Dr. Daniel Classic 66 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Daniel Classic #66
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Dr. Daniel Classic – 66 –

Wie gehetzt rannte Elke Seibold die Straße entlang – hinein in die schier undurchdringliche Finsternis. Dabei flossen wahre Sturzbäche von Tränen aus ihren Augen. Sie stolperte und fiel auf die Knie, doch sie fühlte den brennenden Schmerz kaum, als ihre Haut auf dem rauhen Asphalt aufplatzte. Mühsam rappelte sie sich wieder auf und lief weiter.

Durch den Tränenschleier vor ihren Augen sah sie die Scheinwerfer eines Autos auf sich zukommen. Das Licht blendete sie und löste einen Schwindelanfall aus. Taumelnd versuchte Elke den Straßenrand zu erreichen, doch statt dessen lief sie immer mehr zur Mitte der gewundenden Landstraße hin.

Durch ihre dunkle Kleidung konnte sie der Autofahrer erst im letzten Moment sehen. Er bremse scharf und versuchte auszuweichen, doch es war schon zu spät. Der rechte Kotflügel des Wagens erfaßte Elke und schleuderte sie zur Seite. Bewegungslos blieb sie auf der Straße liegen.

»Oh, mein Gott!« stieß der Autofahrer hervor, als er seinen Wagen zum Stehen gebracht hatte und herausgesprungen war. Er lief auf das wie tot daliegende Mädchen zu und berührte sie zögernd.

»Hallo! Können Sie mich hören?« fragte er mit bebender Stimme. Erschrocken zog er seine Hand zurück und bemerkte, daß sie feucht und klebrig war vom Blut der Verunglückten.

Mit zitternden Fingern tastete er nach ihrem Handgelenk, doch er konnte keinen Puls fühlen. Der Schock raubte ihm den letzten Funken seines Verstands. Der Mann sprang auf, rannte zu seinem Auto und fuhr los.

Minuten später erreichte er die nächste Ortschaft. Im schwachen Licht der Straßenlaternen nahm er seine blutverschmierten Hände wahr, die das Lenkrad umklammerten.

Waldsee-Klinik. 2 Kilometer.

Das Hinweisschild stach ihm ins Auge. Spontan bog er ab, raste die schmale Zufahrtsstraße entlang und hielt schließlich mit blockierenden Reifen vor dem Klinikeingang.

»Hilfe! Dr. Daniel!« schrie er, als er durch die doppelflügelige Eingangstür rannte. »Hilfe!«

Eine junge Frau, deren hellblauer Kittel die Krankenschwester verriet, eilte ihm entgegen.

»Was ist passiert?« fragte sie mit einem besorgten Blick auf seine Hände.

»Ein junges Mädchen… ich habe es angefahren…«, stammelte der Mann. »Draußen auf der Landstraße.… ein paar Kilometer von hier…« Er vergrub das Gesicht in den Händen. »O Gott, ich hatte solche Angst… ich bin davongefahren…«

Während er noch sprach, lief die Nachtschwester Irmgard Heider bereits zum Telefon und benachrichtigte die diensthabenden Sanitäter sowie Chefarzt Dr. Metzler, der heute Nachtschicht hatte.

Eine Minute später brauste der Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn los. Im selben Moment brach der Autofahrer zusammen. Der Gedanke, daß er womöglich ein junges Mädchen totgefahren hatte, war zuviel für ihn.

Schwester Irmgard hatte einige Mühe, den bewußtlosen Mann auf eine fahrbare Trage zu heben, aber schließlich war es doch geschafft. Anschließend alarmierte sie den Oberarzt Dr. Gerrit Scheibler, der Bereitschaftsdienst hatte.

Bis er in der Klinik eintraf, war der Autofahrer bereits wieder zu sich gekommen. Weinend lag er in dem Bett, in das Schwester Irmgard ihn verfrachtet hatte.

»Ich wollte das nicht«, schluchzte er verzweifelt. »Sie lief mitten auf der Straße… in

Jeans und einem dunklen Pulli… ich habe sie nicht gesehen… ich schwöre, daß ich sie nicht gesehen habe…«

Dr. Scheibler spritzte ihm ein Beruhigungsmittel und wartete, bis der Mann eingeschlafen war.

»Das wird ihn teuer zu stehen kommen«, befürchtete Schwester Irmgard. »Er hat Fahrerflucht begangen.«

»Aber er ist zu uns gekommen«, erwiderte Dr. Scheibler. »Das war wahrscheinlich das Beste, was er in diesem Fall tun konnte. Was hätte es dem Mädchen genutzt, wenn er bei ihr geblieben und auf den nächsten vorbeikommenden Autofahrer gewartet hätte? Um diese Zeit ist die Landstraße kaum befahren.«

»Er hätte sie herbringen können«, wandte die Nachtschwester ein, doch Dr. Scheibler schüttelte den Kopf.

»Noch weiß niemand, wie schlimm es das Mädchen erwischt hat. Wenn die Wirbelsäule verletzt ist, bestünde bei einem falsch durchgeführten Transport die Gefahr einer Querschnittslähmung«, meinte er.

»Im Polizeibericht wird sich das anders anhören«, vermutete Irmgard, dann seufzte sie: »Hoffentlich überlebt das Mädchen.«

*

Das blinkende Blaulicht erregte sofort die Aufmerksamkeit von Dr. Robert Daniel. Er fuhr näher an die Unfallstelle heran, dann hielt er seinen Wagen am Straßenrand an und stieg aus. Im selben Moment erkannte er den jungen Sanitäter, der gerade in den Krankenwagen springen und losfahren wollte.

»Mario! Brauchen Sie mich?« wollte er wissen.

Mario Bertoni fuhr herum, dann erkannte er Dr. Daniel und schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Doktor, der Chefarzt ist hinten.«

Dr. Daniel hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte. Die Tür des Krankenwagens schlug zu, dann brauste Mario los.

Dr. Daniel kehrte zu seinem Auto zurück und warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war schon gleich elf. Obwohl er wußte, daß der oben die Verletzte bei Dr. Wolfgang Metzler in den besten Händen war, drängte es ihn, zur Waldsee-Klinik hinauszufahren.

Spontan griff er nach dem Hörer des Autotelefons und wählte die Nummer seiner Villa. Seine Frau Manon meldete sich schon nach dem zweiten Klingeln.

»Robert!« rief sie erleichtert, als er sich zu erkennen gegeben hatte. »Allmählich habe ich mir wirklich Sorgen um dich gemacht.«

»Völlig unnötig, Liebes«, versicherte Dr. Daniel. »Der Kongreß hat sich endlos in die Länge gezogen, und jetzt… ich bin auf dem Weg zur Waldsee-Klinik. Kurz vor Steinhausen scheint es einen Unfall gegeben zu haben. Etwas Genaueres weiß ich nicht. Ich habe nur noch den Krankenwagen wegfahren sehen.«

»Du bist mal wieder unverbesserlich«, seufzte Manon. »Falls du es vergessen haben solltest: In der Waldsee-Klinik arbeiten durchweg erstklassige Ärzte, und auch wenn du dort Direktor bist, mußt du dich nicht rund um die Uhr in der Klinik aufhalten.«

»Du übertreibst maßlos«, hielt Dr. Daniel ihr entgegen. »Mit dem Direktorenposten hat das auch nichts zu tun. Es ist… ich mache mir einfach Sorgen. Vielleicht kann ich Wolfgang helfen.«

»Ist schon in Ordnung, Robert«, meinte Manon seufzend. »Ich weiß ja, daß dir diese Geschichte keine Ruhe lassen würde. Aber bitte, Liebling, denk ab und zu daran, daß du auch nur ein Mensch bist und gelegentlich ein bißchen Schlaf brauchst.«

Dr. Daniel lächelte. Die Fürsorge seiner Frau tat ihm immer wieder gut.

»Ich werde es nicht vergessen«, versprach er, verabschiedete sich sehr liebevoll von Manon und legte auf. Dann beschleunigte er den Wagen und erreichte schon wenige Minuten später die Waldsee-Klinik.

Mit langen Schritten durchquerte er die Eingangshalle und wandte sich der Notaufnahme zu. Hier war Dr. Metzler tatsächlich noch mit dem Unfallopfer beschäftigt.

»Wie sieht’s aus?« wollte Dr. Daniel wissen.

»Es geht«, urteilte der Chefarzt. »Eine schwere Gehirnerschütterung, der rechte Arm ist gebrochen, ein paar schlimme Schürf- und Schnittwunden, und etliche Prellungen. Aber angesichts der Tatsache, daß sie sich zu Fuß mit einem fahrenden Auto angelegt hat, hatte sie noch Glück. Nicht selten enden derartige Unfälle tödlich.« Erst jetzt warf er einen erstaunten Blick zurück. »Was tust du um diese Zeit eigentlich hier?«

»Ich war auf dem Ärztekongreß in München und habe auf der Heimfahrt den Krankenwagen gesehen.«

»Wenn du schon da bist, kannst du mir auch helfen«, meinte Dr. Metzler, der gerade dabei war, den Arm der Verunglückten einzugipsen.

Dr. Daniel wollte ihm gerade hilfreich zur Hand gehen, als er einen ersten Blick auf das blasse Gesicht der Patientin werfen konnte.

»Das ist ja Elke«, stieß er überrascht hervor.

»Du kennst sie?« fragte Dr. Metzler.

Dr. Daniel nickte. »Ich habe sie vor achtzehn Jahren auf die Welt geholt.«

Der Chefarzt mußte kurz lachen. »Sag mal, Robert, gibt es in Steinhausen auch zwei oder drei Einwohner, die du nicht auf die Welt geholt hast?«

»Sogar mehr als zwei oder drei«, entgegnete Dr. Daniel, dann betrachtete er das junge Mädchen nachdenklich. »Was sie um diese Zeit wohl ganz allein auf der Landstraße gemacht hat?«

»Das wirst du sie bald fragen können«, meinte Dr. Metzler. »Wenn die Wirkung des Schmerzmittels erst mal nachläßt, wird sie bestimmt aufwachen. Jetzt hilf mir bitte.« Er schwieg einen Moment, dann fügte er hinzu. »Im übrigen sind achtzehnjährige Mädchen an einem Freitag um diese Zeit nur selten zu Hause.«

Dr. Daniel schwieg dazu. Er kannte die Seibolds lange genug, um zu wissen, wie streng Elke und ihre erheblich jüngeren Geschwister erzogen wurden. Mit ihren achtzehn Jahren hatte Elke bestimmt nocht nie eine Disco von innen gesehen. Das einzige Vergnügen, das Kurt Seibold seiner ältesten Tochter jemals vergönnt hatte, war ein Theater- oder Kinobesuch in Begleitung der Eltern gewesen.

»So, das war’s«, meinte Dr. Metzler und wandte sich der eintretenden Nachtschwester zu. »Irmgard, bringen Sie die Patientin bitte auf Zimmer 12. Bis auf weiteres muß sie im abgedunkelten Zimmer liegen.« Er zögerte, dann beschloß er: »Ich werde

in regelmäßigen Abständen nach ihr sehen.«

»In Ordnung, Herr Chefarzt«, entgegnete Irmgard, dann half sie mit, die schlafende Elke in das bereitgestellte, fahrbare Bett zu heben, und rangierte dieses zur Tür hinaus in Richtung Lift.

»Irgend etwas muß da vorgefallen sein«, sinnierte Dr. Daniel.

 

»Mit Sicherheit«, stimmte Dr. Scheibler zu, der in diesem Moment die Notaufnahme betrat. »Ich kann Ihnen auch sagen, was.«

Er reichte Dr. Daniel ein Blatt, auf dem Elkes Blutwerte standen. Der Chefarzt blickte ihm über die Schulter.

»Ich glaube nicht, daß Robert das gemeint hat«, stellte er fest.

»Ganz bestimmt nicht«, bekräftigte Dr. Daniel. »Allerdings erklärt das dennoch einiges. Ich verstehe nur nicht…« Er stockte, dann sah er Dr. Metzler an. »Hast du bei der Untersuchung des Mädchens Unterleibsblutungen festgestellt?«

Der Chefarzt schüttelte den Kopf. »Nein, sonst hätte ich es dir sofort gesagt.«

Dr. Daniel überlegte einen Moment. »Ich nehme jetzt gleich eine erste Untersuchung vor. Sobald Elke zu sich kommt, werde ich eine Ultraschallaufnahme machen.«

Mit raschen Schritten eilte er auf die Station und betrat Elkes Zimmer. Das junge Mädchen schlief noch, doch das war für Dr. Daniels Untersuchung nicht mal ungünstig. Er befestigte die mitgebrachten Beinstützen links

und rechts am Krankenbett, dann zog er die Decke zurück, legte Elkes Beine in die Stützen und streifte sich Plastikhandschuhe über.

Gerade als er mit der gynäkologischen Untersuchung begann, schlug Elke die Augen auf.

»Nein!« schrie sie auf.

Unverzüglich trat Dr. Daniel neben das Bett, so daß Elke ihn sehen konnte.

»Ganz ruhig, mein Kind«, bat er in dem einfühlsamen Ton, der bei seinen Patientinnen immer so viel Vertrauen weckte. »Ich bin es nur.«

Er zog die Handschuhe aus und griff tröstend nach Elkes Hand. »Du hattest einen Unfall. Kannst du dich daran erinnern?«

Aus weit aufgerissenen Augen starrte Elke den Arzt an, dann nickte sie langsam. »Das Licht… mir war so schwindlig… und dann… mein Arm tat schrecklich weh… und mein Kopf… ich mußte mich übergeben.« Sie blinzelte ein wenig. »Der Mann… er hat mich in den Arm gestochen…«

Dr. Daniel nickte. »Das war Dr. Metzler. Er hat dir eine Spritze gegen die Schmerzen gegeben.« Er schwieg kurz. »Du bist jetzt in der Waldsee-Klinik, Elke, und ich war gerade dabei, dich zu untersuchen.« Wieder machte er eine kurze Pause. »Weißt du, was mit dir los ist?«

Mit einem Schlag war die Erinnerung wieder da. Elke begann hilflos zu schluchzen.

»Vati… er bringt mich um…«

»Nein, Elke, das wird er sicher nicht tun«, entgegnete Dr. Daniel beruhigend. »Er wird froh sein, daß du am Leben bist. Alles weitere wird sich finden.« Er stand auf. »Ich muß dich jetzt untersuchen, Kind. Versuch dich zu

entspannen. Es wird nicht weh tun.«

Doch Elke hielt seine Hand krampfhaft fest.

»Machen Sie es weg«, flehte sie. »Bitte, Herr Doktor, machen Sie es weg… Jetzt gleich.«

Dr. Daniel schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß das der richtige Weg wäre. Im Moment mag dir eine Abtreibung als Lösung erscheinen, aber ich bin sicher, daß du ein Leben lang darunter leiden würdest.« Er sah das junge Mädchen an. »Wann hattest du zuletzt deine Tage?«

»Vor… vor drei Monaten…« Sie schluchzte auf. »Eine Woche, bevor ich in Urlaub gefahren bin… es war … mein erster Urlaub, den ich allein… ohne meine Eltern… na ja, ein richtiger Urlaub war es eigentlich gar nicht… ich durfte meine Brieffreundin besuchen… im Schwarzwald…« Unaufhaltsam strömten die Tränen aus ihren Augen. »Er war so nett… und so fröhlich.«

»Und du hast dich auf den ersten Blick in ihn verliebt«, vermutete Dr. Daniel.

Elke nickte unter Tränen. »Als er mich küßte… ich hatte das Gefühl, ich würde schweben.« Sie vergrub das Gesicht in den Händen. »Er hat gesagt, daß er mich liebt… aber es war gelogen. Am nächsten Morgen war er nicht mehr da…«

Dr. Daniel nickte. So ähnlich hatte er sich das schon vorgestellt, und es war für ihn nicht verwunderlich, daß ausgerechnet Elke so etwas passiert war. Ihr übermäßig strenger Vater hatte sie dermaßen vor der Umwelt abgeschirmt, daß sie gar nicht auf den Gedanken gekommen wäre, jemand könnte es nicht ehrlich mit ihr meinen. Sie war auf den erstbesten Mann hereingefallen, der ihr süße Worte der Liebe und Zärtlichkeit ins Ohr geflüstert hatte. Unerfahren, wie sie gewesen war, hatte sie sich mit ihm eingelassen, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken.

»Wir werden eine Lösung finden«, versprach Dr. Daniel. »Keine Angst, Elke, jetzt bist du mit deinem Problem nicht mehr allein.«

*

»Du wirst diesen Menschen nicht mitbringen!« befahl Gräfin Henriette von Gehrau nachdrücklich.

Ihre Tochter Sarina kochte

mal wieder vor Wut. »Dieser ›Mensch‹, wie du ihn zu bezeichnen beliebst, ist mein Freund, und vielleicht wird er in Kürze auch mein Ehemann sein…«

»Das werde ich zu verhindern wissen!« fiel die Gräfin ihr ins Wort. »Auf Gut Gehrau dulde ich keinen…«

»Auf Gut Gehrau pfeife ich!« unterbrach Sarina ihre Mutter ärgerlich, dann legte sie den Hörer auf.

Das waren zweifellos die angenehmen Seiten des Telefons. Wenn man ein Gespräch nicht weiterführen wollte, konnte man auflegen.

»Glaubst du wirklich, deine Mutter wird sich so einfach abwimmeln lassen?« fragte ihre Kollegin Gabi Meindl, die das Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter zwangsläufig mitbekommen hatte. Natürlich hatte sie nur Sarinas Antworten gehört, sie kannte Gräfin Henriette mittlerweile gut genug, um sich ihre Reaktion ausmalen zu können.

»Ich will sie gar nicht abwimmeln«, stellte Sarina richtig. »Ich will ihr nur begreiflich machen, daß Rainer kein Mensch zweiter Klasse ist, nur weil er nicht aus Adelskreisen stammt. Im übrigen steht mein Entschluß fest. Ich gehe entweder mit Rainer zur Verlobung meines Bruders oder gar nicht.«

»Sind wir heute schon fertig?«

Die unerwartete Stimme von Dr. Robert Daniel ließ die beiden jungen Frauen erschrocken herumfahren. Über der Aufregung, die Gräfin Henriettes Anruf mit sich gebracht hatte, hatten sie ihren Chef total vergessen.

»Nein, Herr Doktor, entschuldigen Sie«, entgegnete Sarina rasch. »Ich werde die nächste Patientin gleich zu Ihnen bringen.«

Doch Dr. Daniel hielt seine sonst sehr tüchtige Sprechstundenhilfe zurück. »Was ist denn passiert, Fräulein Sarina? Sie sind ja völlig durcheinander.«

Sarina seufzte. »Es ist nichts, Herr Doktor, nur… meine Mutter hat gerade angerufen.«

Das war auch für Dr. Daniel vielsagend. Schon vor längerer Zeit hatte er das zweifelhafte Vergnügen gehabt, Gräfin Henriette kennenzulernen.

»Gibt es denn immer noch Diskussionen über Ihre Tätigkeit hier in der Praxis?« fragte er, weil er wußte, daß Sarinas Stellung bei einem Frauenarzt für die Gräfin von Anfang an ein Stein des Anstoßes gewesen war.

Aber Sarina schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Doktor, darum geht es ausnahmsweise nicht, was allerdings nicht heißen soll, daß das Thema erledigt wäre. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit bekomme ich von meiner Mutter zu hören, es würde sich für eine Komtesse nicht ziemen, bei einem Arzt zu arbeiten… noch dazu bei einem Frauenarzt.« Sie winkte ab. »Das berührt mich schon gar nicht mehr.«

»Was ist es denn?« hakte Dr. Daniel nach. »Oder möchten Sie nicht darüber sprechen?«

»Doch, aber… im Wartezimmer sitzen noch drei Patientinnen, und es ist schon…«

»Für Sie nehme ich mir immer Zeit, Fräulein Sarina, das wissen Sie doch«, fiel Dr. Daniel ihr sanft ins Wort, dann sah er auch Gabi an. »Sie beide sind es, die die Praxis in Schwung halten, daher ist es nur recht und billig, wenn ich mich auch Ihrer Sorgen annehme.« Sein Blick wanderte wieder zu Sarina. »Also, was ist los?«

»Mein Bruder verlobt sich am Freitag mit Komtesse Belinda Hagenbroich«, antwortete Sarina. »Natürlich versammelt sich da wieder mal der gesamte Adel auf Gut Gehrau, und nun ist meine Mutter der Meinung, Rainer würde dort nicht hinpassen. Er entstammt keinem Adelsgeschlecht und ist nur Assistenzarzt.« Sarina machte eine heftige Handbewegung. »Wenn meine Mutter so spricht, würde ich sie am liebsten so lange schütteln, bis ihr ganzes Gräfinnengetue von ihr abfallen würde.«

Dr. Daniel mußte schmunzeln. »Ich glaube, da müßten Sie sehr lange schütteln, Fräulein Sarina. Ihre Mutter ist durch und durch blaublütig, daran werden Sie nichts mehr ändern können.« Er wurde ernst. »Was sagt Ihr Vater zu dieser Sache?«

Ein zärtliches Lächeln erschien auf Sarinas Gesicht. »Sie kennen doch Paps. Er konnte diesen ganzen hochgestochenen Adel noch nie ausstehen, und er liebt Rainer, als wäre er sein Sohn. Allerdings nutzt uns das herzlich wenig, denn auf Gut Gehrau hat mein Vater nur sehr selten das letzte Wort.«

Das konnte sich Dr. Daniel auch vorstellen, da er den gutmütigen Graf Bernhard bereits kennengelernt hatte.

»Ich habe meiner Mutter jedenfalls klipp und klar gesagt, daß ich nur mit Rainer zu dieser Verlobung komme oder gar nicht«, fügte Sarina entschlossen hinzu.

Dr. Daniel nickte. »Das hatte ich mir schon gedacht.«

Prüfend sah Sarina ihn an. »Halten Sie das für falsch?«

»Nein, Fräulein Sarina, natürlich nicht«, betonte Dr. Daniel. »Ich finde es gut, daß Sie zu Ihrer Liebe stehen. Würden Sie es nicht tun, wäre sie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Im übrigen halte ich Dr. Köhler für einen Mann, mit dem man sich auch in adligen Kreisen sehen lassen kann. Er würde sich mit Sicherheit nicht danebenbenehmen.«

Sarina lächelte.

»Danke, Herr Doktor. Ihre Worte haben mir sehr gutgetan. Jetzt habe ich erst recht den Mut, mich gegen meine Mutter zu stellen.«

Da mußte Dr. Daniel schmunzeln. »So, wie ich Sie kenne, hatten Sie diesen Mut schon immer. Schade, daß Ihre Mutter nicht zu schätzen weiß, was für eine großartige Tochter sie hat.«

*

»Es ist unzumutbar!« stieß Gräfin Henriette hervor und preßte die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen. »Ich glaube, ich bekomme wieder meine Migräne.«

Graf Bernhard beugte sich tiefer über seinen Teller, damit seine Augen nicht preisgeben konnten, was er dachte.

»Bernhard! Nun sag doch auch etwas!« forderte seine Frau ihn auf.

»Worüber?« fragte Graf Bernhard mit Unschuldsmiene. »Über deine Migräne?« Rasch fügte er hinzu: »Vielleicht solltest du dich hinlegen!«

»Unsinn!« brauste die Gräfin auf. »Ich spreche nicht von meiner Migräne, sondern von deiner mißratenen Tochter.«

Unwillkürlich mußte der Graf schmunzeln. Wenn es mit Sarina Probleme gab, war sie grundsätzlich seine Tochter. In den vergangenen Jahren war sie meistens seine Tochter gewesen, allerdings war Graf Bernhard auch sehr stolz darauf. Er fand Sarinas Einstellung zum Leben goldrichtig, und er freute sich, daß sie in ihrem Beruf so gut war. Graf Bernhard hielt sich zeitweilig in Steinhausen auf und traf sich bei solchen Gelegenheiten gern mit Dr. Daniel – überwiegend, um Gutes über seine Tochter zu hören, und mit Lob sparte der Arzt meistens nicht. »Was hat Sarina denn diesmal verbrochen?« wollte Graf Bernhard wissen.

»Du nimmst diese Probleme nicht ernst!« hielt Henriette ihm vor. »Sarina ist im Begriff, völlig ins bürgerliche Milieu abzugleiten. Sie ist eine Komtesse, das sollte sie niemals vergessen.«

Bedächtig strich der Graf über seinen gepflegten eisgrauen Bart. »Ich glaube, das möchte sie sogar sehr gern vergessen.«

»Bernhard!« Gräfin Henriette war sichtlich entsetzt. »Wie kannst du nur so sprechen?« Verzweifelt rang sie die Hände. »Wenn Sarina doch nur ein kleines bißchen nach mir käme! Aber nein, alles hat sie von dir! Du mischst dich ja auch zu gern unter das einfache Volk.« Tadelnd schüttelte sie den Kopf. »Du solltest dir an deinem Bruder ein Beispiel nehmen. Gero weiß den Stand, in den er hineingeboren wurde, zu schätzen.«

»Richtig«, stimmte Graf Bernhard ihr trocken zu. »Gero ist so steif wie ein Spazierstock. So wie er möchte ich tatsächlich nicht sein.«

Gräfin Henriette seufzte abgrundtief, aber sie sah ein, daß sie ihren Mann wohl nicht mehr ändern würde. Anders sah es da schon mit Sarina aus. Sie war noch jung.

»Stell dir vor, Sarina will diesen hergelaufenen Assistenzarzt zu Harros Verlobung mitbringen«, erzählte sie entsetzt.

Graf Bernhard lächelte erfreut. Er mochte den jungen Rainer Köhler, mit dem man sich so hervorragend unterhalten konnte.

»Das ist aber schön«, urteilte er. »Da habe ich dann wenigstens jemanden, mit dem ich reden kann. Henriette, dieser junge Mann ist…«

»Er ist Assistenzarzt«, wiederholte die Gräfin in einem Tonfall, als wäre das etwas Unanständiges.

Gelassen zuckte der Graf die Schultern. »Na und? Jeder Professor hat mal als Assistenzarzt angefangen.«

 

Henriette preßte wieder ihre Fingerspitzen gegen die Schläfen. »Bitte, Bernhard, erspare mir diese Einzelheiten.« Sie seufzte erneut. »Stell dir doch nur vor – Fürst Guido von Lichtenfels wird anwesend sein, die Fürstenfamilie von Hohenstein… soll ich da vielleicht hingehen und einen Dr. Rainer Kühler vorstellen?« Sie runzelte die Stirn. »Vorausgesetzt, er ist überhaupt schon Doktor.«

Entschlossen stand Graf Bernhard auf. »Sei mir nicht böse, Henriette, aber du machst dir Gedanken um Dinge, die wirklich nichts zur Sache tun. Fürst Guido hat eine Bürgerliche zur Frau genommen. Ich glaube nicht, daß er an Rainer Köhler Anstoß nehmen wird, und Prinz Klaus von Hohenstein ist ebenfalls mit einer Bürgerlichen verheiratet – auch wenn sein Vater das noch immer nicht ganz verschmerzt hat, aber der gute Fürst Adalbert hat ja auch einen Sprung in der Schüssel, wie man so schön sagt.«

Entsetzt starrte die Gräfin ihn an. »Bernhard! Was benutzt du nur für Ausdrücke?«

Der Graf grinste. »Das ist heutzutage ›in‹. Weißt du das nicht?«

Gräfin Henriette fühlte sich einer Ohnmacht nahe.

»Womit habe ich das nur verdient«, stöhnte sie, dann klingelte sie nach dem Butler. »Veranlassen Sie, daß Emil in fünf Minuten den Wagen vorfährt.«

Der Butler verbeugte sich. »Sehr wohl, Fräu Gräfin.«

Auf die Sekunde genau fünf Minuten später war Henriette unterwegs zu ihrem Hausarzt.

Wie immer mußte sie bei Dr. Hubert Freiherr von Staufenhain nicht lange warten.

»Nun, liebe Gräfin, was führt Sie zu mir?« fragte der Arzt und begleitete Henriette fürsorglich zu einem der bequemen Sessel, die in seinem Sprechzimmer standen. Überhaupt wirkte der ganze Raum eher, als würde er zu einem Schloß, nicht aber zu einer Arztpraxis gehören.

»Herr Doktor, ich fühle mich gar nicht gut«, klagte Gräfin Henriette.

Dr. Staufenhain ahnte schon, was kommen würde. Im Grunde fehlte Gräfin Henriette nichts, sie wußte mit ihrem Leben nur mal wieder nichts Rechtes anzufangen.

»Meine Migräneanfälle häufen sich«, fuhr Henriette fort und griff dabei vielsagend an ihre Schläfen. »Seit ein paar Nächten kann ich auch nicht mehr schlafen.«

Sie hat zu wenig zu tun, dachte Dr. Staufenhain, sprach es aber selbstverständlich nicht aus.

»Machen Sie denn die Spaziergänge, zu denen ich Ihnen geraten habe?« erkundigte er sich statt dessen.

»Ja«, antwortete Henriette, schränkte dann aber ein: »Gelegentlich.«

Dr. Staufenhain betrachtete die Eintragungen auf Henriettes Krankenblatt. Abgesehen von ein paar grippalen Infekten war sie überwiegend wegen eingebildeter Krankheiten bei ihm gewesen. Einzig ihre Rückenschmerzen waren wirklich vorhanden, doch auch die hatten ihre Ursache einzig im Lebenswandel der Gräfin. Sie bewegte sich zu wenig, aber Dr. Staufenhain wußte, daß es keinen Sinn haben würde, ihr das zu erklären. Er hatte es unzählige Male versucht – ohne Erfolg.

»Nun, liebe Gräfin, vielleicht sollten Sie sich mal mit dem Gedanken an eine Kur beschäftigen«, riet Dr. Staufenhain schließlich. »In Bad Kissingen gibt es eine Einrichtung, die für Sie wie geschaffen wäre. Ein exklusives Haus, das von einem namhaften Professor geleitet wird.«

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