Der kleine WapplerText

0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Astrid Wintersberger

Der kleine
Wappler

So flucht und schimpft Österreich


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

Erweiterte Neuauflage 2021

© 2021 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

Umschlaggestaltung: www.boutiquebrutal.com Typografische Gestaltung, Satz: Ekke Wolf, typic.at Gesamtherstellung: CPI Moravia

ISBN 978 3 7017 1743 9

eISBN 978 3 7017 4661 3

Inhalt

Vorwort

Vorwort zur erweiterten Neuauflage

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

Z

Literatur

Vorwort

Es ist wohl kein Zufall, dass im Österreichischen das Wort Schmäh als Synonym für den losen Scherz gebraucht wird, und so steckt denn auch in unseren Schmähungen oftmals ein gesunder Anteil an Witz, an schrägen Einfällen. Dann wird die Niedertracht zum Sonntagsstaat, geadelt durch eine gehörige Portion an ebenso grimmiger wie grenzgenialer Fantasie. Bei der Wahl der Objekte sind wir freilich keine Trendsetter, und so folgt auch das österreichische Schimpfverhalten dem bekannten Geschlechterklischee und sieht in der überwiegenden Zahl abfällige Bezeichnungen für männliche Dummheit und solche für weibliche Hässlichkeit bzw. generelle Widerwärtigkeit vor, zumal Männer typischerweise intelligent sind, während Frauen nett und adrett zu sein haben.

Die vorliegende Auswahl an Wörtern will das Derbe und Geschmacklose nicht aussparen, ist aber bemüht, es mit maßvoll Boshaftem in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Die treibende Kraft beim Abfassen eines Wörterbuchs liegt im Erklären der Begriffe; über deren politisch korrekten Gebrauch muss nicht geurteilt werden.

Die öffentliche Schimpfkultur des Landes kann mit einigen herzerfrischenden Kostproben, vorwiegend aus den Bereichen Kunst und Politik, belegt werden. Ihre Blütezeit hatte sie in den späten 1970ern und -80ern; da flogen hin und wieder ganz ordentlich die Fetzen, wenn sich Politiker als Kunstsachverständige gerierten und Künstler die politische Landschaft aufmischten. Ein Staatsmann, der die österreichische Schimpf-Art passiv (und eingeschränkt auch aktiv) beflügelt hat, war Bruno Kreisky; Thomas Bernhards Tiraden gegen ihn sind ebenso legendär wie der – Josef Taus gegenüber geäußerte – Gouvernanten-Sager. Und so drängt sich die Frage auf, ob es längerfristig nicht bemerkenswerter ist, sich ein paar größere Geister zum Feind als viele kleinere zu Facebook-Freunden gemacht zu haben.

Dass das beherzte Schimpfen gelegentlich ein juristisches Nachspiel hat, sollen ein paar einschlägige Gerichtsurteile belegen; neben der österreichischen Strafund Zivilgerichtsbarkeit kann ein gelassen ausgesprochenes, grobes Wort sogar den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschäftigen. Gut so! Schimpfen ist ja auch, in gewissem Sinne, ein Grundrecht des gemeinen Österreichers.

Vorwort zur erweiterten Neuauflage

Die erste Version dieses Büchleins wurde vor etwa zehn Jahren geschrieben. Inzwischen hat sich die Welt in so dramatischer Weise verändert, dass man nicht einfach weiterwappeln kann, als sei nicht gewesen. Ob nun, um einen Satz von Ludwig Wittgenstein zu adaptieren, die Grenzen meines Wapplertums die Grenzen meiner Welt bedeuten oder umgekehrt, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist, dass es – bezogen auf Österreich – wenigstens zwei einschneidende Ergeignisse gab, die nicht unkommentiert bleiben können: die Coronakrise und die Ibiza-Affäre. Die Ibiza-Affäre hat in Sachen Wapplertum eine neue Dimension geschaffen, sie setzt sozusagen neue Maßstäbe: Was davor als fetzendeppert erschienen sein mag, ist danach bestenfalls ungeschickt. Die Pandemie hat zum einen großformatige Wapplereien ( Allesrichtiggemacht!) hervorgebracht, zum anderen das gepflegte Lästern, Fluchen, Klugscheißen, kurz: Ois-is-so-a-Schaß-Konstatieren vom Wirtshaustisch in die Internet-Foren der Tageszeitungen verlegt. Nicht verändert hat sich die seelenreinigende Kraft des Schimpfens; und so heben wir noch einmal dazu an, bevor dann die Welt mit Butz und Stingl zugrunde geht … oder eben nicht.

Aff, gselchter: Schwachkopf, ärgerliches Subjekt

Alman: ursprüngl. eine abwertende Bezeichnung des Deutschen seitens türkischer und anderer Mitbürger mit Migrationshintergrund zwecks Stärkung der eigenen Identität durch Abgrenzung. Für den Österreicher eine willkommene Ergänzung seines Repertoires an teutonenkritischen Begriffen ( Piefke, Marmeladinger, Kartoffel). In der Jugendsprache generell eine Person, die mit dem Deutschen typischerweise assoziierte Merkmale (penibel, kleingeistig, spaßbefreit) aufweist.

Allesrichtiggemacht!: Antiphrasis der Tiroler Gesundheitsbehörden angesichts des florierenden Exports von Corona-Infektionsfällen aus Ischgl in die ganze Welt; von da her breit einsetzbare Chiffre für Behördenhilflosigkeit. Rückübersetzt in einen Fluch mit Lokalkolorit bedeutet es wohl so etwas wie »Kruzifix noamal eini, wia ischn des passiert?«

Alter, vulgo Oida: Wolfgang Teuschls Wiener Dialektlexikon definierte 1990 A. noch traditionell als »alter Mann; Gatte; Vater; Geliebter; Freund; Lebensgefährte« und in der Anrede als »Kamerad, Freund«. Je nach Milieu wies der Begriff einen mehr oder weniger abwertenden Charakter auf. Mittlerweile hat er seine Funktion als Anrede aber weitgehend verloren und ist – besonders in der Jugendsprache – zum universellen Füllwort geworden. Die rasch wieder aus der Mode gekommene Jugendbewegung der Kracher (Krocha) hinterließ der Nachwelt vor allem den Ausruf »bam Oida, fix Oida!« als Ausdruck zustimmenden Erstaunens. »Oida, na!« bringt Ernüchterung und Ausweglosigkeit zum Ausdruck. Gegenüber einem Polizeibeamten verwendet, kostet das Wort »Oida« wegen seiner Qualifikation als Anstandsverletzung € 100,– und ist somit billiger als »mehrfaches lautstarkes Duzen« (€ 150,–) und Furzen (€ 500,–), aber teurer als Rülpsen (€ 70,–).

altvatrisch: altbacken

angflaschelt: schwer alkoholisiert

angfressen sein: mächtig verstimmt sein

 

angnaht: betrunken

angrennt, wo bist du a.?: bringt die Annahme zum Ausdruck, ein stumpfes Schädeltrauma könnte die Ursache für ein befremdliches Verhalten sein

Anpatzung: kritische Berichterstattung über unrühmliches Verhalten v. a. rechtspopulistischer Funktionäre; milde Form einer »Schmutzkübel- und Desinformationskampagne« Ibiza-Affäre

antrenzen, sich: sich anpatzen

anzudeln, sich: sich unwillkürlich mit Eigenurin beflecken (tendenziell in größerem Umfang)

Armutschkerl: Bemitleidenswerter. Wird meist herablassend unter Bezugnahme auf die geistige Armut des Bezeichneten verwendet.

Arsch, vulgo Oasch: Aufgrund seiner internationalen Verbreitung bedarf der Arsch an sich keiner näheren Erläuterung. Im Österreichischen findet dieser Begrifffreilich bemerkenswerte Variationen. Beliebt sind Komposita à la Oasch-Hacken (für minderwertige Berufe oder Tätigkeiten), Oasch-Karten (für das Bummerl, den schlechteren Part), Oasch-Partie (für einen verachtenswerten Personenkreis oder Vorgang). Gern wird oasch auch als Eigenschaftswort verwendet, im Sinne von widrig oder gemein, bei besonderer Entrüstung in der Steigerungsform vui oasch!. Was im Oasch ist, ist nicht zu retten, am Oasch geht dem Österreicher, was dem Deutschen auf den Wecker geht. (Wer oder was der NEOS-Fraktionsführerin Stefanie Krisper im Zuge des Ibiza-Untersuchungsausschusses am Oasch ging, als sie diese rüden Worte in das vermeintlich ausgeschaltete Mikrophon entließ, wird ein ewiges Rätsel bleiben; die naheligende Vermutung, es könnte sich um die Verfahrensrichterin gehandelt haben, dementierte sie jedenfalls heftig.) Lei oasch! ist ein Ausruf des Missfallens mit kärntnerischem Einschlag. Wann i so an Oasch hätt wie du a Gsicht, tät i hintern Schleier scheißen! ist eine geradezu pittoreske Variante wesentlich simplerer Beschimpfungen mit analoger Aussage wie »Arschgesicht« oder »A. mit Ohren«. Erwähnenswert erscheint noch der austrospezifische Umgang mit dem Götzzitat, wobei die Kernaussage meist auf das reduziert wird, was sich in den Klassikerausgaben hinter den drei Punkten verbirgt: ein knappes Oaschlecken. Als weiterführende Literatur sei der Text Lärm vor dem Hause von Anton Kuh empfohlen, in dem ein beiläufig dahingesagtes … vom Adressaten der Aufforderung in allen Einzelheiten analysiert wird, kreisend um die zentrale Sentenz: »I leck Ihna net in Oasch, weil i nämlich ka Oaschlecker bin, aber wenn i ana wär, Sie warn der Letzte, den wos i leck.« Der Ausdruck ums Oaschlecken wird als Maßeinheit verwendet und meint »um Haaresbreite«. Entweder – oder, Oasch oder Goder soll dem Entscheidungsschwachen auf die Sprünge helfen. (Goder bezeichnet den Bereich unter dem Kinn in seinen diversen Erscheinungsformen bis hin zum Kropf.)

Arschgeige: Zeitgenosse, der keine besondere Hochachtung verdient

Arschkapplmuster: despektierliche Bezeichnung für männliche Wesen. Benannt nach den »Kapplbuam« (Kappenträger gehörten seinerzeit nicht zur besseren Gesellschaft).

Arschkräuler: Speichellecker

auflegen, jemandem eine: ihm eine Ohrfeige verpassen

aufpudeln, sich: sich beschweren, sich ereifern

ausgfressen: vollschlank

ausgschamt: unverschämt. Wird meist einem schmähenden Nomen hintangestellt, etwa: Saubeidl, ausgschamter!

Ausreibfetzen: Wischtuch. Auf Personen angewandt unhöflich