Todesflug Schicksal

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Todesflug Schicksal
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Maxi Hill

Todesflug Schicksal

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Inhaltsverzeichnis

Titel

TODESFLUG * SCHICKSAL

TIEFFLIEGER

EIN UNHEIL KOMMT SELTEN ALLEIN

DIE STEWARDESS

KRACH MIT JULIE

LISAS SCHMERZLICHE ERKENNTNIS

DER GEPRIESENE GEMEINSCHAFTSSINN

IM URLAUBSGLÜCK?

EIN GANZ NORMALER TAG

DIE HAUPTSTADT

MAYDAY

AUF DER RÜCKFAHRT

EINE STADT IM AUSNAHMEZUSTAND

DIE NOT DER GLÜCKSPILZE

AM ABSTURZORT

LEBEN OHNE AUSWEG

EIN LAND IN TRAUER

DER TRAUERAKT

IM ZWIESPALT

UNVERHOFFT KOMMT NICHT OFT

DAS LEBEN GEHT WEITER

DIE AUFKLÄRUNG

NUR EIN FAZIT

MAXI HILL

Impressum neobooks

TODESFLUG * SCHICKSAL

Als eine Il62 der INTERFLUG im Jahre 1972 bei Königswusterhausen abstürzt, erfährt die ganze Welt davon. Umso weniger weiß man von Schicksalen, die durch das Unglück für lange Zeit gezeichnet sind. Von einem solchen erzählt der Roman, der auf Tatsachen beruht, aber in einzelnen Szenen kreativ aufgefüllt werden musste.

Die Namen der handelnden Personen sind deshalb alle rücksichtsvoll geändert.

TIEFFLIEGER

Am Rande der kleinen Stadt ist es an diesem Nachmittag still, beinahe öde, als wären für alle Welt große Ferien. Nur das Quietschen der Kräne und das Rollen der vollbeladenen Waggons erzählen ihre Geschichte vom unermüdlichen Schaffen im Hafen von Königswusterhausen.

Es ist ein Tag, der dem Sommer 1972 große Ehre bringen könnte. Zwei Jungen waren bisher auf ihren Lehrstellen, der siebzehnjährige Bert bei der Bahn und sein gleichaltriger Freund Kalle im nahen Hafen. In großer Hitze ist dieser Tag dazu verdammt, eintönig zu werden. An diesem Montag im August haben beide zu nichts wirklich Lust. Erst einmal lungern sie ziellos am Rande des Wäldchens neben den Bahngleisen herum, auf dem das Schüttgut bis zu den Lastkähnen angefahren wird. Es fasziniert Bert seit einiger Zeit, wie der Spezialkran ganze Waggons aufnimmt und deren Fracht in die Kähne entlässt, Waggons, die bei seinem Lehrherrn Deutsche Reichsbahn verschoben werden, was Kalle bisweilen ein Schmunzeln einbringt. Verschoben? Er würde rangieren sagen.

Sie sitzen im Schatten und dösen vor sich hin. Hinter der Brücke über den Nottekanal hört man bei günstigem Wind das Surren der Autos auf der nahen Autobahn. Eine struppige Katze schleicht vorbei, die Kalle mit einer Handvoll Kieselsteinen verjagt, weil er wenigstens irgendetwas zu tun haben möchte.

»Ist das öde. Man, es müsste mal wieder was passieren«, sagt er mehr zu sich. Bert nickt, aber er hat auch keine Idee, was mit dem lahmen Nachmittag noch anzufangen wäre.

»Na ja«, erklärt sich Kalle, und kramt dabei in den Taschen seiner Jacke nach einer Kippe, die irgendwo noch sein muss. »Wie damals, als der Kohlekahn abge-gluckert ist, mein ich…«

Bert zieht die Winkel seiner Lippen nach unten, aber mehr Bewegung in seinem Gesicht kann Kalle nicht ausmachen. Eine Weile dösen sie wieder vor sich hin, bis sie ein Knattern in dieselbe Richtung blicken lässt.

»Kiek ma, da kommt der Tiefflieger Maik mit seiner Angeber-Schwalbe.«

Kalle bleibt phlegmatisch: »Wat will der Idiot hier?«

Sie drehen ihre Köpfe auffällig langsam in die entgegengesetzte Richtung. Maik gehört nicht zu ihrer Clique, aber er versucht, sich immer wieder einzuschmeicheln. Bolzen könnten sie wenigstens zu dritt, aber die Hitze macht ihnen zu schaffen. Maik wäre sogar als Tormann noch zu ungelenk. Sie hatten sich schließlich ausgemacht, über die Felder zu ziehen und Gurken zu klauen. Später, wenn es kühler wird, jetzt ist es dafür noch zu früh ist. Tagsüber wird gerade überall geerntet. Im Herbst schlagen sie sich gewöhnlich mit Wasserrüben die Bäuche voll. Von dem Viehfutter bekommen sie zwar brennende Lippen, weil sie die scharfe weiß-lila Pelle mit dem Mund abschälen, aber das Innenfleisch ist saftig, eben wie es bei Wasserrüben zu erwarten ist.

Maik stellt den Motor ab, postiert sich aber auf seinem Moped frontal vor den beiden.

»Macht ihr ‘n heute noch so?«

»Siehste doch«, sagt Kalle. Am liebsten würde er noch sagen: Verpiss dich, aber Maiks Vater ist der Bürgermeister und man kann nie wissen, was dieser Tiefflieger zu Hause in seiner intellektuellen Familie rumerzählt. Schlecht getroffen hat der es nicht, denkt Bert. Der fliegt bestimmt in diesem Jahr noch mit seinen Eltern nach Sotschi, wohin der Vater «dienstliche» Kontakte pflegt. Davon schwärmt der Angeber dann monatelang, bis man es nicht mehr hören kann.

»Wir träumen uns in der Süden«, blafft Bert. »Am Schwarzen Meer sind jetzt bestimmt auch 30 Grad.«

»Witzbold«, erwidert Maik.

»Tiefflieger«, kontert Kalle und sucht noch immer seine Taschen ab, um mit einer Kippe vor Maik anzugeben. Der darf sich von seinem Alten mit einer Kippe nicht erwischen lassen.

Eine Weile messen sich die Jungen mit komischen Grimassen, bis ein Rums zu hören ist. Maik dreht sich blitzschnell um und ruft — sein Mund bleibt dabei offen —: »Eh! Das ist 'n echter Tiefflieger.«

Noch ehe Bert und Kalle begreifen, was Maik meint, sehen sie es auch. Aus den Wolken taucht etwas Großes, etwas Rot-Weißes auf, das bedrohlich auf sie zurast. Aus den Tragflächen spritzen kleinen Fontänen.

»Das ist Kraftstoff, man. Das ist ein Notfall! Eh, das Geschoss stürzt ab!«

Jetzt sehen es Bert und Kalle ebenso. Eine Rauchwolke zieht hinter dem Flugzeug her, das sich rasend schnell auf die Stadt zubewegt.

»Da geht wohl einem die Puste aus!«, kollert Berts Stimme in die Schwüle des Nachmittags, aber dann hören sie noch dreimal einen dumpfen Knall aus der Ferne. Die Leute der Stadt haben sich an die Flieger vom nahen Flugplatz Schönefeld gewöhnt. Auch wenn sie schon sehr tief über die Häuser der Stadt fliegen, macht es keinem mehr etwas aus, und so laut ist es beim Landen auch nicht. Bei diesem Geschoss hört sich das Heulen aber an, als startete es gerade im Steilflug, dabei kommt es vom Süden herein; also will es landen.

Tatsächlich im Sinkflug begriffen, bricht Sekunden später der hintere Teil der Maschine weg und stürzt zur Erde. Kalle schreit: »Oh verdammt!« Unvermittelt duckt er sich. Auch die anderen beiden Jungen halten ihre Arme schützend über den Kopf.

»Scheiße! Der Bahnhof…!«

Atemlos und mit aufgerissenen Augen verfolgen die Jungen den Rest vom rauchenden Geschoss, der nicht weit von ihnen entfernt verschwindet. Eine gigantische Rauchsäule taucht auf, dann ist die Welt ganz ruhig.

Maik schnappt als Erster nach Luft: »Los! Wer kommt mit«, schreit er und startet in fiebriger Eile seine Schwalbe. Zugleich springen Bert und Kalle hinter Maik auf die kurze Sitzbank vom kleinen Gefährt. Nicht nur der Platz auf dem Sitz ist zu eng, auch die Luft in den Rädern kann dem Gewicht von drei Burschen kaum trotzen. Unter den Radprofilen schleudert Sand vom festgetretenen Schleichweg in Fontänen davon, später holpert das überladene Gefährt über die Kopfsteinpisten bis zur Brückenstraße. An diesem Tag droht ihnen keiner mit dem Finger, wie so oft, wenn sie Verbotenes tun. Niemand der Leute in der bis jetzt trägen Stadt fuchtelt drohend mit den Armen, alle schauen wie gebannt auf die Rauchsäule und abwechselnd in den Himmel, ob der noch etwas hinterherschickt, wovor sie sich schützen müssten.

Nachdem sie den Bahnhof hinter sich gelassen haben, lenkt Maik mühsam das überladene Gefährt bis zur Storkower Straße, aber da sind sie schon zu weit gefahren. Er kehrt um und biegt in das Wohngebiet, wo am Kirchsteig schon die Hölle los ist. Drei eben noch gelan-gweilte Jungen starren auf eine Welt, die sie nicht wiedererkennen. Eine Rauchsäule erhebt sich bedrohlich schwarz aus dem kleinen Waldstück. Durch das Unterholz kann man überall Wrackteile sehen. Das Fahrwerk ragt in die Luft, das Heck steckt gebrochen im Erdboden. Aus der Luft regnet es Silberpapier…

 

Der Schreck blockiert die Worte, die Bert jetzt zu gerne heraus geprustet hätte: Ham wa denn schon Weihnachten?

Auf den Balkonen der Häuser saßen soeben noch die Bewohner, die sich bei Kaffee und Kuchenresten vom Wochenende den Feierabend gefallen ließen. Jetzt stehen sie stocksteif und haben für die Bilder, die sich ihnen direkt vor den Fenstern bieten, keine Erklärung.

Am Gartenzaun einer kleinen Parzelle steht ein Mann und hält mit angezogenen Schultern etwas in seinen Händen. Kleidungsstücke? Taschen? Die Lichtung ist übersät davon. Die drei Jungen kommen nicht näher heran. Einer von den Leuten, die aus allen Richtungen zusammengeströmt sind, erkennt Maik und schickt ihn zurück in die Stadt zu seinem Vater, der im Schlosssaal tagt, um die genaue Unglücksstelle zu beschreiben.

Das stellt sich als unnütz heraus. Die ganze Stadt weiß längst Bescheid. Bert ist mit Maik weg, und Kalle schleicht durch die Büsche, um die vielen Dinge, die es vom Himmel geregnet hat, zu begutachten. Verdammt! Das hat er nicht gemeint, mit «es müsste mal wieder was passieren«. Das hier, und das sieht er an den vielen verstreuten Dingen, war eine Passagiermaschine, keine Cargo. Er schaut auch einmal gedankenlos und ohne bestimmten Grund an einem Baum empor, als sein Blick auf etwas stößt, das in seine Kategorie »abscheulich« gehört. Und dann sieht er auch am Boden noch mehr davon und immer mehr. Angewidert läuft er davon. Weg hier, bloß weg …!

Im kleinen Städtchen ist längst die Hölle los. So viele Krankenwagen und Feuerwehren hat man hier noch niemals gesehen. Sogar die Kameraden von der BSG und der Zivilverteidigung rücken an, um zu retten. Aber von den 156 Menschen an Bord ist niemandem mehr zu helfen.

EIN UNHEIL KOMMT SELTEN ALLEIN

Sieben Monate vor diesem ersten zivilen Flugzeugunglück auf dem Boden der DDR mit einem so verheerenden Ausmaß an Todesfällen entscheiden sich Schicksale, vollziehen sich Wendungen für Menschen im Land, die ganz unerwartet das Leben in eine andere Bahn lenken. Da ist die siebzehnjährige Anna-Sofie, die unsäglich leidet. Da ist deren Freundin Julie, die an sich selbst wächst, und es sind Julies Eltern Lisa und Norbert Fuchs, die eine Verantwortung fühlen, die ihre Pläne durchkreuzt.

LISA FUCHS

Die Textilarbeiterin Lisa Fuchs fühlte sofort, dass sie bei dieser Zusammenkunft im Kombinats-Speiseraum fehl am Platz war. Deshalb suchte sie gar nicht erst nach einem freien Stuhl, blieb in der Nähe der Tür stehen und hoffte auf einen günstigen Moment, um einfach zu gehen. Der Gewerkschaftsvorsitzende Günther Rauch stand seit geraumer Zeit vorn auf dem Podest und redete wie üblich über Dinge, die für keine der Frauen neu waren.

»Alle reden vom Aufholen. Genossen! Kollegen! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Wir haben den Klassenfeind bereits überholt. Alle Welt — auch die kapitalistische — schaut auf unsere Achtfachbedienung. Und darauf, Kollegen, könnt Ihr stolz sein! Weltweit in der Textilindustrie wird an Großrundstrickmaschinen fünffach bedient. Ich bin stolz auf eure Leistungsbereitschaft, und die zahlt sich heute mal wieder aus …«

Lisa Fuchs stieß ihre Fäuste in die Kitteltaschen der bunten Nylonschürze. Das Blut rauschte in ihren Ohren, sie konnte die Worte von Günther nicht mehr hören. Sie war nie in der Gewerkschaft, weil sie meinte, das sei keine wahre Interessenvertretung, das sei nur der verlängerte Arm der Partei, um die Leute liniengetreu zu noch höheren Leistungen anzustacheln. Dagegen half auch nicht, dass sie Günther aus ihrem alten Werk sehr gut kannte und damals noch leidlich leiden mochte.

Seit drei Jahren arbeitete sie nun hier in dem Kombinat, das mehrere Tausend Menschen in Lohn und Brot hielt. Ab April 1969 hatte sie sich umschulen lassen von der Weberin zur Strickerin. Sie arbeitete gerne, aber das ganze Drum und Dran mochte sie nicht. Diese Lobhudelei. Diese Verklärung. Dieses Verschweigen. Sie wusste es! Sie wusste es aus erster Hand. Diese Maschinen, auf die der Sozialismus so stolz ist, wurden aus dem Westen importiert. Das durfte nur niemand wissen. Und die es wussten, die durften es nicht sagen.

Lisa stieß angestaute Luft aus der Lunge, was ihr einen sanften Rempler von Kollegin Nina einbrachte.

Na ja, das hat sich hoffentlich alles bald für mich erledigt. Inzwischen hatte Lisa auch ihren Mann Norbert davon überzeugt, dass Tante Ellis Wunsch das Beste für sie sei. Vorläufig sollte ihre Tochter Julie noch nichts von den heimlichen Plänen ihrer Eltern wissen. Noch nicht. Es war zu gefährlich. Junge Menschen sind mit ihren Worten sehr schnell und unüberlegt. Man konnte keinem trauen.

Auf dem Weg von der Versammlung zurück zur Produktionshalle wurde ihr klar, was sie in ihrem Grübeln verpasst hatte. Die jungen Kolleginnen aus ihrer Schicht, Elke und Greta, schienen sehr enttäuscht zu sein. Sie redeten davon, dass sie wohl niemals einen der Urlaubsplätze bekommen würden, solange sie ledig seien. Aber heiraten sei deswegen noch lange keine Option. Also war es dem Gewerkschaftsvorsitzenden mal wieder um die Erklärung gegangen, die für kaum einen nachvollziehbar war. Wie jedes Jahr wurden die Entscheidungen der Vergabekommission zu den jährlichen Urlaubsplätzen öffentlich verkündet, um Gerechtigkeit zu demonstrieren. Das war auch der Grund, warum jeder dabei sein musste. Sie hätte getrost weiterarbeiten können; sie hatte wohlüberlegt gar keinen Platz beantragt. Von der Gewerkschaft bekam sie sowieso keinen zugewiesen und einen betriebseigenen konnte sie sich wegen ihrer politischen Haltung auch abschminken. Was blieb also?

Ein feiner Zug von Ironie legte sich über ihre Lippen: Wozu pflegt man all die Jahre gute Beziehungen dank Tante Elli. Eine Schachtel Penatencreme und dieses Mal zusätzlich ein Päckchen Eduscho hatten gereicht. In diesem Sommer wird sie sich also am Schwarzen Meer aalen, in die Sonne blinzeln, die Füße in den heißen Goldstrand stecken und sich im Hotel so richtig verwöhnen lassen.

Sogar Julie freute sich darauf, die für alles, was ohne ihre Freundin Anna-Sofie passierte, nur noch schwer zu begeistern war. Es würde ihr erster Flug im Leben und gleich mit einer so modernen Maschine wie der IL 62 von der INTERFLUG, die erst vor zwei Jahren in den Dienst gestellt worden war. Die Il62 ist nicht zu vergleichen mit den Klapperkisten von Tupolew. Zum Glück wusste Julie nichts davon, dass es nicht nur ihre erste, vielleicht auch die letzte Reise mit einer Iljuschin62 sein könnte. Vielleicht fliegen wir in Zukunft nur noch mit einer Boeing.

Falls sie im nächsten Jahr noch hier sein müssten, wäre zur Belohnung für das bestandene Abitur immerhin wieder eine größere Reise zu planen. Aber wohin? Die Welt ist zu groß für ihre Möglichkeiten. In diesem Land mit seinen Fünf-Jahr-Plänen kann man nicht einmal eine Reise für dasselbe Jahr verlässlich planen.

Wenn ihr heimlicher Plan aufging, könnte es sogar mit dem Abitur von Julie schwierig werden. So gesehen hätten sie in der Tat lieber noch die nötige Geduld aufbringen wollen. Aber da kam die Angst ins Spiel, die sie ohne Tante Elli ganz sicher nicht gehabt hätten. Wartet nicht zu lange. Eure Staatsgewalt trägt diesen Namen zu Recht, mein Kind. Denke daran, wie schnell es mit der Mauer gegangen ist.

Seit einiger Zeit konnte Lisa den Worten von Elli glauben. Sobald ihr Antrag gestellt sei, sollte es möglichst schnell gehen, anderenfalls würden sie alle drei Spießruten laufen. Auch Norbert und Julie. Das wusste sie von einer Familie, die wahrlich allen Grund hatte, ihre Zelte in diesem behüteten Land abzubrechen, aber die letztlich aufgegeben hatte, aus Angst wie aus Frust.

Erst einmal den August ansteuern, dann sehen wir weiter. Lisa Fuchs machte eine abrupte Drehung und schaltete die Maschinen ein. Das Surren und Rattern war seit jeher ihre Musik des Tages. Dennoch konnte sie so herrlich dabei grübeln. Zu Hause kam sie nicht dazu. Zu Hause fuhr sie brav die zweite Schicht; auf ihren Mann Norbert konnte sie nicht bauen. Er kam nie pünktlich von seiner Schicht und war obendrein stets erschöpft wie ein Hirsch zur Brunft während ihr das Putzen, Kochen, Waschen und Einkaufen blieb und ein bisschen wollte sie schließlich noch stricken und nähen, damit dieFamilie modern genug gekleidet war. An das Los der arbeitenden Hausfrau war sie gewöhnt, und was das Nähen und Stricken betraf: Alles konnte Tante Elli nicht aus Hamburg schicken, und den Geschmack der Jugend traf selbst sie als Mutter nicht mehr so genau. Wer von den älteren kannte je die Vorstellungen der Jugend von modern ganz genau. Aber sie tolerierte Julies Wünsche. Anders zu sein war von jeher das Privileg der Jugend. Auch sie hatte sich ihren Geschmack und ihre Meinung über die Dinge des Lebens nicht nehmen lassen.

Wie lange war das her? Da gab es einmal ein Mädchen, fleißig, willig und immer folgsam. Fleißig und willig war Lisa Fuchs noch immer, aber längst nicht mehr an jeder Stelle ihres Daseins. Was war nicht alles geschehen? Unglaublich, wie ein einziger Umstand einen Menschen umkrempeln konnte. Fast wäre sie eine brave Staatsbürgerin geworden, eine mit mehr Gemeinschaftssinn als mit Egoismus gewappnet. Eine mit Opferbereitschaft und Patriotismus. Eine die glaubte, es dürfe gar nicht anders sein, als es ist. Eine, die frei war von Ausbeutung.

Und was war jetzt? Eine merkwürdige Freiheit war das. Nicht einmal die eigene Verwandtschaft durfte man besuchen! Nicht einmal seine ehrliche Sorge darf man irgendwo hören lassen! Und die hohe Norm der Achtfachbedienung? War sie anders als die gescholtene Ausbeutung? Tante Elli nannte es Ausbeutung für den Sieg eures Sozialismus. Hier hieß es: Leistungssteigerung für unser aller Wohl?

Rasch drehte sie sich auf den Hacken um und rannte zur nächsten Maschine, weil dort der Fadenlauf nicht mehr stimmte.

Es war ohnehin sinnlos, über die Maximen des Systems nachzudenken, wenn man diesem bald den Rücken kehren durfte. Immer, wenn ihre Gedanken beim Thema Ausreise verweilten, hörte sie die Maschinen nicht mehr. Es war ihr, als höre sie nur noch Julie und ihr Flehen, sie nicht von Anna-Sofie wegzureißen, was sie bei jeder Gelegenheit zu hören bekamen. Die beiden Mädchen waren wie Pech und Schwefel, und lange Zeit war genau darüber auch Mutter Lisa in großer Freude. Julie war kein Kind, das von anderen besonders geliebt wurde. Sie war mit einer Hasenscharte geboren worden. Zwar hatten sie die notwendige Operation beizeiten durchführen lassen und es war bald nur noch ein roter Strich zwischen Nase und Lippe erkennbar, aber die Kinder in der Krippe hatten sie noch anders kennen gelernt und waren nicht zimperlich mit ihrer Ablehnung. Beinahe hätte Lisa ihre Arbeitsstelle aufgegeben, um ihr Kind zu Hause zu betreuen, aber das sei auch keine Option, hatte Norbert gesagt. Ohne Geld lebe es sich nicht gut, und wenn man dem Kind aus Geldnot auch noch die schönen Dinge des Lebens vorenthalten müsse, leide man selbst mit.

Julie hatte vermutlich wegen der allgemeinen Ablehnung ihren Trotzkopf ausgebildet. Kein Wunder, dass sie kaum Freunde hatte und sich auch später nicht gut mit jemandem vertragen konnte. Sie war bisweilen derart bockig und zänkisch gewesen, als wollte sie es den anderen Kindern heimzahlen. Erst durch die Freundschaft mit Anna Kraft änderte sich das. Von ihr wurde Julie offenbar gemocht und seitdem war sie gefügiger geworden. Vermutlich war das mit den beiden Mädchen ein Schlüssel-Schloss-Prinzip. Was die eine nicht hat, hat die andere.

Es wird weh tun, eines unverhofften Tages den Schlüssel endgültig vom Schloss ziehen zu müssen.

Auf einmal war wieder Angst in Lisa. Sie zeigte sie nie, aber tief in ihrer Brust war das Gefühl von Verrat, von Egoismus, von Despotismus — das alles waren Eigenschaften, die sie zutiefst verachtete, weil sie sich denen seit Jahren selbst ausgeliefert fühlte.

Ohne es zu merken, stampften ihre Füße härter auf: Man muss ein schöner Idiot sein, wenn man nicht begreift, wie lange das hier noch gutgeht. Man muss auch an die Nachkommen denken. Irgendwann wird es Julie begreifen, dass der Schritt ihrer Eltern nötig und richtig war. In diesem, für sie noch fernen Land, wo alle Freiheiten herrschen, wo jedem die Welt offen steht, zählt nur Fleiß und Talent. Kein Parteibuch. Nicht einmal die Gesinnung, sagte Tante Elli.

 

Tante Elli hatte viel erlebt im Leben und würde es besser wissen als alle anderen. Sie hatte viel gearbeitet auf ihrem Gut, hatte einige Leute in Brot und Lohn gehabt. Sie hat den Krieg erlebt, erst die Braunen und später die Roten. Aber es sei kein Unterschied gewesen, jedenfalls nach 1960 nicht mehr. Nach dem Beschluss zur Zwangskollektivierung hatten sie täglich vor ihrem Tor gestanden und sie beschimpft und genötigt. Und dann haben sie sie enteignet, weil Junkerland in Bauernhand gehörte.

Freilich, eine Bäuerin war Elli nie, aber sie konnte gut organisieren und arrangieren. Also hatte sie auch arrangiert, dass das zarte Fleisch ihrer Rinder harte Devisen einbringen sollte. Wer sie verpfiffen hatte, blieb ewig unter dem Deckel der Verschwiegenheit. Aber ab dem Moment gehörte ihr Hof und alles, was er einbrachte, einer Genossenschaft, die Landarbeiter inbegriffen. In ihrem Altersstolz hatte sie es noch rechtzeitig vor dem Mauerbau geschafft, die Seiten zu wechseln. Und inzwischen ging ed ihr in Hamburg so gut, dass sie sogar an die armen Verwandten in der Zone denken konnte und mit ihren Zuwendungen nicht kleinlich war.

Wie eine Degenklinge fuhr es durch Lisas Herz. Ihr Entschluss würde andere Konsequenzen haben, als der von Tante Elli. Die Tante kam hin und wieder zurück und schaute auf ihr altes Gut, wenn auch mit Entsetzen. Sie, Lisa, würde nie mehr zurückkommen dürfen. Nie mehr.

NORBERT FUCHS

Sie hatte gewartet. Mit bangem Herzen. Wer untätig ist, leidet viel mehr. Die Tür ging auf und Lisa Fuchs blickte in ein Gesicht, das sie erschreckte. Nicht weil sie erwartet hatte, dass Norbert mit wehenden Fahnen zurück kommen würde. Dass es schwer werden würde, hatten beide geahnt. Aber dieser Blick gehörte nicht zu Norbert. Sie kannte ihren Mann zu gut. Er war ein optimistischer, fast allzu heiterer Typ, wie man Bauarbeiter kennt. Immer zu einem Scherz aufgelegt, zum kleinen Schabernack oder Übermut. Nie war sein Blick so fremd, feindselig beinahe. Dieser Gegensatz erschütterte Lisa, und sie machte sich große Vorwürfe. Das müsste sie gar nicht, immerhin war er es gewesen, der die Sache unbedingt allein durchziehen wollte. Mit ihrer offenen Opposition würde sie alles nur noch schwieriger machen.

Norbert Fuchs trat ins Wohnzimmer, das in seiner Schlichtheit seit ihrem Umzug in dieses neue Wohngebiet beiden Eheleuten genügte. An der schmalen Seite stand dieselbe Schrankwand, die schon ihre alte Wohnung in der Karlstraße zierte. Die schmalen Metall-Leitern rechts und links der Korpus-Teile galten als modern und sie gefielen beiden sogar. Sie dienten als Aufhängung für die prunklosen Kästen aus furniertem Pressholz, die mal mit Türen versehen, mal offen waren. Links neben der Zimmertür stand die Couch, die schon bessere Jahre gesehen hatte, gegenüber vor der Balkontür hatten sie die zwei Sessel mit Holzfüßen und grobem Bezug platziert. Warum sollten sie noch viel Geld ausgeben? Auch ihre Mitgliedschaft in der Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaft, hatte sich hoffentlich bald erledigt, wie alles andere auch.

Einzig den Fernseher hatten sie neu angeschafft. Man musste ja wissen, was in der Welt passierte. Ihr erstes Modell hätte vermutlich die verbotenen Sender nicht empfangen können. Vermutlich. So genau wusste es niemand, weil man in diesem Falle keinen danach befragen konnte. Keinen.

Norbert Fuchs sah sofort, wie ruhelos Lisa dasaß, ihre Strickerei im Schoß, und wie sie ungeduldig mit dem Fuß wippte. Er setzte sich auf die Lehne, als habe er es eilig, gleich wieder aufzustehen. Sein Schweigen ließ nichts Gutes hoffen, was Lisa offenbar längst erkannt hatte. Wie könnte er ihre Worte anders verstehen?

»Hoffnung ist wie das Morgenrot«, sagte sie leise, gerade so laut, dass Norbert es noch hören konnte. Er legte dankbar seine Hand auf ihre und dachte bei sich: Es sind nur Worte, die aus der heilen Welt gefischt, herbei geflattert kommen, aber den Gegenwind nicht bedenken.

Und den Gegenwind hatte er heute zu spüren bekommen. Er wollte ihr von seiner Erfahrung bei der Behörde erzählen, aber nicht jedes Detail und schon gar nicht die Erniedrigung, die er schmerzlich gespürt hatte. Konnte man das begreifen?

Unter seiner warmen Hand spürte er Lisas Haut erzittern, wie von einem Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war. Hoffnung, dachte er. Ja, Hoffnung war das Einzige, was ihnen blieb. Seine stets feste Zuversicht war heute verschüttet worden. Bisher war ihm die Sache nicht wirklich so viel wert, wie sie Lisa wert war. Aber seit heute wusste er, dass jetzt auch für ihn etwas Neues begann — sein Kampf, um das Ziel zu erreichen. Sein Ziel lautete zwar nicht Tante Elli in Hamburg. Sein Ziel war, wie es der Wittichenauer Pfarrer Morawietz nannte, sein Menschenrecht auf Selbstbestimmung. Er schämte sich seiner Niederlage vor dem arroganten Amtsschimmel nicht im Geringsten. Er verfluchte zum ersten Mal aus vollem Herzen die Politik, die Partei, und nun besonders den Sicherheitsapparat, für den er bislang nur Häme empfand. »Ein zahnloser Löwe mit gestutzten Krallen«, so hatte er bei seinen Kumpels gerne getönt, wenn er zwischen Mörtel und Betonplatten, zwischen Verbundarbeiten und Dämmungen einen Grund dafür fand. Der bestand zumeist dann, wenn jemand schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Und die hatte jeder, der so manches nicht begreifen konnte. Nun sollte er die scharfen Krallen zu spüren bekommen, und er würde sie wohl oder übel aushalten müssen.

Zu Lisa sagte er: »Schnucke, wir müssen zuversichtlich bleiben. Warum sollte man einen Bauarbeiter und eine Strickerin mit allen Mitteln aufhalten wollen?«

Aber dann wurde er konkret: Nach einem beharrlichen Schlagabtausch, bei dem er gar nicht so schlecht ausgesehen hatte, habe das behördliche Argument im Raum gestanden: »Ihre Tochter geht doch auf die EOS? Was glauben Sie, wer einem Bauarbeiter und einer Strickerin im Westen die höhere Schule so ohne weiteres ermöglicht hätte. Kostenfrei, wohlgemerkt. Wir tun alles für das Wohl der Arbeiterklasse. Das scheint Ihnen gar nicht bewusst zu sein. Manchmal wünsche ich, Ihnen und Ihresgleichen könnten die sozialen Vorzüge einfach gestrichen werden. Freie Medikamente. Fast kostenloser Nahverkehr. Und was glauben Sie, zahlt man drüben für ein Brot und für einen Zentner Kartoffeln. Von Milch und Mehl ganz zu schweigen. Und die niedrigen Mieten? Sie wohnen doch im modernsten Neubau unserer Stadt. Keine 80 Mark. Oder? Werden Sie drüben die 600 Mark im Monat überhaupt aufbringen können?«

Es hätte nichts gebracht, mit dem Mann über die materiellen Dinge zu reden, die er und Lisa genau durchdacht haben. Noch weniger sinnvoll war es, ihn oder irgendjemand von der Obrigkeit spüren zu lassen, dass sogar Tante Elli die »soziale Seite« der DDR lobte, aber zugleich in ihrer Wirkung für das große Ganze sehr skeptisch sah. Also war er bei der ideellen Seite geblieben: »Vielleicht will unser Kind ja einmal mehr von der Welt sehen als…« Das hatte er sehr vorsichtig gesagt. Genauer darüber zu reden, was er von den Reisebeschränkungen hielt, hatte er sich nicht getraut, ohne gründlich über jedes einzelne Wort nachdenken zu können. Was gab es auch noch nachzudenken? Die Welt würde sich nicht ändern, es würden immer verschiedene Systeme nebeneinander existieren, die sich feind sind. Sie wären also immer in diesem einen System gefangen.

»Selbst wenn man jedes Jahr ans Schwarze Meer könnte… Die Welt ist groß und bunt. Warum vorenthält man uns das Reisen?«

»Wieso das Reisen? Wann waren Sie zuletzt am Schwarzen Meer«, hatte ihn das errötende Gesicht gefragt, bis es sich mit einem Schlag verändert hatte, als gäbe es eine rettende Idee.

»Noch nie. Dieses Jahr das erste Mal. Wir arbeiten beide in der Produktion, da stünde uns … «

Sichtlich erleichtert setzte der Mann seinen Kugelschreiber hörbar hart auf das Papier und kritzelte etwas auf den Rand eines winzigen Zettels, der am oberen Ende seines Blockes geklebt hatte und nun auf einem gelben Ordner landete. Er schaute von unten über den Brillenrand und spitzte seine Lippen: »Und warum setzen Sie dieses Privileg jetzt aufs Spiel?«

Dieses Privileg? Genau das hatte er gesagt. Konnte man das glauben!

Norbert Fuchs schwieg nach seiner Schilderung der Lage lange. Seine Frau Lisa schien zu grübeln, wie sie immer grübelte, wenn sie glaubte, dass es noch einen anderen Weg gab. Ja, es hätte einen gegeben, vermutlich. Aber das war ihm erst zu spät bewusst geworden. Nun hatte er den ersten Schritt getan und konnte nicht mehr zurück.

»Wie haben es denn die anderen angestellt«, flüsterte Lisa Fuchs. »Zweikommasieben Millionen sollen schon abgehauen sein. Zweikommasieben!«

Er wollte auf keinen Fall mit Lisa streiten. Nicht um diese Sache. Es gab in ihrer Ehe durchaus Dinge, die sie verschieden sahen. Aber zu ihrer Ausreise hatten sie sich nach langem Überlegen durchgerungen. In dieser Minute kam es ihm nur so vor, als denke sie, er habe an diesem Tag versagt.

»Wir werden sehen«, sagte er lapidar und erhob sich. In seinem tiefen Inneren kamen ihm die Worte vor, als habe er soeben Amen gesagt. Amen, was ihm seit Kindesbeinen nie mehr laut über die Lippen gerutscht war. Das letzte Mal hatte er als Fünf- oder Sechsjähriger laut gebetet, weil seine Großmutter es von ihm erwartet hatte. Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen.