Tiefe Geheimnisse: 3 mysteriöse Hamburg Krimis

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Hendrik M. Bekker, Alfred Bekker

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Inhaltsverzeichnis

  Tiefe Geheimnisse: 3 mysteriöse Hamburg Krimis

  Copyright

  Schrecken aus der Tiefe

  Thanatos

  Der Tote im Bett

Tiefe Geheimnisse: 3 mysteriöse Hamburg Krimis
Hendrik M. Bekker, Alfred Bekker

Dieser Band enthält folgende Geschichten:

Schrecken aus der Tiefe (Alfred Bekker)

Thanatos (Hendrik M. Bekker)

Der Tote im Bett (Hendrik M. Bekker)

Es gibt eine mysteriöse Mordserie in Hamburg, bei der es scheint, dass den Opfern sämtliche Magie entzogen wird. Doch wer vermag so etwas? Und wieso? Wieso benötigt jemand derart viel magische Energie? Und wer ist diese seltsame Frau? Rika gerät in eine Verschwörung, die sie weit über die Grenzen ihres gewöhnlichen Ermittlungsgebietes bringt.

Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Schrecken aus der Tiefe
von Alfred Bekker

Das Böse lauert tief unter der Erde... Und ein Gelehrter versucht, ihm die Stirn zu bieten. Ein Grusel-Krimi, der in Hamburg spielt.

Alfred Bekker wurde vor allem als Autor von Fantasy-Romanen und Jugendbüchern bekannt wurde. Daneben war er Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair , Kommissar X und Ren Dhark.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wie ein verwaschener Fleck stand der Mond am Himmel. Aus den Niederungen des Elbufers stiegen Nebelschwaden empor, krochen wie vielarmige Ungeheuer über die Böschungen und Deiche. Sie bildeten bizarre Formen aus, die wie Tentakel wirkten.

Professor Jörn Bender trat auf den Balkon, der direkt an der Elbe gelegenen Villa hinaus. Ein verschnörkelter, für Benders Geschmack etwas protzig wirkender Bau, der den Reichtum eines Hamburger Patrizier-Geschlechts hatte zur Schau stellen sollen. Bender hatte die Villa geerbt. Trotz seines nicht unbeträchtlichen Gehalts, das er als Inhaber eines Lehrstuhls für Archäologie an der Universität Hamburg verdiente, hätte er sich ein Anwesen in dieser Lage niemals leisten können. Bender hatte das Haus von einem reichen, aber kinderlos gebliebenen Onkel geerbt, der mit Überseegeschäften ein Vermögen gemacht hatte. Bender selbst hatte keinen ausgeprägten Erwerbssinn. Er lebte ganz und gar für seine von so manchen Kollegen bisweilen als abseitig angesehenen Studien. Studien, die nicht selten in Bereiche führten, die an der Grenze dessen lagen, wofür die moderne Wissenschaft Erklärungen zu liefern vermochte. Seine Lehrverpflichtungen an der Uni waren für ihn mehr oder minder eine lästige Pflicht. Sein wahres Leben fand in den Mauern seiner Villa statt, die bis unter das Dach mit einer großen Bibliothek gefüllt war. Tausende von teilweise sehr seltenen und wertvollen Schriften hatte der Gelehrte im Laufe der Jahre gesammelt. Tibetanische Geheimschriften waren ebenso darunter wie altägyptische Papyri oder Dokumente aus dem geheimnisvollen nubischen Reich Meroe, dessen Geheimnisse die Archäologie erst in den letzten Jahren zumindest ansatzweise entschlüsselt hatte. Bender besaß darüber hinaus zahllose okkulte und esoterische Schriften aus mehr als tausend Jahren. Die Bücher des mittelalterlichen Magiers Simón de Cartagena gehörten ebenso dazu wie mehrere äußerst seltene Ausgaben eines legendären Buchs mit dem Titel ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT, das ein österreich-ungarischer Spiritist namens Franz von Borsody um die Jahrhundertwende verfasst hatte.

Bender fuhr sich durch das wirre, schüttere Haar, das immer so aussah, als wäre es elektrisch aufgeladen. Er starrte in die Nebelschwaden. Der Schlag schwarzer Schwingen war im nächsten Moment hinter der Nebelwand zu sehen. Ein Rabe krächzte, tauchte für einen kurzen Moment aus dieser grauen Masse hervor und verschwand wenige Augenblicke später schon wieder darin. Von der Elbe her schien ihm das Nebelhorn eines Schiffs zu antworten.

Normalerweise hatte man von Benders Balkon einen phantastischen Blick auf den Fluss, aber im Augenblick war dieser Strom nichts weiter als eine vage Ahnung. Wenn man sehr genau lauschte, so konnte man das Geräusch des fließenden Wassers hören.

Kann es wahr sein, dass es dunkle Gewalten gab, die die Welt aus dem Verborgenen heraus beeinflussten, ja, vielleicht sogar beherrschten?

Bender schluckte.

Konnte das sein, dass die wohlgeordnete Welt des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts nichts weiter als eine Kulisse war, hinter der noch etwas gab, das sich dem Zugriff des menschlichen Verstandes bisher erfolgreich entzogen hatte?

Benders Augen schmerzten.

Durch Zufall war er bei der Begutachtung von magischen Schriften aus der Omajjaden-Bibliothek auf eine bislang unentdeckte Schriftrolle gestoßen, deren Verfasser vermutlich der legendäre Geisterseher und Magier Abdul von Cordoba war. Der Verfasser berichtete in seinem in formelhaftem Hocharabisch verfassten Text über ein Volk, das angeblich tief unter der Erde lebte. Einige Zeilen aus der Feder des Autors, der im Mittelalter am Hof der Omajjaden-Kalifen gelebt hatte, hallten immer wieder in Benders Bewusstsein wider.

Eines Tages wird das Volk der Tiefe zurückkehren aus der Welt jenseits des Bannkreises und dann wird es keine Macht unter dem Horizont geben, die in der Lage wäre, dem Grauen aus der Erde zu widerstehen…

Bender fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen und stattdessen in anderen alten Schriften nach weiteren Hinweisen gesucht. Aber zu vieles war im Dunkeln und Nebulösen geblieben. Es gab einige spätere Erwähnungen dieses Volkes aus der Tiefe, das Abdul von Cordoba erwähnt hatte. Kastilische Mönche hatten sich nach der Rückeroberung Spaniens damit beschäftigt, bevor die meisten von ihnen exkommuniziert und als Ketzer verbrannt worden waren.

Aber tatsächlich enthielten ihre Schriften auch kam neue Aspekte.

Die meisten hatten lediglich die Erkenntnisse Abduls in leicht veränderter Form wiedergegeben. Die Hexenjäger der Inquisition wiederum hatten sich ebenfalls mit Abduls Schriften befasst und sahen in der Erwähnung des Volkes der Tiefe nichts anderes als eine verschlüsselte Beschreibung der Hölle. Ich komme einfach nicht weiter! , durchzuckte es Bender. Alles drehte sich im Kreis.

Aus dem Nebel schälte sich für einen Moment eine dunkle, nur als Schemen erkennbar Gestalt heraus. Ein Schatten inmitten grauer Schwaden, der rasch wieder verschwand. Etwas knackte. Vielleicht ein Ast, den der Sturm aus einer Baumkrone gerissen hatte.

Da ist jemand!, dachte Bender.

Er stand wie erstarrt da.

Einige Minuten lang suchte er mit zusammengekniffenen Augen nach dem Unbekannten. Aber da war nichts. Nichts außer grauem Dunst und dem Schrei eines Raben.

2

Ganze drei Zuhörer hatte die Vorlesung von Professor Bender an diese Morgen.

Svenja Hund war einer von ihnen.

Sie hatte sich in die letzte Reihe des Hörsaals gesetzt. Offenbar hat sich da jemand bei der Raumplanung ziemlich vertan! , ging es ihr leicht amüsiert durch den Kopf. Andererseits tat ihr der Professor auch ein wenig Leid. Eine Kapazität wie er hatte es zweifellos verdient, dass mehr Studenten seinen Ausführungen lauschten.

 

Svenja hatte gerade ihr Abitur hinter sich und beabsichtigte im nächsten Semester ihr Studium in Journalistik anzufangen. Im Augenblick besuchte sie bereits die eine oder andere Veranstaltung. Dabei ging sie allerdings vollkommen ihren spontanen Neigungen nach und scherte sich nicht darum, ob das angegebene Thema auch nur das leiseste mit dem Fachbereich zu tun hatte, in dem sie in Zukunft studieren würde. Sie war durch Zufall in eine von Professor Benders Veranstaltungen geraten. Genauer gesagt hatte sie sich in der Raumnummer geirrt und war so anstatt in einem Seminar über modernes publizistisches Projektmanagement in einer Vorlesung über okkulte Lehren und Ketzerbewegungen des Mittelalters geraten. Bender wirkte zwar mit seinen elektrostatisch aufgeladenen, nach allen Seiten herumstehenden Haaren und der kleinen, dicken Nickelbrille wie ein exzentrischer Wissenschaftler, dem man ohne weiteres zutraute, in seinem heimischen Keller irgendwelche Experimente im Stil eines Dr. Frankenstein durchzuführen. Andererseits verströmte er eine sehr warme, herzliche Art und vermochte es, seine Hörerschaft auf einzigartige Weise in seinen Bann zu ziehen. Seine Fachkenntnis war bestechend. Er beherrschte Alte Sprachen im Dutzend und vermochte jede nur irgendwie für das Thema bedeutsame Quelle auswendig zu zitieren.

Aber was Svenja am meisten faszinierte war, dass er den Mut hatte, die engen Grenzen zu überschreiten, die ihm die traditionelle Wissenschaft vorschrieb.

„Ich habe Ihnen beim letzten Mal von einer Legende berichtet, von der man glaubte, sie käme aus dem Alten Reich Ägyptens“, erklärte er. Seine Augen leuchteten dabei auf eine sehr charakteristische Weise. Jede Faser seines Körpers war erfüllt von einem geradezu inbrünstigen Erkenntnisdrang, für den es keine Hindernisse zu geben schien. Auch keinen Respekt, was etablierte Lehrmeinungen anging, die Bender schon einmal mit einem Achselzucken zur Seite schob. „Sie werden sich vielleicht erinnern“, fuhr er fort. „Die Rede ist von der Legende des Volks unter der Erde. Wie ich Ihnen ja nachwies, stammt diese Geschichte ursprünglich gar nicht aus Ägypten, sondern aus Nubien und wer weiß, wer sie ursprünglich dorthin getragen hat. Ich selbst habe nie daran gezweifelt, dass es sich bei diesem ominösen Volk aus der Erde um nichts anderes als eine Legende handelt, die vielleicht ihren Ursprung in einem Stamm von Höhlenbewohnern hatte. Sie kennen die Legenden über Trolle, Gnome und Zwerge, die bis heute vor allem in Skandinavien nach wie vor lebendig geblieben sind. Aber seit unser letzten Vorlesung ist eine Woche vergangen und in dieser Zeit ist viel passiert!“

Der Professor ließ den Blick umherschweifen. Er sah Svenja einen Augenblick lang sehr durchdringend an. Es war ein prüfender Blick, der ihr unangenehm war. Gewogen und zu leucht befunden – ist das vielleicht ihr vorschnelles Urteil? fragte sich die junge Frau. Sie strich sich eine Strähne ihres langen, dunklen Haars aus dem Gesicht. Eine Geste der Verlegenheit, wie sie selbst sehr wohl wusste.

Bender fuhr fort.

„In dieser Woche ist entscheidendes Geschehen“, sagte er.

„Erstens hat sich die ohnehin schon nicht sehr zahlreiche Zuhörerschar auf die Hälfte reduziert und es stellt sich nunmehr die Frage, ob diese Veranstaltung in Zukunft noch in einem derart großen Raum stattfinden sollte…“

Allgemeine Heiterkeit erfüllte plötzlich den Raum. Die beiden anderen Studenten - zwei junge Männer – lachten.

„…und zweitens stieß ich bei der Begutachtung eines ganzen Stapels von Manuskripten aus der Omajjaden-Zeit auf ein Fragment des berühmt-berüchtigten Geistersehers und Magiers Abdul von Cordoba, der für einige Jahre am Hof des Kalifen einen außerordentlich großen Einfluss gehabt haben muss. Was hat nun ein spanischer Maure aus dem Mittelalter mit den Priestern des alten Reiches Meroe im Norden Nubiens zu tun?

Ganz einfach! Abdul schildert eine Begegnung mit dem Volk aus der Erde. Leider macht er nur ein paar Andeutungen, aber der fluchartige Schlusssatz seines Textes entspricht nahezu wörtlich jenem, der sich auch Papyri des Alten Reiches und auf den steinernen Stelen von Meroe findet!“ Bender machte eine rhetorische Pause. Er vollführte eine ruckartige Bewegung und drehte den Kopf in Richtung des Fensters. Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob er sich die Brille wieder an Ort und Stelle und atmete tief durch. In gedämpftem Tonfall sprach er weiter:

„Eines Tages wird das Volk der Tiefe zurückkehren aus der Welt jenseits des Bannkreises und dann wird es keine Macht unter dem Horizont geben, die in der Lage wäre, dem Grauen aus der Erde zu widerstehen…“

3

Die beiden jungen Männer, die der Vorlesung beigewohnt hatten, verließen nach deren Ende zügig den Raum. Ziemlich ungeniert konnte man sie auf dem Flur lachen hören. Sie machten sich über die Ausführungen des Professors lustig. Svenja Hund blieb zunächst auf ihren Platz sitzen. Bender stützte sich an seinem Pult ab. Sein Blick war nach innen gekehrt. Er wirkte abwesend. Svenja stand auf und trat auf ihn zu.

„Was Sie da eben berichtet haben…“

Sein Kopf vollführte eine ruckartige Bewegung. „Sie sind noch hier?“, wunderte er sich.

„Ja“, nickte Svenja.

„Es war ein Fehler, diese Sache mit dem Volk der Tiefe in die Vorlesung zu nehmen. Es war einfach ein dummes Missgeschick, das nicht hätte passieren dürfen. Ich bin schließlich hier engagiert, um über antike Rechtssätze zu philosophieren oder. Ach!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wissen Sie, ich tue seit Tagen nichts anderes, als über den Quellen zu brüten, die ich soeben vor Ihnen ausgebreitet habe. Nur habe ich dabei nicht bedacht, dass das offensichtlich niemanden interessiert!“

„Mich interessiert es“, sagte Svenja. „Was Sie da vorgetragen haben ist faszinierend.“

„Erschreckend“, korrigierte Bender. „Ich hoffe, dass es nicht wahr ist, denn andernfalls kommen auf unsere Welt Bedrohungen zu, von denen kein heute lebender Mensch eine Vorstellung hat.“

Er atmete schwer. „Aber Abdul von Cordoba hatte eine Vorstellung davon. Er wusste offenbar sehr genau, über welches Grauen er schrieb.“ Er verengte ein wenig die Augen. „In welchem Semester sind Sie?“, fragte er dann.

„Um ehrlich zu sein, ich bin noch gar nicht eingeschrieben. Ab dem nächsten Semester studiere ich Journalistik.“

Der Professor hob die Augenbrauen.

„Hört sich nicht gerade an, als hätte das irgendetwas mit den Dingen zu tun, die ich in meinen Vorlesungen den Studenten nahe zu bringen versuche!“

„Ich weiß…“

„Und doch sind Sie seit einiger Zeit in jeder meiner Veranstaltungen gewesen!“

„Sie beschäftigen sich oft genug mit den Grenzbereichen menschlicher Erkenntnis“, sagte Svenja. „Und das fasziniert mich.“

„Leider teilt so gut wie keiner meiner Kollegen Ihre Faszination.“

Schritte waren vom Flur her zu hören Es musste eine Frau sein, die sich auf Schuhen mit hohen, harten Absätzen dem Hörsaal näherte. Wenig später trat eine Frau in den Dreißigern ein, deren graues Kostüm gleich klarmachte dass sie keine Studentin sein konnte.

Svenja kannte sie.

Die Frau im Kostüm arbeitete in der Verwaltung, wo Svenja ihre Unterlagen eingereicht und sich einen Gasthörerschein besorgt hatte.

„Professor Bender!“, rief sie.

„Ja, was gibt es denn?“

„Da ist ein Anruf für Sie!“

Sie hob die Hand, in der sie einen portablen Telefonhörer hielt.

„Ein gewisser Herr Heinrichsen will Sie sprechen!“

„Geben Sie her!“

Bender riss ihr förmlich den Hörer aus der Hand. „Herr Heinrichsen? Sie haben was für mich?“ Anschließend sagte er nach einer kurzen Pause: „Ja, ich komme sofort. In zwanzig Minuten bin ich bei Ihnen!“ Er beendete das Gespräch und gab der Verwaltungsangestellten den Hörer zurück. „Ich danke Ihnen.“

„Sie sollten sich ein Handy anschaffen, Herr Professor!“

„Ich habe ein Handy, aber während der Vorlesung hatte ich es ausgeschaltet.“

„Ich meine ja ur! Schließlich bin ich nicht Ihre Telefonistin.“

Sie stolzierte auf ihren hochhackigen Schuhen davon. Bender wandte such mit einem verlegenen Lächeln Svenja zu. „Tut mir Leid, es war zwar interessant, mit Ihnen zu plaudern, aber ich muss jetzt dringend weg…“

„Hat es etwas mit dem Volk der Tiefe zu tun?“, fragte Svenja und folgte damit einfach einem inneren Instinkt. Was sonst hätte einen Mann wie Bender derart elektrisieren können wie die Nachricht, dass es irgendwelche neuen Erkenntnisse zu einer Sache gab, mit der er sich nun schon nächtelang befasst hatte.

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Geraten, um ehrlich zu sein.“

„Sie haben Recht. Ein Antiquar hat mir ein Manuskript angeboten, dass für meine weiteren Forschungen von entscheidender Bedeutung sein könnte… Der russische Okkultist und Parapsychologe Victor Sergejewitsch Kerimov hat sich intensiv mit dem Leben und Werk des Abdul von Cordoba befasst und war vermutlich im Besitz einiger Originalhandschriften des maurischen Magiers. Kerimov verfasste ein Kompendium des Übernatürlichen, das ohne Titel blieb und von dem nur obskure Privatdrucke existieren. Kerimov verschwand 1920 in den Revolutionswirren unter mysteriösen umständen. Seine Schriften ebenfalls. Im Zuge meiner Forschungen fand ich heraus, dass Kerimov offensichtlich auch ein Buch mit dem Titel VON DEN KREATUREN DER TIEFE verfasste, dessen russische Originalausgabe in einem Wiener Exilverlag erschienen ein soll. Ich war mir bislang nicht sicher, ob dieses Buch überhaupt existiert…“

„Und jetzt wird Ihnen angeboten!“, schloss Svenja. Bender nickte. „Genau so ist es. Unglücklicherweise werde ich das Manuskript kaum selber prüfen können.“

„Warum nicht?“

„Russisch gehört leider zu den wenigen Sprachen, die ich nicht beherrsche!“

„Ich hatte Russisch als dritte Fremdsprache auf dem Gymnasium“, sagte Svenja.

Bender schien perplex.

„Kommen Sie aus den neuen Bundesländern?“, fragte er. Die junge Frau schüttelte den Kopf. “Nein, ich habe nur die Gelegenheit ergriffen, dem Lateinunterricht auszuweichen.“

In Benders Augen leuchtete es. „In jedem anderen Fall hätte ich als begeisterter Altsprachler natürlich gesagt, dass dies ein schwerer Fehler war, aber…“

„Darf ich Sie begleiten?“, fragte Svenja. „Natürlich kann ich über die Echtheit dieses Manuskripts keine Beurteilung abgeben, aber ich denke schon, dass ich in der Lage wäre, den Inhalt zu übersetzen.“

„Es geht mir ohnehin nur um ein paar Stellen, in denen nähere Informationen über diese Welt jenseits des Bannkreises zu finden sind.“ Bender machte eine kurze Pause und fuhr sich mit der Hand durch das aufgeladene und dadurch extrem widerspenstige Haar. „Kommen Sie mit mir!“, forderte er Svenja im nächsten Moment auf.