Treffpunkt mit dem Killer: Krimi Großband 7/2021

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Alfred Bekker, W.A.Hary

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Inhaltsverzeichnis

  Treffpunkt mit dem Killer: Krimi Großband 7/2021

  Copyright

  TREFFPUNKT HÖLLE

  Ein Killer kommt selten allein

  Die toten Frauen

Treffpunkt mit dem Killer: Krimi Großband 7/2021
Alfred Bekker, W.A.Hary

Diese Ausgabe enthält folgende Titel:

Alfred Bekker/W.A.Hary: Treffpunkt Hölle

W.A.Hary: Ein Killer kommt selten allein

Alfred Bekker: Die toten Frauen

Ein Frachter mit grauenerregender Ladung erreicht den Hafen. Und die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Von den Opfern dieser unheimlichen Mordserie ist nicht viel geblieben – und das wenige muss ausreichen, um die Täter zu überführen!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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TREFFPUNKT HÖLLE

Alfred Bekker & W.A. Hary

1

JAY BROWNING, PRIVATE ERMITTLUNGEN ALLER ART - so stand es auf dem Schild an meiner Bürotür. Die Großbuchstaben hatten leider nicht dazu geführt, daß mir die Klienten die Tür einrannten.

In der Linken hielt ich eine halbvolle Flasche Bourbon, die Rechte suchte in der Seitentasche des Jacketts nach dem Türschlüssel. Es war halb vier am Morgen, ich war hundemüde und der Bourbon trug sicherlich auch nicht zu einem klaren Kopf bei. Aber als ich die Kratzspuren am Türschloß sah, war mir klar, daß etwas nicht stimmte.

Innerhalb einer Sekunde war ich hellwach und so nüchtern wie ein reformierter Prediger. Ich stellte die Bourbon-Flasche auf den Boden, nahm mit der Linken den Schlüssel und riß mit der Rechten die 45er Automatik aus dem Schulterholster, das mein Jackett ausbeulte.

Kalte Wut stieg in mir auf. Ich zählte zwei und zwei zusammen. Jemand hatte mir einen unangemeldeten Besuch abstatten wollen, soviel stand fest.

Mein Office und meine Wohnung lagen in der dritten Etage eines etwas heruntergekommenen Brownstone-Hauses in der Lower East Side. Ich hatte die Räume genommen, weil sie nicht viel kosteten, aber das bedeutete auch, das irgendwo gespart worden sein mußte. In diesem Fall vor allem an einer vernünftigen Sicherheitselektronik. Jeder konnte hier rein- und rausgehen, wie er wollte, ohne daß ihn ein Security Guard ansprach. Und die Videoanlage war schon seit Jahren kaputt.

Ich dachte an Mona. Sie war dort drinnen, hatte wahrscheinlich schon geschlafen, als die Eindringlinge gekommen waren.

Ich weigerte mich, mir vorzustellen, was mit ihr geschehen war... Den Umgang mit dem Revolver hatte ich ihr zwar beigebracht, aber bei den Kerlen, die hier eingedrungen waren, handelte es sich um Profis. Dafür sprach schon die Tatsache, daß sie die Tür nicht einfach offen gelassen hatten.

Ich entsicherte die Automatik und drehte vorsichtig den Schlüssel herum. Wenn die Kerle noch hier waren, dann konnte ich nicht vorsichtig genug sein...

Mit dem Fuß stieß ich die Tür auf, riß die Automatik hoch und duckte mich. Blitzschnell ließ ich den Blick durch das Büro schweifen.

Ein Vorzimmer gab es nicht. Es herrschte Halbdunkel. Die Jalousien waren zur Hälfte heruntergelassen. Neonreklamen auf der anderen Straßenseite sorgten für das bißchen Licht. Eine Stecknadel hätte man in diesem Moment fallen hören können. Das Fenster war abgeklappt. Ein kühler Luftzug drang von draußen herein.

Ich machte das Licht an. Im Büro sah es aus, als wäre eine Handgranate gezündet worden. Die Akten hatte jemand aus dem Regal gerissen, und zahllose Belege fürs Finanzamt lagen auf dem Fußboden verstreut herum. Die Anschlüsse von Telefon und Computer waren durchtrennt, die Sesselpolster aufgeschlitzt. Um den Tresor in der Wand hatte sich allerdings niemand gekümmert. Es war zwar ohnehin nichts Wertvolles darin, aber das sah man ihm von außen ja nicht an.

Reine Zerstörungswut war hier zum Ausbruch gekommen. Aber ich hatte ohnehin nicht damit gerechnet, daß es sich bei den Eindringlingen um Diebe handelte...

Ein Geräusch ließ mich erstarren. Es klang wie das Atmen eines Menschen. Ich packte die 45er mit beiden Händen und bewegte mich mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze seitwärts, so daß ich nicht in der Schußlinie stand, wenn sich an der offenstehenden Zwischentür etwas bewegte.

Einen Augenblick später hatte ich die Wand erreicht, preßte mich dagegen und wartete ab.

"Mona?" rief ich dann. Ich bekam eine Antwort, die mich rasend machte. Sie bestand in einem halb unterdrückten Laut, wie er entsteht, wenn jemand zu schreien versucht, den man geknebelt hat.

"Kommen Sie mit erhobenen Händen herein, Browning!" rief eine heisere Stimme. "Aber legen Sie vorher ihre Kanone auf den Boden. Sonst geht es deinem Engelchen schlecht..."

Innerlich kochte ich. Aber es hatte keinen Sinn, gegen Wände zu laufen. Vor allem nicht, wenn Mona in Gefahr war.

Ich hörte ihren unterdrückten Schrei, der mir wie ein Messer ins Herz schnitt.

Diese Hunde! durchfuhr es mich. Wenn sie mit mir eine Rechnung offen hatten, dann sollten sie das auch mit MIR zu Ende bringen.

Aber im Moment hatte ich keine andere Wahl, als nach der Pfeife meines Gegners zu tanzen.

Ich beugte mich vor, legte langsam die 45er auf den Boden. Dabei blickte ich den kleinen Korridor entlang. Ein Wohnzimmer und ein Abstellraum lagen auf der linken Seite. Am Ende befand sich das Schlafzimmer. Dort brannte Licht. In der offenstehenden Tür stand ein dunkelhaariger Lockenkopf mit einem gewaltigen 457er Magnum-Revolver in der Faust und einem zynischen Grinsen im Gesicht.

Ich befand mich in seinem Schußfeld. Wenn er wollte, konnte er mir von einer Sekunde zur anderen das Lebenslicht ausblasen. Aber der Lockenkopf schien mich nicht einfach über den Haufen schießen zu wollen. Noch nicht.

Ich erhob mich, ließ die Handflächen in seine Richtung zeigen und gab der Automatik dann einen Tritt, so daß sie über den Fußboden des Korridors rutschte. Auf halber Strecke blieb sie liegen. Der Lockenkopf hob inzwischen den 457er und zielte auf meinen Kopf. "Komm her, du Ratte. Und versuch keine Tricks, sonst..." Ich hörte ein klatschendes Geräusch, wie von einem Schlag ins Gesicht. Dann ein Wimmern.

Ich wußte jetzt, daß der Lockenkopf nicht allein war. Zumindest ein weiterer Gorilla war bei ihm und quälte Mona.

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ich zermarterte mir das Hirn darüber, was ich tun konnte. Diese Bastarde hatten alle Trümpfe in der Hand.

In einem Futteral am Fußgelenk trug ich noch einen zierlichen 22er-Revolver, aber ich hatte im Augenblick nicht den Hauch einer Chance, an die Waffe heranzukommen. Außerdem durfte ich nichts riskieren. Sie hatten schließlich Mona in ihrer Gewalt.

Ich betrat das Schlafzimmer.

Ich sah gerade noch die von der Seite kommende Bewegung und fühlte im nächsten Moment schon das harte Holz des Baseballschlägers in meinem Magen. Ächzend sank ich zu Boden.

2

Mir wurde schlecht. Der Kerl mit dem Baseballschläger holte erneut aus. Er hatte rotes, kurzgeschorenes Haar, und als er den dünnlippigen Mund zu einem Grinsen verzog, sah ich, daß er eine Menge Blech im Gebiß hatte.

Der Lockenkopf hob die Hand. "Laß ihn!" befahl er unmißverständlich. "Ich will erst noch mit ihm reden. Dann gehört er dir!"

Der Rothaarige bremste den mörderischen Schlag ab und stieß einen unartikulierten, dumpfen Laut hervor. Dann spielte er lässig mit dem Schläger herum und trat dabei etwas zur Seite. Ich blickte auf und sah...

 

...Mona! Sie saß an einen Stuhl gefesselt da, nur in ein hauchdünnes Nachthemd gekleidet. Ihr aufregender Körper zeichnete sich deutlich darunter ab. Ihre Schenkel waren frei. Der Mund war mit Klebeband verschlossen. Das dunkle Haar fiel ihr bis über die Schultern. In ihren Augen glänzte es furchtsam.

Ich kam wieder einigermaßen zu mir, auch wenn der Schlag noch höllisch wehtat. Zeit gewinnen! dachte ich. Das war alles, was ich im Moment tun konnte. Irgendwie dafür sorgen, daß die sogenannte 'Unterhaltung', die der Lockenkopf mit mir führen wollte, sich möglichst in die Länge zog und mir sein Komplize nicht mit einem gezielten Schlag seines Baseballschlägers den Schädel zertrümmerte.

Ich kauerte mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden und dachte an die 22er an meinem Fußgelenk...

"Ihr könnt Maldini einen schönen Gruß von mir bestellen", meinte ich gequält. "Ich weiß, daß er euch geschickt hat! Ihr braucht mir nichts vorzumachen..."

Sid Maldini war eine große Nummer in der New Yorker Unterwelt. Ein großer Boss, der dafür sorgte, daß nur die unteren Chargen seiner Organisation sich die Finger schmutzig genug machten, um ins Visier der Cops zu geraten.

Ich hatte dafür gesorgt, daß sein Sohn lebenslang hinter Gittern saß. Und das konnte Maldini mir einfach nicht verzeihen. Seitdem mußte ich ständig auf der Hut sein, nicht auf seine Schläger zu treffen. Außerdem sorgte er ziemlich wirkungsvoll dafür, daß ein Klient, der auch nur mit dem Gedanken spielte, mir einen Auftrag zu geben, sehr schnell mit klappernden Zähnen das Weite suchte.

Maldinis Arm war verdammt lang. Aber ich war nicht bereit aufzugeben. Dies war meine Stadt, und ich dachte nicht im Traum daran, einfach davonzulaufen. Irgendwann würde ich den passenden Paragraphen und die Gelegenheit finden, um Maldini an die Wand zu nageln.

"Maldini muß es ziemlich dreckig gehen, wenn er auf so miese Typen wie euch angewiesen ist", zischte ich zwischen den Zähnen hindurch.

Die Gesichtsfarbe des Rothaarigen änderte sich, wechselte von betonbleich zu dunkelrot. Er faßte den Baseballschläger fester.

Der Lockenkopf hob die Hand. "Laß ihn quatschen!" murmelte er. "Mal sehen, ob er nachher noch dazu in der Lage ist, wenn er keine Zähne mehr hat."

Der Rothaarige grinste. Das gefiel ihm.

Der Zeigefinger des Lockenkopfs richtete sich indessen auf mich. "Du hast großes Glück, Browning, obwohl du so ein unglaublicher Dummkopf bist, daß du im Ernst glaubst, es mit den ganz großen Tieren aufnehmen zu können. Du bist 'ne lästige Zecke, weiter nichts. Und es würde kaum jemanden auffallen, wenn man dich zerquetscht. Nicht einmal deine Exkollegen vom New York Police Department erkennen dich noch, wenn du als Fischfutter im Hudson landest..."

"Warum sind wir dann noch nicht auf den Weg zu den Piers?" erwiderte ich trotzig.

"Weil der Boss seinen großzügigen Tag hatte. Er will nicht, daß wir dich umlegen. Wir sollen dich nur so bearbeiten, daß du für den Rest deines Lebens keine feste Nahrung mehr zu dir nehmen kannst und im Rollstuhl vor dich hin sabberst... Du sollst sehen, was um dich herum passiert, daß das Leben überall weitergeht, daß deine hübsche Freundin mit einem anderen ausgeht, weil sie deinen Anblick nicht mehr erträgt... Du sollst genauso leiden wie Maldinis Junge, den du hinter Gitter gebracht hast und der das auch alles mit ansehen muß. Nur wird dein Gefängnis dein eigener Körper sein, Browning. Es wird keine Begnadigung wegen guter Führung für dich geben... Du wirst nicht einmal in der Lage sein, deiner jämmerlichen Existenz selbst ein Ende zu setzen!"

Der Lockenkopf ging auf Mona zu. Ein Zittern durchlief den Körper der jungen Frau. Der Gangster packte grob ihr Kinn. "Sieh ihn dir nochmal an, Baby. Du wirst ihn nicht wiedererkennen..."

Er wandte den Kopf in ihre Richtung, grinste schief und ich dachte: Das ist meine Chance. Die letzte vielleicht! Der Lauf des Magnum-Revolvers zeigte nach unten.

Ich rechnete mir nicht aus, wie schnell er ihn hochreißen und abdrücken konnte. Mit einer schnellen Bewegung griff ich hinunter zum Fußgelenk und riß den 22er heraus.

Eine zierliche Waffe. Man mußte gut zielen, wenn man eine mannstoppende Wirkung erzielen wollte. Aber in den Händen eines guten Schützen war sie ebenso tödlich wie der plumpe Magnum-Revolver meines Gegners.

Das Gesicht des Rothaarigen verzog sich. Er hatte gerade zum Schlag mit dem Baseball-Prügel ausholen wollen und hielt nun etwas irritiert inne.

Der Lockenkopf feuerte den Magnum-Revolver ab, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zielen.

Ich warf mich seitwärts, rollte auf dem Boden herum, während das gewaltige Kaliber dieser Waffe dicht neben mir in den Boden einschlug, den Belag zerfetzte und sogar noch ein faustgroßes Stück aus dem Estrich heraussprengte.

Der Schuß meines 22er folgte einen Sekundenbruchteil später und traf ihn am Oberkörper.

Die Augen des Lockenkopfs weiteten sich. Er griff sich an die Wunde. Das Blut sickerte zwischen seinen Fingern hindurch. Sein Gesicht verzerrte sich zur haßerfüllten Maske.

Er hob noch einmal die Magnum, zielte auf mich und ließ mir keine Wahl.

Mein zweiter Schuß traf ihn mitten in der Stirn. Er taumelte zurück und legte sich mit dem Rücken auf das breite Doppelbett.

Unterdessen schleuderte der Rothaarige seinen Prügel in meine Richtung. Keulenartig sauste der Baseballschläger dicht über mich hinweg und fuhr dann in eine Fensterscheibe hinein, die klirrend zu Bruch ging.

Der Rothaarige riß eine Beretta unter seiner Jacke hervor.

Ich ließ ihn nicht zum Schuß kommen. Bevor er abdrücken konnte, hatte eine Kugel meines 22er ihn in der Herzgegend getroffen.

Er machte einen unbeholfenen Schritt auf mich zu und krachte dann wie ein gefällter Baum zu Boden.

Ich atmete tief durch. Zwei Leichen in der Wohnung, das bedeutete jede Menge Probleme. Und die Schüsse hatten sicherlich Aufsehen genug in der Umgebung verursacht. Was auch immer jetzt zu geschehen hatte, es mußte schnell passieren. Und das nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei den Leichen um Maldinis Männer handelte.

Ich erhob mich, steckte den 22er ein und trat auf Mona zu, die mich mit entsetzten Augen anstarrte. Ich beugte mich zu ihr hinunter. "Es wird jetzt ein bißchen wehtun, Baby", sagte ich und zog ihr das Klebeband vom Mund.

"Jay!" stieß sie hervor. Ihre Brüste hoben sich dabei. "Jay, ich..."

Ich verschloß ihr den Mund mit einem Kuß. "Zieh dich an, Mona", sagte ich dann. "Wir müssen hier schleunigst weg..."

"Jay, diese Männer..."

"Ich werde dir alles erklären, aber nun zieh dir um Himmels Willen etwas an, damit wir endlich verschwinden können! Es geht um unser Leben..."

"Was hast du vor?"

"Dich erst mal an einen sicheren Ort bringen!"

"Aber..."

"Später, Baby!" Ich strich ihr über das Haar, dann wandte ich den Leichen einen kurzen Blick zu. Um hier aufzuräumen, blieb mir keine Zeit, denn außerdem gab es da noch ein anderes Problem: Ich fragte mich, ob die beiden Gorillas allein gewesen waren. Ich hatte zehn Jahre als Cop bei der Homicide Squad des NYPD hinter mir, bevor ich mich auf das Abenteuer einließ, mich als Private Investigator selbständig zu machen. Ein bißchen Berufserfahrung kam da also zusammen, und die sagte mir, daß in Fällen wie diesem für gewöhnlich irgendwo jemand in einem Wagen saß und darauf wartete, daß die Drecksarbeiter ihren Job erledigt hatten. Und darum mußte ich mich kümmern.

"Komm runter, wenn du fertig bist, Mona!" rief ich. "Meinen Wagen kennst du ja. Und nimm eine Waffe mit!"

Ich drehte mich nicht noch einmal um.

3

Während ich den Korridor vor meinem Wohnbüro entlangging, blickte ich seitwärts aus den Fenstern, die zur Rückseite des Brownstone-Baus hin gerichtet waren. Ich hatte freie Aussicht auf einen asphaltierten Parkplatz, auf dem einige Müllcontainer herumstanden. In manch klarer Winternacht konnte man von diesen Fenstern aus Jagd auf Ratten machen, wenn man wollte.

Ich blickte mich sorgfältig um. Aber dort unten konnte ich nichts Verdächtiges erkennen.

Meine 45er Automatik hatte ich aufgehoben, bevor ich mein Büro verlassen hatte. Ich wog sie wie prüfend in der Hand.

Dann hatte ich das Treppenhaus erreicht. Die Aufzüge waren zum hundertfünfzigsten Mal defekt, und es war die Frage, wann die Immobilienfirma, der dieses Haus gehörte, die nötigen paar Dollars dafür springen lassen würde. Drei Stockwerke wären sogar für einen Herzkranken zu schaffen gewesen. Worüber sollte ich mich also beklagen?

An die Bourbon-Flasche, die noch vor der Tür meines Büros im Flur stand, dachte ich erst, als ich schon im Erdgeschoß angelangt war.

Bevor ich die Haustür öffnete, schaute ich die 45er in meiner Faust unschlüssig an. Als könnte sie mir guten Rat erteilen: Der Kerl, den ich suchte, hatte seinen Wagen wahrscheinlich so hingestellt, daß er den Eingang immer im Auge hatte, so daß er den Motor anlassen konnte, sobald seine Komplizen nach draußen traten. Sobald jedoch ich an ihrer Stelle ins Freie trat, würde er wissen, daß seine Leute versagt hatten.

Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf und steckte die Waffe weg. Keine Sekunde mehr Zeit verlor ich: Ich hetzte die drei Stockwerke nach oben zurück und hoffte, daß Mona inzwischen fertig angezogen war. Mir war da so eine Idee gekommen...

Sie schaute mich überrascht an, als ich mit der Bourbonflasche in der Hand hereinstürmte.

Ich übersah die Waffe, die sie auf mich gerichtet hielt, weil sie ja nicht wußte, ob ich das wirklich bin, der da angerannt kam. Ich ignorierte auch, daß sie vergaß, die Waffe jetzt wieder sinken zu lassen.

Ich deutete mit dem Kinn auf die beiden Leichen. "Lockenkopf hat 'ne Menge Sauerei auf meinem Bett verursacht. Das muß alles entfernt werden. Es darf keine Spuren geben."

"Was - was hast du denn vor, Jay? Ich dachte..."

Ich unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung. "Da unten wartet ein Komplize von den beiden. Wenn er mich sieht, bevor ich ihn erreiche, ist alles zu spät. Dann wird er davonbrausen und seinem Boss melden, daß es mißlungen ist. Dann haben wir Maldini auch in Zukunft am Hals. Und das nächste Mal werden seine Häscher vielleicht mehr Glück haben."

"Und die Alternative, die dir so vorschwebt?"

Sie hatte das Geschehene erstaunlich gut verkraftet. Oder tat sie nur so? Tapferes Mädchen! dachte ich anerkennend. Aber verlangte ich nicht zuviel von ihr - dennoch?

Ich betrachtete die Flasche. Ein kräftiger Schluck vielleicht?

Nicht jetzt! rief ich mich zur Besinnung.

"Hör zu, Mona, wir haben keine Sekunde zu verlieren. Ich werde mich an den Typ dort unten heranmachen. Du wartest hier oben, bis es gelungen ist..."

"Aber wenn der jetzt schon Verdacht geschöpft hat?"

"Wie denn? Das sind Profis. Die wissen, daß Funksprechgeräte und Handys abgehört und vor allem geortet werden können. Es gibt keine Verständigung zwischen ihm und ihnen."

"Verdammt, was hast du wirklich vor?" Sie wirkte jetzt gar nicht mehr so gespielt cool wie noch vor einer halben Minute.

Ich versuchte ein Grinsen, aber es wurde anscheinend eine fürchterliche Grimasse daraus, denn sie reagierte erschrocken.

"Hör zu, Girlie: Wir haben keine Wahl mehr. Hatten wir vorher zwar auch nicht, aber jetzt geht Maldini sozusagen aufs Ganze. Er wird uns kriegen - uns beide, wohlgemerkt! - wenn wir ihm nicht zuvorkommen. Aber auf normalem Weg gibt es keinerlei Möglichkeit, an ihn heranzukommen. Da hilft nur ein wahnwitziger Plan, und den nehme ich auch nur deshalb in Angriff, weil wir wirklich keine Alternative mehr haben."

"Wahnwitziger Plan?" echote sie alarmiert, aber ich achtete nicht mehr auf sie, sondern riß den Schrank in der Ecke auf. Dort hatte ich einige Utensilien, die zur Ausstattung eines Privatdetektivs gehörten. Es war mehr als nur ein Klischee, daß man manchmal sein Äußeres verändern mußte, um Erfolg zu haben.

Zu den Utensilien gehörte natürlich auch eine Lockenperücke. Ich hatte mehr als eine davon, und ich brauchte nur die, die mich in den Lockenkopf verwandeln konnte, der tot auf meinem Bett lag. Wenigstens auf einige Yards Entfernung sollte man den Unterschied nicht erkennen dürfen.

Ich zog sie mir über den Kopf, kontrollierte kurz im Spiegel und schaute mich dann suchend um.

 

Klar, die beiden waren mit Jacken gekommen, die sie hier ausgezogen hatten.

"Welche ist die vom Lockenkopf?"

Mona deutete stumm auf die schwarze Lederjacke mit den ausgestopften Schultern und den Puffärmeln, die aus Lockenkopf eine imposante Erscheinung hatten machen sollen.

Mona sagte nichts, weil sie mich lange genug kannte, um zu wissen, daß dies jetzt sowieso nichts genutzt hätte. Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt hatte... Dabei kam ich nicht einmal im entferntesten auf die Idee, mein wahnwitziger Plan könnte schiefgehen.

Wahnwitzig? Eine nette Umschreibung für etwas, was eigentlich völlig unmöglich war!