Könige zum Anfassen

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Könige zum Anfassen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Annette Küper

Könige zum Anfassen

Airedale-Geschichten um King & Co.


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

Der Airedale-Terrier: ein König zum Anfassen

Liebe auf den ersten Blick

Ich bin ein kleiner König

Alles meins

Jagdsaison

Begegnungen

Fette Beute

Freigänger

Zu Diensten, Majestät

Humor à la Airedale

Hoheitliche Aufgaben

Urlaubsimpressionen

Seelenwärmer

Schwerer Gang

Nachtrag

Impressum

Vorwort

Zugegeben, ich bin süchtig! Süchtig schon seit fast 30 Jahren und glücklicherweise unheilbar und völlig therapieresistent. Meine Sucht bedarf aber auch keiner Behandlung, ganz im Gegenteil, sie bereichert mein Leben und fördert meine Gesundheit.

Süchtig bin ich nach dem König der Terrier, dem Airedale. An keinem kann ich vorbeigehen, ohne mich vor ihn zu hocken, ihn zu kraulen und ein nettes Gespräch mit seinen begeisterten Besitzern zu führen, in dem es um den Airedale im Allgemeinen und ihren im Besonderen geht. Erlebnisse und Erfahrungen werden ausgetauscht. Man lacht viel, laut und ausgiebig, man diskutiert verschiedene Problemlösungsstrategien beim Umgang mit dem sprichwörtlichen Terrier-Eigensinn, man leidet und trauert gemeinsam. Die leidenschaftliche Airedale-Begeisterung verbindet, schnell kommt man sich näher, häufig so, dass sich aus einer Zufallsbegegnung ein netter Kontakt, vielleicht sogar eine Freundschaft entwickelt.

Bin ich mit meinem Airedale unterwegs, gelten ihm unzählige, bewundernde Blicke, streicheln Hände über seinen Kopf, werden seine Personalangaben erbeten und selbst Menschen, die keinen Airedale besitzen, geraten in den Bann meines Terrierkönigs und erzählen von Hunden dieser Rasse, die sie gekannt und geliebt haben. Für Touristen aus aller Welt ist er begehrtes Fotomodell, lässt sich geduldig auf Speicherkarten bannen und erträgt mit stoischer Gelassenheit Finger-Echtheits-Felltests seiner rassetypischen Bart- und Beinhaare.

Einige besonders überzeugte Airedale-Fans riskieren sogar eine Vollbremsung, wenn sie ihn entdecken, und lassen ihren Wagen führerlos mit laufendem Motor und aufgerissener Tür mitten auf der Straße stehen, weil sie unbedingt ihre Begeisterung für die Rasse intensiv an meinem Hund ausleben müssen. Nicht selten artet dann ein Gespräch zu einer beinahe unendlichen Geschichte aus, sodass der herrenlose PKW ordnungsgemäß geparkt und der Motor ausgestellt werden muss. Vollsperrungen sind selbst im ländlichen Raum mit wenig frequentierten Straßen verboten, auch dann, wenn ein König sie auslöst.

Kennengelernt habe ich den ersten Airedale-Terrier vor 40 Jahren und 4 Könige zum Anfassen haben mein Leben seit 1988 bereichert. Mein Erster, Andros, war ein sehr besonnener, ausgeglichener, leichtführiger Rüde, sensibel und ganz auf mich fixiert, der mir meine Wünsche quasi von den Augen ablas und mit mir durch Höhen und Tiefen ging, bis ich ihn im Alter von fast 14 Jahren loslassen musste. Getreu dem Motto von Frau Dr. von Bardeleben: »Was ist schöner als ein Airedale? Zwei natürlich!« holte ich Cliff in unsere Familie, als Andros 11 Jahre alt war. Cliff war ein temperamentvoller Gute-Laune-Hund, ein Tausendsassa mit ausgeprägtem Terrierkopf, ein bisschen schwer erziehbar, aber in seiner Eigenwilligkeit stets charmant und mit Sinn für Humor, ein zuverlässiger Begleiter. Champ, mit einem beeindruckenden Gardemaß von 69 cm mein Größter, gehörte seit 2010 zur Familie. Er war ein Temperamentsbündel, wachsam, intelligent, arbeitsfreudig, kinderlieb, verschmust und sehr sportlich. Ohne jedes Problem schaffte er es, sich zusammenzufalten und in ein Airedale-Röllchen zu verwandeln, das sich auf meinem Schoß häuslich einrichten konnte. Wenn nötig, wurde aus ihm ein mutiger Beschützer, der Haus, Hof und Bewohner bedingungslos verteidigte. Champ sollte eigentlich mein letzter Airedale sein und mich noch eine lange Zeit begleiten, doch viel zu früh musste ich ihn von einem nicht heilbaren Leiden erlösen lassen, worüber ich immer noch untröstlich bin. Seit Sommer 2015 begleitet mich Captain Jake und ich freue mich jeden Tag darüber, noch einmal ein Airedale-Baby großziehen zu können. Wie alle meine Airedales ist Jake eine Wundertüte, die täglich Überraschungen für mich bereithält, ideenreich, spontan, selbstbewusst, spiel- und arbeitsfreudig, kurzum: ein Bilderbuch-Airedale, der sich momentan von Zeit zu Zeit als Pubertätslümmel gerne einmal das letzte Wort gönnt. Natürlich nur mit dem auch ihm eigenen »airedale-igen« Charme und dem Blick, der mich seit meiner ersten Begegnung mit dem König der Terrier immer wieder begeistert und gefangen nimmt.

Wer einen Airedale kennt, der kann und möchte viel erzählen. Irgendwann begann ich, »airedale-ige« Geschichten aufzuschreiben, Geschichten, die ich selbst mit meinen Hunden erlebt habe oder die mir Airedale-Besitzer, mit denen ich seit Jahren befreundet bin, erzählten. Und so entstand dieses Buch, eine Liebeserklärung an die Könige zum Anfassen, die sie in ihrem Facettenreichtum, ihren rassetypischen und individuellen Besonderheiten zeigt.

Der Airedale, der die Hauptrolle in meinen Geschichten spielt, braucht selbstverständlich einen Namen. Welcher passt besonders gut zu einem König der Terrier aus good old England und kann als Titel vor jedem beliebigen Airedale-Namen stehen? Richtig! Er muss King heißen. Stellvertretend für viele seiner Rasse unterhält, ärgert, belustigt, erstaunt, überrascht, ängstigt und bezaubert er ein »Ich«, in dessen Erlebnissen und Gefühlswelt sich jeder Airedale-Liebhaber wiederfinden wird.

Der Airedale-Terrier: ein König zum Anfassen

Man nehme ein gutes Stück Otterhound, füge jeweils eine Prise der örtlichen englischen Terrierarten hinzu, …! Familienrezepte bleiben in der Regel streng gehütete Geheimnisse. So auch im 19. Jahrhundert bei den Bewohnern des Tales der Aire in der Grafschaft Yorkshire in Mittelengland. Einige Inhaltsstoffe ihres Rezeptes lassen sich zwar ermitteln, aber niemals die genaue Zusammensetzung, die Menge der jeweiligen Zutaten und die vielen kleinen Tricks bei der Zubereitung. Sicher ist nur, welches Ergebnis die Rezeptur haben sollte: einen kräftigen, großen, robusten, wasserbegeisterten und vielseitig einsetzbaren Arbeitshund mit hartem Rauhaar, intelligent und mutig, der zur Jagd, zum Apportieren, zum Treiben von Vieh und als Wachhund eingesetzt werden konnte.

Nach jahrzehntelangem züchterischem Bemühen wurde der zunächst unansehnliche, struppige Waterside- zum bildschönen Airedale-Terrier, dem man nicht nur wegen seiner Größe den Beinamen »König der Terrier« gab: muskulös, kompakt, ein temperamentvoller Bewegungsartist mit raumgreifendem Gangwerk, aktiv, lern- und arbeitsfreudig. Er ist damals wie heute wahrlich ein Tausendsassa, ein Hund, der kein Spezialist ist, aber sehr anpassungsfähig und deshalb für alles einsetzbar, was man ihm als Aufgabe gibt. So reicht das Spektrum seiner Einsatzmöglichkeiten vom loyalen, kinderfreundlichen, gut gelaunten Familienhund mit Sinn für Humor über den zuverlässigen, engagierten Begleiter im Hundesport, den schneidigen Jagdhelfer, den unbestechlichen, aber nicht aggressiven Beschützer von Familie, Haus und Hof, den ausdauernden Suchhund bis hin zum gelassenen, sensiblen Therapiehund.

Der Airedale möchte körperlich wie geistig ausgelastet werden. Lange Spaziergänge schätzt er sehr und er ist ein perfekter Begleiter bei sportlichen Aktivitäten wie Radfahren, Joggen, Walken oder auch Schwimmen. Trägt man seinem Bewegungs- und Spieltrieb Rechnung, hat man einen ruhigen, angenehmen Hausgenossen, der entspannt in seinem Hundebett oder an seinen Besitzer gekuschelt ruht, vorzugsweise grinsend in Rückenlage. Langweilt er sich aber über längere Zeit, entwickelt er ganz selbstständig ein Beschäftigungsprogramm, das aus Menschensicht nicht immer haus- und gartenkompatibel ist.

Eines allerdings ist der Airedale nicht: ein unterwürfiger Befehlsempfänger! Er hinterfragt gerne Befehle, die man ihm gibt, beharrlich, aber immer mit dem ihm eigenen Charme. Seinem Terrier-Dickkopf begegnet man am besten mit konsequenter, freundschaftlicher Erziehung und Ausbildung. Dann wird man in den Genuss seiner wirklich beachtlichen Fähigkeiten kommen, die natürlich größtenteils auf seiner Intelligenz und einer gewissen Selbstständigkeit im Handeln beruhen. Beides macht einen wesentlichen Teil seines Charakters aus und sichert, dass man in einem Airedale einen Partner hat, der für seine Menschen sprichwörtlich »durchs Feuer geht«, einen stets hellwachen, kooperativen Hund, der seinem Besitzer gefallen möchte, jede Situation souverän meistert und Liebhaber findet, die ihm hoffnungslos verfallen.

 

Liebe auf den ersten Blick


Herzensräuber

Es gibt sie wirklich, die Liebe auf den ersten Blick, auch wenn ich dieses Phänomen lange belächelt habe. Ich habe mich verliebt, ganz spontan und mit einer Intensität, die ich nie für möglich gehalten hätte. Jahrzehnte sind seitdem vergangen und aus der Verliebtheit ist eine tief verwurzelte Liebe geworden.

Wie an jedem Morgen seit Beginn meines Urlaubs, den ich in einer kleinen, familiären Pension in den Alpen verbringe, liegt er zur Frühstückszeit mit dem Kopf an der Schwelle zum Speiseraum, hat ein Bällchen in der Schnauze, kaut darauf herum und schaut sich alle Gäste gründlich an. Auch heute erwidere ich seine Blicke, bewundere die tiefbraunen, lebhaft funkelnden Augen, das lustige Bärtchen, die keck nach oben gerichteten Augenbrauen und die kleinen, v-förmigen Ohren, die er nach vorne gekippt trägt. Ich mag seine intensiven Farben, die tiefschwarze Decke, das rötliche Braun des übrigen Fells, das drahtige Haar, den muskulösen, kompakten Körperbau und die selbst im Liegen fröhlich getragene Rute, die mich jedes Mal anwedelt, wenn sich unsere Blicke treffen. Er ist ein Rassehund, ganz sicher, aber einer Rasse zugehörig, die mir unbekannt ist. Er muss gespürt haben, dass meine Aufmerksamkeit nicht mehr dem Frühstück gilt, und stupst sein Bällchen in den Raum, ohne mit der tiefschwarzen Nase auch nur einen Millimeter in den offensichtlich verbotenen Bereich des Frühstücksraumes zu geraten. Jetzt hält mich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich lasse Brötchen Brötchen sein, hebe den Ball auf und rolle ihn zum Hund zurück. Geschickt nimmt er ihn an, kaut ihn genüsslich zwei-, dreimal durch und schickt ihn erneut auf die Reise in den Gastraum. Ganz begeistert schaut er mich an, ja, ich habe fast den Eindruck, er grinst! Und so hocke ich auf dem Parkett; er liegt weiterhin auf der Schwelle und wir rollen uns gegenseitig den Ball zu, ohne einander räumlich näher zu kommen! Viel länger noch hätte ich dieses Spielchen genießen können, aber er folgt brav einem »Paul, komm her!« und verschwindet mitsamt Ball in den privaten Räumlichkeiten der Gastgeber.

Der obligatorische Morgenspaziergang bietet heute wenig Abwechslung. Schon zum x-ten Mal wandere ich straßauf, straßab an meinem Urlaubsquartier vorbei. Irgendwann muss er doch herauskommen, mein ballverliebter Herzensräuber, und ich bin wild entschlossen, so lange hin und her zu gehen, bis ich ihn samt Leinenhalter erwische. Keinen Blick habe ich für die Schönheit der Hochgebirgslandschaft. Stattdessen starre ich die Holztür der Pension an und habe das Gefühl, ich könnte aus dem Gedächtnis jeden einzelnen Schnörkel der gegendtypischen Schnitzereien aufzeichnen. Gut, dass ich meine Schnürschuhe trage, so kann ich beim Passieren des Hauses eine unverdächtige Pause einlegen, um die Senkel neu zu binden. Als ich noch intensiv mit dem rechten Schuh beschäftigt bin, fühle ich, dass mir jemand aufmerksam zusieht. Ich schaue auf, während ich krampfhaft nach einer plausiblen Erklärung für mein ständiges Schuhschnüren suche. Auf Augenhöhe befindet sich das Pelzgesicht, in das ich mich so verliebt habe, und eine feucht-warme Zunge schleckt über meine Nase.

Selbstverständlich nehme ich als Dritte im Bunde am Gassigang teil und sauge so viel Wissenswertes wie möglich über Paul, den ersten von mir bewusst wahrgenommenen Airedale-Terrier, auf. Und während ich mir die unterhaltsamen und informativen Erzählungen eines überzeugten Airedale-Halters über die Rasse und seinen Paul anhöre, begeistere ich mich immer mehr für meinen Herzensräuber und er sich für meine Schnürsenkel. Zielsicher öffnet er sie bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit und ich bin überzeugt davon, dass er sich und mir damit einen Gefallen tun will. Bei der Beobachtung meiner unzähligen Bindeübungen vor seiner Haustür musste er den Eindruck gewonnen haben, meine Lieblingsbeschäftigung sei das Zubinden von Schnürsenkeln. Wie passend, seine ist eindeutig das Aufziehen!

Ich bin ein kleiner König


Nachtjägerin

In mein Haus und in mein Herz ist er am Spätnachmittag eingezogen, 8 Wochen jung, bildhübsch, bezaubernd und unwiderstehlich, mein King, ein kleiner König der Terrier, der sofort selbstbewusst jede Ecke seines neuen Reiches in Besitz nimmt. Unglaublich spannend ist es für ihn, ohne Rückendeckung seiner Mutter und Geschwister so viel Neues zu erforschen. Die Rute fröhlich getragen, strolcht er durch das Wohnzimmer, während ich mich von seinem Anblick nicht losreißen kann. Aufregung und Blasentätigkeit scheinen bei einem Welpen unmittelbar miteinander verknüpft zu sein. Bewusst wird mir dieser Zusammenhang erst, als King beinahe ansatzlos die typische Hock-Haltung einnimmt und ein ansehnliches Pfützchen auf meinem Parkettboden hinterlässt. Erziehung zu Stubenreinheit ist jetzt wohl die dringlichste Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Ich bewaffne mich mit Leckerlis, nehme den kleinen Kerl auf den Arm und stelle ihn im Garten auf den Rasen. Ein Eldorado an Geruchserlebnissen stürmt hier auf ihn ein und so setzt er sich völlig überwältigt erst einmal auf sein Hinterteil. Dann siegt die Neugier und King erkundet vorsichtig die fremde Umgebung. Gefährlicher Rosenstrauch links: wird verbellt! Graue Monster-Mülltonne rechts: wird verbellt! Riesiges Findling-Ungeheuer auf dem Heidehügel: wird verbellt! Ergebnis der ganzen Aufregung ist ein Pfützchen in der hintersten Ecke des Gartens und ein sehr zufriedenes Frauchen, das freizügig Leckerbissen verteilt. Der erste Schritt ist geschafft! King hat jetzt ein Garten-Hundeklo, das er immer wieder benutzen wird!

Vorm Schlafengehen wecke ich meinen Miniatur-Airedale noch einmal und trage ihn hinaus auf den Rasen, in der Hoffnung, er werde spornstreichs Richtung Löseplatz marschieren, um schnell alle Geschäfte zu erledigen.

Aber King hat Zeit, schnüffelt hier und da an einem Grashalm, steckt das Näschen in ein Mauseloch, hüpft durch mein Staudenbeet, reißt dort einen Blütenstängel ab und tollt damit ausgelassen durch den Garten, während ich fröstelnd auf der Terrasse stehe und auf ihn warte.

Aus den Augenwinkeln sehe ich schemenhaft einen großen Schatten von einem Zaunpfahl auffliegen. Völlig lautlos gleitet ein gedrungener Körper mit fast rundem Kopf in Bodennähe auf meinen King zu. Das ist sie, die gefürchtete Nacht-Jägerin, die in der Lage ist, eine davonhuschende Maus bei der Bodenjagd einzuholen. Sie hat offensichtlich von ihrem Ansitz aus King fixiert. Eulen töten immer auf die gleiche Weise. Den Flug wird sie abrupt abbremsen, sobald sie den Kleinen erreicht hat, und zeitgleich die dolchartigen Klauen nach vorne strecken. Darauf folgt der Tötungsbiss in den Nacken und das Opfer wird mit den kräftigen Fängen durchgewalkt. Ihre Flügel nehmen dabei die Fangstellung ein und werden weit über die Beute gespreizt.

Wie versteinert erlebe ich die Sekundenbruchteile, in denen sich der Angriff abspielt, kann meinen Blick nicht von den dramatischen Ereignissen lösen. Mit weit aufgerissenen Augen erkenne ich, dass die Eule knapp über King, der sich ängstlich auf den Boden drückt, hinweggleitet, ohne ihn zu berühren, und in Richtung Wald abdreht. Im letzten Moment hat sie glücklicherweise wohl erkannt, dass mein Airedale-Baby keine überdimensionale Maus ist.

Altersunabhängige Großmäuligkeit

Großmäuler gibt es wahrlich genügend: Großmaulantennenwelse, Großmaulmakrelen, Großmaulhaie, Großmaulkampffische. Auch Krokodile, Schlangen, Flusspferde, Löwen und Co. zeigen beim Aufreißen ihrer Mäuler Respekt einflößende Großmäuligkeit. Sie tritt selbst beim Homo sapiens auf, der dieses Attribut aber nicht wegen der beachtlichen Größe seines Mundes zuerkannt bekommt. Zweifelsfrei gehört auch der Airedale zu den Großmäulern. Er hat ein beachtlich großes Maul und zuweilen riskiert er auch ein solches! Gezeigt hat mir mein King seine bewundernswerte Großmäuligkeit bereits im zarten Welpenalter.

Kaum habe ich den Kleinen in mein Auto gepackt, mit einem extralangen Ochsenziemer ausgestattet, um ihm die mehrstündige Urlaubsfahrt zu versüßen, ertönt aus dem mit einem großen Handtuch gepolsterten Fußraum vor dem Beifahrersitz eine alarmierende Mischung aus Ächzen, Stöhnen und Würgen. Eine Vollbremsung ist die Folge meines kurzen Seitenblicks in den Fußraum. Der Ochsenziemer ist bis auf ein kleines Stück vollständig in meinem Welpen verschwunden. Ein mindestens 30 Zentimeter langes, spitzes Exemplar in meinem Miniatur-Airedale! Grausige Bilder laufen vor meinem inneren Auge ab, während ich hektisch um den Wagen herum zur Beifahrerseite renne. Schwer verletzt muss er sein, mein Kleiner, vielleicht unrettbar verloren wegen Perforationen von Magen und Darm.

Keine Hilfe in Sicht, Landschaft, so weit das Auge reicht, und eine schnurgerade Straße, auf der nur ich unterwegs zu sein scheine. Die Beifahrertür aufreißen, King schnappen und den Ochsenziemer herausziehen, geschieht beinahe instinktiv und dann harre ich der Dinge, die da kommen müssen. Es kommen aber keine, jedenfalls keine, die mich in weitere Ängste versetzen. King stellt sein Würgen ein, die Rute wird wieder fröhlich getragen und er hüpft vor meinen Füßen hin und her und bettelt darum, den Ochsenziemer zurückzubekommen. Ich dagegen bin immer noch fassungslos, schaue ratlos Ochsenziemer und meinen Welpen an und gebe dann seufzend auf herauszufinden, wie King es geschafft hat, das lange Ding zu 90 Prozent in sich hineinzuwürgen. King verhilft die Kunst des Ochsenziemerschluckens glücklicherweise nur dazu, dass ich ihm nie wieder einen zum Kauen gönnen werde. Bei den zukünftigen Ausmaßen meines Hundes bliebe noch nicht einmal ein winziger Rest sichtbar, an dem ich zwecks Sofortrettung ziehen könnte, da bin ich sicher.

Am Ziel angekommen, nimmt der Winzling spornstreichs sein neues Revier in Augenschein. Unerschrocken marschiert er auf noch kurzen, stämmigen Beinchen mit überdimensionalen Pfoten durch den Garten des Ferienhauses. Ganz verzückt schauen zwei Kuvasz-Hündinnen vom Nachbargrundstück durch den Zaun und jeder ihrer Blicke sagt: »Ein Baby, wie niedlich! Komm her, kleiner Mann, wir adoptieren dich!« Das Baby ist jedoch keineswegs auf der Suche nach Müttern, zumal es der seinen vor nicht allzu langer Zeit entronnen ist und bereits weiß, wie sich Erziehung auf Hundeart anfühlt! Also wächst mein kleiner König über sich hinaus, indem er seine Vorderpfoten auf einen Blumenkübel setzt, starrt die großen Weißen herausfordernd an und bringt den gestandenen Hündinnen wütend seine helle Welpen-Stimme zu Gehör. David gegen zwei Goliaths, so etwas nenne ich Selbstbewusstsein und Schneid. In Anbetracht des stabilen Zaunes vielleicht auch Großmäuligkeit!