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Die Mumie von Rotterdam, Zweiter Theil

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9

Gegen die Abenddämmerung des folgenden Tages standen an der Brandstätte des van Vlietenschen Waarenhauses drei ansehnliche Männer von verschiedenem Alter, in denen wir Herrn Jan van Daalen, seinen Sohn Cornelius und dessen Freund, den Schiffscapitän Jansen, wiederfinden. Ihre Blicke waren auf den mächtigen Schutthaufen gerichtet. Hier und da stand noch ein einzelnes Mauerstück, eine schwarze trauerige Ruine. Die starken Seitenwände des Gebäudes hatten der Wuth des Feuers nicht widerstehen können und waren unter ihrem Andrange zusammengestürzt. Viele Arbeiter waren beschäftigt, die zu Kohlen gebrannten, noch rauchenden Balken hinwegzuschaffen, andere gruben und suchten in dem Schutte nach Gegenständen, die vielleicht der Zufall unbeschädigt erhalten hatte. Nur dieses einzelne Waarengebäude war von den Flammen gänzlich vernichtet worden, nebst seinem kostbaren Inhalte an Gewürzen, edeln Spezereien und andern werthvollen Handelsartikeln. Das Wohnhaus stand unversehrt, ebenso waren andere, in dem Umkreise der van Vlietenschen Besitzungen befindliche Waarenbehälter von dem Brande verschont geblieben. Man schlug den Schaden hoch an, aber keinesweges so bedeutend, daß er dem dicksten Manne von Rotterdam empfindlich hätte seyn können. Aber dieser dickste Mann selbst? Was war aus ihm geworden, welch wunderbare Macht hatte ihn aus der Mitte seiner Mitbürger entrückt, ohne daß nur eine Spur von ihm geblieben wäre?

»Es ist unbegreiflich!« sagte Herr Jan, indem die nichtssagenden grauen Augen in den Schutt starrten und der Kopf mit der ungeheueren Lockenperücke sich zur Bekräftigung des Gesagten einige Augenblicke lang wackelnd hin- und herbewegte. Er deutete mit dem Porcellanknopfe seines spanischen Rohres nach dem im Hintergrunde sichtbaren Wohnhause und fuhr fort. »Dort war er noch gestern Abends spät, dort hat ihn der Domine nicht lange vor dem Ausbruche des Feuers verlassen und jetzt – wie von der Erde weggeblasen, wie nie da gewesen, wie in eine erbärmliche Null, die vor der Eins steht, aufgelös’t!«

»Nassau und Oranien!« hob mit einem verdrießlichen Gesichte Cornelius, der erst vor einer Stunde auf Jansens Barke angelangt war, an. »Das ist eine wunderliche Geschichte. Vater und Tochter fort – spurlos verschwunden! Das Haus mit seinem Reichthume, mit dem großen Handelsgeschäfte verödet, verwais’t. Das ist noch das tollste von allen tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt habe.«

»Es ist fatal!« brummte Herr Jan vor sich hin. »Jetzt wäre die beste Gelegenheit, den alten Handel wegen Clötje und Cornelius richtig zu machen, denn, nachdem ihm das Waarenhaus niedergebrannt, ist Alles ausgeglichen und ich bin wenigstens ebenso dick, wie van Vlieten. Dumme Streiche! Will man mit dem Alten handeln, so ist er nicht auf dem Platze; will man nach der Tochter greifen, so faßt man die leere Luft.«

»Er war sehr krank und schwach?« forschte der Sohn weiter. »Es ist nicht zu denken, daß er ohne Unterstützung, ohne anderen Beistand sich entfernt habe.«

»Wer kann das wissen?« wandte der alte van Daalen ein. »Der Domine sagt, er habe ihn sehr elend und ermattet gefunden; der Doctor Mauritius behauptet, das sey nicht möglich, denn Mittags noch habe er eine gebratene Gans mit gutem Appetit allein verzehrt und eine Flasche Rheinwein dazu ausgestochen. Dem Tobias waren immer die Schwarzröcke ein Dorn im Auge. Ich meinerseits glaube, er hat sich in der Weinlaune nur einen Spaß mit dem Domine gemacht. Er hat ihm eine Nase gedreht mit der Mattigkeit und der Todesfurcht. Laßt uns nur das Ende erwarten! Vielleicht ist er bei der Bemühung, irgend Etwas aus dem Feuer zu retten, umgekommen und seine Gebeine werden noch unter dem Schutte gefunden.«

Indessen verfolgten die scharfen Blicke des Barkencapitäns einen Menschen, der sich taumelnd und dem Anscheine nach betrunken, zwischen dem Haufen der hier zahlreich versammelten neugierigen Bewohner von Rotterdam umhertrieb. Er war noch zu weit entfernt von ihm, er verlor sich zu oft hinter den einzelnen Gruppen der Zuschauer, als daß Jansen ihn mit Bestimmtheit hätte erkennen können. Aber eine dunkele Vermuthung fesselte seine Blicke an den Mann. Jetzt kam dieser näher, jetzt wandte er sein Angesicht, jetzt sah auch er den Capitän und war nun ängstlich bemüht, sich wieder unter der Menge zu verbergen. Jansen hatte ihn erkannt! Sein Donnerruf: »Peter Trip!« brachte ihn zum Stehen und führte ihn bald darauf, freilich in einigen Schlangenlinien, die er vergebens strebte in eine gerade Richtung zu verwandeln, vor den Capitän.

Jansen hatte ihm, während er langsam näher kam, finstere durchbohrende Blicke zugesandt, deren Bedeutung er aber, bei der schon eintretenden Dämmerung und in der Befangenheit des Rausches schwerlich erkannte.

»Wo kommst du her, Peter? Warum warst du nicht auf deinem Posten, als ich ankam?« fragte in einem rauhen, strengen Tone der Schiffsherr. Trip zögerte mit der Antwort. »Bramsegel und Backbord!« fuhr Jansen heftiger auf ihn ein und hob die gewaltige Faust. »Soll ich dir Rede machen, soll ich dich deine Schuldigkeit lehren?«

»Capitän,« antwortete mit halb lallender, halb zitternder Stimme Peter: »seyd nicht böse, verzeiht einem armen Teufel, daß er eine Fahrt auf eigene Rechnung gemacht. Aber seht – der Verdienst lohnte auch die Mühe: zehn blanke Dukaten und überdem noch freier Wachholder auf ein ganzes Jahr!«

»Was soll das heißen?« sagte Jansen erstaunt zu Cornelius. »Des Burschen Hand, in der man sonst nur das Ruder oder das Brandweinglas erblickt, ist mit Gold bedeckt, er faselt noch von andern Dingen, die meinen Argwohn erregen – Kerl!« wandte er sich drohend zu Trip zurück: »hast du schlechte Streiche getrieben, so nimm dich in Acht! Ich könnte dir den hanfenen Zwieback zu schmecken geben und, Sturm und Wetter! wenn du gar gestohlen hättest, so müßtest du baumeln ohne Gnade und Barmherzigkeit. Heraus mit der Sprache! Was hast du gethan, wo kommt das Geld her?«

»Ehrlich erworbenes Geld, ehrlich erworbener Wachholder!« erwiederte Peter, der jetzt seinen Entschluß genommen hatte, mit größerer Ruhe. »Ich habe geschworen, von der Sache nichts auszuplaudern, aber wenn Ihr sie zu wissen begehrt, so muß ich sie sagen, denn Ihr seyd mein Herr und Herrendienst geht vor Gottesdienst. Kurz und gut, ich habe einen Kranken nach Leyden gefahren in dieser Nacht! Clas Rycke war auch dabei und sein Boot mußte über den Spiegel gleiten, wie die fliegenden Fische über das Meer von Java. Der kranke junge Mensch war so zufrieden damit, daß er sich nicht rührte und regte und der Professor, der uns gedungen, lobte uns sehr und lachte immer vergnügt in sich hinein.«

»Was für ein Professor?« forschte Jansen weiter. »Wie nannte er sich?«

»Wie er sich nannte?« versetzte, seine Mütze verlegen hin und her rückend, Peter. »Genau weiß ich’s nicht mehr. Hasenfuß oder Hasenkopf: eins von Beiden!«

»Hazenbrook!« fiel ungeduldig Cornelius ein.

»Wahrhaftig!« sagte im dummen Erstaunen der Matrose. »Ihr wißt’s besser, als ich, und waret doch nicht dabei!«

»Hazenbrook!« wiederholte Herr Jan. »So wahr ich lebe, das ist derselbe Professor, der, als ich mit Heern van Vlieten das Letztemal am Haven spazieren ging, ihn durchaus überreden wollte, er solle sich nach seinem Tode als eine egyptische Mumie einsalzen lassen.«

»Cleliens Räuber!« rief in heftiger Bewegung Cornelius.

»Nur still, nur ruhig!« ermahnte der Capitän. »Wir werden bald Land sehen. Ihr müßt mir nur durch Euer Gerede und Gelärm den Burschen nicht verblüffen. Sprich weiter, Trip!« kehrte er sich wieder zu diesem. »Wie sah der kranke junge Mensch aus? War er zart und schmächtig?«

Peter sann ein Weilchen nach. Dann antwortete er in treuherzigem Tone:

»Wahrhaftig, Capitän, das kann ich Euch nicht so genau sagen! Die Nachtmütze saß ihm tief auf die Nase herab und der Pelz hüllte ihn bis über’s Kinn ein. Der Professor lehnte sich auch immer so über ihn hin, daß man wenig von ihm sehen konnte. Aber als wir mit Tagesanbruch in Leyden hielten, kam mir die Nase spitz und roth vor und ein stachlichter Bart trat über den Pelz heraus.«

»So war es Clelia nicht!« sagte der Junker, der sich in der Hoffnung, eine Spur der Geliebten zu finden, unangenehm getäuscht sah.

»Ein junger Mensch mit einer rothen Nase und einem stachelichten Barte?« hob im Tone des Argwohns und der Erwägung Jansen auf’s Neue an. »Wo habt Ihr sie denn eingenommen, Eueren jungen Menschen und Eueren Professor?«

Das war eine Frage, deren Beantwortung Peter Trip gern vermieden hätte. Sie konnte weiter führen und den Capitän mit seinen Rettungsversuchen während des Brandes, die Hazenbrook ganz richtig als Bemühungen für den eigenen Seckel bezeichnet hatte, bekannt machen. Aber er fürchtete die Strenge seines Herrn und hatte nicht den Muth ihn zu belügen.

»Ei, dort!« erwiederte er mit gedämpfter Stimme und zeigte nach dem van Vlietenschen Wohnhause. »An einer Hinterthüre. Der Professor brachte den ohnmächtigen Kranken herab. Er hatte recht seine Last mit ihm. Wir mußten versprechen, nichts zu verrathen, so ging’s fort und wir schmuggelten die Passagiere glücklich an der Havenwache vorbei.«

»Während des Brandes?« fragte hastig Jansen.

»Gleich zu Anfang,« lautete die Antwort. »Es war Alles still dort. Niemand hat uns gesehen.«

»Blixen, mir geht ein Licht auf!« fuhr Herr Jan mit einemmale aus seiner gewöhnlichen Ruhe empor. »Der Kranke war kein anderer als Myn Heer van Vlieten und der verdammte Professor hat ihn entführt, um ihn auf egyptische Art einzumachen. Aber das soll ihm übel bekommen, dem Menschendieb! Ich laufe zum Bürgermeister, ich lasse mir gerichtliche Vollmacht geben, ich will sehen, ob ein dicker und angesehener Bewindhebber von Rotterdam von einem solchen egyptischen Seeräuber ungestraft aus seiner eigenen Stube gestohlen werden darf!«

 

Was er gehört hatte, war hinreichend seinen Zorn zu entflammen. Er drängte sich rasch durch die versammelten Neugierigen und richtete seine Schritte nach dem Hause des Bürgermeisters. In der Person des Herrn Tobias schien ihm der ganze Handelsstand von Rotterdam schwer beleidigt. Er selbst wollte noch an diesem Abende die Reise nach Leyden antreten, um dort unter gerichtlichem Beistande den alten Freund, mit dem er doch manche Schaale Thee im Prinzen-Collegium getrunken, wenn es noch möglich sey, von dem schmählichen Schicksale des »Einmachens« zu retten. Dieses war ein großer Entschluß für einen Mann, der so sehr an ein ruhiges, gemächliches Leben gewöhnt war, wie Herr van Daalen: aber welche mächtige Hebel hatten auch mit einemmale seine Seele ergriffen? Es war die Rache, die er früher noch nie gekannt, die – Hoffnung, die ihn neu belebte!

»Fort, fort!« rief auch Cornelius, als der Alte kaum den Rücken gewandt hatte. »Beim Degen des großen Marlborough, dieser Hazenbrook ist ein entsetzlicher Mensch! Er läßt die Tochter entführen, während er selbst den Vater raubt. Welche schrecklichen Absichten lauern unter der Hülle dieses Geheimnisses? Ich will sie zerreißen, zerhauen mit dem Degen, wenn es seyn muß. Komm mit, Jansen! Meine Pferde sind gesattelt. In drei Stunden sind wir in Leyden. Nassau und Oranien! Ich will den Professor und der Professor soll mich kennen lernen.«

»Meinetwegen!« versetzte Jansen. »Ich bin ein schlechter Reiter und wenn ich den Hals breche, hast du es auf dem Gewissen. Aber ich habe dir versprochen, dich nicht allein in der tollen Geschichte stecken zu lassen und mein Wort halte ich. Du,« rief er, schon im Fortgehen, nach Peter Trip hin, der sich bereits mit dem Gedanken schmeichelte, von seinem gestrengen Gebieter vergessen worden zu seyn, »du trollst dich im Augenblicke auf die Syrene und wenn du sie eher verlässest, als ich wiederkomme, so soll dir des Bootsmanns Ruderstange um den Kopf wirbeln, daß du deine Dukaten für Kopfstücke ansiehest und dir die Wachholderlust auf lange hin vergeht!«

Die beiden Freunde schritten eilig der nicht weit entlegenen Wohnung des Herrn van Daalen zu. Peter Trip schlug taumelnd den Weg nach der Gegend des Havens ein, wo die Syrene vor Anker zu liegen pflegte.

10

»Obiit! Er hat vollendet! Kein Odemzug mehr, kein Herzschlag!« sagte der Professor Eobanus Hazenbrook und bemühete sich, eine Thräne aus dem trockenen Auge zu pressen. Er stand in seinem kleinen Schlafzimmer an dem Lager, auf dem, seit der am frühen Morgen erfolgten Ankunft in Leyden, Herr Tobias van Vlieten in fortdauernder Bewußtlosigkeit geruhet hatte. Vergebens hatte der Professor dem Leidenden stärkende Tropfen eingeflößt, vergebens alle Mittel erschöpft, die, jedem äußeren Merkmale nach, gänzlich erschlafften Lebenskräfte zu heben. Das Aechzen des Kranken war von Stunde zu Stunde schwächer geworden, jetzt hatte es ganz aufgehört.

»Das ist das Werk des Doctor Mauritius!« sprach Hazenbrook, sich selbst über den Gewissenszweifel beruhigen wollend, daß die nächtliche Reise den Tod des Patienten veranlaßt oder beschleunigt habe. »Rindfleisch und Rheinwein! Es heißt eine Feuersbrunst mit Pech und Schwefel löschen, wenn man solche Dinge in ein schon erhitztes und erregtes Blut wirft. Da liegt er nun starr und todt – geschlachtet von dem verrückten Leichendoctor! Aber ich will aus ihm selbst ihm ein Mausoleum bereiten, zu dem die staunende Nachwelt wallfahrten soll, wie zu einem wunderthätigen Heiligenbilde. Jetzt erst ist er mein. Habeo Themistoclem!«

Er schwieg und sah mit einem milden Lächeln in das Antlitz und die noch offenen Augen des Liegenden.

»Freilich,« hob er nach einer ziemlichen Pause wieder an, »könnte es Ignoranten geben, die da meinen möchten, diese Augen seyen noch nicht eigentlich gebrochen und das leise Zucken in den Wimpern verrathe eine Lebensspur. Aber haben sie die Natur in ihre geheimsten Gänge verfolgt, wie der Professor Eobanus Hazenbrook? Die erstarrende Ader zuckt noch, allein es ist nicht das Leben, das sie bewegt. So zappeln auch noch die Glieder der todten Schlange, der man den Kopf abgeschnitten, das Bein, das man der Spinne abgerissen hat. Es sind die letzten Regungen des zurückgebliebenen Leibes, an denen die geschiedene Seele keinen Theil hat. Meinen Scharfblick täuscht nichts, meine Erfahrung hat sich in tausend Fällen bewährt!«

Was man wünscht, das glaubt man gern. So ging es auch dem Professor. Nichts schien mehr der Erfüllung seines heißesten Wunsches entgegenzustehen. Den Tobias hatte er nur geliebt in der Hoffnung auf seinen Tod: was Wunder, daß er sich jetzt dem freudigen Glauben hingab, diese Hoffnung sey nun in Wirklichkeit übergegangen? Aber sein in Freude überschwellendes Gefühl war es eben, was diesesmal seinen Verstand betrog und seinen ärztlichen Blick trübte. Herr van Vlieten war keineswegs todt, wie Hazenbrook mit Sicherheit wähnte. Im Gegentheile bereitete gerade jetzt eine Crisis im Innern die schleunige fast wunderbare Genesung des Kranken vor. Er lag im Starrkrampfe. Er hatte Alles gesehen, Alles gehört, was mit ihm vorgegangen war. Er sah noch in diesem Augenblicke den Professor mit dem schmunzelnden Einbalsamirungslächeln auf dem Gesichte, er vernahm aus seinem Munde die Erklärung, daß er – der Lebende nun gestorben sey und sich demnächst selbst, als irgend ein egyptischer Mumienkönig, zum verewigten Denkmale gesetzt werden solle. Entsetzliche Lage! Er wollte schreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, die Zunge versagte ihm jeden Dienst. Er wollte sich bewegen, wüthend um sich schlagen; seine Glieder waren starr, unvermögend zu der geringsten Thätigkeit. Und immer stand der Professor vor ihm mit dem gräßlichen Lächeln, mit dem Ausdrucke innigen Wohlgefallens an der vermeinten Leiche!

Wie ward ihm aber gar, als nun Hazenbrook seinen vertrauten Diener rief und mit dessen Hülfe ihn eine breite Treppe hinauf in einen hochgewölbten Saal trug, wo ihn allenthalben schauerliche Sinnbilder des Todes angrins’ten! Es war das anatomische Theater. Der Professor genoß einer freien Wohnung im Universitätsgebäude und hielt es für das Rathsamste, sein Einbalsamirungsgeschäft im Zergliederungssaale, der während der Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewährte, zu beginnen. Der starre Körper des Herrn Tobias war von den beiden Männern auf eine große Tafel niedergelegt worden. Jetzt sah er freilich nichts mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wänden, die er für Marterwerkzeuge gehalten hatte. Sein starrer Blick haftete an der gewölbten Decke. Durch die Fenster in dieser schien der Mond, schimmerten die Sterne herab. Da dachte er: ich sehe noch den Himmel und seine schönen Lichter und bin dennoch gestorben, ich kann noch denken und mich sehnen nach meinem lieben Kinde, das ich durch allzu große Strenge von mir getrieben, und sie heißen mich doch schon den seligen Tobias! Die Wehmuth trat ihm an’s Herz. Es war ihm, als müsse er weinen, wie ein Kind, aber auch die Thränen hielt der Krampf gefesselt.

Indessen durchschritt der Professor seelenvergnügt den Schauplatz seiner Heldenthaten. Er hatte den Diener fortgeschickt. Seine Blicke ruheten bald behaglich auf irgend einem wohlgelungenen Präparat, bald auf einem seltsamen Monstrum, deren mehrere gut erhalten und ausgestopft in dem Gemache standen; immer aber kehrten sie doch mit dem Ausdrucke einer vollkommenen Zufriedenheit, eines Wohlwollens, das mit jedem Augenblicke stieg, nach dem großen Secirungstische zurück, auf dem Herr van Vlieten die Sternlein und den lieben Mond beäugelte. Mitternacht war nahe. Hazenbrook ahnete nicht, daß der Glockenschlag dieser verhängnißvollen Stunde ihn mit einemmale von dem Gipfel seiner Freude, aus dem Paradiesgarten seiner, wie er wähnte, erfüllten Hoffnungen schleudern würde. —

An einem der Stadtthore von Leyden fand während dieser Zeit eine Scene statt, die mit den bedeutendsten Verhältnissen unserer Geschichte in einer zu innigen Beziehung steht, als daß wir ihrer nur leichthin gedenken dürften. Ein bedeckter und verschlossener Wagen fuhr langsam über die Zugbrücke und durch das geöffnete Thor. Die zwei Pferde, welche ihn zogen, schienen sehr ermüdet und mußten sowohl durch die Peitschenschläge ihres Führers, wie durch die ermunternden Zureden eines nebenreitenden Begleiters bewogen werden, ihren matten Schritt fortzusetzen. Ein anderer Begleiter hielt indessen bei der Thorwache, um deren pflichtmäßige Erkundigungen zu beantworten und ohne daß er zwei hinter ihm haltender Reiter, die im scharfen Trabe nachgekommen waren, sonderlich geachtet hätte. Er schien sehr eilig und verdrießlich über den nothgedrungenen Aufenthalt.

»Zum Professor Hazenbrook! Cadédis! Wie oft soll ich es wiederholen!« rief er ungeduldig nach der Wache hin, indem er dem langsam fortkriechenden Fuhrwerke folgte.

»Bramsegel und Backbord!« flüsterte einer der beiden später anlangenden Reiter seinem Gefährten zu. »Wir segeln mit gutem Winde. Dieser Cadédis ist einer von den zwei Spitzbuben, die ich dir auf der Syrene nachgeführt, und ich will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein Segel hißen lassen, wenn in dem neumodischen Kasten, den sie eine Kutsche nennen, nicht Jungfer Clötje und Herrmanneke’s Braut, die holdselige Philippintje, sitzen!«

»Bei dem Ruhme Oraniens! Ich glaube es selbst;« erwiederte Cornelius, der mit seinem Freunde den sechsstündigen Weg von Rotterdam nach Leyden in Sturmeseile zurückgelegt hatte. »Wir müssen die Spur verfolgen. Hier werden sich alle Räthsel lösen, hier werde ich endlich meinen seltsamen Feind, den Professor Hazenbrook, von Angesicht zu Angesicht kennen lernen.«

Er sprang vom Pferde; Jansen folgte seinem Beispiele. Die militärischen Abzeichen, welche Cornelius trug, machten jede weitere Erörterung mit der Wache überflüßig. Während sie zu Fuß die schneckenartig sich fortbewegende Kutsche erreichten, blieben die Pferde bei der Thorwache zurück. Das Herz des Junkers van Daalen pochte in stürmischer Unruhe! Seine Blicke hingen an dem Wagen, sie hätten die dünne Scheidewand, die ihn von der wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte, durchbohren mögen. Die Schritte der beiden Freunde waren leise, jetzt waren sie dem Wagen ganz nahe, jetzt schwangen sie sich von einem gemeinsamen Gedanken ergriffen im nämlichen Augenblick auf das breite Hinterbrett der schwerfälligen Kutsche, das zum Tragen der Reisekisten bestimmt war. Niemand hatte sie bemerkt. Die Begleiter des Wagens ritten langsam vor diesem her und ahneten nicht, was sich hinter ihrem Rücken begab. Jansen lachte mit unterdrücktem Kichern in sich hinein, während Cornelius lauschte, ob er nicht etwa Cleliens theuere Stimme im Inneren des Wagens vernehmen könne. Seine Mühe war eitel; das Rasseln der Kutsche auf dem Steinpflaster verschlang jeden anderen Ton.

Durch viele Straßen waren sie schon gekommen und das Licht des Mondes hätte die beiden Freunde leicht verrathen können, wenn es einem von den Reitern eingefallen wäre, zurückzubleiben und die Lage der Dinge zu untersuchen. Aber sie waren ihrem Ziele zu nahe, um noch irgend eine Gefahr zu befürchten. Sie plauderten sorglos von der Ueberraschung des Professors, der einen solchen Besuch um Mitternacht gewiß nicht erwarten würde.

Endlich hielt die Kutsche vor einem großen steinernen Gebäude. Einer der Reitenden stieg ab und öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich führte. Mit einem dumpfen Getöse fuhr der Wagen in ein dunkeles Gewölbe. Das Thor schloß sich hinter ihm.

»Wir sind gefangen!« flüsterte Jansen nach Cornelius hin.

»Wir haben Waffen;« entgegnete leise dieser.

»Ich muß doch den Alten erst vorbereiten;« sagte in vernehmlichem Tone jetzt derjenige der zwei Begleiter, der bereits den Boden betreten hatte. Cornelius erkannte ihn an der Stimme. Es war der junge Mann, der damals in dem ländlichen Gehöfe zu den saumseligen Maasregeln gerathen, welche des Junkers Flucht mit den beiden Frauen begünstigten. »Er arbeitet noch oben im Saale, denn es ist Licht dort,« sprach er weiter. »Führe du indessen die Pferde zum Stalle, Le Vaillant! Der Wagen bleibt bis zu meiner Rückkehr ruhig an Ort und Stelle.«

 

Alles geschah nach der Angabe des Fortschreitenden. Er schien ermüdet. Seine langsamen Schritte dröhnten im Wiederhalle von der steinernen Treppe herab, die er hinaufging. Ringsum herrschte völlige Dunkelheit. Cornelius und Jansen schlichen vor zum Kutschenschlage. Der Führer des Wagens war auf seinem Sitze fest eingeschlafen. Jansen bewachte ihn; der zurückgebliebene Begleiter hatte die Pferde nach dem Hintergrunde eines geräumig scheinenden Hofes geführt.

»Clelia!« sprach leise, aber im Tone der innigsten Liebe, der Hoffnung und Furcht, Cornelius durch die Ritze der Ledervorhänge in das Innere der Kutsche.

»Cornelius!« antwortete eine Stimme, deren Ton ihn mit Entzücken erfüllte.

Im nächsten Augenblicke war der Schlag geöffnet. Clelia sank zitternd an die Brust ihres Freundes. Laute unmelodische Odemzüge verriethen die Anwesenheit Philippintje’s, aber auch zugleich, daß sie sich in demselben Zustande befand, wie der Rosselenker auf dem Bocke.

»Hinauf, hinan!« sagte hastig Jansen, indem er den frei gebliebenen Arm Cleliens ergriff. »Immer den Schritten des Schelmen nach, die uns den Weg weisen sollen. Wir müssen dem Feind auf den Leib rücken, wir müssen an sein Bord. Ich ahne, daß wir oben eine Person finden, der unsere Gegenwart leicht noch erwünschter kommen dürfte, als der Jungfrau Clötje

Während der furchtlose Seemann sich hastig an dem Geländer der in das obere Stock führenden Treppe fortgriff, suchte Cornelius mit dem Freunde gleichen Schritt zu halten. Clelia schwebte, von den kräftigen Armen der zwei eilenden Männer unterstützt, mehr durch den dunkelen Raum aufwärts, als daß sie sich ihrer Füße zu bedienen brauchte. Man erreichte einen ebenen Boden. Ganz nahe war man jetzt den hallenden Tritten des Vorangegangenen.

Clelia und ihre Begleiter blieben stehen. Sie hielten den Odem an, sie lauschten. Auch derjenige, dem sie gefolgt waren, hatte seine Schritte gehemmt. Er klopfte jetzt an eine Thüre, er nannte seinen Namen: La Paix. Jansen drängte Clelien und seinen Freund vor, dem Sprechenden so nahe, daß sie das Rauschen seines Mantels an der Wand vernehmen konnten.

Da öffnete sich die Thüre, ein Lichtglanz strömte heraus, ein schwarz gekleideter Mann erschien in ihr und breitete die Arme dem Eintretenden entgegen, mit den Worten:

»Salve, Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: habeo Themistoclem

Aber im nämlichen Augenblicke drang auch Jansen mit Cornelius und Clelien dem betroffenen Studenten nach in den hellen Saal, im nämlichen Augenblicke hob der Hammer der Glocke des Universitätsgebäudes, die sich gerade über dem anatomischen Theater befand, aus zum ersten Schlage der Mitternachtsstunde, er dröhnte schwirrend über den Häuptern der seltsam Versammelten hin, das Glockenspiel in der Uhr fing an das damals eben neu aufgekommene Lied: Prinz Eugenius, der edle Ritter, zu spielen und – siehe! der Starrkrampf des Herrn van Vlieten war gelöst, die schlummernde Lebenskraft schien nur einer solchen Anregung von Außen geharrt zu haben, um, nach der glücklich vollendeten Crisis, wieder frei und frisch in die Wirklichkeit zu treten. Noch wandte der Professor, den fremden Besuch anstaunend, ihm den Rücken. Als aber Hazenbrook sich umkehrte, als die Uebrigen ihm auf dem Fuße in das Gemach folgten, da stand schon Herr Tobias mitten im Saale, umwallt von dem weiten Pelze, der durch seines Herrn Sprung von der Tafel in eine flatternde Bewegung gerathen war.

Hazenbrook verlor die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden Freunde betrachteten mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die Skelette und Mißgeburten, die ausgestopften Thiere und seltsamen Werkzeuge an den Wänden, deren Bedeutung ihnen unbekannt war. Nur Clelia hatte für nichts anderes Augen, als den schwer gekränkten, schwer beleidigten Vater. Sie ahnete nicht das Spiel des Zufalls, das sie hier mit ihm zusammenführte, sie wußte ja nicht anders, als daß sie auf seinen Befehl hierher gebracht worden sey, sie mußte glauben, daß er sie absichtlich hier erwarte. Sie warf sich ihm zu Füßen, ihre Thränen flossen und mit bebender, flehender Stimme sagte sie:

»O verzeihet mir, mein Vater, daß ich mich so arg an Euch versündigt! Ihr habt großes Recht mir zu zürnen, mich zu strafen, so hart Ihr wollt, aber schenkt mir dann auch Euere Vergebung, schenkt mir Euere Liebe wieder!«

Ein Ausdruck von Milde zeigte sich in dem Antlitze des Herrn van Vlieten, als er auf die Tochter niedersah. Dann fuhren seine Blicke wild im Kreise umher. Sie trafen auf Hazenbrook. Er schauderte zurück, als habe er einen Basilisken erblickt.

»Ich verzeihe dir,« stieß er hastig heraus, »ich verzeihe dem Cornelius, ich verzeihe Allen, aber dem verzeihe ich nicht, dem schändlichen Menschenräuber, dem satanischen Mumien-Professor! Fort von hier im Augenblicke! Die Luft hier ist vergiftet und die Gerippe starren mich an, als wollten sie mich begrüßen als ihren guten Freund und Gevattersmann. Ich ersticke hier! Ich muß ins Freie, in ein anderes Haus.«

Er schritt mit einer Eile und Festigkeit nach der Thüre, die augenscheinlich die völlige Rückkehr seiner Kräfte erwiesen. Jansen riß ein Licht an sich und eilte voraus. Von Cornelius geführt folgte Clelia dem versöhnten Vater. So leicht hatte sie nicht gehofft, seine Verzeihung zu erhalten, so bald hatte sie noch weniger geahnt, ihn dem jungen Manne, dem ihre Liebe gehörte, geneigt zu sehen. Wie ein schöner Traum dünkte sie Alles. Sie sah wohl ein, daß in dessen Hintergrunde ein Räthsel stehe, welchem sie die günstige Wendung ihres Schicksals verdanke, aber sie vermochte es nicht zu erklären und gab sich auch lieber der Wirklichkeit hin, die sie klar und freundlich ansprach.

La Paix sandte den Forteilenden einen staunenden und fragenden Blick nach, der deutlich sagte, daß er von Allem, was eben unter seinen Augen vorgegangen war, nichts begreife. Er konnte ihre Entfernung nicht verhindern, wenn er auch gewollt hätte. Der Zustand des Professors erheischte seine ganze Sorgfalt.

Jungfrau Philippintje hatte indessen im Innern der haltenden Kutsche ihr Schläfchen fortgesetzt. Sie erwachte erst von dem Schein der Kerze, mit der Jansen in den Wagen leuchtete. Ihr Blick fiel auf Herrn van Vlieten. Sie sah den strengen Brodherrn im wohlbekannten Schlafpelze, sie glaubte sich in der heimathlichen Wohnung zu Rotterdam, sie schrie laut auf und wollte sich aus dem Wagen stürzen.

»Ruhig!« gebot der Capitän und schob sie unsanft in die Kutsche zurück. Verstummend schmiegte sie sich in einen Winkel. Sie sah, wie Herr Tobias einstieg, ein Zittern ergriff sie, als sie die Nähe des Gebieters, der dicht neben ihr Platz nahm, fühlte. Clelia folgte dem Vater. Der milde Strahl des Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang tröstlich in Philippintje’s Herz.

Während Jansen den schweren Riegel am Thore zurückschob und dieses öffnete, hatte Cornelius den noch immer schlafenden Kutscher erweckt und ihm in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ, angedeutet, den Wagen augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu fahren. Der Mann war noch schlaftrunken. Er glaubte einen seiner bisherigen Herrn vor sich zu sehen und gehorchte ohne Umstände.

»Cadédis! Was hat das zu bedeuten?« rief Le Vaillant, als er von seinem Geschäfte, das ihn in den Hintergebäuden des Hofes gehalten hatte, zurückkehrte und beim Lichte der von Jansen am Boden zurückgelassenen Kerze den Thorweg offen, den Wagen verschwunden sah. Er stürmte die Treppe hinauf. Er hoffte oben bei La Paix und dem Professor Aufschluß zu erhalten. Als er aber den Saal betrat, herrschte hier eine Stille, wie im Grabe. Er fand Hazenbrook bleich und kraftlos in den Armen seines Freundes La Paix.

Die schönen Hoffnungen, welche den Liebenden diese Mitternachtsstunde gebracht hatte, wurden erfüllt. In der Frühe des nächsten Tages langte auch Herr Jan van Daalen mit gerichtlichen Vollmachten an, die nun überflüßig geworden waren. Cleliens Vater erwachte erst am Abend aus einem tiefen und stärkenden Schlafe. Es bedurfte nur weniger Hin- und Herrede zwischen den beiden alten Herrn, um den bisherigen dicksten Mann von Rotterdam zu überzeugen, daß er, nach dem erlittenen Brandschaden, den Ruhm jenes Vorzuges mit Herrn van Daalen theilen müsse. Dieser Ueberzeugung folgte die Einwilligung des Herrn Tobias in das Glück der beiden Kinder. Alles kam nun zur Erklärung: die Leidensgeschichte van Vlietens, die Doppel-Entführung Cleliens und Philippintje’s, die Zartheit und Ehrfurcht, mit welcher sie von den Studenten behandelt worden waren!