Buch lesen: "Kindheit"

Schriftart:

Leonhard Frank

Kindheit


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066109660

Inhaltsverzeichnis

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"

LEONHARD FRANK: KINDHEIT

Inhaltsverzeichnis

Endlich beschloß der Gymnasiast Jürgen Kolbenreiher: ‚Wenn noch ein Auto kommt, bevor die Turmuhr fünf schlägt, gehe ich hinein und kaufe mir die Broschüre . . . Ehrenwort?‘

„Ehrenwort!“ sagte er heftig zu sich selbst und las zum fünfzigsten Male den Titel der philosophischen Abhandlung. Das Geldstück in seiner Hand war naß. Der Blick zuckte fortwährend von der Broschüre zum Zifferblatt. Der Zeiger stand knapp vor fünf.

Da sauste das Auto um die Ecke, am Buchladen vorbei, und war weg. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen. Jürgen wollte eintreten.

Und nahm seinen Schritt zögernd wieder zurück. ‚Was wird mein Vater sagen, wenn ich sie kaufe? . . . Und was würde er sagen, wenn er wüßte, daß ich sie kaufen will und dazu den Mut nicht habe? . . . Oder würde er wieder verächtlich lächeln, wenn ich jetzt kurz entschlossen in den Laden ginge?‘

Die Finger vor dem Leibe ineinander verkrampft, kämpfte er weiter, las den Titel, sah, wie der große Zeiger einen letzten Sprung machte. Und fühlte, während er sich „Feiger Schuft! feiger Schuft!“ schimpfte, daß sein Wille hinter der Stirn zu Nebel wurde. Das Phantom des Vaters stand neben ihm.

Das Werk rasselte und schlug. Der Nebel verschwand. Und Jürgen dachte: ‚Es ist übrigens ganz gleich; ich kanns auch jetzt noch tun. Aber sofort! . . . Hat der Buchhändler eben gelächelt? Über mich?‘

Der stand im Türrahmen und blickte gelangweilt über die gepflegte, sonnendurchwirkte Anlage weg, in der die kreisenden Rasenspritzen Regenbogen schlugen.

‚Solange er unter der Tür steht, kann ich ja nicht hinein.‘

Der Buchhändler gähnte, trat gähnend in seinen Laden zurück.

‚Jetzt! . . . Wenn ich den Mut jetzt nicht aufbringe, wird das Leben auch in Zukunft mit mir machen, was es will. Das ist klar.‘

Bei der Kirche erschien Karl Lenz, ein Mitschüler Jürgens.

‚Jetzt kann ich doch wieder nicht hinein‘, dachte Jürgen, ging mit Karl Lenz durch die Anlagen, sah abwesend eine Bonne an.

Die gestärkten Röcke strotzten, und der elegante Kinderwagen federte von selbst auf dem gewalzten Sandwege am Tulpenrondell vorüber.

Knapp hinter dem Kinderwagen, das frischbackige Gesicht stolz erhoben, ritt in verhaltenem Trab ein kleines Mädchen im Knieröckchen auf ihrem Steckenpferd, so daß die langen, schön gewölbten, nackten Schenkel sichtbar waren. Die Gruppe machte sofort halt, als der im Wagen strampelnde Säugling die Hand nach dem zu hoch hängenden Hampelmann ausstreckte.

Das Mädchen ritt, die Locken schüttelnd, in gezähmter Pferdeungeduld feurig an der Stelle weiter. Und sah, Brust vorgestreckt, über den abgerissenen, abgezehrten, blutleeren Proletarierjungen weg, der sich aus der Fabrikgegend in die Sonne verirrt hatte und, das Drama der Armut im Blick, offenen Mundes den Reichtum bestaunte.

Beim Erblicken des Jungen wurde Jürgen breitströmend durchzogen von einer ihm ganz neuartigen Empfindung, die alle andern Gefühle in ihm auffraß. ‚Wie darf das sein, daß solche Kinder in Schmutz und Not hineingeboren werden, während andere — wie jene ohne Verdienst und Schuld — im sonnigen Kinderzimmer eintreffen, wo alle Pflege, Hausarzt und Amme schon warten?‘

Mit einem Blick nagelte die Bonne den zögernd folgenden Jungen fest, der stehen blieb und zusah, wie das Mädchen geradeswegs ins Leben hineinritt.

Jürgen konnte die Augen nicht abwenden von dem Jungen, der seine Augen von dem glänzenden Mädchen erst losriß, als er sich beobachtet fühlte. Dunkel fragend sah er empor zu Jürgen, den mit Wucht die Empfindung traf, soeben Zeuge eines ungeheueren Menschheitsverbrechens geworden zu sein.

‚Sollte nicht schon das allein jeden Menschen veranlassen, Rebell zu werden?‘ . . . „Wir geben ihm unser Taschengeld, Karl.“

„So einem Ferkel? . . . Von meinem Taschengeld habe ich überhaupt nichts mehr.“

Der Junge blickte seine kotverklebten, skrofulösen Beine an, beschämt empor zu Jürgen, der fühlte, wie in seinem Gehirn wieder die Entschlußfähigkeit unvermittelt erlosch, da der Schulkamerad ihn grinsend beobachtete. ‚Ein Ferkel, du hast recht‘, wollte er schon sagen.

Und legte, plötzlich durchstoßen von einem Kraftstrom und im Tiefsten berührt von der Ahnung, daß wilde Rechtlosigkeit das Leben der Armen bestimmte, sein Taschengeld in die Hand des Proletarierjungen.

Der gewaltige Vorgang in seinem Innern: seine erste bewußte Handlung der Liebe löste ein schmerzhaft schweres Glück aus. Ein mit Jubel geladener Schrei wollte aus seiner Brust heraus. So stürzte er davon, während Karl Lenz in den Konditorladen eintrat.

Es war drückend still im Hause. Unbeweglich saß Jürgen in seinem Zimmer vor dem blauen Schulheft und grübelte darüber nach, ob es einen Gott gäbe.

Plötzlich hingen in der Dämmerung die hellen Gesichter der Schulkameraden, grinsten höhnisch. Und die Tante sagt: ‚Nein, so einen unselbständigen Jungen, wie du einer bist, gibts nicht mehr. Ein Unglück für deinen Vater.‘

Preisgegeben ließ er sich von den Geistern der Verachtung weiterquälen, stellte ihnen entgegen: ‚Ich habe doch gestern zum Professor gesagt: Abraham, der seinen Sohn schlachten wollte, kann unmöglich ein guter Mensch gewesen sein. Ein furchtbarer Vater. Meiner Ansicht nach dürfte Gott so einen Befehl auch gar nicht geben.‘

Nicht verfügbar
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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
18 Januar 2025
Umfang:
19 S. 1 Illustration
ISBN:
4064066109660
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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