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Alarm

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9

In einem Wirrsal der Gefühle erwartete Rutland am Abend Angelita. Sie hatte ihm gestern versprochen, zu kommen. Sie würde Mittel und Wege finden, ihre Verheißung wahr zu machen.

Tief zusammengekauert saß er in einem der weichen Klubsessel seiner Bibliothek und grübelte. Es war gut, daß sie kam, gerade heute kam. Denn nun war er für sie bereit, nun war sein Leben für sie geöffnet, weit, weit. Jetzt, nach dieser Begegnung heute morgen, war die Vergangenheit endgültig tot und abgetan.

Weit stärker als in ihrer wirklichen Gegenwart empfand er jetzt nachkostend das Zusammentreffen mit der Frau, die sein Leben verdorben, ihm eine andere Richtung gegeben, die er gehaßt hatte als das Unheil und den Abgrund, in den sie ihn gestoßen hatte.

Und sie hatte ihn nicht erkannt! Daran zweifelte er nun nicht mehr. Während der Mahlzeit hatte er immer noch gefürchtet. Ihr aufbäumendes Stutzen bei der Begrüßung, ihr Aufschrei waren verräterische Warnungssignale. Es entging ihm nicht, wie sie später gierig in seinem Gesicht forschte, wie sie auf den Klang seiner Stimme lauschte, wie sie in ihm nach dem Manne ihrer ersten Liebe fahndete. Er hatte nicht gewagt, Wesen und Stimme zu verändern, aus Furcht, solche Wandlung könne Bouterweg auffallen, der ihn aus wochenlangen Verhandlungen genau kannte. Er sah, wie sie zwischen Erkennen und Fremdheit einhertaumelte.

Doch beim Abschiede gewann er die frohe Zuversicht, daß sie jetzt mit sich und mit ihm im klaren war, daß sie sich nun abschließend ihre Meinung gebildet und von ihrem Anfangsirrtume überzeugt hatte. Denn beim Aufbruche nach dem Lunch sagte sie zu ihm mit einer gesteigerten, ostentativen Liebenswürdigkeit: »Mr. Rutland« – kein Stolpern und Zögern mehr vor seinem angenommenen Namen! – »ich habe mich außerordentlich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Dieser Tag mit Ihnen wird zu meinen liebsten Erinnerungen an England gehören.«

Bouterweg stand daneben und strahlte. Strahlte vor Freude, daß der Mann, den er lieb gewonnen hatte, auch Muriel so gut gefiel und war stolz auf seinen »Darling«, der so hübsche Sachen so hübsch zu sagen wußte.

»Wir fahren leider übermorgen heim«, fuhr Muriel fort, nachdem Rutland auch ihr mit einem feinen Komplimente gehuldigt hatte. »Ich würde mich sehr freuen, Sie recht bald als unseren Gast in Neuyork zu begrüßen.«

Ganz unbefangen, mit aufrichtiger Herzlichkeit, hatte sie gesprochen und den Mann, der ihre schauspielerischen Gaben doch hätte kennen sollen, wieder einmal getäuscht. Er ahnte nicht, daß diese Worte schon auf dem Theater ihrer Heuchelei gesprochen wurden.

Nein, diese Gefahr, die ihm gestern abend noch so verderblich und lebenzerstörend erschienen war, daß er feige und kopflos floh und weitere Flucht plante, war in nichts zerronnen. Eine Seifenblase, die harmlos zerplatzt war.

Der Mann im Klubsessel faltete entlastet die Hände. Plötzlich löste er die Finger und preßte beide Handflächen gegen die Stirn. Er dachte an sein Kind. Diese Begegnung hatte tiefe Furchen des Grames in seinem Gemüte gezogen. Oft hatte er voll Sehnsucht und Fragen an seine kleine Tochter gedacht. Wie hatte sie sich entwickelt? Wie sah sie aus? Was wußte sie von ihrem Vater?

Nun hatte er sie gesehen mit diesen Augen eines Erwachsenen, dessen Gemüt weh ist von einem geheimen verborgenen Kummer. Und Sorge und Angst um dieses Kind und ein körperlich schmerzendes Verlangen nach ihm klaffte in seiner Brust wie eine offen blutende Wunde.

Mit einer heftigen Bewegung sprang er empor. Vorbei! Er fegte mit der Rechten durch die Luft. Vorbei! Die Vergangenheit war nun endgültig tot. Auch das Kind mußte er aus seiner Erinnerung tilgen. Das war ihm auf ewig verloren. Fort mit allem, was ihn noch an das Ufer jenseits band.

Hinüber zu neuen Gestaden!

Er schritt gewohnheitsmäßig in der Bibliothek auf und nieder und zwang mit Anstrengung Angelita in seine Gedanken. Ihr gehörte nun sein Leben. Ihr allein. Vor der Vergangenheit war jetzt das Tor zugeschlagen für immer. Jetzt lebte nur die Gegenwart und die Zukunft. Sie hieß Angelita.

Eine scheue Freude wallte in ihm auf. Ja, nachher, wenn sie kam – er blickte auf die Uhr, es war kurz nach acht —, wenn sie kam, wollte er ihr alles bekennen. Jetzt war er zu dieser großen Beichte bereiter als je zuvor. Jetzt wollte er ihr sagen, warum er sie in Tokio und neulich hier in diesem Raume im Augenblicke drohenden Taumels von sich gestoßen hatte. Sie würde dann mit ihrer feinfühligen Klugheit begreifen, daß sie für ihn unberührbar bleiben mußte, so lange sie das Weib eines anderen war. Daß sie ihm Tabu sein mußte, wenn er leben, wenn er für sich noch das Recht auf Leben beanspruchen wollte, er, der einen anderen, seinen besten Freund, getötet hatte, weil er ihm sein Weib genommen hatte.

Sie würde mit ihm fühlen, daß ein Rächer seiner Ehe nicht eine andere Ehe schänden kann, wenn er vor sich und seinem Gewissen bestehen will. Nur, wenn ihm die Ehe ein heiliges Sakrament war, konnte er vor sich den Tod des Freundes rechtfertigen und leben.

Das würde sie begreifen.

Er blickte wieder auf die Uhr. Unruhe packte ihn. Nein, sie würde kommen.

Sie hielt Wort über alle Hindernisse hinweg.

Sie mußte sich scheiden lassen. Ihre Ehe lösen. Es mußte Mittel und Wege geben, den Herzog zu zwingen. Dann würden sie heiraten. Trotz allem. Obwohl seine Ehe mit Muriel gesetzlich nicht gelöst war. Unsinn! Auch Muriel hatte geheiratet. Keine törichten unwirklichen Bedenken. Er war es satt, Sklave und Märtyrer seiner Vergangenheit zu sein. Nein, jetzt wollte er endlich wieder der Gegenwart leben und glücklich sein. Erst die Trümmer forträumen, freies Baugelände schaffen für das neue Glück.

Er schritt auf und nieder, voller Ungeduld, und die alten, nie verblichenen Geschehnisse jenes Junitages vor sechs Jahren drängten auf ihn ein. Ja, alles wollte er ihr erzählen, alles. Noch einmal die alten Gesichte beschwören, dann das Tor zuschmettern und den Schlüssel von sich schleudern, es niemals, niemals mehr zu öffnen.

Da klopfte es an der Haustür.

Er schrak zusammen vor freudevoller Erwartung. Das war sie! Endlich! Das war das Glück und das Leben, das endlich an sein Haus pochte. Er starrte mit trunkenen Augen auf die Tür der Bibliothek.

Wisdom klopfte und trat ein.

»Eine Dame, Sir!« sagte er mit schlecht verhehltem Staunen und geheimnisvoller Bedeutung, wie das erstemal.

»Lassen Sie die Dame eintreten«, gebot er gemessen und war dabei kein besserer Behüter seiner Gefühle als sein Diener. Die Freude brach ihm aus den Augen.

Der Butler ging.

Rutland eilte zum Eingang, stand dicht an der Schwelle, das Glück und das Leben zu empfangen.

Wisdom öffnete die Tür.

Die Dame trat ein.

Es war – Muriel.

10

Rutland prallte zurück, taumelte, schwankte.

Wisdom schloß die Tür.

Muriel stand stumm und lächelte. Die Kehle des Mannes würgte. In seinen Augen leuchtete noch – wie eingefroren – der letzte Schimmer seiner erwartungsvollen Freude.

»Muriel!« formten seine erbleichten Lippen.

Sie nickte lächelnd.

Plötzlich war über ihm etwas aus den alten Tagen, eine Wehrlosigkeit gegenüber dieser Frau, ein Unterliegen unter ihrem Lächeln.

»Also – hast – du mich doch erkannt?« flüsterte er, den Oberkörper weit zu ihr vorgebeugt.

»Aber natürlich, George«, sagte sie leichthin, »habe ich dich erkannt. Zuerst nicht, aber als du unser Kind begrüßtest, war ich meiner Sache sicher.«

Er blickte sich hilflos um.

»Sei doch nicht so bestürzt«, ermunterte sie freundlich.

»Ich werde dich nicht verraten. Im Gegenteil. Deshalb bin ich doch gekommen.«

»Weshalb bist du gekommen?« fragte er mit Anstrengung, ohne Begreifen.

Sie lächelte wieder, fast ein wenig verächtlich.

»Ich habe mich doch in dir getäuscht, George.«

Er zuckte bei diesem Namen zusammen. Das erstemal hatte er ihn in seiner kopflosen Benommenheit überhört.

»Ich glaubte, du wärest nun ein gefestigter Mann geworden, den nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann.«

Dieser Vorwurf schlug durch die Wirrnis in seinem Schädel hindurch. Er riß sich zusammen. Biß die Zähne aufeinander, daß sie laut in die Stille knirschten. Seine Fäuste ballten, die Brust blähte sich von der unmenschlichen Anspannung.

Ruhiger, doch mit belegter, rauher Stimme fragte er: »Weshalb bist du gekommen? Was willst du noch von mir?«

»Mit dir alles besprechen«, entgegnete sie unbefangen.

»Was alles?«

»Nun – — alles.«

Damit löste sie sich von der Tür, an der sie noch immer stand und kam auf ihn zu. Obwohl er heute vormittag stundenlang neben ihr gesessen und nichts empfunden hatte, versagte ihm der Atem, als sie jetzt auf ihn zukam. Heute vormittag war sie so unpersönlich gewesen, so ganz die Frau eines anderen, so fremd und losgelöst von ihm, als wäre sie nie sein Weib gewesen.

Jetzt, hier in der Abgeschlossenheit und Vertrautheit seines Hauses, war plötzlich über die Jahre und Klüfte, die sie trennten, über die Tat und ihre Schrecken hinweg eine Brücke geschlagen, auf der sie zu ihm kam, wie sie einst Tausende von Malen in ihrer kleinen Wohnung in Manila auf ihn zugeschritten war.

»Wir wollen uns doch setzen, George«, schlug sie gemütlich vor – in »Gemütlichkeit« war sie immer groß gewesen – »und alles in Ruhe und Freundschaft besprechen.«

Sie setzte sich in den Klubsessel, in dem er kurze Zeit zuvor die Vergangenheit endgültig begraben und einer neuen, glücklichen, erlösten Gegenwart und Zukunft entgegengeträumt hatte, und schlug, völlig »zu Hause«, die Beine übereinander.

»Schöne Beine«, dachte er verworren. Dann fiel der Gedanke über ihn her, daß Angelita jeden Augenblick kommen konnte. Was würde —? Er mußte hinausgehen und Wisdom Bescheid sagen. Die beiden Frauen, die sich kannten, durften einander hier nicht begegnen. Der Butler mußte Angelita in ein anderes Zimmer führen.

 

Er ging auf die Tür zu, blieb aber wieder stehen. Wozu unnötig die Dienerschaft aufmerksam machen? Muriel mußte ja gleich wieder gehen. Er konnte Wisdom noch anweisen, wenn es draußen klopfte oder läutete.

Inzwischen sagte Muriel verweisend: »Aber, George, lauf doch nicht so nervös hin und her. Die Sache ist wirklich nicht so schlimm. Ich war ja zuerst auch erstaunt, als ich dich heute morgen sah. Und ganz entsetzt, als ich dich untrüglich erkannte. Aber im Laufe des Nachmittags habe ich alles überlegt und, wenn wir beide klug sind, ist es vielleicht gar nicht so furchtbar. Ich dachte doch bestimmt, wie alle, du wärest tot. Wärest damals bei dem Untergange deines Torpedobootes ertrunken. Es waren ja nur drei Überlebende. Und nun lebst du! Zuerst, als ich begriff, was das für mich bedeutet, war ich ganz außer mir. Denke dir doch bloß: Jetzt habe ich zwei Männer! Denn unsere Ehe besteht doch noch.«

Sie blickte mit einem kleinen koketten Lächeln zu ihm auf. Er sah ernst und zerfahren auf sie nieder.

»Zu drollig, du, zwei Männer! Jetzt habe ich mich schon ein bißchen an den Gedanken gewöhnt. Aber mein Mann – ich meine Jan – darf nie erfahren, daß du lebst. Nie. Darum bin ich zu dir gekommen.«

Sie griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand und zog ihn dicht an sich heran, so dicht, daß ihre Beine ihn berührten. Er fühlte, wie sie die Waden in den dünnen Seidenstrümpfen an ihn schmiegte.

»Du, Georgy, nicht wahr? Du schwörst mir, daß Jan nie erfahren wird, daß du lebst?« schmeichelte sie und streichelte seine Hand.

Er trat von ihr zurück. »Ich habe nicht das geringste Interesse daran, deine neue Ehe zu stören«, stieß er hervor.

»Nicht wahr?! Du bist mir nicht mehr böse? Ich weiß, es war sehr schlecht von mir. Aber, Georgy, wirklich, ich habe nur dich geliebt.«

»Laß das jetzt«, wehrte er brüsk.

»Nein, wirklich. Du mußt mir vergeben. Das mit dem armen Stephen – ich weiß wirklich nicht mehr, wie das eigentlich gekommen ist. Sieh mal, Georgy, du warst so viel auf deinem Torpedoboot, immer Dienst, Dienst, Dienst! Und ich so viel allein, und das heiße Klima in Manila, so fern von meiner ganzen Familie, – ich habe mich so greulich gelangweilt, und da – ich weiß, es war furchtbar schlecht von mir —.«

»Laß es doch!« hemmte er wieder ihren Redestrom.

»Ich wollte nur, – du sollst nicht schlecht von mir denken, aber eigentlich, Georgy, ist ja noch alles ganz gut geworden. Damals wollte ich fast verzweifeln. Als ich aus meiner Ohnmacht aufwachte – du hast mir eine sehr schmerzende Wunde an der Schulter beigebracht —, erschießen wolltest du mich, du böser, unüberlegter Mann!«

Sie blickte ihn zärtlich schmollend an und streifte den Mantel, dann das Kleid darunter von der Schulter.

»Da – sieh – da ist noch die Narbe. Komm, küsse sie, Georgy, damit du einmal die Wunde geküßt hast, die du mir beibrachtest, du schlimmer, jähzorniger, verliebter Mann.«

Er war jetzt ganz ruhig geworden, hatte nur den einen Wunsch, sie los zu werden, ehe Angelita kam.

»Laß die Faxen«, sagte er unwillig.

Sie ließ das Kleid wieder auf die Schulter gleiten und blickte enttäuscht, gekränkt zu ihm auf.

»Du bist mir noch immer böse, Georgy«, schmollte sie. »Wie kann man so nachtragend sein! Nach so vielen Jahren! Wo es dir doch sehr gut geht. Präsident von so einer großen Gesellschaft! Und damals warst du doch nur ein kleiner Oberleutnant der amerikanischen Marine!«

»Ja, ja«, gab er drängend zu und dachte: wenn sie nur schon ginge!

»Wenn ich es recht bedenke, Georgy, verdankst du das eigentlich alles mir. Hätte ich dich damals nicht —, wenn du damals nicht so unvermutet nach Haus gekommen wärest – was wärest du heute groß? Vielleicht Admiral. Was wäre das schon Gewaltiges gegen deine jetzige Stellung.«

»Ja – ja«, sagte er wieder und überlegte, wie er sie fortbringen könne.

»Ich bin ja auch sehr zufrieden«, erzählte sie wieder versöhnt. »Jan ist sehr gut zu mir, ich habe ihn sehr gern. Er trägt mich auf Händen. Wir sind auch sehr reich. Wenn ich es jetzt so bedenke, hat sich alles zum Guten gewendet. Freilich, der arme Stephen! Aber, weißt du, er war schuld an allem; obwohl man ja über die Verstorbenen nichts Böses sagen soll. Aber es ist wahr. Er hat mich verführt. Und dabei war er doch dein bester Freund!«

»Laß die Toten ruhen«, mahnte er ungeduldig.

Sie schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie mit ihrem reizenden Lächeln: »Wie gefällt dir Esta? Sieht sie dir nicht lächerlich ähnlich?«

Er nickte. Und sagte dann beteiligter: »Das Kind hat so erschütternd traurige Augen.«

Sie rückte ungeduldig in dem Sessel umher. »Setz dich doch, Georgy. Es ist so ungemütlich, wenn du da vor mir herumstehst.«

»Laß nur«, wehrte er wieder.

»Wie du willst«, gab sie nach. »Ja, denke nur, wie schrecklich! Sie hatte vor einigen Jahren eine Nurse. Jeder in Amerika kannte doch unsere traurige Geschichte. Es hat doch solches Aufsehen erregt. Und deshalb hat Jan mich ja auch geheiratet.«

»Deshalb?«

»Nun ja. Er ist doch so stark und hilfsbereit. Ganz Amerika hatte solches Mitleid mit mir. Alle Zeitungen brachten mein Bild. Und da kam Jan und nahm mich.«

Rutland schwieg. In ihm qualmte eine schmerzhafte Ironie.

»Du wolltest von dem Kind und der Nurse erzählen«, bedeutete er.

»Ja, richtig. Denke dir, Georgy, diese dumme Person erzählt doch dem Kinde, daß sein Vater ein Mörder ist!«

Ein unterdrückter, abwehrender Schrei gurgelte aus Rutlands Mund. Er stand einige Sekunden erstarrt, von Schmerz durcheist.

»Töricht, nicht wahr? Ich habe sie auch schön heruntergeputzt.«

»Sie – hat – Esta – natürlich deine Schilderung der – der Sache mitgeteilt?« arbeitete er mühsam hervor.

»Meine – Schilderung?!« rief Muriel verwundert und starrte zu ihm auf. Dann lachte sie klingend auf. »Ach so. Jetzt verstehe ich. Aber Georgy! Ich konnte doch unmöglich die Wahrheit sagen! Bedenk doch! In Amerika. Ich wäre doch moralisch tot gewesen. Ich hätte mir doch ganz einfach das Leben nehmen müssen. Was wäre mir bei dieser Schande anderes übriggeblieben? Und was wäre dann aus Esta geworden? Was hätten meine Eltern gesagt und alle meine Freunde?!«

Ein undeutliches Geräusch entquoll seinen Lippen.

»Das war doch unmöglich, Georgy!« fuhr sie eifrig fort. »Ich war außer mir, als ich aus der Ohnmacht erwachte und den armen Stephen tot neben mir sah. Oh – war ich da wütend auf dich! Mich in eine solche Lage zu bringen! Zuerst war ich ganz verzweifelt. Dann überlegte ich. Und dabei hatte ich solches Grauen vor dem Toten! Aber man durfte ihn doch unter keinen Umständen in meinem Schlafzimmer finden. Das siehst du doch ein, Georgy?«

Er rührte sich nicht.

»Ach, war das entsetzlich, den schweren toten Mann anzuziehen! Furchtbare Angst vor ihm hatte ich. Dann habe ich ihn ins Wohnzimmer geschleppt. Ich! Deine arme, kleine, schwache Muriel! Und dabei blutete die Wunde in meiner Schulter so und tat so weh! Dann mußte ich noch alle Spuren im Schlafzimmer verwischen. Und dann erst rief ich um Hilfe.«

»Ich weiß«, sagte er mit dunkler Stimme. »Ich habe mir später amerikanische Zeitungen verschafft.«

»War das nicht klug von mir?« rief sie eifrig mit argloser, ahnungsloser Selbstsucht. »Ich dachte doch, du bist tot. Dir konnte ich doch nicht mehr schaden. Da war es doch gleich, ob ich dich beschuldigte. Ich glaubte, ich lebte noch allein von uns dreien. Da war es doch natürlich, daß ich mich aus der furchtbaren, bloßstellenden Lage zu retten suchte, in die du mich gebracht hattest, nicht wahr?«

»Das hast du damals doch noch nicht gewußt«, stellte er gelassen fest.

Sie stutzte. »Wieso?«

»Du hast doch erst nachher erfahren, daß mein Boot gerammt worden war.«

Sie überlegte einen Augenblick. Dann hatte sie ihre kindliche Unverfrorenheit wiedergewonnen.

»Aber Georgy, wie kannst du bloß so kleinlich sein und dich an solche Belanglosigkeiten klammern! Ob ich das nun einen Tag früher oder später erfuhr, ist doch wirklich gleichgültig!«

»Natürlich«, nickte er und konnte den sarkastischen Ton nicht ganz unterdrücken. »Da hast du mich als einen gemeinen Mörder hingestellt.«

»Nein, Georgy, das habe ich nicht!« widersprach sie beleidigt. »Wie darfst du so etwas sagen! Das ist ungerecht von dir, so etwas zu behaupten. Ich habe nur gesagt, daß du immer schon auf den armen Stephen eifersüchtig warst.«

»Ohne Grund —«, schaltete er ein.

»Aber, Georgy, das mußte ich doch sagen. Sonst hätten doch alle Leute gewußt, daß – er – mich geliebt hat!« —

»Freilich, das vergaß ich.«

»Siehst du, wie du mir unrecht tust! Das andere kam dann alles ganz von selbst. Man fragte mich doch dann so viel. Die Polizei und alle. Ich mußte doch schwören. Da mußte ich doch bei dem bleiben, was ich zuerst gesagt hatte.«

»Ohne Zweifel.«

»Und dann sah es plötzlich so aus, als hättest du dem armen Stephen schon lange nach dem Leben getrachtet.«

»Und hätte ihm aufgelauert, wäre nach Hause geschlichen, hätte euch beide harmlos plaudernd im Wohnzimmer angetroffen und auf euch beide losgeknallt«, – ergänzte Rutland grimmig.

»Ja«, bestätigte sie etwas kleinlaut. Dann wippte sie impulsiv in dem Sessel auf.

»Richtig, Georgy, gut, daß du mich daran erinnerst. Das wollte ich dich ja immer fragen: Wieso bist du an jenem Abend eigentlich wieder nach Hause gekommen? Du hattest doch Nachtdienst!«

»Ja«, sagte er bitter, »ich hatte Nachtdienst. Das wußtest du und Jerram. Darum fühltet ihr euch so sicher.«

»Pfui, Georgy, wie kannst du so etwas sagen!« tadelte sie.

»Aber als ich zum Quai kam, war Alarm. Die ganze aktive Flotte der Marinestation von Manila sollte auslaufen zu einem großen Manöver. Eine andere amerikanische Flotte kam – als markierter Feind – von Japan her. Ich hatte noch fünfzehn Minuten Zeit. Da rannte ich nach Hause, dir zu sagen, daß ich vielleicht mehrere Tage fortbleiben würde. Ich fürchtete, du könntest dich um mich ängstigen.«

Er lachte hohl auf.

»Ja, ja«, raunte sie nachdenklich, »es war ein großes Unglück.«

Sie schwiegen beide.

Dann stand sie auf.

»Ich muß jetzt fort, Georgy. Sonst merkt Jan am Ende was. Und er darf doch nichts wissen. Das wäre entsetzlich, wenn er erführe, daß du lebst, und wir eigentlich gar nicht verheiratet sind. Also, zu keinem etwas sagen! Das schwörst du mir, Georgy. Ja, bitte, das mußt du mir schwören, sonst habe ich keine Ruhe mehr!«

»Ich schwöre es dir«, sagte er, von dem Wunsche beseelt, sie loszuwerden. Angelita konnte jeden Augenblick kommen.

»So – danke. Jetzt habe ich dein Wort. Jetzt bin ich viel ruhiger, obwohl ich ja wußte, du würdest es mir geben. Du warst immer so gut zu mir. Wirklich, Georgy, ich habe dich noch immer lieb.«

Und ehe er recht wußte, was geschah, hatte sie ihn umschlungen und ihn auf den Mund geküßt. Er spürte nur die Woge ihres Parfüms, Puders und Lippenstiftes, die ihn umwallte.

»So, Georgy, und nun gehe ich. Ich habe mich so gefreut, dich einmal wiederzusehen. Ich habe so oft an dich gedacht. Natürlich als Toten. Laß es dir recht gut gehen, mein lieber, alter Georgy.«

Er begleitete sie hinaus. Dort stand der Butler bereit, ihr die Tür zu öffnen. Sie gaben sich noch einmal die Hand. »Good bye.« »Good bye.« Dann ging sie.

»Wenn sie Angelita nur nicht im Vorgarten begegnet!« dachte er besorgt.

Dann war er wieder in der Bibliothek.

Im Munde hatte er einen faden, bitteren Geschmack.