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Soll und Haben, Bd. 1 (2)

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»Er ist nicht herzlos,« murmelte Sabine, »auch sein Verhältniß zu Wohlfart beweist das.«

»Er spielt mit ihm, er wirft ihn in's Wasser und zieht ihn wieder heraus.«

»Nein,« rief Sabine, »er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er fühlt, daß dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüth hat, als er selbst.«

»Täusche dich und mich nicht,« entgegnete der Kaufmann finster, »ich weiß, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schön zu sprechen und sich in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von Manchem, was an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muß ich seine Entfernung für wünschenswerth halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.«

»O mein Gott!« rief Sabine, die Hände ringend. – »Nein, Traugott, das soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältniß nicht gelöst werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde. Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die seine Vergangenheit über ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nähe. Deine rastlose Thätigkeit, die hohe Ehre deines Geschäfts, die zu sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine Seele. Ja, Traugott,« fuhr sie fort und faßte seine Hand, »ich habe kein Geheimniß vor dir! Du hast eine thörichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll sein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort will ich verrathen, daß ich schwach war. O, zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus deinem Kreise, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.«

»Und darf ich zugeben, daß seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf verurtheilt?« frug der Bruder. »Unser Verhältniß zu ihm ist ohnedies schwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist wahrscheinlich, daß sein Vater bestimmte Pläne mit ihm hat; es ist sicher, daß er selbst für weit hinaus phantastisch über seine Zukunft geträumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht über ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, daß ich in seinem Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine Annäherung zwischen euch Beiden auch nur durch Stillschweigen zuließe. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der Uebermüthige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, über das zu triumphiren, was er deine Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen empört sich mein Stolz.«

»Traugott,« rief Sabine mit gerötheten Wangen, »vergiß nicht, daß ich deine Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, daß alle Liebe sie nicht auszufüllen vermöchte. Vertraue mir,« bat sie unter Thränen, »ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch du das Lästige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne Liebe und ohne Heimath, so ist er aufgewachsen, in Manchem verdorben, aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.« Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu ihm auf. »Vertraue mir und gegen ihn sei gütiger.«

»Er soll hier bleiben,« sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die feuchten Augen der Schwester. »Aber außer meinem Liebling ist noch Jemand in unserm Hause, der sich vor dem Einfluß seines Wesens zu bewahren hat.«

»Wohlfart,« rief Sabine heiter. »Für den bürge ich.«

»Du übernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein Günstling?«

»Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie treuherzig sah er heut darein, als der Andere so ruchlos scherzte. Und er hat Muth! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn in's Herz geschlossen.«

»Was hat Alles in diesem Herzen Raum!« rief der Kaufmann scherzend. »Zuerst und vor Allem die große Vorrathsstube, die Nußbaumschränke der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann« —

»Dann im Vorzimmer alles Uebrige,« unterbrach ihn Sabine.

»Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert,« fuhr der Bruder fort.

Sabine nickte. »Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unsrer Handlung. Jetzt wünscht er sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen, du mußt sie ihm bei erster Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche Ueberraschungen gewöhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnißvollen Brief dazu schreiben.« Sie lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Theeserviette und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.

»So ist's recht,« rief der Kaufmann, »jetzt bist du wieder du selbst. Die Linie ist untadelhaft und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist außerordentlich.«

»Man muß doch seine Freude haben,« sagte Sabine. »Ihr Männer thut ohnehin nichts Anderes, als uns ängstigen.«

Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd, ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte. »Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,« rief er lustig, »der Souverain hat mich heut mit haarsträubender Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag keinen Blick gegönnt. Respectable Leute, aber bis zur Verzweiflung hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich im Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr anständig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. – Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bösen Genius. Thut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.«

Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen darin, den jüngern Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er bestand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitkünste zu üben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, daß er sich selbst auf einen Miethklepper setzte, – wogegen er großen Abscheu hatte – und den Lehrling zur Uebung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten ließ. Er schoß mit Anton nach der Scheibe, und drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das Aeußerste protestirte.

Anton lohnte seinem Freunde durch die größte Anhänglichkeit; er war glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so Vieles verehren und bewundern konnte, und es that seinem Selbstgefühl unendlich wohl, daß er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedürfniß. Es waren glückliche Abende für Beide, wenn sie im Schatten der großen Condorflügel oder in dem bescheidenen Quartiere der gelblackirten Katze zusammensaßen in seligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über nichts; dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermüthig, wie ein kleiner Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so daß der alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von Jedermann als ein angesehener Associé der Firma betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum ersten Mal für Beide, eine herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, daß sich im Vorderhause etwas ereignen würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann, oder etwas anderes Außerordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und emsige Thätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche Familienereigniß, jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fern hielte von dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, Alles wurde niedergehalten durch den unablässigen gleichmäßigen Fluß der Arbeit.

X

Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings, und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluß des Comtoirs einen großen Strauß rother Centifolien gekauft und klopfte an die Thür von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu schmücken. Mit Ueberraschung sah er, grade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, daß bei seinem Eintreten eine exclusive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen Aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen, es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, daß er ihnen an Würden nicht gleichstand, deßhalb demüthigte ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strauß in das eigene Zimmer und stellte ihn resignirt auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darüber hinweg auf das Büschel Rosen, welches sogleich eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.

 

Unterdeß wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung: »Wie Sie Alle wissen, hat einer der Collegen das Geschäft verlassen. Herr Schröter hat mir deßhalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt ist, an Stelle desselben unsern Wohlfart als Correspondenten in das Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem, oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche außerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung des Comtoirs. Deßhalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in unser Geschäft aufnehmen? Ich ersuche Sie sämmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter selbst unsern Wohlfart für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für sehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entscheidung überläßt.«

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der Sophalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: »Vor Allem stimme ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer für die Theetrinker den Kessel her, den Grog braue ich.« Nach dieser Erklärung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurück und brannte eine Manilla an, eine Art von Cigarren, welche er in stetem Kampf gegen seine Collegen begünstigte.

Die anderen Herren verharrten in genußreichem Schweigen und sahen feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fühlte die Wichtigkeit seiner bürgerlichen Stellung und seine Würde als Mensch und College.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch Niemand das Wort ergriff, erkannte der Vorsitzende die Nothwendigkeit, die Debatte auf irgend eine Weise zu fördern, und frug: »Wie wollen wir abstimmen? Wünschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?«

»Bei der englischen Marine wird, so viel ich weiß, der Jüngste zuerst gehört,« bemerkte Herr Baumann.

»Wie bei der englischen Marine!« entschied Herr Pix.

Specht war der jüngste der anwesenden Collegen. »Ich muß vor Allem bemerken, daß Herr von Fink nicht anwesend ist,« sprach er und sah sich aufgeregt um.

Ein allgemeines Gemurmel entstand: »Er ist nicht zu Hause! er ist Volontair.«

»Er gehört nicht zu uns,« sagte Herr Pix.

»Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen,« sagte Herr Jordan, »da er keiner von den Engagirten der Handlung ist.«

»In diesem Falle bin ich der Meinung,« fuhr Herr Specht fort, etwas herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste Bemerkung erfahren hatte, »daß Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich selbst, oder doch drei Jahre, wie unser Baumann bei C. W. Strumpf und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl und nach Aller Ansicht im Geschäft brauchbar ist, so bin ich auch der Meinung, daß wir einmal eine Ausnahme machen und ihn schon jetzt als Collegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorsichtig zu sein und ihm bemerklich zu machen, daß er eigentlich noch Lehrling sein sollte. Deßhalb schlage ich vor, daß er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr hindurch den Thee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling gethan. Außerdem halte ich für schicklich, daß er zur Erinnerung an seinen früheren Stand jedem der Collegen alle Quartale eine Feder schneidet.«

»Narrheiten,« brummte Herr Pix; »Sie haben immer überspannte Einfälle.«

»Wie können Sie meine Einfälle überspannt nennen,« rief Herr Specht entrüstet, »Sie wissen, daß ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.«

»Ich muß um Ruhe bitten,« sagte Herr Jordan.

Die nächsten Collegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr Baumann mit vieler Wärme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des Theekessels und sprach: »Meine Herren, was soll das lange Reden, seine Waarenkenntniß ist nicht schlecht, wenn man berücksichtigt, daß er noch ein junger Kauz ist, sein Benehmen ist coulant, die Hausknechte haben Respect vor ihm, gegen meine Kunden ist er noch zu zartfühlend und umständlich, aber es ist nicht allen Leuten gegeben, andere Leute zu behandeln. Solo spielt er schlecht und sein Punschtrinken ist unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letztern Qualitäten aber nicht den Ausschlag geben dürfen, so sehe ich nicht ein, weßhalb er nicht vom heutigen Dato ab College werden soll.«

Der Cassirer sprach: »Es ist nicht in der Ordnung, daß Einer mit zwei Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wünscht, so werde ich nicht widersprechen, denn sein Wille muß zuletzt doch respectirt werden.«

Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums erinnerte. Natürlich wollte er beistimmen, aber wenn er nicht beistimmte? wenn er jetzt widerspräche, welcher Scandal würde daraus entstehen? wie würde ihn Wohlfart ansehen, und die Collegen und der Prinzipal selbst? So zog er an seinem Halskragen, lächelte verbindlich nach beiden Seiten und räusperte sich wie vor dem Ausbruch einer kräftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die möglichen Folgen seines Veto zurücksank und sich mit Allem einverstanden erklärte, was seine Collegen beschließen würden.

»Abgemacht!« sagte Herr Jordan, »auch ich stimme bei und habe noch den Grund anzuführen, daß Wohlfart bei seinem Eintritt älter war, als ein Anderer von uns, und daß er an Jahren und Bildung nichts zu wünschen übrig läßt. Deßhalb freue ich mich über unsere Einstimmigkeit. Herr Schröter hat mir erlaubt, im Falle unserer Einwilligung den Lehrling vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor, daß dies auf der Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.«

»Ja, ja, gut, das wollen wir!« riefen Alle, und Baumann schickte sich an, hinaufzugehen.

Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Collegen Baumann den Weg. »Wir sind keine Ferkel,« rief er und streckte die Hand abwehrend an der Thür aus, »wir sind keine wilden Thiere, daß wir so ohne Ordnung durcheinander laufen und einen neuen Collegen aufnehmen, wie ein Stück von einer Heerde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des Geschäfts. Es ist nothwendig, daß zwei von uns als Deputation hinaufgehen, es muß wenigstens ein Punsch gemacht werden, und Jordan muß ihn mit einer Rede begrüßen.«

Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt, den Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen in der Stube umher, er rückte den Tisch zurecht, ordnete die Stühle im Halbkreis zu beiden Seiten, schleppte Gläser und Flaschen herzu und setzte einen grünen Ritter aus Papiermaché, der ein vergoldetes Schwert trug, auf einen Tabakskasten in die Mitte des Tisches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn zwischen die Thür und die Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine Braut vor dem Altare. Darauf erschöpfte er seine ganze Beredtsamkeit, um die Lichter und Lampen aus den Zimmern seiner Collegen auf einen Haufen zu versammeln. Endlich ließ er die Rouleaux herunter, schloß die bunten Gardinen und brachte zunächst eine künstliche Dämmerung und darauf einen ungewöhnlichen Lichterglanz und heftigen Lampengeruch zu Stande. So bewirkte er mit Hülfe der Andern, welche ihm zuerst zusahen und bald, durch seinen Eifer fortgerissen, thätig beistanden, daß der Salon in der That ein fremdartiges und mysteriöses Aussehen erhielt. Jetzt erst ließ er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den Kopf fuhr von dem imponirenden Aussehen des römischen Senates, welcher lautlos auf Stühlen saß, als die grimmigen Feinde in Rom einzogen, so beschwor er leidenschaftlich alle Zurückgebliebenen, sich stumm und unbeweglich auf den Stühlen in der Runde festzusetzen. Als sich aber die Thür öffnete und der erstaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte seiner beiden Führer erschien, von denen Herr Pix in practischer Umsicht die Zuckerbüchse Antons, Herr Liebold feierlich das große Rosenbouquet getragen brachten, da verblich in der Phantasie des Herrn Specht der römische Senat, und die heiligen drei Könige, welche mit Büchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescheerung und christliche Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er sprang in Ekstase von seinem Sitze auf und rief: »Alle müssen stehen!«

Durch diese veränderte Anordnung störte er leider sich selbst die Wirkung, denn nur ein Theil der Herren folgte seinem Beispiel, der Rest blieb sitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte: »Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben sich Mühe gegeben, das Geschäft kennen zu lernen, wir Alle haben Sie in dieser Zeit liebgewonnen. Es ist der Wille des Prinzipals und unser Aller Wunsch, daß die herkömmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweise abgekürzt werde. Herr Schröter beabsichtigt, Sie morgen als Comtoiristen aufzunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies schon heute mitzutheilen. Wir wünschen Ihnen von Herzen Glück und bitten Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als College zu bewahren, die Sie uns bis jetzt bewiesen haben.« So sprach der gute Herr Jordan und hielt seinem Zöglinge die Hand hin.

Anton stand einen Augenblick starr, dann faßte er mit beiden Händen die dargebotene Rechte und fiel glücklich und gerührt Herrn Jordan um den Hals. Die Collegen drängten sich um ihn, und es entstand ein Händedrücken und Umarmen, welches in der Geschichte des Salons beispiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und faßte ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah ohne Betrübniß sein Ceremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruinirt, Baumann saß, die Hände über das Knie geschlungen, vergnügt in der Ecke, und Pix bot unserm Helden binnen fünf Minuten zweimal seine Cigarren an und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon ansteckte. Alles war in bester Laune, die Collegen freuten sich, weil sie mit Selbstgefühl etwas Bedeutendes schenken konnten, und Anton war selig, so viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklärt saß er in einem gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund Specht genöthigt hatte, vor ihm stand der Ritter und salutirte mit seinem goldenen Schwert aus dem Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen, heut alle bemüht, ihm Fröhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und brachte die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredtsamkeit, wie sie vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, daß Anton gewissermaßen als ein Säugling zu ihnen gekommen sei, dem der Unterschied zwischen Pennal und Kanehl eben so unbekannt war, als einem Zeisig das Kaffekochen, und wie mit Hülfe der großen Waage, die als seine Wiege betrachtet werden müsse, und der Auflader, welche Ammendienste an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung einiger anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in so kurzer Zeit ein so auffallendes Wachsthum des Unmündigen hervorgebracht worden sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die Gesundheit seiner Collegen aus. Er erzählte, wie bange ihm damals gewesen war, als er zum ersten Male die Thür des Comtoirs geöffnet hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit welchem er ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht zu Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Ueberziehärmel, den er damals eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu führen. Diese Anspielung auf die berühmten Attribute der drei Herren fand den höchsten Beifall. Und jetzt folgte ein Toast auf den andern, und es ergab sich zum allgemeinen Erstaunen, daß der stille Herr Birnbaum, der Zollcommis, von der Natur die außerordentliche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in Versen zu sprechen. Immer fröhlicher wurde die Gesellschaft, immer festlicher glänzten die Lichter, immer röther leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem Tische.

 

Erst spät trennten sich die Collegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen, bevor er seinem Freunde Fink das Glück berichtet hatte. Er eilte dem Ankommenden entgegen und erzählte ihm im Mondenschein auf der Treppe das große Ereigniß. Fink schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Achte in die Luft und sagte: »Es ist brav, daß das Vorderhaus auf den Einfall gekommen ist, ich hätte einen solchen Exceß unserm Despoten nicht zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher über's Wasser in die große Welt.«

Am nächsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Commis in das kleine Zimmer hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschäfts, und hörte lächelnd die Dankesworte Antons an. »Ich habe so gehandelt,« sagte er, »weil Sie tüchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geschäft überbrachten, Ihnen ein Credit bei mir eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, daß Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Thätigkeit Ihr Leben zu erhalten vermögen. Sie treten von heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des Ausgeschiedenen ein.«

Zuletzt bei der Mittagstafel gratulirten auch die Damen dem neuen Geschäftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo Anton hinter seinem Stuhle stand, und begrüßte ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente setzte jedem der Herren eine Flasche Wein vor das Couvert, und der Kaufmann erhob das Glas und dem glücklichen Anton zuwinkend, sagte er mit gütigem Ernst: »Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!«