Butler Parker Classic 60 – KriminalromanText

Aus der Reihe: Butler Parker Classic #60
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Butler Parker Classic – 60 –

»Besuch um diese Zeit?« Mißtrauisch blickte Agatha Simpson von der Pralinenschachtel auf, die noch eben ihre volle Aufmerksamkeit beansprucht hatte.

»Falls Mylady keine Einwände erheben, würde man sich zur Haustür begeben und nachsehen, wer geläutet hat«, bot Josuah Parker an.

»Aber lassen Sie niemand herein, Mister Parker«, wies die ältere Dame ihn an. »Ich möchte noch ein Stündchen meine Ruhe haben.«

»Selbstverständlich wird man bemüht sein, Myladys Wünschen in vollem Umfang gerecht zu werden«, versicherte der Butler und lenkte würdevoll seine Schritte in Richtung Haustür.

Der Mann mit dem glatten, undurchdringlichen Gesicht eines professionellen Pokerspielers erinnerte äußerlich an einen hochherrschaftlichen Butler des 19. Jahrhunderts. Aber auch seine Umgangsformen und seine Höflichkeit schienen aus vergangenen Zeiten zu stammen.

»Es handelte sich lediglich um den Briefboten«, meldete Parker, als er gleich darauf in den Salon zurückkehrte. Auf dem silbernen Tablett, das er in der Hand hielt, lag ein großer, weißer Umschlag aus luxuriösem Büttenpapier.

»Wer schreibt mir?« wollte die Hausherrin neugierig wissen. Wunschgemäß drehte der Butler den Brief um. Der Absender war nicht – wie Myladys Anschrift – mit der Hand geschrieben, sondern in altertümlich verschnörkelten Buchstaben gedruckt.

»Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte«, las Parker vor. Die Straße, in der diese Gesellschaft ihren Sitz hatte, lag im piekfeinen Londoner Stadtviertel Chelsea.

»Was für eine Gesellschaft?« fragte Agatha Simpson überrascht.

»Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte«, wiederholte Parker.

»Außersinnliche Kontakte?« Die ältere Dame runzelte die Stirn. »Bitte öffnen Sie den Brief, Mister Parker, und lesen Sie vor, was diese komische Gesellschaft mir mitzuteilen hat.«

»Wie Mylady wünschen.« Parker setzte das Tablett ab, nahm den vergoldeten Brieföffner zur Hand und schlitzte den Umschlag auf. Er enthielt lediglich eine gedruckte Einladungskarte. Allerdings ließ schon die aufwendige Aufmachung – goldgeprägte Lettern auf dunkelblauem Samt – ahnen, daß die »Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte« keine arme Gesellschaft war.

»Hochverehrte Damen und Herren!« las der Butler vor. »Die schwierigen Zeiten, in denen unsere Nation steht, sind auch an den Spitzen der britischen Gesellschaft nicht spurlos vorübergegangen. Gerade Menschen, die erhöhte Verantwortung tragen, fragen sich tagtäglich, was die Zukunft in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht bringen mag.«

»Das kann ich wirklich nur bestätigen«, unterbrach die Hausherrin. »Lesen Sie bitte weiter, Mister Parker.«

»Wer möchte da nicht die Fähigkeiten eines Hellsehers besitzen!« fuhr der Butler fort, aus der Einladung zu zitieren. »Sie, hochverehrte Damen und Herren, gehören zu den Auserwählten, die in die Zukunft sehen können, wenn Sie nur wollen.«

»Das stimmt!« bestätigte Lady Agatha sichtlich geschmeichelt. »Der Absender scheint mich zu kennen.«

»Der Text ist aber noch nicht zu Ende, falls man sich diesen kleinen Hinweis erlauben darf«, wandte Parker ein und las weiter vor: »Wir schätzen uns überglücklich, Ihnen gegen einen bescheidenen Unkostenbeitrag bieten zu können, was normalen Sterblichen verwehrt ist. Sie haben die einmalige Gelegenheit, einen der größten Seher unseres Jahrhunderts über Ihr persönliches Schicksal zu befragen. Giancarlo Augurelli, der von dem begnadeten Hanussen in der Stunde seines Todes in alle Geheimnisse des Übersinnlichen eingeweiht wurde, weilt für kurze Zeit in London.«

»Wer ist für kurze Zeit in London?« fragte Lady Agatha, die einen Moment nicht zugehört hatte.

»Ein gewisser Mister Augurelli, der angeblich über die Fähigkeit verfügt, in die Zukunft zu sehen«, gab der Butler Auskunft. »Die Gesellschaft schreibt auch noch, daß Mister Augurelli bereit sei, Gespräche mit verstorbenen Angehörigen zu vermitteln.«

»Wirklich?« fragte Lady Agatha gedehnt und schob sich die letzten beiden Pralinen gleichzeitig in den Mund, »Wie macht er das?«

»Bedauerlicherweise ist meiner Wenigkeit kein Verfahren bekannt, das es erlauben würde, mit Verblichenen in Kontakt zu treten«, entgegnete Parker.

»Wahrscheinlich ist es auch besser, die Toten ruhen zu lassen«, stimmte Mylady zu. »Aber was dieser – wie hieß er noch, Mister Parker?«

»Mylady geruhen offensichtlich, Mister Augurelli zu meinen«, half der Butler nach.

»Richtig, Gaurunelli! Das wollte ich doch sagen ...«, behauptete die Dame des Hauses. »Also – was dieser Raugunelli über meine wirtschaftliche Zukunft zu sagen hat, werde ich mir auf jeden Fall anhören. Gerade als alleinstehende Dame muß man heutzutage umfassend orientiert sein, damit man nicht irgendwann mittellos dasteht.«

Jeder andere als Josuah Parker hätte über Myladys Befürchtungen gelächelt, denn ihr Vermögen war ebenso unermeßlich wie ihr Geiz. Aber auf dem glatten Gesicht des Butlers zeigte sich keine Regung.

»Mylady beabsichtigen, Mister Rander zu entlassen und sich eines anderen Vermögensberaters zu bedienen?« erkundigte er sich gelassen.

»Das habe ich damit nicht gesagt«, entgegnete die passionierte Detektivin. »Aber man sollte sich immer aller Informationen bedienen, die einem Menschen zugänglich sind.«

»Mylady haben mit dieser Feststellung mitten ins Schwarze getroffen, falls man sich einmal dieser volkstümlichen Ausdrucksweise bedienen darf«, kommentierte Parker höflich. »Auch meine bescheidene Wenigkeit ist stets bemüht, nach dieser Maxime zu leben.«

»Daß Sie sich darum bemühen, Mister Parker, will ich Ihnen ja zugestehen«, räumte Mylady großzügig ein. »Aber im Ernstfall fehlt es Ihnen dann doch an Erfahrung und Urteilsvermögen. Einer Detektivin meines Ranges werden Sie kaum das Wasser reichen können.«

»Nie würde meine Wenigkeit es wagen, dieser Äußerung zu widersprechen«, versicherte Parker durchaus wahrheitsgemäß.

»Und wann hält dieser Mister Pirelli seinen Vortrag?« kam die Hausherrin zum Thema zurück.

»Soweit der Einladung zu entnehmen ist, handelt es sich nicht um einen Vortrag, sondern um eine Séance«, wandte der Butler ein.

»Eine was?« fragte Agatha Simpson entgeistert.

»Eine Séance ist eine spiritistische Sitzung, falls man sich diesen Hinweis erlauben darf«, gab Parker Auskunft.

»Sie tun gerade so, als ob mir das nicht bekannt wäre, Mister Parker!« entgegnete die Hausherrin entrüstet. »Natürlich weiß ich, was eine Melange ist! Ich habe Sie nur nicht verstanden, weil Sie so undeutlich gesprochen haben.«

»Man bittet Mylady in aller Form um Vergebung für diese phonetische Nachlässigkeit«, erklärte der Butler. »Man wird sich in Zukunft einer noch klareren Aussprache befleißigen.«

»Und was verstehe ich unter einer spiritistischen Sitzung, Mister Parker?« wollte die Detektivin wissen.

»Mylady denken vermutlich an eine Zusammenkunft, die dazu dient, Geister zu beschwören«, antwortete Parker.

»Genau das ist es«, bestätigte Lady Agatha. »Wann findet diese Geisterbeschwörung statt, Mister Parker?«

»Morgen abend um zehn Uhr, soweit man der Einladung Glauben schenken darf«, informierte der Butler die Lady.

»Dann sorgen Sie dafür, daß mein Wagen rechtzeitig startklar ist, Mister Parker«, befahl die ältere Dame. »Dieses Ereignis werde ich mir nicht entgehen lassen.«

*

Als Parker sein hochbeiniges Monstrum vor dem Sitz der »Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte« ausrollen ließ, war es 22.30 Uhr vorbei. Mylady hatte für die kleine Verspätung gesorgt, weil die Auswahl der passenden Garderobe doch eine gewisse Zeit in Anspruch nahm.

Schließlich hatte sie sich nach langem Hin und Her für das rustikale Tweedkostüm entschieden, das ihre beängstigende Körperfülle noch am sichersten zu bändigen wußte. Dazu passend trug Mylady derbe Schnürschuhe mit zünftigen Profilsohlen und eine Kopfbedeckung, die sie hartnäckig als Hut zu bezeichnen pflegte, obwohl das Gebilde eher einem gründlich mißratenen Napfkuchen ähnelte, in dem zwei stählerne Bratspieße steckten.

»Ohne mich wird er ja wohl nicht anfangen«, meinte Agatha Simpson zuversichtlich, während sie ächzend und mit Parkers unauffälliger Hilfe ihre wogende Fülle durch die Autotür ins Freie bugsierte.

Die in klassizistischem Stil errichtete Gründervilla machte einen düsteren Eindruck. Nur das Portal mit den marmornen Stufen war schwach beleuchtet. Parker registrierte nur wenige repräsentative Fahrzeuge vor dem Haus. Die Einladung schien an einen kleinen, erlauchten Kreis ergangen zu sein.

Ein Diener in dunkelblauer Livree öffnete ihnen die Tür und geleitete sie in die Eingangshalle, wo ein zweiter Mann Mylady mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte. Er war ähnlich gewandet wie Parker, balancierte aber einen beeindruckenden Bauch vor sich her und schien mindestens zehn Jahre jünger.

»Die Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte ist überglücklich, Sie an diesem Abend begrüßen zu dürfen, Mylady«, versicherte er. »Darf ich Sie höflich darauf aufmerksam machen, daß der Meister gerade mit seinen ersten Demonstrationen beginnen will? Ich würde Sie deshalb bitten, mir unverzüglich in den Sitzungsraum zu folgen.«

Er ging schon voran, und Mylady folgte ihm. Doch als auch Parker sich anschloß, hob der Mann mit einer abwehrenden Geste die Hände. »Dienstboten haben zu den Sitzungen keinen Zutritt«, erklärte er, an Mylady gewandt. »Sie verstehen: die Diskretion!«

»Natürlich«, stimmte Agatha Simpson spontan zu. »Mister Parker, Sie dürfen hier auf mich warten.«

 

»Wie Mylady wünschen«, sagte der Butler mit einer steifen Verbeugung. Während seine Herrin und der Mann im Covercoat hinter einer schweren Mahagonitür verschwanden, drehte Parker gemessenen Schrittes eine kleine Runde durch die weitläufige Eingangshalle. Der Diener hatte neben der Haustür Posten bezogen und würdigte ihn keines Blickes.

Parker hatte seine kurze Inspektion noch nicht beendet, als die Mahagonitür wieder geöffnet wurde und der schwarzgekleidete Mann heraustrat. »Sie können dort auf Ihre Herrin warten«, erklärte er und zeigte auf eine Bank in der Nähe der Haustür.

»Meine bescheidene Person würde es vorziehen, sich ein wenig im Haus umzusehen, falls man diesen Wunsch äußern darf«, entgegnete Parker.

»Im Haus umsehen?« Der Mann sah Parker ungläubig an. »Das geht nicht. Außerdem gibt es hier auch gar nichts zu sehen.«

»Man darf doch wohl von der Annahme ausgehen, daß Ihre geschätzte Gesellschaft über eine Bibliothek mit einschlägiger Fachliteratur verfügt«, gab Parker zur Antwort. »Auch Angehörige der dienenden Stände sollten keine Gelegenheit verstreichen lassen, sich weiterzubilden.«

»Schön und gut – aber wir sind erst vor kurzem in dieses Haus eingezogen«, entgegnete der Mann mürrisch. »Die Bibliothek befindet sich noch an einer anderen Stelle.«

»Ein Umstand, den meine Wenigkeit außerordentlich bedauert«, versicherte Parker. »Dann wird man die Gelegenheit wahrnehmen, ein wenig die eindrucksvolle Architektur dieses Gebäudes zu studieren.«

»Was wollen Sie?« fragte der Mann ärgerlich. »Architektur studieren? Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Setzen Sie sich brav auf die Bank und warten Sie, bis Ihre Herrin wiederkommt. Sonst zwingen Sie mich noch, ungemütlich zu werden!«

Wenn der Mann geglaubt hatte, Parker durch diese Drohung einschüchtern zu können, sah er sich gründlich getäuscht. Als habe er nichts gehört, schritt der Butler zu der breiten Treppe, die ins Obergeschoß führte. Gerade wollte er die rote Absperrkordel aushaken, da platzte dem Mann der Kragen.

»Halt!« rief er und stürmte hinter dem Butler her, so schnell sein hinderlicher Bauch dies erlaubte. »Jetzt ist aber Schluß!«

Aus den Augenwinkeln registrierte Parker, wie der Mann im Laufen eine Stahlrute zog. Der blitzschnelle Schlag, den er mit diesem gefährlichen Instrument ausführte, saß präzise. Allerdings hatte der Angreifer nicht einkalkuliert, daß Parkers schwarzer Bowler, den manche Zeitgenossen auch »Melone« nannten, mit solidem Stahlblech gefüttert war.

Beim Aufschlag auf diesen unvermutet widerstandsfähigen Untergrund federte die Rute derart heftig zurück, daß der Mann vor Schmerz jaulte wie ein getretener Hund. Jammernd ließ er die Schlagwaffe fallen und musterte wütend die schmerzende Hand.

»Unbesonnenheit war noch selten ein guter Ratgeber, falls man sich diese Anmerkung erlauben darf«, belehrte der Butler ihn und rückte seinen Bowler zurecht, der nur etwas verrutscht war.

Doch der Mann war – noch – nicht bereit, Parkers wohlgemeinte Lehren anzunehmen. Im Gegenteil! Mit Schaum vor dem Mund stierte er den Butler haßerfüllt an. Dann bückte er sich überraschend, um die am Boden liegende Waffe wieder in die Hand zu bekommen.

Parker, der mit dieser feindseligen Geste schon gerechnet hatte, ließ prompt seinen altväterlich gebundenen Universal-Regenschirm vom angewinkelten Unterarm senkrecht in die Höhe steigen. Im nächsten Moment hatte er die Spitze in der Hand und ließ den bleigefüllten Bambusgriff einen Halbkreis beschreiben, dessen Endpunkt durch die Knöchel seines Gegners markiert wurde.

Unwiderstehlich schmiegte sich der Griff um die Fußgelenke des Mannes und riß ihm buchstäblich die Beine unter dem schwergewichtigen Leib weg. Parkers Angriff kam für den Mann so überraschend, daß er einen Moment waagerecht in der Luft schwebte – wie ein Schwimmer, der gerade einen perfekten Startsprung absolviert hat. Auf Dauer konnte er sich der Wirkung der Schwerkraft jedoch nicht entziehen.

Klatschend landete er auf den spiegelblank polierten Marmorfliesen, wobei ihm sein sonst hinderlicher Bauch als Polster zugutekam. Mit ausgebreiteten Armen und Beinen rutschte er noch ein Stück durch die geräumige Eingangshalle, bevor er es sich auf dem kühlen Boden zu einem Schläfchen bequem machte.

Für den Diener an der Haustür war der kleine Zwischenfall das Signal, sein scheinbares Desinteresse aufzugeben. Mit hastigen Schritten, die gar nicht zu seiner würdevollen Livree passen wollten, kam er auf den Butler zu und griff unterwegs nach einem schweren Bronzeleuchter.

Allerdings schaffte er es nicht mehr, sein Wurfgeschoß in Parkers Richtung zu schleudern. Der Butler, der seinen Universal-Regenschirm inzwischen wieder am Griff gefaßt hatte, ließ die bleigefüllte Spitze nur leicht gegen das Handgelenk des Dieners tippen.

Wie“ von einem Stromschlag getroffen, zuckte der Mann zusammen. Achtlos ließ er den Leuchter fallen und rieb wimmernd sein schwellendes Handgelenk.

»Der kleine, aber leider unvermeidliche Schmerz wird sofort nachlassen, falls man sich diesen Hinweis erlauben darf«, erklärte der Butler und hielt dem Diener ein Sprühfläschchen unter die Nase.

Ein Druck auf den Knopf, und der Mann verdrehte erstaunt die Augen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Einige Schritte torkelte er noch ziellos hin und her. Dann ging er allmählich in die Knie und bettete sich mit einem erlösten Seufzer neben seinen Kollegen. Bevor er endgültig die Augen zu einem Nickerchen schloß, warf er Parker noch einen dankbaren Blick zu.

»Die Herren werden sich auf dem kühlen Boden noch eine Erkältung zuziehen«, stellte der Butler mißbilligend fest, doch seine außer Gefecht gesetzten Gegner schienen an wohlgemeinten Ratschlägen nicht interessiert. Deshalb lud Parker sich zunächst den Diener auf die Schulter und plazierte ihn sorgfältig auf der Bank an der Tür, so daß er nicht herunterrutschen konnte. Anschließend ließ er auch den Mann im Covercoat am Traumspray schnuppern und setzte ihn dann in einen der ledernen Sessel, die in Gruppen in der Eingangshalle standen.

Beide wirkten ausgesprochen friedlich, als Parker sich lautlos auf den Weg machte, um das Innere der Villa näher in Augenschein zu nehmen.

*

Im Obergeschoß, so stellte der Butler schnell fest, gab es tatsächlich nichts Interessantes zu sehen. Die Räume waren leer und offenbar seit längerem nicht bewohnt. Deshalb ging Parker nach kurzer Inspektion wieder ins Untergeschoß. Die Männer saßen immer noch so, wie er sie hingesetzt hatte. Beide wirkten, als hätten sie ihre dienstlichen Pflichten vergessen und seien von Müdigkeit übermannt worden.

Lauschend blieb der Butler vor der Tür stehen, hinter der Mylady verschwunden war. Außer undeutlichem Raunen waren jedoch keine Geräusche zu vernehmen. Auch ein Blick durchs Schlüsselloch brachte wenig Aufschluß, da der Raum hinter der Tür nur schwach beleuchtet war.

Parker entschloß sich daher, zunächst den angrenzenden Raum unter die Lupe zu nehmen. Geräuschlos drückte er die schwere Messingklinke nieder und öffnete die Tür ein Stück. Der Mann, der in diesem Zimmer saß, bemerkte ihn nicht. Er wurde auch nicht aufmerksam, als der Butler vorsichtig den Raum betrat. Die Kopfhörer, die der Mann aufgesetzt hatte, hielten alle Geräusche aus seiner Umgebung von ihm fern.

Der Unbekannte saß mit dem Rücken zur Tür und war in die Bedienung eines kleines Tonstudios vertieft. Aufmerksam ließ er seine Blicke über Skalen, Zeiger und Kontrollämpchen wandern. Mitten in seinem Blickfeld waren zwei Tonbandgeräte angebracht. An einem von ihnen drehten sich die Spulen.

»Man dankt recht herzlich für die freundliche Aufforderung, einzutreten«, sagte Parker und tippte dem Mann leicht mit der Schirmspitze von hinten auf die Schultern.

Wie von einer Tarantel gestochen fuhr der Tontechniker herum und sprang aus dem Stuhl. »Wie kommen Sie denn hier herein?« fragte er entgeistert und nahm die Kopfhörer ab.

»Durch die Tür, wie es wohl der landesüblichen Sitte entsprechen dürfte«, gab Parker seelenruhig zurück.

»Dann verschwinden Sie am besten sofort wieder!« erwiderte der Mann unwillig. »Ich muß mich konzentrieren!«

Der Butler ließ sich jedoch nicht irritieren, sondern trat noch einen Schritt näher. »Die technische Ausstattung, über die Sie hier verfügen, dürfte dem neuesten Stand entsprechen, falls meine bescheidene Wenigkeit sich darüber ein Urteil erlauben darf«, stellte er fest.

»Natürlich«, bestätigte der Mann mit gewissem Stolz. »Aber jetzt haben Sie genug hier herumgeschnüffelt. Verschwinden Sie endlich, sonst lasse ich Sie hinauswerfen!«

»Im Umgang mit Besuchern sollte man nie die Gebote der Höflichkeit außer acht lassen«, wies Parker ihn zurecht. »Meine Wenigkeit hatte keineswegs die Absicht, Sie bei Ihrer Tätigkeit zu stören. Allerdings macht man sich Gedanken darüber, welchem Zweck diese aufwendige elektronische Ausstattung dienen könnte.«

»Das geht Sie einen Dreck an«, knurrte der Mann. »Raus jetzt! Oder ich mache Ihnen Beine!« Um seine Drohung zu unterstreichen, griff er nach einem Schraubenzieher und fuchtelte damit herum, als hätte er einen Dolch in der Hand.

»Darf man den Herrn höflich darauf hinweisen, daß man bereits über funktionstüchtige Gehwerkzeuge verfügt?« gab Parker unbeeindruckt zurück. »Woran es fehlt, sind lediglich detaillierte Informationen über Sinn und Zweck Ihrer Tätigkeit, falls dieser klärende Hinweis erlaubt ist.«

Der ruhige Ton, in dem Parker sich äußerte, reizte den Tontechniker allerdings noch mehr. Mit wütendem Knurren holte er aus und wollte mit dem Schraubenzieher zustechen. Doch der Butler durchkreuzte seine unfreundlichen Absichten rechtzeitig und nachhaltig.

Ehe der Mann den Hieb ausführen konnte, hatte Parker seine Melone gezogen. Wortlos drückte er dem Mann die stahlgefütterte Halbkugel ins Gesicht.

Die Nase des Tontechnikers setzte dem sanften Druck nur geringen Gegendruck entgegen. Sie verformte sich, was ihrem Besitzer offensichtlich einige Unannehmlichkeiten bereitete. Mit unterdrücktem Jammern taumelte er wieder in seinen Drehstuhl und ließ den Schraubenzieher fallen.

Quietschend setzte sich das Möbelstück in Bewegung und beförderte seinen Besitzer an die gegenüberliegende Wand. Beim Anprall verlor der Tontechniker sein mühsam gehaltenes Gleichgewicht und kippte von der Sitzfläche.

Die plötzliche Gewichtsverlagerung nahm auch dem Stuhl seine Standfestigkeit. Er stürzte zur Seite, wobei die Rückenlehne auf die Schädeldecke des Mannes klopfte, der benommen am Boden saß. Er zuckte daraufhin noch mal kurz zusammen, ließ den Kopf auf die Brust sinken und würdigte seinen ungebetenen Besucher keines weiteren Blickes mehr.

Zum drittenmal innerhalb weniger Minuten setzte Josuah Parker sein Sprühfläschen ein, um vor unangenehmen Überraschungen sicher zu sein. Anschließend widmete er seine Aufmerksamkeit dem kleinen Tonstudio, das der Mann bedient hatte.

*

Erst als Parker den umgekippten Drehstuhl herangezogen und am verwaisten Tisch des Tontechnikers Platz genommen hatte, fiel ihm auch der kleine Fernsehmonitor auf, der in die Wand aus Tonbandgeräten und Verstärkern integriert war.

Das Geschehen, das auf dem Schirm zu verfolgen war, spielte sich offenbar in diesem Moment im Raum nebenan ab. Trotz der schummrigen Beleuchtung lieferte die elektronische Kamera ein überraschend klares Bild.

Parker registrierte einen großen, ovalen Tisch, an dem etliche ältere Herrschaften saßen, die zweifellos zur britischen Oberschicht zählten. Alle Teilnehmer der spiritistischen Sitzung saßen mit dem Gesicht zu der offenbar versteckt installierten Kamera.

Ihre Blicke waren erwartungsvoll auf einen Mann gerichtet, der im Vordergrund mit dem Rücken zur Kamera agierte. Er ging langsam vor dem Tisch auf und ab und schien seinen Zuhörern unter beschwörenden Gesten etwas zu erklären.

Parker setzte seinen Bowler ab und stülpte sich die Kopfhörer über, die der Tontechniker auf dem Tisch hatte liegen lassen.

»Ich werde jetzt die kleine Demonstration wiederholen«, hörte der Butler da die Stimme des Mannes, der offenbar Giancarlo Augurelli war. »Damit dürfte dann auch der letzte Zweifler überzeugt sein, daß es sich weder um einen Zufall noch um einen unseriösen Trick handelt.«

Augurelli trat einen Schritt vom Tisch zurück und machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ich werde mich jetzt zum Kamin umdrehen und warten, bis jeder von Ihnen, meine hochverehrten Damen und Herren, einen persönlichen Gegenstand auf den Tisch gelegt hat.«

 

Langsam drehte sich der Hellseher weg, kehrte seinen Gästen den Rücken zu und sah direkt in die Kamera. Seine Augen waren von einer schwarzen Faschingsmaske bedeckt. Dennoch konnte Parker einwandfrei erkennen, daß Augurelli ihm unter breitem Grinsen zuzwinkerte.

Josuah Parker sah freilich keine Möglichkeit, diese vertrauliche Geste zu erwidern. Er verspürte aber auch nicht das Bedürfnis danach.

Während Augurelli noch wartete, standen die Besucher der Reihe nach auf und legten jeder einen kleinen Gegenstand auf den Tisch: einen Schlüssel, einen Ring, ein Pillendöschen. Lady Agatha erhob sich als letzte. Sie stellte ein silbernes Feuerzeug auf den Tisch, das sie überraschend in ihrem Pompadour gefunden hatte.

»Sie können jetzt beginnen, junger Mann«, erklärte die Detektivin, nachdem sie wieder Platz genommen hatte.

Ohne Eile wandte Augurelli sich wieder seinen Gästen zu und trat an den Tisch. »Eben hatten wir einen Herrn«, sagte er. »Vielleicht findet sich jetzt eine Dame bereit, mir als Medium zu assistieren? Dürfte ich Sie vielleicht bitten, Mylady?« wandte er sich an Parkers Herrin.

»Muß ich mich dazu unbedingt erheben?« fragte Lady Agatha, die es haßte, ihre wogende Fülle unnötig in Bewegung zu setzen.

»Bedauerlicherweise ja, Mylady«, gab der Hellseher Auskunft. »Andernfalls würde eine Störung in der Übertragung der geistigen Schwingungen eintreten, und das Gelingen der Demonstration wäre ungewiß.«

Murrend schickte sich die ältere Dame ins Unvermeidliche, erhob sich ächzend und trat neben Augurelli, daß nun auch sie der Kamera den Rücken zukehrte.

»Ich bitte um absolute Ruhe«, erklärte der Hellseher mit gedämpfter Stimme. »Ich muß mich zunächst auf die verschiedenen Schwingungen konzentrieren, die von diesen Gegenständen ausgehen.« Er senkte den Kopf und hielt die Fingerspitzen an die Schläfen. Etwa zehn Sekunden stand er bewegungslos, während Agatha Simpson ihn neugierig von der Seite musterte.

Schließlich ließ er die Hände langsam sinken. »Darf ich Sie jetzt bitten, die Spitze Ihres rechten Zeigefingers ganz leicht gegen die Spitze meines linken Zeigefingers zu legen?« raunte er mit einer Stimme, die aus düsteren Tiefen zu kommen schien.

Die ältere Dame tat, wie ihr geheißen. Inzwischen ließ Augurelli die rechte Hand über den Gegenständen schweben, die verstreut auf der Tischplatte lagen. Langsam ging er von einer Kleinigkeit zur anderen und tat, als nehme er die persönlichen Schwingungen jedes einzelnen Gegenstandes mit der Hand auf.

Selbst auf dem Fernsehschirm erkannte Parker, daß seine Herrin vor gespannter Erwartung förmlich vibrierte. Als Augurellis Hand sich dem silbernen Feuerzeug näherte, konnte sie nur mit Mühe an sich halten. Offenbar befürchtete Mylady insgeheim, der Hellseher könnte ihr Eigentum einfach einstecken oder durch einen hinterhältigen Trick verschwinden lassen.

Augurelli, der die unbewußten Reaktionen seines Mediums genau beobachtet hatte, ließ seine Hand noch ein Stück weitergleiten, bis Lady Agatha erleichtert aufatmete. Dann schwenkte er wieder zurück, ergriff das Feuerzeug und hielt es triumphierend in die Höhe.

»Dieses Feuerzeug strahlt völlig unverwechselbar dieselben Schwingungen aus, die ich auch bei der Berührung Ihres Fingers wahrgenommen habe, Mylady«, erklärte er. »Bitte teilen Sie den übrigen Anwesenden mit, ob es sich tatsächlich um Ihr Feuerzeug handelt.«

»Es stimmt!« bestätigte die ältere Dame, sichtlich beeindruckt. »Jetzt müssen Sie mir aber unbedingt erklären, wie Sie das gemacht haben, junger Mann!«

»Verzeihung, Mylady«, entgegnete Augurelli, der auf derartige Fragen durchaus vorbereitet zu sein schien, »da gibt es nichts zu erklären. Es würde dem Wesen hellseherischer Fähigkeit geradezu widersprechen, wenn sie erklärbar wären.«

»Hat er das nicht wunderbar in Worte gefaßt?« schwärmte ein hageres Fräulein von offensichtlich blauem Geblüt, das unmittelbar neben Lady Simpson am Tisch saß. »Diese Weisheit! Man spürt förmlich, daß sein Wissen nicht von dieser Welt ist!«

»Aber trotzdem muß er doch erklären können, wie er das mit dem Feuerzeug gemacht hat«, beharrte Lady Agatha trotzig.

»Im Grund ist es nur eine Sache der Konzentration«, erklärte Augurelli und sprach damit durchaus die Wahrheit. Auch Parker hegte keinen Zweifel, daß die angeblich übersinnlichen Fähigkeiten, die Augurelli mit dem Feuerzeug-Trick demonstriert hatte, ausschließlich auf Konzentration beruhten. Genauer gesagt: auf konzentrierter Beobachtung seines »Mediums«.

In der kribbelnden Atmosphäre gespannter Erwartung hätten auch gelassenere Zeitgenossen als Agatha Simpson zumindest unbewußt den Druck ihres Fingers verstärkt, sobald die Hand des »Hellsehers« sich ihrem Eigentum näherte.

»Was Sie bis jetzt miterleben durften, meine sehr verehrten Damen und Herren«, fuhr Augurelli fort, »war lediglich eine bescheidene Demonstration, die Ihnen zeigen sollte, daß es unsichtbare Schwingungen gibt, die auf außersinnlichem Weg wahrnehmbar sind.«

»Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Offenheit, Mister Augurelli«, meldete sich ein älterer Herr mit schlohweißem Haar zu Wort, der aufgeregt mit dem Monokel spielte. »Bisher habe ich Hellseherei, Telepathie und was es da sonst noch gibt, für ausgemachte Spinnerei gehalten. Wenn meine Gattin mich nicht förmlich überredet hätte mitzukommen, wäre ich heute abend gar nicht hier. Jetzt aber muß ich sagen, daß ich dankbar bin für alles, was ich erleben durfte. Plötzlich wird mir klar, daß mein Weltbild unvollständig war.«

Giancarlo Augurelli nahm dieses Geständnis geschmeichelt zur Kenntnis. »Es freut mich natürlich«, erklärte er, »daß ich heute wieder einem Menschen die Augen öffnen konnte.«

»Welch ein Meister!« seufzte das hagere Fräulein neben Lady Agatha. »Wenn er mich nur unter seiner Maske ansieht, laufen mir schon Schauer über den Rücken ...«

»Sie sollten sich vielleicht etwas wärmer anziehen«, entgegnete Mylady prosaisch. »Dieses Haus ist nicht gut geheizt. Da fröstelt man leicht. Meinem Kreislauf sind derartige Temperaturen auch ausgesprochen abträglich.«

Empört blickten die übrigen Teilnehmer der Séance zu Agatha Simpson hinüber. Sie fühlten sich in der Anbetung ihres Meisters gestört. Sie wollten mehr von seinen Fähigkeiten sehen und hören, Botschaften aus dem Jenseits empfangen und in die Zukunft blicken.

Augurelli genoß das Vertrauen, das aus den erwartungsvollen Blicken seiner Zuschauer sprach. Wieder einmal war es ihm gelungen, jene bestimmte Atmosphäre aufzubauen, die er für den wichtigsten Teil seiner Vorstellung brauchte.

»Ich werde die Kerzen jetzt bis auf wenige löschen«, kündigte er an. »Bitte, konzentrieren Sie sich auf das, was Sie von diesem ungewöhnlichen Abend erwarten... Denken Sie an den lieben Verblichenen, mit dem Sie noch mal in Kontakt treten möchten. Denken Sie an Ihre Kinder oder an andere Personen, über deren Zukunft Sie etwas erfahren möchten. Ich werde nach einer kurzen Pause wiederkehren und dann versuchen, Ihre Wünsche zu erfüllen – so mir die Geister gnädig gesonnen sind.«

Augurelli verneigte sich feierlich und verließ dann mit würdevollen Schritten durch eine seitliche Tür, die durch einen Vorhang verdeckt war, den Raum.

*

Als er nach wenigen Minuten zurückkehrte, hatte der Hellseher ein weites, schwarzes Gewand übergeworfen, das mit silbernen Sternen und geheimnisvollen Symbolen geschmückt war. Bedächtig setzte er Fuß vor Fuß, bis er seine Position mit dem Rücken zur Kamera wieder erreicht hatte.

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