50 Meisterwerke Musst Du Lesen, Bevor Du Stirbst: Vol. 2

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Kapitel Achtzehn

Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi, der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann. »Seppi Blatter – Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden? – Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet – ich habe für euern Josi geredet – ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem Werk helfen – ich will Frieden – Frieden – mit euch und eurem Sohne Josi – den ich geschlagen habe – den ich achte und liebe.«

Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte – aber – – er brütet wieder.

Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein doch einen Schimmer des Glücks.

O, sie ist rührend schön, die blasse Binia.

Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir, daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über ihr bleiches Antlitz.

»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel – gelt, ich kann für dich – und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm nieder – er streichelt ihren Scheitel: »Kind – ich möchte Frieden machen. – Bini – ich möchte noch einmal glücklich sein – und wenn es nur ein Jährchen wäre. – Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch. Beth, mein guter Engel. – Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. – Josi Blatter ist ein Mann wie ein Held – ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch der Presi von St. Peter. – Soll ich gehen, Kind?«

»Ja, Vater, ja.«

Herzzerbrechend weint die knieende Binia.

»Bini – Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen Wangen nicht mehr sehen – sie töten mich – Bini, bekomme rote Wänglein – laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden – dann nimm in Gottes Namen Josi – ich habe ihn lieb – und lache wieder einmal mit deinem glücklichen Kinderlachen.«

Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks – und des Elends. Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es ist zum Kinderlachen zu spät!«

Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er zischt sie an: »Zu spät – Bini, du hast wohl können so eine Komödie machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit ihm gekommen.«

»Nein –. Vater – nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein.

»Warum bist du denn so blaß – so hinfällig? – Ich habe es ja selber gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.«

Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. – Sie schwankt empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.

Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter – Mutter – es ist entsetzlich – das glaubt der Vater – ich hätte mich mit Thöni vergangen! – Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.«

Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß.

»Mutter – Mutter – wie sind wir unglücklich. – Aber gelt, Mutter, liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen – er, der so viele erlöst, kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. – Und den gräßlichen Vorwurf des Vaters muß ich tragen – Mutter – um des Vaters selber willen – hilf mir schweigen.«

Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.

Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte von den Briefen – was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini? – Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins Haus gebracht. – He, Frau Cresenz – gestupft und getrieben habt Ihr Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe – und er hat mich getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.«

Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: ›Zum Wohl, Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.‹ Habt Ihr da nicht geahnt, daß es ein Unglück giebt?

»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.

»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint, es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.«

Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.

Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken sehen es die von St. Peter.

»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?«

Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung sehen ihm die maßlos erstaunten Dorfler zu. »Er ist letzköpfig geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt eure Aexte und Kärste, helft mir!«

Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!«

»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen.

»Der Presi hat sich gewendet.« – Wenige lächeln, es ist kein Spott oder Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen, achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi.

»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.«

Und die Frühlingssteine, die zu schimmern beginnen, sehen den zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist.

Seltsam! – Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch des Friedens – er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia schleicht noch durch sein Herz.

»Wie – wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem, was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« – Um Binias willen muß er Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant.

Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan.

Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi Blatters Plan gut ist.«

Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem geängstigten Dorf.

Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein.

Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr arbeiten mögen.

Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der ihn selbst den Herren dargelegt hat.

Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungsräte auf einmal kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe.

»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken verpflichten, die nötig sind.«

»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.

 

Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe – wehe – wehe!« durchs Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron – ab – ab! – es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns, unsere Kinder und Kindeskinder.«

Eine gute That! – Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in der Enkel Hand. Und der »Ahornbund« liegt am Boden.

Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber jetzt sind sie fort.

Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen!

Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in Josis Arm – und er küßt ihren Scheitel: »Bineli – mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie.

Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde – sie sind am Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder, und er geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen Segenswünsche ruhen.

Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die fast schwerer als die Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlösung aus einem Schein der Schuld, den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat.

Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der großen Dinge vor ihnen das Glück.

Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glänzen ineinander.

Da kommt der Presi, sieht es – sieht es – er lächelt ihnen glücklich und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben – er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat.

Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, voll Treue, voll Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mädchen findet, das sich in seiner Liebe treu, rein und unschuldig weiß. Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.

Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr gehört als der Welt.

Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini – Vogel – Gemslein,« dringt er in sie, »jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du Thöni wirklich nie gern gehabt?«

»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet sie schamvoll, »glaubst du, ich dürfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen sehen, wenn ich mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, weil er mich trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« Und im Sturm der Wallung kann sie nicht mehr schweigen. »Als du mich aus Thönis Kammer kommen sahst, habe ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu bemächtigen, die er unterschlagen hat, – da sind sie.«

Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater und will sich flüchten. Er aber zieht sie an seine Brust: »Vogel – Herzensvogel – und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast mich in der verzehrenden Angst gelassen – du Grausame. – Aber jetzt rote Wänglein, Kind!«

Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem Vater mehr und alles verraten, sie müsse ihm jetzt auch sagen: »Vater, uns ist ein Unglück geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück, das in seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund.

»O Bini – Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus Beelendung über dich bin ich so rückwärts gekrebst – gezittert und gebetet habe ich, daß Josi sich doch deiner erbarmen möge. – Und nun ist das Wunder geschehen, daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. – Ich mag die Unruhe nicht mehr – ich gebe das Fremdenwesen auf!«

Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. Aber Binia weint bitterlich – sie schluchzt vor Leid: »O Vater, sobald Josi sein Werk vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und pflegen.«

Leidenschaftlich stößt sie es hervor.

»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben?« fragt er ernst und erstaunt.

»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund.

»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, »ich kann nicht fort von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St. Peter sterben.« –

Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht.

»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« denkt der Presi, aber er ist selig über das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut Pläne des Glücks für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder der alte Feuerkopf.

Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi widerstehen können!«

»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch langsam auf unsere Vorbereitungen für den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben habt, so werden wir um so mehr zum Bären sehen müssen.« Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, ich gehe morgen nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er muß mir eine große Tafel malen, auf der steht: ›Pension und Hotel zum Bären in St. Peter sind geschlossen‹, und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfähle am Eingang des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an alle früheren Gäste, daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten aufgegeben habe.«

Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem Kopf zusammen, dann aber jammert sie: »Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus – ich bin es nicht anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension leite – und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so stark nachgebt, auslachen wird.«

»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein paar Kälber lachen oder nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat mir das Sommerleben verleidet – ich will jetzt ein wenig glücklich sein.« – – –

Frau Cresenz aber ist unglücklich – eines Tages erscheint der Kreuzwirt von Hospel im Bären, die Männer rechnen im Frieden die Reingewinne aus den Büchern des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt aus eigenen Stücken noch tausend Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist Euer Anteil.«

Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem Kreuzwirt. »Schwager,« sagt er, »es thut mir leid, daß es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni hoch auf der Post über den Paß haben fahren sehen, hätte ich ihn heruntergelangt und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben, der seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und ›Es ist mir leid‹ gesagt hat.«

Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, muß sich an der Stuhllehne des Vaters halten.

»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein böser Traum?

Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist, und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bären, wie sie vor elf Jahren zugeritten sind.

Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blühendes Geschäft aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden.

Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus – mit Binia und einer Magd haust er allein.

Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh nach dem lebhaften Treiben der früheren Sommer, nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz, er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.

Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die von dem Wunderwerk gehört haben, das an den Weißen Brettern im Glotterthal ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so soll er nicht darüber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.«

Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie eine ferne drückende Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener Hochachtung, die das beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel nachgiebt, sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen Prächten ins Thal zieht.

Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten Freunde, sprechen mit wahrer Erhebung von Josis Werk.

In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter, schweben die Hölzer, die Deckplatten, die Zementsäcke zu Josi, dem Befreier, empor.

Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg durch die Weißen Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hört sein Hämmern in der fernen Höhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es noch. Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen ist, wenn das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine Sprengschüsse durch das Thal. Im Wiederhall ertönen die Bergwände; heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen Schlund des Gebirges.

»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« lacht der Bärenwirt.

»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume mehr haben,« erwidert der Garde froh.

»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal über ein dummes Träumchen habe ängstigen können,« sagt der Presi, um den eine ganz neue Welt gesponnen ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu Allerheiligen, bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.«

Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht des Presi. Wie der Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er zählt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.

Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in Gewaltsamkeit und Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fällt ihm ein, glücklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter diesem Glück? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, um diese hohe Treue von langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin der Treue, zum Ziel?

So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht.

Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine St. Peter. Wohl hat es, als die Regierung seinen Plan gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und wenn einzelne Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre kam, regte sich im Volk wieder abergläubische Furcht. Alle, selbst die Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne mit der Aufschrift »Dynamit« trug, erschreckte sie aber. Es sei ein mächtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklärten die militärpflichtigen Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglück.

Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die Männer, Brüder und Söhne die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Bürger zahlen die versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe, die Josi braucht, fehlt.

Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk allein und in der großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung. Unter der Führung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht.

Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, es erzeugte einen Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen, daß an den heligen Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen Rechten und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne Garde wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern durch die Entsendung der Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat ersuchte die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die Sträflinge verließen das Glotterthal, dafür berichtete die Regierung zurück, die von St. Peter mögen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den Weißen Brettern fertig würden.

 

Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig empört: »Das sind die Herren, die so schön haben reden können – jetzt wollen sie nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern begangen wird.«

Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer entsetzlichere Gerüchte in Umlauf.

Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, sei so stark, daß man damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen könne, die Königs- und Fürstenmörder brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse er schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde ihm das Salz die Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch – das haben einige zuverlässige Männer gesehen – ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das mindeste geschieht.

Also muß auch er jemand getötet haben.

Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, steigt er am Sonntag von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter – und bis auf wenige haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht kümmert.

Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären, dann geht er, den Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, er würde ihr nun viele merkwürdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzählen, aber es ist, als wäre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber allen Sorgen des Garden um das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne Hilfsarbeiter,« versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es, das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den tröstlichen Knaben wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt haben.

Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia.

Bebendes Glück! – Ohne diese Stunden müßte Binia sterben wie ein Vogel ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen sich die beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige Mann.

Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für Thöni unglückseligen Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste Bissen aus der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, der Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis schafft, zu den heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort von Binia! »Herzlieber Josi! – Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf zerbrach, wozu denn die ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? – Jetzt aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch weiß, so zerspringt mein Herz doch schier vor Stolz, daß du wegen der tollen, unnützen Bini die Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk' ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. Und ich weiß es, du bist stark, so stark, daß du auch uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts, wobei nicht mein Herz und meine Seele wären!«

Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn es dunkel geworden war, sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen das Thal geöffnet hatte, ein Licht.

Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und wenn das Licht schon lang verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und denkt mit gefalteten Händen an Josi.

Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so gräßlich vor, daß sie deswegen nicht ein wenig lächeln dürfte, wenn sie an Josi denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns, es ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat Josi in dem entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich ruhig ist er darin geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht erglänzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thöni. Die Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Köpfe. Sie schreit. Im gleichen Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder eine Blitzrute durch das Thal fährt, ist Thöni in der Macht Josis, der ihm die Arme eisern umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig und laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf Binia habe als du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden.« Und sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie stöhnt: »Thöni, um Gottes willen, mache dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt los, laßt los, Blatter, – ich gebe nach!« Da giebt ihn Josi frei, der Unglückliche rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt über die Brücke, aber wie sie noch stehen, kehrt er mit der frischgeladenen Waffe zurück und schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz – Dunkelheit. Josi eilt auf Thöni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der Flüchtling quer über die Straße und der Irrende versinkt vor ihren Augen in die Glotterschlucht. Aus unglücklichstem Herzen schreit Josi: »Grieg, kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort – die Wildleutlaue geht – sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie voll Verzweiflung Thöni – können aber keine Spur mehr von ihm entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein Verbrechen! – Es ist an Josi nichts Ungerechtes – es war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni versank.

Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. Er wollte den Fall anzeigen, dann besann er sich wieder. »Zuerst kommt das Gelübde – dann das Recht der Menschen.«

So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glücklich werden können – ihre Gewissen sind rein. Aber fort – fort von St. Peter. Hier kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen wiederfindet.

Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, daß er den Bären verkaufe, daß er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt mich an Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber ich verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen wie ein Kind und glücklich – o so glücklich sein!«

Und seltsam! – Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm ist, er müsse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den Verkauf des Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit aller Macht ins Bewußtsein des Presi, daß er mit Thöni noch nicht fertig ist.

Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über das schreckliche Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder das sonderbare Gefühl, sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es ja nicht, daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen im Teufelsgarten gewesen ist.