Anna Karenina | Krieg und Frieden

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

14

Als Alexei Alexandrowitsch in Petersburg ankam, war er nicht nur in diesem Entschlusse vollkommen fest geworden, sondern er hatte auch bereits in seinem Kopfe den Brief entworfen, den er an seine Frau schreiben wollte. In die Loge des Pförtners tretend, warf er einen Blick auf die eingegangenen Briefe und die aus dem Ministerium geschickten Akten und gab Befehl, alles nach seinem Arbeitszimmer zu bringen.

»Ausspannen und niemand vorlassen!« antwortete er auf die Frage des Pförtners mit einem gewissen Behagen, aus dem man auf seine gute Stimmung schließen konnte; einen besonderen Nachdruck legte er dabei auf die Worte: »Niemand vorlassen!«

In seinem Arbeitszimmer ging Alexei Alexandrowitsch zweimal auf und ab und blieb dann vor seinem gewaltigen Schreibtische stehen, auf dem der Kammerdiener, sobald er ihn hatte vorfahren sehen, bereits sechs Kerzen angezündet hatte, knackte mit den Fingern, setzte sich und legte Papier und Feder zurecht. Die Ellbogen auf den Tisch stützend, neigte er den Kopf zur Seite, dachte etwa eine Minute lang nach und begann dann zu schreiben, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten. Er schrieb, ohne sich einer Anrede an seine Frau zu bedienen, und zwar französisch, wobei er das Fürwort vous verwendete, das nicht so kalt klingt wie das entsprechende russische Fürwort.

»Bei unserer letzten Unterredung sagte ich Ihnen, daß ich die Absicht hätte, Ihnen meinen Entschluß über den Gegenstand unseres Gespräches mitzuteilen. Nachdem ich alles sorgsam durchdacht habe, schreibe ich jetzt, um dieses Versprechen zu erfüllen. Mein Entschluß ist folgender: von welcher Art auch immer Ihr Verhalten gewesen sein mag, so halte ich mich doch nicht für berechtigt, die heiligen Bande zu zerreißen, mit denen eine höhere Macht uns verknüpft hat. Die Zusammengehörigkeit der Familie kann nicht durch eine Laune, durch die Willkür, ja nicht einmal durch ein Verbrechen eines der Gatten zerstört werden, und unser Leben muß auch in Zukunft denselben Gang nehmen, den es bisher genommen hat. Dies ist um meinetwillen, um Ihretwillen und um unseres Sohnes willen notwendig. Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie das, was den Anlaß des vorliegenden Briefes bildet, bereut haben und noch bereuen, und daß Sie mir helfen werden, die Ursache unseres Zwistes mit der Wurzel auszureißen und das Vergangene zu vergessen. Andernfalls werden Sie sich selbst sagen können, was Sie und Ihren Sohn erwartet. Ich hoffe, daß ich bei einer persönlichen Zusammenkunft alles dies eingehender mit Ihnen werde besprechen können. Da die Hauptzeit für die Sommerfrische zu Ende geht, so möchte ich Sie bitten, möglichst bald, jedenfalls nicht später als Dienstag, wieder nach Petersburg überzusiedeln. Alle für Ihren Umzug erforderlichen Anordnungen werden getroffen werden. Ich bitte Sie zu beachten, daß ich auf die Erfüllung dieser meiner Bitte besonderen Wert lege.

A. Karenin

PS. Anbei eine Geldsumme, die Sie für Ihre Ausgaben vielleicht benötigen werden.«

Er las den Brief noch einmal durch und war mit ihm zufrieden, namentlich auch damit, daß er daran gedacht hatte, Geld beizufügen; der Brief enthielt kein scharfes Wort und keinen Vorwurf, war aber auch nicht in freundlichem Tone gehalten. Die Hauptsache aber war: er hatte damit seiner Frau eine goldene Brücke zur Rückkehr gebaut. Er faltete den Brief zusammen, strich ihn mit einem großen, kräftigen, elfenbeinernen Papiermesser glatt und steckte ihn mit den Banknoten in einen Umschlag; all das tat er mit jenem Behagen, das die Handhabung seiner vorzüglich beschaffenen Schreibgeräte immer bei ihm hervorrief. Darauf klingelte er.

»Gib das dem Kurier, damit er es morgen zu Anna Arkadjewna nach dem Landhause hinausbringt!« sagte er und erhob sich.

»Zu Befehl, Exzellenz. Befehlen Sie den Tee hier im Arbeitszimmer?«

Alexei Alexandrowitsch befahl, den Tee ins Arbeitszimmer zu bringen, und ging, indem er das kräftige Papiermesser spielend in der Hand bewegte, zu einem Lehnsessel, neben dem auf einem Tische eine Lampe brannte und ein französisches Buch über die Eugubinischen Inschriften lag, dessen Lektüre er begonnen hatte. Über dem Sessel hing in einem ovalen Goldrahmen ein Bild Annas, von einem berühmten Künstler vorzüglich ausgeführt. Alexei Alexandrowitsch betrachtete es. Die rätselhaften Augen blickten ihn spöttisch und keck an, wie an jenem letzten Abend, als er ihr Vorhaltungen gemacht hatte. Unerträglich keck und herausfordernd wirkte auf Alexei Alexandrowitsch der Anblick der von dem Künstler vortrefflich gemalten schwarzen Spitzen auf dem Kopfe sowie der Anblick des schwarzen Haars und der weißen, schönen Hand mit dem von Ringen bedeckten Goldfinger. Nachdem Alexei Alexandrowitsch das Bild etwa eine Minute lang angesehen hatte, schauerte er so zusammen, daß seine Lippen einen Laut des Unwillens hervorbrachten. Er wendete sich ab, setzte sich eilig in den Sessel und öffnete das Buch. Er versuchte zu lesen, vermochte aber nicht das Interesse für die Eugubinischen Inschriften wiederzugewinnen, das vorher bei ihm so lebendig gewesen war. Er blickte in das Buch hinein und dachte an ganz andere Dinge. Er dachte aber nicht an seine Frau, sondern an eine hemmende Schwierigkeit, die vor kurzem in seiner staatsmännischen Tätigkeit eingetreten war und ihn jetzt in höherem Grade als alle seine anderen dienstlichen Angelegenheiten in Anspruch nahm. Er fühlte, daß er jetzt tiefer als je mit seinem Verstande in diesen schwierigen Fall eindrang und daß in seinem Kopfe ein (das konnte er ohne Selbstüberhebung sagen) ausgezeichneter Gedanke in der Bildung begriffen war, der diese ganze Angelegenheit entwirren, ihn in seiner dienstlichen Laufbahn fördern, seine Feinde zu Boden schmettern und somit auch dem Staate den größten Nutzen bringen mußte. Sobald der Diener den Tee aufgetragen und das Zimmer wieder verlassen hatte, stand Alexei Alexandrowitsch auf und trat an seinen Schreibtisch. Nachdem er die Mappe mit den laufenden Angelegenheiten in die Mitte der Platte geschoben hatte, nahm er mit einem ganz leisen, selbstzufriedenen Lächeln einen Bleistift aus dem Ständer und vertiefte sich in die Lektüre eines von ihm eingeforderten umfangreichen und schwierigen Aktenstückes, das sich auf den gegenwärtigen Fall bezog. Der aber war folgender Art: Eine vermeintliche Eigentümlichkeit Alexei Alexandrowitschs in seiner staatsmännischen Tätigkeit, ein nach seiner Überzeugung ihm besonders eigener Charakterzug, den sich aber jeder hervorragende Beamte zuschreibt, ein Charakterzug, der, im Verein mit seinem hartnäckigen Ehrgeiz, seiner klugen Zurückhaltung, seiner Ehrenhaftigkeit und seinem Selbstvertrauen, ihm zu seiner glänzenden Laufbahn verholfen hatte, bestand in der Geringschätzung des amtlichen Aktenwesens, in dem Dringen auf Einschränkung des amtlichen Hin- und Herschreibens zwischen den Behörden, in der Absicht, nach Möglichkeit unmittelbar an den Kern einer jeden Frage heranzutreten, und in seiner Sparsamkeit. Nun hatte sich in der berühmten Kommission vom 2. Juni etwas Eigenartiges zugetragen: die Angelegenheit der Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk, die zum Dienstbereich des Ministeriums gehörte, in dem Alexei Alexandrowitsch arbeitete, und die allerdings ein krasses Beispiel unfruchtbarer Ausgaben und papierner Behandlungsweise bot, diese Angelegenheit war von einem andern Ministerium zur Sprache gebracht worden. Alexei Alexandrowitsch wußte, daß die tadelnde Kritik begründet war. Diese Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk war von dem Vorgänger seines Vorgängers eingerichtet worden. Und in der Tat, eine Menge Geld war für diese Sache bereits aufgewandt worden und wurde noch fortdauernd dafür aufgewandt, und zwar völlig ertraglos; es war klar, daß die ganze Sache zu nichts führen konnte. Alexei Alexandrowitsch hatte, als er in sein jetziges Amt eintrat, dies sofort erkannt und sich vorgenommen, die Sache in Angriff zu nehmen; aber in der ersten Zeit, wo er sich in seiner Stellung noch nicht hinreichend befestigt fühlte, hatte er bedacht, daß ein Eingreifen die Interessen gar zu vieler Leute verletzen würde und daher unklug sei; und später hatte er, stark mit anderen Dingen beschäftigt, diese Sache einfach vergessen. Sie ging wie all solche Sachen nach dem Beharrungsgesetze von selbst in demselben Geleise weiter. (Viele Leute hatten davon ihren Lebensunterhalt, so namentlich auch eine sehr moralische und musikalische Familie, deren sämtliche Töchter Saiteninstrumente spielten. Alexei Alexandrowitsch kannte diese Familie und war Brautvater bei einer der älteren Töchter gewesen.) Daß ein feindliches Ministerium diese Angelegenheit aufrührte, betrachtete Alexei Alexandrowitsch als eine wenig ehrenhafte Handlungsweise, da es in jedem Ministerium noch ganz andere Sachen gebe, an denen dennoch aus einer Art von dienstlichem Anstandsgefühl niemand rühre. Da man ihm aber nun einmal den Fehdehandschuh hingeworfen hatte, so hatte er ihn kühn aufgenommen und die Einsetzung einer besonderen Kommission verlangt zum Zwecke des Studiums und der Revision der Arbeiten der Kommission für Berieselung der Felder im Gouvernement Saraisk; aber zur Vergeltung hatte er nun auch seinerseits diesen Herren nichts durchgehen lassen. Er hatte auch noch die Einsetzung einer besonderen Kommission in Sachen der Verwaltungseinrichtungen bei den kleinen Volksstämmen nichtrussischer Nationalität verlangt. Diese Angelegenheit der Verwaltungseinrichtungen der Fremdvölker war zufällig in der Kommission vom 2. Juni zur Sprache gekommen, und Alexei Alexandrowitsch hatte mit allem Nachdruck betont, daß diese Angelegenheit bei der bedauernswerten Lage der Fremdvölker schlechterdings keinen Aufschub dulde. In der Komiteesitzung hatte diese Angelegenheit die Veranlassung zu einem scharfen Wortwechsel zwischen mehreren Ministerien gegeben. Das gegen Alexei Alexandrowitsch feindlich gesinnte Ministerium hatte darauf den Beweis geführt, daß die Fremdvölker sich in einem geradezu blühenden Zustande befänden und daß die vorgeschlagene Umgestaltung der Verwaltungseinrichtungen diesen blühenden Zustand möglicherweise vernichten könne; wenn aber wirklich etwas nicht in guter Ordnung sei, so komme das lediglich daher, daß Alexei Alexandrowitschs Ministerium die durch das Gesetz vorgeschriebenen Maßregeln nicht zur Anwendung gebracht habe. Jetzt also beabsichtigte Alexei Alexandrowitsch folgendes zu fordern; erstens, es solle eine neue Kommission eingesetzt werden mit dem Auftrage, den Zustand der Fremdvölker an Ort und Stelle zu untersuchen; zweitens, wenn es sich erweise, daß die Lage der Fremdvölker tatsächlich eine solche sei, wie sie nach den in den Händen des Komitees befindlichen amtlichen Unterlagen erscheine, so solle noch eine andere, neue, wissenschaftliche Kommission gebildet werden zur Untersuchung der Ursachen dieses unerfreulichen Zustandes der Fremdvölker, und zwar von folgenden Gesichtspunkten aus: a) vom politischen, b) vom administrativen, c) vom ökonomischen, d) vom ethnographischen, e) vom materiellen und f) vom religiösen; drittens, es solle dem feindlichen Ministerium aufgegeben werden, einen Bericht vorzulegen über die Maßregeln, die dieses Ministerium während der letzten zehn Jahre zur Verhütung der ungünstigen Verhältnisse getroffen habe, in denen sich die Fremdvölker jetzt befänden; und endlich viertens, das Ministerium solle zu einer Erklärung darüber aufgefordert werden, weshalb es, wie sich aus den dem Komitee zugegangenen Berichten unter Nr. 17015 und Nr. 18308 vom 5. Dezember 1863 und vom 7. Juni 1864 ergebe, dem Sinne des organischen Grundgesetzes, Band ... Artikel 18 und Artikel 36 Anmerkung, direkt zuwidergehandelt habe. Die Röte lebhafter Erregung überzog Alexei Alexandrowitschs Gesicht, als er sich schnell eine kurze Übersicht dieser Gedanken niederschrieb. Nachdem er einen Bogen vollgeschrieben hatte, stand er auf und klingelte; dann schrieb er einen Zettel und schickte ihn an den Subdirektor, um sich die Auskünfte zu verschaffen, deren er noch bedurfte. Nun stand er wieder auf, ging im Zimmer auf und ab, blickte nochmals nach dem Bild, zog die Brauen zusammen und lächelte geringschätzig. Darauf las er noch ein Weilchen in dem Buche über die Eugubinischen Inschriften, für die er wieder Interesse gewann. Um elf Uhr ging er schlafen, und als er, im Bett liegend, sich den Vorfall mit seiner Frau ins Gedächtnis zurückrief, da erschien er ihm gar nicht mehr in so trübem Lichte.

 

15

Anna hatte zwar hartnäckig und erregt widersprochen, als Wronski ihr gesagt hatte, daß ihre Lage auf die Dauer unmöglich sei; aber in der Tiefe ihrer Seele hatte doch auch sie ihre Lage für unwahrhaft und unehrenhaft gehalten und von ganzem Herzen gewünscht, sie zu ändern. Als sie dann mit ihrem Manne vom Rennen nach Hause fuhr, hatte sie ihm in einem Augenblicke der Aufwallung alles gesagt und war trotz des Schmerzes, den sie dabei empfunden hatte, froh gewesen, es getan zu haben. Nachdem dann ihr Mann sie allein gelassen, hatte sie sich gesagt, sie sei froh, daß jetzt alles ins klare komme und wenigstens die Lüge und Verstellung aufhöre. Es war ihr als zweifellos erschienen, daß jetzt ihre Lage für immer geregelt werden würde. Sie hatte sich gesagt, diese neue Lage könne ja möglicherweise übel sein; aber sie werde doch geregelt sein und frei von Unklarheit und Lüge. Der Schmerz, den sie sich und ihrem Mann dadurch bereitet habe, daß sie so offen gesprochen habe, werde jetzt dadurch wieder ausgeglichen werden, daß nun alles in einen geregelten Zustand komme. An diesem Abend hatte sie dann noch ein Zusammensein mit Wronski gehabt, hatte ihm aber nicht gesagt, was zwischen ihr und ihrem Manne vorgegangen war, obgleich sie zur Klärung und Regelung der Lage es ihm hätte sagen müssen.

Als sie am anderen Morgen aufwachte, waren die Worte, die sie zu ihrem Manne gesprochen hatte, das erste, was ihr in den Sinn kam, und diese Worte erschienen ihr so schrecklich, daß sie jetzt gar nicht begreifen konnte, wie sie es hatte über sich gewinnen können, diese seltsamen, rohen Worte auszusprechen, so schrecklich, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, was nun die Folge sein werde. Aber gesprochen waren die Worte nun einmal, und Alexei Alexandrowitsch war weggefahren, ohne etwas gesagt zu haben. ›Ich habe Wronski gesehen‹, sagte sich Anna, ›und ihm nichts davon gesagt. Noch in dem Augenblicke, als er fortging, wollte ich ihn zurückrufen und es ihm sagen; aber ich gab diese Absicht wieder auf, weil er es doch seltsam gefunden hätte, daß ich es ihm nicht gleich im ersten Augenblick gesagt hatte. Wie kam das nur, daß ich es ihm zwar sagen wollte, es ihm aber doch nicht sagte?‹ Und als Antwort auf diese Frage übergoß glühende Schamröte ihr Gesicht. Sie sah ein, was sie davon zurückgehalten hatte; sie sah ein, daß es die Scham gewesen war. Ihre Lage, die sie am Abende des vorhergehenden Tages für geklärt gehalten hatte, erschien ihr jetzt auf einmal nicht nur als noch ganz ungeklärt, sondern geradezu als verzweifelt. Sie fürchtete die Schande, an die sie früher überhaupt nicht gedacht hatte. Und als sie jetzt überdachte, was ihr Mann wohl tun könne, da kamen ihr die schrecklichsten Vermutungen. Es kam ihr der Gedanke, es werde unverzüglich der Geschäftsführer erscheinen und sie aus dem Hause treiben, und so werde dann ihre Schande der ganzen Welt offenbar werden. Sie fragte sich, wohin sie sich begeben solle, wenn man sie aus dem Hause triebe, und fand auf diese Frage keine Antwort.

Wenn sie an Wronski dachte, so hatte sie jetzt die Vorstellung, er liebe sie nicht mehr, er fange schon an, sie als eine Last zu betrachten, und ihr Stolz raunte ihr zu, sie könne sich ihm doch nicht anbieten; so erwachte in ihr geradezu ein Gefühl der Feindschaft gegen ihn. Es war ihr, als ob sie die Worte, die sie zu ihrem Manne gesagt hatte und die sie sich in Gedanken unaufhörlich wiederholte, zu allen Menschen gesagt hätte, und als ob alle Menschen sie gehört hätten. Sie wagte nicht, den Leuten, die sie um sich hatte, in die Augen zu sehen; sie wagte nicht, ihre Kammerjungfer zu rufen, und noch weniger, hinunterzugehen und ihrem Sohne und seiner Gouvernante gegenüberzutreten.

Die Kammerjungfer, die schon lange an der Tür gehorcht hatte, kam nun von selbst zu ihr ins Zimmer. Anna blickte ihr fragend in die Augen und errötete erschrocken. Die Kammerjungfer bat um Entschuldigung, daß sie hereingekommen sei; sie habe geglaubt, es sei geklingelt worden. Sie brachte ein Kleid und ein Briefchen. Das Briefchen war von Betsy. Betsy erinnerte sie daran, daß an diesem Vormittage Lisa Merkalowa und die Baronin Stoltz mit den beiden Verehrern jener, dem Fürsten Kaluschski und dem alten Stremow, sich zu einer Krocketpartie bei ihr zusammenfinden würden. »Kommen Sie wenigstens zum Zusehen, zum Zwecke des Studiums der Sittenlehre. Ich erwarte Sie«, schloß sie.

Anna las das Briefchen und seufzte schwer.

»Ich brauche weiter nichts«, sagte sie zu Annuschka, die damit beschäftigt war, die Fläschchen und Bürsten auf dem Toilettentische handlich zu ordnen. »Geh nur; ich werde mich gleich anziehen und hinunterkommen. Ich brauche nichts weiter.«

Annuschka ging hinaus; Anna aber kleidete sich nicht an, sondern blieb in derselben Haltung, mit gesenktem Kopfe und schlaff herabhängenden Armen, sitzen; ab und zu zuckte sie mit dem ganzen Körper zusammen, als ob sie eine Handbewegung machen, etwas sagen wollte; aber sofort versank sie auch wieder in denselben Zustand der Starrheit. Sie wiederholte unaufhörlich: ›Mein Gott! Mein Gott!‹ Aber weder das Wort Gott noch das Wort mein hatte für sie irgendwelchen Sinn. Der Gedanke, für ihre Lage Hilfe in der Religion zu suchen, war ihr, obgleich ihr nie Zweifel an der Religion gekommen waren, in der man sie erzogen hatte, doch genau ebenso fremd wie der, bei Alexei Alexandrowitsch selbst Hilfe zu suchen. Sie wußte im voraus, daß Hilfe durch die Religion für sie nur unter der Bedingung möglich sei, daß sie auf das verzichtete, was doch für sie den gesamten Lebensinhalt ausmachte. Es war ihr nicht nur schwer ums Herz, sondern sie begann sich auch vor diesem neuen Seelenzustande, den sie bisher noch nie kennengelernt hatte, zu fürchten. Sie hatte eine Empfindung, als ob sich in ihrer Seele alles verdoppele, so wie sich mitunter vor ermüdeten Augen die Gegenstände verdoppeln. Sie wußte zeitweilig nicht, was sie eigentlich fürchtete und was sie eigentlich wünschte. Ob sie das, was war, oder das, was die Zukunft bringen werde, fürchtete und wünschte und was sie denn nun eigentlich wünschte, das wußte sie nicht.

›Ach, was tue ich da!‹ sagte sie zu sich, als sie auf einmal einen Schmerz an beiden Seiten des Kopfes empfand. Nachdem sie ihre Gedanken gesammelt hatte, merkte sie, daß sie ihre Haare an den Schläfen mit beiden Händen gepackt hielt und zusammenzog. Sie sprang auf und ging im Zimmer hin und her.

»Der Kaffee ist fertig, und Mamsell und Sergei warten«, meldete Annuschka, die zurückkehrte und Anna noch nicht weiter angekleidet fand.

»Sergei? Was macht Sergei?« fragte Anna, auf ein mal lebhafter werdend; zum erstenmal an diesem ganzen Morgen erinnerte sie sich an das Dasein ihres Sohnes.

»Er hat etwas begangen, glaube ich«, antwortete Annuschka lächelnd.

»Was heißt das: ›er hat etwas begangen‹?«

»Im Eckzimmer hatten Sie eine Schale mit Pfirsichen stehen; davon hat er einen heimlich gegessen, glaube ich.«

Durch den Gedanken an ihren Sohn wurde Anna auf einmal aus der Verzweiflung herausgerissen, in der sie sich über ihre Lage befand. Sie gedachte der zum Teil aufrichtigen, wenn auch stark übertriebenen Rolle der nur für ihren Sohn lebenden Mutter, die sie in den letzten Jahren durchgeführt hatte, und wurde sich mit Freude bewußt, daß sie trotz ihrer üblen Lage doch ein Gebiet hatte, das von ihrem Verhältnisse zu ihrem Manne und zu Wronski unabhängig war. Dieses Gebiet war ihr Sohn. Wie sich ihre eigene Lage auch gestalten mochte, ihren Sohn konnte sie nicht verlassen. Mochte ihr Mann sie auch der Schande preisgeben und verstoßen, mochte auch Wronski gegen sie kalt werden und sein unabhängiges Leben fortsetzen (wieder war die Erinnerung an ihn mit Vorwürfen und mit Bitterkeit verbunden), von ihrem Sohne konnte sie sich nicht lossagen. Sie hatte einen Lebenszweck, und sie mußte handeln, handeln, um dieses Verhältnis zu ihrem Sohne zu sichern, damit man ihn ihr nicht nehmen könne. Sie mußte sogar schnell handeln, so schnell wie nur irgend möglich, ehe man ihn ihr noch genommen hatte. Sie mußte ihren Sohn nehmen und mit ihm wegreisen. Das war das einzige, was sie jetzt tun konnte und mußte. Sie mußte zur Ruhe gelangen und aus dieser qualvollen Lage herauskommen. Der Gedanke an ein eigenes Handeln, das ihren Sohn betraf, und an die sofortige Abreise mit ihm nach einem noch unbestimmten Ziele verlieh ihr diese notwendige Ruhe.

Sie kleidete sich schnell an, ging hinunter und trat mit festem Schritt in das Wohnzimmer, wo wie gewöhnlich der Kaffee und Sergei mit seiner Gouvernante auf sie warteten. Sergei, in weißem Anzuge, stand an einem Tische unter dem Spiegel, den Rücken und den Kopf herabbeugend; mit dem Ausdrucke gespannter Aufmerksamkeit, den sie an ihm kannte und der ihn seinem Vater ähnlich machte, nahm er mit den Blumen, die er mitgebracht hatte, irgend etwas vor.

Die Gouvernante machte eine besonders strenge Miene. Sergei rief überlaut, wie er das öfters tat: »Ah, Mama!« und blieb unschlüssig stehen: sollte er die Blumen hinlegen und zu seiner Mutter gehen, um sie zu begrüßen, oder sollte er erst den Kranz fertigmachen und dann mit diesem zu ihr gehen.

Die Gouvernante begann nach der Begrüßung langsam und ausführlich das Vergehen zu berichten, das Sergei begangen hatte; aber Anna hörte ihr nicht zu; sie überlegte unterdessen, ob sie die Gouvernante mitnehmen solle. ›Nein, ich will sie nicht mitnehmen‹, war das Ergebnis ihrer Überlegung. ›Ich will mit meinem Sohn allein reisen.‹

»Ja, das war sehr unartig«, sagte Anna, faßte ihren Sohn an der Schulter, sah ihn nicht mit einem strengen, sondern vielmehr mit einem schüchternen Blicke an, der den Knaben in Verlegenheit setzte und erfreute, und küßte ihn. »Lassen Sie ihn nur bei mir!« sagte sie zu der verwunderten Gouvernante und setzte sich, ohne die Hand ihres Sohnes loszulassen, an den Kaffeetisch, auf dem alles bereit war.

»Mama, ich ... ich wollte nicht ...«, sagte er und versuchte aus ihrem Gesichtsausdruck zu erraten, was seiner für den Pfirsich warte.

»Sergei«, sagte sie, sobald die Gouvernante das Zimmer verlassen hatte, »das war unartig; aber du wirst es nicht wieder tun, nicht wahr? ... Du hast mich doch lieb?«

 

Sie fühlte, daß ihr die Tränen in die Augen traten. ›Ist es denn denkbar, daß ich ihn jemals nicht mehr lieben sollte?‹ sagte sie zu sich selbst, während sie in seine erschrockenen und zugleich freudig aufleuchtenden Augen tief hineinschaute. ›Sollte er wirklich je mit seinem Vater eines Sinnes darin werden, über mich den Stab zu brechen? Wird er wirklich mit mir kein Mitleid haben?‹ Die Tränen liefen ihr schon über das Gesicht, und um sie zu verbergen, stand sie plötzlich auf und eilte, fast laufend, auf die Terrasse hinaus.

Nach dem Gewitterregen der letzten Tage war kühles, klares Wetter eingetreten. Trotz des hellen Sonnenscheins, der durch das vom Regen blank gewaschene Laubwerk der Bäume drang, war es in der Luft kalt.

Sie schauderte zusammen, sowohl vor Kälte wie auch infolge der inneren Angst, die sie in der reinen Luft mit neuer Kraft überfiel.

»Geh zu Mariette, geh!« sagte sie zu Sergei, der hinter ihr her herausgekommen war, und begann auf der Strohmatte, die auf der Terrasse lag, auf und ab zu gehen. ›Werden die Menschen mir denn wirklich nicht verzeihen und nicht verstehen, daß das alles so kommen mußte, mußte?‹ fragte sie sich selbst.

Sie blieb stehen und blickte nach den im Winde schwankenden Wipfeln der Eichen mit den reingewaschenen, im kalten Sonnenschein glänzenden Blättern, und sie war überzeugt, daß die Menschen ihr nicht verzeihen würden, daß alles und alle jetzt gegen sie ebenso erbarmungslos sein würden wie dieser Himmel und wie dieses Grün. Und wieder hatte sie die Empfindung, daß sich in ihrer Seele etwas zu verdoppeln anfange. ›Nur nicht denken, nur nicht denken!‹ sagte sie bei sich. ›Ich muß mich zur Reise fertigmachen. Wohin soll ich reisen? Wann? Wen soll ich mitnehmen? Ja, ich will nach Moskau fahren, mit dem Abendzug. Annuschka und Sergei will ich mitnehmen, und nur die notwendigsten Sachen. Aber vorher muß ich an beide schreiben.‹ Schnell ging sie ins Haus, in ihr Zimmer, setzte sich an den Tisch und schrieb an ihren Mann:

»Nach dem, was vorgefallen ist, kann ich nicht länger in Ihrem Hause bleiben. Ich reise ab und nehme meinen Sohn mit. Ich kenne die gesetzlichen Bestimmungen nicht und weiß daher nicht, bei wem von den Eltern der Sohn bleiben muß; aber ich nehme ihn mit, weil ich ohne ihn nicht leben kann. Seien Sie großmütig und lassen Sie ihn mir!«

Bis dahin hatte sie schnell, und wie es ihr in die Feder kam, geschrieben; aber der Appell an seine Großmut, die sie bei ihm gar nicht für ein mögliches Gefühl hielt, und anderseits die Notwendigkeit, dem Briefe irgendeinen rührenden Schluß zu geben, brachten sie zum Stocken.

»Von meiner Schuld und meiner Reue kann ich nicht reden, weil ...«

Wieder hielt sie inne, da sie in ihren Gedanken keinen logischen Zusammenhang fand. ›Nein‹, sagte sie bei sich, ›so etwas darf ich nicht schreiben.‹ Sie zerriß den Brief, schrieb ihn noch einmal mit Weglassung der Stelle von der Großmut und siegelte ihn zu.

Einen zweiten Brief mußte sie an Wronski schreiben. »Ich habe meinem Manne mitgeteilt«, schrieb sie und saß dann lange da, ohne daß sie in sich die Kraft zum Weiterschreiben gefunden hätte. Das war so roh, so unweiblich. ›Und dann, was kann ich ihm denn eigentlich schreiben?‹ dachte sie. Wieder überzog Schamröte ihr Gesicht; sie mußte an sein ruhiges Wesen denken, und ein Gefühl des Ärgers über ihn veranlaßte sie, den Briefbogen mit dem angefangenen Satze in kleine Stücke zu zerreißen. ›Ich brauche ihm gar nichts zu schreiben‹, sagte sie sich; sie legte die Briefmappe zusammen, ging hinauf, teilte der Gouvernante und der Dienerschaft mit, daß sie heute nach Moskau fahren werde, und machte sich sofort daran, die Sachen zu packen.