Wir können machen, was wir wollen

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Hoffnung aus der Dose

Tobi

Also: Wir sind dann hier angekommen und eingezogen. Minka würde sagen: „Alles läuft nach Plan.“ Ich – in eine Wohnung, die ich noch nie vorher gesehen habe und die ich höchstwahrscheinlich auch gar nicht ausgesucht hätte, das muss man sich mal vorstellen. Noch ehe wir überhaupt die Koffer abgestellt hatten, hat Minka schon die Gardinen angebracht. Sie war einfach nicht zu stoppen. Alles musste irgendwie perfekt sein. Und ich stand nur so in der Gegend rum und dachte: Alles klar, ähm, wo darf ich meine Sachen ablegen? Gibt es dafür vielleicht auch schon einen Plan?

Ich hab mir dann die ganzen Unterlagen an der Uni abgeholt, mir meine neuen Kommilitonen angeguckt, die auch alle ziemlich ratlos und verpeilt aussahen und aus irgendwelchen Dörfern oder Kleinstädten vor ihren Verwandten und Bekannten in die große Stadt geflüchtet sind. Und ich dachte so: Das kann’s ja wohl nicht gewesen sein, mit meinem neuen Leben. Das ist noch lange nicht das, was ich unter Abenteuer und Veränderung verstehe.

Ich bin mit Minka über den Mauerpark geschlendert, hab mir die Sonntags-Karaoke-Session reingezogen wie jeder anständige Zugereiste in meinem Alter. Wir haben uns diese Waffeln bei „Kauf Dich glücklich“ gegeben, wo auch nur Touris rumsitzen, und ich dachte schon wieder so: Nein, das kann es doch noch nicht gewesen sein. Wir sind ausgegangen, mit ein paar anderen, die wir von zu Hause kennen, die schon vor uns den Schritt gewagt haben und nach Berlin gezogen sind und auch grade alles total toll finden hier und so billig und so anders und verrückt.

Aber ich hatte trotzdem die ganze Zeit diese Unruhe in mir. Ich dachte: Wir sind schon von weitem zu erkennen. Weil wir alle mit derselben Hoffnung hierhergefahren sind. Aber wir sind doch nicht alle gleich, oder? Wir können doch nicht alle gleich sein. Es muss sich etwas ändern. Zumindest bei mir. Etwas Grundlegendes. Aber ich wüsste absolut nicht, wie. Und ich kenn hier ja auch niemanden. Außer den Leuten von zu Hause – und die haben mir gerade noch gefehlt.

Komischerweise fing es dann so an: Minka hatte mir seit Tagen in den Ohren gelegen mit ihrem supertollen neuen Job. Sie hat mich förmlich gezwungen, nach dem Abendbrot (genau wie zu Hause, sogar Gewürzgurken und Radieschen hat sie von da mitgebracht) diese Seite im Internet anzuklicken, dieses komische Partnerportal, bei dem sie jetzt arbeitet: „Happy Date“.

Echt peinlich, habe ich mir gedacht, Minka, das ist wirklich das Letzte. Wie irgendwelche einsamen Leute sich da zur Schau stellen, wie die sich selbst anpreisen wie auf dem Fleischmarkt, auf der Suche nach einem bisschen Liebe. Und wie sich diese amerikanischen Oberbosse von der Firma an deren Einsamkeit bereichern und alles so durchorganisiert und systematisiert haben, mit Punktesystem und Bonustabelle. Und das soll wohl romantisch sein? Das kann auch nur eine glauben, die noch nie in der traurigen Lage war, auf diese Weise jemanden suchen zu müssen …

Sie meinte, naiv wie immer, das sei nun mal so heutzutage, und das werde immer normaler und da sei absolut nichts dabei. Die Leute arbeiten halt alle so wahnsinnig viel, und dann hätten sie leider überhaupt keine Zeit mehr, auf die Straße zu gehen und sich in echt kennenzulernen, und da sei es einfach viel praktischer, all das vor dem Computer zu erledigen. Und man könnte auch förmlich Sozialstudien betreiben, wenn man sich das alles durchliest, es sei richtig interessant. Und um mich zu vergewissern, dass das kein bisschen stimmt, und um mir einen Witz draus zu machen, hab ich mich dann selbst angemeldet. Einfach so.

Ich dachte, ich schreibe ihr mal ’ne Mail und bitte sie um eine Beratung für meine Beziehung mit einer perfekten Frau, der schönsten von allen, die nicht zu stoppen ist und auf alles eine Antwort weiß. Weil sie sich nie richtig Gedanken macht. Weil sie nichts je in Frage stellt. Sich nicht, mich nicht, uns schon gar nicht. Ich schreibe ihr, ich fühle mich überrannt, immer und immer wieder. Ich fühle mich wie ein kleiner Krümel, der an ihrer Lippe hängt, bloß so lange, bis sie ihn wegpustet …

Wahrscheinlich hätte sie da auch gleich ’ne Antwort drauf gewusst. Sie hätte sicher gefragt, wo überhaupt das Problem liegt. Ob ich mich nicht einfach darüber freuen könnte, da zu kleben. Wäre doch ein schöner Ort. Na ja. Also. Ich hab geschrieben, ich komme aus der Provinz, und ich suche Abenteuer, unverbindlich. Männer, Frauen, was auch immer, egal. Ich will es wirklich wissen, hab ich so gemeint. Total übertrieben. Ich dachte, das glaubt wahrscheinlich kein Mensch, oder es melden sich nur ein paar Perverse, aber nein: Die Landburschennummer ist eingeschlagen wie eine Bombe (das sollte man sich merken, falls man mal Bedarf hat). Und dann ging es los …

Teilweise zwanzig, dreißig Nachrichten am Tag. Als ob ich der heißeste Typ auf Erden wäre. So ein Gefühl hatte ich echt noch nie. Weil ich ja schon immer mit Minka zusammen war und alle das wussten, war ich so was wie unsichtbar für die anderen aus der Schule. Und später auch. Ich war einfach nicht mehr auf dem Markt. Ich hatte das Beste ja schon abbekommen. Sie.

O. k., ich weiß auch nicht, ob sie mir sonst nun grad die Tür eingerannt hätten, zugegeben. Ich hatte eben noch nie die Gelegenheit, das herauszufinden. Also, ich meine, ich bin mittelgroß, dünn, blond. Nichts Spektakuläres, denke ich mal. Aber es hätte auch wesentlich schlimmer kommen können. Auf einer Skala von eins bis zehn bin ich vielleicht eine Sechs. Mit Potential nach oben. Ich hatte nie eine feste Spange, nie extreme Hautprobleme und noch nicht mal eine Brille. Das ist doch was, oder? Ich finde, viel schlechter als Matthias Schweighöfer sehe ich eigentlich auch nicht aus. Bloß, dass ich eben nicht Matthias Schweighöfer bin. Was die an dem immer so finden? Ich meine: Typen, die immer diesen Kragen tragen, oder noch schlimmer, Pullunder, die sind doch eigentlich schon ein bisschen unlocker, oder? Wie Mamas Liebling. Der ewige Bubi. Aber wer ist schon wirklich cool. Mir fällt eigentlich niemand ein, hier in Deutschland.

Es gibt so viele Möglichkeiten, komplett danebenzuliegen, das ist ganz leicht. Sieht man jeden Tag. Aber es ist so verdammt schwer, auffallend großartig zu sein. Oder?

Jedenfalls: Ich hänge jetzt manchmal nächtelang vor dem Computer, Minka denkt, ich lerne für die Uni. Aber in Wirklichkeit lese ich mir meine ganzen Nachrichten durch, all dieses durchgedrehte Zeug, das mir irgendwelche einsamen Herzen schicken über den Server des Arbeitgebers meiner Freundin, während diese im Zimmer nebenan sitzt.

Ich suche mir irgendwas aus, was möglichst unvernünftig klingt, möglichst anders als das, was ich kenne, und das ist so ziemlich alles. Und dann verabrede ich mich, so schnell, wie es geht. Kein Hin- und Hergeschreibe, kein Firlefanz. Das schreibe ich gleich. Ich kreuze den Treffpunkt an, auf dem Stadtplan, wie ein Feldmarschall, als wenn ich so das Revier erobern würde, Sex-Sightseeing quasi.

Seit ich weiß, was alles los ist, was alles passieren kann, außerhalb von diesem Dorf und außerhalb von dem, was wir kennen, außerhalb der harmonischen Pseudo-Realität, wie sie im Fernsehen abgebildet wird, sehe ich die Welt mit anderen Augen:

Manche wissen es nicht, und manche machen einem absichtlich etwas vor. Aber es gibt eine Parallelwelt da draußen, in der einfach alles erlaubt ist. In der nach ganz anderen Maßstäben gelebt wird. Und vielleicht werden wir irgendwann alle so leben, weil die Grenzen der Heuchelei einbrechen. Weil wir nicht nur mit einem zusammen sein wollen, sondern viele potenzielle Partner treffen. Und weil es unmöglich ist, sich in dieser Gesellschaft festzulegen. Es gibt einfach zu viele Optionen. Vielleicht gab es die schon immer. Aber mittlerweile gibt es eben auch viel zu viele Möglichkeiten, diese ganzen Leute ausfindig zu machen. Diese Suchenden.

Diesmal hat mir Minka wirklich einen Gefallen getan mit ihrem neuen Job. Und ausgerechnet diesmal hat sie keine Ahnung davon. Und ich werde es ihr auch so bald nicht erzählen. Ich gehe jetzt nur noch selten in die Uni. Architekten gibt es in dieser Stadt doch sowieso viel zu viele. Das hat alles eigentlich überhaupt keinen Sinn mehr, echt. APOKALYPSE. Jetzt.

Ich klemme mir diese Ledertasche unter den Arm, die mich auch schon seit der Kindheit begleitet, und verabschiede mich von meiner Freundin wie eine wandelnde Lüge. Dann fahre ich los. Ich fahre ins Abenteuer. Ich komme mir vor, als ob ich etwas völlig Verbotenes tu, wie ein Doppelagent oder so was.

Aber es ist eigentlich total normal, jeder könnte das machen, und man kann dafür noch nicht mal ins Gefängnis kommen. Man klingelt irgendwo, jemand macht auf. Man darf ihn anfassen. Der darf einen anfassen. Das ist der Deal. Es ist alles abgesprochen. Man kann auch wieder gehen, man muss ihn nicht wiedersehen. Sich keine Ausreden überlegen. Nicht nett sein. Und man kann alles wieder abwaschen später. Es sieht einem keiner an, was man grad getan hat. Irre. Keiner checkt, was passiert ist. Ich sehe immer noch wie ich aus, obwohl ich grad ein anderer war.

Nur manchmal fallen mir später plötzlich Sachen ein. Kleine Sachen, die ich mir gemerkt habe. Was mir nicht gefallen hat. Wie etwas gerochen hat. Wenn jemand etwas Dummes gesagt hat. Etwas, das ich gar nicht wissen will, oder etwas, das ihm nicht zusteht. Mich festzuhalten, wenn ich mich abwenden will. Mir etwas Vertrauliches ins Ohr zu flüstern beim Sex. Eine Bemerkung über meinen Körper, als wären wir zusammen. Dann reißt der Film für einen Moment, und ich frage mich: Was mache ich hier? Was hat mich nur hierhergetragen?

Abends komme ich wieder mit der Ledertasche unterm Arm bei Minka an. In die Wohnung mit den Bauernmöbeln. Als Erstes stelle ich mich unter die Dusche. Dann brauche ich einen Moment, um mir darüber klar zu werden, wer ich eigentlich bin, in Wirklichkeit. Was ist das eine und was das andere? Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Weil ich denke, das hat so gar nichts mit ihr zu tun. Das ist vollkommen außerhalb ihrer Welt, die so klar und anständig ist. So.

 

Außerdem hat sie mich ja selbst dazu gebracht. Als ob sie ernsthaft denken würde, dass alle, die sich dort anmelden, heiraten und für immer zusammen sein wollen. Und sie ihnen jetzt dabei hilft. So naiv kann doch nicht mal Minka sein, oder?

Ihre langen, flachsfarbenden Haare riechen wie immer, wenn ich mich beim Einschlafen von hinten an sie schmiege und den Tag noch mal in Gedanken vor mir ablaufen lasse.

Sie weiß es nicht, und sie könnte es sich auch niemals vorstellen. Vielleicht ist es das, was mir am besten daran gefällt. Dass ich jetzt etwas nur für mich allein habe. Ein Geheimnis.

Hannah

Mein Fahrrad gibt röchelnde Geräusche von sich, es klingt genauso, wie ich mich fühle nach einem Tag Arbeit wie heute. Es quietscht auch extrem beim Bremsen, dann drehen sich alle nach mir um, an der Ampel. Die Klingel funktioniert überhaupt nicht, aber das Gute ist, meistens muss man ja auch bremsen, wenn man klingeln will, und dann quietscht es dafür eben richtig furchterregend, besser als jede Klingel. So laut und dramatisch, dass man schon den Aufprall erwartet wie bei einem Verkehrsunfall, wenn man es vorher quietschen hört.

Diese dämlichen pseudolässigen Hängehosen-Typen vom Fahrradladen meinten nach mehrtägiger Untersuchung, es sei wohl was kaputt. Klar, habe ich gesagt, ihr werdet es nicht für möglich halten, ihr Schlauberger, aber das hab ich auch schon gemerkt, deswegen habe ich dieses Fahrrad ja auch hergebracht. Ich dachte, es sei euer Part, das Teil zu reparieren.

Diese Jungs so arschcool: Ach so, stimmt ja, da war ja was, na gut, alles klar, machen wir. Ich meinte dann mindestens genauso lässig, dass ich allmählich eher das Gefühl hätte, die wollen, dass ich da immer wieder vorbeikomme. Vielleicht stimmt das ja auch, sagte einer dieser Typen, der mit den wuscheligen Haaren, und klimperte mit seinen Wimpern. Schön, zischte ich dann, echt toll, du, ich fühle mich auch wirklich maximal geschmeichelt, aber dann kannst du ja einfach meine Telefonnummer auf diesem Kundenzettel anwählen, wenn du mich vermisst, und mein Fahrrad trotzdem bald mal reparieren, o. k., das brauche ich nämlich zufälligerweise. Danke. Er hat sich dann wohl noch mal dran probiert, aber leider nur mit mäßigem Erfolg.

Mein Fahrrad hat mittlerweile jedenfalls komplett kapituliert. Es ist letztens in der Gneisenaustraße zusammengebrochen wie ein lahmes Pferd unter seinem Cowboy in der Wüste. Immer langsamer ist es geworden, immer müder. Und es hat heftig geschnaubt. Ich bin abgestiegen, damit es leichter wurde, und hab es angefeuert wie ein Motivationstrainer, komm, Pferdchen, noch ein bisschen. Du schaffst es. Da vorne ist eine Quelle. Aber es hustete und prustete und ging in die Knie. Und jetzt steht es da einsam und allein in Kreuzberg vor ’ner Turnhalle angebunden und wird wahrscheinlich bald schon von schwedischen Touristen und Flaschensammlern ausgeweidet. Adieu, Fahrradkorb. Adieu, kaputte Klingel.

Und angerufen hat natürlich auch niemand – nicht dass ich jetzt unbedingt darauf gewartet hätte – aber trotzdem. Eine ganz tolle Aktion. Glück auf der ganzen Linie, mal wieder. Man könnte sagen: Ich hab ein Händchen für so was. Ich hab ein Talent zur Verschreckung. Ich krieg auch schon so Bücher ausgeliehen, von besorgten Freundinnen, anderen Erzieherinnen und alleinerziehenden Müttern aus meiner Gruppe: „Simply Love Strategy“, und wie das alles heißt. „So finden Sie den Mann fürs Leben.“ „Die 88 Regeln zum Glücklichsein. Programmieren Sie einfach Ihre innere Festplatte um, damit Sie die Unglücksserie beenden können. Das System verändern heißt sich selbst verändern.“

Chaka!

Sie drücken mir diese peinlichen Frauen-Sachbücher in der Mittagspause in die Hand und dazu noch ganz fest die Daumen. Teilweise haben sie echt Stellen mit Textmarker angestrichen, die sie selbst am wichtigsten fanden.

Da bekommt man die interessantesten Tipps: „Niemals zuerst anrufen. Überhaupt niemals anrufen. Höchstens zurückrufen.“ – „Nach jedem Essen ein Kaugummi.“ – „Auf keinen Fall vor dem fünften Date von Heirat sprechen. Nicht einmal einen Satz sagen, in dem das Wort Heirat drin vorkommt. Am besten nicht einmal ein Wort, das überhaupt mit H anfängt.“

Zu mir sagen sie dann: „Bei mir hat es ja auch geklappt“, oder: „Du bist als Nächste dran. Ich spüre das.“ Klingt irgendwie nicht so positiv, eher wie eine Drohung: „Du bist als Nächste dran.“ Nimm dich in Acht. Pass bloss auf. Die Falle schnappt bald zu. Das ist nämlich genau deren Irrtum: Ich will gar nicht dran sein!

Ich guck mir ihre luschigen Freunde von der Seite an und erinnere mich an all die haarsträubenden und teilweise intimen Katastrophen, die sie mir schon über ihr Zusammenleben mit diesen Typen erzählt haben, all die bescheuerten Kompromisse, die sie eingehen müssen, all die Kränkungen und Betrügereien in ihrer ach so beneidenswerten Beziehung, und dann denke ich bloß: Das hat mir grade noch gefehlt. Es muss noch eine andere Möglichkeit geben, glücklich zu werden auf dieser Welt. Am liebsten würde ich einfach sagen: Das, was du hast, das will ich doch gar nicht. Ich meine, es ist ja schön, wenn du damit zufrieden bist. Wirklich. Freut mich. Aber für mich wäre es nun mal nichts!

Das versteht echt niemand. Und das will man ja so auch nicht konkret aussprechen. Dass man lieber alleine ist als mit irgend so einem Heini – wie ihrem Freund – auf Trostpflasterbasis vereint.

Dieses Lied von „Ich & Ich“ hasse ich ja übrigens auch: Du bist mein Pflaster. Oh man. Wer will schon ein Pflaster sein, oder? Ich meine, Pflaster, ja, die sind dazu da, die Wunde abzukleben, dann saugen die den Eiter auf und den ganzen anderen Schmodder, und danach, wenn alles geheilt und wieder gut ist, landen sie grabbelig und eklig im Mülleimer, und keiner will sie noch haben. Schönen Dank für das Kompliment.

Das muss man sich also mal klarmachen. Dass man die genauso bemitleidet, wie die einen bemitleiden, wenn man alleine nach Hause geht, weil sie miteinander nach Hause gehen müssen, immer und immer wieder, weil sie gar keine andere Wahl haben, das können die sich gar nicht vorstellen. Die tun die ganze Zeit so, als ob jeder dringend ’ne Begleitung braucht, um durchs Leben zu gehen. In Wirklichkeit wollen sie sich lieber mit mir befassen als mit ihrer eigenen verkorksten Situation, so sieht‘s aus! Die sind im Stillen auch noch neidisch auf die zahllosen Vorteile meines Personenstandes:

Zum Beispiel hat man so viel freie Zeit als Single … Man kann im Bett liegen und Sachen aus Zeitschriften ausschneiden, ohne dass einen irgendjemand fragt: Was machst du da, und wofür soll das überhaupt gut sein? Man kann Fischstäbchen essen und Toast mit Nutella, als wäre man zwölf, und keiner kommt mit seinem dussligen Jamie-Oliver-Kochbuch um die Ecke und setzt einen mit irgendwelchen Spezialrezepten unter Druck, als ob es nicht genug Restaurants in dieser Stadt gebe und als ob es darauf ankäme, seine ganze Sippe am Leben zu erhalten und soundso viele hungrige Mäuler zu stopfen.

Man kann sich jemand ausdenken, der einem gefallen würde, und sich vorstellen, wie er einen besuchen kommt oder wie man ihn zufällig trifft, zum Beispiel auf einer Wiese, und was dann alles Wildes passieren würde. Es ist erheblich schwieriger, sich so etwas vorzustellen, wenn neben einem jemand liegt und schnarcht.

Last, not least: Man kann aus einer attraktiven Altbauwohnung mit nachbarlichem Familienanschluss und Mietergemeinschaft in einer hübschen Seitenstraße am Ufer von Kreuzkölln in einen gigantischen hässlichen anonymen Wohnklotz direkt am Kotti umziehen, nur weil man das Eiscafé in der Straße hasst, ohne dass man sich groß rechtfertigen muss, oder vielleicht noch jemanden um Erlaubnis fragen. Und weil es in der neuen Wohnung eine Badewanne gibt und eine Terrasse und weil man von oben auf die ganze Welt sehen kann und keiner Fragen stellt über Zukunft und Familienplanung und den Sinn des Lebens.

Ich packe jedenfalls grade die Kartons. Tschüss, Eiscafé. Tschüss, Mutterherde. Den nächsten Sommer werdet ihr ohne mich auskommen müssen.

Minka

Meine Mutter sagt immer, man muss auch ein Talent zum Glücklichsein haben. Es gibt so viele Leute, die könnten eigentlich total glücklich sein, objektiv betrachtet haben sie vielleicht sogar viel mehr Grund dazu als andere, doch nur weil sie sich immer so viele Sorgen machen oder sich mit anderen vergleichen oder eifersüchtig und missmutig sind oder Drogen nehmen und sich selbst zerstören, werden sie niemals glücklich sein so wie zum Beispiel Amy Winehouse und alle, von denen sie sonst noch so gelesen hat in den Frauenzeitschriften.

Mein Vater sagt immer, das entscheidet man gar nicht selbst. Vergleiche sind immer da, du kannst ihnen nie entkommen: Wenn zwei Mädchen zusammen ausgehen, dann vergleicht man sie doch sofort miteinander, das würde jeder Mann tun. Jeder guckt, wer die Hübschere ist, automatisch. Die beiden Mädchen selbst wahrscheinlich auch. Wie ein unausgesprochener Wettbewerb. Die Frage ist also eher, wie man diesen ganzen Wettbewerb aushalten kann. Jeden Tag. Wie sehr es einem gelingt, das zu vergessen oder auszublenden. Und wenn man es ganz vergisst, vielleicht läuft man dann irgendwann außerhalb der Konkurrenz. Man wäre dann einfach nur noch man selbst.

Manchmal muss ich daran denken, wenn ich zur Arbeit fahre und mir Paare gegenübersitzen. Wieso sie wohl ausgerechnet einander ausgesucht haben? Oder wer es noch hätte sein können? Oder ob es Liebe auf den ersten Blick war und ob es von Anfang an nur den einen gab, so wie bei uns. Dann würde ich am liebsten sofort eine Umfrage starten: Entschuldigung, wo habt ihr euch kennengelernt, und was ist dann passiert? Und wie geht‘s jetzt weiter?

Ich glaube, ich habe so ein Talent zum Glücklichsein. Ich bin doch schon immer so wahnsinnig glücklich, wenn ich aufwache, dass ich am liebsten aufspringen und laut singen würde. Dann sehe ich mir Tobi an, während er schläft, und ich bin sogar noch glücklicher, weil er immer so lustige Geräusche macht beim Schlafen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich aus diesem kleinen Ort komme, dass ich so wahnsinnig romantisch bin, aber das kann es ja eigentlich nicht sein, denn er kommt ja auch daher und ist überhaupt nicht so. Oder liegt es vielleicht daran, dass auch meine Mutter und mein Vater und meine Oma und mein Opa schon ihr ganzes Leben lang zusammen sind und dass das bei uns einfach in der Familie liegt und vererbt wird, so wie blaue Augen und Sommersprossen?

Jedenfalls – ich war schon immer so, und das habe ich auch in meinem Bewerbungsgespräch gesagt: Man könnte meinen, es liegt in meinen Genen. Ich glaube an die große Liebe, ganz fest, und ich habe meine große Liebe auch schon gefunden, obwohl ich ja eigentlich noch ziemlich jung bin. Und ich würde am liebsten allen Leuten da draußen mitteilen, dass es so etwas wirklich gibt und dass sie nicht so ungeduldig sein sollen und sich einfach darauf verlassen. Irgendwann ist es so weit, und sie werden ihr begegnen, und dann sollten sie aber auch nicht immer gucken, ob es noch was Besseres gibt, wenn sie dann jemanden gefunden haben, sondern einfach glücklich sein.

Vielleicht geht es darum nämlich am meisten. Vielleicht zählt letztendlich einfach nur diese Entscheidung füreinander. Vielleicht ist das ja auch kitschig, und Tobi sagt immer, ich sei so naiv, vielleicht haben diese Businesstypen beim Lesen auch zuerst gedacht, dass ich spinne oder nun mal einfach ein Landei bin und vollkommen weltfremd, aber zumindest hat es sich anscheinend von den anderen Bewerbungen abgehoben, denn genau deswegen haben sie mich doch schließlich eingeladen.

Sie fanden mich so very pretty und das alles total iiiiimoschenall und heartwarming, das ist nämlich ein amerikanischer Konzern, und so hat mir also mein vollkommenes Liebesglück auch noch diesen Job verschafft.

Und jetzt kriege ich jeden Tag diese Nachrichten von den ganzen einsamen Herzen auf meinen Server, und wenn die so ihre Geschichten erzählen, bin ich doch etwas schockiert darüber, was eigentlich alles Liebe ist oder sein soll heutzutage. Die kleinsten Dinge, an denen man sich festhält …

Ich habe gar nicht gewusst, wie das läuft, dass sich ständig irgendjemand nicht zurückmeldet, dass die Leute sich teilweise jede Woche mit soundso vielen Kandidaten verabreden, dass manche schon fünf Jahre allein sind und total verzweifelt, dass man sich absolut nie richtig sicher sein kann, ob das jetzt die große Sache ist oder wieder nur ein Flop und der andere einfach so am nächsten Morgen auf Nimmerwiedersehen verschwunden, ganz egal, was er vorher gesagt und getan hat. Und immer wieder, wie wenig einem Menschen genügt, um sich Hoffnungen zu machen. Weil er das so dringend will.

 

Manchmal ist es nur ein Blick, auf dem da irgendeiner sein gesamtes Hoffnungsgebilde aufbaut. Je mehr ich von diesen Geschichten lese, desto glücklicher bin ich, dass ich Tobi habe. Ich wollte ihm das sogar eigentlich grad heute sagen, aber er kommt in letzter Zeit immer so spät nach Hause. Er ist auch richtig müde von der Uni. Er kleidet sich auf einmal auch ganz anders, er hat solche Sportsklamotten von Adidas an, die er früher nie getragen hätte, nicht mal zum Training, und die wir auch nicht zusammen gekauft haben. Sonst waren wir immer zusammen einkaufen, wir sind dann in die Stadt gefahren, und jeder hat für den anderen etwas ausgesucht, von dem er gemeint hat, das würde zu ihm passen. Das war wie ein Wettbewerb. Und es hat auch immer gepasst! Oder wir haben uns jedenfalls nichts anmerken lassen und sind damit rumgelaufen, auch wenn es uns gar nicht gefallen hat – einfach so, aus Liebe. Das ist wirklich romantisch, oder?

Ist natürlich seine Sache, aber als ich ihn auf das Zeug angesprochen habe, meinte er so ganz barsch, irgendwann muss man sich eben auch mal verändern, und irgendwann muss man auch mal was alleine machen. Wir sind nicht aus unserem Dorf rausgekommen und nach Berlin gezogen, um genau so zu bleiben wie vorher. Sondern, um uns zu verändern.

Das hat mir irgendwie Angst gemacht. Er sah dabei auch auf einmal richtig ernst aus, als würde er gar nicht nur von den Anziehsachen reden. Ich weiß noch nicht, was ich verändern soll. Aber vielleicht verändert man sich ja auch von ganz alleine. Dann merkt man plötzlich, dass man über eine bestimmte Sache nicht mehr so denkt wie früher. Und man weiß gar nicht, wie das so passiert ist, Stück für Stück. Ich hoffe, das wird etwas Gutes sein.

Georg

Wenn ich eine Vorstellung am Theater hatte und die Leute mir applaudiert haben und begeistert gejubelt, wenn ich noch mal auf die Bühne gekommen bin und mich verbeugt habe, dann ist es besonders seltsam, anschließend ganz alleine nach Hause zu fahren. Heute war es sogar der allerletzte Abend, die vorerst letzte Vorstellung. Das ist besonders schlimm.

Man verabschiedet sich von den Kollegen, von dieser Art von Familie, die man einander für einen Moment war, und von der Bühne. Was die Zukunft bringt, ist völlig ungewiss.

Später sitzt man in der U-Bahn, und keiner jubelt, wenn man einsteigt, erst recht nicht bei der Agentur für Arbeit ein paar Tage danach. Niemand weiß, was man grade erlebt hat. Es interessiert ja auch keinen. Vielleicht war man grade ein König, ein Herzog oder zumindest ein Narr. Auf dem Weg heim ist man dann wieder nur noch irgendein müder Mensch in der U-Bahn, einer von vielen, der darauf achtet, sich möglichst weit weg von den anderen zu setzen, am liebsten in die Ecke an die Wand, denn dann ist schon mal eine Seite besetzt. Und schließlich unsichtbar machen, bis man wieder aussteigen kann.

Na ja. Wenn das klappen würde mit dem Unsichtbar machen, wäre ja gar nicht schlecht, vor allem, weil ich heute keinen Fahrschein gezogen habe. Das habe ich natürlich vor Begeisterung vergessen, den Blumenstrauß von der Abschlussfeier noch in der Hand, Alkohol und Adrenalin im Blut, ein paar Bilder im Kopf, die ich mir noch aufrufen kann, wenn ich mich ein bisschen darauf konzentriere beim Fahren: Bravo! Bravo! Bravo! Zugabe. Oder was haben sie noch mal gerufen? Vielleicht sogar meinen Namen …

„Einmal den Fahrschein, bitte, junger Mann!“

„Hallo, hören Sie schlecht? Den Fahrschein!!!“

Ich mach die Augen wieder auf. Nein, daran hab ich nicht gedacht. Und wenn doch, vielleicht habe ich gehofft, mir könnte so etwas heute nicht passieren – einen wie mich fragt man doch jetzt nach der Vorstellung nicht nach einem profanen Fahrschein, oder? Das kann das Schicksal unmöglich für mich vorgesehen haben. Das geht doch nicht. Doch. Hat es aber. Das Leben nimmt einfach keine Rücksicht. Hat es noch nie.

Ich muss aussteigen, mit diesen beiden muckeligen Gestalten mitkommen, die jeder Gelegenheitsschwarzfahrer von weitem erkennen würde, diese dilettantisch ungetarnten Kontrollettis mit Hitbags und Karottenhosen, Kugelschreibern in der Brusttasche, auf deren Stirn eintättowiert steht: Achtung, Kontrolle! Rette sich, wer kann!

Es ist eine Schande für jeden anständigen Schwarzfahrer mit etwas Ehre im Leib, von diesen beiden Anfängern erwischt zu werden, so viel ist sicher. Hoffentlich sieht mich keiner. Ich verzichte auf Protest und Meckerei, um die Sache so schnell wie möglich und so unauffällig wie möglich über die Bühne zu bringen, falls das eine ist. Ich setze mein Autogramm unter das BVG-Formular. All der Glanz des Abends ist schon wieder verblasst.

Ich bin eben einer, der in der Masse untergeht, keiner erkennt mein Gesicht auf der Straße. So war das schon immer. Ich strahle nur auf der Bühne. Nur wenn ich angeleuchtet werde, kann ich das Licht reflektieren.

Die beiden verschwinden in diesem Kabuff und kippen sich wahrscheinlich einen hinter die Binde. Die haben zumindest jeder einen, mit dem sie was trinken können und ihre Sorgen teilen. Und das war auch noch die letzte U-Bahn.

Ich laufe diesen Weg, den ich immer nehme, wenn ich vom Theater nach Hause gehe, bei jedem Wetter. Immer wenn ich hier entlangkomme, beim Eiscafé, gucke ich mich einmal um, bloß, um herauszufinden, ob mich nicht gleich so ein Fahrrad mit wild gewordener Amazone drauf von hinten erfasst. Immer wenn es nicht passiert, bin ich ein bisschen enttäuscht.

Das wäre doch mal was: In Filmen stoßen die beiden Hauptfiguren doch auch ständig an Häuserecken zusammen, wenn sie sich kennenlernen. Und einer von beiden hat immer unheimlich viele Einkaufstüten in der Hand, damit alles Mögliche auf den Boden fallen und der andere es dann für ihn aufsammeln kann. Aber in Wirklichkeit ist das nie so, und wahrscheinlich würde ich sie auch gar nicht mehr erkennen, die Dame, ohne Rad und umgeworfenen Tisch und Sonnenschein.

Es ist jetzt schon kälter geworden, und es sitzen tagsüber nicht mehr so viele Frauen vor dem Eiscafé. Bald ist es auch zu kalt zum Fahrradfahren. Das Café macht dann zu, das Eis liegt draußen vor der Tür, und der Schnee dämpft jede Bewegung. Mein nächstes Engagement steht noch in den Sternen und alles andere auch. Weihnachten fahre ich nach Hause, aber Silvester, da bin ich wieder zurück, und davor graut es mir besonders.

Da sollte man doch den küssen, mit dem man dann das ganze Jahr zusammen ist, um zwölf, oder nicht? Unbedingt sogar. Man sollte jedenfalls in dem Moment, wenn man küsst, denken, dass es so sein könnte, dass es der oder die Richtige ist. Und wenn man erst gar nicht küsst, oder man küsst nur einen Verwandten oder einen, der grade zufällig neben einem betrunken in der Gegend herumsteht, nein. Dann kann man sich für das ganze nächste Jahr auch gleich abmelden. Dann ist das schon wieder der totale Fehlstart.

Ich erinnere mich noch an so ein völlig entsetzliches Silvester, als ich mit einem kleinen Haufen von Trostbekanntschaften vor einem Club auf irgendeiner gottverlassenen Straße stand, und schlag zwölf dachten dann alle, sie müssten einen auf alte Freunde tun und sich um den Hals fallen. Und so eine Frau, der man ihre ganze Unzufriedenheit damit, dort mit mir stehen zu müssen, direkt ansehen konnte, hielt mir die schon angetrunkene Sektpulle hin. Und als ich nicht gleich zugegriffen habe, meckerte sie noch so: „Ey, trink, los, ich hab kein Lippenherpes oder so was, o. k.“

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