Kugelhagel auf Sylt: Ein Kubinke Krimi

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Alfred Bekker

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Inhaltsverzeichnis

  Kugelhagel auf Sylt: Ein Kubinke Krimi

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Kugelhagel auf Sylt: Ein Kubinke Krimi
von Alfred Bekker

Harry Kubinke Roman

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Der lange Arm der Mafia reicht bis zur Urlaubsinsel Sylt.

Dort wird ein Bestseller-Autor ermordet..

Sein Name: Raimund Engelmeyer. Er schwimmt im Geld, seit er ein paar Enthüllungsbücher herausgebracht hat, die die Bestsellerliste anführen.

Eines seiner Themen: Organisierte Kriminalität.

Als man den Autor erschossen auf seinem Sylter Grundstück findet, werden die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier beauftragt, den Fall zu lösen.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jack Raymond, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Eine Villa mit fantastischem Blick auf die Nordsee - irgendwo in Strandnähe auf Sylt. Manchmal musste sich Raimund Engelmeyer kneifen, um wirklich glauben zu können, dass alles ihm gehörte. Und darüber hinaus schwamm er tatsächlich förmlich im Geld. Finanzielle Probleme kannte er nicht mehr, seit ein paar seiner etwas reißerischen journalistischen Enthüllungsbücher die Bestseller-Liste anführten. Skandale! Skandale! Skandale! Das war sein Lebenselixier. Geheime Machenschaft und Veschwörungen. Die Welt war eben schlecht, die Mächtigen sowieso und selbst der Polizei und den Behörden traute man besser nicht.

Außerdem war er zu einem gern gesehenen Dauergast in zahlreichen Talk-Shows geworden.

Ein Prominenter.

Aber das war gut so.

Prominenz zahlte sich aus.

Sie half dabei, Bücher zu verkaufen.

Engelmeyer nippte an seinem Getränk. Auf dem niedrigen Tisch befand sich ein aufgeklapptes Laptop. Engelmeyer drückte auf die Enter-Taste. Alles war sicher verschlüsselt in der Daten-Cloud. Niemand - wirklich niemand! - konnte unter normalen Umständen an die brisanten Einzelheiten seiner Recherchen heran. Dafür hatte er gesorgt. Niemand, außer Engelmeyer selbst.

Ein Geräusch ließ ihn jetzt plötzlich hochfahren.

Dann sah er den Alligator auf dem Rasen.

Das Maul war weit geöffnet.

So als würde er gähnen.

Das Reptil war ungefähr einen Meter lang und damit noch lange nicht ausgewachsen.

Raimund Engelmeyer atmete erleichtert auf.

“ Du Ausreißer!”, murmelte er. Manche Bundesländer verlangten für die Haltung gefährlicher, giftiger und sehr kräftiger Tiere, die unter Umständen Menschen gefährden konnten, auch eine charakterliche und nicht nur eine fachliche Eignung. Hatte er diese charakterliche Eignung? Er musste bei dem Gedanken grinsen.

„ Chantal?”, rief er. „Chantal, ich habe Ihnen doch gesagt, dass sie darauf achten müssen, dass Gehege richtig zu schließen, nachdem sie das Biest gefüttert haben! Chantal ...?” Keine Antwort. Engelmeyer seufzte, stand auf und ging die Treppe der Veranda herunter auf den Alligator zu.

‘ Das Biest’ - so hatte Engelmeyers Ehefrau das Tier getauft. Als sie sich kennengelernt hatten, war ‘das Biest’ kaum so lang wie Engelmeyers Unterarm gewesen. Inzwischen war es beträchtlich gewachsen. Das Haustier eines Exzentrikers und gleichzeitig eine Art Maskottchen. Engelmeyer hatte sich in den Boulevardmedien des Öfteren mit dem ‘Biest’ abbilden lassen. Schlagzeile: „Ich beiße zu wie ein Alligator - ohne Rücksicht darauf, wem das wehtut!” oder: „Engelmeyer hat keine Angst vor großen Tieren.”

Ein Werbegag.

Engelmeyer hatte früher mal eine Zeitlang in einer Werbe-Agentur in Hamburg gearbeitet und da das Public Relations-Handwerk von der Pieke auf gelernt. Und das kam ihm jetzt zugute.

In Erinnerung bleiben. Darum ging es. Wer den Leuten nicht in Erinnerung blieb, konnte nichts verkaufen: Weder ein Waschmittel, noch eine gute Idee, ein sensationelles Enthüllungsbuch oder die schmierige Wahrheit über Leute, die eigentlich dafür sorgen sollten, dass Recht und Gesetz eingehalten, anstatt mit Füßen getreten wurden.

Raimund Engelmeyer blickte zur Seite. Der Gärtnergehilfe bog mit seinem Aufsitzrasenmäher hinter einer Gruppe von Büschen hervor. Das Geräusch war Raimund Engelmeyer schon seit einer halben Stunde immer wieder auf die Nerven gegangen und hatte ihn in seiner Konzentration gestört. Der Aufsitzrasenmäher fuhr jetzt in einer geraden Linie genau auf ihn zu.

Der Alligator drehte sich jetzt zu dem Rasenmäher-Mann um und riss nun das Maul auf. Nur wenige Meter entfernt hielt dann der Rasenmäher. Der Mann auf dem Sitz zog nun eine Pistole mit Schalldämpfer hervor. Das Schussgeräusch klang dann wie ein leichtes Niesen und wurde nun vom Motor übertönt. Die ersten beiden Projektile trafen Raimund Engelmeyer. Ein Treffer in den Kopf, dann der zweite in die Brust, genau in Herzhöhe. Das weiße Hemd, das Engelmeyer trug, verfärbte sich nun blutrot. Er sackte in sich zusammen und blieb regungslos liegen. Das nächste halbe Dutzend Kugeln traf den Alligator, der inzwischen zum Angriff übergegangen war. Der Körper des Reptils zuckte unter den Treffern. Der Killer hörte erst auf zu schießen, als sich das Tier nicht mehr bewegte. Dann stellte er den Motor des Aufsitzrasenmähers aus und stieg ab. Er ging auf die Veranda zu, stieg die Stufen hoch und stand dann neben dem Tisch, auf dem sich Engelmeyers Laptop befand.

Eine Bewegung an der Tür lenkte jetzt den Killer ab. Er riss nun die Waffe hoch. Eine junge Frau mit dunklen, zu einem Knoten zusammengebundenem Haar stand ihm gegenüber und sah mit großen, angstgeweiteten Augen in die Mündung des Schalldämpfers.

2

Berlin...

„ Nur um der kompletten journalistischen Korrektheit willen“, sagte der Radiomoderator, „wir haben das aktuelle Gespräch mit Raimund Engelmeyer bereits vorgestern aufgezeichnet, hatten aber erst für heute die Erlaubnis, es auch zu senden. Manche von ihnen wissen es vielleicht aus anderer Quelle, für alle diejenigen, auf die das nicht zutrifft, weise ich nun noch einmal auf ein paar Besonderheiten in Herr Engelmeyers Umgang mit den Medien im Allgemeinen hin. Dieser Ausnahme-Enthüllungsautor, der sich auch gerne als Herr Investigator persönlich feiern lässt, besteht darauf, dass mit ihm aufgezeichneten Interviews in Radio oder Fernsehen zeitversetzt gesendet werden. Dies dient Herr Engelmeyers Sicherheit, denn es soll durch seine Medienauftritte von niemandem Rückschlüsse auf seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort geschlossen werden können. Sie können das Interview übrigens noch einmal als Podcast auf unserer Website anhören. Hier ist Ihr Daniel Moorlitz von Radio Berliner Antenne, ihrem Sender aus der Hauptstadt. Und ganz egal, bei welcher Regierungsbehörde sie auch arbeiten mögen. Sie werden heute froh sein, in einem Büro sitzen zu dürfen, denn das Wetter wird grauenhaft. Jetzt aber erst mal Musik.“

 

„ Ich kann diesen Engelmeyer nicht leiden“, sagte Rudi neben mir auf dem Beifahrersitz meines Dienst-Porsche.

„ Wieso nicht?“, fragte ich.

„ Da fragst du mich? Weil er die Polizei schlecht macht natürlich. Der trampelt auf uns herum, so dass die Leute die Polizei und uns vom BKA irgendwann für die wahren Gangster halten werden. Eine Organisation von Gewalttätern, korrupten und völlig außer Kontrolle geratenen Beamten, denen Recht und Gesetz völlig gleichgültig sind, wenn es ihnen nicht in den Kram passt!”

„ Aber in einem hat er doch Recht: Missstände müssen aufgeklärt werden, Rudi!”

Rudi seufzte. „Ja natürlich! Aber der Typ macht eine Show daraus.”

„ Er will Bücher verkaufen.”

„ Und das schafft er offenbar ja auch mit dieser Masche.”

Es regnete Bindfäden. Die Scheibenwischer meines Dienst-Porsches schafften es kaum, für freie Sicht zu sorgen, so heftig regnete es. Berlin schien an diesem Morgen von einer wahren Sintflut heimgesucht zu werden und wenn der Kerl von Radio Berlin Antenne recht hatte, dann würde uns dieses unangenehme Wetter den ganzen Tag über erhalten bleiben. Ein dauernder Wechsel zwischen heftigem und sehr heftigem Regen.

„ Vielleicht ist der eigentliche Grund dafür, dass du diesen Engelmeyer nicht leiden kannst, die Tatsache, dass er leider sehr häufig recht hatte und bei vielen der Themen direkt ins Schwarze getroffen hat, Rudi. Gerade, wenn es um die Verflechtungen zwischen dem organisierten Verbrechen, der Justiz und den Polizeibehörden ging.”

„ Da könnte was dran sein”, gab Rudi zu.

„ Schwarze Schafe gibt es überall, Rudi. Auch beim BKA. Und wir sollten froh sein, wenn jemand so etwas aufdeckt.“

„ Eins zu Null für dich, Harry.“

„ Schön, dass du das einsiehst.“

„ Das ändert aber nichts daran, dass ich den Typ einfach nicht leiden kann, Harry. Die Art, wie er auftritt … Auch jetzt wieder in dem Gespräch, das wir gerade gehört haben! Ich finde das unsympathisch.”

Rudis Haar klebte ihm am Kopf. Ich hatte ihn an der üblichen Stelle am Morgen abgeholt, aber selten war das Wetter in der Zeit seit unserer Beförderung zu BKA-Kriminalinspektoren und der damit verbundenen Versetzung von Hamburg in die Zentrale nach Berlin so mies wie heute gewesen. Rudi hatte sich in der Nähe unseres Treffpunkts untergestellt und war nur kurz durch den Regen gelaufen. Aber das hatte schon ausgereicht, um ihn anschließend wie einen begossenen Pudel aussehen zu lassen.

Musik und Werbung wechselten sich im Radio ab. Aber dann kam ein Break, der selbst für diesen Sender ziemlich abrupt war.

„ Ich unterbreche die Musik für eine wichtige Meldung”, sagte die uns inzwischen schon ziemlich vertraute Stimme von Daniel Moorlitz. „Gerade haben Sie ein Gespräch mit dem Journalisten und Buchautor Raimund Engelmeyer gehört und ich hatte Ihnen erklärt, dass dieses Gespräch eine Aufzeichnung gewesen ist, weil Herr Engelmeyer keine Rückschlüsse auf seinen jeweiligen Aufenthaltsort zulassen wollte. Und ich gebe es gerne zu, dass so mancher hier im Studio sich anschließend darüber lustig gemacht und das für eine übertriebene Maßnahme gehalten hat. Aber jetzt kommt von der Insel Sylt die Meldung, dass Raimund Engelmeyer offenbar das Opfer eines Verbrechens geworden ist. Es gibt bislang keine näheren Informationen dazu. Ein Sprecher des zuständigen Polizeidienststelle auf Sylt hat in einer sehr knappen Pressekonferenz erklärt, dass derzeit keine weiteren Informationen an die Öffentlichkeit gegeben werden, und dies mit fahndungstaktischen Erwägungen begründet. Sobald wir Näheres zu dieser Sache sagen können, werde ich die Neuigkeiten sofort an Sie weitergeben. Bleiben Sie bei uns! Hören Sie Radio Berlin Antenne und beginnen Sie den Tag im Hauptstadt gut informiert! Mein Name ist Daniel Moorlitz …”

„ Wenn das jetzt unser Fall wäre, bestünde zumindest die Chance auf einen baldige Reise nach Sylt für uns“, meinte Rudi. „Das Wetter wäre dort auf jeden Fall besser.“

“ Du meinst, es regnet und stürmt noch mehr als hier!”

“ Ha, ha!”

„ Schlechter als wir es zurzeit hier in Berlin haben, kann es wohl kaum noch werden“, gab ich zurück.

3

„ Guten Morgen, Harry! Guten Morgen, Rudi!“, begrüßte uns Dorothea Schneidermann, die Sekretärin unseres Chefs. Wir waren gerade im Hauptpräsidium eingetroffen und fanden uns nun zur Besprechung bei Herrn Jonathan D. Hoch ein, unserem Chef beim BKA in Berlin. Wie schon während unserer Hamburger Zeit war Kriminaldirektor Hoch unser direkter Vorgesetzter. In diesem Punkt hatte sich nichts geändert. Nur der Zuständigkeitsbereich hatte sich erheblich erweitert und umfasste nun gesamt Deutschland.

„ Guten Morgen, Dorothea“, sagte ich.

„ Warten Sie einen Moment!“

„ Ich dachte, Herr Hoch erwartet uns.“

„ Im Moment telefoniert er gerade. Und es muss ziemlich wichtig sein - so gut kenne ich ihn nun inzwischen bereits.“

„ Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, worum es geht?“, fragte ich.

Dorothea Schneidermann lächelte kurz und schüttelte dann den Kopf.

„ Nein, aber Herr Hoch hat mir aufgetragen, für Sie einen Flug nach Sylt zu organisieren.“

Rudi und ich wechselten einen kurzen Blick.

„ Scheint, als würde dein Wunsch nach besserem Wetter für uns schneller in Erfüllung gehen, als wir beide das für möglich gehalten hätten.“

„ Ich habe das von Anfang an für möglich gehalten, Harry.“

„ Ach, ja?“

„ Nur du nicht“, stellte Rudi klar.

Ich wandte mich noch einmal an Dorothea Schneidermann.

„ Hat unser Chef zufällig den Namen Raimund Engelmeyer erwähnt?“

„ Hat er nicht“, stellte die Sekretärin fest. „Nur Engelmeyer - ohne Raimund.”

„ Na, das kann aber kaum ein Zufall sein”, meinte Rudi.

Die Gespräche, die Herr Hoch zu führen hatte, zogen sich etwas hin. Lange genug, um in Dorothea Schneidermanns Vorzimmer noch einen Becher Kaffee zu trinken. Auch aus dieser Verzögerung konnte man seine Rückschlüsse ziehen. Die Gesprächspartner, mit denen Herr Hoch im Moment konferierte, mussten sehr wichtig sein. Vielleicht Leute aus ebenso hohen Hierarchieebenen wie die des BKA, sehr wahrscheinlich aber hochrangige Personen aus Justiz und Ermittlungsbehörden in Schleswig-Holstein.

Schließlich rief uns Kriminaldirektor Hoch dann doch noch in sein Büro.

„ Entschuldigen Sie die Verzögerung! Normalerweise würde ich ein Meeting vorher absagen oder einen Termin verlegen, wenn ich anderweitig gebunden bin. Aber in diesem Fall liegt die Sache etwas anders. Die kurzfristig angesetzten Telefonate haben mit dem Fall zu tun, dessen Aufklärung ich Ihnen gleich übertragen werde.”

„ Wir sind ganz Ohr”, sagte ich, nachdem wir uns gesetzt haben.

„ Sagt Ihnen der Name Raimund Engelmeyer etwas?”, fragte Kriminaldirektor Hoch.

„ Wir haben auf der Fahrt in den Radionachrichten von seiner Ermordung erfahren”, sagte Rudi.

„ Engelmeyer wurde gestern Nachmittag von einem bisher unbekannten Täter im Garten seiner Villa erschossen”, berichtete Kriminaldirektor Hoch. „Kurz bevor er das Manuskript seines geplanten Enthüllungsbuchs über die Machenschaften der Polizei beim Verlag abgeben wollte.”

„ Ich gehe davon aus, dass es eine Kopie davon gibt”, sagte ich.

„ Engelmeyers Laptop ist verschwunden. Niemand weiß, wo das Manuskript ist, geschweige denn, wo Engelmeyer seine Recherche-Daten aufbewahrt hat, was noch wichtiger sein dürfte. Aus den bisherigen öffentlichen Verlautbarungen ist bekannt, dass sich Engelmeyers Buch mit zahlreichen Fällen von Schlamperei, Amtsmissbrauch und Korruption bei unseren Kollegen in beschäftigen sollte. Unsere Pressesprecher hier in der Zentrale versuchen sich schon seit längerem auf den Tag X vorzubereiten, wenn das Buch im Handel ist. Wann das der Fall sein wird, steht nun natürlich in den Sternen.”

Dies war natürlich ein klassischer Fall für den Einsatz von BKA-Kriminalinspektoren wie Rudi und mich. Schließlich gab es innerhalb des LKA-Büros in Kiel mit Sicherheit eine ganze Reihe von Personen, die selbst unter Umständen ein Motiv gehabt hätten, Engelmeyer umzubringen, falls nur ein Bruchteil der Anschuldigungen in dem Ausmaß zutraf, wie Engelmeyer das in seinen Werbeauftritten in den Medien behauptet hatte. Ein paar Karrieren, die bis in unsere Reihen reichen könnten, wären sicherlich mit dem Erscheinungstag des Buches beendet gewesen. Und gegenüber der Öffentlichkeit wäre es kaum vertretbar gewesen, wenn man die Ermittlungen den Akteuren vor Ort überlassen hätte.

„ Engelmeyer hat sich tatsächlich sehr viele Feinde gemacht”, sagte Kriminaldirektor Hoch. „Und zwar nicht nur bei unseren Kollegen vom BKA und LKA, sondern wahrscheinlich noch viel mehr bei verschiedenen einflussreichen Personen innerhalb des organisierten Verbrechens. Schließlich hat er ja in der Vergangenheit immer wieder die Verflechtungen krimineller Organisationen aufgedeckt - und das kann denen kaum gefallen haben.”

„ Wie weit können wir mit dem LKA vor Ort zusammenarbeiten, ohne eventuell die Unabhängigkeit unserer eigenen Ermittlungen zu gefährden?”, fragte ich.

„ Ein heikler Punkt”, gab Kriminaldirektor Hoch zu. „Ich will es mal so zusammenfassen: Das überlasse ich ganz Ihrer Sensibilität. Ich vertraue Ihnen da voll und ganz.”

„ Danke”, sagte Rudi.

„ Ich will Ihnen aber auch sehr deutlich vor Augen halten, was passieren kann, wenn Sie sich dabei verschätzen sollten: Dann fliegt uns nämlich womöglich ganz am Ende der Fall um die Ohren. Spätestens, wenn es zu einem Prozess kommt, wird die Gegenseite eine Batterie von Anwälten auffahren, die nichts unversucht lassen werden, ein Haar in der Suppe zu finden. Und wenn auch nur der Hauch des Anscheins erweckt wird, dass Sie bei Ihren Ermittlungen eine übergroße Rücksicht auf die Kollegen, die auf Sylt tätig sind, genommen haben, dann wird das auf das BKA insgesamt zurückfallen.”

„ Dessen sind wir uns bewusst”, versuchte ich.

„ Das Problem für Sie ist: Niemand weiß bis jetzt, was Raimund Engelmeyer wirklich in seinem virtuellen Recherche-Giftschrank aufbewahrt hat und wem sein Buch hätte schaden können”, erklärte Kriminaldirektor Hoch. „Und gerade das lässt natürlich die Spekulationen nur so ins Kraut schießen.”

„ Was ist mit dem Verlag?”, fragte ich. „Die müssten doch so ein Buch normalerweise von ihren Anwälten gegenchecken lassen, um am Ende teure Verleumdungsklagen zu verhindern.”

„ Ja, das tun die auch. Ich habe vorhin mit dem Verleger persönlich gesprochen. Man weiß dort angeblich von nichts. Die rechtliche Prüfung hätte unmittelbar nach Eintreffen der MS-Datei begonnen. Übrigens sollte ein Vorabdruck in einem großen Nachrichtenmagazin erscheinen. Mit dem Chefredakteur habe ich in einer halben Stunde eine Telefonkonferenz, an der auch noch ein paar andere wichtige Leute teilnehmen werden. Und Sie können darauf wetten, dass ich vermutlich einer der wenigen Teilnehmer an dieser Konferenz sein werde, die kein Jurastudium hinter sich haben. Übrigens habe ich heute Morgen auch schon mit dem Dienststellenleiter Richard Karaman gesprochen. Er wird alles tun, um Ihre Ermittlungen zu unterstützen und ist sehr froh, dass Sie in Kürze eintreffen werden.”

Richard Karaman war der Chef des LKA in Kiel in Kiel. Wir hatten schon einmal in einem anderen Fall mit ihm zusammengearbeitet. Und auch da war es um Unregelmäßigkeiten im Rahmen von Ermittlungen gegangen.

 

„ Das heißt, Karaman wird nichts tun, um seine Leute eventuell zu decken”, stellte ich fest.

Kriminaldirektor Hoch nickte.

„ Ich denke, dass wir uns auf ihn verlassen können.” Meine nächste Frage ahnte unser Chef voraus und fuhr daher fort: „Falls Sie allerdings auch nur den geringsten Verdacht haben sollten, dass Sie eigenes Personal für die kriminaltechnischen oder gerichtsmedizinischen Untersuchungen benötigen, dann können Sie jederzeit unser Ermittlungsteam Erkennungsdienst in Quardenburg nach Sylt beordern. Dieser Fall hat oberste Prioritäten, und gegebenenfalls müssen die Kollegen aus Quardenburg dann andere Dinge erst einmal zurückstellen.”

Ich nickte.

„ Das ist gut zu wissen”, sagte ich.