Reisen zur Entdeckung des Nils

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Aus der Reihe: Edition Erdmann
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Frontispiz der ersten deutschen Ausgabe, Leipzig 1790/91

Seine kartografischen Aufnahmen und astronomischen Bestimmungen im Roten Meer, vor allem an der Westseite, an der afrikanischen Küste, waren von bleibendem Wert. Unter anderem bestimmte Bruce als Erster die geografische Länge von Kosseir und Massaua und die Polhöhe von Bab el-Mandeb, der Meerenge zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean. Eine Pionierleistung kommt ihm auch durch die genaue Darstellung der Dahlak-Inselgruppe sowie durch die Entdeckung der östlich davon gelegenen Inseln zu, die später als Bruce-Gruppe bezeichnet wurden. Die Genauigkeit seiner Positionsbestimmungen leistete der künftigen Schifffahrt in diesen Gewässern unschätzbare Dienste.

Die Ergebnisse seiner Beobachtungen und Untersuchungen in naturwissenschaftlichen Bereichen – der Botanik und der Zoologie – füllen allein den fünften und letzten Band der Reiseaufzeichnungen, versehen mit akribischen Zeichnungen, die zum Teil auch unserer Bearbeitung beigegeben sind. Graf Buffon, ein führender Naturwissenschaftler dieser Zeit, war begeistert und bezeichnete Bruce’ Arbeiten als epochal.

Die Äthiopienforschung verdankte Bruce eine Fülle von neuem Material, die es erlaubte, die zukünftige Wissenschaft auf eine breitere Basis zu stellen. Seine Untersuchungen und Forschungen auf ethnografischem, kulturwissenschaftlichem und, wie schon erwähnt, vor allem auf historischem Gebiet brachten für die damalige Zeit ganz hervorragende Ergebnisse.

Die Verleumdung und Verteufelung des James Bruce erfolgte ganz gewiss zu Unrecht, wenn auch seinen gelehrten Zeitgenossen vor zweihundert Jahren die Berichte in höchstem Maße fantastisch und skurril, abstrus und unglaubwürdig erschienen. Das Werk des Forschers wurde das Vorbild und die Schablone für eine ganze Anzahl von fiktiven Reiseschilderungen, witzigen und weniger witzigen, die jedenfalls alle dazu beitrugen, ihn als lügnerischen Münchhausen darzustellen und zu persiflieren.

Ein verbitterter James Bruce zog sich auf seine Güter zurück. Seine Rehabilitierung und Anerkennung als seriöser Forscher konnte er nicht mehr erleben.

Erst im Jahre 1832, sechs Jahrzehnte nach Bruce, bereiste der deutsche Forscher Eduard Rüppell Äthiopien und konnte die Berichte des schottischen Edelmanns bestätigen. Zu dieser Zeit war James Bruce schon achtunddreißig Jahre tot. Am 27. April 1794 hatte er sich auf den Stufen seines Hauses in Kinnaird das Genick gebrochen, als er eine Dame, die ihn besucht hatte, zu ihrem Wagen geleiten wollte.

Herbert Gussenbauer

REISEN ZUR ENTDECKUNG DES NILS

1. KAPITEL
Aufenthalt in Jidda und abenteuerliche Schiffsreise im Roten Meer

Auf dem Landweg reist Bruce von Alexandrien nach Rosette und schifft sich von hier nach Kairo ein. Über fünf Monate verweilt er in den gastfreundlichen Häusern europäischer Kaufleute und bereitet in Ruhe seine große Reise vor. Er besorgt sich Empfehlungsschreiben des türkischen Beis – sowohl Ägypten als auch die Arabische Halbinsel standen zur damaligen Zeit unter türkischer Oberherrschaft – wie auch des griechischen Patriarchen an dessen Landsleute in Äthiopien. Dann mietet sich Bruce eine Canja, eine Nilbarke, auf der er langsam stromaufwärts nach Oberägypten segelt. Die Zeit vergeht mit Untersuchungen, Aufnahmen und dem Zeichnen antiker Stätten und Gräber. Über Theben, Luxor und Karnak hinaus gelangt der Reisende bis Syene, dem heutigen Assuan.

Stromabwärts geht es dann wieder zurück bis Kenne, hier verlässt Bruce seine Barke und das Niltal. Er schließt sich einer Kamelkarawane an, die quer durch die östliche Wüste nach Kosseir zieht, einem Handelshafen am Roten Meer. Es ist ein abenteuerlicher und gefahrvoller Ritt unter ständiger Bedrohung durch räuberische Beduinen. In Kosseir mietet Bruce für sich und seine Reisegesellschaft abermals ein Schiff und sticht am 22. Februar 1769 in See. Es wird eine geruhsame, jedoch mit zahlreichen Forschungen ausgefüllte Fahrt mit vielen Aufenthalten an den Gestaden des Roten Meeres. Am 4. Mai schließlich landet James Bruce in Jidda an der arabischen Küste.

Der Hafen von Jidda ist sehr groß. Er besteht aus unzähligen Untiefen, kleinen Inseln und verborgenen Klippen, jedoch sind Kanäle und tiefes Wasser dazwischen. Man liegt bei allen Winden sicher darin. Die zahlreichen Untiefen verhindern, dass das Wasser in größere Bewegung kommen kann. Die Bemerkung trifft hier zu, dass, je gefährlicher ein Hafen ist, desto besser die Lotsen sind: Es kommen keine Unglücksfälle vor.

Es geht seit vielen Jahren eine Zeichnung des Hafens von Jidda unter den Engländern herum, sie ist aber sehr schlecht und falsch gemacht, auch schon oft kritisiert, aber noch nie verbessert worden. Ebenso steht es mit einer Karte von dem oberen Teil des Meerbusens von Jidda bis Mokka, die voller falscher Tiefenangaben ist. Weil ich einige Monate sehr freundlich in Jidda aufgenommen wurde und viel Zeit übrig hatte, wünschten Kapitän Thornhill und einige andere Handelsschiffer, dass ich den Hafen aufnehmen sollte, und sie versprachen mir den Beistand ihrer Steuermänner und Matrosen. Um ihnen zu gefallen, übernahm ich die Arbeit sehr gerne. Als ich aber später herausfand, dass ein gewisser Kapitän Newland bereits gute Vorarbeiten geleistet hatte, wollte ich mich nicht zu seinem Nachteil damit befassen und gab den Gedanken an diesen Plan völlig auf. Er war ein sehr fähiger, menschenfreundlicher und höflicher Mann, dessen Dienstfertigkeit ich viel zu verdanken hatte.

Der Himmel verzeihe es denen, welche diese elende und fehlerhafte Karte vom oberen Teil des Meerbusens zwischen Jidda und Mokka, die man seit mehr als zwanzig Jahren auf dem Roten Meer mit sich herumgeschleppt hat, vor einigen Jahren mit neuen Angaben von Meerestiefen ergänzt haben. Eine dieser Karten hat man mir nach meiner Rückkehr nach Europa zugeschickt, die, neu herausgeputzt wie eine Braut, die alten Fehler weiterhin enthielt. Ich sage dies nicht aus Tadelsucht. In jedem anderen Fall würde ich keine Bemerkung darüber gemacht haben, wo es aber alle Jahre auf so vieler Menschen Leben und Vermögen ankommt, ist es eine Art von Verrat, sein Wissen zu verbergen, zumal wenn man damit zur Rettung vieler Menschen beitragen könnte.

Von Yambo bis Jidda hatte ich wenig geschlafen und mein Tagebuch während der Fahrt so ausführlich wie möglich geschrieben. Außerdem hatte ich etwas Fieber, was mich sehr beunruhigte, und was die Reinlichkeit und meine Kleidung betraf, sah ich aus wie ein Galiongy, also wie ein türkischer Matrose. Der Emir Bahar, der Hafenkapitän, wunderte sich, als er von meinen Dienern, die mein Gepäck und die Instrumente in das Zollhaus trugen, hörte, dass ich ein Engländer sei. Er sandte einen seiner eigenen Diener mit mir zu dem Bengalischen Haus1, und dieser versprach mir unterwegs in gebrochenem Englisch eine glanzvolle Aufnahme bei meinen Landsleuten. Er nannte mir die Namen aller anwesenden Kapitäne und fragte, zu welchem ich gebracht werden wolle. Ich verlangte, er solle mich zu einem Schotten, der noch dazu ein Verwandter von mir war, führen. Dieser lehnte sich zufälligerweise über das Geländer der Treppe, die zu seinem Zimmer führte. Ich begrüßte ihn mit seinem Namen, er aber geriet in heftigen Zorn, nannte mich einen niederträchtigen Kerl, einen Dieb, Betrüger und gottlosen Renegaten und sagte, wenn ich einen Schritt weiter machte, würde er mich die Treppe hinunterwerfen. Ich ging weg, ohne ein Wort darauf zu erwidern, und er fluchte hinter mir drein. Der Diener, welcher mich geführt hatte, verzog den Mund, zuckte die Achseln und sagte: »Fürchtet Euch nur nicht, ich will Euch zu dem Besten von allen bringen.«

Ich stieg eine gegenüberliegende Treppe hinauf und dachte mir, dass ich in Jidda lieber ganz alleine bleiben wolle, wenn das die ostindischen Sitten wären. Ich brauchte die englischen Kapitäne auch gar nicht, denn ich hatte ausreichend Kredit bei Yousef Cabil, dem Wesir oder Statthalter von Jidda.

Man führte mich in ein großes Zimmer, wo Kapitän Thornhill in einer weißen baumwollenen Weste und einer spitzen Nachtmütze in tiefem Nachdenken saß, ein großes Glas Wasser vor sich. Der Diener des Emir Bahar führte mich an der Hand etwas vorwärts, ich getraute mich aber nicht weiter, weil ich eine neue Drohung, mich die Treppe hinunterzuwerfen, befürchtete. Der Kapitän sah mich starr, aber nicht finster an und befahl, der Diener solle weggehen und die Tür schließen.

»Mein Herr, seid Ihr ein Engländer?«, fragte er. Ich verbeugte mich. »Ihr seid gewiss krank, Ihr solltet im Bett liegen. Seid Ihr schon lange krank?« – »Sehr lange, mein Herr«, antwortete ich und verbeugte mich wieder. »Sucht Ihr nach Ostindien zu kommen?« Ich verbeugte mich abermals. »Gut«, versetzte er, »Ihr scheint mir ein Mann in unglücklichen Umständen zu sein. Habt Ihr ein Geheimnis, so will ich so lange Achtung davor haben, bis es Euch beliebt, es mir zu verraten. Wollt Ihr aber nach Ostindien, so wendet Euch unter allen Engländern an niemand anderen als an Kapitän Thornhill.« Ich verbeugte mich wieder. »Vielleicht fürchtet Ihr, von jemandem erkannt zu werden? Ist dem so, will ich meinen Leutnant Greig rufen, der Euch auf dem schnellsten Weg an Bord bringen soll, wo Ihr sicher seid.« – »Mein Herr«, erwiderte ich, »ich hoffe, Ihr werdet in mir einen ehrlichen Mann finden. Ich habe, soviel ich weiß, keinen Feind in Jidda noch sonst wo, und ich bin auch niemandem etwas schuldig.« – »Ich bin sicher«, fuhr er fort, »dass ich ein Unrecht begehe, wenn ich den armen Mann stehen lasse, der eigentlich im Bett liegen sollte.« Dann rief er: »Philipp!« Philipp erschien. »Bursche«, sagte er auf Portugiesisch, in einer seiner Vermutung nach mir unbekannten Sprache zu ihm, »hier ist ein armer Engländer, der entweder im Bett oder im Grab liegen sollte, bring ihn zum Koch und lass ihm so viel Brühe und Hammelfleisch geben, wie er essen will. Der Mann scheint todkrank gewesen zu sein, und ich will lieber zehn Mann bis Ostindien durchfüttern, als einen in Jidda begraben.«

 

Philipp de la Cruz war der Sohn eines portugiesischen Frauenzimmers, das Kapitän Thornhill geheiratet hatte, ein junger Mensch mit großen Fähigkeiten und vortrefflichem Gemüt. Ich machte vor Kapitän Thornhill eine so ungeschickte Verbeugung wie nur möglich und sagte: »Gott wird Sie einst dafür belohnen.« Philipp brachte mich in einen Hof, wo Muster der Güter aus Ostindien in großen Ballen ausgestellt waren. Linker Hand war ein überdeckter Gang, der zu einem Stall hinzuführen schien. Dorthin wurde ich gebracht und der Koch trug mir meine Mahlzeit auf. Verschiedene Engländer von den Schiffen, ostindische Matrosen und auch andere schauten herein, um mich zu betrachten. Und ich hörte, dass sie sich einig darin waren, dass ich wie ein Spitzbube aussähe und gewiss ein Türke sei.

Ich fiel auf einer Matte in tiefen Schlaf, und Philipp ging, um ein anderes Zimmer für mich zu bestellen. Inzwischen waren einige meiner Diener mit dem Gepäck zu dem Zollhaus gegangen. Einige blieben an Bord zurück, um zu verhindern, dass das Übrige gestohlen wurde. Die Schlüssel hatte ich, und der Wesir legte sich nach Landessitte zu Mittag zur Ruhe. Sobald er erwachte, war er auf seine Beute so begierig, dass er über mein Gepäck herfiel. Er wunderte sich, dass eine solche Menge und Gepäckstücke von so sonderbarer Form einem Mann von meinem Aussehen gehören sollten, und war schon voller Hoffnung über die schöne Gelegenheit zum Plündern. Er verlangte die Schlüssel zu den Koffern. Einer meiner Diener sagte, dass ich sie hätte und er sie sofort holen wolle. Das dauerte dem Wesir aber zu lange, er wollte nicht mehr warten. Die Leute waren das Plündern gewohnt und brachen die Schlösser nicht auf, sondern lösten kunstvoll die Bänder auf der Rückseite der Gepäckstücke. Auf diese Weise öffneten sie die Deckel, ohne die Schlösser zu beschädigen.

Das Erste, was dem Wesir in die Augen fiel, war der Firman2 des türkischen Kaisers, prächtig geschrieben, die Aufschrift mit Goldstaub bestreut und in grünen Taft eingewickelt. Dann fand er einen grüngoldenen Beutel mit Briefen an den Scherif3 von Mekka und einen karmesinroten Behälter aus Atlas mit Briefen an Metical Aga, den Schwertträger, Ersten Minister und großen Favoriten des Scherifs. Und endlich fand er einen Brief des Ali Bey an ihn selbst, der in dem herablassenden Ton eines Fürsten an seinen Sklaven geschrieben war.

In diesem Brief sagte Ali Bey ganz deutlich, dass er gehört habe, dass die Statthalterschaften über Jidda, Mekka und andere Länder des Scherifs sehr unordentlich verwaltet würden und dass Kaufleute, die wegen ihrer rechtmäßigen Geschäfte kämen, ausgeplündert, in Angst versetzt und aufgehalten würden. Er warne ihn deshalb davor, mir Ähnliches widerfahren zu lassen. Anstatt sich Beschwerden anzuhören, würde er jemanden schicken, um eine solche Beleidigung vor den Toren Mekkas bestrafen zu lassen.

Diese Sprache gefiel dem Wesir gar nicht, und das, was er gefunden hatte, kam für ihn so unerwartet, dass er nunmehr einsah, dass er zu weit gegangen war. Er rief voll Eifer meinen Diener herbei und machte ihm Vorwürfe, dass er ihm nicht mitgeteilt habe, wer ich sei. Der Diener verteidigte sich damit, dass der Wesir und seine Leute auf alles, was er gesagt habe, nicht im Geringsten geachtet hätten. Deren Stolz habe es nicht erlaubt, ihn anzuhören.

Nun war die große Verlegenheit da. Meinem Diener wurde befohlen, die Bänder wieder anzunageln, er erklärte jedoch, dies wäre das Letzte, was er täte. Niemand öffne einen Koffer auf diese Art, wenn man dazu die Schlüssel haben könne, außer in der Absicht etwas zu stehlen. Es seien kostbare Sachen in dem Koffer, die für den Scherif und Metical Aga bestimmt seien, und diese könnten gestohlen worden sein, da die Bänder schon vor seiner Ankunft aufgebrochen worden seien. Er wasche wegen dieses Vorgehens seine Hände in Unschuld, wisse aber ganz bestimmt, dass sich sein Herr sowohl in Kairo als auch in Jidda darüber öffentlich beschweren werde.

Der Wesir trug seinen voreiligen Entschluss wie ein Mann. Er nagelte den Koffer selbst zu, ließ sich sein Pferd bringen und begab sich in Begleitung von fünfzig nackten Schwarzen, die man hier Soldaten nennt, zu dem Bengalischen Haus, worüber die ganze Faktorei in Bestürzung geriet.

Vor sechsundzwanzig Jahren waren die zwischen Ostindien und Jidda Handel treibenden englischen Kaufleute, vierzehn an der Zahl, bei Tisch durch eine Meuterei dieses rohen Volkes alle ermordet worden.

Nun wurde eilig nach dem englischen Kavalier gefragt, den niemand gesehen hatte; aber es hieß, einer seiner Diener sei im Bengalischen Haus. Ich saß gerade auf meiner Matte und trank Kaffee, als der Wesir auf seinem Pferd kam und der Hof sich mit Menschen füllte. Einer der Zollbedienten fragte mich, wo mein Herr sei. »Im Himmel«, antwortete ich. Ein Diener des Emir Bahar brachte nun den Wesir zu mir, der nicht abgestiegen war. Er wiederholte dieselbe Frage. Ich verstünde die Absicht seiner Frage nicht, entgegnete ich ihm, ich sei aber der Mann, dem das Gepäck gehöre, welches er zu dem Zollhaus habe bringen lassen. Die Briefe des Großherrn und des Ali Bey beträfen meine Person.

Er war voller Erstaunen und fragte, warum ich denn in einem solchen Aufzug erschienen sei. »Ihr könnt das nicht im Ernst fragen«, sagte ich, »kein kluger Mann würde sich wohl in Anbetracht der Reise, die ich gemacht habe, besser kleiden. Aber Ihr habt mir auch keine Wahl gelassen, da alles außer dem, was ich auf dem Leib trage, seit vier Stunden im Zollhaus ist und Ihr darüber verfügt.«

Wir gingen nun alle zu unserem höflichen Wirt hinauf, zu Kapitän Thornhill, bei dem ich mich für mein voriges Betragen damit entschuldigte, dass ich gleich bei meiner Ankunft einen so schlechten Empfang durch meinen eigenen Verwandten hatte erdulden müssen. Er lachte herzlich über meine Erzählung, und von der Zeit an lebten wir in der vertrautesten Freundschaft.

Alle Schwierigkeiten waren nun beigelegt, auch mit Yousef Cabil, und alle Hände waren damit beschäftigt, die überzeugendsten Empfehlungsbriefe an den Naybe4 von Massaua, an den König von Abessinien5, seinen Minister Michael Suhul6 und an den König von Sennar auszufertigen.

Es ist bekannt, wie wenig die gewöhnlichen Empfehlungsbriefe nützen. Wir waren alte Reisende und kannten die morgenländische Art gar zu gut, als dass wir durch bloße Höflichkeitsbriefe hintergangen werden konnten. Keine Völker sind in ihrer Korrespondenz untereinander höflicher als die Morgenländer. Aber ihre Höflichkeitsfloskeln bedeuten nicht viel mehr als ähnliche Ausdrücke in Europa. Sie zeigen lediglich, dass der Schreiber ein Mann mit Manieren ist. Das ist aber auf einer so langen, so gefährlichen und so ernsthaften Reise wie der meinigen bei Weitem nicht genug.

Wir suchten also wirksamere Briefe zu erlangen, Briefe über Geschäfte und Verbindlichkeiten von einem Mann an den anderen. Wir bemühten uns sehr, dies dem Metical Aga, der ein sehr guter Mann, aber sonst kein sehr großer Kopf war, begreiflich zu machen. Meine Briefe von Ali Bey brachen den Bann und verpflichteten ihn zuerst einmal zur Aufmerksamkeit. Ein Paar schöne Pistolen, die ich ihm mitbrachte, verschafften mir dann seine Zuneigung, dies umso mehr, als ich zu keinem Geschenk verpflichtet war, weil ich ihm Briefe von jemandem, der über ihm stand, überbrachte.

Die Empfehlungsbriefe wurden in einer Art abgefasst, wie ich es nur wünschen konnte, waren aber dennoch nach der Meinung eines würdigen und mir freundschaftlich gesinnten Mannes, der seit meiner Ankunft um mich besorgt war, nicht ausreichend. Dies war Thomas Price, der Kapitän des »Löwen von Bombay«. Er machte dem Metical den Vorschlag, einen seiner Leute gemeinsam mit mir und den Briefen nach Abessinien zu schicken, und ich glaube fest, dass ich neben der göttlichen Vorsehung dieser Maßnahme mein Leben zu verdanken habe. Damit war auch Kapitän Thornhill völlig einverstanden. Ein Abessinier namens Mahomet Gibberti wurde also dazu bestimmt, mit besonderen Briefen, außer denen, die ich selbst mitbrachte, mich zu begleiten und ein Augenzeuge meiner Aufnahme zu sein.

Es war noch einige Zeit nötig, um diesen Mann in Bereitschaft zu setzen, und ich hatte noch einen ansehnlichen Teil des Arabischen Meerbusens zu untersuchen. Ich traf also alle Anstalten zur Abreise von Jidda, nachdem ich mich schon so lange Zeit hier aufgehalten hatte.

Die Freundschaft meiner Landsleute blieb mir während meines ganzen Aufenthalts erhalten und begleitete mich bis an Bord. Wenn andere den Stolz der englischen Ostindienfahrer beklagen, war ich so glücklich, nicht einmal einen Schein davon in Jidda empfunden zu haben. Es wäre besser für mich gewesen, wenn man mich etwas mehr vernachlässigt hätte.

Der ganze Kai in Jidda war voller Menschen, die gekommen waren, um den Englischen Gruß7 zu sehen. Zugleich mit mir segelte ein anderes Schiff nach Massaua ab, welches den Mahomet Abd el-Kader, den Statthalter von Dahalac, zu seiner Residenz bringen sollte. Dahalac ist eine große, von Massaua abhängige Insel, die aber einen eigenen Firman hat, der alle zwei Jahre erneuert wird. Dieser Mann war ein Mohr und Sklave des Naybe von Massaua. Er war in Jidda gewesen, um sich seinen Firman von Metical Aga zu erbitten, und Mahomet Gibberti sollte mit mir kommen, um diesen dem Naybe zu überbringen. Abd el-Kader war kaum in Massaua angelangt, als er – wie es dem Hang dieser Menschen zu maßloser Übertreibung entspricht – die Nachricht verbreitete, es würde ein vornehmer Mann oder Prinz, den er in Jidda getroffen habe, demnächst nach Massaua kommen. Dieser habe dem Scherif und Metical Aga wertvolle Geschenke gebracht und dafür von Yousef Cabil, dem Wesir des Scherifs, eine große Summe in Gold empfangen. Überdies habe er von den Engländern alles, was er nur wollte, bekommen, und diese hätten ihm zu Ehren während seines mehrmonatigen Aufenthalts in Jidda ständig Feste veranstaltet. Und als er zum Imam des Glückseligen Arabien8 abgereist sei, hätten alle englischen Schiffe die Fahnen wehen lassen und drei Tage lang vom Morgen bis zum Abend Salut geschossen. Die Folge dieser Erzählung war, dass der Naybe einen Mann mit unsäglichen Reichtümern erwartete, der sich in seine Hände begeben würde. Die Gefahr, in die mich dieser lügnerische Bericht brachte, war größer als alle folgenden Misslichkeiten, die mich auf meiner weiteren Reise noch erwarten sollten.

Am 8. Juli 1769 verließ ich den Hafen von Jidda an Bord meines vorigen Schiffes. Ich erlaubte dem Rais9, eine kleine Ladung auf eigene Rechnung mitzunehmen, jedoch unter der Bedingung, keinem einzigen Passagier die Mitreise zu gestatten. Der Wind war günstig, und wir segelten zwischen der vor Anker liegenden englischen Flotte hindurch. Der Rais wunderte sich ungemein über die Ehre, die seinem kleinen Boot widerfuhr, da jedes Schiff, wenn wir an seinem Heck vorbeifuhren, die Flagge hisste und mit elf Schüssen grüßte, ausgenommen das Schiff meines schottischen Freundes, welches zwar auch die Fahne wehen ließ, aber keinen Schuss abfeuerte. Er stand jedoch auf dem Verdeck und rief durch sein Sprachrohr: »Der Kapitän wünscht dem Herrn Bruce eine glückliche Reise.« Ich stand ebenfalls an Deck und antwortete durch mein Sprachrohr: »Herr Bruce wünscht dem Kapitän … eine baldige völlige Rückkehr seines Verstandes!«

Über Loheia und Mokka segelte Bruce an der jemenitischen Küste südwärts, besuchte einige Inseln und verbrachte seine Zeit vorwiegend mit astronomischen Berechnungen und kartografischen Aufnahmen. Es war ihm bekannt, dass kurz zuvor der dänische Forscher Carsten Niebuhr einige Zeit im Jemen geweilt hatte und mit ausgezeichneten Ergebnissen nach Hause gekommen war. Aus diesem Grund widmete Bruce dem Land selbst wenig Aufmerksamkeit. Auch die Furcht seines Kapitäns vor Seeräubern konnte ihn nicht davon abbringen, bis Bab el-Mandeb weiterzusegeln, der Meerenge zwischen dem Roten Meer und dem Indischen Ozean.

Darauf fuhr James Bruce wieder zurück nach Loheia und wartete wie verabredet auf die Ankunft seines Freundes Mahomet Gibberti.

 

Am 1. September traf Mahomet Gibberti ein und brachte den Firman für den Naybe von Massaua und die Briefe von Metical Aga an Ras Michael mit. Ferner hatte er auch einen Brief an mich und einen anderen an Achmet, den Neffen und künftigen Nachfolger des Naybe, bei sich. In diesem Brief wurde mir geraten, dem Naybe nicht zu sehr zu trauen, aber vor seinem Neffen, der gewiss mein Freund sein würde, nichts geheim zu halten.

Nachdem alles zur Abreise in Ordnung gebracht war, zogen wir am 3. September vor Loheia die Segel auf. Weil der Wind aber nachließ, sahen wir uns genötigt, das Schiff hinauszuziehen und Anker zu werfen. Der Hafen von Loheia ist bei Weitem der größte im Roten Meer, aber jetzt so seicht und versandet, dass nur ein schmaler Kanal zum Ein- und Aussegeln übrig ist, der nirgends mehr als drei Faden10 Tiefe, an manchen Stellen aber nicht einmal halb so viel hat.

Unser Rais hatte als Fremder, ohne Verbindungen in der Stadt, große Schwierigkeiten, genügend Wasser für die Reise zu bekommen. Wir hatten nur mehr einen geringen Vorrat übrig. Wenn unser Schiff auch nur sechzig Fuß Länge hatte, waren wir doch ungefähr vierzig Menschen an Bord. Ich hatte es zwar nur für mich gemietet, erlaubte dem Rais nun aber, noch eine Anzahl ihm bekannter Passagiere mitzunehmen. Es war gefährlich, sich an unserem Bestimmungsort Feinde zu machen, indem wir jemanden von der Rückreise abhielten. Auf der anderen Seite war es ebenso bedenklich, Fremde mitzunehmen, deren Trachten es sein könnte, meine Absichten zu vereiteln.