Dr. Norden Bestseller Classic 65 – ArztromanText

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Dr. Norden Bestseller Classic – 65 –

Dr. Daniel Norden begleitete den letzten Patienten an diesem düsteren Novembertag hinaus.

»Jetzt bitte nicht leichtsinnig sein, Herr Kahr«, sagte er freundlich. »Lassen Sie mal lieber Ihre Radtouren bei der feuchten Witterung. Der Husten kann hartnäckig werden.«

Herr Kahn war nahe der Achtzig, aber sein Stahlroß war sein ein und alles. Die gute Sprechstundenhilfe Loni gab der Befürchtung Ausdruck, daß selbst Dr. Nordens Ermahnungen ihn nicht davon abhalten konnten, bei Wind und Wetter durch die Gegend zu fahren.

»Er meint halt, daß er sein Leben gelebt hat und alles so kommt, wie es der Herrgott will«, sagte sie. »Wie er es nur immer wieder schafft?«

»Das frage ich mich auch«, erwiderte Dr. Norden. »Was liegt noch vor, Loni?«

»Frau Rückert hat angerufen. Katrin hat Fieber. Sie ist von der Schule heimgeschickt worden. Sie möchten doch bitte bald kommen.«

Die Rückerts zählten schon lange zu Dr. Nordens Patienten. Vor acht Jahren hatte er Beate Rückert kennengelernt, als er ihr die Nachricht bringen mußte, daß ihr Mann tödlich verunglückt sei. Als Notarzt war er an die Unglücksstelle gerufen worden. Das Tragische war, daß Winfried Rückert den Unfall selbst verschuldet hatte.

Beate Rückert war damals achtundzwanzig Jahre gewesen, Tobias, der Sohn, sieben und Katrin fünf. Sie standen ziemlich mittellos da. Die Versicherung deckte zwar den Schaden, den Winfried Rückert angerichtet hatte, aber von seiner kleinen Lebensversicherung konnte sich Beate mit ihren Kindern gerade so über Wasser halten.

Sie war eine tatkräftige Frau. Sie hatte das Leben angepackt, um für ihre Kinder zu sorgen, und ein bißchen Glück war auch dabeigewesen.

Beate Rückert hatte eine gute Stellung in einem Kosmetikgroßhandel gefunden, und dann hatte sie ein Onkel mit einer ganz hübschen Erbschaft bedacht. Als die Besitzerin des Großhandels an einer unheilbaren Krankheit starb, wurde es Beate dadurch möglich, die Firma zu übernehmen, und innerhalb von fünf Jahren hatte sie mit ihrem gesunden Geschäftssinn und viel Energie ein gut florierendes Unternehmen aufgebaut.

Um die Zukunft ihrer Kinder und ihre eigene brauchte sie sich nicht mehr zu sorgen, aber wehe, wenn einem ihrer Kinder mal etwas fehlte, dann geriet sie in Panik. Tobias und Katrin waren ihr kostbarster Besitz…

Auch an diesem Tag hatte sie einen ihrer besten Kunden einfach sitzenlassen, als ihre Haushaltshilfe Dörthe anrief und ihr sagte, daß Katrin mit hohem Fieber von der Schule heimgeschickt worden sei.

Freilich saß ihr mittlerweile die Existenzangst nicht mehr im Nacken, aber für ihre Kinder hätte sie auch schon früher alles liegen- und stehenlassen. Es wurde ihr gedankt. Es herrschte ein wundervolles Einvernehmen zwischen Beate und den Kindern, und Dr. Norden war darauf bedacht, dieser tapferen jungen Frau so schnell wie möglich zu Hilfe zu eilen, wenn sie gebraucht wurde.

Allerdings wurde er an diesem Tag auch dringendst gebraucht, denn die kleine, zierliche Katrin, die man höchstens auf zehn Jahre schätzte, glühte förmlich. Sie warf sich hin und her und war kaum noch ansprechbar.

»Wo tut es weh, Katrin?« fragte Dr. Norden, der sie nicht unnötig quälen wollte, denn er wußte, daß sie immer einen Brechreiz bekam, wenn er in ihren Hals schauen wollte und mit dem Spachtel die Zunge herabdrücken mußte.

Er tastete den kleinen Körper ab, nachdem er Herz und Lunge abgehorcht hatte.

»Bauch«, flüsterte Katrin, und als er dann auf eine bestimmte Stelle an der rechten Bauchseite drückte, schrie sie leise auf.

»Der Blinddarm. Schnellstens in die Klinik!« sagte er.

»Aber sie hat doch nie geklagt«, murmelte Beate Rückert, während sie schon zum Telefon ging.

»Das geht manchmal verflixt schnell«, sagte Dr. Norden. »Wir wollen jetzt nicht rätseln.« Er nahm Beate den Hörer aus der Hand und rief die Behnisch-Klinik an. »Sofort den OP bereitmachen und ebenso dringend den Krankenwagen!«

Er war sehr besorgt, aber er wollte Beate nicht in Angst und Schrecken versetzen. Die Furcht stand ihr jedoch schon in den Augen.

»Ich fahre mit«, sagte sie.

»Okay«, sagte Dr. Norden. »Nur nicht zu sehr aufregen. In der Klinik ist man vorbereitet. Sie kennen doch Dr. Behnisch.«

Aber dieses hohe Fieber, dachte er besorgt. Dadurch konnte eine Operation lebensgefährlich werden. Doch daran wollte er im Moment nicht denken.

Beate Rückert, die sonst immer so beherrscht war, zitterte am ganzen Körper.

»Sag Toby Bescheid, Dörthe«, sagte sie mit vibrierender Stimme zu dem netten Mädchen. »Ich bleibe in der Klinik.«

»Unser Katrinchen«, murmelte Dörthe mit Tränen in den Augen. Aber dann kam schon der Krankenwagen.

*

Es war gut, daß Dr. Norden und Dr. Behnisch Freunde waren und Hand in Hand arbeiteten. So konnte Daniel Norden in diesem so dringenden Fall seinem Freund und Kollegen hinreichend Auskunft geben über die kleine Patientin, über ihre Reaktionen auf bestimmte Medikamente, ihre Gesamtkonstitution.

Dr. Norden war froh, daß es noch nie nötig gewesen war, Katrin Penicillin zu verabreichen, denn nun mußte das in hoher Dosierung geschehen.

Und es hatte Erfolg. Wieder einmal gedachten die beiden Ärzte in Dankbarkeit Alexander Flemings, der dieses Antibiotikum entdeckt hatte, durch das schon so manches Menschenleben gerettet werden konnte.

Dr. Norden wußte, wie sehr Beate Rückert um ihr Töchterchen bangte, obgleich sie sich zu beherrschen verstand. Sie war eine Frau von Format, groß, schlank, eher interessant als hübsch zu nennen. Herrliches kastanienbraunes Haar umrahmte das schmale Gesicht, auffallend schön waren die topasfarbenen Augen, die ziemlich weit auseinanderstanden und das Gesicht beherrschten, das Intelligenz, gleichwohl aber auch Gefühl verriet.

Eine Karrierefrau? Nein, so konnte man Beate nicht nennen, wenn sie auch eine erfolgreiche Frau war, aber das war sie geworden, weil sie allein für ihre Kinder sorgen mußte, sorgen wollte. So jung sie auch noch gewesen war, als sie ihren Mann verlor, sie dachte nicht daran, wieder nach einem anderen Umschau zu halten, und nicht etwa deshalb, weil sie ihren Mann sehr geliebt hätte.

Winfried Rückert hatte seine Frau in so manchen Dingen enttäuscht, aber sie hatte sich gesagt, daß niemand ohne Fehler sei. Doch als durch seinen Leichtsinn zwei andere Menschen sterben mußten, hatte sie über seinen Tod nicht mal tiefe Trauer empfinden können.

Wie oft hatte sie ihn gewarnt, nicht so schnell zu fahren, es hatte nichts genützt. Es war so weit gekommen, daß sie nicht mehr erlaubte, daß die Kinder mit ihm fuhren, daß es zum Streit führte, wenn sie ihm Vorhaltungen machte. Es war auch nicht der erste Unfall gewesen, den er verursachte. Zweimal zuvor war er mit einem blauen Auge davongekommen.

Aber Winfried Rückert war tot, und Beate hatte ihre Kinder für sich. Sie dachte nicht daran, einem Mann Beachtung zu schenken, da sie sich nicht vorstellen konnte, daß er den Kindern das Verständnis entgegenbringen würde, das sie brauchten.

Der einzige Mann, der Gnade vor ihren Augen fand, war ihr Anwalt Dr. Richard Münster.

Sie hatte ihn durch die Erbschaftsangelegenheit kennengelernt, späterhin dann als Berater in Rechtsfragen in Anspruch genommen. Mit der Zeit war so etwas wie Freundschaft zwischen ihnen entstanden, doch Beate wollte diese Bezeichnung nicht gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Ansichten, und sie dachte immer zuerst an ihre Kinder.

Sie dachte auch daran, daß Rick, wie Dr. Münster genannt wurde, doch mal heiraten würde, natürlich eine Frau, die seinen Vorstellungen von Häuslichkeit entsprach, und daß es dann ohnehin mit einer Freundschaft aus sein würde. In bezug auf Toleranz hatte Beate nämlich keine hohe Meinung von ihren Geschlechtsgenossinnen, denn in ihrem Betrieb erlebte sie so manches, was sie zu äußerster Vorsicht mahnte.

Im Moment jedenfalls war Beate nicht die selbstsichere Unternehmerin, sondern nur noch eine ängstliche Mutter, die um das Leben ihres Kindes zitterte.

*

Währenddessen lief daheim auch Tobias Rückert mit hängendem Kopf umher. Mit der Haushaltshilfe Dörthe, die seit drei Jahren mit zur Familie gehörte, war nicht zu reden. Hunger hatten sie beide nicht.

»Mami bleibt furchtbar lange«, sagte er am Nachmittag. »Ob ich nicht doch mal zur Klinik gehe, Dörthe?« fragte er leise.

»Kannst es ja mal«, erwiderte sie. »Wie so was bloß so schnell kommen kann.«

»Das ist eben das Gemeine am Blinddarm«, sagte der hochaufgeschossene Gymnasiast, der in der Menschenkunde sehr gut Bescheid wußte. Er war überhaupt ein gu­ter Schüler, und wenn es mal irgendwo haperte, setzte er sich auf den Hosenboden, um vor seiner so tüchtigen Mami bestehen zu können.

»Na, dann gehe ich mal«, sagte er beklommen.

Als er die Straße überquert hatte, hielt ein Auto neben ihm. Ein kurzer Hupton schreckte Tobias auf. Er drehte sich um und erkannte Dr. Münster.

»Hallo, Toby«, sagte er. »Wohin willst du? Kann ich dich ein Stück mitnehmen?«

»Zur Klinik«, sagte Tobias, »zur Behnisch-Klinik.«

Der Anwalt erblaßte. »Ist etwas mit der Mami?« fragte er erschrocken.

»Katrin muß am Blinddarm operiert werden«, murmelte der Junge stockend. »Mami bleibt lange weg. Ich mache mir Sorgen.«

»Komm, ich fahre dich hin«, erklärte Dr. Münster.

»Haben Sie denn Zeit?«

»Die nehme ich mir.«

Sie waren bald bei der Klinik angekommen. Und als sie durch die Tür gingen, sahen sie auch schon Beate, die zusammengekauert in einem Sessel hockte, den Kopf in ihre Hände gestützt.

 

Aus brennenden, umschatteten Augen blickte sie ihren Sohn an, als der leise und flehend »Mami« sagte. Dann gewahrte sie auch Dr. Münster und war verwirrt.

»Ich habe Toby getroffen und ihn hergefahren«, sagte der Mann, seine goldgeränderte Brille verlegen zurechtrückend. Er war augenblicklich auch von großer Sorge bewegt, als er in Beates verstörtes Gesicht blickte.

»Sie konnten erst jetzt operieren, weil das Fieber gesenkt werden mußte«, flüsterte sie. »Ich muß warten.«

»Dr. Behnisch ist ein sehr guter Chirurg«, sagte der Anwalt. »Er hat mir auch den Blinddarm herausgenommen.«

Als ob das tröstlich sein konnte, aber doch hellte sich Beates Gesicht etwas auf.

»Wann denn?« fragte Tobias.

»Vor vier Jahren.«

»Hatten sie auch Fieber, Rick?« fragte Beate.

»Ja, ziemlich. Ich habe mich schon eine ganze Zeit damit herumgeschleppt. Dachte, es wäre mein nervöser Magen.«

»Sie sind doch nie nervös«, sagte Beate geistesabwesend.

»Jetzt nicht mehr. Früher war das anders. Als der Blinddarm raus war, ging es viel besser.«

»Vielleicht hat es bei Katrin auch schon länger dringesteckt«, sagte Tobias. »Sie war immer so blaß.«

»Und wenn sie sich mal die Seite hielt, habe ich immer gedacht, daß sie wieder wächst. Ich habe als Mutter versagt«, flüsterte Beate.

»Das dürfen Sie nun gewiß nicht sagen«, stelle Dr. Münster fest. »Ich kenne keine bessere, fürsorglichere Mutter als Sie.«

Tobias sah ihn erstaunt an.

Wie warm seine Stimme klang, in der Bewunderung und Lob klangen.

»Es wird schon alles gut, Beate«, sagte er beruhigend. »Ich fahre mal schnell in die Kanzlei und komme dann wieder her. Du bleibst doch, Toby?«

Der Junge nickte. Er setzte sich neben seine Mutter und ergriff ihre Hand. »Es wird schon alles gutgehen, Mami«, sagte er leise. Dann schwiegen sie lange Zeit, und es tat sich nichts.

»Dr. Münster ist wirklich ein sehr netter Mann«, begann Tobias dann wieder zu sprechen. »Wir kennen ihn eigentlich schon lange. Warum hast du ihn nicht mal eingeladen?«

»Er hat genauso wenig Zeit wie ich, und meine Freizeit möchte ich mit euch verbringen.«

»Aber es würde doch nicht stören«, sagte Tobias. »Man kann sich gut mit ihm unterhalten.«

Beate war so überrascht, daß sie einen Augenblick ihre Sorgen vergaß.

»Ja, man kann sich gut mit ihm unterhalten«, sagte sie gedankenvoll. »Er ist ein feiner Mensch.«

»Dann laden wir ihn doch mal ein, wenn Katrin wieder gesund ist. Sie mag ihn nämlich auch sehr gern«, sagte Tobias.

Wenn sie nur erst wieder gesund wäre, dachte Beate, und schon waren ihre Gedanken wieder bei dem Kind.

Daß Dr. Behnisch und seine Frau Jenny, ebenfalls Chirurgin und seine liebste Assistentin, wenn es um ein Kind ging, diese Operation mit Hangen und Bangen hinter sich brachten, wußte Beate zum Glück nicht. Unter solchen Bedingungen operierte er wahrhaftig nicht gern. Aber es war die einzige Lösung gewesen, um das Kind zu retten. Ein großes Risiko war er eingegangen, doch die Operation war geglückt. Jede Gefahr war allerdings noch nicht gebannt, denn Katrin war ein zartes Kind.

Dr. Münster war indessen wieder zurückgekehrt.

Man hatte sich in der Kanzlei gewundert, daß er nur in höchster Eile die Post unterschrieben hatte und dann gleich wieder verschwunden war, er, der doch hier meist bis in die späten Abendstunden hinein saß. Er war ein vielbeschäftigter Anwalt, der nur Fälle annahm, die Aussicht auf Erfolg hatten. Er riet immer von einem Prozeß ab, der solche Aussicht keinesfalls hatte, um seinen Klienten die Kosten zu ersparen, aber bei sehr schwierigen Auseinandersetzungen erreichte er doch immer das Bestmögliche, und jeder, der zu ihm kam, wurde vorher eingehend beraten.

Auch Beate hatte er immer bestens beraten. Manches Mal wäre sie schon hübsch auf die Nase gefallen, wenn sie nicht vorher seinen Rat eingeholt hätte. Vor allem da, als sie ein Haus kaufen wollte, das ihr ungemein günstig im Preis erschien. Es hatte sich dann herausgestellt, welche Nachteile es hatte, und Dr. Münster hatte ihr das Haus vermittelt, in dem sie nun mit ihren Kindern und Dörthe wohnte.

Dr. Münster war gerade wieder in der Klinik angekommen, als auch Dr. Behnisch kam, um Beate zu sagen, daß die Operation beendet sei.

Er sah jedoch erst einmal Dr. Münster überrascht an. »Wir kennen uns doch«, sagte er.

»Ich war auch mal ein Blinddarmfall«, erwiderte Dr. Münster. »Wie geht es Katrin?«

»Den Umständen entsprechend, aber wir sind ganz zufrieden«, erwiderte der Chirurg ausweichend.

»Ich möchte sie sehen«, sagte Beate.

Es war verständlich, allerdings hegte Dr. Behnisch Befürchtungen, daß sie sehr erschrecken würde, wenn sie ihr Kind sah, das am Tropf und an verschiedenen Schläuchen hing.

»Sie wird jetzt schlafen«, erklärte er.

»Ich möchte bei ihr bleiben«, sagte Beate.

»Es wird immer eine Schwester bei ihr sein«, erklärte Dr. Behnisch. »Sie können sich darauf verlassen, daß Katrin bestens versorgt wird, Frau Rückert, Sie ruhen sich besser aus, damit Sie morgen frisch sind, wenn Katrin wieder munter ist.«

Nur mühsam behielt Beate die Fassung, als sie ihr krankes Kind betrachtete. Hilflos sah sie Dr. Behnisch an. »Es war sehr schlimm«, flüsterte sie.

»Ja, es war ziemlich schlimm, weil sie anscheinend eine Nierenprellung erlitten hat. Wir müssen das noch genau feststellen.«

»Eine Nierenprellung? Sie hatte heute Turnstunde, aber wenn da was passiert ist, hätte man Katrin doch nicht allein heimschicken dürfen.« Beates Stimme zitterte und sie selbst auch.

»Das wäre allerdings sehr verantwortungslos«, sagte Dr. Behnisch. »Das müßte in der Schule geklärt werden. Nun aber wollen wir froh sein, daß Dr. Norden so schnell gehandelt hat und Ihr Kind auch bereits so gut kannte. Das ist in solchen Fällen von größter Wichtigkeit. Regen Sie sich jetzt nicht auf, Frau Rückert. Fahren Sie heim, aber setzen Sie sich nicht selbst ans Steuer.«

»Ich bin ja gar nicht mit dem Wagen da«, sagte sie. »Ich bin doch mit dem Krankenwagen gekommen.«

»Dr. Münster wird Sie schon gut heimbringen«, sagte der Arzt mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich kann mich noch sehr gut an ihn erinnern. Er hat uns große Sorgen bereitet.«

Katrin bereitete ihm allerdings auch Sorgen, aber das wollte er nicht aussprechen. Helfen konnte Beate Rückert in diesem Fall ihrem Kind nicht, und eine verzweifelte Mutter am Krankenbett eines Kindes erschwerte manche Maßnahme, die Nichtmediziner erschrecken mochte. Dr. Behnisch war sehr erleichtert, als Beate sich dann bereit fand, heimzufahren.

*

Es war gut, daß sie kamen, denn Dörthe war völlig aufgelöst in Tränen. Ihrem schlichten Gemüt war es unbegreiflich, daß so was geschehen konnte. Völlig konsterniert blickte sie Frau Rückert an, als die fragte, wer Katrin heimgebracht hätte.

»Niemand. Sie stand vor der Tür, und ihre Zähne klapperten«, sagte Dörthe. »Man konnte es hören. Ich habe Sie gleich angerufen, nachdem ich das Kind zu Bett gebracht hatte.«

Ihr Blick wanderte zu Dr. Münster. Sie kannte ihn zwar vom Sehen, aber hier war er noch nie gewesen. Dörthe wußte, daß er Anwalt war, aber ein Anwalt war für sie schon so was wie die Polizei.

»Möchten Sie was essen?« fragte die Haushälterin.

Beate rieb sich mit der Hand über die Augen. »Bringen Sie etwas für Herrn Dr. Münster und Toby«, erwiderte sie.

»Ich habe keinen Hunger, Mami«, sagte der Junge.

»Du mußt etwas essen. Du darfst nicht auch noch krank werden, Toby.«

»Ich mache mir ein paar Brote und gehe dann rauf.«

»Ich habe doch schon was zurechtgemacht«, sagte Dörthe, die nicht wußte, wie sie diese Situation nun einschätzen sollte, weil Dr. Münster blieb.

»Iß bitte auch was, Mami«, bat Toby.

»Ich werde dafür sorgen, Toby«, sagte Dr. Münster.

»Und wenn in der Schule was passiert ist, kümmern Sie sich dann darum?«

»Das mache ich, Toby«, versprach der Anwalt.

»Danke. Sie können ruhig öfter zu uns kommen. Das habe ich Mami schon gesagt.«

»Dafür muß ich mich bedanken«, erwiderte der Mann, und als Toby ihm die Hand reichte, drückte er diese fest.

Sie verstanden sich plötzlich von Mann zu Mann, wenn man es so nennen wollte. Tobias war zwar noch ein Junge, aber schon fast so groß wie Richard Münster.

»Was hat Dr. Behnisch nun eigentlich gesagt?« fragte Münster, als sie allein am Tisch saßen.

»Katrin hat wahrscheinlich eine Nierenprellung. Ich verstehe nicht, daß sie das Kind allein heimgehen ließen.« Sie schaute ihn nicht an, aber er sah, daß Tränen über ihre Wangen rollten.

»Hatte sie Turnen?« fragte er.

Beate nickte.

»Wer ist ihre Turnlehrerin?«

»Frau Schöller.«

»Oje«, entfuhr es ihm.

»Sie kennen Frau Schöller, Rick?« fragte Beate.

»Leider«, erwiderte er seufzend. »Ich vertrete sie in einer Zivilsache.«

»Ich werde schon selbst mit ihr reden«, bemerkte Beate.

»Das sollte damit nicht gesagt sein, Beate. Ich werde mit ihr sprechen. Es könnte das Bild abrunden, das ich mir von ihr gemacht habe.«

Sie senkte den Kopf. »Ich mache mir Vorwürfe, Rick. Ich habe zu wenig Zeit für die Kinder. Aber ich kann die Hände doch nicht in den Schoß legen. Ich muß an die Zukunft meiner Kinder denken. Ich muß doch allein für sie sorgen.«

»Warum wollen Sie nicht wenigstens einen Teil der Last abgeben, Beate?«

»Man findet kaum noch zuverlässige Angestellte«, erwiderte sie.

»Ich rede nicht von Angestellten. Sie sind eine junge Frau. Aber ich fange schon wieder an, Unsinn zu reden. Warum heiraten Sie nicht wieder?«

»Heiraten? Ich habe nie daran gedacht.«

»Das weiß ich. Haben Sie Ihren Mann so sehr geliebt?«

Darüber hatten sie noch nie gesprochen. Er hatte einfach nicht den Mut dazu gehabt.

Beate hob den Kopf. »Geliebt? Ja, ich glaube, ich habe ihn geliebt, als wir heirateten. Das muß ja wohl so gewesen sein. Aber ich kannte ihn nicht. Ich lernte ihn erst im Laufe der Jahre kennen. Aber Winfried ist tot. Soll ich jetzt darüber sprechen, was uns entfremdete? Vielleicht war ich genauso schuld daran wie er. Es ist schlimm, aber ich kann es einfach nicht vergessen, daß durch seine Schuld auch zwei andere Menschen starben. Wenn ich auch alles andere vergessen kann, was uns immer mehr entfremdete, das kann ich nicht vergessen.«

»Er hat es mit seinem eigenen Tod gebüßt, Beate.«

»Macht das frei von jeder Schuld? Sehen Sie, Rick,

ich liebe meine Kinder, obgleich es auch seine Kinder sind.«

»Das ist natürlich, wenn eine Mutter so empfindet wie Sie. Ich liebe Sie gerade deswegen, Beate.«

Ihre Augen weiteten sich. Sie begriff nicht gleich, was er sagte, doch seine Worte tönten in ihren Ohren fort.

»Ja, ich liebe Sie, und ich wäre sehr glücklich, wenn Sie mich heiraten würden und wir die Sorge für die Kinder gemeinsam tragen könnten.«

Beate blickte wieder zu Boden.

»Das kann man doch nicht, nein, das kann man nicht«, flüsterte sie. »Wir gehören doch zusammen, Toby, Katrin und ich. Sie brauchen meine ganze Liebe. Ich kann sie nicht teilen.«

»Nicht dann, wenn ich den Kindern auch meine Liebe gebe, Beate?« fragte er hoffnungsvoll.

»Sie sind ein guter Mensch, Rick. Ich möchte Sie nicht verlieren, aber es könnte doch sein, daß Sie eines Tages Charakterzüge an den Kindern entdecken, die Ihrem Wesen nicht entsprechen.«

»Oh, ich möchte behaupten, daß man solche Charakterzüge auch an eigenen Kindern entdecken kann, Beate. Ich glaube nicht, daß Toby und Katrin Konflikte heraufbeschwören. Ich kenne sie nun schon lange genug. Denken Sie nicht auch manchmal darüber nach, daß Kinder, die in völlig harmonischen Verhältnissen aufgewachsen sind, aus der Art schlagen? Man erlebt es häufig genug. Und man erlebt auch, daß adoptierte Kinder sich ganz ihren Wunscheltern anpassen. Wir kennen uns nun schon vier Jahre, Beate, und so lange liebe ich Sie. Ich möchte Ihnen so gern mehr sein, als nur ein Berater.«

»Sie sind doch mehr, Rick«, erwiderte sie leise. »Sie sind ein wirklicher Freund, und was gibt es Schöneres als einen treuen Freund.«

»Zum Beispiel einen Ehemann, der auch der beste Freund seiner Frau ist und doch befugt, manches von ihren Schultern zu nehmen. Ich erwarte heute keine Entscheidung, liebste Beate. Ich möchte Ihnen nur sagen, was ich empfinde und immer für Sie empfinden werde. Ich habe um Katrin genauso viel Angst wie Sie, wenn ich es so ausdrücken darf, und es war für mich dennoch ein erhebendes Gefühl, daß Toby zum Ausdruck brachte, daß er mich akzeptiert.«

 

Er nahm ihre Hand, dann auch die zweite, und beide zog er an seine Lippen. »Es könnte einen gemeinsamen Weg geben, Beate. Ich weiß nicht, wofür ich arbeite. Du weißt es, mein Liebes.« Ganz weich war seine Stimme, und es war für Beate ein beglückendes Gefühl, als er seine Hand unter ihren Nacken schob und ihren Kopf an seine Schulter.

»Ich will dich nicht drängen, aber du sollst es wissen, daß ich immer da bin, wenn du mich brauchst. Und mit Frau Schöller werde ich sprechen.« Seine Lippen legten sich leicht auf ihre Stirn, und sie wich nicht zurück.

»Rick«, sagte sie nur leise, mit erstickter Stimme, »manchmal fühle ich mich so schwach, aber nur, wenn es um die Kinder geht.«

»Ich verstehe dich.«

Sie legte ihre Hand an seine Wange. »Du bist sehr liebenswert. Ich habe Vertrauen zu dir«, flüsterte sie.

»Es macht mich glücklich, Beate. Und wenn ich jetzt auch gehe, meine Gedanken bleiben bei dir. Ich bin froh, daß ich es dir endlich sagen konnte.«

Konnte man einer Frau etwas Schöneres sagen? Für Beate war es wie ein wundervoller Traum, aber als sie sich dann in ihrem Bett ausstreckte, wurde ihr bewußt, daß es Wirklichkeit war. In aller Herzensnot bedeutete dies auch für sie Glück.

*

Weit entfernt, in einer kleinen Dreizimmerwohnung, spielte sich an diesem Abend eine weitaus unerfreulichere Szene ab.

Gerda Schäfer, ebenfalls verwitwet, mußte sich von ihrer zweiundzwanzigjährigen Tochter Tanja bittere Vorwürfe anhören.

»Es ist doch seltsam, daß Jörg alles erlaubt wird«, sagte Tanja aggressiv. »Er soll unbedingt sein Abitur machen, obgleich er unfähig ist. Ich durfte es nicht machen, weil ich gleich verdienen mußte. Gut, Mama, ich verdiene seit sechs Jahren dazu, aber Jörgs Führerschein, den er ja auch unbedingt haben muß, bezahle ich nicht mit. Ich will einen Fortbildungskurs machen. Ich möchte noch Spanisch und Italienisch dazulernen, und dafür brauche ich mein Geld.«

»Hol es dir doch von deinem Vater«, sagte Gerda Schäfer gereizt.

»Aber Vater lebt doch nicht mehr«, entgegnete Tanja. »Wie kannst du so reden, Mama?«

Gerda Schäfer sah ihre Tochter an. Ein besonders herzliches Verhältnis hatte zwischen ihnen nie bestanden. Tanja hatte all das an sich, was sie selbst haben wollte. Sie war außergewöhnlich apart und ebenso intelligent. An ihr war eigentlich gar nichts auszusetzen, und gerade das machte die labile Gerda nervös.

»Es wird Zeit, daß du die Wahrheit erfährst«, sagte sie beinahe boshaft. »Du nörgelst nur an Jörg herum, aber er bringt mir nur Liebe entgegen.«

»Wenn es darum geht, daß seine Wünsche erfüllt werden«, warf Tanja spöttisch ein. »Was für eine Wahrheit soll ich erfahren?«

»Daß Alfred, mein Mann, nicht dein Vater ist.« Sie hatte es zornig hervorgestoßen. »Und was von seiner Lebensversicherung geblieben ist, soll auch Jörg zugute kommen, das bin ich ihm schuldig.«

Tanjas zartes Gesicht erstarrte. »Und was bin ich?« fragte sie mit vibrierender Stimme.

»Du bist Winfrieds Tochter. Du bist genau wie er, eitel, arrogant und nur auf deinen eigenen Vorteil bedacht. Es wird mir immer klarer.«

Tanja hielt den Atem an. Sie mußte ein paarmal Luft holen, bevor sie etwas sagen konnte. Aber dann straffte sie sich.

»Also ist Jörgs Vater nicht mein Vater«, sagte sie leise. »Aber ich trage seinen Namen.«

»Alfred war so großzügig, diesbezüglich alles so zu belassen.«

»Soll das bedeuten, daß du dich mit einem anderen Mann eingelassen hast, als du schon verheiratet warst, Mama?« fragte Tanja konsterniert.

»Schlag nicht diesen arroganten Ton an«, echauffierte sich Gerda Schäfer. »Ich werde es dir erklären. Ich bin bereit dazu, damit dieses Hickhack endlich einmal aufhört. Ich war neunzehn, als ich Alfred geheiratet habe. Veronika war unterwegs. Sie ist ja glücklicherweise gut verheiratet, und dies alles wäre auch nicht zur Sprache gekommen, wenn du Dr. Kunz geheiratet hättest. Aber für dich muß ja erst noch ein Mann gebacken werden.«

»Vielleicht«, erwiderte Tanja nachdenklich. »Wahrscheinlich werde ich überhaupt nicht heiraten. Dein Dr. Kunz ist mir widerlich, um es offen zu sagen. Aber er steht ja jetzt nicht zur Debatte. Ich wünsche zu erfahren, wer mein richtiger Vater ist.«

Gerda Schäfer wurde unsicher. Sie war immer unsicher, wenn Tanja alles so direkt sagte, denn das hatte sie mit ihrem wirklichen Vater nicht gemeinsam.

»Ich war damals in einer scheußlichen Situation«, begann sie zögernd. »Veronika war vier Jahre und Alfred ließ mich oft allein. Ich wurde krank. Dann mußte ich eine Kur machen. Ich lernte Winfried Rückert kennen, der auch in diesem Kurheim war. Er hatte einen schweren Unfall gehabt. Wir verstanden uns sehr gut. Es war nämlich so, daß Alfred und ich schon darüber gesprochen hatten, daß wir uns besser trennen sollten. Vielleicht machst du das alles auch mal mit…«

Tanja sah sie an. »Bestimmt nicht. So dumm bin ich nicht«, sagte sie. »Ich würde mir einen Mann schon genau anschauen, bevor ich mich mit ihm einlasse. Und er muß mir auch bieten können, was ich vom Leben erwarte.«

»Ja, dir ist es zuzutrauen. Du bist so materialistisch eingestellt. Das ist mir immer unheimlich gewesen. Und warum sollst du dir nicht eine Seite von der Speckscheibe abschneiden, die dein Vater hinterlassen hat. Ich sehe es auch nicht ein, daß seine Frau alles für sich in Anspruch nimmt. Sie wußte ja schließlich, daß du auch noch da bist.«

Tanja lehnte sich zurück. »Würdest du dich bitte deutlicher ausdrücken«, sagte sie kühl. »Ich mag nicht nur kombinieren. Ich muß also annehmen, daß dieser Winfried Rückert auch verheiratet war.«

»Damals noch nicht. Damals hat er mir versprochen, mich zu heiraten, wenn ich geschieden bin, aber dann hat er sich aus dem Staub gemacht, und Alfred war so großartig, daß er mir alles verziehen hat. Wir waren dann wirklich sehr glücklich.«

»Ist so was möglich?« fragte Tanja beklommen. »Du bekommst ein Kind von einem anderen Mann, und ihr wart glücklich?«

»Ich war Alfred dankbar, daß er Verständnis zeigte. Ja, das gibt es, Tanja. Er hatte auch etwas Ähnliches durchgemacht wie ich. Wir haben uns gegenseitig alles verziehen. Schließlich war ja auch Veronika da, und auch unsere Eltern lebten noch. Es ging uns ja auch ein paar Jahre recht gut, bis Alfred dann krank wurde.« Sie zerdrückte ein paar Tränen. »Er war so glücklich, als Jörg geboren wurde. Er war so stolz auf seinen Sohn. Alles war gut zwischen uns, und er war dir auch ein guter Vater. Es war grausam, daß er dann sterben mußte und ich allein mit euch zurückblieb, als wir dann auch das Geschäft aufgeben mußten, als sein Vater starb. Alle gingen sie dahin, und eines Tages war ich ganz allein.«

»Nun werde bloß nicht theatralisch, Mama«, sagte Tanja. »Ich war immerhin schon sechzehn, als Papa starb, und Veronika war bereits verheiratet. Es ging uns auch damals nicht allzu gut. Ich mußte mit der mittleren Reife von der Schule abgehen und mir einen Job suchen.«

»Du denkst immer nur an dich. Was ich durchgemacht habe, bedenkst du nicht.«

»Das ist mir im Augenblick nicht möglich. Ich muß mich mit Tatsachen vertraut machen, die ziemlich schwierig sind für mich.«

»Aber doch nur vorteilhaft für dich. Ich habe mich erkundigt. Dein Vater hat einen gut florierenden Kosmetikgroßhandel hinterlassen. Ein Millionenunternehmen, während wir herumkrebsen. Für dich hat er keinen Cent gezahlt.«

»Ich heiße doch aber Schäfer«, sagte Tanja. »Auf diesen Namen lautet doch auch meine Geburtsurkunde. Was willst du eigentlich?«

»Ich habe die Beweise, daß du Winfrieds Tochter bist, und ich habe allein für Jörg zu sorgen. Du hast doch eben deutlich zu verstehen gegeben, daß du wenig Verständnis für ihn aufbringst. Immerhin solltest du auch bedenken, daß Veronika und Jörgs Vater viel für dich getan hat. Er war ein großzügiger Mann. Ich meine, daß du ihm genauso Dank schuldest, wie ich auch.«

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