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La San Felice

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Viertes Capitel.
Das Almosensammeln

Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß nach dem, was wir so eben erzählt, die Capuziner von St. Ephraim mit ihrem Kloster in hohen Ruf kamen.

Was Fra Pacifico betraf, so ward er von diesen Augenblick der Held des gemeinen Volkes von Neapel. Es gab Niemanden, weder Mann, noch Weib, noch Kind, welches ihn nicht gekannt und wenn auch nicht für einen Heiligen, doch wenigstens für einen Auserwählten angesehen hätte.

Diese Popularität des Bruder Almosensammlers äußerte auf seine Sammlung auch sehr bald eine augenfällig Wirkung.

Anfangs hatte er dieses Geschäft, eben so wie sein Collegen von den andern Bettelorden, mit einem Quersac über der Schulter besorgt. Kaum aber hatte er sich ein Stunde in den Straßen von Neapel herumgetrieben, so war der Sack schon übervoll. Er nahm nun deren zwei, aber nach Verlauf einer anderweiten Stunde war auch der zweite voll so daß Fra Pacifico eines Tages, als er wieder nach Haus kam, erklärte, daß, wenn er einen Esel hätte, und seine Gänge bis zum Altmarkt, bis zur Marinella und bis nach Santa Lucia ausdehnen könne, er Abends dem Kloster eine reiche Ladung von Früchten, Obst, Fischen, Fleisch, kurz von Lebensmitteln aller Art und zwar von der besten Qualität heimbringen würde.

Die Sache ward in Erwägung gezogen. Die Brüderschaft versammelte sich, und nach kurzer Berathung zwischen den klugen Köpfen des Klosters, welche Fra Pacificos Verdiensten volle Anerkennung zollten, beschloß man einstimmig die Anschaffung des Esels. Fünfzig Francs wurden der Ankaufe des Thieres gewidmet, welches Fra Pacifico ermächtigt ward, nach seinem Geschmacke zu wählen.

Dieser Beschluß ward an einem Sonntage gefaßt.

Fra Pacifico verlor keine Zeit. Schon den nächstfolgenden Tag, Montag, das heißt am ersten der drei Tage, wo in Neapel Viehmarkt gehalten wird – die beiden andern Tage sind der Donnerstag und der Sonnabend – begab er sich nach der Porta Capuana, dem Orte des Marktes, und seine Wahl fiel auf einen kräftigen Ciuccio6 aus den Abruzzen.

Der Viehhändler verlangte hundert Francs und die Gerechtigkeit gebietet uns zu sagen, daß dieser Preis kein übertriebener war.

Fra Pacifico erklärte jedoch dem Eselhändler, daß er kraft der Privilegien seines Ordens, welche einem guten Christen nothwendig bekannt sein müßten, blos den Strick seiner Kutte auf den Esel zu legen und dabei »Sanct Franciscus« zu sagen brauche, und daß von diesem Augenblicke der Esel dem heil. Franciscus und folglich ihm, Fra Pacifico, als seinem Stellvertreter gehören würde, ohne daß er verbunden sei, dafür die fünfzig Francs zu zahlen, welche er gutwillig anböte.

Der Eselhändler erkannte die Richtigkeit dieser Beweisführung an, da er aber der Ansicht war, daß die Ehre, deren sein Esel theilhaftig würde, wenn er in den Dienst des heil. Franciscus träte, die fünfzig Francs, welche ihm, dem Besitzer, diese Ehre kosten würde, nicht aufwöge, so versuchte er Fra Pacifico von der getroffenen Wahl wieder abzubringen, indem er sagte, er riethe ihm als Freund, sich lieber ein anderes Thier zu wählen, weil das, welches er ausersehen, den mißlichen Vorzug hätte, alle Fehler der Thiergattung, welcher es angehörte, in sich zu vereinigen. Es sei nämlich naschhaft, starrköpfig, widerspänstig, wälze sich fortwährend, schlage bei der mindesten Veranlassung aus, könne keine Last auf dem Rücken leiden und tauge mit Einem Worte höchstens zur Zucht, so daß er, der Händler, um ihm einen Namen zu geben, welcher zugleich den Inbegriff aller Laster, mit welchen das unglückliche Thier ausgestattet war, vergegenwärtige, es nach reiflicher Ueberlegung Giacobino nennen zu müssen geglaubt, denn dies sei der einzige Name, dessen das Thier würdig sei und der von einem solchen Geschöpfe geführt zu werden verdiene.

Wir brauchen wohl nicht erst zu bemerken, daß das italienisch geschriebene Wort Giacobino dasselbe ist wie Jakobiner.

Fra Pacifico stieß einen Freudenruf aus. Von Zeit zu Zeit erwachte der alte Mensch wieder in ihm, und er fühlte das Bedürfniß zu streiten, zu fluchen und zu schlagen, wie zu der Zeit, wo er noch Matrose war. Ein widerspänstiger Esel, welcher Jakobiner hieß, dies war ja ganz einfach das Heil seiner Seele, welches er in dem Augenblicke fand, wo er es am wenigsten geahnt.

Im Besitze eines so lasterhaften Thieres, konnte es ihm an rechtmäßigen Gelegenheiten und Veranlassungen, in Zorn zu gerathen, nicht mehr fehlen, und wenn sein Zorn ihn drängte, demselben lieber durch Thaten als durch Worte Luft zu machen, so wußte er nun wenigstens, auf wen er losschlagen konnte.

So hat in dieser besten Welt alles sein Gutes, sogar der charakteristische Name, welcher dem Thiere von seinem Eigenthümer gegeben ward.

In der That kannte alle Welt in Neapel den Haß, welchen der Bruder Pacifico schon gegen den Namen Jakobiner hegte. Indem er das diesen Namen tragende Thier schimpfte und verwünschte, so schimpfte und verwünschte er gleichzeitig die ganze Secte, welche, nach den kurzgeschorenen Köpfen und Beinkleidern aller Farben, die sich mit jedem Tage in größerer Anzahl in den Straßen zeigten, zu urtheilen, in Neapel die beunruhigendsten Fortschritte machte.

Fra Pacificos Wahl blieb daher unverändert bei Giacobino stehen, und je mehr man dem Thiere Böses nachsagte, desto beharrlicher ward er in seinem Entschluß.

Dem anerkannten Recht des Mönches gegenüber, welcher blos den Strick seiner Kutte über den Rücken des Thieres zu werfen brauchte, um es sofort zu seinem Eigenthum zu machen, war es dem Händler nicht möglich, sich in Bezug auf den Preis schwierig zu zeigen.

Er verstand sich daher zur Annahme der von Fra Pacifico gebotenen fünfzig Francs, denn er fürchtete am Ende gar nichts zu bekommen, und zum Austausch für die zehn Piaster mit dem Bildniß Carls des Dritten, auf welche Fra Pacifico sich sechsundneunzig Grani wieder herausgeben ließ, denn der Piaster galt zwölf Carlini und acht Grani, ward der Esel Eigenthum des Klosters oder vielmehr des ehemaligen Matrosen.

Mochte es nun aus Sympathie gegen seinen zeitherigen oder aus Antipathie gegen einen neuen Herrn geschehen, so schien das Thier entschlossen zu sein, Fra Pacifico sofort einen Vorgeschmack von den schlechten Eigenschaften zu geben, welche der Verkäufer aufgezählt.

Das Pferd, sagt das neapolitanische Gesetz, muß mit einem Zügel und der Esel mit seinem Strick verkauf werden.

In Gemäßheit dieses Rechtsgrundsatzes war Giaco bino nicht blos verkauft, sondern auch mit seinem Strick ausgeliefert worden.

Fra Pacifico faßte demgemäß das Thier beim Strick und begann es vorwärts zu ziehen.

Giacobino aber stemmte sich auf seine vier Füße und nichts konnte ihn bewegen, den Weg nach der Infras cata einzuschlagen.

Nach einigen vergeblichen Bemühungen beschloß Fra Pacifico seine Zuflucht zu großen Mitteln zu nehmen. Es fiel ihm ein, daß er zu der Zeit, wo er Matrose gewesen an der afrikanischen Küste die Kameeltreiber ihre Thiere an einem Strick hatte führen sehen, welcher durch die Scheide wand der Nase gezogen war.

Er zog demgemäß mit der rechten Hand sein Messer preßte mit der linken Giacobino's Nüstern zusammen, durch stach die Nasenscheidewand und ehe noch der Esel, welche von der Operation, der er unterworfen ward, kein Ahnung hatte, an Widerstand dagegen denken konnte, war der Strick durch die Oeffnung gezogen und Giacobino durch die Nase anstatt durch das Maul gezäumt.

Er wollte seinen Widerstand fortsetzen und zog nach seiner Seite, Fra Pacifico aber zerrte nach der einigen Giacobino stieß ein Schmerzensgewieher aus, warf eine verzweifelten Blick auf seinen alten Herrn, wie um zu sagen »Du siehst, ich habe gethan, was ich gekonnt habe, und folgte Fra Pacifico nach dem Kloster St. Ephraim mit derselben Gelehrigkeit wie ein Hund, der an der Leine geführt wird.

Nachdem Fra Pacifico ihn hier in eine Art Keller oder Vorrathskeller gesperrt, welche ihm als Stall dienen sollte, ging er in den Garten, wählte von einem Lorbeerbaum einen Ast, der zwischen dem Stabe des wüthenden Roland und der Keule des Herkules die Mitte hielt, schnitt ihn in einer Länge von drei und einem halben Fuß ab, schälte ihn, ließ ihn zwei Stunden lang in heißer Asche liegen, kehrte, mit diesem Caduceus von ganz neuer Art bewaffnet, wieder in den Keller zurück, dessen Thür er hinter sich verschloß.

Was nun zwischen Giacobino und Bruder Pacifico vorn blieb zwischen Mann und Thier Geheimniß. Am nächstfolgenden Morgen jedoch verließen Fra Pacifico mit seinem Stock in der Faust und Giacobino mit seinen Körben auf dem Rücken das Kloster, nebeneinander herwandelnd wie zwei gute Freunde.

Nur verrieth Giacobino's Haut, welche den Tag vorher glatt und glänzend gewesen, heute aber an verschiedenen Stellen blutrünstig und aufgesprungen war, daß diese Freundschaft sich nicht ohne einigen Protest von Seiten Giacobinos und ohne hartnäckige Beharrlichkeit von Seiten seines neuen Besitzers consolidiert hatte.

Letzterer dehnte nun, wie er sich anheischig gemacht, den Umfang seiner Almosengänge bis zum Altmarkt, bis an den Kai, bis nach Santa Lucia aus und brachte am Abend eine solche Ladung Fleisch, Fische, Wildpret, Obst und Gemüse zurück, daß die nun reichlich versehene Brüderschaft den Ueberfluß verkaufen und dreimal wöchentlich unmittelbar vor dem Thor des Klosters einen kleinen Markt halten konnte, wo sich von nun an die frommen Seelen und gen der Straße Infrascata und der Salita dei Capuccini verproviantierten.

 

So waren die Dinge beinahe vier Jahre lang gegangen und Fra Pacifico und sein Freund lebten in einem Einverständniß, welches Giacobino niemals wieder zu trüben versucht, als beide, wie sie dreimal wöchentlich zu thun pflegten, eines Tages das Kloster verließen und jenen Abhang hinab marschierten, welcher der Straße den Namen gegeben. Giacobino ging mit seinen leeren Körben auf dem Rücken voran, während Fra Pacifico mit dem Lorbeerstock in der Hand ihm folgte.

Gleich bei den ersten Schritten, welche der Mönch und der Esel in der Straße Infrascata thaten, hätte selbst ein Fremder, der mit den Sitten Neapels noch völlig unbekannt gewesen wäre, die Popularität bemerken müssen, deren beide sich erfreuten – der Esel bei den Kindern, welche ihm mit vollen Händen Möhrenkraut und Kohlblätter brachten, die Giacobino während seines Marsches sich wohlschmecken ließ, und Fra Pacifico bei den Frauen, welche ihn um seinen Segen baten, und den Männern, welche ihn fragten, welche Nummern sie im Lotto besetzen sollten.

Zum Lobe Giacobinos sowohl als Fra Pacificos müssen wir bemerken, daß, wenn ersterer Alles annahm, was man ihm gab, letzterer nichts von dem verweigerte, was von ihm verlangt ward, und freiwillig Segen und Lottonummern austheilte, ohne jedoch für die Wirksamkeit des erstern oder das Gewinnen der letzteren zu bürgen.

In der ersten Zeit seines Amtes, als er noch mit dem Quersack ging, empfing er von den Bewohnern der Straßen Infrascata, dei Studi, del Largo Spiritosanto, der Porta Alba und der andern Stadttheile, welche er zu besuchen pflegte, Früchte, Gemüse, Brod, Fleisch und selbst Fische, obschon der Fisch selten bis zu der Höhe heraufgeht, in welcher die so eben genannten Straßen liegen, und Fra Pacifico hatte Alles genommen. Der Quersack war nicht stolz, wohl aber hatte Fra Pacifico bemerkt, daß alle von den Leuten, die fern von den handeltreibenden Stadttheilen wohnten, dargebrachten Geschenke von untergeordneter Qualität waren, und dies hatte ihn eben bewogen, auf der Anschaffung eines Esels zu bestehen. Sobald dieser einmal gekauft war, erstreckte Fra Pacifico seine Märsche bis an die Orte, wo die Blume von Allem zu finden war, und verschmähte die Producte oder die Spenden der dazwischenliegenden Quartiere vollständig.

Wir wollen nicht sagen, daß die Gemüsehändler des Altmarkts, die Fleischer des Vico rotto, die Fischer der Marinella und die Obsthändler von Santa Lucia, bei welchen Fra Pacifico jetzt die schönsten Producte abschöpfte, es nicht lieber gesehen hätten, wenn der Mönch seine Einsammlung gleich beim Heraustreten aus dem Kloster begonnen, und wenn seine Körbe anstatt vollständig leer, zu zwei Drittheilen oder wenigstens zur Hälfte gefüllt bei ihnen angelangt wären.

Mehr als einmal hatten die Händler, wenn sie ihn erblickt, irgend ein schönes Stück, welches sie für reiche Kunden aufheben wollten, zu verstecken gesucht. Fra Pacifico besaß aber einen bewunderungswürdigen Spürsinn, welch ihn in den Stand setzte, jede Hinterziehung zu entdecken. Es ging dann gerade auf den Gegenstand zu, den man ihr vorzuenthalten gedachte, und wenn man denselben nicht gutwillig anbot, so verrichtete der Strick des heil. Franciscus sein Amt.

Um nun allen diesen kleinen Chicanen aus dem Weg zu gehen, war Fra Pacifico so weit gekommen, daß er gar nicht mehr wartete, bis man ihm etwas gab. Er berührte mit seinem Stricke, nahm, und die Sache war abgemacht.

Die Handelsleute, welche zu Masamiellos Zeiten sich wegen einer Abgabe empört, welche der Herzog von Arce auf die Früchte hatte legen wollen, ertrugen, wenn auch nicht freudig, doch geduldig diesen Tribut, welchen der Sammler des Klosters von St. Ephraim von allen ihren Producten erhob, so daß es ihnen niemals eingefallen war, sich gegen diese Tyrannei zu empören.

Wenn Fra Pacifico, nachdem er seine Wahl getroffen, auf dem Gesichte dessen, welchem er diese Ehre erzeig, eine Spur von Unzufriedenheit bemerkte, so zog er ein schmale, tiefe Dose von Horn aus der Tasche, bot dem seinem Interesse beschädigten Handelsmanne eine Prise und es geschah selten, daß diese ganz besondere Gunst den Lippen des Letzteren nicht ein Lächeln entlockt hätte.

Reichte diese Aufmerksamkeit nicht aus, so ward Fra. Pacifico, der trotz des Namens, den er sich beigelegt, leid in die Hitze zu bringen war, dunkelroth im Gesichte, sei Augen schossen einen Doppelblitz und sein Lorbeerstock rasselte auf dem Lastrico. Diese dreifache Demonstration verfehlte nie, sofort die gute Laune wieder auf dem Gesichte des schlechten Christen hervorzurufen, welcher sich nicht zu glücklich schätzte, dem heil. Franciscus eine fetteste Gans, seine saftigste Melone, ein zartestes Rippenstück oder einen glänzendsten Fisch darzubringen.

An dem erwähnten Tage wanderte Fra Pacifico, ohne aus andern Gründen stehen zu bleiben, als um einen Segen zu ertheilen, den Aermel seines Gewandes küssen zu lassen und den Lottospielern Amben, Ternen, Quaternen und Quinternen zu bezeichnen, durch jenes Labyrinth von kleinen Gassen, welches sich von der Vicaria bis zur Strada Egiziaca a Foriella erstreckt.

Hier angelangt, ging er die Viagrande und den Vico Berrettari entlang und kam auf den der Altmarkt genannten Platz dicht hinter der kleinen Kirche vom heiligen Kreuz heraus, deren Priester, nicht als Gegenstand der Verehrung, sondern blos der Schaulust den mit einem Wappen verzierten Block bewahren, auf welchem der Herzog von Anjou, dieser König mit dem gebräunten Gesicht, welcher, wie Villani sagt, »wenig schlief und niemals lachte,« Conradin von Schwaben und Friedrich von Oesterreich die Köpfe abschlagen ließ.

Wenn Fra Pacifico an dieser vorüber war, befand er sich in einem neuen Lande, einem wahrhaften Schlaraffenlande, wo das Thierreich und das Pflanzenreich sich mit einander verschmelzen, wo die Schweine grunzen, wo die Hühner gluchzen, wo die Gänse schnattern, wo die Hähne krähen, wo die Truthühner kaudern, wo die Enten gackern, wo die Tauben girren, wo neben dem Goldfasan von Capodimonte, dem Hafen von Persano, den Wachteln vom Cap Misena, den Krammetsvögeln von Bagnoli, die Schnepfen der Sümpfe von Lincola und die Kriechenten des Sees von Agnano zur Schau ausgebreitet liegen; wo Gebirge von Blumenkohl, Pyramiden von Pastinak und Wassermelonen, Mauern von Fenchel und Selleri die gewaltigen Schichten von scharlachrothen Peperonen und carmoisinfarbenen Tomatäpfeln beherrschen, in deren Mitte runde Körbe mit jenen kleinen violetten Feigen vom Pausilippo und von Pozzuoli stehen, deren Bild Neapel ein Jahr lang als Symbol einer ephemeren Freiheit auf seine Münzen schlagen ließ.

Inmitten dieses Reichthums erntete Fra Pacifico alle zwei Tage mit vollen Körben.

Der Mönch erhob seinen gewohnten Tribut, dabei aber kam es ihm vor, als wenn an diesem Tage hier etwas ganz Besonderes vorginge. Die Verkäufer plauderten mit einander, die Frauen flüsterten leise, die Kinder trugen Steinhaufen zusammen und an welchen Händler sich Fra Pacifico auch wenden mochte, so achtete ersterer nur mit flüchtiger Aufmerksamkeit auf die Waaren, Gemüse, Geflügel, Wildpretstücke oder Früchte, welche der Bruder Sammler wählte und womit er seine Körbe vollstopfte.

Da diese Körbe schon zu zwei Drittheilen gefüllt waren, so glaubte Fra Pacifico, es sei Zeit nun zum Fleisch über zugehen und machte sich auf den Weg nach San Giovanni al Mare, wo besonders die Macellai und die Beccal, das heißt die Fleischer und die Ziegen- und Hammelschlächter, ihren Verkehr hatten – zwei Erwerbszweige, die nahe mit einander verwandt, in Neapel aber gleichwohl getrennt sind.

Er lenkte deshalb mitten unter der unbegreiflichen Gleichgültigkeit, welche die Bevölkerung heute gegen ihn an den Tag legte, seine Schritte nach der Straße San Giovanni al Mare. Seitdem er den Altmarkt betreten, hatte nicht eine einzige Frau seinen Segen verlangt und nicht ein einziger Mann ihn ersucht, ihm im Voraus die Nummern zu bezeichnen, welche bei der nächsten Lottoziehung gewinnen würden. Was konnte die Bevölkerung des alten Neapel in so hohem Grade beschäftigen?

Fra Pacifico sollte es ohne Zweifel erfahren, denn ein lautes Getöse ließ sich von dem Vico del Mercato her vernehmen, einer Art Gäßchen, welches einerseits auf den Altmarkt, andererseits auf den Kai führt und welches man damals Vico dei Sospiri dell' abisso7 nannte, ein poetischer Name, welchen die moderne Behörde beseitigen zu müssen geglaubt und welcher seinen Entstehungsgrund in dem Umstande hatte, daß die zum Tode Verurtheilten, welche man gewöhnlich auf dem Altmarkt hinrichtete, durch dieses Gäßchen geführt wurden, bei dessen Betreten sie zum ersten Mal das Blutgerüst sahen, bei welchem Anblick die fast stets einen so tiefen Seufzer ausstießen, daß er aus dem Abgrund zu kommen schien.

Fra Pacifico mußte nicht allein dieses selbe Gäßchen passieren, sondern gedachte auch von einem Beccajo, dessen Kaufladen die Ecke dieses Gäßchens und der Straße Sant-Eligio bildete, eine Hammelkeule zu bekommen.

Er konnte daher nicht ermangeln, zu erfahren, um was es sich handelte.

Uebrigens mußte es auch etwas Wichtiges sein, was geschehen war, denn so wie er sich der Straße Sant-Eligio näherte, ward die Menschenmenge immer dichter und aufgeregter. Es war ihm als hörte er mit dumpfer drohender Stimme die Worte Franzose und Jakobiner aussprechen.

Dennoch, da die Menge sich mit dem gewohnt Respekt vor ihm öffnete, so gelangte er bald an den Laden wo er, wie wir schon gesagt, eine von den sieben oder acht Hammelkeulen zu bekommen gedachte, aus welchen den morgenden Tag der Braten der Brüderschaft bestehen sollte.

Der Laden war mit einer Menge Männer und Frau angefüllt, welche heulten und sich geberdeten wie Besessene.

»Heda, Beccajo!« rief der Mönch.

Die Herrin des Hauses, eine Art Megäre mit wirrem, grauem Haar, erkannte die Stimme des Mönch schob die Streitenden durch Faust-, Schulter- und Ellbogenstöße auf die Seite und sagte:

»Kommen Sie, mein Vater. Sie kommen wie von Gott gesendet. Ihr armer Beccajo bedarf Ihrer und des heiligen Franciscus sehr.«

Und indem sie Giacobino dem Lehrburschen übergab, zerrte sie Fra Pacifico in das im Hintergrunde befindliche Zimmer, wo der Beccajo mit von der Stirn bis zum Munde gespaltenem Gesicht, von Blut überströmt, auf ein Bette lag.

Fünftes Capitel.
Assunta

Das dem Beccajo zugestoßene Unglück war es eben, welches diesen Aufruhr auf dem Altmarkt in der Straße Sant-Eligio und in dem Gäßchen der Seufzer des Abgrundes hervorgerufen hatte.

Nun ward, wie man sich leicht denken kann, dieser Vorfall auf hunderterlei Weise erklärt und erzählt.

Der Beccajo mit seiner gespaltenen Wange, seinen eingeschlagenen drei Zähnen und seiner verstümmelten Zunge konnte oder wollte keine große Auskunft geben. Man hatte an den von ihm gemurmelten Worten »Giacobini« und »Francesi« schließen zu können geglaubt, daß es die Jakobiner von Neapel, die Freunde der Franzosen, wären, welche ihn auf diese Weise zugerichtet hatten.

Ueberdies hatte sich auch das Gerücht verbreitet, daß ein Freund des Beccajo todt auf dem Kampfplatz gefunden worden und daß zwei andere verwundet worden seien, der eine davon so schwer, daß er in der Nacht gestorben.

Jeder sprach über diesen Vorfall und dessen Ursachen seine Meinung aus, und das Geschwätz von fünf- oder sechshundert Stimmen war es, welches das Getöse verursacht, das Fra Pacifico gehört und welches ihn nach dem Laden des Hammelschlächters gelockt.

Ein einziger junger Mann von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren stand, an das Thürgewänd gelehnt, gedankenvoll und stumm da. Bei den verschiedenen Behauptungen, welche nebeneinander aufgestellt wurden, besonders bei der, daß der Beccajo und seine drei Cameraden auf dem Rückwege von einem Abendessen, welches sie in dem Wirthshause der Schiava in der Nähe des Löwenbrunnens zu sich nahmen, von fünfzehn Männern überfallen worden seien, lachte der junge Mann und zuckte die Achseln mit einer bedeutsameren Geberde, als wenn er einen förmlichen Protest ausgesprochen hätte.

»Warum lachst Du und zuckt Du die Achseln?«, fragte ihn einer seiner Cameraden, Namens Antonio Arella, welchen man in Folge der von den Bewohnern von Neapel eigenthümlichen Gewohnheit, jedem Menschen einen von seinem körperlichen Aussehen oder einem Charakter entlehnten Beinamen zu geben, Pagliucchella nannte.

 

»Ich lache, weil ich Lust habe zu lachen,« antwortete der junge Mann, »und ich zucke die Achseln, weil es mir beliebt, die Achseln zu zucken. Ihr habt das Recht, Albernheiten zu schwatzen, ich dagegen habe das Recht, über euer Gerede zu lachen.«

»Wenn Du behaupten willst, daß wir Albernheiten reden, so mußt Du besser unterrichtet sein als wir.«

»Besser als Du unterrichtet zu sein als Du, Pagliucchella, ist nicht schwer; man braucht da nur lesen zu können.«

»Wenn ich nicht lesen gelernt habe,« antwortete der, welchem Michele – denn der Spötter war wirklich unser Freund Michele – seine Umwissenheit vorwarf, »so liegt der Grund darin, daß ich keine Gelegenheit dazu gehabt habe. Du hast sie gehabt, denn Du hast eine reiche Milchschwester, welche die Frau eines Gelehrten ist; deswegen muß man aber seine Cameraden nicht verachten.«

»Ich verachte Dich auch durchaus nicht, Pagliucchella. Das sei fern von mir, denn Du bist ein wackerer und braver Junge, und wenn ich etwas mitzutheilen hätte, so wärest Du der Erste, dem ich es sagte.«

Vielleicht stand Michele im Begriff, Pagliucchella einen Beweis von dem Vertrauen, welches er zu ihm hatte, wirklich zu geben und er wollte ihn auf die Seite führen und ihn von einigen der zu seiner Kenntniß gelangten Umstände unterrichten, als er eine Hand fühlte, welche sich ihm schwer auf die Schulter legte.

Er drehte sich um und stutzte.

»Wenn Du etwas mitzutheilen hättest, so wäre dieser der Erste, dem Du es sagen würdest,« sagte der, dessen Hand den jungen Spötter bei der Schulter ergriffen. »Glaube mir aber, wenn Du, was ich übrigens bezweifle, etwas von diesem ganzen Abenteuer weißt und dieses Etwas irgend Jemanden mittheilst, dann verdienst Du wirklich Michele der Narr genannt zu werden.«

»Pasquale de Simone,« murmelte Michele.

»Glaube mir,« fuhr der Sbirre fort, »es wird besser und sicherer für Dich sein, wenn Du Assunta, welche Zu diesem Morgen nicht zu Hause gefunden und weshalb Au bei so übler Laune bist, in der Kirche der Madonna del Carmine, wo sie ein Gelübde erfüllt, aufsucht, als wenn Du hier bleibt, um zu erzählen, was Du nicht gesehen und was für Dich ein Unglück wäre, wenn Du es gesehen hättest.«

»Ihr habt Recht, Signor Pasquale,« antwortete Michele, an allen Gliedern zitternd. »Ich werde sogleich hingehen, nur lassen Sie mich vorbei.«

Pasquale machte eine Bewegung, welche zwischen ihm und der Mauer eine Oeffnung ließ, durch welche kaum ein Kind von sechs Jahren hätte hindurchschlüpfen können. Michele schlüpfte aber ganz bequem hindurch, so schmal macht ihn die Furcht.

»Meiner Treu, nein!« murmelte er, indem er sich mit großen Schritten in der Richtung nach der Kirche del Carmine entfernte, ohne hinter sich zu schauen. »Meiner Treu nein, ich werde kein Wort sagen, gnädiger Herr vom Messer. Lieber ließe ich mir die Zunge ausreißen. Aber,« fuhr er fort, »es könnte auch einen Stummen zum Reden bringen, wenn man sagen hört, sie wären von fünfzehn Man überfallen worden, während doch sie es sind, die ihrer sechs einen einzigen angefallen haben. Ich bin kein Freund der Franzosen und der Jakobiner, die Sbirren und die Sorici8 liebe ich aber noch weniger und es ist mir ganz recht, daß dieser sie ein wenig zugerichtet hat; auf sechs Mann zwei Todte und zwei Verwundete, viva San Gennaro! der hat weder den Rheumatismus im Arm, noch Gicht in den Fingern gehabt.«

Und er begann zu lachen, indem er lustig den Kopf schüttelte und mitten auf der Straße ganz allein die Tarantella tanzte.

Obschon man behauptet, der Monolog liege nicht in der Natur, so würde doch Michele, den man gerade deshalb, weil er die Gewohnheit hatte, mit sich selbst zu sprechen und dabei lebhaft zu gesticuliren, Michele den Narren nannte, fortgefahren haben, Salvatos Lob zu preisen, wenn er sich nicht plötzlich und immer noch lachend auf der Platze del Carmine und seine Tarantella in der Vorhalle der Kirche tanzend gesehen hätte.

Er hob den schweren schmutzigen Vorhang, welcher vor dem Thore hing, trat ein und schaute sich um.

Die Kirche del Carmine, über die es uns unmöglich ist, nicht ein Wort im Vorbeigehen zu sagen, ist die populärste Kirche in Neapel und ihre Madonna gilt für eine der wunderthätigten.

Woher hat sie diesen Ruf und worauf gründet sich die Ehrerbietung, welche ihr von allen Classen der Gesellschaft bewiesen wird? Geschieht dies, weil sie die sterbliche Hülle jenes jugendlichen und poetischen Conradin, dessen Neffen Manfred's und seines Freundes Friedrich von Oesterreich enthält? Geschieht es wegen ihres Christusbildes, welches, durch eine Kugel Renés von Anjou bedroht, den Kopf auf die Brust senkte, um der Kugel auszuweichen und dessen Haar so üppig wächst, daß der Syndicus von Neapel einmal jährlich mit großem Pomp kommt, um sie ihm mit einer goldenen Schere abzuscheiden? Geschieht es endlich, weil Masamiello, der Held der Lazzaroni, in dem Kreuzgange dieser Kirche ermordet ward und hier in irgend einem unbekannten Winkel schläft – so leicht vergißt das Volk selbst die, welche für es gestorben sind.

Es ist aber deswegen nicht weniger wahr, daß die Kirche del Carmine, wie wir schon gesagt, die populärste in Neapel ist, daß in ihr die meisten Gelübde gethan werden und daß hier auch der alte Tomeo das einige gethan, dessen Ursache wir bald erfahren werden.

Michele hatte daher anfangs in der immer von Gäubigen angefüllten Kirche einige Mühe, die Person, welche er suchte, zu finden. Endlich jedoch entdeckte er sie, während sie fromm ihr Gebet am Fuße eines der Seitenaltäre verrichtete, welche links vom Eingange stehen.

Dieser durch seinen Kerzenglanz blendende Altar war dem heiligen Franciscus geweiht.

Michele hatte, je nachdem Du, lieber Leser, in der Liebe Pessimist oder Optimist bist, das Unglück oder das Glück zu lieben. Der Straßentumult, welchen er voraussah und welchen er Nina als Grund seines Fortgehens angegeben, war nur eine untergeordnete Ursache. Die, welche allen andern voranging, war der Wunsch, Assunta zu sehen und zu umarmen, die Tochter des alten Fischers Basso Tomeo, welcher, wie man sich erinnert, eines Nachts, als seine Barke an den Grundmauern des Palastes der Königin Johann lag, gesehen hatte wie ein Gespenst sich über ihn neigte, sich mit der Spitze eines Dolches überzeugte, daß er wirklich schlief, und dann, nachdem es diese Ueberzeugung gewonnen, wieder in die Ruinen hinaufstieg und in denselben verschwand.

Eben so wird man sich erinnern, daß diese Erscheinung dem alten Fischer einen solchen Schrecken eingejagt hatte, daß er Mergellina verlassen und die Chiaja, Chiatamone, das Castell dell Uovo, Santa Lucia, das Castell Nuovo, den Molo, den Hafen, die Strada Nuova und endlich die Porta del Carmine zwischen seinen alten und seinen neuen Wohnsitz legend, seinen ferneren Aufenthalt in der Marinella genommen hatte.

Als echter fahrender Ritter war Michele seiner Geliebten bis ans Ende von Neapel gefolgt; er wäre ihr auch bis ans Ende der Welt gefolgt.

Am Morgen des Tages, bei welchem wir jetzt angelangt sind, hatte er die Thür des alten Basso Tomeo, die sonst immer offen stand, verschlossen gefunden und war deshalb ein wenig unruhig geworden.

Wo konnte Assunta sein und welche Ursache konnte sie von dem Hause entfernt haben?

Abgesehen von dem Zweifel, welchen ein Liebender, wie sehr er sich auch geliebt glaubt, immer an seiner Geliebten hegt, hatte Michele auch noch mehrere andere Unannehmlichkeiten in Bezug auf seine Liebschaft zu erdulden gehabt.

Basso Tomeo, der alte Fischer, welcher Gott fürchtete, die Heiligen verehrte und die Arbeit liebte, hatte keine sonderlich gute Meinung von Michele, sondern betrachtete ihn nicht blos, wie alle Anderen thaten, als einen Narren, sondern auch als einen Faulenzer und Gotteslästerer.

Assuntas drei Brüder, Gaetano, Gennaro und Luigi, waren zu ehrerbietige Söhne, als daß sie die Meinung ihres Vaters in Bezug auf Michele nicht getheilt hätten.

Der arme Michele hatte daher bei jeder neuen Beschwerde, die man über ihn erhob, in dem Hause Tomeo nur einen einzigen Vertheidiger, Assunta selbst, während er dagegen vier Ankläger, den Vater und seine drei Söhne, hatte, was bei den Discussionen, die über ihn stattfanden, eine furchtbare Majorität zu seinem Nachtheil ausmachte.

Zum Glück ist das Handwerk des Fischers ein schweres und anstrengendes und Basso Tomeo und seine drei Söhne, welche sich rühmten, keine Faulenzer zu sein wie Michele, und denen daran lag, gewissenhaft das Ihre zu thun, verbrachten einen Theil des Abends mit dem Legen ihrer Netze, einen Theil der Nacht mit dem Warten auf das Hineingehen der Fische und einen Theil des Morgens mit dem Herausziehen derselben aus dem Wasser.

6Volksthümlicher Name der Esel in Neapel. Dumme Menschen haben natürlich, hier wie anderwärts, ebenfalls das Recht, diesen Namen zu führen.
7Gäßchen der Seufzer des Abgrundes.
8Name, welchen man in Neapel den Agenten der geheim Polizei gibt.