Seewölfe Paket 23

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„Die Brustwehr wird nicht ausreichen, weitere Verfolger abzuhalten“, sagte er zu Stenmark und Matt Davies, die die Wache übernommen hatten. „Wir sollten gründlich Vorsorgen, damit es keinen Ärger mehr gibt.“

„Wie?“ fragte Stenmark. „Willst du wieder für eine Lawine sorgen?“

„Das halte ich für das beste“, erwiderte der Seewolf. Er ging zu Ribault, der jetzt auch auf den Beinen war.

„Komm mit“, sagte er. „Wir müssen noch mal in die Steilfelsen hinauf.“

„Was hast du, vor?“

„Ich will ein bißchen Zauber veranstalten“, sagte Hasard. „Damit wir auf jeden Fall den Rücken frei haben und vor weiteren unliebsamen Überraschungen sicher sind.“

„Ich kann mir schon denken, was das wird“, sagte Ribault grinsend.

Kurz darauf stiegen sie in die Felsen auf – vom Plateau aus gesehen links des Pfades, wo sie sich bereits in der Nacht bewegt hatten. Hasard begann, mit kleinen Steinen die Stellen zu markieren, wo er Pulverladungen anbringen lassen wollte.

„Wir haben genug Fässer dabei“, sagte er. „Einige von ihnen können wir ruhig opfern – für unsere Sicherheit.“

„Eben“, sagte Ribault. „Man soll nie an der falschen Stelle sparen.“

„Was hältst du davon, wenn wir hier die stärkste. Ladung anbringen?“ fragte Hasard. Sie befanden sich unmittelbar über dem Pfad, an einem dicken Felsbrocken, der sich fast von allein auf den Pfad zu senken schien.

„Eine gute Idee“, sagte Ribault. „Wenn die Ladung kräftig genug ist, löst sich der ganze Klotz und kracht auf den Pfad ’runter.“

Wieder markierte Hasard die Stelle, dann krochen sie weiter. Wenig später hatte er insgesamt zehn Plätze für die Pulverfässer ausgesucht. Dann richtete er sich hoch auf und gab Carberry, Dan und den anderen, die inzwischen alle aufgestanden waren, durch Zeichen zu verstehen, daß sie die Pulverfässer bringen sollten.

Don Ramón de Cubillo war seines Knebels wieder entledigt worden. Aus geweiteten Augen blickte er zu den Männern und verfolgte, wie sie die Pulverfässer in die Felsen trugen.

„Was geht da vor?“ fragte er mit bebender Stimme Pater David.

„Ach, meine Freunde bereiten nur ein kleines Erdbeben vor“, erwiderte Pater David.

„Wem gilt das?“

„Wem schon? Dir vielleicht, Señor?“

„Ich habe Angst“, gestand Don Ramón. „Gräßliche Angst. Und ich will nicht sterben. Bewahre mich davor, Padre. Leg ein gutes Wort für mich ein. Ich flehe dich an.“

„Bei wem soll ich es einlegen? Bei Gott?“

„Bei dem schwarzhaarigen Ba… bei eurem Anführer.“

Pater David verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum hast du nicht früher darüber nachgedacht, Gouverneur?“

„Über was?“

„Darüber, daß man nicht ungestraft morden, andere Menschen quälen und sich auf ungesetzliche Weise bereichern darf?“

„Aber – das tun doch alle.“ Don Ramón benetzte die spröden Lippen mit der Zunge. „Glaubst du, daß der Vizekönig von Lima anders ist als ich?“

„Du mußt nicht den als Vergleich heranziehen, sondern anständige Menschen. Es gibt sie, Señor.“

„Das weiß ich. Und auch ich werde mich bessern.“

Pater David schüttelte den Kopf. „Leere Versprechungen. Du änderst dich nie, Señor. Das sagt mir meine Menschenkenntnis. Du bist so, wie du bist, und auch die härteste Strafe wandelt dich nicht.“

Don Ramón war den Tränen nah. „Gib mir doch wenigstens eine Chance.“

„Das hängt nicht von mir ab“, sagte der Gottesmann, dann wandte er sich ab und ging zu den anderen hinüber.

Mittlerweile waren die Pulverfässer in den Felsen plaziert worden. Hasard wollte genügend Felsen absprengen, die den Pfad endgültig unpassierbar machten. Die zehn Pulverfässer waren gut verdammt und mit Lunten versehen. Hasard, Ribault, Carberry und Dan zogen sich mit einer langen Lunte aus den Felsen und zum Plateau zurück.

„Sehr gut“, sagte Pater Aloysius grinsend. „Jetzt kann es losgehen, nicht wahr?“

„Das ist wohl nach deinem Geschmack“, sagte Pater David.

„Wir Tiroler haben eine enge Beziehung zum Pulver“, entgegnete Pater Aloysius, und in seinen Augen schienen Teufelchen zu tanzen. „Wir sind richtige Rebellen und wehren uns gegen jeden, der uns zu überrumpeln versucht. Uns unterwirft keiner, wir sind unabhängig.“

„Was ist das bloß für ein Land, dieses Tirol?“ wollte Matt Davies wissen.

„Es ist gebirgig“, erwiderte Pater Aloysius.

„Und das Meer? Wo ist das Meer?“

„Bei mir zu Hause gibt es kein Meer, nur Seen“, antwortete der Gottesmann.

„So was“, murmelte Matt Davies enttäuscht. „Ein Land ohne Meer. Das ist ja nun wirklich das Allerletzte. Alles nur Landratten, kein einziger Seemann, was?“

„Trotzdem ist Tirol das schönste Land der Welt“, sagte der Pater bissig.

„Helvetien soll auch sehr schön sein, hab’ ich gehört“, sagte Dan lachend.

„Wo liegt das denn?“ fragte Matt. „Nie gehört.“

„Um so besser“, sagte Pater Aloysius. „Tirol ist viel besser und größer – und mit Helvetien auch überhaupt nicht zu vergleichen.“

„Nun streitet euch nicht“, sagte Hasard. „Zündet lieber die Lunte an.“

Ribault holte ein Stück Feuerstein hervor. Carberry gab ihm einen Flint, und Ribault schlug damit gegen den Feuerstahl. Die sprühenden Funken fielen auf die Lunte und entfachten sie.

Don Ramón hockte auf einem Stein. Er wäre aufgesprungen und fortgelaufen, wenn er nicht gefesselt gewesen wäre. Seine Augen weiteten sich noch mehr, und in seinem teigigen Gesicht zuckte es unaufhörlich. Knisternd brannte die Lunte ab, eine zischende Spur lief über das Plateau und verschwand zwischen den Felsen.

„Jetzt ist es soweit“, sagte Carberry grinsend und rieb sich die Pranken.

Don Ramón begann zu wimmern. Als die erste Explosion grollend ertönte und die Felsen beben ließ, schrie er auf. Bei der zweiten Explosion kreischte er wie von Sinnen. Carberry stieß einen Fluch aus, trat zu ihm und steckte ihm wieder den Knebel in den Mund.

Im Stakkato erfolgten auch die anderen Explosionen, und sie lösten über eine Länge von knapp dreißig Yards fast einen Bergrutsch aus. Es krachte, wackelte und dröhnte, eine gewaltige Staub- und Pulverqualmwolke stieg auf und wälzte sich über die Berge.

Als sich die Wolken allmählich verflüchtigten, nahmen die Männer ihr Werk in Augenschein.

„Es hat geklappt“, sagte Dan. „Der Pfad ist weg. Er existiert nicht mehr.“

„Über eine Länge von gut achtzig Yards“, sagte der Seewolf.

„Das wäre also erledigt“, sagte Pater David. Er richtete seinen Blick auf den Hang, der durch die Detonationen verwüstet worden war. Dieser Hang über dem Pfad war zu einem lebensgefährlichen steilen Geröllfeld geworden, dessen Betreten weitere Geröllawinen auslösen würde.

„Das genügt“, sagte Hasard. „Der einzige Pfad zwischen Arica und Potosi ist unterbrochen und gesperrt. Niemand wird uns von Potosi aus verfolgen können.“

„Und keiner weiß, daß wir nach dem Passieren der Cordillera de los Frailes auf dem Altiplano nach Nordwesten abbiegen und den Weg nach Arica verlassen“, sagte Pater Aloysius.

„Wir dürfen also wirklich aufatmen“, murmelte Karl von Hutten.

„Der Marsch wird fortgesetzt“, sagte Hasard.

Die Maultiere wurden von ihren Fußfesseln befreit. Die Männer rafften ihre Habseligkeiten zusammen und beluden die Tiere, dann wurde auch das Feuer gelöscht, über dem sie ihr Frühstück zubereitet hatten. Es konnte weitergehen.

Carberry zog dem Dicken wieder den Knebel aus dem Mund, warnte ihn aber: „Wenn du jammerst, stopf’ ich ihn dir wieder rein!“

„Warum darf ich nicht reiten?“ keuchte Don Ramón.

„Etwa auf einem Maultier?“ fragte Carberry. „Du bist wohl nicht bei Trost.“

„Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende. Mein Herz …“

Der Profos grinste und deutete auf Diego. „Also gut. Wie wäre es, wenn du auf unseren Freund klettern würdest?“

Diego stieß ein zorniges Schnauben aus und schlug mit dem linken Vorderhuf auf das Gestein. Er sah den Dicken derart böse und verschlagen an, daß dieser wieder einen Schrei des Entsetzens ausstieß.

Carberry war drauf und dran, ihm den Knebel in den Mund zu schieben, aber Don Ramón stieß hastig hervor: „Nein, nein! Ich wollte nur sagen – ich laufe lieber!“

Damit setzte er sich zum Rand des Plateaus in Bewegung. Als er an den Steingräbern der beiden toten Aufseher vorbeiwatschelte, überlief ihn eine Gänsehaut. Was sich in der Nacht abgespielt hatte, hatte er von Pater David haarklein erfahren. Gräßlich, dachte er.

„Der läuft erst mal“, sagte Carberry grimmig. „Vielleicht hält es ja eine Weile vor.“

Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Lawine des Todes blieb hinter ihnen zurück. Sie vergaßen rasch, was sich abgespielt hatte. Ihre Gedanken waren jetzt bei den Kameraden von der „Estrella de Málaga“ und der „San Lorenzo“.

Wie war es ihnen in der Zwischenzeit ergangen? War alles nach Plan verlaufen oder hatte es Zwischenfälle gegeben? Bald würden Hasard und seine Männer es erfahren …

ENDE


1.

Margarita, die glutäugige, dunkelhaarige Schönheit, stand am späten Vormittag des 15. Dezember 1594 am Fenster ihrer kleinen Kammer und blickte auf die Plaza von Arica hinunter. Sie träumte, wie so oft, von ihrer Heimat Andalusien. Ja, dorthin würde sie zurückkehren, eines Tages. Sie hatte keine Illusionen mehr, denn das war in ihrem Gewerbe nicht möglich, doch sie war ziemlich sicher, daß sie sich ihren Herzenswunsch in nicht allzu ferner Zukunft erfüllen würde.

 

Als wohlhabende Frau wollte sie nach Andalusien zurückkehren und sich dort eine Hacienda kaufen, mit viel Land, Olivenbäumen, Rebstöcken, Kühen, Ochsen und Schafen und einem prächtigen Haus darauf. Dazu brauchte sie Geld – viel Geld. Einen Teil hatte sie bereits angespart und gut versteckt, den Rest würde sie sich in den nächsten zwei, drei Jahren verdienen.

Der Wirt der Schenke an der Plaza war ein Wucherer und Galgenstrick. Er kassierte für die Kämmerchen, in denen die Mädchen wohnten und ihre Freier empfingen, und er verlangte für jeden „abgefertigten“ Kunden auch noch einen Anteil. Aber Margarita war raffiniert. Viele Gelder unterschlug sie einfach, oder sie gab die Höhe der Tageseinkünfte niedriger an, als sie eigentlich waren. Sie wußte, wie man das anstellte, und es funktionierte seit Jahren.

Sechs Jahre war sie nun schon in Arica. Die Zeit verging wie im Flug. Sie wollte nicht schon dreißig sein, wenn sie in ihre Heimat zurückkehrte. Sie wollte noch Kraft und Energie haben, um sich ihrem Lebensziel, der Hacienda, voll widmen zu können.

Ob sie auch noch heiraten würde? Sie wußte es nicht. Sie würde es dem Zufall überlassen. Wenn der richtige kam, gab sie ihm ihr Jawort. Kam er nicht, war sie selbständig und klug genug, um auch auf eigenen Beinen zu stehen, und es war ihr dabei egal, was in Andalusien ihre Familie, die Nachbarn und die Dörfler, die ihre eigenen verschrobenen Ansichten hatten, dachten.

In Arica florierte das Geschäft. Bald war Weihnachten. Viele Seeleute befanden sich im Hafen, und auch die einflußreichen und wohlhabenden Señores der Stadt hatten ihre Spendierhosen an. Das große Fest nahte, und es würde in eine einzige Orgie ausarten, denn so pflegte man sich in Arica auszutoben.

Auch die Soldaten waren „bei Kasse“. Margarita haßte sie, aber am meisten haßte sie den Bürgermeister Diego de Xamete. Aus schmal werdenden Augen beobachtete sie, wie seine vierspännige Karosse auftauchte und über die Plaza rollte. Da saß er fett und behäbig in den Polstern – ein durchtriebener und korrupter Kerl, der an den Pranger gehörte.

Doch dort standen immer nur die Indios, die Sklaven, armselige Kreaturen, die eingesperrt und mißhandelt wurden. Menschenmaterial für die Minen von Potosi. Sie wurden in den Cerro Rico verschleppt, und von dort kehrten sie nicht mehr zurück, weil sie vor Erschöpfung, Hunger oder Kälte starben. Oder sie wurden krank und siechten elendig dahin.

O ja, Margarita konnte sich dies alles sehr gut vorstellen. Manch einer ihrer Freier, der in Potosi, der Stadt des Prunkes und Überflusses, gewesen war, hatte ihr davon berichtet, wie es dort zuging.

In Potosi regierte ein Kerl, der noch fetter und widerwärtiger als de Xamete war – Don Ramón de Cubillo, der Provinzgouverneur. Wenn er wieder Sklaven brauchte – Männer für die Minen und Mädchen für seine perversen Spiele –, jagte er seine Soldaten los, und die holten sich die Eingeborenen aus den Dörfern der Cordillera. Ein ganz besonders schlimmer Schinder sollte Luis Carrero, der Oberaufseher der Minen sein. Er Verbreitete mit seinen Bluthunden überall Grauen und Panik.

Margarita konnte nicht ahnen, daß dieser Luis Carrero nicht mehr am Leben war und daß schon bald – noch vor Jahresende – in Potosi etwas Ungeheuerliches passieren sollte: Ein Trupp verwegener Männer bewegte sich durch die Cordilleras und über den Altiplano auf die Stadt des Silbers zu, der Anführer war ein schwarzhaariger Riese namens Philip Hasard Killigrew. Sein Plan war, die Sklaven des Cerro Rico zu befreien, die Casa de la Moneda zu zerstören und den Silberabbau lahmzulegen. Genau das sollte ihm in einem tollkühnen Handstreich auch gelingen.

Hätte Margarita davon gewußt, dann hätte ihr Herz für den verwegenen schwarzhaarigen Mann geschlagen. Ihr taten die Indios leid. Sie hatten niemandem etwas getan, waren friedlich und lebten zurückgezogen in ihren Dörfern. Dafür wurden sie getreten, geschlagen und ermordet.

Die Kutsche rollte davon. Diego de Xamete befand sich auf seiner üblichen Rundfahrt. Er kassierte seine Schmiergelder ab. Margarita wußte mit ziemlicher Sicherheit, von wem er Geld erhielt und wie hoch die Summen waren. Die meisten wohlhabenden Bürger hatten Dreck am Stecken, keiner verfügte über eine blütenweiße Weste. De Xamete wußte dies auf seine Art auszunutzen. Sein Schweigen war Gold und Silber wert.

Aber jetzt war er gezwungen, einiges von seinen „Einkünften“ wieder zu opfern. Silberlinge mußten rollen, denn Don Ramón de Cubillo, der Provinzgouverneur von Potosi, hatte angedroht, daß der Amtssessel des Bürgermeisters von Arica wackeln werde, falls de Xamete nicht in der Lage sei, in kurzer Zeit möglichst viele neue Sklaven zu beschaffen. Potosi brauchte Indios – dringend. Sonst ließ die Produktion der Mine und der Münzpresse nach. Das konnte man sich auf keinen Fall leisten.

Diego de Xamete also hatte den glorreichen Einfall gehabt, auf die Ergreifung jedes „Indio-Affen“ ein Kopfgeld auszusetzen. Dafür zahlte er die Silberlinge gern, denn sie sorgten ja dafür, daß er im Amt blieb und seine Pfründe nicht versiegten.

Die Investition lohnte sich. Täglich schleppten die Soldaten neue Gefangene nach Arica, und aus diesem Grund hatten sie Silberlinge in den Taschen, die sie wiederum in den Kneipen und Kaschemmen und den Hurenhäusern auf ihre Weise umsetzten.

Der erfolgreichste Kerl von allen war der Sargento Zeno Manteca. Margarita betrachtete ihn, wie er über die Plaza spazierte. Ein übler Halunke, skrupellos und gewalttätig. Am liebsten hätte sie ihm in sein hakennasiges Gesicht gespuckt. Auch das konnte sie sich nicht erlauben. Manteca konnte außerordentlich gefährlich werden, auch Frauen gegenüber. Er war unberechenbar, und von einem Augenblick auf den anderen konnte seine Stimmung umschlagen.

Er war ein Großmaul, dieser Manteca. Er hatte eine Hakennase, ein spitzes, vorspringendes Kinn und eng zusammenstehende Augen. Ein Galgenstrick, dachte sie. Sie haßte ihn so innig wie den Bürgermeister, und sie wünschte es ihnen, daß irgend jemand ihnen früher oder später das schmutzige Handwerk legte.

Während sie sich ankleidete und für den Tag zurechtmachte, wanderten ihre Gedanken wieder zu der Hacienda in Andalusien ab. Mit der Erfüllung dieses Traumes würde es noch einige Zeit dauern, das wußte sie selbst. Daß aber ihre frommen Wünsche, die den Señor Bürgermeister Diego de Xamete und den Sargento Zeno Manteca betrafen, schon bald Wirklichkeit werden sollten, konnte sie beim besten Willen nicht ahnen.

Am Mittag dieses Tages herrschte etliche Meilen von Arica entfernt in einer Felsenbucht bei Tacna einiger Betrieb. Zwei Schiffe lagen vor Anker, eine Dreimastkaravelle namens „Estrella de Málaga“ und eine Dreimastgaleone namens „San Lorenzo“. Jollen bewegten sich zwischen dem Ufer und den Schiffen hin und her. Der letzte „Aufräumtrupp“, den Ben Brighton und Jan Ranse, die Kommandanten der Segler, in das Tal von Tacna hinauf geschickt hatten, kehrte an Bord zurück. Unter den Männern befand sich auch Roger Lutz, der von seinen Kameraden am Ufer und an Bord mit grinsenden Gesichtern empfangen wurde.

Dicker Qualm stieg vom Ufer auf. Mac Pellew und die Zwillinge hatten die Idee, eine Räucherei für die reichlich aus dem Wasser der Bucht gefischten Anchovetas zu bauen, in die Tat umgesetzt. Fast unablässig nahmen sie die Fische aus und hängten sie in den aus Steinen errichteten Räucherofen, der nach anfänglichen Schwierigkeiten und einigen Experimenten hervorragend zog.

Mac Pellew heizte die Glut an. Albert, der vermeintliche Bucklige von Quimper, leistete ihnen Gesellschaft und verdrückte still und friedlich „Kostproben“ – den vierten Anchoveta an diesem Mittag. Als er jedoch Roger Lutz entdeckte, der gerade an ihnen vorbei auf eine der Jollen zuschritt, ließ er die gerade abgeknabberte Gräte sinken und setzte sein breitestes Grinsen auf.

„Na, wen haben wir denn da?“ rief er. „Der verlorene Sohn kehrt zurück! Wir dachten schon, du musterst ganz ab, mein Freund!“

Roger blieb stehen und blickte ihn an. „Spar dir deine dämlichen Kommentare. Ein Mann wie ich mustert nie ab.“

„Hast du denn schön aufgeklart bei den Padres da oben?“ fragte Albert und kicherte.

„Das weißt du doch“, entgegnete Roger. „Es ist nicht eine einzige Spur mehr von den Zerstörungen zu sehen. Ferris hat ja sogar das zerschlagene Kruzifix repariert.“

„Klar“, sagte Philip junior. „Er hat es in pingeliger Kleinarbeit restauriert, das hat er uns erzählt.“

„Und er hat auch berichtet, wie sehr Roger geschuftet hat“, sagte sein Bruder mit strahlendem Lächeln.

„Ach, das ist nicht der Rede wert“, sagte der Franzose. Fast wurde er verlegen.

Albert konnte seinen Mund nicht halten. „Na ja, er ist für die Plackerei ja auch reichlich entlohnt worden, nicht wahr? In Naturalien! Oder wie?“

Roger trat auf ihn zu. „Jetzt ist aber Schluß, du Giftmorchel! Halt die Klappe, oder ich steck’ dich mit dem Hintern in den Ofen!“

Albert wich zurück. „Aber, aber! Kannst du keinen Spaß mehr verstehen?“

„Nicht in dem Punkt.“

„Hört auf“, sagte Mac Pellew. Er hustete, weil er etwas Rauch eingeatmet hatte. „Ihr seid doch schließlich Landsleute.“

„Landsmann oder nicht“, sagte Roger. „Wer noch eine dumme Bemerkung über meine Privatangelegenheiten von sich gibt, kriegt was an die Ohren.“ Damit wandte er sich ab und ging zu der Jolle, wo die anderen bereits auf ihn warteten.

Es hatte sich herumgesprochen, daß Roger Lutz im Tacna-Tal zarte Bande zu einer jungen Indiofrau geknüpft hatte, die Witwe war. Ihr Mann war nachweislich in den Minen von Potosi umgekommen. Roger hatte tatsächlich hart im Klostergelände geschuftet, und aus diesem Grund hatte Pater Franciscus beide Augen zugedrückt, als er bemerkte, was sich da tat.

Roger hatte die ganze Zeit über – während die Trupps sich ablösten – oben im Tal bleiben dürfen. Es war eine schöne Zeit für ihn gewesen, er würde sie nicht vergessen. Anacoana – so hieß die junge Witwe – war eine hübsche, zärtliche und kluge Frau. Sie konnte gut Spanisch, und er hatte sich ausgezeichnet mit ihr verständigen können, in allen Bereichen.

Die Jollen brachten die Männer an Bord der „Estrella de Málaga“. Auch die, die sich noch auf der „San Lorenzo“ befanden, setzten zu der Karavelle über. Ben Brighton hatte eine Besprechung anberaumt. Sie enterten an der Jakobsleiter auf und versammelten sich auf der Kuhl.

Roger hieb seinem Freund Grand Couteau, den er jetzt wiedertraf, kräftig auf die Schulter. Wie Roger hatte auch Grand Couteau zu dem ersten Trupp gehört, der sich in das Tal hinaufbegeben hatte, doch er war dann, bei der ersten Ablösung, zur Ankerbucht zurückgekehrt.

„Wie ist es dir denn so ergangen?“ fragte Grand Couteau, als sie sich zum Backbordniedergang zurückzogen, der die Kuhl mit der Back verband. „Man hört ja die tollsten Geschichten von dir.“

„Das ist eine Frau“, schwärmte Roger. „Von der könnte sich so manche Französin eine Scheibe abschneiden.“

„Na, nun übertreibe mal nicht.“

„Es ist die reine Wahrheit.“

„Gut für dich“, brummte Grand Couteau. „Aber alles hat ja mal ein Ende, leider. Es geht nach Arica, wir wollen den Dons ein bißchen ans Leder.“

„Das trifft sich gut“, sagte Roger, und plötzlich war er sehr ernst. Er nestelte etwas aus seinem Wams hervor, ein zusammengefaltetes Stück Pergament. Er öffnete es und zeigte dem erstaunten Grand Couteau die Zeichnung eines häßlichen Spaniers, der einen Helm trug.

„Hölle und Teufel!“ entfuhr es Grand Couteau. „Wer ist denn das? Und wer hat das gemalt?“

„Anacoana.“

„Deine Indio-Frau?“

„Ja. Dieser Kerl hier, ein spanischer Sargento, hat vor zwei Jahren ihren Mann aus dem Tal von Tacna verschleppt. Damals hat sie sich das Gesicht des Hundes sehr genau eingeprägt, unauslöschlich, verstehst du?“

„Ja. Es will mir aber nicht in den Kopf, wie man aus dem Gedächtnis so ein Gesicht zeichnen kann.“

„Sie hat eben ein Talent in dieser Richtung“, sagte Roger. „Ich habe auch Pater Franciscus nach diesem Kerl befragt, und er hat mir bestätigt, daß es sich um einen Sargento gehandelt hat. Aus Arica.“

Grand Couteau stieß einen leisen Pfiff aus. „Das wird ja immer interessanter. Nun sieh dir diesen Hurensohn an. Ein übler Typ, nicht wahr?“

„Ja. Damals tauchte er mit einem Trupp von acht Soldaten auf und requirierte zehn Indios für die Minen von Potosi.“

„Diese Schweine“, sagte Grand Couteau. „Man sollte sie alle rauswerfen aus diesem Land.“

 

„Unter den Requirierten befand sich auch Anacoanas Mann“, fuhr Roger fort. „Der Sargento schlug ihn vor Anacoanas Augen zusammen.“

„Hoffentlich finden wir den in Arica wieder. Das gäbe ein feines Fest.“ Grand Couteau blickte den Freund mit grimmiger Miene an. „Ich schätze, da melden wir uns als erste freiwillig, was?“

Roger entgegnete: „Pater Franciscus hat mir alle Einzelheiten dieses Gesichts bestätigt. Die Zeichnung sei haargenau, hat er gesagt. Schau dir die Hakennase an.“

„Ich werde sie ihm breitschlagen“, sagte Grand Couteau. Er war ein kleiner Mann, aber schnell und wendig. Und er war ein Meister im Umgang mit dem Messer, daher sein Name, der seinen Kameraden als der einzig richtige geläufig war.

„Das spitze Kinn und die eng zusammenstehenden Augen“, sagte Roger. „Das sind Details, die man sich leicht merkt und an denen man ihn erkennt.“

Jan Ranse trat zu ihnen. „He, ihr beiden! Was habt ihr zu bereden? Ist das ein Geheimnis?“

„Eigentlich nicht“, erwiderte Roger und zeigte ihm die Zeichnung. Dann berichtete er, was er gerade seinem Freund erzählt hatte.

Jan Ranse hörte sich alles schweigend an. Er konnte Roger Lutz gut leiden und verstand, was ihn bewegte. Überhaupt, Roger war ein feiner Kerl und guter Kamerad, mit dem man durch dick und dünn ging und der für jeden seinen Kopf gegeben hätte.

Deshalb hatten die Männer der „San Lorenzo“ – auch Jan – ebenfalls beide Augen zugedrückt, was das Liebesabenteuer ihres Franzosen betraf, sehr wohlwollend sogar, denn jeder konnte bestätigen, daß Roger wirklich wie ein Kesselflicker im Tal gearbeitet hatte.

Und ein bißchen hatten sie auch an sein mißlungenes Liebesabenteuer mit der Dame Juana gedacht, bei dem beide im Wasser gelandet waren, als man auf dem Weg nach Arica der Galeone der Komödianten begegnet war. Anschließend hatten die Mannen ihren armen Roger verdroschen.

Nicht, daß sie deswegen so etwas wie Reue empfanden, aber Roger Lutz war eben Roger Lutz. Ein prächtiger Kerl, ein richtiger Draufgänger, und die Frauen flogen ihm zu. Man durfte das alles eben nicht so eng sehen, wie Jan zu sagen pflegte.

Ben Brighton hatte auch nur still gelächelt, als ihm gemeldet worden war, Roger hätte oben, im Tal, noch zu tun und brauche nicht abgelöst zu werden. Jetzt aber war es unvermeidlich gewesen: Die Arbeit war getan, und alle waren an Bord zurückbeordert worden.

Ben trat an die Schmuckbalustrade des Achterdecks der „Estrella“ und sagte: „Männer, ich möchte mich jetzt dem Problem Arica zuwenden. Wir hatten bereits darüber gesprochen, daß es nur richtig sei, die Dons mit einem Besuch zu beehren. Wir können auf diese Weise einen guten Treffer landen und Hasard und dem Potosi-Trupp den Rücken freihalten, falls die Dons in Arica jemals auf die Idee verfallen sollten, nach Potosi zu marschieren, beispielsweise mit einem Trupp Sklaven und Soldaten.“

„Oder falls sie aus Potosi alarmiert werden, wenn dort etwas schiefläuft“, sagte Big Old Shane. „Das sollten wir auch nicht vergessen.“

„Ich melde mich freiwillig für das Unternehmen Arica!“ rief Roger Lutz.

„Ich auch!“ fügte Grand Couteau mit lauter Stimme hinzu.

Ben hob beide Hände. „Langsam, langsam. Als erstes sollten wir besprechen, wie wir die Stadt und den Hafen am besten in Angriff nehmen.“

„Ja“, sagte Jan Ranse, dann, etwas leiser und zu Roger gewandt: „Dir spukt wohl nur noch der miese Sargento im Kopf herum, was?“

„Genau das. Und weißt du auch warum?“

„Weil er Anacoanas Mann geschlagen und verschleppt hat.“

„Und warum hat er ihn deiner Meinung nach geschlagen?“ fragte Roger. „Warum ging der arme Teufel auf diesen Hund los?“ Seine Augen wurden etwas schmaler. „Ich will es dir verraten. Pater Franciscus hat es mir berichtet, ein wenig verklausuliert zwar, aber doch deutlich genug. Anacoanas Mann hat den Sargento angesprungen, weil der im Begriff gewesen war, ihr Gewalt anzutun.“

„So ein Schwein“, sagte Grand Couteau.

„Für mich gibt es kein größeres Verbrechen“, sagte Roger. „Kerle, die mit Gewalt Liebe erzwingen wollen, sind für mich der letzte Dreck. Er wird das noch schwer bereuen, der Señor Sargento, wenn ich ihn erwischen sollte.“