Wyatt Earp 232 – WesternText

Aus der Reihe: Wyatt Earp #232
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Wyatt Earp – 232 –

Der Mann, der da auf die große Sägerei zuritt, mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er hatte ein schmales Gesicht, in dem weit auseinanderstehende hellgraue Augen standen. Seine Nase war kurz und stumpf, der Mund breit und das Kinn spitz. Seine Stirn war nicht sehr hoch und wurde von rostrotem Haar überwuchert. Den grauen fleckigen Hut hatte er weit ins Genick geschoben. Sein graues kragenloses Hemd stand ihm über der Brust offen. Er trug eine braune abgetragene Weste und eine graue schwarzgestreifte Hose. Unter dem Gurt trug er einen Riemen, der rechts neben der Hüfte einen Revolver im Halfter hielt. Die Stiefel des Reiters waren ebenso abgetragen wie seine übrigen Kleidungsstücke.

Nur das Pferd machte einen halbwegs gepflegten Eindruck.

Je näher er der großen Sägerei kam, desto langsamer wurde er.

Als er schließlich das große Tor erreicht hatte, hob er den Blick zu dem Namen, der darüber auf einem Holzschild stand:

J.O. TRUMBEL.

Hinter diesem Namen verbarg sich ein untersetzter vierschrötiger Mann mit durchdringend hellen grünlichen Augen und einem kantigen Schädel. Er hatte dichtes, kurz geschorenes weißgraues Haar und trug immer ein graues Kattunhemd, das von einer schwarzen Seidenschleife zusammengehalten wurde. Die graue Jacke und die graue Hose schienen eine Uniform bei ihm zu sein.

Er machte einen unscheinbaren Eindruck, dieser Jake Oscar Trumbel. Aber er war der mächtigste Mann weit und breit. In Trinchera fürchtete man ihn wie einen Oberrichter.

Vor fast zwei Jahrzehnten war er hier in dieses Land gekommen und hatte drei Meilen westlich vor der Stadt die große Sägerei aufgebaut. Es gab kaum jemanden in der Stadt, der nichts mit ihm zu tun gehabt hätte. Fast die halbe Bevölkerung arbeitete für ihn. Wenn auch nicht alle in der Sägerei beschäftigt waren, so hatten sie doch eine Anstellung in seiner Bar oder in seinem Store, in seiner Schmiede oder in seiner Holzhandlung in der Stadt gefunden.

Trumbel war der Typ des amerikanischen Erfolgsmannes.

Und vielleicht war es nicht verwunderlich, dass er keinen sonderlich angenehmen Eindruck machte.

Der Reiter verharrte noch immer draußen am Tor und starrte auf den Namen. Dann senkte er den Kopf und blickte in den weiten Hof, der vollgestopft mit Bretterstapeln und Balkenstößen war. Arbeiter, deren Anzüge mit Sägemehl und Holzspänen nur so bedeckt waren, liefen geschäftig hin und her.

Da stieg der Reiter vom Pferd und ging langsam vorwärts. Rechts war das große Wohnhaus. Er machte die Zügelleinen seines Fuchses an der Halfterstange fest und betrat dann die Veranda.

Obgleich es Holz genug hier gab, waren die Bohlen der Veranda derartig morsch, dass man befürchten musste, auf ihnen einzubrechen.

Als der Fremde auf die Tür zugehen wollte, wurde diese aufgerissen.

In ihrem Rahmen stand Jake Trumbel. Mit schmalen Augen musterte er den Fremdling.

»Was wollen Sie?!« Seine Stimme klang barsch, rau und abweisend.

Der andere griff nach dem Hut, ohne ihn jedoch abzunehmen. Es war dies keine Unhöflichkeit, sondern eine im Westen gebräuchliche Geste des Grußes.

»Mein Name ist Hennings, Flim Hennings. Ich wollte nach einem Job fragen.«

»Ich habe keinen Job frei«, entgegnete der Sägemüller.

Hennings fuhr sich mit der Linken durchs Genick und sah sich dann auf der Veranda um.

»Schönen großen Betrieb haben Sie hier. Schade, hätte gern eine Weile hier gearbeitet. Ich bin Zimmermann.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, entgegnete Trumbel schroff.

Hennings nickte, griff wieder nach dem Hut, wandte sich dann um und stieg gleich auf sein Pferd, ohne die Verandastufen zu nehmen. Vom Sattel aus löste er die Zügelleinen und nahm den Fuchs dann herum, um langsam auf den Ausgang zuzureiten.

In diesem Augenblick geschah es!

Im Tor war ein Buggy aufgetaucht, auf dessen rechtem Sitz ein Mädchen saß. Es mochte etwa achtzehn Jahre alt sein, hatte ein blässliches Gesicht, das mit Sommersprossen besät war. Hellblaue wache Augen blickten daraus hervor, und der Mund war klein und herzförmig. Das blonde Haar umrahmte das hübsche Gesichtchen und fiel bis auf die schmalen Schultern des Mädchens.

Ein etwas nervöses Pony war vor den Buggy gespannt. In dem Augenblick, in dem der Wagen die Torschwelle passierte, preschte links um die Ecke eines Stallbaues plötzlich ein reiterloses Pferd.

Ein schwarzer Mustang!

Flim Hennings sah es sofort, und hinter ihm auf der Veranda erscholl ein heiserer Schrei, der aus der Kehle des Sägemüllers gekommen war.

»Pressie!«

Aber es war schon zu spät.

Das Pony war vor Schreck hoch aufgestiegen, und der Wagen wurde hart gestoppt.

Was nicht zu vermeiden war, geschah: Prescilla Trumbel stürzte im hohen Bogen aus dem Wagen und wäre dem schwarzen Hengst unausweichlich vor die Füße gefallen, wenn nicht in diesem Augenblick der Fremde seinen Fuchs dazwischengebracht hätte. Er fing erstens Pressies Sturz mit seinem eigenen Körper auf und bremste dadurch außerdem den wilden Sturmlauf des Mustangs.

Ohnmächtig war das Mädchen zur Erde geglitten, Hennings, der ebenfalls aus dem Sattel gerutscht war, sah, dass sein Fuchs sich mit einem Sprung zur Seite wandte und hatte plötzlich den schwarzen Mustang vor sich, der hoch aufstieg und seine Hufe bedrohlich über dem Mädchenkörper schweben hatte. Da nahm sich der junge Zimmermann ein Herz, sprang hoch und riss das Halfter des Hengstes nach unten.

Mit übermenschlicher Anstrengung drehte er die noch im Halfter sitzende Kandare nach hinten, und zwar mit dem völlig unerwarteten Erfolg, dass der Hengst auf der Hinterhand einknickte.

Da war es auch mit dem Mut Flim Hennings vorüber. Er sah die dunklen glühenden Augen des Wildpferdes vor sich, hatte den Dunst aus den staubenden flammendroten Nüstern des Tieres nah vor seinem Gesicht und ließ das Halfterleder los.

Die Kandare rutschte nach vorn, und sofort sprang der Hengst auf.

Aber zur Verblüffung aller wandte er sich um und preschte zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

In diesem Augenblick tauchten hinter dem Stallhaus vier Männer auf. Sie wichen zur Seite und ließen das Tier entgeistert vorüber.

Einer von ihnen machte ein paar Schritte vorwärts, nahm den Hut ab und schleuderte ihn auf den Boden.

»Verdammt, Boss, ich konnte es nicht ändern. Der Halunke hat das Gatter zertrümmert und war nicht zu halten.«

Mit aschgrauem Gesicht stand Jake Trumbel immer noch oben auf den morschen Dielen der Veranda und starrte hinunter in den Hof, wo ein helles Bündel am Boden lag.

»Meine Tochter!«

Dann stürmte er mit mächtigen Schritten hinunter, lief auf sie zu und beugte sich über sie. Liebevoll legte er seine groben schaufelförmigen Hände um sie und hob sie auf. Als er sie auf den Armen hatte, schlug sie die Augen auf und blickte ihn an.

»Dad!«

Der Sägemüller war stumm geblieben.

»Dad«, sagte sie und blinzelte zu dem Fremden hinüber. »Du musst dich bei ihm bedanken.«

»Ja, ja, ich werde es schon tun. Gehen Sie einstweilen da hinüber zum Mannschaftshaus, Hennings«, brachte er mit rauer Stimme hervor. Von Dank kein Wort.

Erst als er seine Tochter ins Haus gebracht hatte, war er zu bewegen, sich bei Hennings zu bedanken, als er sich wirklich davon überzeugt hatte, dass Pressie auch tatsächlich nichts geschehen war.

»Nun geh doch endlich, Vater, und sag ihm, dass du dich bedanken willst.«

»Ja, ja, ich gehe ja schon.«

»Wer ist das eigentlich?«, fragte sie, als er schon an der Tür war.

»Keine Ahnung. Ein Bursche, der sich Hennings nennt, Flim Hennings.«

»Was wollte er?«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich betteln.«

»Betteln?« Ungläubig war es von den Lippen des Mädchens gekommen. Es richtete sich auf dem Sofa auf, auf das der Vater es gebettet hatte, und schüttelte den Kopf.

»Ich kann es nicht glauben.«

»Es ist aber so«, knurrte der Sägemüller und ging dann hinaus.

Als er drüben ans Mannschaftshaus kam, sah er Flim auf einer der Bänke am Tisch sitzen und sich eine Zigarette drehen.

Flim erhob sich sofort.

»Hallo, Boss«, sagte er.

»Ich bin nicht Ihr Boss. Hier, nehmen Sie das.« Er gab ihm ein silbernes Dollarstück und wollte sich abwenden.

Da nahm Flim das Geldstück, ging ihm nach, ergriff ihn am linken Arm, zog ihn herum und steckte ihm das Geld in die Jackentasche.

»Thanks, Mr Trubel. Ich hoffe, dass es Ihnen weiterhin recht gut geht.« Damit ging er zur Tür und wollte in den Hof.

Da aber stockte plötzlich sein Fuß.

Drei Schritte von ihm entfernt stand Prescilla Trumbel. Sie hatte die kleinen Fäuste geballt und sah aus weit aufgerissenen Augen an ihm vorbei in das verzerrte Gesicht ihres Vaters, der hinter Hennings stand.

»Hast du dich bei ihm bedankt, Dad?«

»Ja, natürlich. Er ist ein ganz undankbarer Kerl.«

»Wie soll ich das verstehen, Mr Hennings?«, kam es da leise von Pressie.

»Ach, nur so«, entgegnete der junge Zimmermann und wollte dann weiter.

Da aber vertrat sie ihm erneut den Weg.

»Einen Augenblick. Ich habe nur eine Frage.«

»Bitte?« Flim hatte plötzlich ein ziemlich unangenehmes Gefühl unter der Jacke.

»Was wollen Sie hier?«, erkundigte sich Pressie Trumbel.

»Was jeder will –«

»Na also«, unterbrach ihn der Sägemüller, »ich habe dir es ja gleich gesagt.«

»Was wollten Sie, Mr Hennings?«, erkundigte sich Pressie in so bestimmtem Ton, dass ihr Vater es nun nicht mehr riskierte, irgendetwas dazwischenzuwerfen.

 

»Einen Job natürlich. Ich nehme an, dass das jeder will, Miss.«

Der Blick des Mädchens glitt an ihm vorbei und traf das Gesicht des Vaters. Flammende Empörung stand darin.

»All right«, knurrte da der Sägemüller, »meinethalben kann er einen Job haben. Aber ich habe gar keine rechte Arbeit für ihn. Du weißt, dass wir zwei große Lieferungsaufträge zurückgeben mussten, weil Johnson & Company Pleite gemacht haben. Und dann sieht es sowieso in diesem Frühjahr schlecht aus –«

Pressie Trumbel hatte sich auf dem Absatz umgewandt.

Der Sägemüller sah ihr mit verkniffenem Gesicht nach. Dann blieb er neben Hennings stehen und sagte, ohne ihn anzusehen:

»Es ist gut, Sie können bleiben. Drüben in der Leimhalle gibt’s vielleicht noch Arbeit. Erkundigen Sie sich bei Mr White …«

*

Vierzehn Tage arbeitete Flim Hennings nun schon in Jake Trumbels Sägemühle. Bis zu diesem Tage hatte er Pressie nur hin und wieder von Weitem durch einen Tür- oder Bretterspalt im Hof erspähen können.

Seit dem Augenblick, da er sie gesehen hatte, vermochte er sie nicht mehr aus seinen Gedanken zu verbannen.

Obgleich der Sägemüller doch behauptet hatte, dass es hier keine Arbeit gäbe, hatte der junge Zimmermann mehr Arbeit vorgefunden als sonst jemals bei einem anderen Job.

Was mochte Trumbel veranlasst haben, sich so feindselig ihm gegenüber zu benehmen?

Flim Hennings vermochte es sich nicht zu erklären. Immer, wenn er zufällig einmal das Mädchen erspähte, stand er ganz betroffen da und blickte hinter ihm her.

Dann wurde er von dem mürrischen Vorarbeiter White aufgefordert, bei seiner Arbeit zu bleiben. Aber diese Arbeit war gut, und das musste nicht nur White zugeben. Selbst Trumbel, der sich in den ersten Tagen häufig darum gekümmert hatte, war geradezu betroffen von der Tüchtigkeit des jungen Zimmermannes.

Das Leben, das hinter dem jungen Flim Hennings lag, hatte sich bisher ziemlich eintönig abgespielt. Seine Eltern stammten aus Irland und waren hier in die neue Welt gekommen, als der junge Flim noch nicht geboren war.

Er selbst war in Virginia in der Nähe der Stadt Richmond auf die Welt gekommen. Seine Eltern hatten nicht das erhoffte Glück in der neuen Welt gefunden, und da es ihm daheim absolut nicht gefiel, hatte er sich schon mit sechzehn Jahren auf den Weg nach Westen gemacht.

Da er eine gute Zimmermannslehre hinter sich hatte, hatte er in Corbin, Kentucky, sofort einen Job gefunden. Von hier war er nach einigen Jahren weiter hinüber nach Missouri gezogen, wo er in Poplar Bluss eine neue Stellung gefunden hatte. Dann war er nach Springfield gegangen und an der Südgrenze von Kansas entlang hinüber nach Colorado gekommen.

Er hatte dreimal den Job gewechselt, und zwar nicht, weil man ihn hätte nicht brauchen können, oder weil er kein guter Arbeitsmann gewesen wäre, sondern weil Flim Henning den alten Zug der Iren nach Westen in seinem Blut spürte. In seinem Falle war es die Westküste Amerikas.

Er hatte so viel von California, dem gepriesenen Land der United Staates, gehört und wollte hinüber nach San Francisco.

An dem Tage, an dem er die Trumbelsche Sägerei aufgesucht hatte, war ihm sicher in den Sinn gekommen, dass hier eine Sternstunde seines Schicksals begann. Ein Schicksal, das einen pechschwarzen Hintergrund hatte …

Pressie war ihm nur selten zu Gesicht gekommen. Bis zu diesem Vormittag. Er hatte gerade in der Sägerei aus einem Edelholzbrett mehrere Türschwellen für den eigenen Bedarf der Trumbels angefertigt (Türschwellen wurden im Westen wie überhaupt in Amerika nur aus Hartholz hergestellt), als er vom Werkstatttor aus das Mädchen plötzlich entdeckte.

Pressie stand an der Pferdetränke und hatte die Zügelleine ihres Ponys in der Hand. Aus großen seidig schimmernden Augen blickte sie den Iren an.

Hennings zog rasch seinen staubbedeckten Hut und deutete eine Verbeugung an.

Dunkles Rot überflutete das Gesicht des Mädchens, als es ihm zulächelte.

Da nahm Hennings sich ein Herz und machte ein paar Schritte auf Pressie zu.

»Guten Morgen, Miss Trumbel.«

»Guten Morgen, Mr Hennings. Wie gefällt es Ihnen bei uns?«

»Ach, ganz gut. Es gibt eine ganze Menge Arbeit –«, jäh unterbrach er sich, aber es war schon zu spät, denn mit diesen Worten hatte er ja die Behauptung des Sägemüllers Lügen gestraft, dass es derzeitig auf der Mühle nicht Arbeit genug gäbe. Rasch fügte er hinzu: »Ich komme ganz gut mit den anderen aus.«

»Auch mit Bill?«, kam es da rasch von den Lippen der Sägemüllerstochter.

»Mit Bill? Sie meinen Matthew?«

Pressie nickte.

»Ach ja, mit Bill, doch, doch, natürlich.« Der Ire dachte an den lang aufgeschossenen Blondschopf, der ihn anfangs so misstrauisch beobachtet hatte, dann aber dieses Misstrauen hatte fallen lassen. Flim wusste nicht, weshalb dieser Bill Matthew ihn so sonderbar angesehen hatte, und es war ihm auch jetzt noch nicht klar. Aber er interessierte sich nicht für diese Dinge, was ging ihn der andere Arbeiter schließlich an?

Da hörte er Pressie fragen:

»Und mit Lipcat? Wie kommen Sie mit ihm aus?«

Lipcat? Flim sah plötzlich die muskulöse Gestalt des Verwalters vor sich. Alfred Lipcat war die rechte Hand Trumbels und hatte hier alles unter sich. Es war ein wenig angenehmer ungeschlachter Typ mit einem von Pockennarben übersäten Gesicht, schlitzförmigen Augen und gewaltigem Kinn. Seine Nase war eingeschlagen und daher sattelförmig, und die Brauen wucherten über die tief in den Höhlen liegenden Augen. Die Stirn war fliehend, und sein Haar hatte einen missfarbenen Ton. Er trug immer eine alte Armeemütze – mochte der Teufel wissen, wo er sie noch herhatte, denn der Krieg und auch die Soldatenzeit lagen lange zurück – hatte eine blaue Jacke, die ebenfalls an die Uniform der Nordstaaten erinnerte, und eine hellgraue enge Levishose an. Stets trug er im Gegensatz zu den anderen Arbeitern seinen Revolver und auch sein Messer im Gurt. Die Waffen legten die Arbeiter nur an, wenn sie die Sägemühle verließen. Lipcat hielt es da anders. Und auch sein Freund Blane Coster, der hielt es auch für angebracht, stets mit einer Kanone herumzulaufen. Der Boss hatte offensichtlich nichts dagegen.

Er war wirklich alles andere als ein angenehmer Mensch, dieser Verwalter, nach dem Pressie Trumbel den jungen Iren jetzt fragte. Aber Hennings hatte mit Lipcat nicht allzu viel zu tun gehabt und entgegnete deshalb jetzt:

»Ich kenne ihn kaum, Miss Trumbel.«

Pressie nickte. Dann reichte sie ihm plötzlich die Hand.

»Alles Gute, Mr Hennings.«

Jetzt war er es, der vom Haaransatz bis hinunter zum Hals rot wurde.

Wie weich und fein sich die Mädchenhand in seiner schwieligen Männerhand anfühlte. Ein Feuerstrom durchzuckte ihn.

»Vielen Dank, Miss Trumbel«, sagte er.

»Sie können Pressie zu mir sagen.«

Flim schluckte. »All right, Pressie.«

Als er sich umwandte, sah er in der Tür der Werkstatt den langen blonden Matthew stehen.

Flim ging an ihm vorbei in die Werkstatt.

Mat blickte dem Mädchen nach, holte ihn ein und ergriff ihn am Arm.

»He, Flim.«

Der Ire blieb stehen und wandte sich um.

»Wie steht’s denn mit euch beiden?«

Flim zog die Brauen zusammen.

»Ich verstehe Sie nicht, Mat.«

»Was gibt’s da zu verstehen. Ich glaube, da bahnt sich was an.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich habe noch niemals gesehen, dass sie hier jemandem die Hand gegeben hat.«

»Hm, war sicher nur so ein Einfall von ihr. Vielleicht, weil ich ihr den Mustang vom Leibe gehalten habe.«

»Ja, das haben Sie übrigens großartig gemacht. Ich habe es oben vom Fenster des Lagerhauses aus gesehen. Das macht Ihnen hier niemand nach.«

»Ach, ich weiß nicht.« Flim ging an seine Arbeit.

Am frühen Nachmittag schuftete er hinten im unteren Lagerschuppen, wohin er urplötzlich von Lipcat geschickt worden war, Bretter aufeinanderstapeln. Ein idiotischer Auftrag für einen tüchtigen gelernten Zimmermann.

Als ihm der Schweiß schon aus allen Poren rann, tauchte Lipcat plötzlich hinter ihm auf.

»Ich denke, Boy, dass wir uns da noch etwas mehr beeilen müssen.«

Flim richtete sich auf und blickte den Verwalter aus schmalen Augen an. Eine ärgerliche Erwiderung hatte ihm auf den Lippen gelegen. Aber er dachte plötzlich an Pressie, zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht und entgegnete:

»All right, Mr Lipcat.«

Der Verwalter verließ den unteren Lagerschuppen, und Flim sah zu, dass er noch einen Zahn zulegte.

Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, als er plötzlich hinter den Brettern ein dumpfes Geräusch hörte.

Er machte ein paar Schritte, sah um den nächsten Stapel herum und sah einen Mann am Boden sitzen, der da wohl gestolpert war.

Es war Matthew.

Er blickte ihn aus flackernden Augen an.

Flim schüttelte den Kopf.

»Was soll denn das?«

»Was soll’s schon? Ich habe einen Whisky zu mir genommen. Du wirst doch nichts dagegen haben, he?«

»Natürlich nicht.« Flim wollte sich abwenden.

Da flog plötzlich ein Holzkeil hinter ihm her und streifte sein linkes Ohr.

Flim wirbelte herum und blickte den anderen verblüfft an.

»Und was sollte das?«

»Nur ein Scherz von mir«, entgegnete Bill, erhob sich und dann kam er auf ihn zu, riss plötzlich die Flasche hoch, die er aus der Tasche gezogen hatte und wollte sie Flim auf den Kopf schlagen.

Der konnte sie noch zur Seite schleudern und ergriff den anderen am Kragen, zerrte ihn gegen die Bretterstapel und drückte ihn an die Erde.

»Hören Sie zu, Mat, ich weiß nicht, was Ihnen plötzlich in den Sinn gekommen ist. Aber ich denke, wir sind zum Arbeiten hier und nicht zum Balgen.«

»Schon gut«, entgegnete der Blonde. Dann richtete er sich auf, lächelte dümmlich und schob die Scherben gemeinsam mit Flim unter den Bretterstapel.

»Weißt du«, sagte er dann, »ich bin ein komischer Kerl. Plötzlich packt’s mich, und dann muss ich eine Flasche kippen. Aber ich glaube, das ist nicht gerade das Gegebene, he?«

»Finde ich auch«, entgegnete Flim. »Wir müssen sehen, dass wir hier unsere Arbeit tun, denn ich glaube, dass Mr Trumbel leicht genug Ersatz für uns bekommt.«

»Das lass dir bloß nicht einreden«, entgegnete Billy Matthew, der es offensichtlich besser wusste. »Er hat schön Mühe gehabt, überhaupt genug Facharbeiter zu bekommen. Wer versteht denn schon etwas von unserem Beruf? Doch die wenigsten. Well, du bist ein Gelernter, und ich bin ein Stümper – wie die meisten. Sieh dir doch Lipcat an. Das ist doch eine Flasche. Was versteht der schon vom Holz? Weniger als Trumbels Tochter.«

In diesem Augenblick war vorn am Tor ein Geräusch zu hören.

Flim schob Bill hinter den Stapel, lief mit einem schweren Brett nach vorn und wuchtete es hoch.

Im Augenwinkel konnte er die Gestalt drüben auf der Torschwelle erkennen. Es war Al Lipcat. Hinter ihm tauchte die krummbeinige Gestalt ­Blane Costers auf.

»Was war denn das für ein Geräusch vorhin hier, he?«, bellte der Verwalter.

»Keine Ahnung«, entgegnete der Ire und arbeitete verdrossen weiter.

»Kam mir so vor, als wäre eine Flasche irgendwo hingeschleudert worden.«

»Irrtum«, entgegnete Flim und drehte den beiden den Rücken zu, um einen neuen Bretterstapel hochzuwuchten.

Die beiden Schatten wichen aus der Tür.

*

Am nächsten Morgen wachte Flim durch einen heiseren Schrei auf, den der Vorarbeiter Joe White ausgestoßen hatte. Der stand mit struppigem Haar in der Tür und schrie:

»Er ist tot! Los, kommt mit!«

Auch Flim sprang aus seiner Koje und folgte den anderen sieben Männern hinaus in den Hof.

Nichts war zu sehen. Alles schien in gewohnter Ordnung.

Aber White hastete auf eine der Hofpforten zu, stieß sie auf und ­deutete dann auf einen Körper, der an der Rückfront des Wohnhauses lag, das hier den Sägemüllerhof mit begrenzte.

Es war der Körper eines Mannes.

Flim brauchte gar nicht näher heranzugehen, um Bill Matthews Gestalt zu erkennen.

Als er sich umwandte, blickte er in die harten Augen des Verwalters.

»He, he, was haben Sie dazu zu sagen.«

Flim zog die Brauen zusammen und fixierte den Vormann scharf.

 

»Wie soll ich das verstehen, Mr Lipcat?«

»Ich habe Sie nicht gefragt, wie Sie das verstehen sollen, sondern was Sie dazu zu sagen haben?«

»Ich? Nichts.«

»Bin gespannt, wie der Boss das findet.«

In diesem Augenblick wurde oben über dem Körper des Toten ein Fenster geöffnet.

Pressie Trumbels blonder Lockenkopf blickte heraus. Als sie die Männer sah, rief sie Lipcat zu:

»Was ist denn los?«

»Da, sehen Sie mal da hin, wer da vor Ihrem Fenster liegt.«

Pressie senkte den Kopf und zuckte zurück.

Dann schlug sie die Hände vors Gesicht, wandte sich um und lief ins Haus.

Es dauerte nicht sehr lange, und am gleichen Fenster erschien ihr Vater. Er war noch ungekämmt und hatte ein dunkelblaues Nachthemd an. Als er den Mann unterm Fenster entdeckt hatte, schwang er sich hinaus und ließ sich über die viereinhalb Yards einfach hinunter auf den Boden fallen, landete neben Matthew und beugte sich über ihn.

»Damned!«, kam es dann heiser aus seiner Kehle, als er den Kopf umwandte und zu seinen Männern hinüberblickte. »Er ist ja tot!«

»Ja, er ist tot«, versetzte Lipcat mit düsterer Stimme.

Plötzlich richteten sich alle Augen auf den Neuen, auf Flim Hennings.

Der glaubte an einen bösen Spuk.

»Was seht ihr mich denn alle an?«

»Das wundert dich noch?«, herrschte ihn da Coster an, während er mit seinen krummen Beinen vor ihm Aufstellung nahm.

Flim schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe kein Wort.«

»Das solltest du aber, nachdem du es gewesen bist.«

»Ich – gewesen bin?! He, was willst du damit andeuten, – etwa, dass ich etwas mit seinem Tod zu tun habe?«

»Klar, er ist doch ermordet worden.«

»Ermordet?«, stammelte Flim. »Wieso ermordet. Ich weiß davon nichts …«

»Er ist erstochen worden«, herrschte ihn Coster da an. Und nur du kannst es gewesen sein!«

Flim wusste später selbst nicht mehr, wieso er dazu kam, plötzlich auf den krummbeinigen Sägewerksarbeiter loszustürmen, um ihm die Faust ans Kinn zu schmettern.

Coster war so schwer getroffen worden, dass er mehrmals um seine eigene Achse gerissen wurde und dann gegen die Hauswand prallte.

Da aber riss er sich zusammen und stürmte auf Flim zu.

Der konnte ihn mit einer langen Linken von sich halten, wurde aber im nächsten Moment von einem wahren Hammerschlag zu Boden gedrückt.

Diesen Schlag hatte nicht etwa der krummbeinige Arbeiter Coster, sondern Lipcat selbst ausgeführt. Er war von hinten an Flim herangetreten und hatte ihm die Faust einfach auf den bloßen Schädel geschlagen.

Das war keine allzu mutige Tat, aber der Verwalter erklärte später, dass er sich dazu verpflichtet gefühlt hatte, um nicht auch noch andere wertvolle Leute durch diesen fremden Schurken gefährden zu lassen.

*

Als Flim zu sich kam, kauerte er neben dem Toten am Boden und sah sich inmitten des Halbkreises seiner bisherigen Kameraden.

Da standen sie, einer neben dem anderen. Der alte Jeff Braddock, sein Neffe Carl Leck, der dicke Larry Lohmeyer, der vertrocknete Frank Buster, der schweigsame Marty Anderson, Cole Stafford, der pfeifende Bursche aus Ohio, und auch Stan Midland, der jüngste der Arbeiter, stand in der Runde. In der Mitte stand Al Lipcat. Neben ihm Blane Coster.

Wo war der Boss? Und wo war Joe White? Vor allem nach ihm, dem ­Vorarbeiter, suchte Flim jetzt mit den Augen. Er richtete sich auf, wollte ein paar Schritte vorwärts machen, sah aber, dass Lipcat ihm den Weg vertrat.

»Du bleibst. Wenn du einen ­Fluchtversuch machen solltest, sehe ich mich gezwungen, dich niederzuknallen.«

Flim wischte sich mit der Linken durchs Gesicht, wandte den Kopf und blickte in die verschlagenen grünen Augen, die mit fast asiatischem Schnitt in dem pockennarbigen Antlitz des Verwalters standen.

»Ich verstehe das alles nicht, Mr Lipcat.«

»Kann ich mir denken«, entgegnete Lipcat kalt. »Um die Sache kurz zu machen: Ich nehme Sie wegen Mordes an dem Arbeiter William Matthew fest, Hennings.«

Flim schluckte. Er glaubte, der Boden müsse unter seinen Füßen nachgeben.

Ehe er sich noch versah, wurde er von mehreren Fäusten gepackt und zurück in den Hof geschleppt.

Der Boss war nirgends zu sehen.

Und auch von White keine Spur.

Schweißgebadet kam er im Mannschaftshaus an und wurde da unter Lipcats Anleitung von Coster und dem sonst immer so fröhlichen Cole Stafford gefesselt. Wie einen Schwerverbrecher schleppte man ihn dann wieder in den Hof.

Als er neben der Pferdetränke ankam, stolperte er, stürzte und kam mit dem Oberkörper ins Wasser.

Niemand dachte daran, ihn hochzuzerren.

Er versuchte verzweifelt, das Gewicht so zu verlagern, dass er wieder auf die Beine kam. Aber es gelang ihm nicht. Im Wasser hörte er ein Röhren und Dröhnen wie in einer Kesselschmiede.

Plötzlich griffen Hände nach seinen Beinen und drückten ihn nach unten.

Prustend und triefend kam er mit dem Oberkörper aus der Tränke heraus.

Als er sich dann umblickte, sah er zu seiner grenzenlosen Verwunderung in die hellblauen Augen Pressie Trumbels.

Sie stand inmitten der Männer und putzte ihre nassen Hände an einem Taschentuch ab. Dann warf sie den Kopf nach Lipcat herum.

»Was soll das bedeuten, Mr Lipcat?«

»Ich verstehe Sie nicht, Miss Pressie.«

»Mein Name ist Trumbel, Mr Lipcat«, sagte das Mädchen mit schneidender Stimme. »Ich möchte wissen, was das hier zu bedeuten hat?«

»Erlauben Sie, Miss, dieser Mann ist ein Mörder.«

»Ein Mörder? Das muss sich erst herausstellen. Und wenn es so ist, haben Sie ganz sicher kein Recht, ihn hier ertrinken zu lassen.«

»Ertrinken zu lassen«, meinte der Verwalter, »das ist doch wohl ein Scherz, Miss Trumbel. Der Bursche ist hier hereingestolpert, und ein kühles Bad kann so einem Burschen ganz sicher nicht schaden.«

»Darüber kann man nicht einmal geteilter Meinung sein, Mr Lipcat«, versetzte das Mädchen und bahnte sich den Weg durch die Männer hinüber zum Stall, wo der junge Midland ihr bereits das Pony herausgeholt hat. Sie schwang sich in den Sattel und verließ den Sägemühlenhof.

*

Der Ire hatte das Gefühl für die Zeit völlig verloren. Er glaubte sich in einem schweren furchtbaren Albtraum zu befinden.

Alles, was um ihn her geschah, nahm er nur wie aus weiter Ferne wahr.

Ein schwerer Planwagen wurde herausgezogen und zwei Pferde vorgespannt.

Lipcat stieg auf den Bock, Coster setzte sich neben ihn. Die anderen hatten ihn, den Gefangenen, auf den Wagen zu zerren und nahmen dann schweigend auf den beiden Seitenbänken Platz.

Dennoch dauerte es eine ganze Weile, bis sich das Gefährt in Bewegung setzte.

Die Morgensonne war aufgegangen und hatte ihren ersten strahlendroten Flammenschein in den Hof geworfen.

Flim, der einen schmalen Ausblick hatte, konnte an den Köpfen von Braddock und Lohmeyer vorbei drüben an der Werkstatttür den greisen Vorarbeiter Joe White stehen sehen.

Als White bemerkte, dass Flim ihn ansah, wandte er sich um und ging in die Werkstatt zurück.

Da endlich waren auf dem Vorbau des Wohnhauses die Schritte des Sägemüllers zu hören.

»Es kann losgehen!«, rief er Lipcat zu, während er sich auf seine Fuchsstute schwang.

Der schwere Planwagen rumpelte aus dem Hof über den schmalen Abzweiger auf die Overlandstraße zu.

Flim wusste nicht, wohin es ging.

Da der Wagen sich nur langsam vorwärtsbewegte, kamen sie nur wenig vom Fleck.

Sie mochten etwa sieben oder acht Meilen zurückgelegt haben, als Flim rechts und links von der Straße Häuser gewahrte und bald auch schon die Geräusche wahrnahm, die typisch für eine kleine Stadt waren. Kindergeschrei, Hundegebell, Torgeknarre und dergleichen mehr. Auf den Vorbauten schwirrten Frauenstimmen, und irgendwo schrillte eine kleine Glocke.

Es war sicher keine sehr große Stadt, denn als der Wagen haltmachte, hatten sie höchstens zwanzig Häuser auf beiden Straßenseiten hinter sich gebracht. Und Flim hatte das sichere Gefühl, dass sie vorm Sheriff-Office hielten, das ja zumeist inmitten der Städte lag.

Er hatte sich nicht getäuscht. Denn als er vom Wagen gezerrt wurde, sah er vor einem zweigeschossigen schmalen Holzbau ein verwittertes Schild mit der Aufschrift SHERIFF in die Straße hinausragen.

Er wurde auf den Vorbau geführt, und da stieß Lipcat eine Tür auf.

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