Chefarzt Dr. Norden 1174 – ArztromanText

Aus der Reihe: Chefarzt Dr. Norden #1174
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Chefarzt Dr. Norden – 1174 –

Melanie rückte die tiefroten Dahlien, die sie erst vor wenigen Minuten aus dem Garten geholt hatte, in der Porzellanvase zurecht. Sie würden schnell dahinwelken, aber im Moment sahen sie wunderschön aus und brachten etwas Farbe und Leben in das kleine ­Gästezimmer.

Der Raum war perfekt ausgestattet, mit hellen Buchenmöbeln, faltenfreier Bettwäsche und einer gemütlichen Sitzecke. An den Wänden hingen moderne Drucke und ein Flachbildfernseher. Melanie wünschte sich aus ganzem Herzen, dass sich ihr Gast hier wohlfühlte. Nur so könnte sie ihrem Haus, das sich wie ein Gefängnis anfühlte, für eine kurze Zeit entfliehen.

Sie eilte zurück in die Küche und schaffte es noch, die Kaffeemaschine einzuschalten und das Tablett mit dem Geschirr in den Wintergarten zu tragen, als Simon nach ihr rief. Durch die Sprechanlage, deren kleine, unauffällige Lautsprecher in jedem Zimmer des Hauses angebracht waren, tönte seine tiefe, ungeduldige Stimme: »Melly! Melly!«

Ohne eine Miene zu verziehen, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Mann. Sie wusste, sie würde ihn im Arbeitszimmer finden, dort, wo sie ihn vor knapp zehn Minuten zurückgelassen hatte.

Simon saß am Schreibtisch. Auf seinem Computerbildschirm sah Melanie die Tabelle mit den aktuellen Umsatzzahlen, die das Steuerberaterbüro vor einer Stunde gemailt hatte.

»Ich brauche ein Kissen für den Rücken.« Simon sah sie nicht an, sondern studierte weiter die Zahlen.

Das Kissen, nach dem ihm verlangte, lag auf einem Stuhl in seiner Reichweite. Melanie nahm es und schob es zwischen seinen Rücken und die Lehne des Rollstuhls.

»Ist es gut so?«, fragte sie automatisch.

»Etwas tiefer. Ja … so geht’s.« Simon wies mit einem Kopfnicken auf seine leere Tasse. »Mein Kaffee ist alle. Muss ich denn immer erst betteln, bevor ich einen neuen bekomme?«

»Nein, natürlich nicht«, gab Melanie erschöpft zurück. »Ich dachte nur, du wartest mit der nächsten Tasse, bis Frau Franke kommt. Sie wird in ein paar Minuten hier sein. Dann trinken wir sicher noch alle zusammen einen Kaffee.«

»Und deswegen steht mir jetzt keiner mehr zu? Bekomme ich ihn jetzt schon von dir zugeteilt?«

Melanie seufzte leise. »Schon gut, ich bringe dir sofort einen, wenn du nicht warten magst.«

Als sie nach der leeren Tasse griff, klingelte es an der Tür.

»Das wird sie sein«, sagte Melanie und bemerkte plötzlich ihre Aufregung. Simons Tasse begann in ihren Händen zu zittern, und der kleine Löffel schlug in einem leisen melodischen Rhythmus gegen die Untertasse. Schnell fasste Melanie mit der zweiten Hand nach, um wieder Ruhe reinzubringen. Zu spät.

Simon war nicht entgangen, wie nervös sie war und wie sehr sie sich auf Jana Franke freute. Für ihn war das ein weiterer Grund, um die Frau, die er nur flüchtig kannte, abzulehnen.

»Sie ist zu früh«, knurrte er. »Das fängt ja gut an.«

»Simon, bitte …«

»Was denn? Ich darf doch wohl noch meine Bedenken äußern, wenn du mich einer so unzuverlässigen Person überlässt, während du dir einen schicken Urlaub gönnst.«

»Schicker Urlaub?« Obwohl Melanie kaum ihre Stimme erhob, war deutlich die Empörung aus ihren Worten herauszuhören. »Ich gönne mir keinen schicken Urlaub unter Palmen. Ich bin zehn Tage in einer kleinen Pension am Ammersee, keine Stunde Fahrt von hier entfernt. Und Frau Franke ist keine unzuverlässige Person. Sie besitzt hervorragende Referenzen. Außerdem hatten wir beide einen guten Eindruck von ihr, als wir sie kennenlernten.«

»Und trotzdem ist sie sieben Minuten zu früh«, erwiderte Simon unwirsch.

»Ja, das stimmt«, sagte Melanie frustriert. »Und deshalb bleib einfach noch sieben Minuten an deinem Computer sitzen. Ich unterhalte mich mit Frau Franke allein, bis die Zeit ran ist.«

»Aber bring mir vorher meinen Kaffee!«

Jana Franke wurde etwas ungeduldig, als niemand kam, um ihr zu öffnen. Sollte sie noch einmal klingeln? Sie wusste, sie war ein paar Minuten zu früh, aber sie hatte gehofft, dass das keine große Rolle spielen würde. Simon Koenig verließ nur selten das Haus. Er war seit einem schweren Verkehrsunfall an den Rollstuhl gefesselt und verbrachte die meiste Zeit daheim. Genau wie seine Frau Melanie, die nur noch für ihren Mann zu leben schien und sich selbst keine Verschnaufpause gönnte. Das war auch der Grund für Janas Kommen. Melanie wollte in zwei Tagen einen kleinen Urlaub antreten, um sich von den Strapazen der Pflege zu erholen.

Jana umfasste den Griff ihres Rollkoffers fester. In den nächsten zwölf Tagen würde sie in dieser großen, eleganten Stadtvilla leben und die Verantwortung für einen querschnittgelähmten Mann tragen. Diese Aufgabe war ihr nicht fremd. Sie war ausgebildete Altenpflegerin und kannte sich mit der Pflege von kranken und gebrechlichen Menschen aus. Vor einigen Jahren hatte sie ihren Job in einem Münchner Pflegeheim gekündigt und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Seitdem zog sie regelmäßig in fremde Häuser ein, um die Pflege zu übernehmen, während sich die Angehörigen eine kleine, aber nötige Auszeit gönnten.

Als Jana überlegte, ob sie erneut klingeln sollte, wurde die Tür von innen geöffnet.

»Es tut mir leid, dass Sie warten mussten«, sagte Melanie Koenig und klang ein wenig atemlos. »Ich habe meinem Mann nur noch schnell seinen Kaffee gebracht.«

»Kein Problem, Frau Koenig. Ich glaube, ich bin ohnehin etwas früh dran.«

»Das macht überhaupt nichts. Ich bin einfach nur froh, dass Sie gekommen sind.« Melanie holte tief Luft. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich bin.«

»Doch, das kann ich«, behauptete Jana warm. Sie brauchte Melanie nur anzusehen, um zu wissen, dass diese den kleinen Urlaub sehr nötig hatte. Obwohl Melanie kaum die Dreißig überschritten hatte, erweckte sie den Eindruck, als liege ein langes, hartes Leben hinter ihr. Sie war zweifellos eine Schönheit, aber ihre braunen Augen, die den gleichen Farbton hatten wie das schulterlange Haar, blickten müde und glanzlos.

Dunkle Schatten zeichneten sich darunter ab. Um ihren Mund hatte sich ein bitterer Zug eingebrannt, den das traurige Lächeln nicht verdecken konnte.

»Ich habe uns Kaffee gemacht, damit Sie erst einmal in Ruhe ankommen können«, sagte Melanie. »Wahrscheinlich haben Sie auch noch ein paar Fragen.«

Jana folgte Melanie ins Haus. »Die meisten Sachen haben wir ja schon bei meinem letzten Besuch durchgesprochen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob meine einzige Aufgabe wirklich nur darin bestehen soll, anwesend zu sein und Ihrem Mann bei Bedarf zur Hand zu gehen.«

»Doch, das ist tatsächlich so. Für alle pflegerischen oder medizinischen Aufgaben gibt es ja die Schwestern vom Pflegedienst, die fünfmal am Tag vorbeikommen. Um den gesamten Haushalt und den Garten kümmern sich Gerda und ihr Mann. Gerda arbeitet sehr eigenständig, sie weiß, was zu tun ist. Während meiner Abwesenheit wird sie sogar am Wochenende herkommen, um Sie zu unterstützen.«

»Da bleibt für mich ja wirklich kaum etwas zu tun«, wunderte sich Jana.

»Auf den ersten Blick vielleicht nicht, aber …« Melanie stockte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Mein Mann kann manchmal etwas anstrengend sein. Er hat mir aber fest versprochen, sich bei Ihnen zu benehmen.«

Jana winkte lässig ab. »Wir werden schon klarkommen. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Soll er mich ruhig den ganzen Tag beschäftigen, das stört mich nicht. Dafür bin ich ja schließlich da. Außerdem kommt so wenigstens keine Langeweile auf. Vielleicht steht ihm ja auch mal der Sinn nach einem Spaziergang oder einem kleinen Ausflug.«

Melanie schüttelte den Kopf. »Seit mein Mann im Rollstuhl sitzt, lehnt er alle Aktivitäten außer Haus kategorisch ab. Er verbringt den ganzen Tag an seinem Schreibtisch und verlässt sein Arbeitszimmer eigentlich nur zu den Mahlzeiten oder wenn es Zeit wird, ins Bett zu gehen.«

Jana war zusammen mit ihrer Gastgeberin im großen Wintergarten angekommen. Beeindruckt sah sie sich um. Exotisch anmutende Pflanzen in verschiedenen Grüntönen wuchsen bis an die gläserne Kuppel. Zwischen dem prachtvollen Grün prangten hin und wieder farbenprächtige Blüten, die wie bunte Farbkleckse auf einem Gemälde aussahen.

»Das ist … einfach überwältigend.« Jana drehte sich um ihre Achse und versuchte, alles aufzunehmen.

»Hier bin ich am liebsten«, sagte Melanie lächelnd, während sie den Kaffee einschenkte. »Mein kleines Paradies und mein Rückzugsort, an dem ich oft ganz für mich allein bin.«

»Ihr Mann leistet Ihnen hier also nicht so oft Gesellschaft?«

»Nein …« Das Lächeln verschwand aus Melanies Gesicht. »Er arbeitet immer sehr viel«, erklärte sie dann. »Außerdem stören ihn die vielen Pflanzen. Er sagt, sie erdrücken ihn.«

Jana nickte zustimmend, ohne ihre Verwunderung zu zeigen. Sie konnte sich kaum einen schöneren Ort als diesen vorstellen. Vor allem für einen Mann, der wie Simon Koenig selten das Haus verließ, musste dieser überdimensionale Wintergarten doch ein ganz besonderer Platz sein. Ein Platz, der ihn für das, was ihm dort draußen entging, ein wenig entschädigen sollte.

Jana sah sich bewundernd um, während sie an ihrem Kaffee nippte. Sie würde diesen Ort in den nächsten Tagen sicher sehr zu schätzen wissen. Neben der breiten Glastür, die zurück ins Wohnzimmer führte, stand ein Beistelltischchen mit mehreren gerahmten Fotografien. Janas Blick blieb am Hochzeitsbild der Koenigs hängen. Ein verliebtes, wunderschönes junges Paar, frei von Sorgen und Problemen. Es war merkwürdig, Simon Koenig ohne Rollstuhl zu sehen. Er war ein attraktiver, sportlicher Mann, der in dem Hochzeitsanzug eine ausgesprochen gute Figur machte. In den Armen hielt er seine glückliche Braut, die in dem weißen Spitzenkleid hinreißend aussah.

 

»Wie lange ist das her?«, fragte Jana spontan.

»Drei Jahre.«

Jana schluckte einen überraschten Ausruf hinunter.

Dieser schreckliche Unfall, der Simon Koenig in den Rollstuhl gezwungen hatte, war also nur ein Jahr nach der Hochzeit geschehen. Aus dem großen Glück, von dem das junge Paar auf dem Foto geträumt hatte, war ihnen nicht mehr viel geblieben.

»Haben Sie Ihre Sachen gepackt?«, fragte Jana, um das Thema zu wechseln und ihre Betroffenheit zu überspielen.

»Nein, ich reise ja erst übermorgen ab.« Jana beobachtete, wie Melanie nervös ihre Hände knetete. »Außerdem … so recht kann ich es noch gar nicht glauben, dass es diesmal wirklich klappen soll. Ich habe Angst, mich zu sehr darauf zu freuen und am Ende … « Melanie schluckte den Schmerz hinunter, den die Erinnerung an die vielen vergeblichen Versuche, ihrem tristen Alltag für eine kurze Dauer zu entfliehen, hervorrief. »Und am Ende klappt es dann doch wieder nicht. Die Enttäuschung ist nicht so groß, wenn ich das Scheitern bereits eingeplant habe.«

Jana umschloss Melanies Hände und drückte sie sanft. »Diesmal wird alles klappen. Ganz bestimmt! Er hat es Ihnen doch ganz fest versprochen. Sie werden sich erholen und endlich mal ausspannen, während ich mich um Ihren Mann kümmere. Jetzt wird nichts mehr dazwischenkommen.«

»Melly!«, ertönte es plötzlich aus einer Lautsprecherbox.

Beide Frauen sprangen sofort auf.

»Nicht!«, sagte Melanie schnell. »Bleiben Sie doch sitzen und trinken Sie Ihren Kaffee aus. In den nächsten beiden Tagen bin ich noch für alles zuständig. Sie schauen sich nur alles an und lernen die Abläufe kennen.«

»Melly!«, rief Simon wieder, diesmal lauter und ungeduldiger als zuvor. »Melly!«

Als Melanie sah, wie ihr Jana deswegen einen erstaunten Blick zuwarf, sagte sie hastig: »So ist er nur zu mir. Keine Sorge! Er hat mir versprochen, dass er sich bei Ihnen zusammenreißen wird. Zu den Schwestern vom Pflegedienst ist er auch immer ausgesprochen höflich und charmant.«

Jana sah Melanie Koenig nach, als sie zu ihrem Mann eilte. Auf einmal hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass dieser Einsatz doch etwas schwieriger werden könnte als gedacht. Sie hatte Simon Koenig bei ihrem letzten Besuch kennengelernt. Er war ein ungeduldiger Mann, der es gewohnt war, den Ton anzugeben und seinen Willen durchzusetzen. Sich zusammenzureißen lag nicht in seiner Natur. Jana zuckte die Schultern. Nun, damit würde sie schon fertig werden. Schließlich musste sie nur zehn Tage überstehen und konnte dann wieder ihrer Wege gehen. Melanie Koenig hatte es da ungleich schwerer. Für sie gab es nur ein kurzes Entrinnen.

*

In den nächsten beiden Tagen änderte Jana ihre Meinung nicht. Sie würde hier problemlos allein klarkommen, auch wenn ihr Melanie nicht mehr zur Seite stand. Dieser Job machte ihr keine Angst, genauso wenig wie Simon Koenig, der sie kaum eines Blickes würdigte. Als freiberufliche Altenpflegerin war Jana bei der Jobauswahl nicht wählerisch. Diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten, wollte sie finanziell über die Runden zu kommen. Da half nur, sich ein dickes Fell zuzulegen und darauf zu vertrauen, dass auch der schlimmste Auftrag irgendwann sein Ende fand.

Noch hatte sie nicht den Eindruck, dass es bei den Koenigs sehr schwierig werden könnte. Nun gut, Simon schien nicht besonders umgänglich zu sein. Aber darauf konnte sie sich gut einstellen. Wenn er keinen Wert auf ihre Gesellschaft legte und sich stattdessen lieber in seine Arbeit verkroch, sollte ihr das recht sein.

Dass ihm seine Arbeit so wichtig war, dass es fast an Besessenheit grenzte, fiel Jana schnell auf. Ständig saß er an seinem Schreibtisch. Melanie hatte ihr berichtet, dass ihr Mann schon vor seinem Unfall ein Workaholic gewesen sei. Ihm gehörte eine Investmentfirma, die sehr erfolgreich an der Börse agierte und hohe Gewinne einfuhr. Er hatte sie direkt nach seinem Studium aufgebaut und sie zu dem gemacht, was sie heute war. Der Unfall hatte ihn damals nicht davon abhalten können, an seinem Unternehmen festzuhalten. Mit eiserner Hand hatte er es weitergeführt, auch wenn er das nur noch im heimischen Arbeitszimmer tat und nicht mehr in die Firma fuhr.

Jana bewunderte ihn für seine Zielstrebigkeit und Entschlossenheit. Was sie von ihm als Mensch halten sollte, wusste sie allerdings noch nicht.

Punkt sechs klingelte Janas Wecker. Ihr blieb jetzt eine halbe Stunde, um zu duschen und sich anzuziehen, bevor der Pflegedienst eintraf, um Simon bei der Körperpflege zu helfen. Jana öffnete das kleine Badfenster und warf noch einen letzten Blick in den Spiegel. Sie trug ihre blonden Haare recht kurz, sodass sie nach dem Duschen keine Zeit mit aufwändigen Föhnfrisuren vergeuden musste. Jana besaß genug Selbstbewusstsein, um sich für recht hübsch und ansprechend zu halten. Sie würde zwar nie an die vornehme Schönheit von Melanie Koenig heranreichen, doch das störte sie überhaupt nicht. Aufgeräumt zwinkerte sie ihrem Spiegelbild zu. Sie war zufrieden mit dem, was sie dort sah, und das reichte ihr.

Als sie in die Küche kam, war sie überrascht, Melanie beim Eindecken des Frühstückstischs zu sehen.

»Das hätte ich doch gemacht, Frau Koenig«, sagte Jana vorwurfsvoll. »Heute ist Ihr erster Urlaubstag. Den sollten Sie nicht mit Arbeit beginnen.«

»Mein Urlaub beginnt erst nach dem Frühstück.« Melanie lächelte und machte unbeirrt weiter. »So richtig kann ich es ohnehin noch nicht glauben. Die Vorstellung, dass ich mich in den nächsten Tagen nur um mich selbst kümmern muss und keinerlei Verpflichtungen habe, kommt mir noch sehr unwirklich vor.«

»Schön, dass Sie trotzdem endlich ihre Sachen gepackt haben.« Jana deutete schmunzelnd auf den Koffer, der unweit von ihr in der Diele stand.

»Ja, nun wurde es wirklich Zeit dafür«, erwiderte Melanie mit einem leisen Lachen. Es klingelte an der Tür, und sie beeilte sich, der Schwester vom Pflegedienst aufzumachen.

Das Frühstück nahmen sie zu dritt ein. Simon saß in seinem Rollstuhl am Tisch, studierte die Tageszeitung und trank nebenbei seinen Kaffee, ohne die beiden Frauen an seiner Seite zu beachten. Dass er ein Morgenmuffel war, der den Tag lieber schweigend begann, wusste Jana bereits. Es störte sie nicht und es bereitete ihr keine Mühe, diese Eigenart zu akzeptieren. Nicht jeder sprühte nach dem Aufstehen vor Fröhlichkeit und Tatendrang wie sie.

Doch auch Melanie blieb heute sehr still und sprach kaum ein Wort. Immer wieder warf sie Simon einen unsicheren, besorgten Blick zu, als erwartete sie, dass er ihrem Traum von einer kleinen Auszeit doch noch ein Ende bereitete.

Nach dem Frühstück bestand ­Simon darauf, von seiner Frau ins Arbeitszimmer geschoben zu werden.

»Wir können uns dort verabschieden«, sagte er knapp.

Nachdenklich sah Jana den beiden nach.

Sie dachte an das glückliche Brautpaar auf dem Foto im Wintergarten. Von dem unbeschwerten, liebevollen Moment, den der Fotograf festgehalten hatte, war nichts mehr geblieben. Kaum zu glauben, dass die Menschen auf dem Foto dieselben waren, die heute so distanziert und kühl miteinander umgingen.

Als Melanie zurückkam, waren ihre Augen gerötet, und Jana vermutete, dass sie geweint hatte.

»Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihren Mann zu machen, Frau Koenig«, versicherte ihr Jana. »Ich werde gut für ihn sorgen.«

»Ja, natürlich. Da bin ich mir sicher. Aber wenn … also falls es Probleme geben sollte, rufen Sie mich bitte an, ja? Ich habe mein Handy immer bei mir …«

»Bitte nicht!«, sagte Jana schnell. »Denken Sie daran: Sie wollen Urlaub machen und sich erholen, damit Sie neue Kräfte sammeln können. Genießen Sie Ihre freie Zeit und nehmen Sie das Handy nicht mit, wenn Sie tagsüber unterwegs sind. Lassen Sie es im Hotel liegen. Wenn Sie abends zurückkommen, können Sie nachsehen, ob es Nachrichten gibt. Keine Sorge, sollte wirklich irgendetwas sehr Wichtiges geschehen sein, werde ich Sie schon erreichen.«

Bis Melanie endlich aufbrach, verging noch eine Stunde. Jana verabschiedete sie an der Haustür von ihr und winkte ihr hinterher, bis das Auto um die nächste Straßenecke fuhr. Dann schaute sie kurz bei Simon rein. Er telefonierte und wedelte mit einer Hand in ihre Richtung, als wollte er Fliegen verscheuchen. Sofort zog sich Jana zurück und ließ ihn weiterarbeiten. Mit einem Buch in der einen und einer Tasse Kaffee in der anderen Hand ging sie in den Wintergarten. Sollte Simon einen Wunsch haben, würde er sich über die Sprechfunkanlage schon bei ihr melden.

Sie hatte gerade das erste Kapitel ihres Krimis gelesen, als Gerda kam und mit den Hausarbeiten begann. Gerdas Mann, der den Garten der Koenigs in Schuss hielt, hatte bereits mit dem Rasenmähen angefangen. Kurz darauf meldete sich Simon und bat um eine Tasse Kaffee. Wenig später rief er nach ihr, weil ihn die Sonne blendete und die Jalousie geschlossen werden musste. Dann brauchte er ein Kissen für den Rücken, etwas Obst, einen Ordner aus einem Regal, noch eine Tasse Kaffee und viele andere Sachen, mit denen er Jana beschäftigte, bis der Pflegedienst kurz vorm Mittag zurückkam.

Jana war jedem seiner Wünsche mit einer Engelsgeduld nachgekommen. Es war ihr Job, sich um ihn zu kümmern. Schließlich wurde sie dafür äußerst großzügig bezahlt.

Für die Koenigs spielte Geld offenbar keine große Rolle. Sie bewohnten ein wunderschönes Haus in einer noblen Gegend. Es gab Hauspersonal und die Schwestern vom Pflegedienst, die ihnen den Alltag erleichterten. Und trotzdem war Melanie Koenig keine Frau, mit der Jana tauschen wollte. Jana war Idealistin. Sie träumte nicht vom großen Geld, sondern davon, glücklich zu sein. Und das war Melanie Koenig ganz sicher nicht.

Am Nachmittag kam ein Mitarbeiter aus Simons Firma vorbei, um geschäftliche Angelegenheiten mit ihm durchzusprechen. Jana brachte Kaffee und Gebäck und hatte nun eine Stunde nur für sich. Obwohl es ihr der Wintergarten angetan hatte, war das Wetter viel zu schön, um ihre kleine Pause hinter Glas und Stahl zu verbringen. Sie entschied sich deshalb für die Gartenterrasse und zog sich dorthin mit ihrem Buch zurück.

Der restliche Tag verging, wie er begonnen hatte. Simon rief nach ihr, wenn er etwas brauchte, und arbeitete ansonsten weiter an seinem Computer. Die einzige Abwechslung brachten die Mitarbeiter des Pflegedienstes, die zu den festgelegten Zeiten kamen, um Simon zu versorgen. Gegen zehn Uhr abends lag Simon in seinem Bett. Der Fernseher lief noch, als Jana zu ihm ging, um ihm eine gute Nacht zu wünschen.

»Wenn irgendetwas sein sollte, brauchen Sie nur zu rufen. Mit dem Lautsprecher direkt neben meinem Bett werde ich Sie sicher nicht überhören.«

»Hm«, sagte Simon nur und zappte sich mit der Fernbedienung durch die Programme, bis er auf einen Actionfilm stieß. Jana blieb noch eine Weile unschlüssig neben dem Bett stehen und ging dann, als Simon sie nicht mehr beachtete.

In ihrem Zimmer schlug Jana schon der Lärm von quietschenden Autoreifen und Schüssen entgegen, der aus dem kleinen, unscheinbaren Lautsprecher an der Wand kam. Sie verzog das Gesicht und ging ins Bad, um sich bettfertig zu machen.

Sie hatte sich darauf gefreut, in ihrem gemütlichen Bett zu liegen und den Krimi weiterzulesen. Doch bei dem Lärm, der unaufhörlich aus dem Lautsprecher schallte, gab sie den Versuch, sich auf die Handlung ihres Buchs zu konzentrieren, schnell auf. Genervt legte sie den Krimi beiseite und machte das Licht aus. Aber auch an Schlaf war nicht zu denken. Und so blieb Jana nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben und zu hoffen, dass dieser schreckliche Film bald sein Ende fand. Tatsächlich vergingen fast zwei Stunden, bis es so weit war. Jana war inzwischen todmüde und sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach etwas Schlaf.

Doch dann begann der nächste Film. Auch diesmal war es kein ruhiger, bei dem man sanft in den Schlaf hinübergleiten konnte. Nein, Simon Koenig schien eine große Leidenschaft für Filme zu haben, in denen es lautstark zur Sache ging und Schusswaffen und schnelle Autos eine tragende Rolle spielten.

Es dauerte eine Weile, bis Jana einsah, dass Simon sich auch diesen Film ansehen würde. Fassungslos setzte sie sich auf. Er musste doch wissen, dass sie unfreiwillige Zeugin des Spektakels wurde und unmöglich dabei schlafen konnte. Warum tat er ihr das an? Kurz überlegte sie, zu ihm zu gehen und ihn zu bitten, den Fernseher auszuschalten. Doch schnell nahm sie davon Abstand. In den nächsten Tagen mussten sie gut miteinander auskommen. Ihn jetzt schon zu verärgern, war sicher ziemlich unklug. Also legte sie sich wieder hin und zog sich das Kopfkissen über ihre Ohren, um den Lärm auf ein erträgliches Maß zu dämpfen.

 

Irgendwann war sie so müde, dass ihr die Augen tatsächlich zufielen und sie einnickte. Aber es dauerte nicht lange, bis sie entsetzt aus ihrem Schlaf hochschreckte, weil eine Explosion oder ein Schusswechsel durch ihr Zimmer dröhnte.

Gegen zwei stand sie entnervt auf. Sie zog sich ihren Morgenmantel über und ging den langen Flur entlang bis zu Simons Zimmer. Entschlossen klopfte sie an die Tür und öffnete sie, als sie sein barsches »Herein!« hörte.

Widerwillig wandte Simon den Blick vom Fernseher ab und sah sie fragend an.

»Herr Koenig, ich würde jetzt sehr gern schlafen. Aber bei dem Krach gelingt mir das leider nicht.« Jana deutete auf den riesigen Flachbildschirm, der an der gegenüberliegenden Wand angebracht war. »Vielleicht könnten Sie jetzt den Fernseher ausmachen?«

»Nein«, sagte Simon kühl und sah wieder zu seinem Film.

Vor Überraschung riss Jana den Mund auf. Doch sie fasste sich rasch. »Herr Koenig, ich kann unmöglich schlafen, wenn ich durch den Lautsprecher alles mithören muss.«

»Ich kann auch nicht schlafen. Wer hätte gedacht, dass wir Gemeinsamkeiten haben?«

»Was soll das? Verspotten Sie mich jetzt auch noch?« Aus Janas Worten war jede Freundlichkeit verschwunden, und sie sah ihn aufgebracht an.

Simon zuckte die Achseln. »Wenn Sie das denken, ist das Ihre Sache, nicht meine. Ich habe Ihnen lediglich gesagt, dass ich nicht schlafen kann.«

»Und deswegen darf ich es auch nicht? Im Gegensatz zu Ihnen habe ich nämlich keine Schlafprobleme. Es sei denn, ich muss mir die ganze Nacht diese blöden Actionfilme anhören.«

»Und was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich Ihretwegen den Fernseher ausmache und dann stundenlang in die Dunkelheit starre, nur damit Sie Ihren Schönheitsschlaf bekommen? Ich habe Einschlafprobleme und brauche den Fernseher, um zur Ruhe zu kommen.«

»Vielleicht sollten Sie sich mal ein wenig an der frischen Luft aufhalten und nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen«, entfuhr es Jana.

»Tja, sieht so aus, als wäre Sitzen das Einzige, was ich noch kann.« Simon sah Jana so verletzt an, dass sie ihre Worte augenblicklich bereute.

»So meinte ich das doch gar nicht. Ich dachte nur, dass es Ihnen guttun würde, mal rauszukommen. Wir könnten es morgen mal mit einer kleinen Ausfahrt probieren. In der Nähe gibt es einen wunderschönen Park, oder wir bleiben in Ihrem herrlichen Garten …«

»Nein!«, herrschte Simon sie so ungehalten an, dass Jana zusammenzuckte und sich ihr Mitgefühl für diesen störrischen Mann in Luft auflöste.

»Ich lass mich bestimmt nicht von Ihnen wie ein Kleinkind durch die Gegend schieben. Und nun lassen Sie mich gefälligst in Ruhe meinen Film ansehen!«

»Herr Koenig, bitte sehen Sie doch ein, dass das jetzt ein Ende haben muss. In vier Stunden muss ich wieder aufstehen und …«

»Der Fernseher bleibt an«, unterbrach Simon sie barsch. »So wie jede Nacht. Ich werde meine Gewohnheiten nicht für Sie ändern.«

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