Als ich verlor, was ich niemals war

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Bangkok – Tokio – Berlin

Annas Flugzeug würde in drei Tagen in Bangkok Richtung Tokio abheben. Wir packten unsere Rucksäcke, verabschiedeten uns von unseren Freunden, von Jomana und Garun, die das Restaurant betrieben, und dann machten wir uns mit dem Nachtzug auf den Weg nach Bangkok.

Wir stiegen im Malaysia Hotel ab, verbrachten den folgenden Tag in Chinatown und den Straßen von Bangkok, den großen Kaufhäusern, machten eine Schifffahrt auf dem Chao-Phraya-Fluss, gingen noch irgendwo essen und am nächsten Abend fuhren wir mit dem Taxi zum Flughafen.

Es fühlte sich für mich nicht wie ein langer Abschied an, denn wir waren im Laufe unserer Beziehung ja schon öfters einige Monate getrennt und irgendwie gehörten diese Phasen der ‚Trennung‘ scheinbar zu unserer Beziehung. Es hatte also nichts Beunruhigendes oder Trauriges oder gar Dramatisches. Anna freute sich darauf, nach Japan zu fliegen und eine neue Erfahrung zu machen, und ich freute mich darauf, mich mit der Meditation und der Lehre Buddhas eingehender zu beschäftigen, auch wenn das in den nächsten Monaten in Berlin sein würde statt in einem Kloster.

Im Flughafengebäude fanden wir noch zwei freie Plätze in einem Restaurant, tranken noch eine Cola und aßen einen Hamburger. Dann brachte ich sie zum Check-in. Dort umarmten wir einander innig und verabschiedeten uns mit einem liebevollen Kuss und ich wünschte ihr alles Gute in Japan. Natürlich wollten wir in Kontakt bleiben, ab und zu mal schreiben, ab und zu mal telefonieren. Dann ging alles sehr schnell. Ihr Flug wurde aufgerufen, sie ging zum Check-in und weg war sie. Mutige Frau, dachte ich so bei mir, als ich den Flughafen verließ und mich ein Taxi zurück ins Hotel fuhr.

Ich hatte noch drei Tage in Bangkok, bis auch mein Flieger nach Berlin zurückflog. Ich wandte mich wieder der Meditation zu. Auf der Dachterrasse des Hotels übte ich mich in Gehmeditation, ging tagsüber zur Schlangenfarm, machte ein paar Ausflüge, besuchte das Kloster Wat Po, kaufte mir ein Buch über Zen-Buddhismus, verbrachte ein paar Stunden den Spiegel lesend im Goethe-Institut und war alles in allem zufrieden mit dem, wie es gerade war.

Im Goethe-Institut kam ich mit einem Deutschen ins Gespräch.

Er hatte sich kürzlich mit einer Thailänderin vermählt und freute sich darauf, den Rest seines Lebens in diesem wunderbaren Land zu verbringen. Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht und nicht daran gedacht, mit seiner Frau, die mittlerweile von ihm schwanger war, zu besprechen, an welchem Ort sie zukünftig gemeinsam leben wollten. Wie sich dann herausstellte, war sie der festen Überzeugung gewesen, dass sie gemeinsam nach Deutschland gehen würden, um dort zu leben. Der junge Mann wirkte recht verzweifelt.

Die Griechen prägten für diesen Zustand das Wort ‚Dilemma‘, und auf Thai heißt das: Glühn mai gao, gleih mai ork – was so viel bedeutet wie: ‚Man kann es nicht herunterschlucken, aber auch nicht ausspucken.‘

Ich wünschte ihm trotzdem alles Gute und war froh, nicht in seiner Haut zu stecken.


Zurück in Berlin

Das Flugzeug landete irgendwann mittags in Berlin, ich nahm Bus und S-Bahn und war wieder in Berlin-Moabit. Mein Bruder Reinhold, der mittlerweile bei mir wohnte, war gerade in Fulda und ich schlief erst mal für den Rest des Tages. Ich hatte noch keine Lust, irgendjemanden zu sehen. Ich kaufte ein paar Lebensmittel und verbrachte den Abend bei mir, mit mir, und es fühlte sich gut an. Ich spürte weiterhin diese innere Gesammeltheit und Gelassenheit, meditierte ein paar Stunden und genoss die Ruhe und Stille und das Schweigen, denn es war ja niemand da, und die Geräusche der Straße störten mich nicht.

Am nächsten Tag traf ich dann meine Freunde und Bekannten wieder.

Ich wohnte im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses und fast direkt unter mir machte eine neue Kneipe auf. Die Betreiber waren ehemalige Mitglieder der „Bewegung 2. Juni“, ein Ableger der RAF. Sie wurden durch die Lorenzentführung berühmt und berüchtigt, und nachdem sie ihre Haftstrafe abgesessen hatten, eröffneten einige von ihnen diese Kneipe, die sie bezeichnenderweise ‚Untergrund‘ nannten.

Fritz Teufel saß immer mal morgens dort und frühstückte und ich lernte Gerald, der als Geschäftsführer fungierte, kennen und mögen. Er war einer der Köpfe der „Bewegung 2. Juni“ gewesen. Seine Frau hatte, glaube ich, sieben Jahre auf ihn gewartet, bis er wieder aus dem Gefängnis entlassen wurde. Wir trafen uns regelmäßig im ‚Untergrund‘, tranken Bier, aßen Pommes, spielten Karten und ließen die Zeit an uns vorüberziehen.

Diesmal wusste ich schon, wann mein nächster Flieger zurück nach Bangkok gehen würde, und somit hatte ich ein klares Datum und genügend Zeit, um hoffentlich genug Geld zu verdienen. Wir schreiben das Jahr 1987, es ist Mai und ein paar Aufträge für Platten legen, Zäune bauen und Rasen anlegen kommen herein.

Immer noch zehrte ich von diesen Tagen in Suan Mokkh, auch meditierte ich fast regelmäßig, aber der Alltag hatte mich wieder mit den gewohnten Freizeitbeschäftigungen, den Treffen mit meinen Freunden und Kneipenbesuchen eingefangen.

Anna ruft an und erzählt, dass sie ein kleines Zimmer und auch einen Job gefunden habe. Sie arbeite in einem Club und verdiene dabei eine Menge Geld. Es gehe ihr gut, sie vermisse mich auch ein wenig, aber ansonsten habe sie ein paar Mädels aus England und Deutschland kennengelernt, mit denen sie ab und zu durch Tokio streife. Ich freute mich für sie. Mutige Frau, dachte ich mal wieder.

In Suan Mokkh hatte ich mir ein paar Bücher in englischer Sprache gekauft und machte mich daran, mit den Lehren des Buddha vertraut zu werden, las, was Ajahn Buddhadasa lehrte, und versuchte auch im Alltag Achtsamkeit zu üben.

An diesem Nachmittag musste ich am Geldautomaten warten, bis eine Frau vor mir fertig war, und als ich meine Karte reinsteckte, bemerkte ich, dass da noch zwanzig Mark im Schlitz steckten. Sie konnte noch nicht weit sein und tatsächlich nahm ich den Schein, lief hinter ihr her und sagte, dass sie etwas vergessen habe. Vor wenigen Monaten noch hätte ich mir allerdings überlegt, ob ich ihn nicht lieber selbst behalten sollte. Ich staunte über mich und ordnete diese Ehrlichkeit dem meditativen Prozess zu, der bereits Früchte zu tragen schien.

An einem Abend ging ich mal wieder in den ‚Untergrund‘. Die meisten Stühle waren besetzt, an der Theke standen zwei Männer, die sich unterhielten, und ich verfolgte die Unterhaltung ein wenig. Ich weiß nicht mehr den Inhalt des Gesprächs, aber ich bemerkte an einem Punkt der Unterhaltung, dass der eine die Frage des anderen nicht verstanden hatte, aber trotzdem eine Antwort darauf gab. Dem anderen fiel das gar nicht auf und sie redeten weiter.

Und dann hörte ich mal genauer hin, auch auf das, was ich so sagte.

Ich erschrak darüber, wie wenig man sich gegenseitig zuhörte und wie emsig jeder darauf bedacht war, seine Geschichten loszuwerden.

Da meine Achtsamkeit auch weiterhin alles erfasste, bemerkte ich, wie ich schneller atmete, nur um mit der nächsten Ausatmung auch meine Geschichten zum Besten geben zu können. Ich fühlte mich langsam davon gestresst, kaum einen Satz entspannt zu Ende sprechen zu können, und es begann mich zu nerven. Hörte überhaupt irgendjemand zu?

Ich hatte keine Lust mehr, abends zu saufen, zu kiffen, in Kneipen zu sitzen und Karten zu spielen oder mit irgendwelchen Frauen zu schlafen. Es machte mir keine Freude mehr und fühlte sich so sinnentleert an.

Während einer Meditation in Suan Mokkh hatte ich eine entsprechende Erkenntnis und sagte zu Santikaro: „Ich glaube, dass achtzig Prozent der menschlichen Kommunikation aus Missverständnissen besteht.“ Und er meinte nur: „Nein, neunundneunzig.“

Da ich nicht jeden Tag arbeitete, begann ich Gedichte und Geschichten aufzuschreiben, hängte mir abends eine Leinwand an die Wand und malte abstrakte Bilder mit Titeln wie ‚Der Abstand zwischen zwei Punkten ist immer gleich‘ oder ‚Alle bedingt entstandenen Erscheinungen vergehen‘ oder ‚Offene Verbindungen‘.

Es machte mir viel Freude, und ich hatte das erste Mal das Gefühl, Kunst zu machen. Ich entdeckte zwar den Gedanken in mir: Wie werden diese Bilder anderen gefallen? Aber auch hier hatte ich genug Achtsamkeit, die das Gieren nach Beifall und Anerkennung entlarvte und diese Gedanken sofort verwarf. Ich fühlte mich so frei und präsent wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Als ich gerade von einer Baustelle zurückkam, rechnete ich einige Posten im Lkw schnell durch, schaute auf die Straße, sah die Autos, sah die vorbeieilenden Menschen und fragte mich, wohin die denn alle gehen. Plötzlich kam der Gedanke: „Will ich das eigentlich mein ganzes Leben lang machen?“ „Nein!“, war die entschiedene Antwort aus irgendeiner Ecke meines Gehirns – oder kam es aus meinem Herzen?

Ich will dich, Leser, nicht mit weiteren, belanglosen Geschichten langweilen, die sich sowieso immer nur wiederholten.

Die Tage zogen ins Land, der Sommer kam und ging auch wieder und eine leise, aber stetige Ernüchterung und Übersättigung machte sich in mir breit.

Mit meinem Bruder Reinhold erlebte ich ein paar schöne Zeiten. Nach durchgezechten Nächten in Diskos und Kneipen fuhren wir morgens zum Teufelsberg, filmten uns gegenseitig mit einer Videokamera, schauten uns Sonnenaufgänge an, philosophierten über das Leben, genossen die Zeit miteinander, und der Tag meiner Abreise kam immer näher, worauf ich mich freute.

 

Es war kurz nach Weihnachten, als ich mich freudig und leicht mit meinem Rucksack und einem Ticket auf den Weg nach Bangkok machte.


Wat Pang Bua – das Kloster am Lotusteich

Anna war schon zwei Tage in Bangkok und wir trafen uns im vereinbarten Hotel, fielen uns in die Arme, und es fühlte sich so an, als ob keine Zeit seit unserer letzten Begegnung verstrichen war. Sie sah gut aus, hatte ihre Haare hellblond gefärbt, und wir erzählten einander die Geschehnisse der letzten Monate.

Wir hatten Pläne: erst nach Koh Samui und dann gemeinsam nach Indien.

Koh Samui war wie immer – Sonne, Strand und Meer. Art und Andy waren auch wieder da und wir machten das, was man auf so einer Insel eben macht. Wir hatten ja schon Übung darin.

Ich erfuhr, dass es hier auch ein kleines Kloster gab, namens Wat Pang Bua, was so viel heißt wie ‚Kloster am Lotusteich‘. Es war ein Zweigkloster von Suan Mokkh, und zu meiner Freude würde dort bald ein Meditationskurs stattfinden. Voller Begeisterung erzählte ich Anna davon, die ebenfalls Interesse zeigte, mitzumachen. Einige Tage später meldeten wir uns an und checkten ein.

Es war wieder ein Schweigekurs und Anna und ich würden nun zehn Tage keinen Kontakt miteinander haben. Santikaro war da, Ajahn Ranschuan und Ajahn Po, ein damals zirka sechzigjähriger Thai-Mönch, der in Suan Mokkh als zweiter Abt fungierte. Sein Englisch war eher dürftig und sehr bedächtig, aber es klang irgendwie süß.

Wie mir jemand erzählte, hatte Ajahn Po sieben Jahre in einer Höhle gelebt, und er meinte später mal, dass man im Dunkeln das Licht seines Geistes einschalten müsse.

Er hatte angeblich fortgeschrittene Stufen der Meditation erlangt, manche behaupteten sogar über ihn, dass er geistige Kräfte wie das Gedankenlesen und Ähnliches entwickelt habe.

Einige Jahre später kam er mir mal in einer stockdunklen Nacht entgegen und stand plötzlich vor mir. Ich selbst hatte natürlich eine Lampe in der Hand, denn es gab hier sehr viele Giftschlangen, und man musste besonders nachts aufpassen, wohin man seinen Fuß setzte. Aber er lief ohne Lampe herum. Bei einem späteren Retreat fiel ein Teilnehmer von einem Podest herunter und musste ins Krankenhaus gebracht werden, und obwohl sich Ajahn Po zu der Zeit drei Kilometer weiter weg aufhielt, meinte er am nächsten Morgen, was denn gestern Abend passiert sei, denn er sei unruhig geworden.

Es gab ein Problem mit den Toiletten in diesem Kloster, denn sie wurden nur noch für diese Retreats benutzt, die vielleicht viermal im Jahr stattfanden. Die Wurzeln der Bäume wuchsen in die Abwasserrohre hinein und verstopften alles, so dass nichts mehr abfließen konnte. Ajahn Po suchte Freiwillige, die sich dieses Problems annahmen. Ist ja klar, dass ich dabei war.

Er wickelte etwas Stacheldraht um ein Bambusrohr, damit wir so die Wurzeln und alles, was sich da noch so verfangen hatte, herausziehen konnten. Wir machten uns an die Arbeit, aber die Wurzeln waren zu dick geworden, so dass diese ‚Werkzeuge‘ einfach nicht funktionierten. Ich musste kurz überlegen, griff dann aber mit bloßen Händen beherzt in diese Rohre und riss alles, was da drinnen war, heraus. Nach erledigter Arbeit mussten wir uns erst mal ordentlich waschen. Es fühlte sich irgendwie gut an, trotz der ganzen Fäkalien an Armen und T-Shirt.

Ajahn Po lächelte uns anerkennend zu und meinte, dass wir uns gerade in Dhammaduty geübt hätten, einer zu erledigenden Aufgabe, die für alle nützlich sei. Selbstloses Tun und das Erfüllen einer notwendigen Aufgabe seien genauso wichtig und nützlich wie Meditation, meinte er noch.

Ich konnte das zwar nicht ganz glauben, freute mich aber über sein Lob und seine Anerkennung. Das kam meiner frühkindlichen Konditionierung entgegen, denn Lob verschaffte mir eine gewisse Sicherheit des Seins im Leben.

Dann traf ich einen weiteren Westler in Mönchsroben, der Ajahn Po bei diesem Retreat unterstützen sollte. Ich sprach ihn auf Englisch an und er antwortete mir auf Englisch. Definitiv hörte ich hier einen bayrischen Slang heraus. Und so war es auch.

Viriya war sein Mönchsname und er lebte eigentlich in Suan Mokkh, aber war immer mal in anderen Klöstern unterwegs. Seit vier Jahren sei er nun schon in Roben, nachdem er in München einfach keinen Sinn mehr in seinem Leben fand und es ihn schließlich, nach mehreren Meditationskursen, hierher verschlagen hatte.

Ajahn Po hatte einen Gong in der Hand und brauchte etwas, um ihn anzuschlagen. Ich fand einen passenden Stock und schlug gegen den Gong, dass es nur so schepperte. Ajahn Pos Rat folgend wickelte ich ein Tuch um den Stock, schlug ihn wieder an, und er sagte: „Jetzt ist es anders.“ „Ja, jetzt ist es besser“, ergänzte ich. „Anders“, meinte er wieder, „ja, besser“, sagte ich nochmals, woraufhin er mich einfach nur anlächelte. Irgendetwas hatte ich in dem Moment verstanden.

Wir waren zirka fünfundzwanzig Teilnehmer. Ajahn Po, Santikaro, Viriya und Ajahn Ranschuan waren unsere Lehrer – oder besser gesagt, unsere spirituellen Freunde, die den Retreat leiten würden.

Dann begann der Retreat mit einer Einführung. „Meine lieben Freunde im Dhamma …“, eröffnete Ajahn Ranschuan ihren Vortrag an diesem Abend, und eine Welle tiefer Vertrautheit machte sich auf den Weg durch meinen ganzen Körper.

Es ging in diesem Retreat wie immer darum, seinen Geist auf das zu richten, was im Moment stattfindet, egal, was man gerade tut, und zur Erinnerung: Das war die Achtsamkeit, der Schlüssel zur Weisheit. Diesen Satz hatte ich nicht vergessen. Er hatte etwas Geheimnisvolles, ja fast schon magisch Vielversprechendes, und ich wollte mehr darüber erfahren.

Meditation

Eines Abends saßen wir wieder in der Meditationshalle und waren angehalten, den Atem immer wieder zu spüren, sollten beobachten, wenn sich Gedanken einschleichen würden, diese bemerken und dann erneut zum Atem zurückzukehren – immer wieder und immer wieder. „Es brauche Geduld, viel Geduld“, meinte Ajahn Ranschuan in ihrer sanften, freundlichen und liebevollen Art. Sie hatte Recht!

Da saß ich nun, Matthias Jordan, Wahlberliner, Landschaftsgärtner, dreißig Jahre alt, in Beziehung lebend, keine Kinder, keine Pläne, keine Ahnung, wie das Leben weitergehen würde. Aber es war mir egal, ich machte mir keine großen Sorgen oder Gedanken über die Zukunft und ließ alle diese Gedanken kommen und wieder gehen und kommen und wieder gehen, konzentrierte mich nach Anleitung auf meinen Atem, immer wieder und immer wieder.

Und dann spürte ich auf einmal an der Nasenspitze dieses feine Gefühl des Atems, spürte für die gesamte Dauer des Atmens dieses Gefühl, es zog mich an, es zog mich hinein und dann war nur noch Atem da, fein, leicht, nur das und mehr nicht, aber begleitet von einem Gefühl tiefer, ausgedehnter Freude. Ich fühlte mich nur noch als Atem, ohne irgendwelche Gedanken. Ich war hier, und zwar genau hier.

Als der Gong erklang, hörte ich die vibrierenden Wellen des Schalls an mein Trommelfell klopfen, sie wurden dann immer feiner und leichter, bis ich schließlich nichts mehr hörte. Ich saß da, die Beine schmerzten jetzt, aber es war mir egal, es waren nur Empfindungen, ohne dass sie mich irgendwie irritierten. Stattdessen fühlte ich eine innere, noch nie erlebte feine Freude, und es kam mir der Gedanke: Ich bin der Atem. Denn der war immer noch im Vordergrund meiner Wahrnehmung.

Die Abendsession war beendet und ich ging zurück in mein sehr kleines Zimmer, das mir Ajahn Po angeboten hatte. Es war etwas über einen Meter breit und gut zwei Meter lang und so musste ich nicht mit den anderen in den Dormitorien schlafen.

Hier hatte ich meine wenigen Sachen verstaut, übersichtlich und klar. Ich legte mich hin und verweilte noch in diesem Frieden, bis wir wieder um vier Uhr von der Glocke zur Morgenmeditation geweckt wurden.

In den Pausen saß ich am Lotusteich, schaute auf die rosa Blüten und die grünen Blätter, spürte den warmen Wind auf meiner Haut, sah leichte Wellen auf dem Teich tanzen, vom gleichen Winde gekräuselt, und beobachtete Ameisen bei ihrem geschäftigen Treiben. Alles bewegte sich in seiner eigenen Natürlichkeit und ich fühlte in mir einen tiefen Frieden.

Nach einem der Vorträge über das Anhaften und die daraus resultierenden Konsequenzen des Leidens in seinen mannigfaltigen Formen, wie Ängsten, Sorgen und Unsicherheiten, lud Ajahn Ranschuan zu Fragen ein. Ein Teilnehmer meinte, dass es doch auch positives Anhaften gäbe, wie das an seinen Kindern oder seinen Liebsten.

Dazu meinte Ajahn Ranschuan nur: „Nein, man kann seine Liebsten auch ohne Anhaftungen lieben, denn Anhaftungen führen immer zu Sorgen, Kummer, Leid und Schmerz und besetzen den Geist. Ein sorgenvoller Geist ist immer in der Zukunft, also nie im Jetzt. Weiterhin besitzt ein anhaftender Geist nicht mehr die Fähigkeit, Veränderungen zu akzeptieren, weil er schon eine Vorstellung davon hat, wie etwas zu sein habe, und so wird der natürliche Fluss der Dinge behindert …“ Das war eine sehr klare Ansage.

Dann sprach sie über Gefühle und erklärte, dass sie nichts Reales seien, sondern immer nur aufgrund von Bedingungen entstünden. Bevor ein Gefühl entstehen könne, müsse es immer zu einem Kontakt über die Sinne kommen, und dann entstehe entweder ein angenehmes, unangenehmes oder neutrales Gefühl.

Eijeijei, war das eine nüchterne Betrachtung der so hochgeschätzten Gefühle, dachte ich bei mir. Und sie ergänzte, dass man mal beobachten solle, wie schnell sich diese Gefühle immerzu verändern würden. Und meine Gefühle änderten sich – und zwar immerzu.

Am nächsten Tag war es aus unerklärlichen Gründen vorbei mit dem Frieden.

‚Scheiße‘, dachte ich, ‚was ist los?‘ Tausende von Gedanken während der Meditation, keinen ruhigen Geist mehr – und mein Ärger war wieder im Anmarsch.

Mein kritischer Blick war plötzlich wieder unterwegs, ich fand wieder jemanden, den ich geistig runtermachte und abwertete. ‚Wie die dasitzt, wie der da läuft …‘, und dann passierte es, dass jemand seinen Löffel während des Essens fallen ließ. In der Stille der im Schweigen eingenommenen Mahlzeit klang der auf den Steinfußboden aufschlagende Löffel wie ein Auto, das gegen eine Wand fuhr.

Voller Verachtung trafen den Verursacher meine bösen Gedanken: ‚Du Idiot, du sollst doch achtsam essen, aufpassen, was du machst, nicht deinen belanglosen Gedanken hinterherjagen und verdammt nochmal diesen Löffel festhalten.‘ Und immer weiter ging es in diesem ärgerlichen Gedankenstrom, bis ein Gong das Ende der Mahlzeit anzeigte und ich mir bewusst wurde, welche Gedanken ich gerade hatte, oder besser gesagt, welche Gedanken mich gerade hatten.

Hat das denn nie ein Ende? Nein, es hatte noch kein Ende, und wenn doch, dann nur ein vorläufiges. Aber so wie der Ärger kam, so ging er auch wieder, und es wurde wieder zur Meditation eingeladen, angekündigt durch einen Gong.

Und auch diese Tage vergingen in äußerlichem Schweigen, aber innerlich gab es immer wieder diesen Aufruhr, ein Wechselbad der Gefühle und vieler Erinnerungen und Gedanken, die einfach kamen, ohne eine Einladung abzuwarten. Und die meisten dieser Gedanken hätte ich bestimmt nicht eingeladen. Dann kam der letzte Tag und das Schweigen wurde wieder ‚gebrochen‘.

An diesem frühen Abend saß ich an meinem Lieblingsplatz, am Lotusteich, und zeichnete mit einem Stöckchen verschiedene Zeichen in den Sand, beobachtete die Ameisen, spürte den warmen Wind auf meiner Haut und fühlte eine unglaubliche Stille in mir.

Ich war dem Schweigen näher als dem Reden und dann stand Anna vor mir. „Na“, meinte sie zu mir, und ich wusste nichts darauf zu erwidern, zwang mich aber zu einem „Na“, und ein paar Worte fielen nur langsam aus meinem Mund.

Es gab gerade nicht wirklich etwas zu sagen und so schwiegen wir, und ich deutete an, dass es mir gerade lieber wäre, noch etwas allein hier zu sitzen. Anna musste sowieso noch etwas erledigen.

Dann gab es eine letzte Abendmeditation und einen letzten Vortrag mit praktischen Hinweisen für den Alltag und Ermutigungen, die Meditation weiter zu üben.

Von all den Worten, die Ajahn Ranschuan an diesem Abend sprach, sind mir bis heute zwei Sätze sehr deutlich in Erinnerung geblieben: „Mache das Beste aus jedem Moment!“ und „Werde dein bester Freund!

Am nächsten Morgen herrschte die übliche Aufbruchsstimmung.

 

Matten, Sitzkissen und Petroleumlampen wurden weggeräumt, Rucksäcke gepackt, Erfahrungen ausgetauscht, Adressen auch, und wir verabschiedeten uns von Santikaro, Viriya, Ajahn Po und Ajahn Ranschuan.

Irgendwie hatte Anna etwas ‚Seltsames‘ an mir wahrgenommen – und ich selbst auch.

Beim Abschied fragte sie Ajahn Ranschuan, ob es denn möglich sei, den spirituellen Weg gemeinsam in einer Partnerschaft zu leben, oder müsse man dazu in ein Kloster gehen? Ajahn Ranschuan meinte auf diese Frage, dass es wundervoll für eine Partnerschaft sei, wenn man auch hier einen gemeinsamen Weg gehen würde. Anna schien mit dieser Antwort sichtlich zufrieden zu sein und mich beschlich das leise Gefühl, dass sie die Frage nur gestellt hatte, damit ich diese Antwort hörte.

Indien oder nicht?

Bevor wir nach Indien weiterreisen wollten, gingen wir zurück zu unserer Bungalowanlage am Chaweng Beach. Ich fühlte mich sehr mit mir verbunden, sehr auf mich selbst fokussiert, und meine Achtsamkeit war gut entwickelt.

Anna fand die Meditation und die Lehre Buddhas ganz interessant, war aber doch nicht so sehr beeindruckt davon wie ich und wollte weiter nach Indien. Aber wollte ich auch nach Indien? Hier auf Koh Samui erwartete uns das Übliche: Sonne, Strand und Meer, viel gutes Essen und Kokosnuss-Milchshakes. Es faszinierte mich nicht mehr.

Traum

In dieser Nacht hatte ich folgenden Traum: Ich wache morgens auf, gehe ins Restaurant und alle sehen sehr krank aus, sind weiß im Gesicht, haben dunkle Ringe unter den Augen und sie laufen sehr schleppend und müde umher, wie von einer Krankheit befallen, aber scheinen es selbst nicht zu bemerken. Ich spüre nichts von den Symptomen und will herausfinden, was los ist. Als ich in der Stadt ankomme, sehe ich eine Amerikanerin, und sofort weiß ich, dass sie weiß, was passiert ist, dass sie vielleicht etwas damit zu tun haben könnte. Ich stürme auf sie zu, sie rettet sich in einen Fahrstuhl, ich schaffe es gerade noch hinein und frage sie: „Was ist hier los?“ Sie will erst nichts sagen, druckst herum, aber ich bleibe dran, zwingend, beständig, fordernd, und lasse nicht locker, bis sie sagt: „Es ist hier eine Kokosnuss-Epidemie ausgebrochen.“

Der Traum hatte eine Bedeutung, die sich mir nur gefühlsmäßig erschloss.

Kurz gesagt: Auch das Schönste, Schmackhafteste, Beste, Tollste wird eines Tages, irgendwann einmal öde, spröde und ohne Geschmack und Faszination sein. Und wenn man das nicht bemerkt, kann einen auch das Schönste und Beste krank machen.

Dieses Gefühl hatte ich in etwas abgemilderter Form mittlerweile bei allem, was ich auf dieser Insel machte, sogar wenn ich mit Anna schlief, bekam das auch diesen Geschmack, und ich begann mir Sorgen zu machen. Aber worüber sorgte ich mich eigentlich? Dass mir Bekanntes genommen wird, dass ich das ‚Schöne‘ nicht mehr als solches sehen, fühlen und erleben konnte, dass sich eine tiefe Ernüchterung in mir breit machte? Was passierte hier eigentlich mit mir?

Ich sprach mit Anna. Ich wollte nicht nach Indien, ich wollte nach Suan Mokkh, sie könnte ja mitkommen. Denn zum Abschied hatte Santikaro noch in einem Nebensatz erwähnt, dass man auch außerhalb der Retreats in Suan Mokkh willkommen sei, und das hatte ich mir gemerkt, und mehr noch, es wurde für meine Ernüchterung zu einer Art Rettungsring und allein der Gedanke daran gab mir ein besseres Gefühl.

Anna wollte nach Indien und ich nicht – und – wir hatten ein Problem.

Wir überlegten und erwogen verschiedene Möglichkeiten und kamen zu der Lösung, dass jeder das tun solle, was er mag, und wir uns ja wieder in Nepal, in Katmandu, treffen könnten, in sechs Wochen oder so, den genauen Zeitpunkt wollten wir noch bestimmen.

Sie würde noch eine Woche auf Koh Samui bleiben, bevor sie nach Indien aufbrach.

Sie war enttäuscht darüber, dass ich nicht mitwollte, und ich war auch enttäuscht, aber vor allem war ich ernüchtert: in Bezug auf Sonne, Strand und Meer, von all den Kokosnuss-Milchshakes, dem Windsurfen, den Stranddiskos – von allem.

Und hier fasse ich dieses Wort ‚Enttäuschung‘ im wahrsten Sinne seiner Bedeutung auf, dass ich keiner Täuschung mehr erliegen wollte, ja nicht einmal erliegen konnte, sogar, wenn ich es gewollt hätte. Irgendetwas in mir hatte verstanden, dass es da draußen in der Welt nichts gibt, was eine Beständigkeit von Freude oder Glück versprechen konnte. Ich war wirklich satt!

Abstecher nach Suan Mokkh

Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von Anna und wir verabredeten, uns mit Telegrammen auf dem Laufenden zu halten und uns in Nepal wiederzutreffen.

Ich nahm die Nachtfähre, kam morgens in Surat Thani an, nahm den Bus nach Suan Mokkh, stieg aus und betrat dann dieses wunderbare Waldkloster. Ich fühlte diese Stille und Ruhe, spürte den Frieden und die Geborgenheit der riesigen Bäume.

Santikaro begrüßte mich und zeigte mir ein großes Dormitorium, in dem ich mich einrichten könne. Es waren noch drei andere Männer da. Einen kannte ich noch vom letzten Retreat.

Dann schlenderte ich durch den Wald, ging zur Meditationshalle im Dschungel, setzte mich zur Meditation hin und fühlte plötzlich eine große Welle der Traurigkeit und Schwermut über mich hereinbrechen.

Was machte ich hier eigentlich? War das richtig, war das falsch? Anna alleine nach Indien gehen zu lassen? Bin ich verrückt geworden? Tief in mir drinnen wusste ich, dass ich am richtigen Ort war, aber irgendwie wusste ich auch, dass ich bei Anna sein sollte. Ich fühlte diese tiefe, schwere, innere Zerrissenheit und wusste nicht mehr, was richtig oder falsch war.

Da saß ich nun, alleine, mitten im Dschungel, und weinte die bitterlichen Tränen des Abschiednehmens. Aber es war nicht nur der Abschied von Anna. Erst später verstand ich, dass es der Abschied von meinem gewohnten Leben war, von allem, was ich bisher gelebt und geliebt hatte und was mir doch nicht die Erfüllung bieten konnte, wonach sich mein innerstes Wesen so sehr sehnte. In diesem Moment verstand ich nichts mehr. Ich sehnte mich nach Gesellschaft, nach Vertrautem, letztendlich nach Liebe und Verbundenheit, und dann war mir klar, was ich zu tun hatte.

Ich packte meine Sachen und versuchte Santikaro zu erklären, was in mir geschah. Der meinte nur, ich solle mir einen Baum aussuchen und dort ein Blatt beobachten, das sich im Wind hin- und herbewegt. Das versuchte ich drei lange Minuten und machte mich dann auf den Weg zur Hauptstraße.

Dort erwischte ich ein Taxi nach Surat Thani und hatte noch ein paar Stunden Zeit, bis die Nachtfähre ablegen würde. Ich kaufte mir eine Flasche Mekong-Whisky und betrank mich, fand aber noch den Weg zu meinem Platz auf der Fähre, wo ich bald darauf einschlief.

Einige Stunden später wurde ich vom Tuten der Fähre geweckt, packte leicht verkatert meine Sachen, denn in zirka zehn Minuten würden wir in Koh Samui anlegen.

Wieder ein Sammeltaxi, das mich zu ‚meinem‘ Strand brachte.

Anna und ich freuten uns beide sehr, umarmten und küssten uns, und doch klang immer noch im Hintergrund der Abschied mit seiner dumpfen Melodie, ein Abschied, der sich nur etwas verzögern würde.

Nach ein paar Tagen auf Koh Samui fuhren wir gemeinsam nach Bangkok und bezogen ein Hotel. Anna kaufte sich ein Ticket nach New Delhi, und ein paar Tage später brachte ich sie zum Flughafen.

Ich war froh, dass ich diese Entscheidung getroffen hatte und Anna noch mal sah, bevor sie nach Indien aufbrach. Alles zu seiner Zeit – auch die Erleuchtung konnte noch etwas warten.


Zurück nach Suan Mokkh

Am übernächsten Tag war ich wieder auf dem Weg nach Suan Mokkh und kam noch rechtzeitig zum nächsten Retreat. Alles war gut!

Ajahn Po, Ajahn Ranschuan und Santikaro würden ihn leiten. Ich erkannte ein paar vertraute Gesichter, Jean, der ‚blöde‘ Franzose, war auch da, wir freuten uns über das Wiedersehen und so schwang ich mich langsam, leise und freudvoll auf zehn Tage des Schweigens ein.

Als der Retreat zu Ende war, blieb ich.

Ich fuhr nach Chaiya, einem kleinen Ort zirka fünfzehn Kilometer von Suan Mokkh entfernt, mit einem Bahnhof, zwei Hotels, einer Bank, vielen Geschäften, und ließ mir beim ansässigen Friseur die Haare abrasieren. Da fielen sie, meine blonden Locken, im Takte des Rasierers langsam, aber stetig zu Boden, bis ich mich das erste Mal ohne Haare im Spiegel sah.