Buch lesen: "Psychologie: Lob der Torheit (GEO eBook Single)"
Herausgeber:
GEO
Die Welt mit anderen Augen sehen
Gruner + Jahr GmbH & Co KG,
Am Baumwall 11, 20459 Hamburg
eISBN: 978-3-65200-814-3
Inhalt
Lob der Torheit
Von Ute Eberle
Zusatzinfos
Wie wir Ausrutscher vermeiden
Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind
Von Henning Beck
Lob der Torheit
Wahnwitzige Konstruktionen, absurde Kletterübungen, riskantes Werkeln – im Internet, aber nicht nur dort, zeigt sich der Mensch als unbedachtes Wesen: Auch die Klügsten lassen sich zu Eseleien hinreißen. Das endet oft böse. Und doch hat die Evolution die Unvernunft nicht ausgerottet. Bietet sie womöglich Vorteile? Ist es manchmal weise, töricht zu handeln?
Von Ute Eberle
Vor einigen Jahren band ein Kalifornier namens Larry Walters 42 heliumgefüllte Wetterballons an einen Gartenstuhl. Er setzte sich hinein und kappte das Tau, das den Stuhl am Boden hielt.
Dann stieg er in den Himmel auf.
Die Berichte darüber, was danach passierte, widersprechen sich in Details. Doch grob muss Folgendes geschehen sein: Der 33-jährige Walters hatte für seine Exkursion Sandwiches, einige Flaschen Bier und ein Luftgewehr eingepackt. Mit der Waffe wollte er die Heliumballons einen nach dem anderen abschießen, um so sachte zu landen. Dummerweise ließ er das Gewehr während des Flugs fallen. Piloten, die am nahe gelegenen Los Angeles International Airport starteten, sahen den Gartenstuhlflieger hilflos rund vier Kilometer hoch am Himmel schweben und alarmierten die Polizei. Die fand Walters schließlich nahe dem Boden, verheddert in einer Hochspannungsleitung.
Die gute Nachricht: Walters war unverletzt. Die schlechte: Er wurde verhaftet.
Eine rundherum idiotische Aktion also. Nur: Walters sah das völlig anders. Er fand das Unterfangen sinnvoll, ja offenbar nötig. Gefragt, was er sich um Himmels willen bei der Sache gedacht habe, hatte er angeblich geantwortet: „Ein Mann kann nicht einfach nur herumsitzen.“
Eine bemerkenswerte Weltsicht, man könnte auch sagen, ein erschreckender Realitätsverlust, vor allem aber eine Anschauung, mit der Larry Walters nicht allein ist auf der Welt. Von den vielen, die sich zu ähnlichen Torheiten hinreißen lassen, haben indes nicht alle so viel Glück wie er.
Der Anführer einer christlichen Sekte etwa übte in der Badewanne, wie Jesus auf dem Wasser zu gehen. Er starb, als er auf einem Stück Seife ausrutschte. Er „gewann“ dafür den sarkastisch gemeinten „Darwin Award“, der alljährlich Aktionen kürt, bei denen sich Menschen auf besonders dämliche Weise selbst ums Leben bringen.
Ein anderer Preisträger, ein 28-jähriger Lastwagenfahrer, wollte demonstrieren, dass sein „Spion-Kugelschreiber“ in Wirklichkeit eine funktionsfähige Pistole war. Er hielt sie sich an den Kopf und drückte ab. Und er hatte recht: Die Waffe funktionierte.
Ist es nicht erstaunlich? Nach Jahrhunderttausenden der Evolution benimmt sich der Mensch noch immer regelmäßig töricht. Wieso sind Erbanlagen, die Dummheiten begünstigen, nicht ausgemerzt worden? Wo doch ihre Träger sich hartnäckig selbst aus dem Genpool katapultieren.
Unvernunft schadet, aber sie ist offenbar nicht auszurotten. Übersehen wir also vielleicht etwas? Hat Torheit versteckte gute Seiten? Ist es möglicherweise manchmal klug, dumm zu handeln?
Lange haben Wissenschaftler das untere Ende der mentalen Leistungsskala gemieden. Sie richteten ihr Augenmerk lieber auf das obere Ende, auf Ursachen und Folgen eines hohen Intelligenzquotienten (IQ). So zeigten Studien etwa, dass Menschen mit einem höheren IQ im Durchschnitt älter werden, gesünder bleiben und besser verdienen.
Aber es gibt auch Hinweise, dass die Fähigkeit zu abstraktem, rationalem Denken – und das misst der IQ am ehesten – nicht immer mit vernünftigem Handeln einhergeht. Zum Beispiel verdienen sehr kluge Menschen zwar mehr, überziehen aber ihre Kreditkarte öfter und geraten häufiger mit den Zahlungen in Verzug als normal intelligente.
Und obwohl sie insgesamt gesünder sind, rauchen Menschen weit oben in der IQ-Skala eher, betrinken sich häufiger oder greifen öfter zu Drogen.
Und manchmal sterben sie früher. Forscher in Edinburgh fanden dies heraus, als sie die IQ-Tests von schottischen Soldaten auswerteten, die in den Zweiten Weltkrieg gezogen waren. Jene, die fielen, hatten im Mittel einen höheren Wert erzielt als jene, die überlebten. Niemand weiß, warum das so ist.
Fast könnte man sagen: Intelligente Menschen sind schlauer, stellen sich allerdings oft dümmer an.
Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, dass jemand „dumm“ handelt? Törichtes Verhalten präzise zu definieren, fällt schwer. Agiert jemand kurzsichtig und bedenkt nicht die langfristigen Folgen seines Tuns? Geht er zu viele – oder vielleicht zu wenige – Risiken ein? Steckt eine Art mentale Blockade dahinter?
Eher sarkastische Abhandlungen wie die des italienischen Wirtschaftshistorikers Carlo Cipolla halfen bei der Beantwortung dieser Fragen nicht weiter. Cipolla formulierte fünf „Grundlegende Gesetze zur menschlichen Dummheit“. Gesetz Nummer eins: „Jeder unterschätzt immer und unvermeidlich die Zahl der dummen Menschen, die in Umlauf sind.“ Und entsprechend dem fünften Gesetz ist „eine törichte Person gefährlicher als ein Bandit“.
Ernsthaftere Untersuchungen stellten Forscher erst in jüngerer Zeit an. Der Psychologe Balazs Aczel von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest etwa versuchte zunächst einmal herauszufinden, was wir unter Torheit überhaupt verstehen. In seiner Studie mit dem Titel „Was ist dumm?“ ließ er Testpersonen anhand von 180 Anekdoten beurteilen, ob sich die Protagonisten idiotisch benommen hätten, und fragte nach den psychologischen Faktoren, die dahintersteckten.
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