Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi

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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi

Pete Hackett

Published by Alfred Bekker, 2021.

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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi

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Trevellian und der Mann, der den Wind säte: Action Krimi


Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.

Seit Jahren kämpft Tom Sommerby darum, seinen Sohn, der wegen Drogenschmuggels gehängt wurde, zu rehabilitieren. Dabei schreckt er auch vor illegalen Dingen nicht zurück. Doch plötzlich versucht jemand, Sommerby zu töten, außerdem werden die ehemaligen Freunde von Sommerbys Sohn bedroht. Wer steckt dahinter? Das FBI hat eine schwere Nuss zu knacken.




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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Es schien, dass wir Sergio Antonelli dieses Mal kriegen würden. Er hatte soeben im „The Marriott Marquis“ versucht, einen Mann umzunieten, hatte aber vorbeigeschossen und war von den Hoteldetektiven in der Bar festgenagelt worden.

Der Haken an der Sache war allerdings, dass sich Sergio Antonelli eine Geisel geschnappt hatte.

Als wir alarmiert wurden, war es kurz nach 14 Uhr, etwa 14 Uhr 10. Milo und ich schwangen uns in den Sportwagen und rasten mit heulender Sirene und rotierendem Blinklicht zum Broadway. Das Hotel befand sich zwischen der 45th und 46th Straße.

Das „The Marriott Marquis“ schien fast völlig aus Glas errichtet zu sein. Vor dem Hotel hatte ein ganzes Aufgebot von Polizeifahrzeugen Aufstellung genommen. Die Lichtbalken auf den Fahrzeugen warfen blaue und rote Reflexe gegen die Häuserwände und Glasscheiben. Ein hochrangiger Officer erstattete uns einen knappen Bericht, nachdem wir uns als G-men ausgewiesen hatten.

Einige Cops versuchten, die Neugierigen zurückzudrängen, sie zum weiterfahren oder weitergehen zu bewegen. Es war vergebliche Liebesmüh. Die Gaffer schienen regelrecht aus dem Boden zu wachsen. Selbst die Tatsache, dass hier Kugeln fliegen konnten, konnte sie nicht veranlassen, ihre Ärsche in Sicherheit zu bringen.

Die Sensationsgier feierte wieder einmal Urständ.

Der Broadway war verstopft. Irgendwo in der Nähe krachte es dumpf, Scherben klirrten. Jemand hatte einen Auffahrunfall verursacht. Ein Mann fing an zu brüllen wie ein Stier, ein anderer brüllte zurück. Sie erlitten mit ihrem Geschrei und den Kraftausdrücken, die sich sich gegenseitig an den Kopf warfen, einen herben Rückfall in die Zeit der Jäger und Sammler.

Etwas abseits sah ich Lew Harker, den fliegenden Reporter von der New York Times mit seiner teuren Blitzlichtschleuder in beiden Händen. Er winkte uns zu.

Wir fuhren mit einem der Aufzüge im Innenhof nach oben. Auch die Wände der Aufzüge waren durchsichtig; Glas oder Plexiglas. Ich machte mir keine großen Gedanken darüber.

Wir hatten unsere SIG Sauer Knarren in den Fäusten. Ich schaute in Milos Gesicht und sah in seiner Miene die immense Anspannung, die ihn erfüllte. Nun, mein Face sah gewiss nicht weniger angespannt aus.

Im 7. Stock verließen wir den Aufzug. In die 8. Etage, wo sich die Bar des Hotels befand, liefen wir auf Schusters Rappen. Auch hier überall Cops. Zwei Männer in Zivil mit Pistolen in den Händen gehörten sicher zum Personal und waren als Hoteldetektive beschäftigt. Gewiss waren es die Burschen, die den guten Sergio in die Enge getrieben hatten.

Das besondere an dieser Bar war, dass sie sich – wie auch das Restaurant im 46. Stockwerk –, um die eigene Achse drehte. Man konnte also hier oben in Zeiten, in denen sich nicht gerade ein bezahlter Killer verschanzt hatte, einen phantastischen Ausblick genießen.

 

Jetzt war die Bar wie leergefegt. Einige Stühle lagen am Boden. Der Mechanismus, der die Bar drehte, war abgestellt. Das hatte der Gangster verlangt mit dem Hinweis, dass er seiner Geisel sonst den Kopf von den Schultern schießen würde.

Ein Captain der City Police, der sich mit gezückter Waffe neben einem schweren Ledersessel verschanzt hatte, gebot uns, in Deckung zu gehen. Aber das hätten wir auch ohne seinen freundlichen Hinweis getan, denn es gab hier fast nur Glaswände und wir hätten uns dem Killer dargeboten wie auf einem Präsentierteller. Lebensmüde waren wir schließlich nicht.

Wir versenkten unsere Bodys hinter einem hüfthohen Mauervorsprung, auf dem polierte Kästen aus Metall mit hängenden und rankenden Grünpflanzen standen.

„Bei der Geisel handelt es sich um einen Pagen. Johnny Myers, neunzehn Jahre alt“, rief der Captain. „Antonelli hat sich mit dem Jungen am Ende des Tresens verschanzt.“

Von dem Gangster war nicht mal die Nasenspitze zu sehen.

„Was ist mit Scharfschützen? Habt ihre welche postiert?“, rief Milo.

„Yeah, rundum in den Buildings. Aber wir können das Feuer nicht freigeben, solang er dem Boy die Kanone an die Schläfe hält.“

Ich nahm alles in mich auf. Die Bar hatte mehrere große Eingänge – Glastüren natürlich. Die meisten waren geöffnet.

„Na schön“, knurrte ich. „Dann wollen wir mit Sergio mal ein paar Takte reden.“

„Er wird sich auch von dir nicht überzeugen lassen, dass Aufgabe das klügste für ihn wäre“, kam es wenig motivierend aus Milos Mundwinkel.

Ich grinste säuerlich. „Während ich ihn mit Worte erschlage, kannst du ja hineinspazieren und ihn dir holen.“

Milo schaute mich verdutzt von der Seite an.

Ich rief: „Sergio Antonelli, hier spricht G-man Trevellian, FBI New York. Sie kommen hier nicht raus. Also lassen Sie den Jungen laufen und ergeben Sie sich. Wenn Sie dem Jungen auch nur einen Kratzer zufügen, verschlimmern Sie Ihre Lage nur.“

Ein erzwungenes, blechernes Lachen erklang. Sergio war gewiss nicht nach Lachen zumute. Dann ließ der Italoamerikaner seine Stimme erklingen: „Ah, Trevellian, der Oberschnüffler. Steh‘n wir uns wieder mal gegenüber, wie? Und jetzt bist du voll des Jubels, weil du denkst, du kriegst mich endlich.“

„Ich kann fast nicht mehr vor Freude, Sergio. Und du wirst es nicht glauben, ich denke nicht nur, dass ich dich heute erwische, ich bin sogar fest überzeugt davon.“

„Dann vergiss nur nicht den zitternden Knaben, den ich vor der Knarre habe. Du hast doch noch nie unschuldiges Blut vergossen, Trevellian.“

„Werd ich auch heute nicht, alter Kumpel. Warum wolltest du eigentlich den Mann erschießen?“

„Privatsache. Eine alte Rechnung.“

„Glaub ich dir nicht.“

„Glaub es oder glaub es nicht. Vielleicht kannst du die Cops überzeugen, Trevellian, dass es besser wäre, Sie ließen mich mit meiner Geisel abziehen. Alles, was ich will, ist eine vollgetankte Karosse mit Sicherheitsglas. Man soll mir den Wagen vor die Tür stellen, die Bullen sollen sich verziehen, und vor allem soll man nicht versuchen, mich hereinzulegen. Der Knabe hier – du weißt schon.“

Ich wusste jetzt genau, wo der Bursche hinter dem Tresen saß. Der Barraum war riesig. Ein Ding der Unmöglichkeit, auf die andere Seite des Tresens zu gelangen, ohne dass Sergio Antonelli seine Stahlmantelgeschosse in den hineinjagte, der verrückt genug war, es zu versuchen.

„Ich glaube nicht, dass man darauf eingehen wird, Sergio“, rief ich.

Milo lugte um die Mauerecke. Irgendwie ahnte ich, dass er verrückt genug sein wollte. Ich zupfte ihn am Ärmel und schüttelte den Kopf.

Der Verbrecher schwieg.

Ich hub wieder an. „Versuchter Mord und Geiselnahme, Sergio. Ein paar Jahre gibt‘s sicherlich dafür. Aber bei vollendetem Mord kriegst du lebenslänglich. Und weil es eine ganz besonders verwerfliche Tat ist, lebenslänglich ohne die Aussicht, jemals begnadigt zu werden. Man wird dich hinter Zuchthausmauern lebendig begraben. Das ist das selbe wie ein Todesurteil. Nein, das ist schlimmer als ein Todesurteil.“

„Red dir ruhig den Mund fransig, Trevellian. Wenn der gepanzerte Wagen nicht in fünfzehn Minuten unten vorfährt, spalte ich dem Haufen Elend hier mit einer fünfundvierziger Kugel den Kopf. Das ist mein letztes Wort.“

„Und dann? Ohne ihn bist du ganz schön aufgeschmissen.“

„Ein paar von euch werde ich jedenfalls noch mitnehmen.“

Ich überlegte. Was nützt es uns, wenn wir seiner habhaft werden oder ihn mit einem Schuss kalt stellen, fragte ich mich, wenn er die Geisel erschießt. Das Leben des Jungen durfte auf keinen Fall durch uns aufs Spiel gesetzt werden.

Sergio Antonelli war unberechenbar und gefährlich. Ein Auftragsmörder, dem wir bisher nicht das Handwerk legen konnten. Und wenn er versprach, einige von uns mitzunehmen auf die Reise ohne Wiederkehr, dann glaubte ich ihm das auch.

Wenn ich über die Blumentöpfe hinweg linste, konnte ich durch die riesigen Panoramascheiben der Bar die beiden Buildings auf der anderen Straßenseite sehen. An einigen Fenstern im 8. und 9. Stock hatten sich maskierte Scharfschützen postiert. Sie standen über Funk mit der Einsatzleitstelle in Verbindung.

Wir selbst kamen nicht hinein in die Bar, ohne dass wir Federn lassen mussten. Das war für mich so klar wie Kloßbrühe.

Also musste der Schurke bewegt werden, sich von seiner Geisel zu lösen, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick.

„Was machst du, wenn ich jetzt einfach zu dir hineinkomme, dir die Pistole vor die Nase halte und dich auffordere, die Waffe fallen zu lassen?“

Das war natürlich Unsinn. Aber ich wollte ihn tatsächlich beschäftigen und ablenken.

Antonelli lachte scheppernd. „Dann werde ich dich in ein Sieb verwandeln, Trevellian. Ich werde dich so voll Blei pumpen, dass von deinem Gewicht der Boden deines Sarges durchbrechen wird.“

„Und wenn ich dir vorschlage, dass ich mich anstelle des Boys als Geisel zur Verfügung stelle?“

Jetzt schien der Gangster ziemlich verblüfft zu sein.

Aber die Betroffenheit war nicht nur bei ihm. Milo schaute mich an, als hätte ich plötzlich was an der Birne. Sein Mund stand halb offen, in seinen Augen stand unverhohlen die Frage nach meinem derzeitigen Geisteszustand.

Antonelli schien es verarbeitet zu haben. „Du würdest tatsächlich ohne deine Kugelspritze zu mir hinter den Tresen marschieren und dich mir auf Gedeih und Verderb ausliefern?“

Er schien richtig erstaunt zu sein und es verstandesmäßig noch gar nicht richtig erfassen zu können.

„Dir haben sie wohl Juckpulver ins Essen geschüttet“, zischte Milo.

Ich griente ihn an. „Wieso Juckpulver?“

„Es kann auch irgend was anderes sein. Jedenfalls scheint dich der Hafer zu stechen.“

„Lass nur“, sagte ich. „Warten wir erst, ob er darauf eingeht. Ich schreibe gerade im Geiste ein Drehbuch, weißt du. Ich übernehme in dem Stück die Rolle des Geknechteten, und du wirst der Held sein. Also gib jetzt gut Acht, Milo.“

Mit wenigen Sätzen verklickerte ich Milo, was mein Plan war.

„Das kann aber auch verdammt ins Auge gehen“, streute er seine tiefsitzenden Zweifel aus. Skepsis prägte sein Gesicht, Skepsis bedeckte den Grund seiner Augen.

„Wir müssen es versuchen. Falls es schief geht, nun ja – du erbst meine Uhr.“

„Ich will den Sportwagen“, knurrte Milo mit Galgenhumor.

„Ja, Sergio“, schrie ich. „Ich gehe jetzt mit erhobenen Händen zur Tür. Dort bleibe ich stehen. Du hast mich also im Visier. In dem Moment, in dem ich den ersten Schritt mache, lässt du den Pagen gehen. Ist das so in Ordnung.“

Aus den Augenwinkeln sah ich den Captain, der mich anstarrte, als hätte man ihm soeben das Gehirn amputiert. Um es auf einen Nenner zu bringen: Er schaute dümmer aus der Wäsche als ein Muli, dem ein Floh ein unsittliches Angebot macht, wobei ich bei diesem Vergleich dem Muli wahrscheinlich Unrecht zufüge.

„Natürlich, Trevellian. Und – verdammt noch mal – keine krummen Touren. Ich werde dich vor der Mündung haben, und ich werde auch nicht zögern. Und glaub‘s mir, es wäre mir ein innerlicher Thanksgiving Day, dir mit ein paar Kugeln die Krawatte zurechtzurücken.“

„Das weiß ich, Sergio. Darum werde ich mir alle Mühe geben, die Krawatte zu schonen. Ich komme jetzt.“ Laut, so dass es auch Sergio hören konnte, sagte ich zum Captain: „Funken Sie Ihre Scharfschützen an, dass sie nicht schießen sollen. Denn selbst mit einer Kugel im Kopf findet ein Mann wie Antonelli immer noch die Zeit, mich mitzunehmen auf die Höllenfahrt.“

„Worauf du Gift nehmen kannst!“, tönte Antonelli.

Der Captain schaute wie ein Erwachender. Dann nahm er sein Walkie-Talkie und begann hastig zu sprechen.

„Alles klar“, rief er dann.

Ich gab die P226 Milo, der nun wie ein Buscadero – das war ein Zweihandschütze im guten alten Wilden Westen – hinter der Mauer kauerte und ein kantiges Kinn bekommen hatte, was Ausdruck seiner Sorge, aber auch seiner unumstößlichen Entschlossenheit und Bereitschaft war.

Dann erhob ich mich.

Die Hände hatte ich in Schulterhöhe erhoben.

Langsam näherte ich mich dem Eingang in die Bar.

Da blieb ich stehen.

„Okay, Trevellian“, kam es von Sergio Antonelli, „ein kleiner Fingerdruck genügt. Du weißt es. Ich lasse jetzt den Knaben gehen.“

Der Boy kam hoch. Er war bleich wie Butterkäse. In seinem schmalen Gesicht zuckten die Muskeln. Er zitterte wahrscheinlich an Leib und Seele. In seiner Uniform erinnerte er mich an die Jungs im Zirkus, die immer im Eilschritt die Auftritte der Künstler und Dompteure vorbereiteten.

Ich setze mich in Bewegung. Antonelli zielte am Tresen vorbei auf mich. Er befand sich am linken Ende der langen Bar.

„Verschwinde!“, zischte er dem Jungen zu.

Der marschierte mit weichen Knien los.

Ich ging so, dass er rechts an mir vorbei musste. Er schaute mich an, und in seinen blauen Augen irrlichterten die Angst und das Entsetzen. Wahrscheinlich brauchte er einen Psychologen, wenn das hier ausgestanden war.

Als wir fast auf einer Höhe waren, stieß ich mich ab; ansatzlos und mit aller Kraft, die in meinen Beinen steckte.

Den brüllenden Donner von Antonellis Schuss in den Ohren riss ich den Jungen um. Wir schlitterten in einem rechten Winkel ein Stück auf die Bar zu. Stühle fielen um, ich stieß mit der Schulter gegen ein Tischbein, und wir nahmen den Tisch wohl einen guten Meter mit. Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Schulter und tobte hinauf bis unter meine Haarwurzeln, aber da musste ich durch. Mit meinem Körper deckte ich den Boy, so gut es ging.

Wir waren aus Antonellis Schussfeld.

Wenn er mir jetzt noch die Krawatte zurechtrücken wollte, musste er sich entweder weit um den Tresen beugen, oder er musste sich aufrichten, um über den Tresen zu feuern.

Ersteres tat er. Es riss ihn einfach mit, den Guten. Der Reflex war schneller als sein Verstand – und Milos Kugeln waren schneller als sein Reflex.

Es krachte zweimal so schnell hintereinander, dass sich die Schüsse anhörten wie ein einziger. Die Wucht der Geschosse riss Antonelli von den Beinen. Er drückte zwar noch einmal ab, aber sein Projektil hämmerte nur den Putz von der Decke. Dann seufzte er, als würde er sich nach vollbrachtem Tagwerk schlafen legen, und dann war nichts mehr von ihm zu hören.

Milo rannte an mir vorbei, beide Waffen in den Fäusten. Ich rappelte mich hoch. Der Junge lag am Boden und hätte in diesem Moment keinen Tropfen Blut gegeben. Ich half ihm auf die Beine, biss die Zähne zusammen, weil meine Schulter schmerzte, als hätte ich mir den Flügel ausgekugelt, und drückte den Boy auf einen Stuhl.

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, hörte sein trockenes Schluchzen, sah seine zuckenden Lippen und murmelte: „Lass ihnen freien Lauf, Junge. Weinen wäscht dir den Kummer von der Seele. Du musst dich deiner Tränen nicht schämen.“

Milo zielte auf Antonelli.

Der Captain brüllte regelrecht in sein Walkie-Talkie hinein.

Es dauerte nicht lange, dann kamen die Cops von der City Police. Mit ihnen kam ein Arzt. Und in ihrem Schlepptau erschien auch Lew Harker mit seinem Blitzlichtgerät.

 



2


Sergio Antonelli musste mit dem Zinksarg abgeholt werden. Milo wollte kein Risiko eingehen, als er den Killer vor den Mündungen hatte.

„Einer wie Antonelli kann dich noch in den letzten Zuckungen liegend totschießen“, murmelte Milo, als ich vorsichtig bemerkte, dass er lebendig für uns wertvoller gewesen wäre.

Irgendwie musste ich ihm recht geben.

Milo hatte seine Kugeln so platziert, dass der Killer nicht mehr zuckte.

Wir erkundigten uns bei den Hoteldetektiven nach dem Mann, den Antonelli killen wollte.

„Er heißt Tom Sommerby und wohnt im zwölften Stock, Zimmer zwölf-null-vier.“

„Wart ihr zufällig in der Nähe, als sich Antonelli an Sommerby ranmachte?“, wollte ich wissen. Meine Kanone steckte wieder im Holster. Der Schmerz in meiner Schulter war erträglich geworden.

Der Mann nickte. „Wir erhielten einen Anruf, dass sich im zwölften Stock jemand herumtreibe und sich recht auffällig benehme. Als wir oben ankamen, stand der Bursche, den ihr – nun ja, der dort bei der Bar das Zeitliche segnete, unter der Tür von Zimmer zwölf-null-vier. Als er uns sah, feuerte er und rannte zur Treppe. Wir hinterher. Im achten Stock, als wir ihn fast hatten, schnappte er sich den Boy, der zufällig aus der Toilette kam, und verschanzte sich mit ihm in der Bar.“

„Wann erfolgte der Anruf?“, erkundigte sich Milo.

Der Mann schob die Unterlippe vor, sah seinen Kollegen fragend an, dann erwiderte er: „Es dürfte ein oder zwei Minuten vor zwei Uhr gewesen sein. Was meinst du, Clark?“

Der andere nickte.

„Wie lange brauchtet ihr, bis ihr oben wart?“

„Hm“, machte der Detektiv, ein rotgesichtiger Mister mit blondem Bürstenhaarschnitt, ein Kerl wie ein Kleiderschrank, „wir waren im zehnten Stock und haben die Treppe genommen ...“

„Der Schuss fiel also fast punktgenau um vierzehn Uhr“, stellte ich fest.

„Dürfte hinkommen“, murmelte Mister Kleiderschrank und nickte wiederholt.

Die Frage, ob Sommerby verletzt wurde, erübrigte sich, da wir ja wussten, dass Antonelli vorbeigeschossen hatte.

„Reden wir mit Sommerby“, knurrte Milo.

„Yeah.“

Dort, wo Antonelli gelegen hatte, waren seine Konturen mit Kreide nachgezeichnet worden. Die Blutflecke auf dem Fußboden waren noch feucht. Die Kollegen von der Spurensicherung machten ihren Job. Um den Hotelboy kümmerte sich eine Psychologin des Police Departements. Es wimmelte noch von Polizisten und Neugierigen.

„Ist er in seinem Zimmer?“, fragte Milo.

„Ich denke mal“, antwortete der Kleiderschrank.

Wir wandten uns ab, um uns zum Aufzug zu begeben. Ehe ich mich aber in Bewegung setzte, fiel mir noch etwas ein. „Wer hat Sie informiert, Mister?“

Der Riese zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Es war eine Männerstimme.“

Wir fuhren hinauf in den 12. Stock. Einige Leute waren im Zimmer von Mr. Sommerby. Neben anderen der Manager des Hotels. Er hatte wahrscheinlich beruhigend auf den grauhaarigen Mann mit der schwarzen Hornbrille eingeredet. Solche Publicity konnte sich kein angesehenes, renommiertes Hotel leisten. Darum kümmerte sich der Manager persönlich um den Gast. Er tat sicher alles, um ihn zu besänftigen.

Als wir eintraten, wurde es schlagartig still. Wir wurden angestarrt wie jemand mit zwei Köpfen.

Sommerby saß auf seinem Bett. Er starrte uns durch die dicken Gläser seiner Brille an, hinter denen seine grauen Augen übergroß erschienen. Die Gläser mussten die Stärke des Bodens einer Colaflasche haben.

Wir stellten uns als Special Agents des FBI vor und zeigten unsere ID-Cards, dann schickten wir die Leute hinaus.

„Also, Mr. Sommerby, dann berichten Sie mal“, begann ich. „Wie ist der Anschlag auf Sie abgelaufen, und was könnte der Bursche für ein Motiv gehabt haben?“

Wir setzen uns auf Stühle, die in dem Mittelklassezimmer um einen kleinen Tisch gruppiert waren. Ich schlug die Beine übereinander. Milo saß rittlings auf dem Vierbeiner und stützte sein Kinn auf die übereinander liegenden Hände.

Mr. Sommerby war ein Endfünfziger. Er hatte ein schmales Gesicht mit tiefen Furchen von den Nasenflügeln bis zu den Mundwinkeln. Er wirkte drahtig und dynamisch. Seine Augen blickten klug. Ich tippte auf Versicherungsbranche ...

Und was mir ganz besonders auffiel, war, dass Mr. Sommerby ziemlich gefasst schien.

Er nestelte an seinem Hemdkragen herum. „Motiv“, murmelte er. „Ich habe niemandem etwas getan. Weiß der Teufel. Eventuell ein Kunde, dessen Aktien in den Keller gefallen sind. Sie müssen wissen, ich arbeite im Investment-Geschäft. Als die Kurse hoch standen, schoben mir die Anleger ihre Kohle regelrecht hinten hinein. Dann kam der Crash – jetzt stehen die Kurse tief wie selten zuvor. Da kann schon mal bei einem, der vielleicht sein Erspartes angelegt hat, ‘ne Sicherung durchbrennen.“

Die Hypothese bezweifelte ich. „Wohnen Sie ständig hier?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich besitze ein Haus drüben in Jersey City. Hatte geschäftlich am Times Square zu tun. Hab‘ morgen früh um acht Uhr noch einmal eine Besprechung dort und wollte mir den Weg nach Jersey City nicht zumuten.“

„Also konnte kein Kunde wissen, dass Sie hier anzutreffen sind“, stellte Milo fest.

Sommerby knetete seine Hände. „Womöglich ist mir der Killer gefolgt, hat man mich observiert – was weiß ich.“ Jetzt hob er die Hände, ließ sie wieder fallen. „Ich kann Ihnen nicht dienen, G-men. Ich weiß es nicht. Ich kenne kein Motiv, das jemand bewegen könnte, mich ermorden zu lassen. Außer Anlegern, die um ihr Geld fürchten.“

„Kannten Sie den Mann, der auf Sie schoss?“

„Ich habe ihn nur kurz gesehen. Nein – mit dem hatte ich noch nichts zu tun.“

Milo erhob sich und untersuchte das Einschussloch in dem riesigen, der Tür gegenüberliegenden Fenster. Ein kleines, kreisrundes Loch mit gezackten Rändern.

„Wahrscheinlich hat Antonelli vorbeigeschossen, weil er gestört wurde“, meinte Jim beiläufig.

„Anzunehmen“, pflichtete ich bei.

Wir ließen uns noch den Ablauf erzählen.

„Haben Sie den Detektiv verständigt, dass sich in Ihrem Stockwerk eine verdächtige Gestalt herum treibt?“, fragte ich abschließend.

Sommerby stieß sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Ich? – Nein.“

Wir verabschiedeten uns.

Als wir das Zimmer verließen, kamen einige Cops, ich erkannte auch den Captain, der eine frappierende Ähnlichkeit mit einem Muli aufgewiesen hatte, als ich mich Antonelli als Geisel anbot.

Ich klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.

„Dieser Sommerby ist mir wie ein Mann vorgekommen, der es gewöhnt ist, dass auf ihn geschossen wird und den es schon gar nicht mehr berührt“, sagte Milo nachdenklich, als wir mit dem Aufzug wieder in die 8. Etage fuhren. „Ich dachte, einen zitternden, hysterischen, am Boden zerstörten Burschen vorzufinden. Ihn schien der Anschlag nicht besonders aus der Fassung gebracht zu haben.“

„Vielleicht gehört er zur besonders abgebrühten Sorte“, gab ich zum Besten, nur, um überhaupt etwas zu sagen.

Auch mir leuchtete die Ruhe nicht ganz ein, die der Mann verströmt hatte.

Nun, es gibt eben Typen, die auf dieser Erde nichts erschüttern konnte. Also hakte ich diesen Gedanken fürs Erste ab.

Nichtsdestotrotz aber konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns Sommerby nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte. Das sagte mir mein Instinkt, der sich im Laufe der Jahre im harten Geschäft der Verbrechensbekämpfung entwickelt hatte. Ein unbestimmtes Gefühl, dessen Ursprung ich nicht zu analysieren vermochte.

Unten empfing uns Lew Harker, der fliegende Reporter. „Hi, Jesse, hi, Milo. Soviel ich weiß, hattet ihr diesen Sergio Antonelli schon öfter mal in der Mangel. Er ist euch aber immer wieder ausgeschlitzt. Sagt mal, der Bursche, auf den er schoss ... Ich schnappte einen Namen auf. Sommerby. Ist das richtig?“

„Yeah“, gab ich Antwort. „Tom Sommerby. Investment-Makler aus Jersey City. Wollte nur eine Nacht hier wohnen.“

Versonnen starrte Lew auf seine Schuhspitzen hinunter. „Sommerby“, murmelte er wie im Selbstgespräch, und wir konnten es ihm von der Nasenspitze ablesen, dass er angestrengt nachdachte. „Tom Sommerby ...“

„Hast du was auf der Pfanne, Lew?“, grollte Milo.

Harker nagte kurz an seiner Unterlippe. „Der Name sagt mir was, Leute. Ich komm im Moment nur nicht drauf. Aber in irgendeinem Zusammenhang hab ich diesen Namen schon gehört. Verdammt, wenn ich nur drauf käme.“

„Herr Doktor, ich kann mir nichts mehr merken ...“, grinste ich anzüglich.

„Seit wann haben Sie das, Mr. Trevellian?“, fragte Milo mit gespieltem Ernst.

„Was?“

Lew schaute uns an wie zwei Spinner. Der grübelnde Ausdruck in seinem Blick aber verlor sich nicht. Plötzlich verzog er den Mund. Wir konnten ihm kein noch so winziges Lächeln abnötigen. Er sprach es aus: „Was unterhalte ich mich überhaupt mit euch hohlen Nüssen? Ihr seid zwei arme Irre. Aber mir fällt‘s schon noch ein. Ich ruf euch an.“

Er wuselte davon, und wir wussten, dass er in den 12. Stock fuhr, um seinen Lohn zu verdienen.