Buch lesen: "Der Hasenroman"

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Francis Jammes

Der Hasenroman


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

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EAN 4064066116408

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

In dem Thymian und dem Tau des Fabeldichters vernahm Langohr die Jagd; er entlief über den aufgeweichten lehmigen Pfad, denn er fürchtete seinen Schatten, die Heidekräuter kamen ihm eilig entgegen, die blauen Kirchtürme standen von Tal zu Tal auf, er rannte hinab, stürmte bergan, und seine Sprünge bogen die Halme, wo die Tropfen ineinanderflossen. In diesem geflügelten Lauf wurde der Hase ein Bruder der Lerchen, er flog über die Bezirksstraßen hinweg, und am Wegweiser überlegte er einen Augenblick lang, eh er dem Feldweg folgte, der aus dem blendenden Sonnenlicht und der geräuschvollen Kreuzung in das dunkle stille Moos führt.

An diesem Tag war er beinahe an den zwölften Kilometerstein angestoßen, zwischen Markt Kastetis und Balansun, denn seine Augen, in denen die Angst wohnt, stehn seitwärts. Noch konnte er einhalten. Seine natürlich gespaltne Oberlippe zitterte unmerklich und entblößte die langen Nager. Dann reckten sich seine gelben Landstreichergamaschen mit den vom Laufen abgestumpften Fußnägeln: er hüpfte über die Hecke, in Kugelform, die Ohren auf dem Hinterteil.

Eine gute Weile noch trug er seine Haut aufwärts, indes die beunruhigten Hunde seine Spur verloren, und wieder abwärts, bis zur Landstraße in die Pyrenäen, wo er ein Pferd mit einem Karren herankommen sah. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prächtig und duftete bitter nach Minze. Nicht lange, so stand das Pferd vor dem Hasen.

Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirädrigen Gefährt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein gelockertes Gerippe, daß das Geschirr klirrte, und die helle Mähne flatterte in der Luft, grünlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mühsam, als wären es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe. Langohr erschrak vor der großen lebendigen Maschine und ihrem lauten Geräusch. Er tat einen Satz und floh weiter über die Wiesen, die Stirn gegen das Gebirge, den Schwanz gegen die Heide, das rechte Auge gegen die steigende Sonne, das linke dem Dorf zu.

Endlich verkroch er sich in einem Stoppelfeld, unweit einer Wachtel, die in der Art der Hennen mit dem Bauch im Sande schlief und, von der Wärme betäubt, durch die Federn hindurch ihr Fett ausschwitzte.

Der Tag funkelte im Süden. Der Himmel erblaßte unter der Hitze und wurde perlgrau. Ein Mäusefalk schwebte mühlosen Fluges in immer höhern, immer weitern Kreisen. Wenige hundert Schritte geradeaus, und die pfauengleich schillernde Fläche eines Flusses wälzte das Spiegelbild von Erlen mit sich; ihren klebrigen Blättern entsickerte ein herber Duft, und ihre gewalttätige Schwärze brach schneidend in den klaren Glanz des Wassers. Nahe dem Damm glitten die Fische in Rudeln vorüber. Der Mariengruß rührte mit seiner himmelblauen Schwinge an den Sonnenbrand eines Kirchturms, und Langohrs Mittagsruhe begann.

Regungslos blieb er bis zum Abend in seinem Stoppelfeld, nur ein Mückenschwarm belästigte ihn ein wenig, ein Flimmern wie ein Weg in der Sonne. Erst in der Dämmerung hüpfte er zweimal leicht nach vorn und dann zwei andere Male nach links und nach rechts.

Die Nacht war da. Er wagte sich an den Fluß, wo im Mondlicht an den Spindeln des Schilfrohrs das Gespinst der Silbernebel hing.

Mitten im blumigen Gras nahm er seinen Platz, erfreut, daß zu dieser Stunde die Töne reiner Wohlklang waren und man nicht wußte, lockten Wachteln oder Quellen.

Waren die Menschen alle tot? Nur einer wachte draußen; geschäftig über dem Wasser holte er unhörbar sein strahlenrieselndes Netz heraus. Aber er störte nur das Herz der Welle, das des Hasen blieb in Frieden.

Und da geschah es, daß zwischen den Engelwurzdolden behutsam eine Kugel erschien. Es war die nahende Freundin. Langohr lief ihr entgegen, bis er sie tief im bläulichen Heu erreicht hatte. Ihre Nasen kamen aneinander. Und einen Augenblick lang, mitten im wilden Ampfer, tauschten sie Küsse. Sie trieben ihr Spiel. Dann wandten sie sich, vom Hunger geleitet, gemächlich und Seite an Seite, gegen eine dunkel hingestreckte Meierei. In dem ärmlichen Gemüsegarten, wohin sie eingedrungen waren, gab es knisternden Kohl und würzigen Thymian. Nebenan hauchte der Stall seinen Atem; hinter der Tür des Verschlages ließ das Schwein sein bewegliches Grunzen hören und sein Schnüffeln.

So verstrich die Nacht mit Essen und Lieben. Allmählich, im Morgenrot, regte sich die Finsternis. Flecken leuchteten von fernher. Alles begann zu schwanken. Ein Gockel auf dem Hühnerstall zerriß die stille Luft. Er krähte wie besessen und klatschte sich Beifall mit seinen Flügelstumpfen.

Langohr und seine Frau verließen einander an der Schwelle der Dornen- und Rosenhecke. Kristallen tauchte ein Dorf aus dem Nebel, und im Felde zeigten sich hastende Rüden, deren Ruten wie straffe Seile schaukelten; in der Minze und zwischen den Halmen mühten sie sich, die von dem lieblichen Paar geistvoll geschlungenen Schleifen zu entwirren.

Unter Maulbeeren, in einer Grube, schlug dann Langohr sein Lager auf, hier verweilte er bis zum Abend, mit offenen Augen. Hier saß er wie ein König unter dem Spitzbogen der Zweige, die ein Regenguß mit hellblauen Perlen geschmückt hatte. Endlich schlief er ein. Doch sein Traum war unruhig und nicht so, wie ihn der stille Schlummer des schwülen Nachmittags beschert. Fremd war ihm die starre Schlaftrunkenheit der Eidechse, die kaum zuckt, wenn sie das Leben der alten Mauern träumt; und fremd die zutrauliche Feierstunde des Dachses, der da in seinem lichtlosen Erdbau sitzt und es kühl hat.

Jedes noch so kleine Geräusch raunt ihm von der Gefährlichkeit dessen, was sich rührt, fällt und stößt; ein Schatten bewegt sich unerwartet: naht ein Feind? Er weiß, daß man im Nest nur dann glücklich sein darf, wenn alles jetzt ebenso ist, wie es vorher war. Daher kommt seine Liebe zur Ordnung und verhilft ihm zu seiner Behaglichkeit.

Denn warum sollte in der blauen Windstille träger Tage am wilden Rosenstrauch ein Blatt erzittern? Warum, wenn die Schatten des Unterholzes so langsam vorrücken, als ob sie den Tag festhalten wollten, warum sollten sie sich plötzlich regen? Und warum hätte er sich zu den Menschen begeben sollen, die nicht fern von seiner Zufluchtstätte die Maiskolben einsammelten, darin die Sonne ihre fahlen Lichtkörner enthüllte? Seine Lider ohne schützende Wimpern vertrugen nicht die verwirrenden Wellen der Mittage, gewiß nur darum verbot sich ihm die Nähe der Wesen, die ungeblendet in die weißen Flammen der Sicheln sehn.

Nichts lockte ihn, ehe nicht die Zeit gekommen war, wo er von selbst ausging. Seine Weisheit war eins mit den Dingen. Das Leben war ihm ein Tonwerk, und jeder Mißklang riet ihm zur Vorsicht. Er verwechselte niemals das Geläute der Hunde mit einem fernen Glockenschall; auch nicht die Bewegung des Menschen mit der des wehenden Baumes; den Knall des Gewehrs und den des knatternden Blitzes; den Blitz und das Rollen der Karren; den Ruf des Sperbers und die Dampfpfeife im Dorfe. So gab es eine ganze Sprache, und ihre Wörter waren ihm bekannt als Feinde.

Wer in der Welt hätte zu sagen vermocht, woher Langohr diese Klugheit und solches Wissen besaß? Keiner wohl, und keiner kennt ihre geheimen Wege. Denn sein Ursprung verliert sich in der Nacht der Zeiten, wo die Geschichten alle eins sind.

Kam er vielleicht aus der Arche des Noah, vom Berg Ararat, an dem Tage, da die Taube, die in ihrem Gurren noch heute das Rauschen der großen Wasser bewahrt, den Ölzweig brachte, das Zeichen, daß die Flut abnahm? Oder war er, so wie er ist, geschaffen worden, der Kurzschwanz, der Strohpelz, die Spaltnase, der Langohr, der Graustrumpf? Die Hand des Ewigen, hatte sie ihn fertig unter die Lorbeeren des Paradieses gesetzt?

Gelagert unter einem Rosenstrauch, hatte er vielleicht Eva belauscht? Wie sie sich bäumte gleich einem Füllen, zwischen den Schwertlilien die Anmut ihrer gebräunten Beine auf und nieder führte und vor den verbotnen Granatbäumen ihre goldenen Brüste spannte? Oder war er damals bloß ein weiß glühender Nebelstreif? Lebte er schon im Herzen der Porphyre, war er, unverbrennlich, ihrer Lava entronnen, um nach und nach, eh er sich mit seiner Nase in die Welt wagte, den Granit und dann die Zelle der Alge zu bewohnen? Verdankte er dem geschmolzenen Jaspis seine Pechaugen? Dem lehmigen Morast sein Fell? Dem Seetang seine nachgiebigen Ohren? Dem flüssigen Feuer sein Fieberblut?

. . . Was bekümmerte ihn seine Herkunft! Still begnügt lag er in seiner Grube. Es war im August, ein gewitterschwüler, zermürbender Nachmittag, der Himmel dunkel, pflaumenblau, hie und da geschwellt, als sollte er im nächsten Augenblick über der Ebene bersten.

Und schon hallte der Regen auf den Brombeerblättern. Immer schneller trommelten die schlanken Wasserstäbe. Langohr aber fürchtete sich nicht, denn die Regentropfen folgten aufeinander in einer ihm längst vertrauten Ordnung. Und die Nässe fühlte er nicht, denn das Wasser fiel auf die dichte Pflanzenwölbung. Nur ein einzelner Tropfen kam bis zum Grunde der Grube und schlug immer wieder auf dieselbe Stelle.

Nicht verfügbar
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Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
18 Januar 2025
Umfang:
34 S. 1 Illustration
ISBN:
4064066116408
Verleger:
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Rechteinhaber:
Bookwire
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