheit. Enttäuschung. Und Angst. Sie über allem. Nackte, namenlose Angst.

Sie töten dich, wenn sie dich finden.

Sie. Seine vormaligen Freunde. Wer auch immer sie dann sein mögen. Mehr als einmal, erinnert er sich, hat er geholfen, Anti-IS-Schergen mit Seilen ans Heck eines Geländewagens zu knoten. Und ab, quer durch die Stadt. Jenen zur Warnung ins Stammbuch geschrieben, die meinen, sich gegen Allahs irdischen Arm zur Wehr setzen zu müssen. Abermals sieht Musa die Antlitze dieser Männer auftauchen. Sie stehen, knien an den Innenlidern seiner zusammengepressten Augen, blutüberströmt und schon jetzt halbtot um Gnade winselnd, ehe der wilde Ritt über staubige Straßen erst losgeht. Gnade? Das Wort Gnade findet keinen Widerhall in ihrer, seiner Sprache. Um Gnade zu flehen ist in ihrer, seiner Welt geradezu lachhaft. Ein Zeichen endloser Schwäche. Ein Zeichen von Selbstaufgabe.

Ein andermal hat Musa reglos zugesehen, wie Kämpfer seines Trupps eine Handvoll junger Männer hingerichtet haben. Vor den Augen ihrer im Schrecken verstummten Mütter. Es ist wirklich nichts Persönliches. Es ist bloß, weil der Verdacht von Spionage im Raum steht. Nichts Konkretes. Mehr ein vages Gerücht. Härte zeigen, einfach bloß, um gekeimten oder auch nur allfälligen Widerstand gegen den Islamischen Staat zu brechen. Schon nach ein paar Wochen hat sich die Wertigkeit eines Menschenlebens in ihm bedeutend verringert, und schon bald schrumpft die Halbwertszeit gegen Null. Jedes Tun, jedes Denken erfolgt nur noch wie unter einer einzigen, alles vereinnahmenden Wolke, die über Land und Leuten liegt. Sie steuert die Geschöpfe, Ereignisse, macht sie zu ameisenhaft winzigen Gefügigen im Geiste einer riesenhaften, übergeordneten Fügung, setzt die Impulse einer kollektiv entfesselten Lust an Gewalt und Macht – und setzt diese Impulse auch frei. Eine gemeinschaftliche Ohnmacht der Unbarmherzigkeit, die wie ein Leitstern auf ihrer aller fundamentalistischem Himmel steht. Und so hat der Mensch als des Menschen Wolf rasch auch in ihm, Musa, die Oberhand gewonnen. Das Tier hat gesiegt. Der Rausch des Triumphierens, die Triebe und der Instinkt des Überlebenwollens als alles bestimmende Faktoren.

Dann aber, inmitten dieses nicht enden wollenden Rausches und wie zur ungebetenen Nüchternheit, ist der Traum geplatzt. Plötzlich erscheint Musa Musa wieder als er selbst. Wenn auch nur unterschwellig und für niemand sonst erkennbar. Jener alte Musa, den es tief verborgen auch noch gibt. Der Hitze, Feuer, Kälte, Tod und Verderben ringsum überdauert hat wie ein Same, der endlos lange im Tiefschlaf ausharrt und nur dieses einen Tropfens Wasser bedarf, der ihn am rechten Ort zur rechten Zeit begießt, zum Keimen bringt.

 

Er sieht, wie ein Getreuer eine junge Mutter vor sich hertreibt, hin zu einem Abgang in eine Schutthalde, die einmal Zuhause geheißen hat. Musa weiß, was kommt. Die Waffe im Anschlag, wird der Kämpfer die Frau in Schach halten, sie nach Belieben missbrauchen. Auf welche Weise immer. Es gibt keinen Zweifel an dem, was folgt. Einziger Unsicherheitsfaktor allenthalben würde sein, wie oft er es tut.

Musa kennt diese Art von Schrei, der so anders klingt als alle übrigen, die eine Kehle freizusetzen weiß. Markdurchdringender, als jeder Regisseur eines Horrorstreifens es in Szene zu setzen wüsste. Das atemlose Herauswürgen von Hoffnungslosigkeit und Schrecken. Das sprachlose, keuchende Wissen, dass zwischen jetzt und dem erlösenden Tod nur noch endlose Bahnen des Grauens liegen. Musa blickt hin, sieht das lähmende Entsetzen im Antlitz dieser Frau. Ich werde, kann, darf mich nicht wehren, steht darin geschrieben. Was geschieht sonst mit meinen Kindern? Wer kümmert sich um sie, wenn ich nicht mehr …? Und auf einmal sieht Musa seine Mutter Maryam, sieht seine beiden jüngeren Schwestern. Hatija und Aisha. Sie starren ihm in die Augen, versinken nebelhaft im Boden. Seine von ihm so verherrlichte Mutter, die ihn und die Schwestern mangels Vater zeitlebens umsorgt, die sich die Hände blutig geschuftet hat, um sie alle durchzubringen. Irgendwo dort. Im fernen Mitteleuropa.

Und auf einmal weiß Musa, dass Schluss sein muss. Dass er nicht weitermachen kann. Es ist nicht bloß eine vage Einsicht. Es ist eine bodenlose Überwältigung, die ihn aufschaudern lässt, ihm die Knie erweicht, während die Schreie dieser anderen, unbekannten Mutter dumpf an sein Ohr dringen. Oh, nein, er denkt nicht darüber nach, sie zu retten. Nicht eine Sekunde. Wie absurd. Als würde ein einzelnes Sandkorn gegen einen Sandsturm aufbegehren. Nein. Musa denkt bloß daran, dass er nicht mehr kann. Dass er es nicht mehr ertragen kann. Das alles hier. Dass er weg muss. Jetzt. Andernfalls ist sein Verlorensein ein endgültiges, unendlich tiefer noch als jenes, in dem er bereits feststeckt.

Und so mobilisiert Musa alle Kräfte, stiehlt sich nachts heimlich aus den Reihen davon. Seine Flucht hat begonnen, es gibt kein Zurück, und dieser nackte Trieb des Fortbestehens peitscht ihn immer weiter fort. Bis hierher. In dieses zerschossene Stück Existenz. In dieses von Granaten und Gewehrkugeln zersiebte Haus.

Wie lange hat er schon nicht mehr nachgedacht? Musa hat nicht den Schimmer einer Ahnung. Bloß, dass er es jetzt wieder tut. Endlich wieder. Dass er sich fragt, was und wer er ist. Ja, er, Musa, Sohn einer Mutter. Bruder zweier Schwestern. Aber darüber hinaus? Ist er ein Mörder? Weil er andere Menschen getötet hat? Aus welchen Gründen? Sind es richtige Gründe? Ehrenhafte? Oder doch …? Gibt es überhaupt richtige, ehrenhafte Gründe, einen Menschen zu töten? Ein ums andere Mal schiebt Musa diese drängenden Fragen beiseite. Sie sind lästig, lenken ihn ab von seiner Aufgabe. Und diese Aufgabe hat nur einen Namen: Überleben.

Doch dann, wie zur ultimativen Prüfung seines aufgeweichten Gewissens, bedrängt ihn diese andere Frage: Wie hat es soweit kommen können? Wie mitunter, dass er zu zweifeln begonnen hat? Alles hat so leuchtend klar vor ihm gestanden. Seinerzeit. Zuhause. Er ist frei von Zweifel gewesen, wollte, würde dieser einen, richtigen Sache dienen. Gerade so, wie der Prediger es ihm prophezeit hat. Der Prediger. Dieser kluge, Ehrfurcht gebietende Mann. Dieser Vater, zu einem solchen aufzuschauen ihm nie vergönnt gewesen und der dieser fremde Mann ihm so selbstlos gewesen ist. Aus dem Koran hat er ihm vorgelesen. Auf Arabisch. Wiewohl Musa gerade das nicht kann: Arabisch. Doch es sind ihm wohlvertraute Klänge, die träumerisch aus seiner alten Heimat Tschetschenien heranwehen. Musas Sprache ist Deutsch. Die Sprache der neuen Heimat, die ihm nie zu einer geworden ist.

Bei ihm, dem weisen, wie allwissenden Prediger, hat Musa sich von Anbeginn geborgen gefühlt. Diese Wärme in der Brust, ernstgenommen zu werden. Er, Musa, ist nicht ein länger x-beliebiger lästiger, kraft seiner Herkunft missachteter Tschetschene in Wien. Musa ist mit einem Schlag Mensch. Man achtet ihn. Braucht ihn. Und wenn er zu dem Prediger von diesem Leben in Wien spricht, sieht ihm der Prediger tief in die Augen. Wie auch er dem Prediger tief in die Augen sieht, wenn der von seinen Dingen spricht. Seiner Sicht der Welt. Dem Übel. Und auch davon, dass Allah den Tod der Ungläubigen wünscht.

Er erzählt Musa von den Untaten, die Ungläubige in aller Welt begehen. Nicht bloß in Syrien. Nicht bloß im Irak. Rund um den Globus. Auch in Europa. Gerade in Europa, wo es oberstes Ziel sei, sich die Muslime untertan zu machen. Menschen wie ihn, Musa. Seine Brüder und Schwestern. Und dass es Männer und Frauen seiner Schlagkraft, seines noch zu festigenden Glaubens bedürfe, den Ungläubigen Einhalt zu gebieten. Dies allein sei Allahs Wille.

Ja, Musa hat die Wut des Predigers verstanden. Zunehmend mit jeder Faser seiner von Misstrauen, Ausgrenzung und Generalverdacht geleiteten Existenz. Wie er auch die Wut des Predigers über ihn und andere junge Muslime verstanden hat, die ihr Leben der Bequemlichkeit verschrieben hätten. Die in Sicherheit schliefen, während ihre Geschwister draußen in der Welt Leid und Ungerechtigkeit zu erdulden hätten. Und insgeheim hat er begonnen, das Lob des Predigers für jene, die ausziehen, um zu kämpfen, zu seinem eigenen Lob zu machen. Die Bomben in U-Bahn-schächten zünden. Die Ankunftshallen auf Flughäfen zu Kriegsschauplätzen wandeln. Die Lastwägen zu Waffen gegen Menschenmengen machen. Oder einfach nur in einem Zugabteil ein Messer zücken. Von London spricht der Prediger. London vor bald zehn Jahren. Juli 2005. Vier der Ihren, allesamt mit britischem Pass, die Sprengsätze zünden in U-Bahn und Bus und 56 Menschen in den Tod reißen. Weitere siebenhundert verletzt. Und er spricht von der jüngsten Vergangenheit. Brüssel im Mai 2014. Das Attentat im Jüdischen Museum.

Nicht alle Bilder zu den Taten trägt Musa in Erinnerung. Bei London ist er noch ein Kind am Übergang zur Hauptschule gewesen. Doch an Brüssel erinnert er sich nur zu gut. Brüssel ist allzu frisch. Wenige Wochen ist das damals her gewesen. Der Name Mehdi Nemmouche dringt erstmals an Musas Ohr. Ein Franzose algerischer Abstammung und Syrien-Heimkehrer. Einer von vielen, die sich fortan auf den Kampf in Europa eingeschworen haben. Wie eine Fackel des eisernen Widerstands glimmt der Name in den Augen des Predigers auf.

Musa indes hat andere Pläne. Längst hat er begonnen, zuhause seinen beiden kleinen Geschwistern von der Strahlkraft des IS zu berichten, von der famosen Idee der Errichtung eines Islamischen Staates. Es werde eine Zeit kommen, doziert er, da alle Muslime der Welt sich ihnen anschließen würden. Dann würden die schon sehen, wie stark sie seien. Wie stark wir sind. Mehr als eineinhalb Milliarden Muslime gebe es. Viele müssten erst für die Sache überzeugt werden. Doch dann. Und all jene, die sich gegen sie stellten, seien Verräter und würden die Konsequenzen ihres Verrates bitterlich zu tragen haben.

Längst ist da sein Entschluss herangereift. Ja, auch Musa will der richtigen Seite, der Seite der Gerechten angehören, will sein Teil beitragen, das weltweite Unrecht gegen Muslime auszurotten. Wo immer. Ihn jedoch zieht es ins Kernland des IS-Kampfes, von wo aus das neu errichtete Kalifat seinen Siegeszug um den Globus antreten wird: Syrien. Und vielleicht, später dann, Europa, um dort die ihm von Allah auferlegte Pflicht fortsetzen.

Angst vor dem Sterben glaubt Musa da schon lange keine mehr zu kennen. Der Tod, hat der Prediger ihm wieder und wieder eingetrichtert, sei bloß die heiß ersehnte Schwelle hinüber ins Paradies. Und Syrien, hat er angefügt, sei nichts als der Vorhof dieses Schlaraffenlandes. Die Männer dort seien tot oder geflohen, und die Frauen würden ihm und Seinesgleichen gehören. Desgleichen die unzähligen Villen im Land, die nun verwaist leer stünden, neuer Herren harrten. Syrien also, hat Musa befunden. Und als es dann acht Monate später in Paris zu Charlie Hebdo mit insgesamt zwölf Todesopfern kommt, den späteren Tod der beiden Attentäter nicht eingerechnet, ist er längst hier.

Musa schaudert auf. Die Heilsversprechen des Predigers von damals schießen ihm durch den Kopf. Jetzt auf einmal wie Giftpfeile. Und jedes Gegenserum erscheint wirkungslos, die Verheißungen am Horizont seiner Hoffnungen und Erwartungen in Trug und Rauch auflöst, verpufft zu einer diffusen Wolke aus Lügen und Propaganda. Das glorreiche Wissen, welches er einmal zu besitzen geglaubt hat, ist gänzlich verflogen. Was er noch hat, ist allein sein Instinkt als Mensch, der ihm verbietet, seinen Schutz aufzugeben. Zitternd vor Angst und Erschöpfung bleibt er noch geraume Zeit in Deckung. Das hier, weiß er, ist nicht ein Funke vom Paradies. Es ist die Entität des Feuers, das aus der Hölle zu ihm emporschlägt.

Irgendwann, im Schutz dieser bewölkten, ausnahmsweise sternenlosen arabischen Nacht, gelingt Musa der Ausbruch aus dieser Hölle. Unbemerkt kommt er davon, stolpert wie in Trance dem entgegen, was er einmal als Leben gekannt hat. Über die Türkei und den Balkan schlägt er sich durch bis Wien, steht, physisch und psychisch am Ende aller Kräfte, an Mutters Maryams Tür, die ihn längst verloren gegeben hat. Hier taucht er unter. Bei ihr und den Schwestern Aisha und Hatija. Kurze Zeit nach seiner Heimkehr, an einem verregnet kühlen Morgen, läutet es an der Tür. Beamte des Verfassungsschutzes. Erst jetzt hat Musas Flucht ihr tatsächliches Ende gefunden.

*

Das Gesicht des Häftlings ist schmal, fast eingefallen, und die markanten, hoch abstehenden Wangenknochen erwecken den Eindruck, als wollten sie einen Rest von Stolz hochhalten, Relikte aus verlorenen Tagen, vom übrigen Antlitz des jungen Mannes wie auch seinem Körper längst verworfen. Sein loser Händedruck fügt sich da ins Bild, ist wie der Griff in einen angefeuchteten Schwamm. Er ist von mittelgroßer, beinahe schmächtiger Statur, trägt das Haar kurz und wirr, und seine Augen sind ermattet dunkel, ein schales Schwarz, wie gebrochen. Ein alles in allem hageres Männchen ohne Kontur, das da vor mir steht, ohne Halt, und auch ohne Ziel, wie es scheint.

Die Wege sind verschlungen und weit, um einen wie Musa erstmals allein zu Gesicht zu bekommen. Unter vier Augen. Und nur im Fall des Falles ist ein weiteres Augenpaar zur Stelle. Endlos lange, endlos trostlose Korridore und Treppen haben mich hierher ins vierte Stockwerk geführt. Abteilung C. Ab und an ein Bild an der Wand, eine Bleistiftzeichnung, die meisten erstaunlicherweise von gar nicht ungelenkem Strich.

Erstaunlicherweise?

Irgendwo, mittendrin in diesem Nichts aus bezuglosen Längen und Etagen, ein nüchterner Aufenthaltsraum mit zerschlissener Gymnastikmatte. Ein Hometrainer. Ein Tischtennis-Tisch. Und weiter. Viele der Korridore sind mit gräulich marmorierten Kunststoffplatten ausgelegt. Andere mit Bahnen aus beigem Linoleum. Da wie dort durchwebt ein diffuser, grüngelblicher Schimmer die Gänge. Das Zusammenspiel von kaltem Deckenlicht und schmutzig weißen Wänden mit ebenso schmutzig weißen Türen macht es aus, sage ich mir. Manche Türen sind lindgrün umrahmt, manche paprikarot, über Kopf bis auf Hüfthöhe, andernorts auch Türblätter, die wie ihre Fassungen in durchgängigem, sattem Tannennadelgrün schimmern.

Die Zimmer hinter der Armada von Türen sind von weitgehend einheitlicher Größe und Grundausstattung. Kleinigkeiten machen den Unterschied aus. Persönliche Präferenzen wie auch Möglichkeiten. Die Fenster blicken zum Hof, einige sehen den Fußballplatz. Und wären die Zugänge nicht durch und durch aus Metall, und stünden die an ihrem Ende zu kleinen Bällen abgerundeten Türschnallen nicht auf seltsame Weise senkrecht nach oben ab, und fehlten ihre Gegenstücke nicht an den Türinnenseiten überhaupt, man könnte meinen, in einem aus der Zeit gefallenen Sanatorium gelandet zu sein. Oder einem aufgelassenen Provinzkrankenhaus aus den späten Sechzigern. Nur der markante, leicht süßliche Geruch von Chloroform fehlt. Doch hier ist nichts aufgelassen, nichts aus der Zeit gefallen, sieht man von den Gästen ab. Hier herrscht Vollbetrieb im 21. Jahrhundert. Von morgens bis abends. Montags bis sonntags. Ausgebucht bis aufs letzte Stahlrohrbett von Jänner bis Dezember, Tendenz: überbelegt. Ein Hotel mit Vollpension wider Willen.

 

Knapp 1100 Häftlinge sitzen hier ein, in der Justizanstalt (JA) Josefstadt in Wien, Österreichs größtem Gefängnis. Beinahe jeder dritte Insasse ist Muslim. Es ist Freitag, kurz nach dreizehn Uhr. Der Geruch vom Bratensaft liegt immer noch in der Luft. Instantware. Gulasch, wie ich mutmaße. An der Pinnwand, scharf neben der Türe, sehe ich den Aushang, dass ich zurzeit keine Zeit habe. Soll heißen, dass meine Kapazitäten für Gespräche wie das folgende restlos erschöpft sind. Keiner weiß das besser als ich. Musa hat Glück gehabt, gepaart mit einem Mix aus Eindringlichkeit und Aufdringlichkeit, die er im Vorfeld an den Tag gelegt hat, und wie ich rasch bemerke, weiß er sein Privileg auch zu schätzen. Handshake. Wir nicken einander stumm zu, dann erst betreten wir den Besprechungsraum. Die umfunktionierte Zelle, in die Musa und ich uns begeben, ist anders als die übrigen. Noch spartanischer. Zwei Stahlrohrsessel mit Holzauflage empfangen uns. Ein kleines Tischchen, das von der Türe aus jederzeit einsehbar ist und gerade ausreichend groß für zwei Paare gefalteter Hände ist. Bei Bedarf eine Gebetskette. Ein Koran. Mehr nicht. Einzig im legendären Café Hawelka in der Wiener Innenstadt fänden an solch minimalistischem Ort vier, vielleicht fünf Menschen Platz, die Schlichterqualitäten des alten, längst verstorbenen Ehepaars vorausgesetzt.

Tatsächlich sind zwei fast schon zu viel, und der knappest bemessene Raum ringsum führt die Sprache maximaler Reduktion beharrlich fort. Eine bessere Briefmarke mit Zu- und Abgang. Am hinteren Ende des Zimmerschlauchs zwei schmale, übereinander angeordnete Fenster, in dunklem Grün gerahmt. Jedes so groß wie ein Kopf. Das war’s.

Doch um ausschweifenden Raum oder heimelige Atmosphäre dreht es sich hier nicht. Hier geht es ausnahmslos um Lebensgeschichten. Um Welten und ihre subjektive Wahrnehmung und Darstellung. Und so habe ich fest im Sinn, auch Musas Geschichten – jene über Morde und Plünderungen und all die anderen Schreckenstaten während der langen Monate in Syrien – vielleicht nicht immer kommentarlos, doch auf jeden Fall frei von Wertung hinzunehmen als das, was sie sind: Erinnerungen, oftmals zu eigenen, befremdlichen Wahrheiten getrübt, die jäh, bisweilen auch im Zuge ein und desselben Gesprächs in völlig andere Wahrheiten kippen können. Manchmal schwingen sich da Beobachter in der Wiedergabe zu Tätern auf, dann wieder bezeugen sie eigene Untaten wie aus dritter Hand. Manchmal sind es bei Männern wie Musa offenkundige Prahlereien, die mir zu Ohren kommen, dann wieder Beschwichtigungen, stark herabgespielte Versionen tatsächlicher Gräuel, dazu angetan, ein mögliches Strafausmaß im Vorfeld zu lindern. Oder sei es, dass ihr Eigner sie in der Rückbeschau nicht anders zu ertragen wüsste.

Für mich spielt es keine Rolle. Denn weder bin ich Ankläger, noch Richter. Weder urteile ich darüber, was mir zugetragen wird, noch prüfe ich es auf seinen Wahrheitsgehalt, noch trage ich es weiter. Ich bewahre es bei mir. Und wenn ich es nun hier wiedergebe, so geschieht es in einer anonymisierter Form. Die Berichte sind allesamt echt. Die Menschen sind es auch. Wie auch die Bezüge zueinander. Nur nicht die Namen. Und doch stehen sie paradigmatisch für die vielen Gesichter von Radikalisierung und Terror, aber auch für die vielen Gesichter, die das Leben an Möglichkeiten zur Läuterung bereithält. Schweigen darüber, was jedem Einzelnen im Detail widerfahren ist, insbesondere aber, was er selbst anderen angetan hat – genau das ist meine Pflicht. Daher gebe ich die Geschichten dieser Menschen anonymisiert weiter – auch, damit wir, die Gesellschaft, etwas daraus lernen, unsere Schlüsse ziehen. Ich spreche die Sprache dieser jungen Gefangenen. Aber auch die Sprache ihrer Jugend, denn ich bin ähnlich jung wie die meisten von ihnen. Und ich bin Muslim wie sie. All das, in Summe, ist meine Eintrittskarte zu den Seelen von Menschen, die in aller Welt nichts als Angst und Schrecken verbreiten.

An diesem ersten Freitagmittag mit Musa stimmt etwas nicht. Und erst spät merke ich, dass ich es bin, der einigermaßen von der Rolle ist. Allzu kurz liegen die grauenvollen Attentate von Paris gerademal zurück. Die 130 Toten, ohne jede Gnade aus dem Leben gesprengt und niedergemetzelt auf dem Vorplatz des Stade de France, vor und in einigen Restaurants, insbesondere aber im Musikklub Bataclan am Boulevard Voltaire in der Stadt an der Seine, der irgendwann einmal jemand den Namen Stadt der Liebenden verpasst hat.

Es sind wie so oft die nichtig scheinenden Details, die allmählich an die Medien sickern und von dort zu den Menschen, um sich als schauderhafte Patina über die Seele zu legen, sich in ihr festzukrallen. Wie etwa, dass einer der Attentäter, ein vormaliger Busfahrer, inmitten des Schlachtens, inmitten der als Todesschwadronen losgesandten Maschinenpistolensalven die Bühne des Bataclan erreicht hat, um Xylophon zu spielen. Xylophon. Fast schon kind-haft-unschuldig anmutende Klänge wie zum Kontrast des unbegreiflichen Schreckens, Klänge, die das krasse Antlitz des Terrors nur noch stärker in die Erinnerung zementieren. Oder dass ein anderer Attentäter, den Sprengstoff an den Leib gegürtet, über dem Mantel eine Jacke mit Pelzbesatz und darüber eine Weste trägt und sich lächelnd bei den Gästen einer Brasserie entschuldigt, ehe er den Knopf drückt. Und wieder ein anderer, jetzt abermals im Bataclan, der gelegentlich am Laptop hantiert, während die Kollegen ihr Schlachten mit den Kalaschnikows ungerührt vollziehen. Bizarre Abfolgen von Linien und Zeichen seien auf dem Schirm zu sehen gewesen, sagt eine Zeugin später. Piktogramme einer Verschlüsselungssoftware, wie man bald weiß. Solche Dinge. Sie gehen nicht wieder weg, werden zu Sinnbildern sinnlosen Mordens.

Und so merke ich, während wir auf unsere Stühle sinken und Musa mich unsicher ansieht, dass ich ihn für einen kurzen Moment, unbewusst und auch ungewollt und auf eine rationell nicht nachvollziehbare Weise dafür, gerade dafür, was sich Stunden zuvor in Paris zugetragen hat, mit in die Pflicht nehme. Ob ich es nun will oder nicht, sagt eine Stimme in mir: Du bist einer von ihnen. Ob er nun in Paris mit von der blutrünstigen Partie war oder nicht. Ich besinne mich endlich.

»Rapid?«, frage ich. »Oder Austria Wien?« Der Klassiker zum Einstieg. Eisbrecher Fußball.

»Bayern«, sagt Musa.

»Ich auch«, erwidere ich, und alle beide lachen wir etwas spröde auf. Ausläufer eines Tattoos blitzen am linken Handgelenk auf, was es darstellt, bleibt Geheimnis seines Trägers und des langen Ärmels des schwarzen Kapuzensweaters, der die Abbildung verhüllt. Schon nach wenigen Minuten revidiere ich das Bild des farblosen Schwächlings, das ich bei der Begrüßung von ihm gefasst habe. Dieser Musa ist alles andere als gleichförmig. Alles andere als beliebig. Er scheint mir ein durchaus intelligenter Bursche zu sein. Wäre er in ein anderes Umfeld hineingeboren, überlege ich, wer weiß, vielleicht hätte er als Sohn eines Mittelschichtvaters eine ansprechende Karriere gemacht. Hätte womöglich studiert. Etwas mit Geisteswissenschaften, denn die Art, wie er sein eigenes Leben reflektiert, zu Fragen religiöser, aber auch allgemein philosophischer Natur Stellung bezieht, hebt sich von der seiner Mitbewohner entschieden ab.

Hat Musa nun vergewaltigt, gemordet? Hat er es »nur« bezeugt? Ich weiß es nicht, doch ich weiß, dass es mich nicht abhalten darf von dem, um dessentwillen ich herkommen bin. Junge Menschen wie er, achtzehn, vielleicht zwanzig Jahre, sind trotz ihres schon bewegten Lebens nicht unwiderruflich an ihre blutige Vergangenheit verloren. Der Kampf, sie zurückzuführen ans Licht, muss bis zuletzt gefochten werden. Lebenslanges Wegsperren ist in den meisten Fällen nicht möglich und auch nicht sinnvoll, wie ich anhand zahlreicher Beispiele noch darlegen werde. Dennoch wird einer wie Musa in absehbarer Zeit wieder in Freiheit sein. Die Möglichkeiten von Polizei und Staatsschutz, ihn und Seinesgleichen rund um die Uhr zu überwachen, sind endend wollend, und die Ängste der Bevölkerung allseits greifbar. Und diese als Radikale aktenkundigen Menschen sind auch überaus ernstzunehmen, wie wir noch sehen werden.

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