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Matthias Dhammavaro Jordan

Ruheloser Geist trifft Achtsamkeit


Matthias Dhammavaro Jordan

Ruheloser Geist

trifft Achtsamkeit

Aus der Zeit in den Moment


Verlag Via Nova, Alte Landstr. 12, 36100 Petersberg

Telefon: (06 61) 6 29 73

Fax: (06 61) 96 79 560

E-Mail: info@verlag-vianova.de

Internet: www.verlag-vianova.de / www.transpersonale.de

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Coverfoto: Silke Brandenstein, www.artoffer.com/mdaf

Satz: Sebastian Carl, Amerang

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

© Alle Rechte vorbehalten

Print: 978-3-86616-252-5

ePub: 978-3-86616-410-9

Inhalt

Vorwort

Erster Teil: Ruheloser Geist trifft Achtsamkeit

Ausgangspunkt: Mitten ins Leben

Daseinsmerkmale der Existenz

Wer bin ich?

Der geistige Raum

Morgengedanken

Die Trilogie des Loslassens

Erlebnisräume

Der Dialog der inneren Stimmen

Zeit

Halb voll oder halb leer?

Die acht weltlichen Bedingungen

Selbsterfüllendes Tun

Das Ende von etwas

Die spirituelle Wiedergeburt

Die spirituelle Depression

Leben, Sterben und Tod

Die Existenzebenen der buddhistischen Mythologie

Nibbana, das Ende des Leidens

Zweiter Teil:Übungen zur Meditation und Achtsamkeit

Was gäbe es über unseren Geist zu sagen?

Einführung in die Achtsamkeitsmeditation

Meditation

Achtsamkeit

Wie beginnen Sie Ihre Meditationspraxis?

Sitzen und die Sitzhaltung

Achtsamkeit mit dem Körper

Achtsamkeit mit der Atmung

Mantras und andere ‚Hilfsmittel‘

Gehmeditation

Entwicklung von Freundlichkeit und die Entfaltung des Herzens

Metta-Meditation

Hinweise für Meditierende

Die fünf Hindernisse

Das Entwickeln von Achtsamkeitsübungen im Alltag

Der Empfänger in Ihnen

Kontemplation

Meditationserleben

Schlusswort

Glossar

Danksagung

Vorwort


Liebe Leserin, lieber Leser,

„Ruheloser Geist trifft Achtsamkeit” ist die Begegnung zweier Qualitäten in uns.

Die Beanspruchungen des Alltags, denen wir in der schnelllebigen Zeit manchmal nicht gewachsen sind, fordern von uns Antworten.

Hierzu bedarf es einer angemessenen Haltung, um sich in der Welt nicht zu verlieren.

Achtsamkeit ist wie eine gute Freundin.

Sie ist die Qualität, die uns aufmerksam werden lässt und uns mit unserer Mitte und inneren Weisheit wieder verbindet. Sie hilft uns, eine Insel der Ruhe zu schaffen, die wir immer wieder aufsuchen können.

Wir schauen uns um, schauen in uns selbst und erforschen das Leben und die großen Fragen, die sich uns immer wieder stellen: Was ist der Sinn des Lebens? Wer bin ich? Woher komme und wohin gehe ich?

Ob Sie Antworten finden werden, weiß ich nicht.

Das Buch besteht aus zwei Teilen.

Im ersten Teil stelle ich Betrachtungen über Aspekte des Lebens und die Wirkungsweise unseres menschlichen Geistes an. Hier schöpfe ich aus meiner eigenen Lebenserfahrung und besonders aus den Erkenntnissen, die ich in zwölf Jahren als buddhistischer Mönch erfahren durfte.

Im zweiten Teil möchte ich Ihnen einen Einblick in Theorie und Praxis der Meditation und der Entwicklung von Achtsamkeit geben.

Dieses Buch erhebt weder den Anspruch, die buddhistische Lehre in all ihrer Vollständigkeit darzulegen, noch, die letztendlichen Fragen zu beantworten.

Es möchte Sie auf eine kontemplative Reise einladen.

Möge dieses Buch Sie unterstützen, Achtsamkeit in Ihrem Alltag zu entwickeln, und die Betrachtungen Sie ermutigen, Ihrer innewohnenden Weisheit zu vertrauen und Ihren eigenen Weg zu finden.

Matthias Dhammavaro Jordan

Erster Teil


Ruheloser Geist

trifft Achtsamkeit

Aus der Zeit in den Moment

Ausgangspunkt: Mitten ins Leben


Die natürliche Haltung von uns Menschen ist es, das Angenehme halten und das Unangenehme loswerden zu wollen. Jedoch nimmt das Leben meist keine Rücksicht auf unsere Wünsche und Vorlieben und so erleben wir in den verschiedenen Lebensphasen diese ständigen Enttäuschungen. Die Frage ‚Was ist falsch an mir?‘ könnte entstehen und das Leben mit seiner Unbeständigkeit könnte als persönliches Versagen empfunden werden.

Zwar nicht dann, wenn alles so läuft, wie ich es mir wünsche, aber was passiert in mir, wenn ich krank oder alt werde, wenn mir die liebgewordenen Dinge genommen werden, wenn ich in Situationen komme, die für mich in der Vorstellung ein Alptraum waren? Wie wird es mir gehen, wenn der mir sichere Tod an meine Haustüre klopft? Ist das persönliches Versagen, Misserfolg, Unfähigkeit oder sind es nur Ereignisse, die das Leben auch für mich, für jeden bereithält?

Eine richtige Frage an dieser Stelle könnte sein: Was ist unvollständig an meiner Haltung dem Leben und seinen Ereignissen gegenüber? Wenn wir unsere Wünsche und Hoffnungen nicht immer erfüllt sehen, entsteht das Leiden in all seinen Formen. „Das Haften an den uns angenehmen Dingen ist das Problem“, so sagt Buddha. Es ist eine scheinbare Unfähigkeit, den Dingen Erlaubnis zu geben, sich ihrer Natur gemäß verändern zu dürfen.

Diese Haltung nannte der Buddha Upadana: Festhalten, Anhaften oder Verhaftetsein.

Mit dieser Haltung wird jede unvorhersehbare Veränderung zur Bedrohung. Nicht nur dann, wenn diese Veränderung eintritt, sondern auch schon, wenn ich an die Möglichkeit dieser Veränderung denke. Dann entstehen Ängste, Sorgen, Depressionen und Hoffnungslosigkeit.

Es sollte verstanden werden, dass hier nicht gemeint ist, Freude und Glück seien unerwünscht. Sie stellen sich im Leben oft genug ein: der wunderschöne Sonnenaufgang, das Lächeln und die Liebe eines Kindes oder das Blühen einer Blume. Die Sonne geht aber auch wieder unter, Kinder sagen manchmal Blödmann zum Papa und Blumen verwelken meist nach der Blüte. Nein, Freude und Glück sind die Kräfte, die uns mit bewegen, aber welche Zuflucht habe ich, wenn ‚der Wind der Unbeständigkeit‘ durch mein Leben weht? Die innewohnende Unbeständigkeit in allen Erscheinungen ist weder gut noch böse, richtig oder falsch, sondern sie ist einfach nur so.

 

Wenn wir uns gegen diese Unbeständigkeit stellen, werden wir in die verschiedenen Formen des Leidens gezogen. Die Vertreibung aus dem mythologischen Paradies erfolgte, als der Mensch anfing, Vorlieben zu entwickeln. Er teilte die Erscheinungen der Welt in richtig und falsch ein und aß von dem verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

Buddha wird auch der Thatataga genannt: Der, der die Soheit der Dinge sieht.

Sie sind weder gut oder böse, noch richtig oder falsch, sondern die Dinge sind einfach nur so.

‚Wie langweilig ist eine Welt, die keine Gegensätze mehr erleben lässt‘, könnte jemand einwenden. Aber vielleicht zeigen sich erst durch ein entwickeltes Verständnis über die Soheit Qualitäten, die von diesem bedrückten Geist gar nicht wahrgenommen werden konnten: Friede, Stille, Weisheit, Liebe und ein Verständnis über die wahre Natur aller Dinge.

Daseinsmerkmale der Existenz


In der buddhistischen Lehre wird auf Glaubenssysteme verzichtet.

Buddha hat in seinen Such- und späteren Lehrjahren Erkenntnisse gewonnen und die Einladung ausgesprochen, für sich selbst zu schauen und zu forschen. Er erkannte drei wesentliche Daseinsmerkmale der Existenz.

Das erste Daseinsmerkmal ist die Tatsache der Vergänglichkeit oder Unbeständigkeit, auf Pali: Anicca.

Hier weist Buddha darauf hin, dass alles, was auf Grund von Bedingungen entstanden ist, auch wieder vergehen muss. Alle Erscheinungen haben einen Anfang. Sie durchlaufen einen Verwandlungs- oder Veränderungsprozess, was als Altern bezeichnet wird, und müssen dann zu einem Ende kommen, was Sterben und Tod genannt wird. Es ist ein Naturgesetz, an dem wir nichts ändern können, aber von dem wir alle betroffen sind. Wir erleben jeden Tag Veränderungen in und an uns oder im Außen: Der Lauf der Sonne, das Verwelken einer Blume, das Beenden eines Mahls, Gefühle und Gedanken, die kommen und gehen. Es gibt nichts zu finden, das bleibt, wie es ist. Alles, was auf Grund von Bedingungen zum Entstehen gekommen ist, muss auch wieder auf Grund von Bedingungen vergehen. An Naturgesetzen können wir nichts ändern, aber an der Haltung, die wir diesen Ereignissen gegenüber einnehmen.

Das zweite Daseinsmerkmal ist das Leiden, Stress oder eine gewisse existentielle Unzufriedenheit, auf Pali: Dukkha.

Im Palikanon, den ältesten buddhistischen Schriften, hat Dukkha allerdings eine weitläufigere Bedeutung als nur Leiden. Übersetzt heißt es: ‚Etwas, das schwer zu tragen oder zu ertragen ist‘. In der klassischen Auflistung des Begriffes Dukkha heißt es:

Geburt, Altern, Krankheit und Tod sind Dukkha.

Sorgen, Trauer, Schmerz, und Unwohlsein sind Dukkha.

Mit jemandem zusammen zu sein, den man nicht liebt, getrennt zu sein von dem, das man liebt, nicht zu bekommen, was man sich wünscht, all das ist Dukkha.

Dies ist das Leiden im gewöhnlichen Sinne.

Weiterhin resultiert Dukkha aus der Haltung, die dem Naturgesetz der Vergänglichkeit gegenüber eingenommen wird. Bringe ich dem Gesetz der Vergänglichkeit eine Akzeptanz entgegen oder will ich etwas anders haben, als es mir das Leben anbietet?

Ajahn Buddhadasa sagt, dass es der Kern der Buddhistischen Lehre sei, an nichts anzuhaften. Nicht anhaften bedeutet nach meiner Sicht, den Dingen die Erlaubnis zu geben, sich ihrer naturgegebenen Bestimmung gemäß entwickeln und verändern zu dürfen. Stelle ich mich gegen das Naturgesetz der Vergänglichkeit, indem ich etwas anders haben will als das, was das Leben mir anbietet, werde ich Leiden in den verschiedenen Formen erleben müssen.

Eine weitere Form des Leidens entsteht, wenn ich an dem anhafte, was ich mein Selbst nenne, denn dieses Selbst ist in ständigem Wandel begriffen.

Dukkha ist die Kernlehre des Buddha.

Auf die Frage, was er lehren würde, antwortete er: „Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: dass es Leiden und dass es ein Ende des Leidens gibt.“

Die Lehre und der Weg sind in den vier edlen Wahrheiten genau beschrieben.

Das dritte Daseinsmerkmal nannte der Buddha „Nicht-ich“ oder „Nicht-selbst“, auf Pali: Anatta.

Nicht-selbst bedeutet, dass es weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen und geistigen Erscheinungen etwas gibt, das als eine für sich bestehende, unabhängige Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnet werden könnte.

Buddha konnte keine Wesensmerkmale finden, die sich nicht verändern. Er fand weder eine persönliche Seele noch bleibende Merkmale einer Person oder eines sogenannten Individuums. Er sagte nicht, dass es keine Persönlichkeit gebe, sondern betonte deren Wandelbarkeit und Unbeständigkeit. Alle Dinge sind ohne Selbstbestand und gehören niemandem.

Wer bin ich?


Wer bin ich wirklich, nachdem alles Vergängliche oder Veränderbare abgezogen wird?

Die Mystiker verschiedener Religionen kamen zu ähnlichen Ergebnissen: Meister Eckhart, ein christlicher Mystiker, sprach von dem Seelengrund: wo kein Ich, kein Selbst mehr zu finden ist, sondern das, was da ist, nicht verschieden von Gott ist. Nach Abzug der persönlichen Merkmale des Selbst oder Ichs setzte er den Seelengrund gleich mit Gott, das, was wir sind, das, was Gott ist, ist in diesem Seelengrund nicht mehr zu unterscheiden. Es ist die Vereinigung mit Gott, das Nach-Hause-Kommen oder das Ankommen im Seelengrund.

Ein indischer Weiser, Nisargadatta Maharaj, sagte, dass wir letztendlich nicht das sein können, was sich ständig ändert, wie unser Körper, Gefühle, Gedanken, Wünsche und Wahrnehmungen. Er riet herauszufinden, was sich nicht ändert.

Individualität ist vergleichbar mit den vielen Zimmern in einem Haus, die verschieden eingerichtet sind. Wird das Haus eines Tages abgerissen, verlieren diese Zimmer ihre Namen und die Räume der Zimmer vereinigen sich wieder. Das, was schon immer war, bleibt: Raum.

Auch hier ist es ein Nach-Hause-Kommen zu dem, was schon immer war. Auf uns Menschen bezogen ist es meines Erachtens diese tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit, die wir ständig in uns fühlen.

Weil wir individualisiert sind, haben wir fühl- und sichtbare Unterschiede zu anderen Menschen. Wir unterscheiden uns, geben unserem geistigen Raum, uns selbst die Namen auf Grund der Qualitäten, die wir dort finden. Aber alle Qualitäten, die wir da finden, sind Dinge, die sich verändern oder verändern können. Ich finde nichts wirklich, auf das ich zeigen und von dem ich sagen kann: DAS bin ich.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, das ich als mein Selbst nehme: der Körper. Dieser Körper war eine Ei- und Spermazelle, die zu einem Embryo heranwuchs, geboren wurde und sich unaufhaltsam weiter entwickelte über die verschiedenen Stufen eines menschlichen Wesens bis zu dem Punkt, wo dieser Körper schließlich irgendwann sterben muss. Die Elemente die ihn ausmachten, gehen wieder ‚nach Hause‘.

Das nächste Offensichtliche, was wir für unser Selbst nehmen, sind unsere Gedanken und Gefühle. Auch hier: Wohin sind all die ungezählten Gedanken und Gefühle gegangen, die ich nur heute dachte oder fühlte? Sie kamen und sie gingen wieder und doch blieb ‚etwas‘ hier, nämlich der, der sie hatte. Ich entdecke andere Qualitäten in mir und nehme sie als mein Selbst: den Ärger oder die Freude, den Neid oder die Großzügigkeit, meine Gesundheit oder meine Krankheit. Vielleicht meine Armut oder meinen relativen Reichtum oder meine gesellschaftliche Stellung. Die Liste könnte so weitergeführt werden. An dieser Stelle bitte ich Sie, einfach mal in sich hinein zu lauschen und zu ‚hören‘, welche Gedanken, Betrachtungen oder Erkenntnisse sich grade bei Ihnen zeigen. Suchen Sie vielleicht grade nach der Qualität, die Sie ausmacht? Bei näherer Betrachtung merken Sie aber: Nein, auch das kann sich ändern. Kann es sein, dass da ein Teil in Ihnen einen leichten Schreck bekommt? Eine andere Stimme sagt vielleicht: So ein Unsinn.

Ich möchte behaupten, dass sie bei jeder Qualität, die Sie bei sich finden, feststellen werden, dass auch sie sich verändern kann.

Hier kann die Frage gestellt werden: Wer ist das eigentlich, der sich das alles fragt und all das wahrnimmt? Dieses natürliche Gefühl in Ihnen von „Ich bin“. Diese Qualität von Bewusstheit, Wachheit, Gegenwärtigkeit. Es ist dieser geistige Raum, durch den all diese Qualitäten ‚ziehen‘. Dieser Raum des Gewahrseins, der Wachheit, der innere, weite Raum, der kein Alter kennt, der empfängt, der erlebt und durch den die Dinge ziehen.

Bekommt dann nicht der Satz: „Ich habe all das, aber ich bin es nicht“, die erfahrbare Bedeutung, die ihm gebührt? Aber es gibt hier nichts zu glauben, denn Sie sind Ihre eigene Insel, Ihr eigenes Licht, Ihre eigene Autorität.

Der geistige Raum


Was Bewusstsein ist, vermag niemand so recht zu sagen.

Es gibt viele Forschungen auf dem Gebiet und verschiedene Traditionen haben ihre Bezeichnungen gefunden. Da gibt es Begriffe wie Seele, Geist, Bewusstseinsraum, Ich, Selbst und wahrscheinlich noch andere. Aber sie zeigen alle in eine Richtung: Nämlich genau dahin, wo Sie gerade sind, auf das ‚Ding‘, das aus Ihnen herausschaut.

Dieser empfangsbereite Raum ist formlos, hat keine Farbe und ist immer leer. Wenn Sie mit Achtsamkeit einen Baum (zum Beispiel) anschauen, sind Sie sich des Baumes bewusst. Wenn Sie andere Dinge anschauen oder etwas tun, sind Sie sich dieser Dinge bewusst. Auch Gefühle oder Gedanken kommen in diesen Raum. Wenn Sie sie wieder gehen lassen, oder sie gehen von selbst, ist dieser Raum wieder leer.

Es ist der Bewusstseinsraum, der bereit ist zu empfangen.

Diese Dinge gehen zu lassen und sich auf den Raum zu beziehen, ist die geübte Kunst, an dem Erlebten nicht hängen zu bleiben. Das bezieht sich auch auf Gedanken, Gefühle, Meinungen, Wahrnehmungen oder Bewertungen.

Der Name eines Zimmers wird bestimmt durch die Art seiner Einrichtung.

…ein Schlafzimmer ist aus ganz bestimmten Gründen keine Toilette, doch der leere Raum beider Zimmer unterscheidet sich nicht

Ich bleibe bei dem Bild, das den Geist mit dem leeren Raum eines Zimmers vergleicht. Die Objekte, die diesem Raum seine Identität geben, sind vielfältig, oft ungeordnet und unbekannt. Der Weg, den diese Objekte nehmen, um in unseren Geist zu gelangen, führt über unsere Sinne. Sie sind die Tore, die die Welt da draußen mit der Welt hier drinnen verbinden.

Unser Geist ist damit beschäftigt, diesen Objekten einen Platz zu geben, sie zu verstehen, sie zu koordinieren, zu bearbeiten und zu bewerten. Wenn Sie sich in dem Zimmer, in dem Sie jetzt gerade sind, umschauen, sehen Sie verschiedene Dinge: vielleicht Stühle, einen Tisch, Bücher, andere Menschen und vieles mehr. Wenn Sie dann den Kugelschreiber auf Ihrem Tisch ganz dicht vor Ihre Augen halten, ist er so groß geworden, dass Sie nur noch ihn sehen, obwohl alles andere auch noch da ist. Legen Sie diesen Kugelschreiber wieder auf den Tisch oder geben ihm einen Platz, haben Sie wieder den notwendigen Abstand geschaffen, um auch die anderen Dinge im Zimmer sehen zu können.

So können Sie auch mit geistigen Erscheinungen und Qualitäten umgehen. Übungen zur Meditation können Sie unterstützen, die Objekte, Themen oder Probleme nicht gleich zu erforschen, sondern ihnen erst einen Platz zu geben und den Raum dazwischen wahrzunehmen. Das Erforschen, Kennenlernen und Loslassen dieser Themen kommt zu einem anderen Zeitpunkt. Sie genießen aber den stillen Zwischenraum.

Morgengedanken

Das Leben entfaltet sich

im Nahen des Frühlings.

Der Aufbruch

ist nicht aufzuhalten.

Der Geist, das Herz,

beschäftigt mit so allerlei

finden in sich selbst zur Ruhe.

Zwischendurch.

 

Das Licht

braucht den Film

auf der Leinwand nicht,

um zu sein.

Es durchstrahlt

die mannigfaltigen Formen,

wie sie kommen und gehen.

Es bleibt jedoch

an keinem Bilde hängen.

Altes, Vergangenes

will zwar gesehen,

aber nicht gehalten werden.

Raum wird frei

es ordnet sich.

Nur hier

hat die Liebe eine Chance,

und nur für sie

lohnt es sich zu leben.

Da lacht der Frosch,

springt in den Tümpel

und die Wassertropfen

perlen einfach an ihm ab.

Die Trilogie des Loslassens


„Woran auch immer wir Festhalten,

wird zur Quelle des Leidens.

Das ungeschickte Festhalten aufzugeben,

ist der Schlüssel zur buddhistischen Praxis.“

AJAHN BUDDHADASA

Wir haben es alle schon gehört, das große Wort „loslassen“: oft als gutgemeinten Rat, etwas Unangenehmes wegzuwerfen, wegzuschieben, loszuwerden, um einfach nichts mehr damit zu tun haben zu müssen. Es eben loslassen. Vielleicht haben Sie auch schon diesen Rat bekommen, aber bald gemerkt, dass das, was Sie gerne los wären, einfach nicht loszubekommen ist. Vielleicht sind es unangenehme Gedanken, Gefühle oder Schmerzen, körperlicher oder seelischer Art, vielleicht Erinnerungen an schlimme Ereignisse. Aber was auch immer es sein mag, so einfach ist es mit dem Loslassen leider nicht. Im Gegenteil: Je mehr Widerstand Sie dem entgegenbringen, was Sie gerne los wären, desto mehr scheint dieses Ding bei Ihnen bleiben zu wollen.

Aber wie geht das eigentlich, das Loslassen?

Nach meiner Sicht besteht das Loslassen aus drei Schritten.

Der erste Schritt: Kommenlassen

Viele kennen den Scheinriesen aus der Geschichte von Lukas und Jim Knopf: ein Mann mit langem Bart, erscheint sehr bedrohlich und groß, solange er in der Ferne ist. Aus Angst laufen die Menschen vor ihm davon und lernen ihn so nicht kennen. (Es ist nur ein Scheinriese.)

Aus Angst vor ihm nehmen die Menschen sich die Möglichkeit, zu erleben, wie etwas Bedrohliches, Riesiges und Überwältigendes auch auf eine normale Größe herunterschrumpfen kann, wenn man ihm die Erlaubnis gibt, näher zu kommen. So ist es auch mit verschiedenen Themen unseres Lebens. Kaum meldet sich etwas Unangenehmes, wollen wir weglaufen, es loswerden, wenn es schon da ist, und nichts damit zu tun haben. Aber so funktioniert das leider nicht, oder nur zeitweise. Auch nicht mit Ablenkungen oder verschiedenen Drogen: Sie überlagern unser Problem nur, vielleicht für den einen gewissen Zeitraum, wenn wir diese Mittel genommen haben. Ist die Wirkung vorbei, müssen wir feststellen, dass dieses Thema wieder mit seiner vollen Wucht neben uns, wenn nicht gar in uns steht.

Kommenlassen ist eine innere Haltung des Erlaubnisgebens: Das Thema, das wir eigentlich loslassen wollen, laden wir in unseren Bewusstseinsraum ein, und zwar vollständig. Vielleicht mit einem Interesse, es kennen lernen zu wollen. Ganz freundlich und ohne Widerstand. Es darf sich Raum nehmen, da sein, sich melden, sich fühlen lassen mit allem, was es mitbringt. Wir lassen alles an diesem Thema kommen. Dann ist es da.

Der zweite Schritt: Seinlassen

Hier ist eine innere Haltung gefragt, die mit einem Thema sein kann.

Es wird vorerst nicht bewertet. Wir sind weder zugeneigt noch abgeneigt, sondern lassen es so sein, wie es gerade ist, genau so. Was ist das Ding und wie heißt es? Was ist seine Bedrohlichkeit? Hat es mir etwas zu sagen? Ist es immer gleich oder ändert sich etwas daran, wenn es einfach nur da sein darf? Sehe ich die Grenze dieses Themas? Kann ich auch sehen, dass es um dieses Thema herum Raum gibt? Dass ich dieses Thema zwar habe, aber es nicht bin?

Manchmal verändert sich meine Sicht auf dieses Thema, durch das einfache Seinlassen. Es bekommt vielleicht neue Gesichter, die ich noch nicht kannte. Hat es wirklich diese Bedrohlichkeit? Gibt es andere Wege, damit umzugehen, außer ihm Widerstand entgegenzubringen? Wie fühlt es sich an, wenn ich es einfach mal so sein lasse? Es gibt vielleicht keine Lösung dafür, aber vielleicht finde ich einen Platz, wohin ich es für eine Weile stellen kann, damit es nicht meinen ganzen Bewusstseinsraum einnimmt.

Und erst jetzt kommt das Loslassen

Dies ist keine aktive Handlung. Es ist das Sichlösen von einem Thema. Es hört sich komisch an, aber manchmal wollen Dinge einfach nur Ihre Beachtung und Aufmerksamkeit und dann lassen die Themen Sie los. Vielleicht nicht sofort oder komplett, aber sie lockern ihre Eisenhand und Sie können etwas Erleichterung verspüren. Manche Themen brauchen das Versprechen, dass Sie sich zur gegebenen Zeit damit auseinandersetzen. Manchmal bedarf es noch einiger Zeit oder weiterer Informationen, bis Sie sich diesem Thema zuwenden können.

Aber zunächst geben Sie ihm einen Platz.

Und versäumen Sie es nicht, auch die Leichtigkeit zu spüren, wenn ein Thema kleiner geworden ist oder Sie verlassen hat.

In der thailändischen Sprache wird Loslassen mit Bleu Waang übersetzt. Bleu heißt lassen und Waang frei oder leer.

Also freilassen statt loslassen. Oder den geistigen Raum leer machen und leer halten, um sich auf die Stille des Zwischenraums zu beziehen.

Erlebnisräume


Man kann menschliches Erleben in Räume aufteilen. Dieses Gefühl „Ich bin“ ist eine erlebte Tatsache. Ich schaue aus diesem Körper heraus und habe die Empfindung „Ich bin“. Wenn ich aber sage, ich bin dieser Körper oder ich bin die Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und so weiter, dann identifiziere ich mich mit etwas, das sich ständig wandelt. Genauso verhält es sich mit Sichtweisen wie: Ich bin schlau, ich bin reich, ich bin arm, ich bin dumm, gesund, krank und so weiter. Alle diese Zustände ändern sich auf Grund von Bedingungen ständig. Aber dieses erlebte Gefühl von „Ich bin“ bleibt, solange wir in einem Wachzustand sind. Die Bezugnahme auf das „Ich bin“ ist vergleichbar mit der Bezugnahme auf einen leeren Raum. Dafür gibt es Worte wie Bewusstsein, Gewahrsein, Bewusstseinsraum, Geist, Seele und noch andere Begriffe.

Ich möchte weiterhin das Wort Raum an dieser Stelle benutzen. Schauen wir uns in unseren Wohnungen um, sehen wir, dass leere Räume (Zimmer) meist mit Dingen gefüllt sind. Auf Grund der Einrichtung bekommen diese Zimmer ihre Namen.

So gibt es auch geistige Räume, die eine bestimmte Einrichtung haben. Ich nenne sie Erlebnisräume. Wir haben uns in ganz bestimmten geistigen Räumen eingerichtet.

Der depressive Mensch zum Beispiel hat sich im Raum der Depression eingerichtet. Dieser Raum ist gefüllt mit bestimmten Dingen oder Inhalten: Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Einsamkeit, Zurückgezogenheit, gefühlte Leere und so weiter.

Es gibt andere Erlebnisräume wie den der Freude, des Ärgers, der Liebe, den der Arbeitswelt, der Familie und viele andere. Wie wäre es, wenn ich diese Erlebnisräume besuchen und sie kennen lernen würde? Womit sind sie gefüllt? Welche Gedanken sind vorherrschend, welche Gefühle? Zu welchem Handeln und Verhalten veranlassen sie mich, wo gibt es Überschneidungen, Ähnlichkeiten und so weiter.

Kann ich den Erlebnisraum ‚Arbeit‘ schließen, wenn ich zu Hause angekommen bin? Kann ich den Raum des Ärgers verlassen, wenn das auslösende Erleben schon vorbei ist und mein Sohn mich durch die Mitteilung eines freudigen Ereignisses in den Raum der Mitfreude einlädt?

Wie lange hänge ich dem Erleben von vergangenen Ereignissen gedanklich und gefühlsmäßig nach? Worauf beziehe ich mich, wenn ich Erlebnisräume verlassen habe und in andere gehe? Wie wäre es, wenn ich mir einen Raum einrichten könnte? Zum Beispiel den der Freude. Wie würde er aussehen? Welche Farbe hätte er, welche Menschen würde ich hereinholen, welche nicht? Welche Musik, Gegenstände, welche Erlebnisse meines Lebens passen da hinein?

Wie würde der Raum des Ärgers aussehen? Was ist da drinnen? Da ist immer eine Spannung, eine Hitze, eine Kampfbereitschaft. In einer Ecke habe ich meine Waffenkammer. Das Schwert immer an meiner Seite. Aber natürlich auch eine Rüstung, um mich zu schützen. Vielleicht gibt es da noch ein kleines Zimmer in diesem Raum, das des Selbstärgers. Wie groß wäre das? Wo ärgere ich mich über mich selbst? Und all die anderen Räume, die es da gibt. Aber welcher davon bin ich wirklich?

Wie wäre es, wenn ich mich als Raum sehen könnte, der die Grundlage für all das ist? Als Raum, in dem die verschiedenen Dinge, Gefühle, Wahrnehmungen, Reaktionsweisen, Ansichten und Vorstellungen sind, der aber diese ‚Dinge‘ nicht ist?!

Es geht auch hier darum, die Haltung auf mein Erleben und die damit verbundene Bewertung zu wechseln. Wenn ein depressiver Mensch für eine Weile diesen Erlebnisraum bewusst verlassen könnte, würde er ein anderes Erleben haben und sehen, dass er diese Depression hat, sie aber nicht ist. Er könnte andere Räume besuchen, würde sein Erleben erweitern und den Raum der Dunkelheit für Momente verlassen. Aber leider ist es oft so, dass uns das Bekannte sehr vertraut ist und die Rollen, die wir da spielen, auch.

Die Angst ist oft zu groß, um sich in unbekanntes Erleben zu begeben. Hier brauchen wir eine Brücke. Diese Brücke sollte Angstfreiheit und Sicherheit geben. Die Qualität, die ich aber hier mitbringen muss, ist Vertrauen. Vertrauen in die Richtigkeit der Dinge, die mir das Leben präsentiert. Vertrauen da hinein, dass mir ‚eigentlich‘ nichts passieren kann. Hingabe an die Dinge, die ich gerade tue. Bezugnahme auf den gegenwärtigen Moment. Manchmal braucht es auch eine Bereitschaft zu sterben, jetzt, in diesem Moment.

Was gibt es Schlimmeres für die meisten Menschen, als zu sterben oder etwas Vertrautes aufzugeben? Wenn ich dazu bereit bin, kann dies zu einer großen Freiheit führen.

Es können sich Räume eröffnen, die erst spürbar werden, wenn ich andere Räume verlassen habe. Denn das Aufgeben oder Verlassen von Identitäten oder altem Verhalten fühlt sich oft an wie ein kleiner Tod. Wir können uns neuem Erleben erst wieder öffnen, wenn wir Altgewohntes verlassen haben. Manchmal sind es erst die schwierigen Lebenssituationen, die uns dazu den Anstoß geben.

Lebenskrisen bringen uns in Identitätskrisen, und die Fragen nach dem Sinn des Lebens werden neu gestellt. Ob es Antworten gibt, wer weiß das schon?

Ein Teil in uns beginnt mit Gott und der Welt zu hadern. Es kommen vielleicht Scham- und Schuldgefühle hoch wegen vermeintlichen Versagens. Sorgen und Ängste lassen den Blick in eine unbekannte Zukunft sehr düster aussehen. Selbstzweifel bringen mein Selbstbild ins Wanken. Ich werde knallhart mit meinem Bewertungssystem konfrontiert, bekomme gespiegelt, wie ich über andere denke oder dachte, die in ähnlichen Situationen waren oder sind.

Lebenskrisen sind auch ein Aufwachen aus einer Selbstgefälligkeit, in der man oft glaubte, dass einem ‚so etwas‘ nie passieren könnte. Ein gekündigter Job, eine zu Ende gehende Beziehung, eine geistige oder körperliche Erkrankung, oder was auch immer es sei. Auf alle Fälle lässt uns Unvorhersehbares aus dieser Selbstgefälligkeit aufwachen und verbindet uns wieder mit Geschehnissen, die das Leben auch für mich bereit hält. Ob diese Geschehnisse gut oder schlecht, heilsam oder unheilsam auf den ersten, zweiten oder dritten Blick sind, kommt wohl auf die Haltung an, die ich diesen Ereignissen gegenüber einnehme, und darauf, wie ich mit ihnen umgehe.

Hierzu eine Geschichte:

Ein Vater hatte einst einen Sohn, der ein wunderschönes Reitpferd besaß. Eines Tages lief ihm das Pferd davon und der Sohn war darüber sehr traurig. Doch sein Vater sagte nur: Ist es gut – ist es schlecht? Drei Tage später kam dieses Pferd zurück und brachte noch drei wilde Pferde mit. Darüber war der Sohn hocherfreut. Doch sein Vater sagte nur: Ist es gut – ist es schlecht? Eines der Wildpferde versuchte der Sohn zuzureiten, er wurde aber abgeworfen und brach sich ein Bein und darüber war der Sohn sehr traurig und ärgerlich. Doch sein Vater sagte nur: Ist es gut – ist es schlecht? Einige Tage später kam der König, um junge Männer in den bevorstehenden Krieg zu rufen. Da der Sohn ein gebrochenes Bein hatte, konnte er nicht eingezogen werden. Doch sein Vater sagte nur: Ist es gut – ist es schlecht …