Sophienlust 321 – FamilienromanText

Aus der Reihe: Sophienlust #321
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Sophienlust – 321 –

»Das Wetter bessert sich«, stellte Felicitas Laser fest. Sie wandte sich ihrem Freund zu. »Burkhard«, bat sie, »könnten wir nicht von der Autobahn abfahren? Du siehst doch, der Nebel weicht, die Sonne kommt. Da wäre es schöner, den Neckar entlangzufahren.«

Burkhard Hold, der froh war, endlich auf das Gaspedal treten zu können, seufzte hörbar. »Wenn wir den Neckar entlangfahren, dann kommen wir nicht vorwärts. Wir sind dann auf keinen Fall mittags in Heidelberg.«

»Es ist doch egal, wann wir dort sind«, versuchte Felicitas es noch einmal. »Heute ist Sonntag. Wichtig ist, daß wir einen schönen Tag erleben. Wir können ja auch irgendwo am Neckar essen und dann dort wandern.«

»Nein.« Burkhard sagte das sehr entschieden. »Erinnere dich bitte, du wolltest nach Heidelberg.«

»Ich wollte nicht nach Heidelberg. Ich wollte einfach wieder einmal einen Sonntag im Freien verleben«, korrigierte Felicitas. Sie lehnte sich zurück. Auf ihren Lippen lag noch ein Lächeln, als sie fortfuhr: »Ich habe auch die Absicht, diesen Tag zu genießen.«

»Gut, an mir soll es nicht liegen.« Burkhard bedachte seine Freundin mit einem Seitenblick. »Aber wir haben bereits ein Programm gemacht, und ich sehe nicht ein, warum wir es ändern sollen. Wenn wir noch vor dem Mittagessen das Schloß besuchen wollen, dann müssen wir uns sputen.« Er trat das Gaspedal durch und lenkte das Auto über die Überholspur.

Jetzt seufzte Felicitas. Sie tat es unbewußt. Sie haßte dieser Raserei.

»Wenn es dir zu schnell geht, dann mache die Augen zu«, schlug Burkhard vor und lachte.

Felicitas lehnte sich fester in ihren Sitz und tat das, was er ihr gesagt hatte. Doch nach einiger Zeit blinzelte sie wieder. Sie sah die Raserei nicht ein.

»Burkhard«, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Heute ist Sonntag. Der ganze Tag gehört uns. Wir haben doch Zeit.«

»Denkste!«

Burkhard nahm die Hand vom Steuer und hielt sie Felicitas so hin, daß sie seine Armbanduhr sehen konnte. »Der halbe Tag ist schon fast im Eimer.«

Felicitas spürte, daß sie ärgerlich wurde. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, an diesem Tag es nicht zu einem Streit kommen zu lassen.

»Die Fahrt nach Heidelberg war deine Idee«, stichelte Burkhard weiter. »Ich habe mir gleich gedacht, daß wir in Zeitnot geraten würden.«

Unwillig kräuselte sich Felicitas’ Stirn. »Es treibt uns doch niemand an.«

»So?« Burkhard sah kurz zur Seite, aber er dachte nicht daran, seinen Fuß vom Gaspedal zu nehmen. »Hast du nicht während der ganzen Woche ständig aufgezählt, was du dir in Heidelberg alles ansehen willst?«

»Das war doch nicht so wörtlich gemeint. Ich wollte dir nur Lust zu diesem Ausflug machen. Im übrigen wollten wir ja schon um acht Uhr losfahren. Es war jedoch bereits neun vorbei, als du endlich bei mir auftauchtest.«

»Man wird doch wohl am Sonntag noch ausschlafen können«, maulte Burkhard. Dann stieß er ein triumphierendes »Haha« heraus. »Das Wetter! Sieh nur, gleich ist deine Sonne wieder verschwunden.«

Der junge Mann hatte recht. Der Nebel hatte sich wieder verdichtet.

»Fahre doch langsamer«, bat Felicitas. »Man sieht doch nicht mehr viel.«

»Wozu sollen wir dann überhaupt weiterfahren?« murrte Burkhard. Nur widerwillig kam er Felicitas’ Wunsch nach und gab die Überholspur frei.

»Der Nebel wird sich schon wieder lichten«, meinte seine Freundin optimistisch. »Vorhin war es doch schon ganz hell.«

»Ich sage, wir hätten es zu Hause schöner gehabt«, brummte Burkhard.

»Vielleicht wieder in meinem Appartement? Dir ist es ja egal, was meine Hauswirtin sagt.«

»Nun mach aber einmal einen Punkt«, beschwerte sich Burkhard. »Wir sind beide erwachsen. Ich verstehe sowieso nicht, warum wir nicht schon längst eine gemeinsame Wohnung genommen haben.«

»Erstens«, begann Felicitas im belehrenden Ton, lächelte dabei aber, »können wir das immer noch tun, und zweitens habe ich keine Lust, ständig hinter dir herzuputzen. Ich will auch Feierabend haben und nicht am Abend noch in der Küche stehen.«

»Wer sagt denn, daß du nur abends in der Küche stehen sollst? Eine Frau gehört hinter den Herd. Sie ist dazu da, den Mann zu verwöhnen. Ich bin jederzeit bereit, mich verwöhnen zu lassen.«

Felicitas antwortete darauf nicht. Was sollte sie auch sagen?

Sie wußte genau, worauf ihr Freund anspielte. Doch sie hatte es bisher strikt abgelehnt, ihre Freiheit sowie ihren Beruf als Dekorateurin, der ihr viel Freude bereitete, gegen den einer Ehe- und Hausfrau einzutauschen. Sie kannte Burkhard nun schon fast drei Jahre. Leider hatte es in der letzten Zeit immer häufiger kleinere Streitereien zwischen ihm und ihr gegeben.

Vorsichtig schielte Felicitas zu ihrem Freund hin. Doch dessen Aufmerksamkeit gehörte ganz der Autobahn.

»Sieh dir diese Sauerei an«, schimpfte Burkhard nun. »Der Nebel wird immer dichter. Man kann seinen Vordermann kaum noch sehen.«

So weit, wie es der Gurt zuließ, beugte sich Felicitas vor. »Die reinste Waschküche«, murmelte sie bestürzt.

»Ein schöner Tag in Heidelberg«, höhnte Burkhard. »Ich könnte mich grün und blau ärgern, daß ich so früh aus den Federn gekrochen bin.«

»So früh war es nun auch wieder nicht«, widersprach Felicitas ihm. »Da, es kommt gleich eine Ausfahrt. Am besten, wir verlassen die Autobahn.«

»Ich denke nicht daran.« Anstatt dem Wunsch seiner Freundin nachzukommen, versuchte Burkhard das Tempo zu beschleunigen.

»Fahre doch langsamer.« Ängstlich spähte Felicitas durch die Windschutzscheibe. »Der Nebel wird immer dichter«, stellte sie nach kurzer Zeit fest.

»Ich habe es ja gewußt. Heidelberg!« schimpfte er vor sich hin. »Als ob wir nicht schon oft genug dort gewesen wären.«

Er dachte jetzt nicht mehr daran, seinen Ärger zu verbergen. Im Gegenteil, er versuchte Felicitas die Schuld an dem Nebel in die Schuhe zu schieben.

»Ich wollte einfach etwas unternehmen«, verteidigte sich Felicitas. »Vor einem Jahr sind wir noch regelmäßig am Sonntag weggefahren.«

»Sei froh, daß du so einen soliden Mann hast«, konterte Burkhard. »Ich bin nun einmal am liebsten zu Hause.«

»Um dann am Nachmittag in deine Stammkneipe zu gehen.«

»Willst du mir etwa die zwei Bierchen vorwerfen?« Burkhard nahm seinen Blick vom Steuer.

»Sieh nach vorn«, rief Felicitas. »Da ist etwas!«

»Ich sehe es doch.« Burkhard

schien jedoch die Entfernung unterschätzt zu haben. Er mußte kräftig auf die Bremse treten. Hinter ihm hupte ein Auto.

Felicitas war bleich geworden. »Kannst du nicht einmal bei diesem Nebel langsamer fahren«, tadelte sie.

»Ich schleiche bereits«, stellte Burkhard fest. »Da, habe ich nicht recht?« Nun drückte er auf die Hupe, denn ein anderes Auto überholte ihn.

»Du mußt nicht immer der Schnellste sein«, hielt Felicitas ihm vor.

Burkhard reagierte darauf nicht, sondern knurrte: »Nennst du das vielleicht Sonntagsvergnügen? In Heidelberg wird es nicht besser sein.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich konnte doch nicht mit dem Nebel rechnen.«

»Ich schon«, behauptete Burkhard. »Im Neckartal gibt es meistens Nebel. Du hättest dir ja auch die Mühe machen und dir gestern abend den Wetterbericht im Fernsehen ansehen können. Die Vorhersage war nicht besonders.«

»Aber auch nicht so schlecht«, verteidigte sich Felicitas erneut. »Erst am späten Nachmittag sollte es bedeckt werden.«

»Da hast du die Vorhersage ganz zu deinem Gunsten ausgelegt. Für mich steht jedenfalls fest, daß ich nicht mehr auf dich hören werde. Diese Fahrerei ist eine Qual«.

Dem konnte Felicitas nicht widersprechen. Bei diesem Nebel erforderte das Fahren volle Konzentration.

»Es tut mir leid«, meinte sie versöhnlich. Wozu sollte sie jetzt auch noch streiten? »Laß uns doch abzweigen. Vielleicht lichtet sich der Nebel doch noch. Wir finden sicher irgendeinen Gasthof, in dem wir so lange warten können.«

»Und dann? Wir wollten nach Heidelberg. Also werden wir auch nach Heidelberg fahren.«

Felicitas fügte sich. Sie wußte aus ihrer langjährigen Bekanntschaft mit Burkhard, daß er unter solchen Umständen seinen Willen stets durchsetzen wollte. Er fühlte sich im Recht, denn die Fahrt nach Heidelberg war ihr Vorschlag gewesen. Sie hatte jeden Tag davon angefangen, bis er schließlich auf ihren Wunsch eingegangen war.

Felicitas versuchte sich zu entspannen. Burkhard sollte nicht sehen, daß sie Angst hatte. Der Nebel wollte einfach nicht verschwinden. Ihrer Meinung nach fuhr Burkhard immer noch zu schnell. Viel konnte man nicht sehen. Aber in diesem schemenhaften Grau tauchten plötzlich immer wieder rote Lichter auf. Sie zwangen Burkhard ständig, auf die Bremse zu steigen.

Felicitas preßte die Lippen zusammen. Sie wollte ihren Freund nicht durch unüberlegte Ausrufe ablenken. Unwillkürlich ballten sich ihre Hände. Dann atmete sie erleichtert durch. Schlagartig hatte sich der Nebel gelichtet.

»Ich glaube, wir haben es geschafft«, meinte Burkhard erleichtert. »Dann wollen wir mal.«

»Bitte nicht«, sagte Felicitas rasch und legte dann ihre Hand auf seinen Arm.

Burkhard, der seine Freundin kannte, meinte spöttisch: »Hast du etwa Angst gehabt? Wenn ich am Steuer sitze, dann brauchst du wirklich keine Angst zu haben.«

»Du weißt doch, seit meinem Unfall…« Schaudernd zog Felicitas ihre Schultern zusammen. Ihr Unfall lag nun schon Jahre zurück, aber die Fahrt durch den Nebel hatte in ihr wieder die Erinnerung daran geweckt.

»Du kannst dich über mich wirklich nicht beklagen«, meinte Burkhard. »Du weißt, daß ich gern schnell fahre und rasante Autos liebe. Nur deinetwegen verzichte ich darauf.« Er nahm den Blick vom Steuer und erwartete, daß Felicitas seine Behauptung bestätigte.

 

Felicitas kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen. Nur ein Schrei löste sich von ihren Lippen. Da war sie wieder, diese Nebelwand. Ganz plötzlich war das Auto von ihr umhüllt. So etwas hatte Felicitas noch nie erlebt. Sie hatte wirklich das Gefühl, keinen Meter weit zu sehen.

Burkhard ging es nicht viel besser. Er bremste, wobei der Wagen ins Schlittern kam, aber er fing ihn geschickt ab.

Felicitas schrie erneut auf, als dicht vor ihnen die Konturen eines anderen Autos auftauchten. Sie schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht.

Das Auto stand. Burkhard war es gelungen, kurz vor dem Vordermann anzuhalten. Er wollte sich gerade erleichtert zurücklehnen, als er heftig nach vorn geschleudert wurde. Blech knirschte. Obwohl Burkhard die Handbremse bereits angezogen hatte, wurde sein Wagen nach vorn geschoben und prallte auf das Auto, das vor ihm gehalten hatte.

*

Denise von Schoenecker umspannte das Lenkrad fester. Sie hatte gerade überlegt, ob sie nicht wenden sollte, doch die Überlegung war zu spät gekommen. Plötzlich war der Nebel, der sich eben etwas gelichtet hatte, wieder da, und zwar stärker als zuvor.

Denise von Schoenecker, eine aparte Frau, versuchte etwas zu erkennen. Ihre Geschwindigkeit hatte sie schon lange den Straßenverhältnissen angepaßt. Jetzt sah sie Bremslichter, ein querstehendes Auto. Sie schaltete ihren Warnblinker ein und fuhr noch langsamer. So etwas hatte sie bereits befürchtet. Jetzt erkannte sie auch, daß mehr geschehen sein mußte, als sie angenommen hatte. Die Autobahn war blockiert.

Denise fuhr ganz an den Rand heran und hielt an. Sie war sofort bereit zu helfen. Da krachte es plötzlich und ruckte.

Denise von Schoenecker wußte sofort, daß sie gerammt worden war. Erschrocken drehte sie sich um. Ihr selbst war nichts geschehen, aber wie war es mit den Insassen des anderen Autos?

Denise stieg aus. Aus dem Auto, das auf das ihre aufgefahren war, sprang ein junger Mann. »Können Sie nicht aufpassen?« schrie er wütend. »Auf der Autobahn anhalten! So etwas hat noch kein Mensch gesehen. Im übrigen ist es nicht meine Schuld. Ich wurde aufgeschoben. Meine Freundin kann das bestätigen.«

»Solange es sich nur um Auffahrunfälle handelt, können wir froh sein. Sehen Sie nur, da vorn ist sicher mehr passiert.«

Burkhard Hold wurde bleich. Felicitas Laser, die nun auch langsam ausstieg, begann zu zittern. »Das ist ja furchtbar«, stammelte sie. »Da gibt es sicher Verletzte, vielleicht sogar Tote.« Ihre Hände fuhren zum Mund. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Der Anblick, der sich jetzt bot, war auch entsetzlich. Wie durch Geisterhand war der Nebel plötzlich hochgezogen, so daß die Ausmaße des Unfalls sichtbar wurden.

Unwillkürlich war Denise von Schoenecker zu der jungen Frau getreten. »Geht es? Sind Sie unverletzt?«

»Ja.« Felicitas versuchte tapfer, Herr ihrer Gefühle zu werden. Zum Glück hatte Burkhard sofort gehandelt. Er hatte eine Fackel entzündet und war damit zurückgelaufen. So war zwar hinter ihnen kein weiterer Unfall geschehen, aber das, was vor ihnen auf der Autobahn zu erkennen war, war schrecklich. Jetzt waren auch Schreie zu hören. Hysterische Schreie, die sich mit Hilferufen oder Schmerzensschreien vermischten.

»Das mit unseren Autos ist nicht so wichtig. Ich möchte sehen, ob ich helfen kann.« Denise drehte sich um.

»Ich auch«, sagte Felicitas entschlossen. »Bitte, kann ich mitkommen?«

Denise sah der jungen Frau ins Gesicht, das bleich war. Um die Lippen der jungen Frau zuckte es, aber in ihren großen dunklen Augen stand Entschlossenheit.

Denise nickte und bereute das nicht. Felicitas half, wo es nur ging. Vor allem tröstete sie weinende Kinder.

Bald kamen auch die ersten Polizei- und Rettungswagen. Burkhard, der sich bisher etwas abseits gehalten hatte, schob sich jetzt an Felicitas heran. »Ich finde, wir haben jetzt genug getan. Es ist alles geklärt. Die Versicherung unseres Hintermanns muß zahlen. Schließlich schob er uns aufeinander. Ich stand ja bereits.«

Felicitas hörte gar nicht auf ihn. Sie war an den Straßenrand getreten und sah auf ein Auto, das von der Straße abgekommen war. Rettungsleute versuchten die klemmende Autotür zu öffnen. Das leise Schluchzen eines Kindes war zu hören. Felicitas wollte zu dem völlig demolierten Auto laufen, aber Burkhard hielt sie fest.

»Was soll das? Hast du nicht gehört? Ich bin fertig. Mein Auto ist noch fahrtüchtig. Wir können also weiterfahren.«

»Du willst weiterfahren?« Kopfschüttelnd sah Felicitas ihn an.

»Natürlich. Was soll ich noch hier? Dieser Unfall hat uns genug Zeit gekostet. Das Schloß können wir auf keinen Fall noch besichtigen.«

Felicitas hatte das Gefühl, einem Fremden gegenüberzustehen. »Aber die vielen Verletzten… Einige sind schwer verletzt«, brachte sie schließlich hervor.

»Aber wir hatten Glück.« Burkhard wollte ihr seinen Arm um die Schulter legen.

»Alle diese Menschen waren nach irgendwohin unterwegs. Sie wollten ausspannen, genau wie wir, und jetzt…« Felicitas’ große Augen füllten sich mit Tränen.

»Nun beruhige dich doch. So etwas kommt doch immer wieder einmal vor. Wenn du willst, fahren wir bei der nächsten Ausfahrt ab und suchen uns ein gemütliches Plätzchen, wo wir etwas essen und trinken können.«

»Das kann ich jetzt nicht.« Entschlossen löste sich Felicitas von ihrem Freund.

»Was heißt das?« Burkhards Augenbrauen zogen sich ärgerlich zusammen. »Willst du uns auch noch den restlichen Sonntag verderben? Wir können froh sein, daß wir fahren können. Was mit meinem Auto geschehen ist, das scheint dich überhaupt nicht zu interessieren.«

»Die Frau, Burkhard!« Felicitas griff unwillkürlich nach dem Arm ihres Freundes. »Sie decken ein Tuch über ihr Gesicht.«

Endlich war es gelungen, die verklemmte Autotür aufzubekommen. Man hatte die Frau, die hinter dem Steuer eingeklemmt gewesen war, herausgehoben und untersucht. Für sie war jede Rettung zu spät gekommen.

»Sieh nicht hin«, sagte Burkhard etwas sanfter. »Sie ist tot.«

»Tot?« Felicitas wurde wie im Fieber geschüttelt.

»Aber Felicitas! Sie ist bisher die einzige Tote. Solche Unfälle im Nebel gehen sonst meistens schlimmer aus. Wie können wirklich von Glück sprechen, aber ich bin auch vorsichtig gefahren.«

»Mein Gott, ein Kind!« rief Felicitas plötzlich und war, ehe Burkhard sie festhalten konnte, über die Böschung hinuntergeeilt.

Einer der Männer im weißen Kittel hatte ein Kind vom Rücksitz des Autos geholt. Festgeschnallt in dem Kindersitz hatte es den Unfall gut überstanden.

Felicitas konnte den Blick nicht von der Kleinen lassen. Es war ein entzückendes kleines Mädchen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Mit großen Augen sah es sich um. Dann stemmte es sich mit den Händchen gegen die Brust des Mannes und brüllte los.

Felicitas hatte keinerlei Erfahrungen mit Kindern. Sie handelte rein automatisch. Mit wenigen Schritten war sie bei dem Mann und streckte ihre Hände nach dem kleinen Mädchen aus.

»Bitte, geben Sie mir das Kind.«

Der Mann zögerte.

»Mami, ich will zu meiner Mami! Wo bringen diese Männer meine Mami hin?« Die Kleine wand sich in den Armen des Mannes. Sie wollte weg von ihm. Ihre Mutter wurde gerade den Abhang hinaufgetragen.

»Wenn das die Mutter der Kleinen ist…« Der Sanitäter sprach nicht weiter.

»Es ist gut.« Felicitas nahm dem Mann das sich sträubende Kind einfach ab.

»Wollen wir ein wenig spazierengehen? Schau, dort blühen Glockenblumen. Wir können einen Strauß pflücken.«

Das Gesichtchen der Kleinen, das sich schon wieder zum Weinen verzogen hatte, hellte sich auf. »Blumen pflücken. Für Mami«, sagte sie und nickte dabei heftig mit dem Köpfchen.

Felicitas stellte das Kind auf den Boden, und dieses lief sofort in die Wiese hinein.

»Das können Sie doch nicht machen«, sagte der Sanitäter. »Die Kleine hat einen Schock. Vielleicht ist sie verletzt.«

»Sie sehen doch, daß sie es nicht ist«, sagte Felicitas. »Sie muß abgelenkt werden. Jetzt weint sie wenigstens nicht mehr.«

»Trotzdem! Ich werde Ihnen den Notarzt schicken.« Der Sanitäter ging zur Straße zurück.

Felicitas sah ihm nach. Sie wandte sich, erfüllt von Mitleid, wieder der Kleinen zu.

Im Moment schien das Kind den Unfall vergessen zu haben. Eifrig rupfte es die blauen Blumen aus. Als Felicitas sich zu ihm hinabbückte, hob es den Kopf und erklärte: »Mami mag Blumen. Kerstin oft Blumen pflücken für Mami.« Sie hielt Felicitas eine Glockenblume hin. »Magst du sie auch? Sie ist schön. Schade, daß sie nicht bimbam macht.«

Felicitas nickte. Sprechen konnte sie nicht.

Da ertönte ein Martinshorn.

Die Kleine zuckte zusammen, ließ die Blumen fallen. »Mami, Mami«, brüllte sie. »Mami soll auf mich warten. Sie darf nicht fortgehen.«

»Deine Mami kann nicht«, sagte Felicitas und nahm die Kleine wieder auf die Arme. »Die Männer haben sie mitgenommen.«

Die Augen der Kleinen begannen zu flackern. Sie drehte sich in Felicitias Armen um und sah zur Straße hinüber.

»Mami hat nichts gesagt. Sie war ganz still. Ich habe geweint, aber sie hat mich nicht getröstet.«

Was sollte Felicitas darauf sagen? Sie fühlte sich so hilflos.

»Du, bist du eine liebe Tante?« hörte sie die Kleine fragen.

»Ich glaube schon«, meinte Felicitas und versuchte zu lächeln.

»Dann laß uns schnell zu meiner Mami gehen. Wir müssen uns beeilen«, drängte das Kind.

»Das wird nicht gehen.« Unsicher drückte Felicitas das Köpfchen des kleinen Mädchens an sich.

»Du meinst, weil meine Mami schläft? Aber warum schläft meine Mami jetzt? Wir müssen doch Auto fahren.« Wieder warf die Kleine sich in Felicitas’ Armen herum. »Unser Auto ist ganz kaputt.«

Der Notarzt kam auf Felicitas zu. »Ist das die Kleine, die in dem Auto war?«

Felicitas nickte.

»Na, dann komm! Wir werden einmal nach dir sehen.« Er wollte das Kind aus Felicitas’ Armen nehmen, aber dieses klammerte sich an sie.

»Ich will nicht mitgehen. Ich will bei der Tante bleiben«, schrie die Kleine.

Erstaunt sah der Arzt Felicitas an. »Kennen Sie das Kind?«

»Die Tante muß mitkommen«, schrie die Kleine weiter, ehe Felicitas antworten konnte.

»Ich komme selbstverständlich mit«, sagte Felicitas rasch.

Sie wandte sich an die Kleine. »Der Mann ist ein Doktor. Er muß dich untersuchen.«

Das Mädchen legte ihr Köpfchen schief und sah Felicitas an. »Untersuchen«, wiederholte sie. »Kerstin war mit Mami beim Doktor. Kerstin… hat Bauchweh gehabt.«

»Du heißt also Kerstin?« fragte Felicitas.

Die Kleine nickte. »Kerstin Mahler«, gab sie ganz ungezwungen Auskunft.

»Gut, Kerstin, dann wollen wir mal mit dem Doktor mitgehen.«

Kerstin protestierte. »Mir tut aber der Bauch jetzt nicht weh.«

»Sonst tut dir auch nichts weh?« fragte der Notarzt. Er fuhr der Kleinen geschickt über das Köpfchen und über den Rücken, wobei er sie abtastete.

»Nein, ich bin gesund. Warum soll ich krank sein?« Kerstin sah von Felicitas auf den Arzt.

»Du warst in dem Auto, und das Auto ist…«

»Das hat Purzelbaum gemacht«, erklärte Kerstin ernsthaft. »Es ist ganz kaputt, aber ich bin nicht kaputt. Ich bin ganz.« Jetzt fiel ihr wieder ihre Mutter ein. »Du mußt Mami untersuchen. Mami…«

Wie auf Kommando schrie sie nun wieder los.

»Kommen Sie«, sagte der Arzt, und Felicitas folgte ihm, mit dem brüllenden Kind auf dem Arm, zum Notarztwagen.

»Felicitas, was soll das?« fragte Burkhard, als sie an ihm vorbeiging. »Was willst du mit dem Kind?«

»Es ist allein. Seine Mutter…« Entschlossen hob Felicitas den Kopf. »Ich werde mich um die Kleine kümmern. Jedenfalls so lange, bis es ein anderer tut.«

Sie ließ ihren Freund einfach stehen.

»Felicitas muß verrückt geworden sein«, sagte Burkhard wenig später zu Denise von Schoenecker. »Anstatt das alles hinter sich zu lassen und so schnell wie möglich weiterzufahren, mischt sie sich in eine Angelegenheit, die sie nichts angeht.«

»Wieso?« fragte Denise von Schoenecker und sah sich nach der jungen Frau um, die ihr so tatkräftig zur Hand gegangen war.

 

»Sie ist im Notarztwagen«, gab Burkhard Auskunft. Er konnte seinen Ärger nicht unterdrücken »Sie ist einfach mit einem fremden Kind mitgegangen. Dabei hat sie sich noch nie für Kinder interessiert.«

»Ich sehe nach ihr«, sagte Denise von Schoenecker.

Wenn es um Kinder ging, war sie stets die erste, die zur Stelle war. Das hatte seinen Grund. Seit Jahren verwaltete sie für ihren noch nicht großjährigen Sohn Dominik das Kinderheim Sophienlust. Dieses Heim nahm sich nicht nur Waisenkindern an, sondern auch Kinder, die Geborgenheit suchten. In Sophienlust fühlte sich kein Kind einsam. Dieses Heim hieß nicht umsonst das Heim der glücklichen Kindern.

»Oh, Sie!« Erfreut sah Felicitas Denise von Schoenecker an. »Der Kleinen fehlt wirklich nichts. Sie hat den Unfall ohne eine Schramme überstanden.«

»Bringst du mich zu meiner Mami?« fragte Kerstin und betrachtete Denise von Schoenecker ganz eingehend.

»Die Mutter der Kleinen ist tot«, sagte der Notarzt und packte sein Stethoskop ein. »Sie ist übrigens der einzige Todesfall. Leider gab es aber etliche Schwerverletzte.«

»Und was geschieht mit der Kleinen nun?« fragte Denise.

»Da müssen Sie sich an die Polizei wenden. Jedenfalls muß die Kleine nicht zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus.«

»Tante«, Kerstin drängte sich an Felicitas, »wir müssen jetzt nach meiner Mami sehen. So lange kann sie doch nicht schlafen. Weißt du«, eifrig wandte sie sich an Denise, »sie hat überhaupt nichts mehr gesagt. Es hat so fürchterlich gekracht, und dann hat es geholpert.« Entsetzt riß sie ihre Augen auf, denn sie hatte das Gefühl, wieder im Auto zu sitzen. »Nein, nein«, schrie sie und streckte abwehrend ihre Hände aus.

»Es wird wirklich am besten sein, man bringt die Kleine so rasch wie möglich von hier weg«, meinte der Arzt.

Denise nickte. »Kommen Sie«, wandte sie sich an Felicitas, die das nun leise vor sich hin wimmernde Kind liebevoll an sich drückte.

»Da bist du ja endlich«, fuhr Burkhard seine Freundin nicht gerade sehr sanft an. »Wie lange soll ich mir denn noch meine Beine in den Bauch stehen? Fast alle sind bereits weitergefahren.«

»Ich kann doch nicht. Ich muß wissen, was mit Kerstin geschieht.«

»Damit hast du doch nichts zu tun, und helfen kannst du auch nicht, oder?« Burkhard wandte sich an Denise von Schoenecker.

»Ihre Freundin hat bereits viel geholfen«, sagte Denise. Sie ließ den jungen Mann einfach stehen und wandte sich an Felicitas. »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich werde mich um die Kleine kümmern.« Mit kurzen Worten erzählte sie Felicitas von Sophienlust.

»Na, siehst du«, mischte sich Burkhard wieder ein. »Du könntest sowieso nichts machen. Bei Frau von Schoenecker ist die Kleine am besten aufgehoben.«

»Ich möchte doch wissen, was mit dem Kind geschieht«, widersprach Felicitas ihm und sah auf Kerstin, die ihr von Denise abgenommen worden war und die nun wieder still vor sich hin weinte. »Ich würde ihr so gern helfen.«

»Sieh doch ein, daß du das nicht kannst«, sagte Burkhard ungeduldig. »Wie solltest du auch? Du verstehst doch nichts von Kindern.«

»Sie können sich gern bei mir nach der Kleinen erkundigen. Meine Adresse haben Sie ja, wegen der Autoversicherung.« Impulsiv setzte Denise noch hinzu: »Ich würde mich auch freuen, wenn Sie mich einmal besuchen würden.«

*

»Du hast es dir also nicht überlegt?« Burkhard Hold, der im Zimmer auf und ab gegangen war, blieb vor seiner Freundin stehen. »Ich verstehe dich nicht. Ich denke jedenfalls nicht daran, dich zu begleiten.«

»Mußt du auch nicht«, sagte Felicitas, nicht ohne Trotz. Sie wandte sich ab.

Da schränkte Burkhard ein: »Wenn du unbedingt wieder wegfahren willst, dann werden wir schon ein geeignetes Ziel finden. Setz dich doch! Ich hole uns etwas zu trinken.«

»Nicht nötig. Ich wollte nicht bleiben.«

»Was heißt nun das schon wieder?« brauste Burkhard auf. »Wir haben uns während der Woche kaum gesehen.«

»Ich hatte viel zu tun.« Felicitas wich seinem Blick aus. Wie sollte sie ihm erklären, daß der Unfall vom Sonntag noch immer in ihr nachklang? Bestürzt hatte sie bei der Heimfahrt festgestellt, wie fremd ihr Burkhard im Grunde genommen war. An die verunglückten Menschen hatte er nicht gedacht. Seine Gedanken waren bei seinem leicht beschädigten Auto gewesen.

»Gut, akzeptiert. Aber was ist heute? Ich lade dich ein. Wir gehen groß essen.« Da Felicitas darauf nicht sofort antwortete, lockte er: »Du kannst dir sogar das Lokal aussuchen, Na, ist das kein Angebot?«

»Ich bin müde. Ich wollte eigentlich früh zu Bett gehen.«

Das war nicht gelogen. Felicitas hatte sämtliche Fenster eines großen Warenhauses frisch dekoriert und war daher seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen.

»Warum bist du dann überhaupt hergekommen?« Ärgerlich ließ Burkhard sich in den Polstersessel zurückfallen.

»Weil ich gehofft habe, daß du vielleicht mitfahren würdest«, antwortete Felicitas wahrheitsgetreu.

»Nach Sophienlust? Nein. Wozu? Den letzten Sonntag habe ich deinetwegen auf einer nebeligen Autobahn verbracht. Nun soll ich zu einem Kinderheim fahren. Sophienlust ist doch ein Kinderheim? Bisher habe ich nicht gewußt, daß du dich für Kinder interessierst. Wenn Kinder, dann schon eigene.« Er wollte Felicitas’ Hand ergreifen, doch sie wich ihm aus.

»Du weißt, daß es mir nur um dieses Mädchen geht. Es hat die Mutter verloren.«

»Und? Du warst daran doch nicht schuld. Die Kleine ist arm, o.k., aber was hast du damit zu tun? Im übrigen wird sie bei ihrem Vater sein.«

Verstand Burkhard sie wirklich nicht? »Ich kann ihre großen verzweifelten Augen nicht vergessen«, sagte Felicitas. Sie ging zum Tisch und griff ihre Handtasche. »Vielleicht erfahre ich etwas über sie.«

»Du willst wirklich gehen?« Burkhard sprang auf.

»Ja, und morgen fahre ich nach Sophienlust. Nicht nur wegen dieses Mädchens. Ich fand Frau von Schoenecker sehr sympathisch. Solche Frauen trifft man nicht alle Tage. Sie hat sofort geholfen.«

»Bitte, wenn du ihre Gesellschaft der meinen vorziehst…« Wie ein bockiger Junge sah Burkhard über seine Freundin hinweg.

Felicitas verzichtete darauf, eine weitere Erklärung abzugeben. Wenn Burkhard den Beleidigten spielen wollte, dann konnte sie ihn nicht daran hindern.

Am nächsten Tag stand Felicitas genauso früh auf wie an den Tagen, an denen sie zur Arbeit ging. Nachdem sie ausgiebig gefrühstückt hatte, setzte sie sich in ihren eigenen Wagen und fuhr in Richtung Maibach. Sie mied die Autobahn und genoß die Fahrt durch die hügelige, waldreiche Landschaft. Diesmal gab es keinen Nebel. Im Gegenteil, die Sonne lachte von einem wolkenlosen Himmel.

Bevor Felicitas die Kreisstadt Maibach erreichte, zog sie nochmals die Landkarte zu Rate. Sie stellte fest, daß der Marktflecken Bachenau an Wildmoos grenzte. Sophienlust ge­hörte zu Wildmoos.

Felicitas Laser hatte sich bewußt nicht bei Denise von Schoenecker angemeldet. Sie wollte nicht, daß diese ihretwegen ihren gewohnten Tagesablauf änderte. So war sie ziemlich neugierig, als sie sich dem Ort näherte. Sie mußte nicht anhalten und nach dem Weg fragen. Lustige Wegweiser mit geschnitzten Figuren von Kindern und Tieren zeigten ihr den Weg zum Kinderheim Sophienlust.

Und dann stand Felicitas vor einem großen schmiedeeisernen Tor. Sie fuhr ihren Wagen dicht an die hohe Hecke heran, die den Besitz einfriedete, parkte und stieg aus. Gleich darauf stellte sie fest, daß das Tor nicht verschlossen war. Also trat sie ein.

Nach einigen Schritten blieb Felicitas bewundernd stehen. Das war ja ein herrlicher Besitz. Eine breite Auffahrt führte bis zu einer Freitreppe. Aber nicht nur das große einstöckige Gebäude weckte Bewunderung in Felicitas, auch der große Park hatte es ihr angetan. Hier mußten sich die Kinder einfach wohl fühlen.

Kinderstimmen schreckten Felicitas aus ihren Gedanken auf. Eine Gruppe von Kindern kam um das Haus herum. Felicitas hatte gerade festgestellt, daß die Kinder in verschiedenem Alter waren, als ein kleines Mädchen, mit hellblonden Rattenschwänzchen, munter rief: »Da seht! Wir haben Besuch.«

»Das ist die Tante«, krähte ein anderes Kind hinterher, und dann traute Felicitas ihren Augen nicht. Aus der Gruppe löste sich ein kleines Mädchen und lief auf sie zu.

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