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Gesetz und Frau

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Sechstes Capitel.
Die Zeugenaussage für die Vertheidigung

Am vierten Tage war das Interesse für den Proceß noch gewachsen – Es sollte jetzt die Zeugenaussage für die Vertheidigung gehört werden.

Die erste unter ihnen legte des Gefangenen Mutter ab. Als sie ihren Schleier lüftete, um Vereidigt zu werden, warf sie einen Blick auf ihren Sohn. Er brach in Thränen aus. In diesem Moment pflanzte sich die für die Mutter gefühlte Sympathie auch auf ihren unglücklichen Sohn fort.

Von dem Dekan der Fakultät befragt, gab die ältere Mrs. Macallan ihre Antworten mit außerordentlicher Würde und Selbstbeherrschung. Nach einigen Fragen über Unterhaltungen, die zwischen ihr und ihrer verstorbenen Schwiegertochter stattgehabt, erklärte sie, daß Letztere sehr viel auf ihre äußere Erscheinung gegeben. Sie war ihrem Gatten wahrhaft zugethan, und die größte Sorge ihres Lebens bestand darin, sich ihm so anziehend wie möglich darzustellen. Die Unvollkommenheiten ihres Aeußeren und hauptsächlich ihres Teints verursachten ihr den lehhaftesten Kummer. Zeugin hatte sie wieder hofentlich sagen gehört, daß sie kein Mittel scheuen würde, ihre Hautfarbe zu verbessern. »Die Männer,« meinte sie, »werden nur durch äußerliche Schönheit gewonnen. Mein Gatte würde mich mehr lieben, wenn ich einen besseren ; Teint hätte.«

Befragt, ob die Extracte aus dem Tagebuche ihres Sohnes als verläßliches Zeugniß gelten könnten, d.h. Ob sie Eigenthümlichkeiten seines Characters und die wahren Gefühle gegen seine Frau zur Anschauung brächten, verneinte Mrs. Macallan dies in der bestimmtesten Weise.

»Die Extracte ans meines Sohnes Tagebuch sind ein Pasquill auf seinen Character,« sagte sie. »Ein um so größeres Pasquill, als das Tagebuch von ihm selbst geschrieben wurde. Soweit ich meinen Sohn kenne, muß er jene Zeilen unter dem unbeherrschbaren Einfluß der Verzweiflung hingeworfen haben. Kein Mann mit ruhigem Verstande und gerechtem Sinn beurtheilt einen Mitmenschen nach schnellen, leidenschaftlichen Worten, die ihm in unzurechnungsfähigen Stimmungen entfahren sein mögen. Soll also mein Sohn verurtheilt werden, weil er diese Worte zufällig niedergeschrieben, anstatt sie zu sprechen? Die Feder ist in diesem Falle sein tödtlichster Feind gewesen. Ich gebe zu, daß er nicht glücklich in seiner Ehe war, aber ich muß hinzufügen, daß er sich stets aufmerksam gegen seine Frau benahm. – Ich besaß das Vertrauen Beider und hatte Gelegenheit, in die geheimsten Falten ihres Herzens zu blicken. Trotz alle Dem, was die Frau an ihre Freundinnen geschrieben, erkläre ich, daß mein Sohn ihr niemals Ursache zu gerechter Klage über Vernachlässigung und Grausamkeit gegeben.«

Diese, fest und überzeugend gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden.

Der Lord Anwalt, überzeugt, daß dieser Eindruck sich nicht werde abschwächen lassen, beschränkte sich daher im Kreuzverhör nur auf zwei Fragen:

»Wenn Ihre Schwiegertochter über ihren schlechten Teint sprach,« sagte er, »spielte sie dabei jemals auf den Gebrauch von Arsenik an?«

»Nein!«

»Empfahlen Sie ihr Arsenik, oder erwähnten Sie nur desselben zu dem gedachten Zweck?«

»Niemals!«

Der Lord-Anwalt setzte sich wieder. Mrs. Macallan, die ältere, zog sich zurück.

Die Erscheinung des nächsten Zeugen beachte wieder ein ganz neues Interesse in die Richter und das Auditorium. Der nächste Zeuge war keine Andere als Mrs. Beanly selbst. Der Bericht schildert sie als eine Dame von außerordentlich anziehender Persönlichkeit, bescheiden und weiblich in ihrem Wesen und, allem Anschein nach, tief niedergedrückt durch die öffentliche Stellung, die ihr jetzt angewiesen war.

Der erste Theil ihrer Aussage war eigentlich nur eine Wiederholung dessen, was die Mutter des Gefangenen bereits mitgetheilt, nur mit dem Unterschiede, daß sie von der Verstorbenen thatsächlich nach einem Mittel gegen schlechten Teint gefragt sein wollte. Mrs. Macallan hatte die Weiße und Glätte ihrer Haut gelobt und sich dabei erkundigt, ob sie künstliche Mittel zu deren Erhaltung anwende. Zeugin habe verneinend auf diese Frage geantwortet, auch geäußert, daß ihr überhaupt kein Mittel zur Verbesserung des Teint bekannt sei, worauf eine Erkältuug zwischen den beiden Damen ein getreten wäre.

Nach ihren Beziehungen zu dem Gefangenen befragt, leugnete Mrs. Beanly mit Indignation, daß weder sie noch Mr. Macallan der Verstorbenen jemals die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben. Es sei der Zeugin unmöglich gewesen, Schottland zu verlassen, ohne ihrem nahen Verwandten einen kurzen Besuch abgestattet zu haben. Die Unterlassung dieser Höflichkeit würde ihr von sämmtlichen Freunden und Bekannten verdacht worden sein. Sie leugnete nicht, daß Mr. Macallan, als sie Beide noch ledig gewesen, ihr den Hof gemacht habe. Von dem Augenblicke an aber, wo er und sie sich anderweitig verheirathet hätten, wären sie einander stets als Bruder und Schwester begegnet. Mr. Macallan sei ein Gentleman, der sehr gut wisse, welche Pflichten er gegen Mrs. Beanly und seine eigene Frau zu erfüllen habe. Sie würde niemals sein Haus betreten haben, wenn sie hiervon nicht fest überzeugt gewesen. Was die Aussage des Unter-Gärtners anbeträfe, so müsse sie dieselbe für wenig mehr als bloße Erfindung bezeichnen. Der größte Theil der von ihm den Richtern hinterbrachten Unterhaltung sei rein aus der Luft gegriffen und hätte niemals stattgefunden. Das wenige Wahre daran sei scherzend hingeworfen worden. Auch sie müsse bekräftigen, daß Mr. Macallans Benehmen gegen seine Frau stets unveränderlich gut und aufmerksam gewesen sei. Während ihrer Krankheit pflegte er sie, wie er konnte, und äußerte sein aufrichtiges Beileid für ihren Zustand. Als Mrs. Macallan, an ihrem Todestage dem eigenen Gatten und der Zeugin befohlen habe, das Zimmer zu verlassen, hatte Mr. Macallan gleich darauf zu ihr geäußert: »Wir müssen ihre Eifersucht zu ertragen suchen, um so mehr, als wir sie nicht verdienen.« Mit dieser himmlischen Geduld begegnete er stets den leidenschaftlichsten Ausbrüchen ihres heftigen Temperaments von Anfang bis zu Ende.

Das Haupt-Interesse beim Kreuzverhör der Mrs. Beanly gipfelte in einer Frage, die ihr ganz am Schluß vorgelegt wurde.

»Es ist ein, nur mit Helena unterzeichneter und an den Gefangenen adressirter Brief vorgelesen worden,« sagte der Lord-Anwalt, ihr denselben hinhaltend. »Ist das Ihre Handschrift?«

Bevor Zeugin antworten konnte, protestirte der Dekan der Fakultät gegen diese Frage. Die Richter schlossen sich dem Protest an und er klärten die Frage für unzulässig Mrs. Beanly zog sich darauf zurück. Als man des Briefes Erwähnung gethan, und ihr denselben vor die Augen gehalten, hatte sie eine deutlich bemerkbare Aufregung verrathen, welche auf verschiedene Weise beurtheilt wurde. In der Hauptsache aber hatte ihr Zeugniß den günstigen Eindruck für den Gefangenen noch verstärkt, zu welchem die Aussagen der Mutter bereits den Grund gelegt.

Die nächsten Zeugen, beides Damen und Schulfreundinnen der verstorbenen Mrs. Macallan, nöthigten dem Gerichtshofe wiederum ein neues Interesse ab. Sie fügten gewissermaßen der Kette der Aussagen die fehlende Schake hinzu.

Die erste der beiden Damen erklärte, daß sie gegen Mrs. Macallan des Arseniks als Remedium gegen schlechten Teint erwähnt habe. Sie hätte es selber niemals angewendet, aber in verschiedenen Büchern gelesen, daß der Genuß von Arsenik unter dem steyrischen Landvolk häufig vorkomme, um sich ein blühendes und gesundes Ansehen zu verschaffen.

Die zweite Zeugin, welche bei vorstehender Unterhaltung zugegen gewesen, bestätigte nicht allein die Aussage ihrer Vorgängerin, sondern fügte auch noch hinzu, daß sie eines der betreffenden Bücher, auf Wunsch der verstorbenen Mrs. Macallan angeschafft und per Post nach Gleninch geschickt habe.

In den beiden Aussagen war noch ein uns genauer Punkt, den das Kreuzverhör sofort aufdeckte. Beide Damen wurden nacheinander gefragt, ob Mrs. Macallan, direct oder indirect, die Absicht gegen sie geäußert habe, das Arsenik wirklich gegen ihren schlechten Teint nehmen zu wollen. In beiden Fällen war die Antwort auf diese außerordentlich wichtige Frage: Nein! Mrs. Macallan hatte von dem Mittel gehört und das Buch erhalten. Ueber ihre Absichten, ob sie das Mittel gebrauchen wolle, war ihr kein Wort entfallen. Sie hatte beide Damen gebeten, nicht darüber sprechen zu wollen, und damit hatte die Sache ihr Ende erreicht.

Es gehörte keines Juristen Auge dazu, um den fatalen Defect zu bemerken, welcher nun in der Zeugenaussage der Vertheidigung erweckt worden war. Jedes mit gesundem Menschenverstande ausgerüstete Mitglied der Versammlung konnte sehen, daß die Chance einer ehrenvollen Freisprechung des Gefangenen jetzt darin bestände, darzuthun, auf welche Weise er das Gift seiner verstorbenen Gattin eingehändigt, oder wenigstens zu beweisen, daß er es überhaupt auf ihren ausdrücklichen Wunsch angeschafft. In beiden Fällen würde dann die Erklärung der Unschuld des Gefangenen die Unterstützung der Zeugnisse in Anspruch nehmen, welche, so indirect sie auch sein möchten, dennoch die Zustimmung jedes ehrenhaften, intelligenten Mannes auf ihrer Seite haben mußten. – Sollte dieser Fall eintreten? – Hatte die Vertheidigung ihre Hilfequellen noch nicht erschöpft?

Das dichtgedrängte Auditorium wartete in athemloser Spannung auf die Erscheinung des nächsten Zeugen. Es ging ein Flüstern herum, daß nun ein alter Freund des Gefangenen seine Aussage machen würde.

Nach einer kurzen Pause entstand eine lebhafte Bewegung im Saal, und einen Moment darauf nannte der Gerichtsdiener den außergewöhnlichen Namen des nächsten Zeugen:

»Miserrimus Dexter.«

Siebentes Capitel.
Das Ende des Prozesses

Der Aufruf des neuen Zeugen rief ein lautes Gelächter im Auditorium hervor, das wohl hauptsächlich dem seltsamen Namen des selben galt.

 

Der Lord-Richter Clerk erklärte, daß er den Saal räumen lassen würde, im Fall die Unterbrechung sich erneuern sollte.

Während des Schweigens, das nun folgte, erschien der Zeuge.

Er rollte sich in seinem Räderstuhl selbst durch die ihm nothdürftig platzmachende Menge, und da bei diesem Drängen die Decke herabfiel, welche über seinen Stuhl geworfen war, erblickte die staunende Neugier faktisch nur einen halben Menschen, das heißt Kopf, Rumpf und Arme. Die unteren Gliedmaßen fehlten vollständig. Um diese Deformität noch schlagender und entsetzlicher zu machen, war das, was von dem Unglücklichen übrig geblieben, von ganz außergewöhnlicher Schönheit. Sein langes, seiden weiches, kastanienbraunes Haar fiel auf zwei kräftige Schultern vom schönsten Ebenmaß herab. Sein Antlitz strahlte von Lebhaftigkeit und Intelligenz. Seine großen, lichtblauen Augen und seine schmalen, weißen Hände glichen denen eines schönen Weibes. Man hätte ihn überhaupt für eine Frau halten können, wären nicht Hals, Brust und Schultern ungewöhnlich , ausgebildet gewesen und hätte nicht sein langer, wallender Schnurr- und Vollbart den Rest des Gegenbeweises geführt. Niemals hatte die Natur einen größeren oder grausameren Irrthum begangen, als da sie diesen Mann schuf.

Er leistete den Eid natürlich in seinem Stuhl sitzend. Nachdem er seinen Namen genannt, verbeugte er sich vor den Richtern und bat um die Erlaubniß, vor seiner Zeitgen Aussage noch einige erläuternde Worte sprechen zu dürfen.

»Die Leute lachen gewöhnlich, wenn sie meinen seltsamen Vornamen hören,« sagte er mit einer klaren, sonoren Stimme, welche bis in die entferntesten Winkel des Saales drang. »Ich erlaube mir den guten Leuten mitzutheilen, daß viele unserer gebräuchlichsten Namen ihre Bedeutungen haben. Dasselbe ist mit dem Meinen der Fall. »Alexander« bedeutet z.B. im Griechischen »einen Helfer von Menschen.« »David« bedeutet im Hebräischen »der Geliebte« Mein Name »Miserrimus« ist im Lateinischen gleichbedeutend mit »sehr elend.« Ich erhielt ihn von meinem Vater wegen der Mißgestalt, welche ich mit auf die Welt brachte. Nun werdet Ihr nicht mehr über meinen Namen lachen! – Nicht wahr!« —

»Nun stehe ich zu Diensten, Herr Dekan!« wandte er sich dann an diesen, um befragt zu werden. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich den Gang der Verhandlung auch nur um einige Minuten aufgehalten habe.«

Dann leistete er, vom Dekan aufgefordert, seine Aussage wie folgt:

»Zur Zeit, da Mrs. Macallan krank wurde und starb, war ich als Gast in Gleninch anwesend,« begann er. Doctor Jerôme und Mr. Gale wünschten mich in geheimer Unterredung zu sprechen, weil sich der Gefangene in einem Zustande geistiger und körperlicher Zerrüttung befand, die es ihm nicht erlaubten, seinen Pflichten als Hausherr nachzukommen. Bei dieser Unterredung erschreckten mich die beiden Aerzte aufs Aeußerste durch die Erklärung, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei. Sie überließen es mir, die entsetzliche Nachricht dem Gatten der Verstorbenen zu hinterbringen, und sie theilten mir gleichzeitig mit, daß der todte Körper einer Obduction unterworfen werden würde.«

»Wenn der Fiscal meinen alten Freund gesehen hätte, als ich ihm die Botschaft der Aerzte ausrichtete, würde er es schwerlich gewagt haben, ihn des Mordes an seiner Gattin anzuklagen. Nach meiner Ansicht war die Anklage nichts weiter als die Zufügung einer Schmach. Weil ich die Sache in diesem Sinne auffaßte, widersetzte ich mich der Beschlagnahme des Tagebuches und der Briefe des Gefangenen. Nun Extracte aus dem Tagebuche vorgelesen sind, stimme ich mit der Mutter des Mr. Macallan in dem Ausspruch überein, daß dieselben nicht als Zeugniß gegen ihn zu betrachten sind. Ein Tagebuch ist in der Regel, wie auch in dem vorliegenden Falle, nichts besseres als der bemitleidenswerthe Ausdruck der ärmsten und schwächsten Characterseiten Dessen, der es geschrieben. In neun Fallen unter zehn ist es stets die mehr oder weniger verächtliche Aeußerung von Gefühlen der Selbstsucht und Eitelkeit, welche der Schreiber gegen keinen Andern zu thun wagt, als gegen sich selbst. Ich bin der älteste Freund des Gefangenen. Ich erkläre hiermit feierlich, daß ich ihm niemals solchen Unsinn zugetraut habe, wie er ihn in sein Tagebuch niedergelegt.

»Er sein Weib tödten! Er sein Weib vernachlässigen und grausam behandeln! Ich wage, nachdem ich den Gefangenen zwanzig Jahre gekannt, den Ausspruch, daß Niemand in dieser ganzen Versammlung weniger der Grausamkeit und des Verbrechens fähig ist, als der Mann, der hier als Angeklagter vor den Schranken steht. Da ich einmal im Zuge bin, lassen Sie mich noch ein wenig weiter sprechen.

»Ich habe gehört, was die unwissende und vorurtheilsvolle Wärterin Christina Ormsay über die verstorbene Lady ausgesagt. Nach meiner eigenen Beobachtung bestreite ich jedes Wort ihres Zeugnisses Mrs. Macallan war, die Mängel ihrer äußeren Erscheinung abgerechnet, eines der reizendsten Wesen, denen ich je begegnete. Sie hatte eine wahrhaft vortreffliche Erziehung genossen. Niemals bewunderte ich ein lieblicheres Lächeln, graciösere Bewegungen. Ihre Stimme, ihr Anschlag beim Clavierspiel wurde von allen Sachverständigen hoch gerühmt Ihre Unterhaltung war leicht, fließend und geistvoll. Wer aber behauptet daß ein solches Weib wie dies, von dem Mann . . nein, von dem Märtyrer, der dort steht . . erst grausam vernachlässigt und dann noch gar ermordet werden konnte, der möge ebenso gut behaupten, daß der Himmel sich nicht über der Erde wölbe.

»Ich weiß, daß die Briefe ihrer Freundinnen beweisen, wie bitter die Verstorbene sich über ihren Gatten beklagt. Erinnern Sie Sich aber auch, was die klügste dieser Freundinnen auf ein solches Schreiben erwidert: »Vergieb mir, weint ich meine Ansicht ausspreche, daß Deine sehr sensitive Natur, unbewußt natürlich, die Vernachlässigung übertreibt und falsch deutet, welche Du von Deinem Gatten glaubst erdulden zu müssen.« In dem einen Satz liegt die ganze Wahrheit Mrs. Macallan’s Natur war die sensitive, selbstquälende Natur der Dichterin. Keines Sterblichen Liebe würde sie jemals befriedigt haben. Kleinigkeiten, welche von weniger empfindsamen Frauen gänzlich übersehen worden wären, lasteten auf ihrer Seele wie Centnergewichte. Es giebt Menschen, die zum Unglück geboren sind, und die arme Mrs. Macallan gehörte zu diesen. Nun habe ich genug geredet.«

»Nein! – Ein Wort muß ich doch noch hinzufügen.

Es dürfte vielleicht den Herren Richtern noch nicht bekannt sein, daß der Tod seiner Frau, in pecuniärer Beziehung, ein schwerer Verlust für Mr. Macallan war. Die Verstorbene hatte darauf bestanden, daß sie allein über ihr Capital und Zinsen zu verfügen haben solle. Ihre Mittel erhielten den Glanz des gastlichen Hauses von Gleninch. Des Gefangenen eigenes Einkommen würde lange nicht hingereicht haben, einen solchen Train zu führen. Dies vorausgeschickt kann ich bekräftigen, daß mein Freund Eustace durch den Tod seiner Frau zweier Drittheile seiner Revenüen beraubt wurde. Dennoch ist er hier als ein selbstsüchtiger und grausamer Mann angeklagt worden, der wohlüberlegt sein Weib getödtet haben soll, um sich da durch für Lebenszeit in beschränkte Verhältnisse zu bringen.

»Es ist nutzlos, mich zu fragen, ob ich in dem Benehmen des Gefangenen gegen Mrs. Beanly irgend etwas bemerkt hätte, das einer Frau Berechtigung zur Eifersucht gegeben haben könnte. Ich habe mich um Mrs. Beanly nicht sonderlich viel bekümmert und ich habe noch weniger meinen Freund veranlaßt mir etwas von ihr zu erzählen. Er war überhaupt ein Verehrer schöner Frauen, soviel ich es aber beurtheilen kann, in durchaus unschuldiger Weise. Wenn er Mrs. Beanly nicht hübscher gefunden hätte als seine Frau, müßte er keine Wahrnehmungswerkzeuge gehabt haben. Den Mangel derselben habe ich aber niemals bei ihm entdecken können.

»Was nun die Frage betrifft auf welche Weise der Gefangene das Arsenik seiner Frau übergeben, so will ich darüber eine Aussage machen, die der Aufmerksamkeit des hohen Gerichtshofes nicht unwerth sein wird.

»Ich war während der Prüfung der Papiere und der übrigen in Gleninch aufgefundenen Gegenstände im Bureau des Fiscals anwesend. Das der Verstorbenen gehörige Toilettenkästchen ward mir gezeigt ehe dessen Inhalt vom Fiscal selbst officiell untersucht wurde. Ich habe, wie man zu sagen pflegt, einen sehr glücklichen Griff. Indem ich das Kästchen in die Hand nahm, entdeckte ich auf der inneren Seite des Deckels ein verborgenes Fach, das zwischen beiden Wänden des Deckels angebracht war. In diesem kleinen Raum fand ich die Flasche, welche ich die Ehre habe, hiermit vorzuzeigen.«

Während die den Richtern übergebene Flasche mit denen verglichen wurde, welche eigentlich zu dem Toilettenkasten gehörten, wurde das fernere Verhör des Zeugen unterbrochen.

Diese letzteren Flaschen waren vom feinsten, geschliffenen Glase und höchst eleganter Form, gänzlich ungleich der Flasche aus dem verborgenen Fach des Kastens, welche die ordinaire Gestalt derer zeigte, die bei Chemikern in Anwendung kommen. Nicht ein Tropfen Flüssigkeit nicht ein Atom irgend einer festen Substanz waren in derselben bemerkbar. Kein Geruch drang aus dem Innern und, noch unglücklicher für die Vertheidigung, kein Etiquett klebte an der Außenseite.

Der Chemiker welcher dem Gefangenen die zweite Dosis Arsenik verkauft wurde herbeigerufen. Er erklärte, daß die vorgezeigte Flasche derjenigen auf ein Haar ähnlich sei, in welche er das Arsenik gethan. Für dieselbe konnte er sie aber dennoch nicht ausgeben, weil sie hundert Anderen in seinem Laden ebenfalls ähnlich war und weil das Etiquett fehlte, auf das er eigenhändig das Wort »Gift« geschrieben. Das Toilettenkästchen sowie auch das ganze Zimmer der verstorbenen Lady war sorgfältig nach jenem Firmastempel durchsucht worden, im Fall er vielleicht durch Zufall von der Flasche abgefallen sein könnte; aber vergebens. Nach bloßer moralischer Ueberzeugung mußte die gefundene Flasche allerdings für identisch mit derjenigen erklärt werden welche das Gift enthalten hatte. Gesetzlich war nicht der geringste Beweis dafür vorhanden.

Hiermit endete die letzte Anstrengung der Vertheidigung, das von dem Gefangenen gekaufte Arsenik bis in den Besitz der Todten zu verfolgen.

Die wieder aufgenommene Befragung von Miserrimus Dexter berührte Fragen von nicht allgemeinem Interesse. Das Kreuzverhör bestand in einem geistigen Kampf zwischen dem Lord-Richter Clerk und dem Zeugen und endete mehr zu Gunsten des Gefangenen. Aus dem ganzen Hin- und Herblitzen des Geistes will ich nur eine Frage und eine Antwort herausheben die mir von ganz besonderer Wichtigkeit erschienen.

»Ich glaube, Mr. Dexter,« sagte der Lord-Richter Clerk in seiner meist ironischen Weise, »daß Sie eine eigene Theorie haben, nach welcher der Tod der Mrs. Macallan Ihnen nicht als Geheimniß erscheint.«

»Mag sein, daß ich über diesen wie auch über andere Gegenstände meine eigenen Ideen habe,« entgegnete der Zeuge; »aber lassen Sie mich eine Frage an Ihre Lordschaften wie an den Richter thun: Bin ich hier, um Theorien zu erörtern oder um Thatsachen zu bestätigen?«

Ich machte mir eine Note bei dieser Antwort Mr. Dexters »Ideen« waren die Ideen eines treuen Freundes meines Gatten und eines Mannes von mehr als gewöhnlichem Geschick. Dies konnte mir für die Folge von unberechenbarem Vortheil sein.

Dieser Bemerkung fügte ich eine zweite hinzu. Während seiner Aussage hatte Mr. Dexter von Mrs. Beanly so leichthin ich möchte fast sagen, so wegwerfend gesprochen daß der Gedanke nahe lag, er möchte nicht viel von ihr halten, vielleicht gar ihr mißtrauen. Dies war eine neue, dringend an mich herantretende Ursache, unter allen Umständen die Bekanntschaft des Mr. Dexter zu machen.

Nun war der letzte Zeuge verhört worden. Der Räderstuhl mit dem halben Menschen rollte zurück und verschwand in einem entfernten Winkel des Saals.

Der Lord Anwalt als Ankläger erhob sich, um den Gerichtshof anzureden.

Ich zögere keinen Augenblick auszusprechen daß ich nie etwas Infameres gelesen habe, als die Rede dieses großen Juristen. Er schämte sich nicht zu erklären daß er von der Schuld des Gefangenen fest überzeugt sei. – Mit welchem Recht durfte er einen solchen Ausspruch thun? Lag in seinen Händen die Entscheidung? Vereinigte er in seiner Person den Richter und die Geschworenen? Nachdem der Lord-Anwalt damit begonnen, nach eigener Autorität den Gefangenen zu verdammen fuhr er fort indem er mit glänzender Beredtsamkeit den unschuldigsten Handlungen des unglücklichen Mannes einen schlechten und gehässigen Character beilegte. Ich will nur einige Beispiele herausheben: Als Eustace, auf deren Sterbebett, die Stirn seiner Frau küßte, that er nur, um bei dem Arzt und der Wärterin einen günstigen Eindruck zu machen. Wenn der Kummer ihn zu übermannen schien, triumphirte er in seinem Inneren über das Gelingen der Schandthat. Wenn Ihr in sein Herz blicken könntet würdet Ihr auf dem Grunde desselben tödtlichen Haß für seine Frau und leidenschaftliche Liebe für Mrs. Beanly entdecken! Alles, was er gesprochen war Lüge gewesen, in jeder seiner Handlungen hatte er sich als herzloser Bösewicht bewiesen. – So redete der oberste Richter von dem armen Gefangenen der schwach und hilflos vor ihm stand. An meines Gatten Stelle würde ich ihm etwas an den Kopf geworfen haben, wenn ich ihm nichts anderes hätte anhaben können. Jetzt mußte ich mich darauf beschränken die elende Rede aus dem Proceß zu reißen und sie mit Füßen zu treten. Das erleichterte mich etwas; obgleich ich mich bald nachher der unwürdigen Rache schämte.

 

Der fünfte Tag des Processes begann mit einer Rede für die Vertheidigung. Welcher Contrast zwischen der edlen Darlegung des Dekans der Facultät und den Infamien welche der Lord-Anwalt ausgesprochen hatte!

»In der Bemitleidung der Vergifteten,« begann er, »stehe ich hinter Niemand zurück. Aber ich spreche es ebenso offen aus, der Märtyrer in diesem Fall, von Anbeginn bis zum Ende, das ist der Gefangene! Was auch die arme Frau erduldet haben mag, der unglückliche Gatte erduldete mehr und duldet noch. Wenn er nicht der beste Mensch und Ehemann wäre, würde er gar nicht hier vor Gericht stehen. Ein Mann von gewöhnlicherer, härterer Natur, würde sofort Verdacht geschöpft haben, als seine Frau ihn bat das Gift für sie zu kaufen, er würde ihre Pläne durchschaut und sich entschieden geweigert haben, auf ihr Verlangen einzugehen. Der Gefangene war zu gut für seine ränkevolle Gemahlin, zu kurzsichtig und unschuldig die gefährlichen Folgen vorherzusehen welche seine Gefälligkeit haben konnte. Und was ist nun das Resultat? Dort steht er, als Mörder gebrandmarkt weil er zu hochherzig war, seiner Frau zu mißtrauen. – Der Lord-Anwalt hat mit bitterer Ironie gefragt weshalb uns der Beweis mißlang, daß der Gefangene das Gift den Händen seiner Frau übergeben. Ich antworte darauf: Wir haben bewiesen, erstens, daß Mrs. Macallan ihrem Gatten leidenschaftlich zugethan war, zweitens, daß sie schmerzlich die Unvollkommenheiten ihrer äußeren Erscheinung beklagte, und drittens, daß sie von dem Remedium des Arseniks als innerliches Mittel da gegen in Kenntniß gesetzt war. Es gehört nur geringe Menschenkenntniß dazu, hierin des Beweises genug zu sehen. Will mein gelehrter Freund allen Ernstes behaupten, daß Frauen ihrer geheimen Schönheitsmittel gegen Jedermann Erwähnung thun? Oder noch mehr, glaubt er vielleicht, daß es eine Dame selbst ausplaudern würde, wenn sie ihren schönen Teint der Anwendung eines tödtlichen Giftes wie Arsenik verdankte? Eine solche Behauptung ist geradezu absurd! Deshalb hörte ja auch Niemand Mrs. Macallan von Arsenik sprechen. Deshalb überraschte sie ja auch Niemand beim Gebrauch desselben. Es liegt ja deutlich aus der Hand, daß sie nicht einmal mit der Freundin darüber sprechen wollte, die ihr das Buch verschafft. Sie bat die beiden Vertrauten, gegen Jedermann über diese Unterhaltung zu schweigen. Das arme Wesen bewahrte ihr Geheimniß, geradeso wie sie es verschwiegen haben würde, wenn sie falsches Haar oder falsche Zähne getragen. Und dort sehen Sie ihren Gatten in Lebensgefahr, weil sein Weib handelte, wie alle Frauen, selbst die der Herren Richter, gehandelt haben würden, wenn sie sich in ähnlicher Lage befunden.«

Nach dieser glänzenden Rede sprach nur noch der Lord-Anwalt zu den Geschworenen.

Seine Lordschaft bemerkte zuerst, daß sie einen directen Beweis für die Vergiftung nicht erwarten dürften. So schlagende Beweise kämen überhaupt bei Vergiftungen selten vor. Die Herren Geschworenen müßten sich daher mit einem den Umständen entnommenen Beweise begnügen, der hier auf der Hand läge 2c. 2c.

Nach dieser trockenen Rede zogen sich die Geschworenen zur Berathung zurück.

Dann kehrten sie nach einer Weile wieder und gaben ihr schüchternes und zitterndes schottisches Verdict in folgenden Worten:

»Nicht bewiesen.«

Es folgte ein schwacher Applaus des für einen Augenblick enttäuschten Publikums. Der Gefangene durfte sich zurückziehen. Er that dies langsam, gebrochen, den Kopf aus die Brust gesenkt. Er blickte nicht auf und antwortete keine Silbe, wenn seine Freunde ihn anredeten. Der Unglückliche fühlte das Brandmal, welches das Verdict ihm ausgedrückt.

»Wir sagen nicht, daß Du an dem, Dir zur Last gelegten, Verbrechen unschuldig bist; wir sagen nur, daß es an Beweisen mangelt, Dich für schuldig zu erklären.«

Mit diesem lahmen, ohnmächtigen Schluß endeten damals die Verhandlungen.

Und so würde es für alle Zeiten geblieben sein, wenn ich nicht gewesen wäre.