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Wir leben in einer digitalen Welt, in der Computer und Smartphones immer kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger werden. Wir benötigen immer weniger Material für immer mehr Möglichkeiten. An die Stelle von Materie treten Energie und Information. Unsere Welt bewegt sich hin in Richtung zunehmender Immaterialisierung. Das Ursprungsmaterial und dessen Bedeutung verschwinden im Undeutlichen. Informatikprozesse verdrängen klassische manuelle Tätigkeiten. In unseren auf Dienstleistungen und die Herstellung von Qualitätsprodukten ausgerichteten Gesellschaften steigt das Anspruchsniveau.

Doch was genau ist in den letzten Jahren passiert? Frühere Ignoranz nach dem Motto «Ich weiss nicht, dass ich es nicht weiss» hat sich in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts in bewusste Wissenslücken gewandelt: «Ich weiss, dass ich es nicht weiss».

Ich bin überzeugt: Wissensarbeitende, und darum handelt es sich bei Ausbildenden, Trainern und Lehrpersonen, brauchen für den Umgang mit Nichtwissen eine neue Souveränität. Heute muss der Leitsatz lauten: «Ich weiss, was ich im Moment nicht wissen muss».

Ich stelle sogar die Prognose auf: Reines Faktenwissen wird an Bedeutung verlieren. Dagegen werden Grundlagenwissen und die damit einhergehende Beurteilungskompetenz und Verstehensprozesse immer wichtiger. Wenn sich Wissen an die Bedingungen der Wissensgesellschaft anpassen muss, könnte dies bedeuten: Neben einem Basiswissen als Referenz brauchen Lernende und Studierende vor allem auch die Fähigkeit zur Einordnung von Wissen im Sinne einer Metakompetenz.

Als moderne Menschen sind wir eingeladen, mit einer gewissen Unschärfe zu leben. Geschmack daran zu finden, mit einer gewissen Ambiguität zu leben. Wir können es nur vermuten: Vielleicht besteht die nächste grosse Umwälzung in der Überwindung des Bedürfnisses nach Exaktheit. Diesen Gedanken wollen wir einen Moment weiter ausführen.

Beispiel: Eine der zentralen Aussagen des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman lautet: «Die Illusion, man habe die Vergangenheit verstanden, nährt die Illusion, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren.»[10]

Wir können mit Kahneman ernüchtert festhalten: Stabilität, Gleichgewicht, das ist Vergangenheit; Turbulenz, Komplexität und Unsicherheit könnten sich als Kennzeichen nicht nur eines Übergangs, sondern einer neuen, kommenden Gesellschaft erweisen. Einer Gesellschaft, in der Kontingenz, sprich die prinzipielle Offenheit menschlicher Erfahrungen, zum bestimmenden kulturellen Merkmal wird:

Die Erfahrung, dass alles, was ist, auch anders sein könnte. Einer Gesellschaft, in der Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Verhältnisse der Norm entsprechen und einzig das eigene Handeln vorübergehende Gewissheit verspricht.

Es gibt aktuelle und beeindruckende Erfahrungen, die diese Sicht bestätigen: Grosse, folgenschwere Ereignisse sind oft das Ergebnis von Diskontinuitäten. Der Wallstreet-Dissident Nassim N. Taleb gibt solchen Ereignissen in seinem Bestseller den titelgebenden Namen «schwarze Schwäne». Ihre charakteristischen Merkmale sind die Seltenheit, die massiven Auswirkungen und ihre Nichtvorhersehbarkeit. Deshalb, schreibt Taleb eindrücklich, sei Nichtwissen sogar noch bedeutungsvoller als Wissen.

Nach langer und holpriger Fahrt stoppt unser Bus endlich an der berühmten Playa Giròn. Die Lehrpersonen klettern aus dem Fahrzeug wie Ausserirdische aus ihrer Kapsel nach einem intergalaktischem Flug. Im Vorbereitungsskript haben sie gelesen, dass die sogenannte Kuba-Krise im Nachgang der CIA-gestützten «Schweinebucht-Invasion» der Exilkubaner von 1961 ein Höhepunkt des Kalten Kriegs war. Vielleicht stand die Welt damals an der Grenze zu einem atomaren Schlagabtausch.

Die beiden als Playa Larga und Playa Cochino bezeichneten Strände liegen ruhig vor uns. Der Titel «Schweinebucht» hat nichts mit den auf Spanisch «cochinos» genannten Schweinen zu tun. Der Küstenabschnitt trägt seinen Namen wegen der in diesen warmen Gewässern heimischen Drückerfischen, die in Kuba auch «cochinos» genannt werden. Dabei handelt es sich um wunderbar farbige und auffallend gemusterte Korallenfische.

Wikipedia schreibt: «Nachdem die US-Regierung vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zunächst jede Beteiligung an der Invasion abgestritten hatte, übernahm Präsident John F. Kennedy vier Tage später die volle Verantwortung.


Die Kuba-Krise von 1962.

Die gescheiterte Invasion war nicht nur ein militärisches, sondern vor allem ein politisches Debakel für die Vereinigten Staaten. Neben scharfer Kritik im In- und Ausland und dem verlorenen Vertrauen in die nur 90 Tage alte Regierung unter Kennedy führte sie zur Stärkung Castros und seiner nun offen vertretenen, bereits 1959 eingeleiteten kommunistischen Ausrichtung der kubanischen Revolution. Befürchtungen eines zweiten Invasionsversuchs beschleunigten die weitere Annäherung Kubas an die Sowjetunion bis zur Eskalation in der Kuba-Krise 1962.»[11]

Kennedy und seinen Beratern unterlief offenbar, was Kahneman, wie vorhin erwähnt, als «Muster» menschlicher Verhaltensweise identifizierte.

Kennedy und die Leute des CIA glaubten den Schilderungen der Infiltrierten, die von der Insel berichteten. Und ein völlig falsches Bild von der Lage auf Kuba nach der siegreichen Revolution lieferten. Denn die Gegend rund um die «Schweinebucht» wäre eigentlich für die Landung der 1500 Söldner ideal gewesen: schwach besiedelt, unwegsam und wegen zahlreicher Mangrovensümpfe für die Revolutionsregierung schwierig zu kontrollieren.

Was die US-Regierung nicht bedachte: Die Bevölkerung der Ciénaga de Zapata bestand zu einem grossen Teil aus Köhlern und ihren Familien, einer der ärmsten Bevölkerungsschichten Kubas. Sie gehörten zu den ersten Nutzniessern der sozialen Reformen der neuen Regierung: Gesundheitsposten, Zugang zu Nahrungsmitteln und Anbindung an die Infrastruktur des Landes machten sie zu überzeugten Anhängern der Revolution. Kein Wunder, stellten sie sich den Invasionstruppen mit Gewehren und Macheten entgegen.

Dadurch verschafften sie den Streitkräften der Regierung die notwendige Atempause zur Restrukturierung ihrer taktischen und strategischen Reserven. Und niemand in Kennedys Stab rechnete mit Castros Kühnheit und «Unvorhersehbarkeit»: Nachdem der «Comandante en Jefe» den Schiessbefehl gegeben hatte, holte er US-amerikanische Kampfbomber vom Himmel, versenkte Schiffe der Invasoren und nahm die überlebenden rund 1000 feindlichen Soldaten gefangen.

In einer öffentlichen Verhandlung machte er ihnen den Prozess. In dem von Hans Magnus Enzensberger dramatisierten «Verhör von Habana» traten vom früheren Regime Gefolterte auf. Sie erkannten in vielen Teilnehmern des Invasionsunternehmens ihre früheren Peiniger und belasteten die «Freiheitskämpfer» schwer.

Zu Weihnachten 1962 lieferte Kuba nach Verhandlungen mit den USA 1113 Gefangene gegen eine Lieferung von dringend benötigten landwirtschaftlichen Maschinen, Nahrungsmitteln und Medikamenten im Wert von 53 Millionen US-Dollar aus. Zwei der Invasionsteilnehmer kamen erst 1986 frei.

Niemand hätte dies dem seltsamen Bartträger dieser Zuckerinsel zugetraut. Doch für Jahrzehnte war anschliessend klar: Niemand weiss, wie es im Inneren seines Kopfes tickt. Und zu welchem taktischen Schachzug er als Nächstes greift.

Wer sich für die historischen Hintergründe interessiert, findet rasch heraus: Die Gründe für den militärischen Fehlschlag sah der Vereinigte Generalstab der USA in einer geheim gehaltenen Analyse bereits voraus: Angesichts der effektiven Organisationsstruktur der Castro-Regierung und der Schlagkraft ihrer nach dreijährigem erfolgreichem Guerillakrieg erprobten und motivierten Milizen – bei gleichzeitigem Fehlen einer nennenswerten Opposition auf absehbare Zukunft – erschien ihnen der mögliche Erfolg des paramilitärischen Plans sehr zweifelhaft.

Dennoch legte der Leiter des Stabs, General Lemnitzer, dem Verteidigungsminister Robert McNamara eine positive Analyse mit grosser Chance vor. Fachautoren wie James Bamford vermuteten später, dass durch das absehbare Debakel die von Zivilisten geleitete und daher den führenden Militärs suspekte CIA sowie der gleichfalls beim Militär unbeliebte Kennedy politisch beschädigt werden sollten. Auch der damalige CIA-Chef A. W. Dulles, der nach der gescheiterten Invasion seinen Hut nehmen musste, bedauerte in seinen Memoiren, Kennedy nicht über seine eigene Skepsis informiert zu haben.

Der Kern von allem: Ungleichheit und Rauheit

Verlassen wir für einen Moment die karibische Insel und wenden wir uns einem anderen Bereich zu. Einem Thema, dass sich ideal für unser Kapitel 1 «Grundlagen» eignet: der enormen Bedeutung, die der Erkennung von Mustern zugrunde liegt.

Viele der grössten Mathematiker von Galileo bis Newton lieferten Hinweise, dass der Natur ein mathematisches Design zugrunde liegt. Im berühmten Manifest von Galileo Galilei von 1623 steht dazu: «Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematiker geschrieben, und deren Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die man durch ein dunkles Labyrinth irrt.»[12]

Dieses Zitat findet sich auch in der Biografie von Benoît Mandelbrot «Schönes Chaos. Mein wundersames Leben», die er 2013 veröffentlichte. Zu Mandelbrot lohnt es sich, hier einen kleinen Exkurs zu machen. Mandelbrot war ursprünglich Mathematiker und war im Warschauer Ghetto aufgewachsen. Er emigrierte während der Naziherrschaft nach Frankreich und pendelte später ständig zwischen verschiedenen Welten. Seine Dissertation schrieb er über die Zipf’sche Theorie, nämlich die Verteilung von Wörtern in einem Text. Diese verwendet die Linguistik zur Etablierung einer Rangfolge der gefundenen Wörter. Später setzte sich Mandelbrot mit so unterschiedlichen Themen wie Kybernetik, Spieltheorie und Aktienmärkten, Hydrologie und Küstenlinien auseinander. Geschickt verband er dabei Ökonomie, Mathematik, Ingenieurwissenschaften und Physik. Doch er begeisterte sich auch für Musik, Malerei und Dichtung.

 

Der Motor für diese bemerkenswert breite Forschungstätigkeit bildete das, was er seinen «Kepler-Traum» nannte: die Suche nach einem verbindenden Muster. Mandelbrot wollte über all den verschiedenen Bereichen ein Ordnungssystem entdecken, wo andere nur ein wirres Durcheinander sahen. Zwei verbindende Elemente definierte Mandelbrot für den komplexen Bereich «Natur»:

Ungleichheit und Rauheit.

Vertraut mit den Untersuchungen von Georg Kingsley Zipf und Vilfredo Pareto kam er zum Schluss, dass in der gesamten Natur, aber auch der Kultur extreme Ungleichheit ein vertrautes Muster sei. Er kreierte dazu das neue Wort «fraktal», abgeleitet vom lateinischen «fractus», was so viel wie gebrochen oder zerschmettert bedeutet. In seinem 1982 veröffentlichten Buch «Die fraktale Geometrie der Natur» schreibt er über das Grundprinzip der Selbstähnlichkeit in der Geometrie. Mit Selbstähnlichkeit meint er ein Muster für wiederkehrende, in sich selbst verschachtelte Strukturen. Wobei die unendlichen Wiederholungen dazu führen, dass bei beliebiger Grösse immer wieder die gleiche Struktur erscheint. Es war das Verdienst von Mandelbrot, aufzuzeigen, dass die Selbstähnlichkeit bei so unterschiedlichen Gegenständen wie Pflanzen, Arterien und Küstenlinien besteht.

Beispiel: Bei einem Baum wiederholt sich die Verästelung vom Stamm über die Äste bis in die Blätter. Ein vergleichbares Phänomen sehen wir in den Blutgefässen oder etwa in Farnblättern. Eine kennzeichnende Zahl für die immer wiederkehrende Selbstähnlichkeit ist auch der Goldene Schnitt.

Mandelbrot geht davon aus, dass grosse Künstler die fraktale Geometrie intuitiv erfassten. Er erwähnt den japanischen Meister Hokusai, der Fraktale gemalt habe. In seiner berühmten «Grossen Welle von Kanagawa» sehe man in der Krone der riesigen Welle wiederum viele kleine Wellen.

Für das Thema «didaktische Reduktion» ist das verblüffendste Ergebnis, zu dem der Forscher Mandelbrot in seinem langen Leben kam, die Reduktion der «überwältigenden Komplexität der Wirklichkeit auf ein einziges Grundprinzip», auf eine «atemberaubend einfach mathematische Formel».


In Anlehnung an «Die grosse Welle von Kanagawa», Katsushika Kokusai, um 1830.

Bei Mandelbrot lautet diese Formel:

«Man wähle eine Konstante c und lege den Ausgangspunkt z an den Anfang der Ebene; man ersetze z durch z mal z, addiere die Konstante c und wiederhole das.»[13]

Die Schönheit dieser Formel, schreibt Mandelbrot, liege in der Verbindung der einfachen Ideen, der Skalierung, Iteration und Dimension. Für ihn wurde die fraktale Geometrie zu einem Instrument, um die Natur zu verstehen. Heute beobachten wir Anwendungen der fraktalen Geometrie in Computerprogrammen, in der Medizin, in Technik und Design. Michael Frame, Professor für Mathematik in Yale, bringt die Essenz von Mandelbrots Wirken im letzten Satz seines Nachworts zu dessen Biografie auf den Punkt: «Unergründliche Wunder entspringen einfachen Regeln … unentwegt wiederholt.»

Fassen wir zusammen: Selbst hinter der unendlich grossen Rauheit und Komplexität der Natur stehen relativ einfache Muster. Die treibende Kraft der Mathematiker ist die Suche nach universell gültigen Mustern. Treffend auf den Punkt bringt dies die berühmteste aller Gleichungen, Albert Einsteins Formel: E = mc2. Auf Deutsch: Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat. Die Gleichung ist so schlicht, schön und populär, dass wir sie heute auf T-Shirts, Kühlschrankmagneten und Kaffeetassen sehen.

Denksportaufgabe 6

Sie haben im letzten Abschnitt erfahren, dass gewisse Gleichungen durch ihre extreme Reduktion beinahe als «Kunstwerke» durchgehen könnten. Kein Wunder, boomt der Verkauf von entsprechenden Gadgets wie T-Shirts, Kaffeetassen und dekorativen Magneten in den Museumsshops wie z. B. im Deutschen Museum in München.

▸Überlegen Sie einen Moment: Was genau ist der Reiz und der Vorteil einer Extremreduktion, wie wir sie z. B. bei einer Gleichung finden?

▸Ist es für Sie denkbar, eine vergleichbare Extremreduktion für den Stoff einer Ihrer Tagesveranstaltungen durchzuführen? Hätte die reduzierte Kernbotschaft auf Ihrer Handfläche Platz, und wie würde sie lauten?

Wer soll wie reduzieren?

Nicht alle Lehrkräfte müssen sich der Herausforderung der didaktische Reduktion in gleichem Umfang stellen. An vielen Ausbildungsinstitutionen sind curriculare Vorentscheidungen getroffen worden. Ausbildende müssen sich hier besonders um die Frage der methodischen Vermittlung und die Wahl der eingesetzten Medien kümmern. Institutionen wie die aeB Schweiz engagieren sich für eine lernende Gesellschaft, indem sie Bildungsgänge und Weiterbildungen offerieren, mit denen Lehrpersonen ihre Arbeit professionalisieren.

Anders sieht es im Hochschulbereich aus, wo die Breite der jeweiligen Fachwissenschaft oft ein enormes Auswahlproblem mit sich bringt. Gemeinsam ist allen Trainern, Ausbildenden und Lehrpersonen die Aufgabe, sich mit knapp bemessenen Zeitbudgets auseinandersetzen zu müssen. Viele erhoffen sich auch, mit der Konzentration auf wesentliche Inhalte Freiräume zurückzuerobern. Vielleicht für den Einsatz zeitaufwendiger Lernmethoden wie beispielsweise einer Exkursion auf einen Bauernhof. Oder für eine Übung in einem nahe gelegenen Wald. Reduzierte Komplexität ist auch erforderlich, wenn Lehrkräfte ihre Lerninhalte an die Lernniveaus und Verstehensmöglichkeiten der Teilnehmenden adaptieren müssen. Dies kann sogar für Trainings von Spezialisten für Spezialisten der Fall sein.

Beispiel: Bei einem Auftrag für eine internationale Firma arbeitete ich in Schanghai mit einer Gruppe chinesischer Ingenieure. Diese hatten den Auftrag, komplexe Sensorsysteme europäischen Berufskollegen zu erklären. Obwohl hier zwei Gruppen von Experten aufeinandertrafen, mussten sich die Chinesen darauf einstellen, dass die Europäer andere Lernerfahrungen mitbringen und «anders ticken». Dies bedeutet: einen anderen Zugang brauchen. Im Gegensatz zu vielen Chinesen sind wenige Europäer in der Lage, eine enorm hohe Zahl von Daten und Fakten in kurzer Zeit auswendig zu lernen. Sind US-Amerikaner dabei, gilt diese Regel noch mehr. Der Lernprozess muss deshalb kleinschrittig gestaltet werden. Einzelheiten und Details erfordern eine Visualisierung oder müssen zwingend auf Merklisten zur Verfügung gestellt werden. Denn wer in Detroit oder Santa Barbara sozialisiert wurde, ist es gewohnt, laufend ein Zwischenfazit und Zusammenfassungen zu erhalten. Ganz einfach, weil dieses Vorgehen dort seit Jahren Teil der gelebten Präsentations- und Lernkultur ist. Ohne diese Serviceleistung droht die Gefahr, dass sich die Zuhörenden frühzeitig aus dem Lernprozess verabschieden.

Im Training mit den chinesischen Ingenieuren setzte ich darum auf die Vermittlung grundlegender Modelle zur didaktischen Reduktion von Komplexität. Und lehrte sie, die in diesem Kapitel vorgestellte 3-Z-Formel mit Zeitbudget, Zielgruppe (Europäer!) und Lernzielen bei der Planung zu nutzen.

Denksportaufgabe 7

Überlegen Sie sich die Zusammensetzung einer für Ihre Ausbildungstätigkeit typischen Gruppe von Lernenden.

▸Welche Lerngewohnheiten zeichnen die Mitglieder Ihrer Gruppe oder Ihre Zuhörenden aus?

▸Auf welche Besonderheiten müssen Sie Rücksicht nehmen?

▸Zu welchem Zeitpunkt bieten Sie eine Zusammenfassung der vermittelten Inhalte? Oder wann lassen Sie diese durch die Teilnehmenden selber schriftlich erstellen?

Etwas müssen Sie sich bewusst sein: Wenn Sie sich über das Kapitel 1 hinaus mit dem Thema «didaktische Reduktion» beschäftigen wollen, schwimmen Sie gegen den Strom. Zumindest in der aktuellen didaktischen Diskussion. Denn die hier in diesem Buch propagierte Reduktion und die Frage «Welche Inhalte sollen vermittelt werden?» sind gegenwärtig in dieser Debatte kaum ein Thema. Vielmehr dominiert dort eine Methoden-, Medien- und Lernergebnisorientierung.

Ich sage es noch deutlicher: Obwohl von verschiedenen Seiten durchaus Vorschläge zum Umgang mit Stofffülle und Komplexität kommen, handelt es sich beim Stoffmengenproblem im Kern um eine inhaltlich-didaktische Problematik. Dabei geht es nicht einfach darum, etwas zu streichen. Ganz im Gegenteil: Es geht um Gründlichkeit: Inhalte müssen auf Zielgruppe, Ziel und Zeit abgestimmt werden.

Andreas Gruschka, ein deutscher Erziehungswissenschaftler, formuliert in seinem 2002 erschienenen Buch «Didaktik. Das Kreuz mit der Vermittlung» seine Kritik an der Konzentration auf methodische Überlegungen so:

«Mit den Methoden wird die Didaktik von dem entsorgt, was sie eigentlich erst legitimieren kann: die Vermittlung von etwas. Dafür triumphiert die geschäftige Inszenierung von Vermittlung als Vermittlung. Aus der Methode als Mittel wird der Selbstzweck der Methode.»[14]

Doch inzwischen zeichnet sich in der der Didaktik eine Tendenz ab, innerhalb der jeweiligen Spezialbereiche und mit Blick auf die jeweilige Zielgruppe eigenständige didaktische Konzepte zu entwickeln. Die dabei entwickelten «Fachdidaktiken» sprechen von der «Neuen Inhaltlichkeit».

Ich bin überzeugt: Eine Weniger-ist-mehr-Orientierung könnte im Rahmen der didaktischen Reduktion einen wertvollen Beitrag zur Stabilisierung der allgemeinen Didaktik leisten. Denn Inhalte sind eine Schnittstelle zwischen Fachwissenschaft und Andragogik, die aber nicht nur fachdidaktisch, sondern auch allgemein-didaktisch beleuchtet werden sollten. Vielleicht gelänge es auf diese Weise auch, die «Spannung zwischen der Stabilität und Tradition von Wissen einerseits und konstruktivistischer Kreativität andererseits»[15] auszuhalten. Letztlich würde eine stärkere inhaltliche Orientierung und eine höhere Gewichtung der didaktischen Reduktion einer eigentlichen didaktischen Trendwende entsprechen.

Die 3-Z-Formel (Zeit, Zielgruppe, Lernziel)

Halten wir fest: Bei der didaktischen Reduktion greifen Trainer und Ausbildende in der Regel auf drei unterschiedliche didaktische Reduktionshandlungen zurück:

1. Vorbereitung: Stoffreduktion, indem Inhalte ausgewählt und andere weggelassen werden.

2. Darbietung: Inhalts- oder Komplexitätsreduktion, indem nur ein Teil der Inhalte gezeigt wird.

3. Aktivierung: Reduzieren als Lernhandlung, indem die Lernenden angeleitet werden, selber die Stofffülle zu reduzieren und die für sie wichtigen Ober- und Unterbegriffe schriftlich festzuhalten.

Bei der Vorbereitung von Lehreinheiten wählen Trainer und Ausbildende bestimmte Inhalte aus einer Vielfalt aus. Dazu nutzen sie beispielsweise die «Blumenstrauss-Technik», die in Kapitel 3 erklärt wird. Indem sie verschiedene Zeitbudgets, von ganz kurz bis etwas länger, geistig durchspielen, erkennen sie, was die Kernbotschaften ihres Themas sind.

Bei der Darbietung stellen die Ausbildenden den Lernenden zunächst ein Orientierungs- oder Übersichtswissen bereit. Oft nutzen sie dazu die Methode «Advance Organizer», die zu Beginn einer Lektion eine erste Übersicht über die zu bearbeitenden Inhalte und Lernabsichten liefert.

Die Aktivierung der Lernenden geschieht dann, wenn die Lernenden beauftragt werden, abgeschlossene Lerninhalte in reduzierter Form zu verarbeiten. Typische Beispiele sind die Spickzettel, auf denen die Lernenden die Kernaussagen in radikal gekürzter Form notieren. Oder der «Elevator Pitch», die Gestaltung einer Kurzpräsentation unter Zeitdruck. Kapitel 5 erklärt vergleichbare Reduktionshandlungen, bei denen es auch um die Herausarbeitung grundlegender und sich wiederholender Muster geht.


Die 3-Z-Formel.

 


Infotafel 2: Die 3-Z-Formel (Zeit, Zielgruppe, Lernziel)
Einsatz Reduktion für unterschiedliche Anforderungen mit der 3-Z-Formel.
Beschreibung Eine Zielgruppe mit dem Zeitbudget und den anvisierten Lernzielen abgleichen.
Anwendung Diese Technik ist hilfreich, wenn es um die Planung einer durchschnittlichen Lernveranstaltung oder Präsentation geht. Durch die eingängige Form (3-Z steht für Zielgruppe, Zeit und Lernziel) ist die Formel leicht zu merken und einprägsam. Lerninhalte lassen sich je nach Situation unterschiedlich stark reduzieren. Die 3-Z-Formel steckt den Rahmen ab für nachfolgende inhaltliche und methodische Entscheidungen.
Die drei Schritte im Detail: ▸Schritt 1: Im Vorfeld des Lernanlasses durch Nachfrage klären, welche Vorkenntnisse, Erfahrungen und Lernmotive die Teilnehmenden mitbringen. Dies kann durch ein persönliches Gespräch, einen Fragebogen oder über elektronische Umfrageinstrumente geschehen. ▸Schritt 2: Festlegen des Zeitbudgets. Wie viel Zeit steht für die Durchführung und Kurzauswertung der Lernveranstaltung zur Verfügung?. ▸Schritt 3: Definieren, welches Lernziel realistischerweise mit diesem Zeitbudget zu erreichen ist.
Anmerkung Natürlich ist es denkbar und durchaus sinnvoll, sich zuerst das anvisierte Lernziel zu überlegen, um dann, in einem zweiten Schritt, den Lernaufwand, damit ist das erforderliche Zeitbudget gemeint, zu definieren. Doch in der Praxis läuft es meist anders: Der zeitliche Rahmen ist gegeben, z. B. ein Tag Training mit sieben Stunden. Entsprechend sind wir eingeladen, mit dieser Prämisse ein realistisches Lernziel zu entwerfen.

Denksportaufgabe 8

Beantworten Sie nach der Lektüre des Kapitel 1 folgende Fragen:

▸Worauf wollen Sie künftig bei der Vorbereitung Ihrer Lerneinheiten besonders achten?

▸Wie gelingt es Ihnen, Ihre Kernbotschaften festzulegen?

▸Mit welcher Vorgehensweise können Sie Ihren Zuhörenden oder Lernenden zu Beginn der Lektion ein Übersichtswissen über die zu bearbeitenden Stoffe bieten?

▸Auf welche Aktivierungsmethoden greifen Sie zurück, damit die Lernenden abgeschlossene Lerninhalte in reduzierter Form verarbeiten können?

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