Der rote Hahn

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Gerhart Hauptmann

Der rote Hahn

Tragikomödie

Saga

Der rote Hahn

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1901, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726956818

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

Dramatis Personae

 Fielitz, Schuhmachermeister und Polizeispion. Hoher Fünfziger

 Frau Fielitz, verwitwete Wolff, seine Frau. Ebenfalls gegen sechzig Jahre

 Leontine, ihre älteste Tochter aus erster Ehe, unverheiratet. Hoch in den zwanziger Jahren

 Schmarowski, Bauführer

 Langheinrich, Schmiedemeister. Dreißig Jahre alt

 Ede, Schmiedegeselle bei Langheinrich

 Rauchhaupt, preußischer Gendarm außer Dienst

 Gustav, sein ältester Sohn, blödsinnig

 Die acht Töchter Rauchhaupts, von sechs bis dreizehn Jahren

 Dr. Boxer, kräftiger Mann von sechsunddreißig Jahren, Arzt, Jude

 von Wehrhahn, Amtsvorsteher

 Glasenapp, Amtsschreiber

 Nickel, Amtsdiener

 Schulze, Gendarm

 Frau Schulze, seine Tante

 Tschache, Gendarm

 ein Feuerwehrmann

 ein Junge

 Dorfleute

Ort des Geschehens: Irgendwo um Berlin. Zeit: Kampf um die Lex Heinze, Jahrhundertwende.

Erster Akt

Die Werkstatt des Schusters Fielitz. Ein blaugetünchter niedriger Raum. Rechts ein Fenster. In der Mittel- und der Linkswand je eine Tür. Unter dem Fenster rechts der Schustertritt; darauf einige Schusterschemel und das kleine Handwerkstischchen. Auf diesem ein Gestell mit drei gläsernen, mit Wasser gefüllten Kugeln, zwischen denen ein Petroleumlämpchen, noch unangezündet, steht. In der Ecke links ein brauner Kachelofen mit Herd, Bank und allerhand Küchengerät ringsum.

Schuhmachermeister Fielitz hockt noch bei der Arbeit. Auf dem Tritt und in der Nähe herum liegen alte Schuhe und Stiefel jeder Größe aufgestapelt. Er ist eben dabei, ein Stück Leder geschmeidig zu hämmern. Frau Fielitz, verwitwete Wolff, hantiert nachdenklich mit einem mäßig großen Holzkistchen und einem Stearinlicht. Es ist gegen Abend, Ende September.

Fielitz. Jeh man wech aus de Werkstelle! Pack dir man!

Frau Fielitz, kurz wegwerfend. Wer werd ock noch komm? 's is ja ieber sechse.

Fielitz. Jeh man wech aus de Werkstelle mit dein Kram!

Frau Fielitz. Benimm dich bloß nich aso äselstumm! Was is denn hier Beeses, hä? an dem Kistel? Aso a Holzkistel is doch nischt Beeses.

Fielitz, verbost weiter schusternd. I, is et vielleicht wat Jutet, wat?

Frau Fielitz, weiter nachdenklich, halb scherzhaft. Bis hierher kommen de Hubelspäne ... Dann tun se hier mittenrein a Licht machen ...

Fielitz. Mutter, du bist mir'n bißken zu klug! Wenn det so weiterjeht mit de Klugheet, denn seh' ick mir noch mal in Pletzensee.

Frau Fielitz, barsch. Du kannst woll o gar kee bissel ni uffpassen! Du magst a wing heern, wenn ma mit dir red't. Aso was verintressiert een doch!

Fielitz. Ick verintressier' mir for meine Stiebeln, for wat anders verintressier' ick mir nich.

Frau Fielitz. Na da! O jemersch! Das wär' woll ni gutt. Da mißten mir alle mitnander verhungern. Mit der Flickschusterei, das wär' aso was! – Hier stellen se's Licht nein. – Haste verstanden?! – Das Kistel hier is ock nich groß genug. Das wär' so a Kistel, das dorte steht. Mir wern de Kinderschuh amal rausschmeißen. Sie kippt eine Kiste mit Kinderschuhen um.

Fielitz, erschrocken. Mach du bloß keen Unsinn! verstehste mich!

Frau Fielitz. Und wenn se das Licht nu han angezind't ... da stellt ma's so mitten nei eis Kistel, natierlich aso, daß der Deckel nich anbrennt. Dann setzt ma's stockstille nuff uff a Boden – das hat doch Grabow ni andersch gemacht! –, so mitten ins alte Gerimpel nein, dann reist eens geruhig nach Berlin, und wenn ma zurickkommt ...

Fielitz. Pst! 's kommt eens. Pst!

Frau Fielitz. Und da soll een der Teifel amal was nachweisen!

Längeres Stillschweigen.

Fielitz. Wenn det man bloß allens so einfach wär'! Det jeht woll so einfach, wie du dir det denkst? Da missen man erstlich hier Luftlöcher rin. Natierlich der Pfriem –: det muß schon 'n Bohr'r sind. Det muß doch Zuch hab'n, wenn et soll anjehn. Wenn et keen Zuch hat, erstickt et doch! Det Feuer muß Zuch hab'n, sonst brennt et nich. Hier muß eener beijehn, der wat von versteht.

Frau Fielitz. Na, Aler, das wär' doch a leichtes fer dich!

Fielitz, in zunehmendem Eifer, sich vergessend. Hier muß'n Zuch sind – und hier muß'n Zuch sind! Und alles janz akkurat abjepaßt. Und Hobelspäne und Lumpen rin. Und richtig Petroljum mang jejossen. Det is mir doch allens nischt Neies, Mutter! Ick war ja sechs Jahre uff Wanderschaft!

Frau Fielitz. Nu ebens! das meen' ich doch ebens ooch.

Fielitz. Det jeht mit Schwamm und det jeht mit Strippe, man feste rin in Salpeter jestippt. Det mach' ick mit Brennjläser, sag' ick dir! Uff zwanzig Schritte Entfernung jeht det! – Is allens schon dajewesen, Mutter. Mir allens nischt Neies. Kenn' ick doch!

Frau Fielitz. Grabow hat wieder uffgebaut. Hätt' a sich halt kee Herze gefaßt, da läg' a halt längst uff der Straße draußen.

Fielitz. Ja, wem erst ma't Wasser bis hierher steht, ick meene: bis oben an Halse ruff, denn mag det ja woll ooch'n ander Ding sind.

Frau Fielitz. Mancher verpaßt's ooch, bis a versauft.

Die Hausschelle bimmelt.

Fielitz. Stell wech de Kiste! Jeh und mach uff!

Amtsvorsteher von Wehrhahn tritt ein. Dicker Düffelpaletot, Schaftstiefel, Pelzmütze.

von Wehrhahn. 'n Abend, Fielitz. Was machen die Stiebeln?

Fielitz. Janz fix und fertig, Herr Amtsvorsteher.

Frau Fielitz. Da mach ock a eenziges bissel Licht, daß de der Herr von Wehrhahn und sieht was.

von Wehrhahn. Na, was hat sich, was tut sich, Mutter Wolffen?

Frau Fielitz. Ich bin keene Mutter Wolffen ni mehr!

von Wehrhahn. Sie is woll sehr stolz jeworden, was? Was, Fielitz, sie trägt woll sehr hoch 'n Kopp? Is ihr woll sehr in de Krone jestiegen?

Frau Fielitz. Na, heern Se ock, was denn? das bissel Heiraten? Ich hätte als Witfrau viel scheener gelebt.

Fielitz, der die Leisten aus von Wehrhahns Stiefeln genommen hat. Denn wärste man ruhig jeblieben Witfrau!

Frau Fielitz. Hätt' ich ehnder gewußt, was du fer a Kerl bist, da hätt' ich's woll ni aso eilig gehabt. An alen, krumpbeenigen Kracher wie dich, den hätt' ich noch alle Tage besehn.

von Wehrhahn. Na sachte, sachte!

Fielitz. I lassen Se man! Mit fast kriechender Unterwürfigkeit. Wenn Se so jut wollten sind, Herr Vorsteher, und gnädigst den rechten ma runterziehn. Erlauben Se man: ick mache det schon. So. Wenn Se nu wollten so jütig sind, den Fuß ma stellen hier uff de Kiste.

Frau Fielitz, mit brennender Lampe. Wie geht's denn der gnädigen Frau, Herr Baron?

von Wehrhahn. Ich danke, es jeht ihr ja sonst janz jut. Sie jammert bloß immer nach Mutter Wolffen ...

Frau Fielitz. Nee, sehn Se, das geht Ihn auch wirklich ni mehr. Ich hab' Ihn gutt dreißig Jahre gewaschen. Da kann ma's woll satt kriegen, sehn S' amal an. Ich will Ihn amal meine Beene zeigen: da stehn Ihn de Adern raus wie meine Faust. Das kommt von dem ewigen Stehn am Waschfasse! Und Frostbeulen hab' ich Ihn ieberall, und Reißmatichtig ei sämtlichen Gliedmaßen. Das nimmt gar kee Ende mit Dokteriern! Ich muß mich reen ganz in Wolle einpacken und derbeine, da frier' ich a ganzen Tag.

von Wehrhahn. Jewiß, Frau Wolffen, ich glaub's Ihnen schon.

Frau Fielitz. Ja frieher, da nahm ich's mit jedem uf. Da hatt' ich Ihn ane Konstruktion, da konnte der zehnte erseht mit mir mitmachen. Aber heute ... o je! Da sieht's anderscher aus.

Fielitz. Schrei man noch'n bißken lauter, wenn't jeht.

von Wehrhahn ... Ich kann's Ihnen jar nich verdenken, Frau Fielitz. Wer so jearbeitet hat wie Sie, der mag sich jetrost mal die Ruhe jönn.

Frau Fielitz. I na! Wer weeß ock. Das läßt sich noch halten. Ma hat ja sei Auskommen. Immerzu. Gibt Fielitz ein freundschaftliches Kopfstück. Er macht ja derwegen jetzt o seine Sache. Mir sein, mecht' ma sprechen, keens ni faul. Aber wenn ma ock ebens und wär' gesund! Uff a Sonnabend muß ich schonn wieder zum Dokter. Da tutt a mich immer jelektrisieren – aso mit der Jelektrisiermaschine. Ich kann ja nischt sagen, 's schlägt mir ja an. Aber erschtlich immer das nei nach Berlin fahrn – und eemal jelektrisieren fünf Mark. Da weeß ma ooch manchmal gar nich, wo hernehm'n.

 

Fielitz. Stopp du bloß de Doktersch Jeld in Hals!

von Wehrhahntritt auf mit dem neuen Stiefel am Fuß. Wir werden alle nich jünger, Frau Fielitz. Ich spüre das auch janz jewaltig bereits. Naturjesetz! Nich jejen anzuschwimmen! Da heißt es janz einfach: ran an Baß. – Und übrigens haben Sie jar nich zu klagen. Ich hab' ja vorhin eben wieder jehört ... der Schwiejersohn hat ja sehr jut bestanden. Na also! Jeht ja doch alles nach Wunsch.

Frau Fielitz. Nu freilich, das hat een ooch wirklich gefreut. Erschtlich wird a sich jetze viel besser kenn forthelfen, nu a doch so was wie Bauführer is, und dann o ... a hat sich's o sonste verdient. – Was der fer an Kindheet hat durchgemacht! Nu da! Mir is o ni sehr gut gegang'n, aber so an Vater und so a Weib ...

von Wehrhahn. Schmarowski is'n jediej'ner Mensch. Um Schmarowski is mir nie bange jewesen. Da hat Ihre Adelheid Jlück jemacht! – Sehn Sie, ich hab's Ihnen damals jesagt! – Sie kamen doch damals zu mir jelaufen, als die Sache beinahe in die Brüche jing, und ich hab' Sie an Pastor Friderici jewiesen: da können Sie sehn, was Seelsorje is. 'n junger Mann is'n junger Mann, und wenn er sich christlich und ord'ntlich hält, deswejen kann er sich auch mal verjessen. Naturjemäß jreift dann der Seelsorjer ein.

Frau Fielitz. Nee, nee, ja, ja, da wern Se schonn recht hab'n. Das vergess' ich Ihn ooch'n Herr Paster ni! – Wo Schmarowski das Mädel tat sitzenlassen, die hätte sich heilig 's Leben genommen!

von Wehrhahn. Da hätten wir jleich mal'n Beispiel, Frau Fielitz, wenn Kirche und Pastor am Orte ist. Das Jotteshaus, was wir jemeinsam jebaut haben, hat heute schon manchen Sejen jebracht. Ju'n Abend also, leben Sie wohl. –Ja, was ich noch sagen wollte, Fielitz: die Flottenversammlung ist Montag früh. Sie werden doch sicher zujejen sein?

Frau Fielitz. Natürlich kommt a.

Fielitz. Na janz jewiß.

von Wehrhahn. Ich kann Sie auch nicht entbehren, Fielitz. Komm Sie mal Sonntag noch mal bei mir ran. Wichtig ist, daß wir uns vorher verständigen. Ich bringe jewisse Punkte vor ... jewisse markante Punkte, Fielitz, da müssen wir kräftig zusammenjehn. Ju'n Abend also! Verjessen Sie nich – 'ne starke Flotte müssen wir haben!

Fielitz. Det jeht ooch ohne 'ne Flotte nich!

von Wehrhahn ab.

Nimm man det Licht raus! Sei man so jut!

Frau Fielitz. Aso a Hase wie du bist, Anton! Du bist schonn a richtiger Hasenfuß. Sie nimmt das Licht aus dem Kistchen. Fast im gleichen Augenblick öffnet Rauchhaupt die Tür und guckt herein.

Rauchhaupt. Juten Abend, Meester! Stör' ick ooch nich?

Fielitz. – – – – –

Frau Fielitz. Ach – I! Immer rei ei a Deutschen Bund.

Rauchhaupt. Is denn Schmied Langheinrich noch nich da?

Frau Fielitz. Wollt' a'n komm? Nee, a is noch nich hier.

Rauchhaupt. Mir hatten uns extra herbestellt. – Ick hab' ooch det Jrabkreuze mitjebracht. He, Justav! Bring et man rin, det Dinges! Gustav bringt ein schmiedeeisernes Grabkreuz mit Inschrift herein. Stell et man uff det Kistchen hier druff.

Fielitz, schnell. Nee, laß man, Eduachd, det zerbricht.

Rauchhaupt. Denn lehn et man immer jejen de Wand.

Frau Fielitz. Da seid Ihr nu endlich fertig dermitte! Ruft zur Tür hinaus. Leontine! Kannst amal runterkomm.

Rauchhaupt. Ick habe man ens zuviel andersch zu tun. Ick baue doch wieder'n neies Jlashaus.

Frau Fielitz. Schonn wieder a neies? Da hert's doch vond uff. Sie sein ooch der reene Maulwurf, Rauchhaupt. Was der Mann aso ei der Erde wiehlt!

Rauchhaupt. Da is auch'm Menschen am wohlsten, Meestern. Mir sind ja doch alle aus Erde jemacht, mir wern ja auch alle wieder zu Erde. Warum soll ma da nich in der Erde rumwiehln? Riecht in die Schnupftabakdose, die Fielitz ihm hinhält. Det is ooch man Erdjeruch, Meester Fielitz, det riecht wie frische Erde so jut.

Leontine, Schere umgehängt, Fingerhut auf dem Finger, kommt herein.

Leontine. Hier bin ick, Mama. Wat soll ick denn nu?

Frau Fielitz. A bringt Papa sein'n Zephitaph. Leontine und Frau Fielitz betrachten das Grabkreuz gedankenvoll. Steck m'r amal das Licht an, Mädel. Sie übergibt ihr das Talglicht, womit sie bisher experimentiert hat. Mir wolln uns amal de Schrift studiern.

Rauchhaupt. – Ick habe da sehr drieber rumjedoktert. Nu is et mir aber zu Dank jeworn. Heut kenn Se'n Kirchhof dreimal absuchen, det is Ihn de scheenste Jrabschrift is det. Dadrieber hab' ick mir selbst ieberzeugt. Er nimmt auf dem Schustertritt Platz und füllt sich die Nase neuerdings mit Schnupftabak.

Frau Fielitzleuchtet und buchstabiert. Hier ruht in ...

Leontine, weiterlesend. ... in Jott ...

Rauchhaupt. Ja, et heeßt in Jott. Ick wollte erst lieber schreiben: in Herrn, aber sehn Se, – det kann heute jeder sind.

Frau Fielitzliest weiter, mit zittriger Stimme. Hier ruht in Gott der unverjeßliche Zimmermann ... Losheulend. Ach nee, das war Ihn ... das is Ihn zu schrecklich! Das war Ihn der beste Mann von der Welt! Aso een wie der war, das kenn Se mer glooben, aso eenen gibt's heute gar nich mehr.

Leontineliest weiter ... der unverjeßliche Zimmermann Herr Julian Wolff ... Flennen.

Fielitz. – Na laßt et man jut sind, versteht a woll? Von det Flennen da steht keen Toter nich uff. Gibt Rauchhaupt die Schnapsflasche. Hier, Eduachd, stärk dir! Nutzt allens nischt! Er steht auf und klopft die blaue Schürze ab wie jemand, der sein Tagewerk beschließt.

Rauchhaupt, mit der Flasche weisend. Det Versken hier ha ick nu selber jemacht. Ick will et man vorsprechen, horcht man zu:

In Herzen sind wir alle Sünder ...

'n jeder kann det noch lange nich! –

In Herzen sind wir alle Sünder,

der Bettler wie der Prinz nicht minder.

Doch dieses Mannes Herze war

unschuldig und wie Wasser klar.

Die Frauen weinen stärker. Er fährt fort. Det mußt' ick mit Kremserweiß ieberjehn, und det hier, det »Jott«, det is Preußischblau. Er trinkt. Schmied Langheinrich kommt.

Langheinrich, immer begehrlich Leontinen ins Auge fassend. Nu sage man, Rauchhaupt, Menschenskind, ick such' dir ja seit 'ne halbe Stunde! Ick denke, ick soll dir abholn, Quatschkopp. – Na, is et denn nu zur Zufriedenheit?

Frau Fielitz. Ach, laßt mich doch alle mitnander in Frieden! Wenn ma erst amal so an Mann verliert, wie soll man hernach mit euch Scheißkerlen auskomm!

Fielitz. Komm, Ladewich, zieh dir mal ran 'n Schemel. Laß se man erst zu Verstande komm.

Langheinrich, pfiffig und lustig. Ja, ja, det ha ick ooch immer jesagt: det Sterben, det hat der Deibel erfunden.

Frau Fielitz. Wir warn ieber zwanzig Jahre verheirat. Aber auch ni nich a eenziges beeses Wort. Und wie der reelle war, bis uff a Fennig! Der hätte keen nich um an Fennig gebracht. Und nüchtern! Der kannte erseht gar erseht keen Schnaps. A sah'n nich an, man konnt'n dreist hinstelln. Und wie der die Kinder derzogen hat! Ihr denkt bloß ans Kartespieln und Schnapssaufen ...

Leontine. Justav pläkt mir die Zunge raus.

Rauchhauptbekommt einen Schusterleisten zu fassen und stürzt jähzornig auf Gustav zu, der Leontinen Grimassen geschnitten und die Zunge herausgesteckt hat. Kanaille! Dir hau' ick'n Schädel ein! – Det Schindluder bringt mir noch in die Jrube. Ick ärgre mir noch mal'n Dod an 'n Hals.

Langheinrich. Det arme Luder versteht et ja nich.

Rauchhaupt. Wenn doch det Schindaas krepierte, verfluchte! Sonst were ick noch mal so fuchsdeibelswild, ick verjreif mir noch mal an't eijne Fleisch.

Fielitz. Ick tät' ihm doch interminieren uff Dalldorf, denn biste den Ärjer doch los, akkurat. Soll ick dir machen 'ne Einjabe, wat?

Rauchhaupt. Versteh' ick mir etwa nich uff Einjaben? Da heeßt et: er is nich jemeinjefährlich. – Det is allens Dalldorf, die janze Welt! – Det er Klamottziegeln nach mir schmeißt, det er Schlösser ausschraubt und Hausschlüssel stehlen dut, det halten se nich for jemeinjefährlich. Ooch det er und frißt mir die Tulpenzwiebeln, det halten se allens nich dafor. Da kann ick man immer sehn, wo ick bleibe.

Frau Fielitz. Wie is'n das neilich bei Grabown geworn? Wie neilich der Preuß'sche Adler abbrannte?

Langheinrich. I, Jrabow, der hat et neetig jehat. Keen Justav hat det nich anjestochen. Da hat der keen Justav zu nich jebraucht.

Frau Fielitz. 's heeßt doch, a gokelt immer mit Streichhölzern.

Rauchhaupt. Justav? Jokeln? Na immerzu. Wo der man 'n Zindhelzken uffstöbern dut, denn is ooch't Malheur schon so jut wie fertig. Ick brauche doch Decken zu meine Treibhäuser, da ha ick mir doch so'n Schuppen jebaut. Da ha ick det Stroh also unterjebracht. Na, siehste woll! wat ick Ihn sage, Meestern, det hat mir der Schweinhund abjebrannt. Et war hellichter Dag, da hat's keener jemerkt, und ick habe ja Planken um't janze Jrundstück. Det knisterte wech, det war man so'n Puff! – Aber Jrabow, der hat et alleene besorcht.

Frau Fielitz. Aso was tät' ich doch anzeigen, Rauchhaupt! Ich meene, das mit dem Strohverbrenn!

Rauchhaupt. Ick steh' mir mit Schandarm Schulzen nich. Det is meistens so mit de Kollegenschaft. Ick habe mir emeritieren lassen. Det jefällt ihm nich. Det paßt ihm woll nich. Na ja. Jewiß doch, det mag ja woll sind. Ooch det ick mein eijenes Jrundstück habe, und det mir de Olle jestorben is. Jewiß doch, wo wär ick denn leujnen, wat? Et hat'n paar Daler abjesetzt. Und det mir die Järtnerei wat einbringt ... det will er mir allens nich verjönn. Denn heeßt et: Rauchhaupt, der hat et nich nötig. Laß der man uffpassen. Abjemacht.

Frau Fielitz. Fritze Grabow is doch fein raus jetzunder.

Langheinrich, lebendig. Det hat er mir zu verdanken all. Bloß det ick bald eklich bei rin wär' jeschliddert. Weil det ick doch Spritzenmeester bin. Ick hatte zu meine Jungens jesagt ... Ick weeß nich, war ick nu'n bißken bestrampelt? Ick hatte mir orndlich eenen bezähmt. Die janze Jesellschaft war anjeroocht! – Ick sage: Jungens! man feste ran, det bloß keen Stein uff'n andern bleibt, denn kriegt Jrabow Abzüje ieber Abzüje, und denn nutzt ihm der janze Klieter nischt. – Det hatt' ick'n bißken laut jeschrien, und wie ick zwee Schritte rickwärts mache, da denk' ick, mir soll'n Affe rasieren: steht Schandarm Schulze und kiekt mir an. Prost! sag' ick. Prost, Herr Oberschtwachtmeester! –Jrabow, der hatte ja Bier uffjelegt! – und denn war er jemietlich und trank mir zu.

Frau Fielitz. Ich weeß ni, daß da nischt is rausgekomm. Der is doch o gar kee bissel gerissen. Wie hat ock der das aso angestellt?

Langheinrich. Fritze Jrabown hat jedet jern.

Frau Fielitz. A kann doch reen ni bis uf drei zähln. Und außerdem hat a doch schwern gemußt.

Rauchhaupt. So'n bißken schwern, det soll wat sind? Det se uff alle Fälle Bescheed wissen: ick meene man, Meestern! Wer weeß et denn? 'n jedet kann mal vor so was jestellt sind. Janz einfach abdrehn 'n Hosenknopp, indem det man janz jeruhig schwern dut. Probieren S'et man, det jeht wie jeschmiert. Lachen.

Frau Fielitz. A is wieder spaßig ufgelegt. Ich wer mer keen Hosenknopp ni brauchen abdrehn. Aso weit kann's schon nich komm mit mir. – Wer kommt denn nu jetzt an de Reihe, Meester? 's wär' doch nu wieder mitsachten Zeit. Es muß doch nu bald amal wieder ees abbrenn.

Langheinrich. Det kann bei dem und bei jenem sind. Bei Strombergern sieht et sehr mulmich aus, dem rejnet et in de Wohnstube rin. Na, scheen jut'n Abend! Spaß muß sind.

Frau Fielitz. Wer soll denn nu hier mein heeßen Grog trink'n?

Fielitz. Hierjeblieben!

Langheinrich. Nee, nee, ick muß fort. Er umfaßt Leontine, die sich lässig und mit schnödem Gesichtsausdruck aus seinem Arm dreht. Wenn Mutter mir unten nich pinken hört, denn komm' ick zu Haus, denn schwimmt Ihn't Koppkissen.

 

Leontine. Det is ja bloß Eifersucht, Mama.

Frau Fielitz. A is woll danach, die kann immer recht hab'n. Pack du dich an deine Arbeit ruff. – Wie jeht's d'nn der Meestern?

Langheinrich. Schlecht. Wie soll't jehn?

Leontine. Du wirst mir so lange hetzen, Mama, bis ick noch wer de Schwindsucht kriejen.

Frau Fielitz. Vielleicht vo was anderm, vom Schneidern ni. – Hab dich ock pimplich wie a Mann! –

Langheinrich, die Fielitzen umfassend. I junge Frau, nich so kratzig sind! Wo Jugend is, det will sich ooch austoben. Und wenn't ooch man mit Schandarm Schulzen is! Ab.

Frau Fielitz. Was soll denn das wieder heeßen, hä?

Rauchhaupt. Meester! Meester! Ick schließe mir an. Er steht auf, winkt Gustav, der das Kreuz wieder aufnimmt.

Frau Fielitz. Was rennt Ihr denn nu asu plutze fort?

Rauchhaupt. Ick muß nu ooch jehn, de Arbeet totschlagen!

Ab mit Gustav.

Frau Fielitz. Was hust'n du wieder mit Meester Langheinrich? Du stellst dich ja gar asu dämlich an.

Leontine. Jar nischt. Er soll mir in Frieden lassen.

Frau Fielitz. Das wird a o gutt und gerne dahier! Wenn du dich aso rumgähnen und rumrekeln tust, da wirscht du dich gar weiter ni missen anstreng'n: asu eene braucht der woll sicherlich nich.

Leontine. Er is ja verheirat!

Frau Fielitz. I luß ock! 's is gutt. Du hast keen Verstand, weil de ebens zu tumm bist. Du hast a Kind und keen Mann ni derzune; Adelheid hat kee Kind und an Mann. Leontine langsam ab. – Wenn die sich an Sache a bissel tät' wahrnehm ... Langheinrich kann bale Witwer sein!–

Fielitz. Da kann ick mir ooch nich sehr drieber erjötzen, det Schulze det Mächen so nachloofen dut.

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