Als ich verlor, was ich niemals war

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Als ich das erste Haus erblickte, kam auch schon ein glatzköpfiger, in Weiß gekleideter Mann auf mich zu und meinte auf Englisch: „Na, gerade angekommen?“

Es stellte sich heraus, dass er auch Deutscher war. Er erklärte mir kurz, dass ich mich später beim Abt vorstellen sollte, aber jetzt sei erst mal Essenszeit und ich könnte ja schon mal helfen, die Essensschüsseln in die Sala zu bringen.

Die Sala war eine große Halle, in der ein großer Buddha stand. Auf der Längsseite war ein zirka sechzig Zentimeter hohes Podest, das sich über die ganze Längsseite hinzog und worauf schon einige Mönche saßen, einer neben dem anderen. Bastmatten waren auf dem Boden der Sala ausgerollt und dort wurde mir ein Platz zugewiesen, auf dem bereits eine Schüssel mit Löffel stand.

Da saßen nun zirka fünfzehn Mönche, die sich die Essensschüsseln reichten, etwas davon in ihre Schale legten und die Schüsseln dann weiterreichten. Dann bekamen wir Besucher die Schüsseln. Es gab eine reiche Auswahl an Reis, Gemüse, auch Fleisch und Fisch und eine große Vielfalt an Früchten.

Als wir uns alle bedient hatten, sprachen die Mönche einen Segen und anschließend nahmen wir alle die Mahlzeit schweigend ein.

Komischerweise fühlte sich das alles nicht fremd an, und ich genoss es, schweigend zu essen.

Nach dem Essen wurde ich dem Abt vorgestellt. Er war Kanadier und hieß Ajahn Pasanno. Ich erzählte ihm, woher ich kam, dass ich bei Ajahn Buddhadasa gewesen war, über die Retreats, die ich gemacht hatte, und dass ich eine Weile hierbleiben wolle.

Ja, das sei möglich, und da ich ja schon einen rasierten Kopf hatte, durfte ich auch gleich eine Kuti im Wald beziehen.

Ich bekam eine Bastmatte, ein Kopfkissen und konnte mir auch eine Decke nehmen, falls ich eine wollte. Und so richtete ich mich in dieser Hütte ein, fegte erst mal den Gehpfad, der neben jeder Hütte angelegt war, und fühlte mich richtig gut und wohl, ja irgendwie angekommen, vorerst zumindest.

Ein anderer Deutscher war Cattamo, der Kutimönch, dessen Aufgabe darin bestand, die Hütten zuzuweisen und in Ordnung zu halten. Er erklärte mir kurz den Tagesablauf.

Um fünfzehn Uhr läutete eine Glocke, die zur nachmittäglichen Arbeitsperiode ruft. Dann solle ich mich zur Sala begeben. Nach der Arbeit träfen sich alle in der Hütte des Abtes zum Nachmittagstee. Alles klar.

Als die Glocke zur Arbeitsperiode läutete, wurde ich zum Wassertragen eingeteilt. Zu zweit trugen wir große Wassereimer an einer Bambusstange hängend zu den Toiletten, zu den Fußbädern, die sich vor jedem Gebäude befanden, während andere die Wege fegten oder den Boden der Sala putzen.

Gegen zirka sechzehn Uhr versammelten sich die in ockerfarbene Roben gekleideten Mönche und die weiße Kleidung tragenden Besucher und Mönchsanwärter in der Kuti des Abtes.

Hier gab es eine klare Sitzordnung, und ich lernte, dass die Sitzordnung der klösterlichen Rangordnung folgte. Dabei war nicht das biologische Alter entscheidend, sondern die Zeitspanne der Ordination, die in Vassa, Regenzeiten, gemessen wird.

Diese Information schickte mich in die letzte Reihe und so konnte ich alle Mönche und die anderen Besucher gut überblicken. Manche musterten mich mit kurzem Blick, während große Kessel mit warmen Getränken herumgereicht wurden. Jemand reichte mir schweigend eine Tasse, und so saßen wir auch hier schweigend und nippten an unseren Getränken.

Nach einer Weile begann der Abt über eine innerklösterliche Angelegenheit zu sprechen, der ich keine gesteigerte Aufmerksamkeit schenkte.

Am Ende verbeugten sich alle in Richtung des Abtes und des Buddhas und gingen ihrer Wege.

Ajahn Pasanno wollte noch einmal mit mir reden und so wartete ich, bis die meisten gegangen waren und er mich zu sich rief. Ajahn Pasanno war Kanadier, neununddreißig Jahre alt, seit fünfzehn Jahren Mönch und der Abt des Klosters.

Er wollte noch mehr über mich erfahren. Ich erzählte ihm kurz von meiner Zeit in Berlin, berichtete von dieser Ernüchterung, erzählte von Anna, meinen Reisen und dass ich irgendetwas suchte, was ich bisher noch nicht gefunden hatte, und erzählte von meiner Zeit in Suan Mokkh.

Er sagte, ich solle mich einfach in den Tagesablauf einfügen und die Meditationszeiten mitmachen, und wenn ich Fragen hätte, könne ich mich gerne an ihn wenden.

Ich war dankbar für diese freundliche Aufnahme, die mir entgegengebracht wurde.

Sehr zufrieden ging ich zurück zu meiner Hütte und legte mich schon bald schlafen, denn bereits um drei Uhr morgens würde die nächste Glocke zur Morgenmeditation rufen. Du meine Güte, drei Uhr morgens, Wahnsinn, dachte ich so bei mir.

Mitten in der Nacht wurde ich vom dumpfen Klang der Glocke geweckt, der mit aufeinander folgenden, immer schneller werdenden Schlägen durch das Kloster tönte. Ich zog mich an, nahm meine Taschenlampe und ging in die Sala, wo die Morgenmeditation stattfinden würde.

Die in ockerfarbene Roben gekleideten Mönche kamen in die Sala, nahmen ihren Platz in der vordersten Reihe ein, während mir ein Platz weiter hinten zugewiesen wurde.

Zunächst wurde ein monoton klingender Sprechgesang in Pali angestimmt, der Sprache, in der die frühen buddhistischen Texte verfasst wurden. Anschließend gab es eine einstündige Meditation.

Am Ende der morgendlichen Sitzung erklang wieder ein kleiner Gong. Die in Weiß gekleideten Pah Kaos und Besucher begaben sich zur Küche und bereiteten große Schüsseln vor, die wir später in die Sala trugen. Mike, so war der Name des Deutschen, der mich bei meiner Ankunft begrüßt hatte, meinte, da würde dann das Essen hineinkommen, das die Mönche von der Almosenrunde zurückbrachten.

Mike wies mich ein, erzählte mir über den Tagesablauf, und ich war froh, dass sich jemand meiner annahm. Dann fegten wir die Sala, legten Matten auf dem Boden aus und platzierten kleine, weiße Schüsseln darauf.

Anschließend konnte ich wieder in meine Hütte zurückgehen, bis die Mönche zurückkamen.

Wie am ersten Tag nahmen alle zusammen schweigend ihre Mahlzeit ein und danach wurde aufgeräumt, abgewaschen und alles wieder auf seinen Platz gebracht. Die Mönche gingen wieder ihrer Wege, in ihre Hütten. Und jetzt?

Auch ich ging wieder in meine Hütte, fegte den Gehpfad, denn es fielen immerzu Blätter von den Bäumen. Ich wollte ein kleines Nickerchen machen, aber dann hörte ich ein Räuspern und ein Mönch stand vor mir. Er wollte wissen, woher ich kam und wie lange ich bleiben wollte, und so kamen wir ins Gespräch.

Er hieß Anamodasi, war aus Israel und schon seit fünf Jahren in den Roben eines buddhistischen Mönchs. Er meinte, das hier wäre der beste Platz, um altes Karma abzuarbeiten, man brauche einfach nur alles mitzumachen, die Regeln einzuhalten, und der Rest würde sich schon ergeben. Altes Karma? Was meinte er denn damit?

Da er noch etwas zu erledigen hatte, würde ich ihm die Frage ein anderes Mal stellen müssen.

So, nun war ich hier angekommen, in einem buddhistischen Kloster.

Warum war ich eigentlich hier? Ja richtig, ich wollte meditieren, wollte den großen Fragen des Lebens auf die Spur kommen, wollte Weisheit und Wissen erlangen und natürlich erleuchtet werden. Und dieser Lebensstil hier sollte mich dort hinbringen?!

Berlin war weit weg, meine Freunde auch, Anna in Australien, und ein besserer Ort als der hier war gerade nicht verfügbar für mich.

Mit der Zeit lernte ich nach und nach die Gemeinschaft kennen.

Vanado war auch ein deutschsprachiger Mönch, kam aber aus Belgien und lebte schon seit sieben Jahren in Roben. Er erklärte mir die Hierarchie der Gemeinschaft. Es gehe nicht darum, wie alt jemand sei, sondern wie lange er schon die Roben trage. Man müsse dem ‚Älteren‘ Respekt zollen, und wenn jemand drei Jahre länger als man selbst dabei ist, solle man die Hände vor der Brust zusammennehmen, wenn man ihn anspricht.

Er erläuterte dann noch einige andere Verhaltensregeln, und ich hörte mir das alles an, nicht ohne einen gewissen Unmut wahrzunehmen, der sich immer in mir regt, wenn mir jemand Regeln erklärt.

Egal, ich war der Gast, ich wollte lernen, ich wollte eine Weile hierbleiben, und das gehörte wohl dazu. Natürlich war ich der Meinung, dass jemand, der schon fünf oder sieben Jahre in den Roben war, es in Sachen Weisheit, Wissen und Erleuchtung schon weit gebracht haben müsste, und so fühlte ich einen gewissen Respekt den Mönchen gegenüber.

Kurzum: Ich lernte die Verhaltensregeln kennen, lernte, mich den Mönchen gegenüber zu ‚benehmen‘, und fand mich langsam in den klösterlichen Rhythmus ein.

Die Abendmeditation wurde im sogenannten Bot abgehalten, ein aus weißem Stein gebauter, nach allen Seiten offener Versammlungsort, mit einem spitz zulaufenden Glasdach, worin zirka dreißig Menschen sitzen konnten.

Nach der Meditation hielt Ajahn Pasanno einen Vortrag, der wie immer eine buddhistische Betrachtung zum Gegenstand hatte, oft gefolgt von einer Erinnerung daran, dass auch im Alltag, bei jeder Tätigkeit, die Achtsamkeit immer wieder geübt und beim Essen Maß gehalten werden solle.

Danach verbeugten wir uns dreimal in Richtung der Buddha-Statue und gingen zurück in unsere Hütten. Um drei würde wieder die Glocke läuten.

Und so zogen die Tage ins Land und ich gewöhnte mich langsam ans frühe Aufstehen, die verschiedenen Aufgaben, die mir zugewiesen wurden, an nur eine Mahlzeit am Tag, an den ganzen klösterlichen Ablauf, und ich begann, diese Gleichmäßigkeit und verlässliche Regelmäßigkeit des Ablaufs zu schätzen.

Erste Ordination

Mittlerweile trug ich weiße Hosen und Hemden und sollte in ein paar Tagen zum Pah Kao, was so viel heißt wie ‚der in Weiß Gekleidete‘, ordiniert werden. Als Pah Kao würde ich dann einen Wickelrock und ein Hemd tragen, das eine Schulter frei lässt, genau wie die Mönche, allerdings in Weiß. Außerdem würde ich dann auch morgens mit den Mönchen auf Almosenrunde gehen dürfen, mit meiner eigenen Almosenschale. Das war die Vorstufe zum Noviziat, was wiederum die Vorstufe zum Mönch war.

 

Mike und ich wurden langsam Freunde, und ein Dritter im Bunde, Ashin aus Japan, gesellte sich dazu. Wir drei waren die nächsten, die als Pah Kao ordiniert werden sollten.

Es war eine kleine, formelle Zeremonie, in der wir gelobten, insgesamt acht Tugendregeln zu befolgen, die auf Pali Silas genannt werden.

Zusätzlich zu den ersten fünf Silas, keine lebenden Wesen zu töten, nicht die Unwahrheit zu sprechen, nichts zu nehmen, was nicht gegeben wird, sexuell enthaltsam zu sein sowie keine Substanzen zu sich zu nehmen, die den Geist vernebeln, gelobten wir außerdem, keine feste Nahrung nach zwölf Uhr mittags zu uns zu nehmen, keinen Schmuck zu tragen, keine Kosmetika zu benutzen, keine Unterhaltungsveranstaltungen zu besuchen, keine Musik zu hören, nicht zu tanzen und zu singen und nicht auf einem hohen, weichen Bett zu schlafen.

In den Ansprachen von Ajahn Pasanno wurde immer wieder darauf hingewiesen, sich mit dem Lebensnotwendigen zufrieden zu geben: Kleidung, Essen, ein Dach über dem Kopf und im Falle von Krankheit Medizin zu haben.

Das einfache Leben sagte mir zu, und meine Besitztümer waren überschaubar. Ich hatte zwar noch einen Walkman, aber den benutzte ich nur, um mir ab und zu verschiedene Vorträge auf Kassetten anzuhören. Geld hatte ich auch noch etwas, aber davon brauchte ich im Kloster nichts.

Ab und zu fuhren wir mit dem Sammeltaxi nach Warin, um verschiedene Sachen zu kaufen, und ich genoss es, auch mal wieder in der sogenannten ‚richtigen Welt‘ zu sein.

Da wir durch unsere Kleidung leicht als buddhistische Anhänger erkennbar waren, genossen wir einen dementsprechenden Respekt, wurden auch mal gefragt, woher wir kämen, und wenn ich Germany sagte, antworteten manche darauf gleich mit Bayern München, Fußball oder erwähnten auch mal eine deutsche Automarke. Peinlicherweise identifizierten manche Thais die langsam verblassende Tätowierung eines Peace-Zeichens auf meinem Unterarm mit einem Mercedes-Stern, und ich lernte über diesen Umweg das Wort für Frieden auf Thailändisch: Santipaahp.


Klösterliches Leben

Das klösterliche Leben hatte es in sich.

Aber was es wirklich in sich hatte, waren die wöchentlichen Nachtsitzungen. Die Voll- und Neumondnächte sind in Thailand besondere Tage, aber die dazugehörigen Halbmondtage auch. An diesen Tagen trafen wir uns am frühen Abend, nach den Chores, wie die Arbeitsperioden heißen, in der Sala, wo es zunächst meist ein kühles oder ein warmes Getränk gab.

Danach brachte ein kleiner Bus die klösterliche Gemeinschaft in das Hauptkloster Wat Pah Pong. Dort versammelten wir uns vor dem Haus, in dem Ajahn Chah gepflegt wurde. Er lag schon seit einigen Jahren nach mehreren Schlaganfällen im Koma und wurde von seinen Mönchen liebevoll gepflegt. Wir rezitierten die Parittas, verschiedene buddhistische Texte, während Ajahn Chah im Rollstuhl auf seiner Veranda saß.

Dann fuhren wir wieder zurück und die klösterliche Gemeinschaft traf sich später in der Sala, um gemeinsam mit einer ansehnlichen Gemeinde aus den umliegenden Dörfern zuerst buddhistische Texte auf Pali zu rezitieren, und anschließend verbrachten wir die Zeit bis Mitternacht mit Sitz- und Gehmeditation.

Um Mitternacht gab es wahlweise Tee, Kakao oder Kaffee und es wurden braune Palmzuckerstücke gereicht. Das gab einem die nötige Energie, um die ganze Nacht mehr oder weniger wach zu bleiben.

Der Sinn dieser Nachtmeditationen war, wie Karunito erklärte, dass man die tiefer liegenden Herzenstrübungen ins Bewusstsein hole, sie besser kennenlerne und ihnen so etwas von ihrer Macht nehme. Und ja, Geduld würde man auch entwickeln und vor allen Dingen brauchen!

Das hörte sich spannend, ja schon fast wissenschaftlich an, und ich war bereit, sie kennenzulernen, diese tiefer liegenden Herzenstrübungen.

Im Westen würde man diese Uppakilesas, wie sie in der Pali-Sprache heißen, einfach ‚schlechte Launen‘ nennen. Dieses Grummeln im Bauch, dieses Muffelige eines Morgenmuffels, diese Ärgerlichkeit, die manchmal einfach so da ist, oder eine undefinierbare Traurigkeit, dass man sich oft wunderte, woher sie kam. Jetzt sollte sich zeigen, welche Gewohnheiten und emotionalen Reaktionsmuster im Laufe des Lebens vorherrschend waren.

Und all das sollte in der Stille deutlich werden?

Die Nacht schritt voran, und nach dem Mitternachtskaffee praktizierte ich in der Sala Gehmeditation. Einige andere gingen ebenfalls auf und ab, während der Rest im Sitzen meditierte, auf alle Fälle hatten sie die Augen geschlossen. Offensichtlich waren einige im Sitzen eingeschlafen, aber vielleicht handelte es sich ja auch um eine besondere Meditationsmethode, von der ich noch nichts gehört hatte. Der Oberkörper bewegte sich leicht, aber stetig nach vorne, um wieder ruckartig in die sitzende Ausgangsposition zurückgeholt zu werden. Manche saßen kerzengrade, andere mit gekrümmtem Rücken.

Tja, da hat wohl jeder so seine Haltung.

Plötzlich ödete mich etwas an, irgendwie kam eine Unzufriedenheit in mir hochgeschlichen, begleitet von einer sich langsam aufbauenden, ärgerlichen Stimmung. Was machte ich hier eigentlich? Schweigend hin- und herlaufen mitten in der Nacht? Und die da machen das auch!? Was soll das Ganze hier eigentlich? Und der Mönch da, wie der läuft, viel zu schnell für meine Begriffe. Und der da drüben, man kann es mit der Langsamkeit auch übertreiben, oder will er zeigen, wie toll er meditieren kann? Ich war müde und wollte schlafen. Das war aber noch nicht vorgesehen, und so ging ich erst mal pinkeln.

Als ich in die Sala zurückkam, ging das Meckern und Nörgeln in meinem Geist weiter und ein immer stärker werdender Ärger über alles machte sich in mir breit. In dem Wechsel von Geh- und Sitzmeditation verging die Nacht und um vier Uhr morgens läutete eine Glocke, die uns auf unsere Plätze rief, um mit der Morgenrezitation zu beginnen. Das hatte mir gerade noch gefehlt, auf den Fersen sitzend Texte auf Thailändisch und Pali rezitieren, die ich ja eh nicht verstand. Aber auch das ging zum Glück irgendwann vorbei. Anschließend fegten wir die Sala.

Alle Gesichter um mich herum sahen sehr müde aus, die Mönche machten sich bereit, auf Almosengang zu gehen, und auf dem Weg zur Küche rempelte ich Sucinno aus Versehen an, woraufhin er mich böse anschaute und etwas von „Aufpassen, Achtsamkeit und schauen, wohin man läuft“ ärgerlich murmelte. Ah, noch so ein Ärger-Typ, folgerte ich, aber als Mönch sollte er sich gefälligst nicht so anstellen, dachte ich, wo sind liebende Güte, Mitgefühl und Geduld? Du Arschloch!

Das waren sie also, die tiefer sitzenden Herzenstrübungen, die schlechten Launen, die bewertenden und herabwürdigenden Gedanken, diese tief sitzende Traurigkeit, das Gefühl der Einsamkeit, Wut und Ungeduld.

Ja, ich kannte das alles bei mir, aber es fühlte sich einfach nur Scheiße an, so drauf zu sein.

In der Ajahn-Chah-Tradition und ihren vielen Zweigklöstern wurde auf diese Praxis der Nachtmeditation viel Wert gelegt.

Ajahn Chah wollte nicht, dass man sich in einen Kokon angenehmer Gefühle einrichtete, sondern dass man grundlegend mit allen möglichen geistigen Störungen aufräumt. Deshalb sollte man sie kennenlernen und sie an sich selbst erfahren.

Eine Geschichte über ihn verdeutlicht diese Haltung: Manchmal lief er durch das Kloster und fragte einige Mönche, wie es ihnen denn so gehe? Einer sagte: „Ajahn, die Sonne scheint so schön, die Vögel zwitschern friedlich, das Essen war ausreichend und meine Roben riechen heute nach dem Waschen so gut.“ Dazu meinte Ajahn Chah nur: „Schlechte Praxis!“

Ein anderer Mönch teilte ihm mit, dass er heute viel Ärger in sich fühle. Da sei dieser eifersüchtige Gedanke über eine gewisse Begebenheit und überhaupt habe er mit seinen Herzenstrübungen gerade sehr zu kämpfen. Dazu meinte Ajahn Chah: „Gute Praxis!“

Nach dem Essen ging ich in meine Hütte und legte mich schlafen. Das war gerade die beste Praxis für mich. Ich schlief und schlief, bis der Fünfzehn-Uhr-Gong uns alle zur Arbeitsperiode rief. Es fühlte sich an, als ob ich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde.

Was mich oft an solchen Nachmittagen hochhielt, war die Vorfreude auf den Nachmittagskaffee in Ajahns Hütte.

Nach dem Treffen gab es etwas Besonderes. Wir hatten am Waschplatz eine Sauna stehen, die immer nach den Nachtsitzungen angeheizt wurde, und wir genossen es, darin zu sitzen und zu schwitzen. Es war hier Brauch, dass Novizen und die Juniormönche den Seniormönchen Massagen gaben. ‚Gut, dass ich kein Novize bin‘, grummelte es schon wieder in mir, ‚das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt, ich könnte selbst eine Massage gebrauchen.‘

Und so zogen die Tage ins Land. Immer wieder erlebte ich friedliche Meditationen, wurde von meinem Ärger aufgewühlt, studierte die Lehren Buddhas, folgte dem Tagesrhythmus, lernte, mich Kobras und anderen Schlangen gegenüber vorsichtig zu verhalten, und konnte mittlerweile die verschiedenen Ameisen voneinander unterscheiden.

Von Tan Mäo, einem thailändischen Mönch, lernte ich, wie man kleine, aber giftige Skorpione mit den zappelnden Fingern der einen Hand ablenkte, während man sie mit Zeigefinger und Daumen der anderen Hand an deren Stachel packte, um sie dann irgendwohin zu tragen, damit sie niemandem schaden konnten.

Nur einmal ging es schief. Ich hatte den Stachel nicht richtig erwischt. Dafür erwischte mich der Skorpion direkt im Daumen, gefolgt von einem stechenden Schmerz und einer tauben Hand. Aber auch das ging vorbei.

Ich fegte Wege, kochte Wasser, schleppte Wasser, reinigte Toiletten. Die Regelmäßigkeit des klösterlichen Alltags hatte etwas sehr Verlässliches, aber es ödete mich immer wieder mal an und eine gewisse Verdrossenheit mit alledem machte sich in mir breit. Ich musste mal was anderes machen, ich musste mal wieder raus.


Freude und Glück der Welt

An diesem Morgen ging ich vor dem Essen zu Ajahn Pasanno und bat um Erlaubnis, mal wieder in die Stadt fahren zu dürfen. Er fragte, warum ich das denn machen wolle?

„Ich muss hier einfach mal wieder raus, Ajahn“, rutschte es mir unvermittelt aus meinem Mund. Er schaute mich lächelnd an und meinte: „Okay, weil du so ehrlich bist, kannst du nach dem Essen los.“

Eine Welle unglaublicher Freude durchflutete mich. YES!

Und in Gedanken fing ich an mir auszumalen, was ich in der Stadt alles machen würde. Ja klar, drei Sachen fielen mir sofort ein: Als Erstes würde ich in den Eissalon gehen und mir ein riesiges Eis reinschieben, mit Sahne, versteht sich – ich schmeckte es schon fast. Als Zweites würde ich in ein Café gehen und mir eine, zwei oder drei Tassen dieses mit süßer Kondensmilch vermischten schwarzen Thai-Kaffees trinken, und drittens würde ich dazu eine, zwei oder drei Zigaretten rauchen. Yeah!

Nach dem Essen hatte ich es eilig, in meine Hütte zu kommen, schnappte mir meine Tasche und mein Geld und lief freudig aus dem Kloster zum Sammeltaxi.

Ich schwebte, ich hätte vor Freude laut schreien oder irgendwelche Lieder singen können, ich wollte tanzen und der Welt laut mitteilen, wie schön das Leben ist, das gute, gute Leben, der gute, gute Ajahn. Durch nichts wäre diese Freude zu toppen gewesen, aber auch gar nichts. Ich hatte das noch nie so erlebt. Die Freude hätte nicht mehr, nicht stärker sein können, auch nicht dann, wenn ich mir einen Ferrari oder eine Villa gekauft oder eine supertolle Frau kennengelernt hätte.

Dann hielt ich plötzlich inne: Hey, Matthias Jordan, was ist los mit dir? Du bist hier am Platzen vor Freude, ja schon fast in Ekstase – wegen einem Eis, einem Kaffee und zwei Zigaretten?! Hey, Junge, komm mal wieder runter!

Als ich das Sammeltaxi erreichte, hatte ich wohl noch diesen leicht dämlichen Gesichtsausdruck, der entsteht, wenn man sich in irgendwelchen Träumereien verloren hatte. Aber egal. Jetzt konnte es sich nur noch um Minuten handeln, und als ich bei der Eisdiele ausstieg, musste ich feststellen, dass sie heute geschlossen war. „Scheiße“, entfuhr es mir laut und die vorbeigehenden Thailänder lächelten mich freundlich an.

 

Nach diesem Dämpfer blieben noch Kaffee und Zigaretten, und die bekam ich dann auch irgendwo. Mich an die asketische Waldtradition erinnernd, nahm ich nur zwei Kaffee und eine Zigarette. Und noch bevor ich den Kaffee getrunken und die Zigarette geraucht hatte, war dieser Rausch auch schon verflogen.

Ich lernte an diesem Vormittag etwas über die Freude und über die Dinge kennen, die sie in mir erweckten. Ich erkannte, dass es meistens die Freude ist, nach der wir Ausschau halten, die wir gerne erleben und mit der wir am besten immer verbunden bleiben wollen. Aber diese Freude kam aus mir, sie war in mir und wurde durch Vorstellungen und äußere Dinge nur geweckt.

Und es gab so viele Arten der Freude: die leise-feine, die leichte-zufriedene, die sich spontan-äußernde, die meditativ-besonnene, die gebend-mitfühlende, die tief-verbundene, die zärtlich-liebende, aber auch die laute-ekstatische, und die war es, die ich gerade erlebt hatte. Definitiv!

Es war am späten Nachmittag, als ich wieder in meiner Hütte ankam, und ich legte mich erst mal schlafen.

Ich hatte mir ein paar Schleckereien mitgebracht: schwarze Schokolade, die man auch nach zwölf Uhr essen durfte, etwas Käse, der eher als ‚Medizin‘ betrachtet wurde, und für einige Mönche hatte ich ein bestimmtes, sehr begehrtes, gut duftendes Öl besorgt. Auch ich benutzte es, rieb es mir auf Mückenstiche oder einfach nur unter die Nase. Es roch sehr intensiv und besonders in den Nachtsitzungen war es sehr nützlich und half, wach zu bleiben.

Aber um ehrlich zu sein, diente es als Ersatz für die Sinnlichkeit, die ja im Kloster nur sehr begrenzt ausgelebt werden konnte. Es gab nun mal keinen Sex, keine Drugs und auch keinen Rock ’n’ Roll, im weitesten Sinne.

Ja, da blieben nur das Essen, die Kaffeezeiten, manchmal ein Buch lesen und die Meditation in dieser unglaublichen Natur. Es war schon eine riesige Umstellung im Vergleich zu meinem gewohnten Leben in Berlin.

Und ich erkannte, was ich damals alles gehabt hatte, ohne es wirklich wertzuschätzen, eben weil es ständig verfügbar war. Zum Beispiel konnte ich mir in Berlin jederzeit einen Kaffee kochen, hier nicht. In Berlin hatte ich ein nahezu geregeltes Sexualleben und konnte jederzeit den Kühlschrank aufmachen, in Kinos, Kneipen oder Diskos gehen.

Aber jetzt war ich hier im Kloster und hatte nur diese wenigen Dinge. Alles, was man brauchte, beschränkte sich auf die sogenannten Lebensnotwendigkeiten, wie es immer wieder betont wurde. Und das war ja unter anderem der Lebensstil eines Mönches: Man hatte alles, was man brauchte, aber nicht alles, was man wollte.

Regeln

Diese Vorstufen der Ordination wurden auch als eine Gewöhnungszeit ans Mönchsleben angesehen und jeder konnte für sich selbst überprüfen, ob diese Lebensform für einen überhaupt in Frage kam. Das Leben als Pah Kao war schon begrenzt, aber als Novize kamen nochmal einige zusätzliche Regeln hinzu, und als Mönch hatte man sage und schreibe 227 Regeln zu befolgen.

Es gab vier Regeln, genannt Paraschika, gegen die ein Mönch nie verstoßen sollte: Man durfte nicht absichtlich töten, nicht stehlen, keinen Geschlechtsverkehr haben und nicht mit übernatürlichen Kräften prahlen, die man nicht wirklich realisiert hatte.

Wenn ein Mönch eine dieser Regeln brach, hatte er damit automatisch seinen Mönchsstatus verwirkt, ähnlich wie bei der Exkommunikation in der römisch-katholischen Kirche.

Die nächste schwerwiegende Kategorie von Vergehen hieß Sanghadisesa.

Dazu gehörte beispielsweise absichtliches Onanieren, Frauen mit lustvollen Gedanken zu berühren, und sei es nur mit der Fingerspitze, sowie sich als Kuppler zu betätigen.

Hatte man gegen eine dieser Regeln verstoßen, musste man dies sofort einem anderen Mönch ‚beichten‘ und durchlief dann einen Prozess der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft.

Während dieses Prozesses war die gesamte Gemeinschaft über den Regelbruch informiert, man verlor vorübergehend seinen Status in der klösterlichen Hierarchie und es gab noch einige weitere Unannehmlichkeiten, die damit verbunden waren. Wer wollte sich dieser Schmach schon aussetzen?

Es sei darauf hingewiesen, dass für Buddhisten Sinnlichkeit nicht verwerflich oder gar unmoralisch ist. Buddha zeigte allerdings auf, dass das Anhaften an Sinnenfreuden letztendlich zu Leid führt. Mönche und Nonnen hingegen sollten der Sinnlichkeit entsagen, sie durchschauen und den Frieden jenseits der Sinnlichkeit anstreben.

In einer Lehrrede sagte Buddha einst zu den versammelten Mönchen: „Ich erlaube euch nur eine Form der Freude, und das ist die Freude der meditativen Zustände.“

Das war die eigentliche Arbeit eines Mönches: das Kultivieren und Entwickeln meditativer Zustände und Erkenntnisse.

Darüber hinaus gab es noch zahlreiche andere Regeln. Sie regelten die Beziehungen untereinander, zum Kloster, den Umgang mit Roben, Essen, Unterkunft und Medizin sowie das Verhalten in der Öffentlichkeit. Dieses Regelwerk wird Vinaya genannt.

Anfangs gab es gar keine Regeln, denn die ersten Mönche Buddhas hatten genug Weisheit und Wissen, um sich angemessen zu verhalten. Als aber mit der Zeit immer mehr Mönche ordiniert wurden, kam es vermehrt zu anstößigen Verhaltensweisen und Buddha sah sich gezwungen, Verhaltensregeln aufzustellen.

Da kam zum Beispiel eine Gruppe von Mönchen in ein Dorf, die herumerzählten, dass sie Gedanken lesen, in Zukunft und Vergangenheit schauen könnten und verschiedene geistige Kräfte erlangt hätten, mit der Absicht, die Dorfbewohner zu beeindrucken, um von ihnen gut versorgt zu werden. Nachdem Buddha davon gehört hatte, stellte er eine Regel auf, um zukünftiges Fehlverhalten dieser Art zu unterbinden. Jede Regel besaß eine dazugehörige Geschichte ihrer Entstehung.

Okay, ich war aber noch kein Mönch, sondern nur Pah Kao.

Zwar befriedigte auch ich ab und zu meine Sinnesgelüste und rauchte mal ‘ne Zigarette, fuhr ab und zu in die Stadt und aß ein Eis, und irgendwann bekam ich mit, dass sich die anderen Pah Kaos in einer Hütte trafen, heimlich rauchten und selbstgekochten Kaffee tranken.

Ach, schau an, der liebe Mike war auch dabei. Wir waren insgesamt fünf an der Zahl. Es war sehr aufmunternd und eine willkommene Abwechslung zum Klosteralltag.

Tom, der Australier, hatte immer eine kleine weiße Stofftasche bei sich und irgendetwas klimperte beim Gehen darinnen. Als ich einmal die Möglichkeit hatte hineinzuschauen, sah ich zirka zwanzig bis dreißig kleine Glasfläschchen, alle gefüllt mit verschiedenen Duftölen.

Eijeijei – ein Riechöljunkie, sieh an, sieh an, der sein sinnliches Verlangen mit diesen verschiedenen Aromen, die er sich ständig unter die Nase rieb, befriedigte.

Eines Tages wurden wir von Karunito erwischt. Er hielt uns erstmal einen Vortrag über den Sinn und Zweck des meditativen Lebens, der Abgeschiedenheit, gefolgt von der Zurechtweisung, nicht mit anderen abzuhängen und überflüssiges Zeug zu quatschen. Ein Wort, das er ständig benutzte, war ‚Restraint‘, in Deutsch etwa ‚Zurückhaltung‘ oder ‚Zügelung‘. Dann durchsuchte er die Hütte nach weiteren weltlichen Giften und entdeckte neben Zigaretten und Kaffee die Schachfiguren, die Tom in mühsamster Kleinarbeit aus Kerzen geschnitzt hatte. Das war dann doch zu viel für Karunito, und er meldete es dem Abt.

Ajahn Pasanno hatte wohl etwas Verständnis für uns Weltlinge und meinte nur, dass wir das zukünftig sein lassen sollten. Alles klar.


Herzenstrübungen und Hindernisse

Nach dem Essen hatten wir immer Zeit für uns und waren angehalten, auch die Gehmeditation zu üben. Der Gehpfad bei meiner Hütte maß ungefähr dreißig Schritte. Das Dach war mit langem Gras gedeckt und Bambus säumte den Weg rechts und links.

Da lief ich meine Bahnen hin und her und beobachtete, wie mein Fuß anhob, nach vorne ging und aufsetzte, in gleicher Weise gefolgt vom anderen Fuß.

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