Wyatt Earp Classic 45 – WesternText

Aus der Reihe: Wyatt Earp Classic #45
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Wyatt Earp Classic – 45 –

Über den zackigen rostroten Felsbastionen der Rocky Mountains spannte sich der azurblaue Coloradohimmel. Aus der Enge der Felsschlucht, die von lotrecht abfallenden Gesteinsklüften bedrängt wurde, schob sich der große Planwagen westwärts auf den Paßweg.

Paßweg – darunter hat man sich einen geröllbedeckten Saumpfad vorzustellen, der teils von den Indianern und schließlich auch von den weißen Auswanderertrecks vor Jahrzehnten den Felsbergen abgerungen worden war.

Vier Füchse stemmten sich in die Brustgurte, spannten die Stränge zum Zerreißen und gruben die Hufe in jede noch so kleine Gesteinslücke, in der sie einen Halt fanden.

Der grauhaarige Mann stampfte vor den Gäulen her, immer im gleichen Abstand. Er hatte strähniges rotes Haar, ein hartes lederndes Gesicht, das von vielen Falten zersägt war und unter buschigen Brauen zwei grünschimmernde Augen.

Jesse Hacatt war zweiundsechzig. Ein schweres, hartes Leben voller Enttäuschungen und Niederschlägen lag hinter ihm. Anno 1848, also vor dreißig Jahren, war er in dem scheußlichen Gewühl des Zwischendecks auf einem Auswandererschiff in Boston angekommen. Er hatte die Qualen der langen Seereise von Irland herüber gern ertragen, weil er ja in die Neue Welt fuhr. In Gottes eigenes Land, von dem man sich drüben im alten Europa Wunderdinge erzählte.

Das aber, was ihn in der neuen Heimat empfing, war schlimmer als das, was er oben in Nord-Irland verlassen hatte. Aber er konnte nicht zurück. Er besaß keinen Dollar mehr, mit dem er die Seereise hätte finanzieren können. Monatelang hauste er in Barackenlagern draußen am verrufenen Nordstrand Bostons, bis er eines Tages mit einem Trupp von Männern mit Güterwaggons hinüber nach Pennsylvania gebracht wurde. In Pittsburg wurden sie ausgeladen und in ein großes Hüttenwerk gesteckt. Die Arbeit, die er dort zu leisten hatte, war Sklavenarbeit. Der nordische Bauer biß zwar die Zähne zusammen und war nicht von den Beinen zu bringen vor den glühenden Riesenmäulern der gewaltigen Öfen – aber es war kein Leben, es war die Hölle auf Erden. Ein herkulischer Aufseher trieb die Männer mit Fußtritten und Faustschlägen an die Arbeit. Eines Morgens traf ihn die eisenharte Faust des Iren und streckte ihn nieder. Im Sturz krachte der Antreiber mit dem Hinterkopf gegen eine Ofentür. Er war sofort tot.

Jesse Hacatt floh. Seine Arbeitskameraden halfen ihm bei der Flucht. Tage- und nächtelang hastete er durch einsame Landstriche nach Süden. Als er die Grenze von Kentucky hinter sich hatte, war er so erschöpft, daß er am Schienenstrang nach Lexington wie tot zusammenbrach.

Der Railroader Jonny Bird fand ihn am Schotter und brachte ihn in sein Haus. Da lernte Hacatt Wilma, seine spätere Frau, kennen. Sie zogen in die Nähe der damals stark aufblühenden Kentucky-Stadt Lexington, und Jesse arbeitete auf einer Farm. Aber das Schicksal war weiterhin gegen ihn. Der Farmer hatte mehrere Neger beschäftigt, die er in brutalster Weise drangsalierte. Hacatt haßte das und sagte es dem Boß. Da verlor er seinen Job. Er fand zwar bald einen neuen – aber keinen Kontakt zum Glück. Von einem Mißgeschick geriet er ins andere. Er schlug sich als Arbeiter von Hof zu Hof, von Farm zu Farm – und kam ungewollt immer weiter westwärts. Am Tennessee River, kaum fünfzig Meilen von Missouri, baute er sich mit dem Starrsinn des geborenen Inselmenschen eine eigene Farm auf. Aber das Leben blieb weiter schwer. Zweimal brannte ihm das Wohnhaus nieder, dann wurde er von einem Bandenüberfall heimgesucht. Die ersten beiden Kinder, ein Zwillingspaar, starben gleich nach der Geburt. Ein drittes Kind wurde mit sieben Jahren auf dem Fluß von einer Eisscholle weggetrieben und ertrank. Dann kam Bill auf die Welt, etwas später Mary. Vor zehn Jahren kam noch der kleine Tim nach.

Es war ein hartes, bitteres, entbehrungsreiches und freudloses Leben, das die Hacatts bisher geführt hatten. Da fraß sich im vergangen Jahr die Rinderpest in den Hof des Iren. Der alte Mann verlor alles. Aber er zerbrach nicht. Er verkaufte sein kleines Stück Land und zog weiter nach Westen. Schon seit Monaten waren sie jetzt unterwegs. Jesse Hacatt hatte den unbeirrbaren Entschluß gefaßt, die Felsenberge zu überqueren. Obgleich er allenthalben unterwegs vor diesem Treck gewarnt wurde, beharrte er darauf.

Denver hatte er umgangen, da er es haßte, größere Städte zu passieren. So war er schließlich nach der Ansiedlung Empire gekommen und hatte sich von dort nach Vincham gewandt.

»Die Berge sind unpassierbar«, hatte ein alter Rancher bei Bilburry zu ihm gesagt. »Sie müssen schon hinauf nach Lindland oder aber südlich über Leadville. Es sei denn, Sie würden versuchen, über den Tecca zu kommen…«

Da hatte er den Namen zum erstenmal gehört: Tecca!

Yeah, er würde über den Tecca-Paß ziehen! Lindland und auch Leadville – das hätte in jedem Fall einen Umweg von wenigstens sechzig Meilen bedeutet. Ein gewaltiges Wegstück für einen Viererzug.

In Vincham, der letzten kleinen Ansiedlung, sagte ihm der Sheriff: »Es ist Wahnsinn! Die Passage ist schon für einen einzelnenn Reiter schwierig, für zwei nebeneinanderreitende bereits gefahrvoll. Aber für einen Schooner… Heavens, es ist Wahnsinn!«

Das hatte der Gesetzesmann von Vincham noch gesagt. Vor einer knappen Woche, als sie die kleine Stadt unten an den Hängen der Mountains verlassen hatten. Jesse Hacatt war seinen Weg gegangen. Unbeirrbar wie ein Büffel, der durch die Savanne strich. Aber schon die ersten Meilen bergan hatten dem Iren gezeigt, was ihn da oben in den Gesteinsschründen erwartete. Die vier Füchse hatten sich in den letzten fünf Tagen mehr plagen müssen als auf dem ganzen Trail.

Jesse Hacatt hatte den Schluchtweg verlassen und den schmalen Paßpfad nach Westen eingeschlagen. Mit zusammengepreßten Lippen stampfte er vor den Gäulen her. Er wußte, daß man sie laufen lassen mußte, daß man ihnen nicht in die Augen sehen durfte, sie nicht vorwärtszerren konnte. Alles, was Jesse Hacatt auf dieser Welt noch aus dem Erlös von der Arbeit eines ganzen Menschenalters besaß, folgte ihm da mit dem Wagen den Paßpfad hinauf.

Immer enger und enger wurde der Weg, bis er schließlich so schmal wurde, daß der Wagen rechts und links zu den himmelragenden Felswänden nur noch wenige Zoll Spielraum hatte.

Aber auch dieses Bild verschleierte sich noch, als der Fels zur Rechten plötzlich wegblieb und sich statt dessen ein gähnender Abgrund auftat.

Hacatt hielt nicht an, als die Füchse scheuten und nach links zur Wand hinüberdrängten. Er stieß einen heiseren Ruf aus, der die Pferde antrieb, und ging weiter. Es gab für ihn keinen Aufenthalt.

Mit aschfahlem Gesicht saß die Frau auf dem Kutschbock und hielt die Zügelleinen. Ihr Gesicht war hart und verhärmt vom Elend vieler Jahre. Neben ihr hockte ein kleiner zehnjähriger Junge mit frischem sommersprossigem Gesicht und winziger Stupsnase.

Bill und Mary folgten dem Gefährt. Sie hatten die Aufgabe, sofort die Bremssteine hinten vom Wagen zu reißen und unter die Räder zu stoßen, wenn das Fuhrwerk Gefahr lief, den steilen Paßweg zurückzurutschen. Jesse Hacatt hatte an alles gedacht.

Bill war ein Bursche von dreiundzwanzig Jahren. Er hatte rotes Haar, grüne Augen und ein helles Gesicht; er war ein echter Ire wie der Vater. Groß, kräftig und schweigsam. Seine Schwester Mary glich eher der Mutter. Sie war dunkel, braunäugig und lebhafter im Wesen. Aber der harte Trail in die

Mountains hatte auch sie stumm gemacht. Mit gesenktem Kopf trottete sie neben dem Bruder her. Sie hatte schon seit Stunden Mühe, Schritt zu halten. Aber Mary Hacatt hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als daß sie ein Wort darüber verloren hätte; darin war auch sie eben eine echte Irin.

Der Weg wurde steiler und fiel rechts zuweilen so sehr ab, daß die Gäule den Wagen derart hart ans Gestein brachten, daß die Radnaben kreischend aufheulten Jesse Hacatt drehte sich nicht um. Er wußte ja, was sich da tat. Und die Pferde zogen weiter, weil ihr Herr weiterstampfte.

Der Trail zum Tecca-Paß sollte das fürchterlichste Erlebnis des irischen Bauern Jesse Hacatt werden. Well, er hatte unten in Pittsburg den Aufseher niedergeschlagen; daß der rohe Mensch so unglücklich gestürzt war, daß er dabei den Tod fand, war von Hacatt nicht beabsichtigt gewesen. Dennoch warf er sich von jener Stunde an den Tod des Aufsehers Mike Bennet vor.

»Ich bin ein Mörder!« Immer wieder verfolgte ihn dieser Satz bis in den Schlaf. »Ich bin ein ganz gemeiner dreckiger Mörder…«

Vielleicht war es dieser Satz, der ihn auch in seinem weiteren Leben kein Glück hatte finden lassen. Der Ire schrieb ihm jedenfalls all sein Unglück zu.

»Bennet hat es geschickt«, knurrte er in seinen schmutzigroten Bart, wenn ihm etwas mißlang oder wenn ihn wieder ein Unheil getroffen hatte. »Bennet hat es geschickt!«

Eigentlich war er seit jener unglückseligen Vormittagsstunde in Pittsburg ewig auf der Flucht. Auch die Jahre unten in Kentucky war er auf der Flucht gewesen. Er hatte sich immer versteckt, ferngehalten von den anderen, keinen Kontakt mit den Nachbarn gepflegt. Seine Frau hatte ihn nie begriffen, aber sie hatte geschwiegen. Da sie nichts von seinem Pittsburger Erlebnis wußte und es in ihrem Leben auch nicht mehr erfahren sollte, hatte sie sich darauf verlegt, schweigend mitzudulden.

Hacatts Leben war eine Kette ununterbrochenen Leids gewesen. Aber das, was ihm hier auf diesem Felspfad bevorstand, sollte alles Bisherige noch überschatten. In diesem Augenblick, da die beiden Radnaben kreischend das harte Felsgestein gestreift hatten, trennten die Iren nur noch anderthalb Meilen von seiner schwersten Stunde.

Die ›Paßstraße‹, die die Arapahhoes vor mehr als hundert Jahren dem Fels abgetrotzt hatten, wurde steiler und jetzt auch so kurvenreich, daß der Wagen oft nur mühevoll mit den Hinterrädern auf der Straße gehalten werden konnte.

 

Wilma Hacatts Gesicht war kalkweiß geworden.

Der Junge neben ihr zog die Brauen zusammen und fragte: »Was ist los, Ma?«

»Nichts, Timmy.«

Der Junge wollte sich jedoch damit nicht zufriedengeben. Er sah auf den Weg, links an der zerklüfteten Felswand hinauf; und dann warf er einen schauernden Blick in den Abgrund, der rechts vom steinigen Pfad emporgähnte.

»Weshalb müssen wir hier fahren, Ma?«

»Ich weiß es nicht, Timmy. Vielleicht gibt es keinen anderen Weg.«

»Wenn es keinen anderen Weg gäbe, müßten wir doch Menschen hier treffen«, beharrte der Junge.

Die Frau seufzte.

Da sagte der Junge: »Vielleicht wollen die anderen Männer nicht über die Berge wie wir.«

Die Frau nickte. »Das wird es sein, Tim.«

Damit war das kurze Gespräch beendet. Es war das letzte, was Wilma Hacatt mit dem jüngsten Kind sprechen konnte. Es war überhaupt das letzte, was sie beide gesprochen hatten.

Die beiden hinter dem Wagen starrten in diesem Augenblick entgeistert auf die Räder, die schnarrend über das Gestein rutschten – und dann rollte das rechte Rad frei in der Luft über dem Abgrund.

Mary war kreidebleich geworden und warf einen Blick in das Gesicht des Bruders.

Der starrte noch auf das Rad.

»Bill!« keuchte das Mädchen.

»Sei still!« gab der Bursche schroff zurück.

Da klammerte Mary sich plötzlich an den Bruder. »Ich habe Angst, Bill!«

Der Bursche machte sich los. »Unsinn, der Weg ist schwer, und – yeah, er ist steil, aber es ist eben nicht zu ändern.«

Da hatte das Rad wieder Boden gefaßt und knatterte weiter holpernd über das graue rissige Gestein.

Weiter ging es bergan. Keiner der fünf Menschen sah sich um. Allen saß die Angst im Genick.

Nahm denn dieser höllische Trail hier herauf nie ein Ende?

Doch, er nahm ein Ende, ein jähes Ende.

Urplötzlich geschah es. Hinter einer scharfen Biegung sah Jesse Hacatt plötzlich die großen Gesteinsbrocken auf dem Weg liegen. Brocken von vielen Zentnern Gewicht, die eine Weiterfahrt unmöglich machten.

Der alte Hacatt blieb stehen.

Hinten schwebte das rechte Rad fast einen Yard über dem Abgrund.

Da brüllte der Schuß auf.

Die Kugel traf den Iren links an der Schulter und warf ihn zurück. Er stürzte auf die Deichsel zwischen die beiden vordersten Pferde.

Die Füchse stiegen in dem donnernden Echo des Schusses hoch, der Wagen rutschte zurück. So hart und schnell, daß der Bursche sich hinten nicht mehr zu retten vermochte. Das Gefährt stieß ihn als ersten in die Tiefe, mit dem Bremsstein, den er noch vom Wagen gerissen hatte, und der jetzt seinen Sturz beschleunigte.

Mary stand wie versteinert da und sah den Bruder fallen. Da wurde auch sie schon von der linken hinteren Wagenkante erfaßt.

Seine beiden Kinder Bill und Mary waren bereits verloren, tot, vielleicht schon, als Jesse Hacatt vorn auf der Deichselspitze zu sich kam. Er hing auf dem abrutschenden Gefährt. Wild wieherten die Pferde auf. Schreckensstarr hatte oben auf dem Kutschbock die Frau den kleinen Jungen an sich gepreßt.

Der Ire stieß einen heiseren Schrei aus. Er wollte die Pferde halten, warf sich hoch, packte die Zügel des Führhengstes, der auch schon wild gegen den Sturz ankämpfte, der die Hufe funkenstiebend ins Gestein hieb. Vergeblich, vergeblich auch der gellende Schrei, mit dem der Ire die anderen Tiere anfeuern wollte, vergeblich sein Verzweiflungskampf – das Gefährt rutschte ab und stürzte vom Paßweg in die Tiefe.

Dann war alles wieder still und wie vorher. Nur eine kleine graue Felsstaubwolke stand am Rande des Abgrundes, da, wo der Prärieschooner in die Tiefe gestürzt war.

Nicht einmal zwanzig Sekunden hatte alles gedauert, und wäre nicht das kurze Aufwiehern der Pferde und der Schrei des Mannes gewesen, so wäre alles fast lautlos vor sich gegangen.

Der Schuß aus dem Hinterhalt hatte fünf Menschen, vier Pferde und den Prärieschoner mit dem ganzen Hab und Gut der Hacatts in die Tiefe gerissen.

Der Ire war nur für den Bruchteil einer Sekunde wie erstarrt. Dann nahm er alles mit grausiger Deutlichkeit wahr. Es schien das unbegreifliche Geschick des Jesse Hacatt zu sein, daß er alles mit offenen Augen und klarem Verstand mitdurchleiden mußte. Aber der Lenker aller Geschicke oben über dem strahlenden Blau des Firmaments hatte nicht die Absicht, hier in dieser Gesteinsschlucht auch das Leben des Jesse Hacatts zu Ende gehen lassen.

Es war unwahrscheinlich, daß einer der fünf Menschen den Sturz in die mehrere hundert Yards abfallende Tiefe überleben konnte. Dennoch wurde Jesse Hacatt plötzlich wie von Geisterhand aufgehalten, von der Deichsel gerissen und auf einen Felsvorsprung gestoßen.

So hart der Aufprall auch war – der Ire behielt die Besinnung, klammerte sich an das scharfe, zackige Gestein, um nicht doch noch hinabgeschleudert zu werden.

Mit dem Gesicht am Boden, so kauerte er da, auf einer vorspringenden Felsnase von kaum anderthalb Yards Länge und zwei Ellen Breite.

Er spürte den Schmerz dumpf in allen Gliedern. Und dann lauschte er mit angehaltenem Atem in den Abgrund.

Ewigkeiten schienen zu verrinnen – dann endlich kam weit unten aus der Tiefe ein Geräusch wie fernes Donnergrollen. Es jagte dem gepeinigten Menschen in der Felswand eisigen Schauer über den Rücken.

Der Wagen war aufgeschlagen. Mehrmals noch kamen dumpfe Stöße aus der Tiefe und drangen wie Hammerschläge an das Ohr und ins Bewußtsein des Mannes.

War es das Echo, oder stürzte der Wagen weiter?

Jesse Hacatt schloß die Augen.

Und als er sie nach Sekunden öffnete, sah er die Hoffnungslosigkeit seiner eigenen Lage mit gnadenloser Deutlichkeit vor sich: Er lebte zwar, war nicht eimal ernsthaft verletzt – befand sich aber auf einem schmalen Felsvorsprung, von dem es nur den Weg hinunter in die Tiefe gab.

Worauf wartest du, Jesse Hacatt? hämmerte es in seinem Hirn. Spring doch, noch einfacher, laß dich los, gib den Stein frei, rutsch nach. Was willst du noch hier oben? Spring in die Hölle. Du bist ohnehin verloren. Willst du hier mit wachen Augen dein Ende abwarten? Das vielleicht erst nach Stunden oder gar erst nach Tagen kommt, wenn deine Hände den Stein nicht mehr umklammern können. Wenn der Kampf nachläßt, wenn du vor Erschöpfung einschläfst – du bist ohnehin verloren. Spring gleich, laß los! Du brauchst dich ja nur loszulassen, dann fällst du ihnen nach. Hinunter in die jetzt so lautlose Tiefe. In das Grab deiner Familie.

Da fühlte er plötzlich einen stechenden Schmerz in der linken Schulter. Die Schußwunde! Er hatte sie schon vergessen. Aber er wagte es nicht, eine Hand von dem schründigen Stein zu nehmen, um nach der Schulter zu tasten.

Jetzt kam das, was der furchtbare Sturz völlig aus seinem Gedächtnis gelöscht hatte wieder zu ihm zurück: Der Überfall oben am Weg! Irgend jemand hatte ihn niedergeschossen. Er war zurückgetaumelt. Die Pferde scheuten, waren aufgestiegen und der Wagen war abgerutscht.

Mit Wilma und dem Jungen.

Weiter – nein, weiter vermochte der Mann nicht zu denken. Er wagte nicht an seine beiden anderen Kinder zu denken, die hinter dem Fuhrwerk gegangen waren. Und dann tat er es doch, weil er es mußte, weil er nicht die Kraft besaß, gegen diesen furchtbaren Gedanken anzukämpfen.

Nein, sie waren nicht mehr oben auf dem Paßweg. Der Schooner hatte sie mit in die Tiefe gerissen. Mary hätte sich längst gemeldet. Und Bill hätte längst etwas getan. Aber was hätte der Bursche denn tun sollen?

Der irrsinnige Gedanke, daß die beiden doch noch oben auf dem Weg sein könnten, ließ ihm das Blut wild in den Schläfen klopfen.

Vielleicht sind sie so entsetzt, daß sie keinen Schrei aus der Kehle bringen können. Weil sie auch mich für verloren halten müssen.

Aber dann wieder wurde ihm mit fürchterlicher Deutlichkeit klar, daß sie gar keine Chance gehabt hatten, dem Sturz zu entrinnen. Bill ganz sicher nicht, weil er bestimmt vorwärts auf den rutschenden Wagen zugesprungen war, um den Blockierstein noch unterzuwerfen.

Und Mary?

Schwer hob und senkte sich die Brust des gepeinigten Mannes.

Dann wurde er ruhiger. Weil er wußte, daß er nichts zu erhoffen hatte. Weil er wußte, daß auch Mary von dem rutschenden Gefährt erfaßt und mitgerissen worden sein mußte.

Sie waren alle tot! Außer ihm. Und er würde ihnen folgen.

Jetzt – gleich jetzt! Je eher, desto besser.

Worauf sollte er warten? Auf den Schlaf? Er erwog den Gedanken nicht, daß der Schlaf sein Ende vielleicht gnädiger gestalten könnte, wenn er im Schlaf loslassen und abrutschen würde…

Aber Jesse Hacatt wußte, daß er nicht einschlafen würde!

Es war elf Uhr am Vormittag. Der grellgelbe Feuerball der Sonne schob sich über die Schlucht und warf gleißende Strahlenbündel in die Tiefe. Eines davon traf den Rücken des unglücklichen Mannes in der Felswand.

Und plötzlich durchzuckte den Iren ein eisiger Schlag.

Ein Geräusch war an sein Bewußtsein gedrungen, das ihm das Herz stillstehen lassen wollte: Die Stimme eines Menschen.

Und dann hörte er, daß der Mann nicht allein war; er sprach mit einem anderen.

Und wieder ließ der unbegreifliche Gott oben über den Felsgipfeln, über dem Blau des Himmels es zu, daß der Ire alles miterleben, mitanhören mußte.

Glasklar und deutlich drangen die Worte einzeln in seine Gehörgänge und von dort in sein Gehirn, wo sie zu vereisen schienen.

»Idiot!« kam die Stimme krächzend von oben.

»Konnte ich wissen, daß der Kerl zurückflog und die Gäule den Boden verloren?«

»Yeah, das konntest du wissen! Du hast zu früh geschossen. Sie waren noch fast zehn Yards von dem Steinschlag entfernt…«

Der andere hustete. »Well, ist nicht zu ändern. Die sind alle Sorgen los. Auch die, die wir noch haben. Sie brauchen nichts mehr. Kein Geld, keinen Tabak, kein Fleisch und keinen Colt mehr…«

Leise knirschend gruben sich die Nägel des Iren in den Stein.

»Und jetzt?« fragte der andere nach einer Weile.

»Was jetzt?« entgegnete der erste Sprecher, der eine dunkelgefärbte Stimme hatte und älter zu sein schien als der andere, der seinen eigenen Worten nach geschossen hatte. »Wir haben sie in die Hölle geschickt! Da unten ist für uns nichts mehr zu holen. Ein großer Verlust ist es ohnehin kaum; das war armes Pack aus dem Osten.«

»Wir reiten.«

Kurz darauf hörte Hacatt den Hufschlag zweier Pferde.

Dann war alles wieder still.

Der Felspfad zum Tecca-Paß lag unter der Stille des Mittags, in der Einsamkeit der Mountains.

Nur wenige Yards unterhalb des Pfades hing der Ire im Gestein.

Laß los! Immer wieder hörte er die Worte in seinen Ohren, sie klangen wie Trommelschläge in seinem Hirn.

Aber er ließ nicht los. Er hielt fest…

Waren Stunden vergangen – oder Tage?

*

Es war dunkel, als er es hörte.

Ein fernes Geräusch. Von einem Tier verursacht? Von einem Wild?

Es war ein Reiter!

Ein Mensch!

Jesse Hacatt zog plötzlich unter dem scharfen Geräusch des Huftritts den Kopf in die Schultern. Ein scheußlicher Gedanke hatte sich hinten in seinem Hirn eingenistet und ließ ihn den Mund, den er schon zum Schrei geöffnet hatte, wieder zufallen. Die Mörder kehrten zurück. Jedenfalls einer von ihnen.

Still kauerte der Ire und lauschte mit angehaltenem Atem. Oben trottete der Reiter jetzt vorüber.

Er ritt weiter!

Wer er auch war – und wenn es einer der Mörder war, Hacatt hatte keine Wahl. Er schrie.

Seltsam krächzend entrang sich der Laut seiner Kehle, brach sich drüben an den Felswänden und flog durcheinanderschwimmend hin und her, bis er endlich verebbte.

Hacatt lauschte.

Der Hufschlag war verstummt.

»Hilfe!« schrie der Ire noch einmal.

Da hörte er erschreckend nah über sich die Stimme eines Mannes: »Sie müssen sich noch einmal melden!«

Jesse Hacatt hauchte die Kühle ein, die der Stein unter seinem Gesicht ausstrahlte.

Ein Mensch also, ein Fremder. Und seine Stimme gehörte keinem der beiden Banditen. Es war eine andere, fe­stere, fast metallische Stimme. Auch sie würde der Irländer nie vergessen.

 

Erst nach Sekunden rief er: »Hier!«

»Sie sind abgestürzt?«

»Yeah!«

»Well, ich kann zwar nicht sicher abschätzen, wie tief Sie hängen, werde aber zunächst den Lasso herunterlassen.«

Einen Lasso herunterlassen? Wie will er den oben befestigen? überlegte der Ire. Aber dann gab ihm der Klang der Stimme des Fremden Hoffnung. Der würde wissen, was er tun konnte.

Und nach kurzer Zeit hörte er auch schon das geflochtene Seil am Gestein niederrutschen.

Hacatt schrak zusammen. Wie ein Finger, so tippte das Lassoende plötzlich auf seinen Rücken.

»Es ist hier, anhalten!« schrie er.

»Können Sie sich einen Moment loslassen?«

»Ja, mit einer Hand, vielleicht.«

»Dann schnell, und gleich die andere nach. Wenn es geht, ziehen Sie das Ende unter dem linken Oberschenkel durch und halten es dann mit beiden Fäusten fest.«

Hacatt ließ los. Aber seine Hand war steif und bewegte sich nicht.

»Es geht nicht. Meine Hand läßt sich nicht bewegen.«

»Das ist der Krampf. Warten Sie, schütteln Sie die Hand…«

Der Fremde sprach beruhigend und ohne jede Hast auf ihn ein. Eine seltsame Kraft schien von seiner Stimme auf den Iren auszugehen.

Schließlich hatte er wieder das Gefühl in seiner Hand. Er spannte sie um das Seil. Es war aus festem Leder, dreimal geflochten. Ein Wildpferdlasso.

Schließlich hatte der Ire auch die andere Hand von dem Gesteinszacken genommen, um den er sie seit Stunden in starrem Krampf gepreßt hatte.

»Aufrichten!« befahl der Mann oben. »Das Lassoende unter den Beinen durchziehen, fest anpacken.«

Ein eisiger Schreck durchzuckte den Iren. Er verlor plötzlich den Boden unter den Füßen, schwebte über dem Schwarzgrau des Abgrundes.

»Stemmen Sie die Füße gegen den Fels!« befahl der Fremde. »Gehen Sie mit, steigen Sie…«

Zoll für Zoll zog der Fremde den Iren aus der Wand hoch.

Als er ihn endlich oben am Rand des Pfades hatte, spürte Jesse Hacatt eine kräftiger Männerhand um sein Gelenk. Er wurde hochgezerrt und lag keuchend auf dem Weg.

Der Mann nahm eine Zigarre aus der Tasche und hielt dem Iren die kleine Ledertasche hin.

»Nehmen Sie, es ist noch eine drin.«

Hacatt schüttelte den Kopf. »Thanks, Mister – ich kann nicht – ich kann nicht.«

Der Fremde nickte und schob seine Zigarre in die Ledertasche zurück.

Schweigend standen die beiden Männer voreinander. Um sie herum die Stille der Felsen. Die Nacht der Rocky Mountains.

Der Fremde beugte sich zu dem Iren nieder. Er hatte ein kleines Bündel in der Hand. »Ich werde nach Ihren Wunden sehen«, sagte er wie selbstverständlich.

Er riß ein Zündholz an, nahm einen Wachsspan aus der Satteltasche, steckte ihn in einen Gesteinsriß in der Wand und machte sich an die Arbeit.

Der Ire sah auf die linke Schulter. Er wußte ja nicht, daß es nur eine Fleischwunde war, daß die Kugel ihn nur gestreift hatte. Aber er sagte nichts. Wozu auch. Was änderte das schließlich an seinem Geschick. Er war über und über mit Kratzern und Schrammen bedeckt, seine Kleidung war zerrissen, seine Haut zerschunden, da fiel die Schußwunde dem Fremden in der Dunkelheit sicher nicht auf.

Schließlich war Jesse Hacatt verbunden. Der Fremde verpackte sein Bündel mit Verbandszeug wieder in den Satteltaschen.

»Wir werden ein Stück weitergehen, da weitet sich der Weg etwas und bildet in der Wand eine Nische. Da können wir lagern.«

Der Ire schwieg. Er rührte sich nicht von der Stelle, sondern starrte schweigend auf den Rand des Abgrundes, dahin, wo er am Vormittag mit den anderen abgestürzt war.

»Kommen Sie«, forderte ihn der Fremde auf.

»Ich möchte hierbleiben«, krächzte Hacatt. Es war das erste, was er seit langem sagte.

Der Fremde scherte sich nicht darum, richtete ihn auf, legte seinen kräftigen Arm um ihn und führte ihn vorwärts.

Langsam trottete das Pferd hinter den beiden Männern her.

Da lagen die beiden großen Felssteinbrocken.

Hacatt starrte auf sie nieder. Er wollte stehenbleiben, aber der Fremde führte ihn weiter, an den Felsbrocken vorbei, die einem Pferd und zwei engbeieinandergehenden Männern eben noch Platz boten.

Es ging noch etwa dreihundert Yards bergan, dann deutete der Fremde auf eine dunkle Nische in dem Schwarzgrau der Wand.

»Da ist es.«

Er breitete zwei Decken auf dem steinigen Boden aus, half Hacatt beim Hinlegen und legte sich dann selbst nieder.

Mit offenen Augen lag der Ire da, starrte auf die scharfe Kante des Felsens, die eine deutliche Silhouette gegen den Nachthimmel zeichnete.

Er fand keinen Schlaf – so erschöpft er auch war.

Auch der Fremde schlief nicht.

Zounds! dachte Hacatt, ist der Bursche schweigsam.

Nur langsam kroch die Nacht dem Grau des nächsten Tages entgegen. Mehrmals hatte die Übermüdung den Iren an den Rand des Schlafes gebracht, aber immer wieder war das grausige Erlebnis da, das ihn wieder in die Wirklichkeit zurückrief. Als schließlich der erste Silberstreif des kommenden Tages im Osten über die Zinnen der Berge kroch, lag der Ire immer noch mit rotgeränderten übernächtigten Augen da.

Da richtete sich der Fremde auf, ging zu seinem Pferd und sah nach ihm, dann trat er vorn an den Rand des Abgrundes.

Hacatt blickte auf seinen breiten Rücken, sah die schwarzlederne kurze Jacke, die schwarzen Hosen und die hochhackigen mit Steppereien besetzten Texasstiefel.

Langsam schob sich ein orangeroter Schein über die Bergkämme und warf ein unwirkliches Licht auf die hünenhafte Figur des Fremden. Da drehte er sich um.

Jesse Hacatt sah ihn an. Der Mann hatte ein tiefbraunes markant geschnittenes Gesicht, das von einem eindringlich blauen Augenpaar beherrscht wurde. Sein graues Kattunhemd war nicht fest am Hals geschlossen, sondern wurde von einem roten Seidentuch, wie es die Prärie Cowboys trugen, zusammengehalten. Tief unter dem Ende seiner kurzen Jacke hatte der Mann einen patronenbesetzten Waffengurt aus schwarzem Büffelleder. Der Ire konnte die beiden Revolver an den Hüften des Fremden jetzt genauer sehen. Rechts saß ein normaler Fünfundvierziger, aber der Colt im linken Halfter hatte einen überlangen Lauf, nach dem Lederschuh zu schließen.

Langsam kam der Fremde näher. Auch er hatte den anderen einer kurzen forschenden Prüfung unterzogen.

»Geht’s besser?« fragte er nur.

Hacatt nickte mit müdem Schädel. »Yeah, thanks.«

Der Fremde brachte jetzt ein paar Holzstücke aus einem Bündel, das er am Sattel festgeschnallt hatte, stellte ein kleines eisernes Dreibein auf und hängte einen bronzenen Kessel daran, der knapp drei Becher Wasser faßte. Der Fremde hatte noch eine gefüllte Wasserflasche bei sich und goß davon in den Kessel.

Knackend und knisternd zersetzte sich das Holz in den Flammen, und bald stieg leichter Dampf über dem Kessel auf.

Hacatt starrte in das Feuer. Er fühlte sich todelend und zerschlagen. Nicht einmal der aromatische Kaffeeduft ließ seine Lebensgeister voll zurückkehren.

Nach dem Morgenkaffee sattelte der Fremde sein Pferd auf.

»Wir wollen weiter.«

Hacatt schüttelte den Kopf. »Ich bleibe.«

Da wandte sich der Fremde nach ihm um. »Haben Sie etwa die Absicht, zu Fuß über den Berg zu steigen?«

Der Ire starrte vor sich auf den Boden. »Ich weiß gar nicht, welche Absicht ich habe«, knurrte er.

»Well, Sie müssen es selbst wissen«, versetzte der Fremde, trat zu ihm und reichte ihm die Hand. »Leben Sie wohl. Ach ja, mein Name ist Earp…«

Der Ire hob den Kopf und sah ihn an.

Earp? Heavens, wo hatte er den Namen schon gehört?

Der Fremde stand noch da, abwartend, wie es Hacatt schien. Und der Ire war ein Mann, der seinen Namen nie versteckt hatte, so groß auch die Furcht vor der Vergangenheit war.

»Hacatt«, sagte er. »Jesse Hacatt.« Er musterte seinen Retter aus schmalen grünschimmernden Augen. »Ich muß mich für mein Benehmen entschuldigen, Mister Earp. Ich habe Ihnen nicht einmal gedankt…«

Der winkte ab. »Das haben Sie nicht nötig.«

Бесплатный фрагмент закончился. Хотите читать дальше?