Wrong turn

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Getroffen sank der Mann zu Boden.

Er betrachtete seinen Fund: ein Matchgewehr Modell 54 mit Zweibein und einem Zielfernrohr. Kurz wunderte er sich über den guten Fund, als er schon aus den Augenwinkeln die drei Jeeps auftauchen sah. Hansen würde keine Chance haben.

Sofort nahm er eine bequeme Position ein, wickelte sich den Gurt des Gewehrs einmal um den rechten Arm und zielte sorgfältig. Atmete tief aus. Drückte ab.

Der erste Jeep verlor die Kontrolle als seine Kugel eins der Vorderräder traf. Der schlingernde Wagen krachte gegen den zweiten, der sofort stehenblieb. Männer stiegen aus und besahen sich den Schaden.

Bleibt nur noch Nummer drei.

Wieder zielte er, hochkonzentriert. Schoss. Die Kugel verfehlte das Ziel um einen Meter. Schnell lud er nach, maß Strömungswinkel per wilder Schätzung und zielte diesmal weit nach vorne. Der Fahrer schien über einen sechsten Sinn zu verfügen, denn im richtigen Moment machte der Jeep einen Satz nach rechts und wieder verfehlte Max ihn.

„Verdammt“, hauchte er verzweifelt und legte wieder an.

Zielte, hielt kurz den Atem an und schoss.

Diesmal traf er.

Der Jeep wurde langsamer und blieb schließlich stehen, während das andauernde Hupen Maxs dumpfe Befürchtungen nur bestätigten. Den Reifen hatte er nicht getroffen…

Er biss sich auf die Unterlippe und zischte einen Fluch.

Hansen war erstmal in Sicherheit, aber Max rechnete den achten Toten auf sein Konto.

Warte, bis ich dich erwische!

Kurze Rufe wurden laut. Mittlerweile hatten die Autofahrer begriffen, woher die Schüsse kamen. Schnell ließ er das Gewehr liegen und rannte zur Nordseite, wo er eine Feuertreppe entdeckte. Hastig kletterte er nach unten, sprang auf einen Müllcontainer und kam am Boden auf. Jetzt hieß es unbemerkt verschwinden, und gleichzeitig schnell zu Hansen aufschließen.

Max hatte alle Mühe, diese beiden Gegensätze im Tumult zu vereinen. Indem er sich einer Suchtruppe anschloss und ein braves Gangmitglied spielte, kam er so nahe wie möglich heran – schließlich trennte er sich von der Gruppe und lief geduckt in eine Gasse zwischen einfachen Zweckbauten, die wie alles auf Oasis verfallen und ausgemustert wirkten.

Schon nahm er wieder Kontakt auf: „Smith, wo ist Hansen?“

„Oh, dir geht es gut. Soll ich Teams Eins und Drei runterschicken, Boss? Sind gerade bereit. Dauert keine zwanzig Minuten.“

„Nein.“

„Aber Boss…“

„Ich will keinen Krieg, Smith. Selbst wenn es unseren Tod bedeutet.“

Pause. Smith schien zu überlegen. „Das schaffst du nicht alleine, Boss. Die wollen ihn wiederhaben – und den Penner tot sehen. Die werden alles auf den Kopf stellen. Sind in Dreier-Teams unterwegs zu dir. Lass dich nicht erwischen.“

Max schluckte. Ein Worst-Case-Szenario, vor dem er sich schon immer gefürchtet hatte. Seine anfängliche Wut über Hansen brandete auf in einer Wolke aus Magma, das ihm fast schlecht wurde. „Wo steckt er?“

„In einem Parkhaus. Klug ist er nicht“, bemerkte Smith und schien sich zu wundern. „Wenn sie ihn entdecken, sitzt er in der Falle. Oberstes Deck, genau vierhundert Meter in südlicher Richtung. Ist leider nicht zu verfehlen.“

„Was weißt du über La Muerte?“

„Wir haben allein sechszehn Einträge…“

„Roxanne.“

Pause.

„Schlimm.“

Max erstarrte bei dem Wort. „Wie schlimm?“

„Roxanne Culdoras. Brucha. La Muerte.“ Er schien Momente zu brauchen, um die Informationen zu verarbeiten. „Boss, das ist eine sehr gefährliche Frau. Sängerin, Tänzerin und Exfrau von Diego Chonce Palvias, Erster Khan des Drogenkartells von Spanien. Hat von ihm gelernt, und ihn selbst erschossen. Kann mehrere Sprachen und vollstreckt selbst die Urteile. Erst der russische Geheimdienst hat sie schließlich erwischt. Ist seit drei Wochen hier. Die müssen wir im Auge behalten.“

Max stöhnte leise und schloss die Augen. Er verlor allen Mut – und einen nicht geringen Teil seines Verstands dazu. Er war sich nicht mal bewusst, dass er zu lange an einem Ort verweilte, bis er von Weitem Schüsse hörte. Bad Woman.

Böses Blut.

Eine rothaarige, grünäugige Spanierin.

Als Hexe und der Allerheiligste Tod verehrt.

Er prüfte seine Gefühle und konnte nicht verstehen, was gerade mit ihm los war. Seltsamerweise… wollte er sie jetzt mehr als je zuvor.

„Schätze, ich brauche eine Therapie“, seufzte er leise, zog seine Waffe und machte sich schnell auf dem Weg.

Der erste Trupp hatte Hansen und Brown erspäht und tat etwas, was für einen gebildeten Soldaten undenkbar war: sie griffen an und warteten nicht auf Verstärkung.

Max hechtete über den ersten Wagen, den jemand quer an der Einfahrt zum Parkhaus gestellt hatte. Die erste Leiche war ein junger Mann mit einem Schrotgewehr, an dem Max kurz anhielt. Schnell tastete er seine Taschen ab und fand ein Klapphandy, mit denen sie sich wohl untereinander verständigten. Das war gut. Weniger gut war, dass gerade ein Kampf über ihn stattfand. Die zweite Leiche ließ nicht lange auf sich warten. Schnell hastete er nach oben und konnte gerade noch so miterleben, wie Hansen in bester Wildwestmanier den Letzten der drei tötete.

Etwas außer Atmen kam er auf dem obersten Deck an und bedeutete Hansen nicht zu schießen, der mit einem völlig aufgelösten Michel Brown neben einem Bus standen und erbärmlich aussahen: Michel Brown hatte eine schlimme Platzwunde am Kopf und jammerte leise, was der ganze Mist denn sollte während Hansen mit einem blutverschmierten Hemd und einem gefährlichen Flackern in den Augen der ganzen Welt von Oasis gerade den Kampf angesagt hatte.

Zum Glück für Max erkannte er ihn rechtzeitig und ließ seine Waffe sinken.

„Gott sei Dank, da sind Sie ja!“ schnaufte Hansen erleichtert und wurde im nächsten Augenblick wieder anmaßend: „Das haben Sie allein mir zu verdanken, dass…“

Der Schlag riss ihn von seinen Füßen, dass er fast im Flug eine hundertachtzig Grad-Drehung um die Achse machte und hart auf den Beton prallte. Krümmend hielt er sich die Nase, aus der das Blut nur so strömte. Max war noch nicht fertig mit ihm. Doch zuerst wandte er sich an Brown, der seinen Retter in Max mutmaßte. „Himmel, Sie kommen genau rechtzeitig! Der ist verrückt!“

„Ach, wirklich?“ Er reichte Hansen die Hand, während er mit der anderen hinter seinem Rücken den Sezierer aus der Umhängetasche holte. „Sind Sie Michel Brown?“

Brown verstand die Geste falsch und ergriff lächelnd den Arm. „Ja, das bin ich. Hat Roxanne sie geschickt? Guter Mann, sie können sich alles wünschen…“

Max griff zu, riss ihn nach vorne und drückte den Injektionsstift in seinen Hals. Brown verstand die Welt nicht mehr, fasste sich an den Hals und starrte Max aus glasigen Augen an. „Warum…?“

Dann sackte er zusammen und war für eine lange Zeit nicht mehr ansprechbar.

Währenddessen war Hansen mit hochrotem Kopf aufgestanden. „Sind Sie verrückt geworden!?“

Max packte zu und schüttelte den Killer. „Elf Männer sind tot! Hast du den verdammten Verstand verloren!?“

„Ganz ruhig. Das sind doch alles Krim-“

Wieder ein Schlag. Max war so aufgeregt, dass er beim Sprechen schon spuckte: „Das war Mord, du Bastard! Kaltblütiger Mord von einem Wahnsinnigen. Gleich elf Mal. Ich lasse dich mit deinen Händen die Namen der Toten in Stein meißeln, und zwar ohne Meißel und Hammer und dann entscheide ich, ob ich dich kleine Ratte nicht einfach hierlasse.“

Hansen zuckte erschrocken zusammen. „Das wird Waldmann…“

„Scheiß auf ihn! Und scheiß auf dich!“ Max packte sein Kinn und drückte so fest zu, als wolle er Saft daraus pressen. „Das sind Menschen, Spiro. Sie wurden schon bestraft, indem sie hierherkamen. Nichts wird etwas daran ändern.“ Er holte aus und versetzte ihm einen Schwinger, dass Hansen wie ein Schweizer Taschenmesser zusammenklappte. „Du hast einen Krieg angefangen, Junge.“ Er atmete schwer und sah sich zur Auffahrt um. „Die werden uns jagen. Und sie werden Hilfe Snown. PureSky ist die einzige Konstante im diesen Chaos. Sie haben über Jahre Verträge geschlossen und werden ihre Bündnispartner auf den Plan rufen. Die Gregs, die Army of Brothers, die H-66… jeden, den sie mit Drogen beliefert haben, wird hier auftauchen.“ Er holte tief Luft, und kurz flackerten Szenarien der schrecklichsten Art vor sein geistiges Auge. Ihn durchlief ein Schaudern. „Fast neunzigtausend Verbrecher. Deine Taten können nicht gerechtfertigt sein…“

Zu seiner Überraschung war Hansen schnell wieder auf den Beinen und konterte mit einem flinken Haken, den Max kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Getroffen wankte er gegen ein Auto.

Hansen wirkte, als würde er sich gleich auf Max stürzen wollen: die Augen kalt, die Schultern nach vorne und die Arme wie ein Preisboxer haltend. Doch bevor es richtig losgehen konnte, ließ Hansen die Deckung fallen und lächelte. „Vierzehn.“

„Was?“

„Vierzehn Millionen für diesen Dreck, Snow.“

„Natürlich Geld…“

„Was sonst, Snow? Während Sie weiter in der Station Akten sortieren, sitze ich in drei Wochen auf den Bermudas und schlürfe ich Drinks in der Sonne.“

Max schüttelte den Kopf. „Derrick und du habt den Verstand verloren. Meinetwegen ist es die Hölle, wenn einem Vater so etwas passiert. Ja, das sehe ich ein. Aber das rechtfertigt keinen Mord! Gott, bin ich der einzige hier, der das so sieht!?“ Er stampfte wütend auf.

Hansen zeigte auf den schlummernden Brown. „Er sieht es bestimmt so wie du!“ Wankend kam er auf die Füße und zeigte gen Himmel. „Dann hol doch deine ach so tollen Teams her…“

 

„Warum?“ wollte Max wissen.

„Um zu kämpfen?“

Max sah ihn an, als hätte er mehrere Klassen ausgelassen. „Wie bitte!? Sechs Söldner gegen neunzigtausend? Nie im Leben. Das ist doch keine griechische Tragödie!“

„Dann hol schon dein Raumschiff her“, zischte Hansen. „Und lass uns endlich verschwinden.“

„Dafür ist es zu spät.“ Er starrte den sprachlosen Hansen an und verspürte keine Lust mehr mit ihm zu streiten. „Alles ist zu spät. Die Gulfire ist fort. Und in dem Tumult kommt sie erst gar nicht auf den Boden. Wir müssen warten.“

„Wie lange denn?“

„Sehr, sehr lange.“

In dem Moment ertönte eine Autohupe.

Ein weißes Taschentuch schwenkend bewegte sich Max auf die Brüstung des Daches zu. Von hier hatte man einen herrlichen Blick auf die Straße. Und die Straße war voll.

Ein Dutzend Jeeps mit Männern und Frauen, die böse nach oben starrten. Max kam sich wie auf einem Präsentierteller vor und schwenkte mit mehr Nachdruck sein weißes Tuch. Niemand rührte sich. Dann bemerkte er den Grund.

Sie war noch nicht da.

Langsam fuhr eine Limousine vor. Ein Prunkstück, dessen Lack so festlich glänzte, als hätten alle Kriminelle von Oasis jedes Stäubchen Glitter gesammelt, um es im Lack zu verewigen. Schrecklich unpraktisch, fand Max, aber Stil hatte es.

Roxanne- Brucha und la Muerte in einer Person- hatte ihre Gruppe in Griff. Niemand sagte ein Ton oder rührte sich von der Stelle, bis sie endlich ausgestiegen war und sich neben einem Jeep lehnend positioniert hatte. Mit einer Fuchsstola und einem schwarzen Kleid sah sie wie eine wahrhaftige Königin aus. Was sie wohl auch wahr.

Max konnte sein Pech kaum fassen: konnte es nicht eine Pilotin sein? Oder die nette Sekretärin im Hauptlabor? Oder sonst irgendwer. Als hätte Preston Smith nicht schon mit wenigen Worten das Unheil in groben Zügen beschrieben, konnte er sich jetzt vor Ort überzeugen, dass mit Roxanne nicht gut Kirschen essen war. Er konnte förmlich riechen, wie sie Ärger zum Frühstück verspeiste und mittags eine doppelte Portion verlangte… nur, um dann am Abend die Welt in Brand zu stecken.

Sie spuckte ein Kaugummi aus und blickte interessiert nach oben, als wäre ihr bei einem Spaziergang eine interessante Kleinigkeit am Wegesrand aufgefallen. Erstaunt zog sie die Luft ein. „Ich hätte nicht gedacht, dich unter diesen Umständen wiederzusehen.“

Max spürte, wie sich seine Mundwinkel automatisch nach oben zogen.

Sie erinnert sich an mich.

Der Rationale Teil in ihm wollte fliehen. Runter vom Planeten und wieder ins gemütliche Büro im Vakuum, wo Akten gesichtet und vom Schreibtisch Einsätze geplant wurden. Das Aufregendste hier war eine Abmahnung gewesen, die aber nach einem persönlichen Gespräch wieder zurückgenommen wurde.

Der Romantische Teil jedoch bewunderte ihren Stil. Den hatte sie. Trotz der verwahrlosten und verhärmten Gruppe um sie herum wirkte sie wie eine typische Unternehmerin in einem der besseren Viertel von Beverly Hills.

Außerdem hatte er einen Wahnsinnsausblick in ihren Ausschnitt…

Er schluckte trocken und leckte sich über die Lippen. „Ja, tut mir leid.“

Alle Blicke richteten sich nach oben und schienen eins zu vermitteln: Was geht uns das an, wie du dich dabei fühlst? Gleich bist du tot. Du weißt es nur noch nicht.

„War nicht so geplant…“

„War es geplant, dass du dich mit meinem Laboranten verdrückst? Max, richtig? Ich will ihn wiederhaben.“

Er überlegte fieberhaft, was er sagen sollte. Er musste sich ihr erklären. Also die Wahrheit: „Michel Brown hat eine Vorgeschichte. Es gibt Leute, die sich dafür interessieren.“

„Tja, das ist Mist.“ Sie zuckte mit den Schultern und schien sich ihren Teil dabei zu denken. „Ich will es kurz machen, Max: ich sehe eine Treppe zum Dach und habe zwanzig Gewehrläufe. Am besten, ihr kommt runter.“

„Ich habe nur eine Frage…“

„Was?“

„Was ist deine Lieblingsmusik?“

Stille.

Einer ihrer Männer zischte etwas, und die anderen lachten leise. Auch Roxanne lächelte kopfschüttelnd. „Nimmst du das hier nicht ernst, Max?“

„Ich liebe Cant´t help falling in love von Elvis Presley.“

Hansen hinter ihm starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

Roxanne lachte über einen Witz, den jemand in ihrer Nähe riss. „Du lockerst die Situation ziemlich auf. Aber ja, gutes Stück. Das gebe ich zu.“

„Kannst du es für mich singen?“

Einige Männer und Frauen legten den Kopf schief oder warfen sich verwirrte Blicke zu.

Sie starrte hoch und wurde schlagartig ernst. „Ein andermal. Jetzt wird es brutal.“ Sie nahm die Sonnenbrille herunter. „Bei drei seid ihr unten, oder…“

Selbst aus der Entfernung konnte er ihren eiskalten Blick spüren. Sie würde nicht zögern, die bewaffnete Meute ihnen auf den Hals zu schicken.

So kalt.

So tödlich.

Eine Wahnsinnfrau.

„Mir gefällt Try von Pink auch sehr gut“, krächzte er leise und wusste, dass er bald jeglichen Respekt vor sich selbst verlieren würde.

Sie blinzelte verstört, richtete ihren scharfen Blick zur Seite.

Jetzt lachte niemand mehr. Das scharfe Durchladen von Waffen wurde laut. Ein Gewitter mit viel Blei kündigte sich an, und niemand würde daneben schießen.

„Du hast elf Männer getötet, Max. Das kann ich nicht durchgehen lassen.“ Sie nickte ihren Leuten zu. „Holt mir ihre Skalps“, dröhnte sie tief. Sie wandte sich ab und schnippte mit den Fingern. Wie auf Kommando stürmten die ersten vor und rannten nach oben.

„Und Brown?“ fragte jemand neben ihr.

Roxanne begriff die Frage nicht. „Was? Nein, lebend natürlich. Los, geh schon.“ Sie blickte ihnen nach und schüttelte den Kopf, setzte sich hin und zündete eine Zigarette an.

Als sie die Kippe austrat, kamen ihre Männer langsam wieder herunter. „Das haben sie da gelassen.“

Roxanne starrte auf das einfache Klapphandy und den beigefügten Zettel, auf dem jemand in ungelenker Schrift geschrieben hatte: Ruf mich an.

„Ist das ein Smiley daneben?“ wollte einer der Männer wissen und beugte sich vor.

Roxanne war nicht dumm, aber diese Art von Dreistigkeit erstaunte sie.

„Nein, das ist das Gesicht eines ziemlich großen Idioten.“

Was stimmte mit dem Kerl nicht?

3. Kapitel

Der Dauerlauf über die Dächer mit einem bewusstlosen Brown war eine nervenaufreibende, sehr schweißtreibende Angelegenheit. Wieder und wieder liefen die beiden über rutschige Pfannen, sich vorsehend, dass sie nicht das Gleichgewicht verloren und aufpassend, dass sie nicht entdeckt wurden. Endlich entdeckten sie eine Leiter, an der sie umständlich hangelnd den Bewusstlosen runterließen, als wäre er das Wichtigste in ihrem Leben. Mehr ums andere Mal musste Max mit dem zusätzlichen Gewicht auf seinen Schultern verschnaufen und fluchte leise vor sich hin.

Irrsinn.

Kompletter Blödsinn.

Immer wieder tauchten sie in den Schatten ab, um von vorbeieilenden Gruppen nicht entdeckt zu werden. Dabei nutzte Max sein implantiertes Headset und wurde vom eifrigen Assistenten durch die engen Häuserschluchten geleitet. Nach mehreren Stunden kam sich Max wie die berühmte Spielfigur PacMan vor, wie sie durch ein Labyrinth bloß nicht den Geistern begegnen durfte. Zum Glück hatte Hansens Schießwut einen Dämpfer bekommen. Jetzt verhielt er sich still und nachdenklich, wofür Max im Stillen Gott dankte.

Ausgehungert, frierend und völlig am Ende fanden sie in einer aufgegebenen Werkstatt eine Unterkunft. Zum ersten Mal lächelte Fortuna ihnen zu: ein heruntergekommener Streifenwagen parkte unter einer Folie. Nach mehreren Aussetzern sprang der Motor an.

Der Streifenwagen raste mit abgeschalteten Scheinwerfern über ein verlassenes Stück des mondbeschienen Highways, ein Geisterauto in einer Welt, die für die Verfluchten und Sterbenden gedacht war.

Luft wirbelte durch das eingeschlagene Fenster, während Max am unterbrochenen Mittelstreifen entlangschoss.

„Kannst du überhaupt etwas sehen?“

Max würdigte Hansen keine Antwort. Trotz der schmerzenden Gelenke und seinem Verlangen nach Nahrung brodelte ein Quell nie gekannter Zorn in ihm, den er erstmal verdauen musste. Sonst würde es heute noch mindestens einen Toten mehr geben. Er musste dem Vorstand von SpaceTec berichten, und wenn es ihm seinen Job kostete… dann sollte es so sein. Irgendwie würde Max schon zurechtkommen.

Und er dachte an Roxanne.

Warum diese Besessenheit?

Max kam zu dem Schluss, dass er schon viel zu lange einsam gewesen worden war. Seine Mutter hatte sich nie viel Zeit für ihn genommen. Es hatte viele Probleme gegeben. Die Militärakademie hatte ihn dem nötigen Abstand von seinem schwierigen Elternhaus gebracht, aber im Gegenzug mit harter Arbeit belohnt, die keine Zeit für Beziehungen ließ. So kletterte Max Snow die Karriereleiter hoch, trank Bier mit Freunden oder ging in die Stadien, um seinem Hobby Fußball zu frönen – doch außer gelegentlichen, viel zu unbedeutenden Kuschelsex hatte es nie gefunkt. Nie funken können, denn Max sehnte sich nach einer speziellen Art von Frau. Ihm wurde rot bei dem Gedanken, als er selbst Seelenstriptease betrieb und wusste, dass er -jetzt oder nie -ehrlich sein musste. Oder er würde falsche Entscheidungen treffen. Mutterkomplex?

Gott, werde ich jetzt verrückt, dachte er mit Schaudern und wollte alles am liebsten verdrängen.

„Wo fahren wir hin?“

Max drückte den Lenker so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Schließlich gab er nach: „Wir werden eine unserer Gulfire treffen. Wir sind jetzt außerhalb der Revier, auf einer der Highways. Dann fliegen wir nach Hause.“

„Und dann?“

„Dann dusche ich, esse ein Steak mit Fritten und schlafe vor dem Fernseher ein.“

„Und dann?“

„Wenn ich dann noch Kraft habe, komme ich in ihre Zelle und drücke Ihnen ein Kissen aufs Gesicht.“

„Können Sie mal ernst bleiben?“

Scharf trat Max auf die Bremse, dass Hansens Kopf nach vorne schlug. Noch bevor er protestieren konnte, hatte Max seine Waffe schon gezogen und hielt sie ihm schmerzhaft gegen den Schädel.

Eine Zeitlang passiert nichts.

Das Spannen des Hahns durchbrach wie ein Final Countdown die Stille.

„Niemand würde mich verdächtigen“, murmelte Max gepresst. „ Du krankes Schwein hast heute getötet, als wäre das alles ein verdammtes Spiel.“ Max hatte nun einen Grund, finster dreinzuschauen. „Du hast mich jetzt so weit, Spiro Hansen. Ich habe heute keine einzige Kugel abgefeuert, wusstest du das? Weil das nicht unser Stil ist. Typen wie du machen mich krank!“ Er spuckte angeekelt aus. „Los, Tür auf!“

Hansens Gesicht wurde aschfahl. „Wollen Sie mich...?“

Etwas anderes übernahm jetzt von Max Besitz – und er ließ es zu. „Raus.“

„Aber-“

„Raus!“ Langsam ließ er sich Hansens Waffe geben und folgte ihm langsam.

Sie gingen ein Stück tiefer in die Wüste. Max wusste aus Berichten, dass hier seltene und äußerst tödliche Skorpionarten prächtig gediehen. Es war ihm nur gerade völlig egal.

Dass musste jetzt sein.

Breitbeinig stellte er sich vor ihm hin und zielte auf die Schienbeine. „Na los“, sagte er gedehnt und erinnerte sich an einen alten Ganovenfilm, in der gedungene Schurken einen Verräter auf die gleiche Weise entledigten. Denn das war Hansen. Eine Ratte.

„Sie können mich nicht hierlassen“, ereiferte sich Hansen und starrte nach oben zu den Sternen. „Die können mich sehen, richtig? Sie sollen mich sehen. HIER! HELFT MIR!“

Dabei schrie und winkte er wie verrückt.

Stille. Nur der nachtschwarze Himmel.

Und die Wüste.

„Müssen wohl gerade alle Kaffeepause machen“, entgegnete Max gedehnt und spuckte wieder aus.

„Das dürf-“

„Jetzt will ich dir mal etwas sagen, mein Freund: Die Gefangenen kommen mit einem Raumschiff hierher und werden über den ganzen Planeten verteilt. In einem Knast gibt es Regeln, feste Mahlzeiten und Strukturen. Das alles bietet Oasis nicht. Und das wissen sie. Es sind Menschen wie du ich. Naja, mehr wie ich“, setzte er hinzu und fing sich einen bitterbösen Blick von Hansen ein. „Sie müssen akzeptieren, dass sie nie wieder nach Hause kommen und sie müssen für sich selbst sorgen. Es ist ein hartes und raues Klima hier und die Netten und wirklich Guten werden gefressen. Keine Sekunde lang würde ich meinem schlimmsten Feind diese Hölle wünschen. Begreifen Sie bitte eines, Hansen“, er holte tief Luft und brüllte drauflos: „Diese Menschen werden nie wieder ihre Heimat sehen. Sie werden nie wieder die Spaghetti ihrer Mama kosten und nie wieder ein Kino oder ein Museum von innen sehen. Begreifst du den Ernst der Lage, du kranker Wichser!?“ Max wartete keine Antwort ab und fuhr fort: „Du hast bestimmt nicht das Recht, wie ein selbstgerechter Henker über Leben und Tod zu entscheiden. Diese Menschen sind am Ende und seit zwanzig Jahren schaue ich zu ihnen herunter und wünsche mir, ich könnte helfen. Auch wir bei SpaceTec sind nicht aus Stein – im Gegenteil: würde nur einer von uns abfällige Bemerkungen machen, fliegt er raus.“ Er atmete erschöpft aus. „So, und jetzt mach doch was du willst.“ Er winkte müde ab und ließ die Waffe sinken.

 

Plötzlich sprang der Motor an und für eine Millisekunde starrten beide entsetzt zum Streifenwagen, bis Michel Brown die passende Schaltung fand und Vollgas gab. Röhrend und knarrend beschleunigte der Wagen in der Dunkelheit und Sekunden später war von ihm nichts zu sehen.

Verdattert starrten beide dem Nichts entgegen, das den Wagen verschluckt hatte.

Michel Brown hatte sich soeben empfohlen.

Max blickte zur Stelle und versuchte zu verstehen, was jetzt einfach passieren musste: sie würden nicht rechtzeitig zur Gulfire kommen, was zweierlei zu Folge hatte. Erstens würde die Automatisierung dafür sorgen, dass das Raumschiff wieder verschwand. Zweitens würden sie festsitzen.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragte Hansen panisch.

Leise stöhnend wandte sich Max ab und drückte an sein Ohr. Schnell stellte er den Kontakt zu Smith her. „Smith?“

„Curley, Sir. Smith musste sich mal hinlegen.“

Er kannte natürlich Curley. Ein ebenso tüchtige Frau aber sehr bestrebt ganz nach oben zu kommen. Curley war ein wandelndes Vorschriftenverzeichnung – was nicht passte, durfte nicht passieren. Das könnte ein Problem werden. Smith hingegen war einer der Kollegen, der sich liebend gerne an die Haken seines Vorgesetzten hängte und viel flexibler war. Aber auch ein überstrapazierter Verstand wie der von Max Snow verstand, dass selbst ein Preston Smith Schlaf brauchte. „Curley, sehen Sie meine Position?“

„Ja, Sir.“

„Uns wurde der Wagen gestohlen. Schicken Sie ein Team, um mich abzuSnown.“ Innerlich zählte er von zehn an rückwärts. Wartete. Als er bei zwei angekommen war, war die Botschaft natürlich: „Nein, Sir, das ist ganz schlecht.“

„Weil die Vorschriften besagen, dass…“

„…, dass nach mehrmaligen Gebrauch der Gulfire intensive Wartungsarbeiten vorgeschrieben sind.“

Max nickte. Er kannte das Regelwerk auswendig. Er begann in einem Singsang zu proklamieren: „Und die intensiven Wartungsarbeiten…“

„…könnten bis zu zehn Stunden dauern. Ja, Sir. Da können wir nichts machen.“ Er holte tief Luft. Blieb nur noch das Team, das mit einem Shuttle unterwegs war. Ein Shuttleflug sollte doch drin sein. Schließlich saß er auf Oasis fest und nicht in Wisconsin an einer Bushaltestelle. „Und das Shuttle? Schicken Sie ein Team runter. Kümmern Sie sich bitte darum, Curley. Ich hatte eine anstrengenden Tag.“

Wieder zählte er von zehn an rückwärts. Und wieder antwortete Curley: „Nein, Sir, das ist ganz schlecht.“

Schrecklich, wie berechenbar manche Dinge waren. Das nahm einen den ganzen Reiz am Leben.

Er atmete laut ein. „Lassen Sie mich raten: auch eine intensive Wartungsarbeit.“

Curley klang, als würde sie gleich weinen. „Ja, Sir. Tut mir leid.“

Fick dich doch! Du mit deiner geheuchelten Anteilnahme, du blöde Kuh! Ich werde hier entweder gefressen, getötet oder vergewaltigt. Alles auf einmal oder schön in umgekehrter Reihenfolge! Ich bin dein Chef! Wenn ich zuhause bin, lasse ich dich alle Büroklammern zählen und archivieren!

Er schluckte trocken und besann sich eines Besseren. „Das ist nicht Ihre schuld, Curley. Machen Sie Feierabend. Ich halte schon durch.“

Sie schnäuzte sich in ein Taschentuch. „Da wäre noch etwas, Sir.“

„Reden Sie schon, Mann!“ sagte er flapsig. Er spürte, wie sich ein Magengeschwür bildete. Der Krampf war noch auszuhalten- geradeso.

„Nein, Sir, die Firmenleitung hat sich gemeldet. Schon viermal in den letzten zwei Stunden. Sie wollen Sie morgen unbedingt sprechen.“

Natürlich, dachte Max böse. Mein Vorgesetzter hat gespürt, dass die Welt sich über mich erleichtert und will auch dabei sein und sein Häufchen setzen. Besten Dank, Gott! Gibt es dich überhaupt?

Max war Profi, aber nicht so. Langsam kämpften Panik und Frustration über die Kontrolle über sein Nervensystem und beide wurden Erste. „Morgen passt mir gut. Ich denke, so gegen zehn Uhr bin ich tot. Legen Sie den Termin auf elf. Danke und Gute Nacht.“

Er legte auf und starrte an sich herunter.

Und das Beste?

Es begann zu regnen…

Ein sanfter Herbstregen setzte ein, und zwar einer, der das tiefe Bestreben besaß lange und andauernd zu sein und sich vorher an einer kalten Wetterfront gekuschelt hatte. Aber das war noch nicht alles. Ein irres Grinsen zeichnete sich auf Maxs Gesicht gefährlich ab und auch hier zählte er innerlich von zehn runter und zeigte mit seinem Arm Richtung Hansen.

„Was machen wir denn jetzt?“ fragte Hansen panisch.

Danke, Universum. Auf dich ist Verlass.

Und das Universum antwortete auf seine Art.

Nach einer halben Stunde waren sie völlig durchnässt und froren bitterlich.

Zehn Stunden. In zehn Stunden würden Snow und Hansen eine geeignete Stelle für die Gulfire finden, die, wenn sie dort ankamen, leer und dunkel auf sie warten würde. Das war nicht das Problem; das Problem waren die zehn Stunden.

Zum einen: irgendwo dort draußen organisierte eine ziemlich gefährliche Frau die wohl größte Menschenjagd, die Oasis je gesehen hatte. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass Snow, ganz gleich, wer er war, irgendetwas mit ihrem Laboranten vorhatte. Browns Kenntnisse garantierten ihnen einen ausgezeichneten Drogenhandel und seine bloße Abwesenheit würde alles kompliziert machen – versteht sich. Ebenso war zu erwarten, dass die Gang einfach erwartete, dass man hart mit den beiden Entführern umging. Was würden sie also vermutlich tun? Jeden Stein im Umkreis von mehreren Meilen umdrehen und erst dann die Suche zu beenden, wenn Brown lebend und Snow und Hansen aufs Schärfste bestraft worden waren. Was wäre das Vernünftigste? Jetzt, wo Brown entkommen war, würde er wahrscheinlich zurückfahren und seiner Gang mitteilen, wo er Snow und Hansen zuletzt gesehen hatte. War es klug einfach zu flüchten? Wäre es nicht besser sich ein tiefes, tiefes Loch zu suchen und darauf zu hoffen, dass die Menschenjäger sie vor Ablauf der zehn Stunden nicht finden würden? Oder sich nach den Sternen zu orientieren und zu laufen, bis die Füße Blasen warfen…

Zum zweiten: SpaceTec würde die lange Abwesenheit ihres Sicherheitschefs bemerken, und falls Snow die ganze Geschichte wie durch ein Wunder überleben würde, wartete gewiss ein ernstes Gespräch mit der Leitung auf ihn, wo er sich lange und ausführlich rechtfertigen müsste, warum er einen nicht registrierten Killer wie Hansen auf eine kleine „Spritztour“ auf einen Gefängnisplaneten genommen hatte. Die „Ausfälle“, die Hansen zu verantworten hatte, waren in keinster Weise zu rechtfertigen. Diesmal würde es nicht bei einer einfachen mündlichen Abmahnung bleiben, auch wenn Snow diesen Punkt ganz nach hinten schob. Viel mehr Sorgen machte ihm der Planet…

Zum dritten: irgendwo dort draußen existierten mutierte Wüstenhunde, stark radioaktive Sandflöhe, giftige Echsen und seltene Naturphänomene, die jeden unachtsamen Spaziergänger krank oder schlimmstenfalls töten konnte.

Warum habe ich nicht als Erstes dem Vorstand von Waldmanns Forderungen erzählt? Dann wäre ich nicht in dieser schrecklichen Situation!

Im Nachhinein betrachtet war es die logische Wahl, doch Max ahnte, warum er sich dabei lieber auf sein Glück verlassen hatte.

Max hielt mitten im Gehen inne und betrachtete die Straße vor sich mit gerunzelter Stirn. Nach einer Weile sah Hansen ihn verwundert an und sagte: „Was ist?“