Wyatt Earp 231 – WesternText

Aus der Reihe: Wyatt Earp #231
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Wyatt Earp – 231 –

Flammendrote Abendsonne hatte die graubraune Kistenholzstadt am Südrand Colorados mit einem purpurnen Lichtschein überzogen.

In den Straßen herrschte das Leben, das um diese Stunde voll entfaltet wurde.

Von Norden her kamen schwere, vollgeladene Prärieschooner in die Main Street und machten vor dem alten Büffeljäger-Saloon halt. Auch von Süden her über die große Straße, die von Raton heraufführte, kamen Fahrzeuge in die Stadt.

Es war am Wochenende.

Während sich in der Mitte der Main Street vor der City Hall eine große Menschenmenge ansammelte, um den Ausgang des Garland-Prozesses zu erleben, war es unten am Ende der kleinen Hatford Street doch verhältnismäßig ruhig. Im Obergeschoss des alten Boarding­house lag in einem der drei Zimmer, die nach Süden hinausführten, ein Mann mit bleichem Gesicht auf seinem Lager.

Es war Doc Holliday.

Er war völlig angekleidet und blickte durch das offene Fenster nach Süden in die Savanne hinaus.

Wie oft schon hatte er bedauert, dass es kein Zimmer war, das einen Blick nach Osten gab. Dabei war ihm der Osten niemals angenehm gewesen. Auch hatte man nur die Morgensonne. Viel lieber hatte er stets den Westen gehabt und sich immer gern in den Sattel gezogen, wenn es westwärts ging. Aber diesmal lag Dodge City im Osten. Und eine merkwürdige Sehnsucht zog ihn auf einmal dorthin.

Er hatte das dumpfe Gefühl in der Magengrube, dass er die Stadt nicht mehr erreichen würde.

Im Hintergrund des Raumes lehnte neben der Tür ein hochgewachsener, herkulischer Mann mit tiefbraunem Gesicht und blauen Augen, die von einem dichten Wimpernkranz umgeben wurden. Er trug einen breitrandigen schwarzen Hut, ein rotes Hemd und eine schwarze Lederweste. Um seine Hüften hatte er einen patronengespickten schwarzen büffelledernen Gurt geschnallt, der an beiden Seiten je einen schweren schwarzknäufigen Revolver vom Kaliber 45 hielt. Die Waffe an der linken Seite musste einen besonders langen Lauf haben, und der Kenner hätte in ihr einen jener seltenen Revolver vom Fabrikat Bunt­line-Special erkennen können.

Dieser Mann war niemand anders als Wyatt Earp.

Seit vier Tagen schon lag Doc Holliday hier oben in der kleinen Dachkammer und rang mit der boshaften Krankheit, die in seiner Brust wühlte.

Sie hätte ihn längst schon niederreißen müssen, die unheilbare Seuche, die ihn damals im fernen Boston angesprungen hatte, als er noch der junge Doktor John Henry Holliday war, der eine aufsehenerregende Karriere als Arzt begonnen hatte.

Eine unvorstellbar zähe Natur besaß er, dieser Mann, der hier im Westen unter dem Namen Doc Holliday eine zweite Karriere begonnen hatte, ein zweites Leben. Ein Leben aber, das ständig überschattet war von dem drohenden Tod, der ihn ständig begleitete.

Als der Marshal am späten Nachmittag das Zimmer des Gefährten aufgesucht hatte, um nach den möglichen Wünschen des so sehr anspruchslosen Mannes zu fragen, hatte er ihn zu seiner Verwunderung völlig angekleidet auf dem Lager vorgefunden.

Wyatt hatte nichts gefragt. Als Holliday nichts gesagt hatte, war er an der Tür stehengeblieben und hatte mit ihm zusammen beobachtet, wie sich das Sonnenlicht langsam vom flammenden orangefarbenen Schein in den purpurnen Ton verfärbte.

»Der Frühling kann nicht mehr weit sein von Colorado«, ließ sich da die leise, spröde, immer wie flirrendes Glas klingende Stimme des Georgiers vernehmen.

»Ja, er wird bald hier sein«, versetzte der Mann, der an der Tür stand.

Da richtete sich der Mann auf dem Lager auf die Ellbogen auf, nahm dann die Beine vom Bett herunter und zog die Zeitung vom Fußende, auf die er die Stiefel gelegt hatte, an sich, faltete sie sorgfältig zusammen und legte sie auf den Nachttisch. Dann richtete er sich auf und stand am Fenster.

Wyatt sah die Konturen des Freundes scharf gegen den roten Abendschein im Fensterviereck.

Und plötzlich hörte er die Stimme des Georgiers.

»Wann reiten wir?«

»Wenn es Ihnen bessergeht«, entgegnete der Marshal.

»Well, es geht mir besser.«

»Ja, aber ich würde doch lieber noch ein paar Tage warten, Doc. Wir haben es doch nicht so eilig.«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Holliday, »ich habe das Gefühl, dass wir es sehr eilig haben. Und zwar habe ich es seit gestern. Ich weiß selbst nicht, weshalb.«

»Sie wollen nach Dodge City?«

»Ja, und doch glaube ich, dass ich nicht ostwärts reiten werde, wenn ich in den Sattel gestiegen bin.«

»Ich wollte Ihnen gestern schon etwas sagen, Doc, und zwar, dass wir noch einen kleinen Abstecher machen werden. Wir werden von hier aus nicht hinüber nach Kansas reiten, sondern die Bahn nehmen, die schon oben in Walsenburg Anschluss hat. Wir können fast bis Pueblo fahren. Von da nach Colorado Springs fährt eine Schnellpost und von dort nach Denver haben wir wieder die Bahn.«

»Und dann reiten wir westwärts«, sagte Holliday in das Abendrot hinaus, »hinüber in die Berge, und dann nach Glenwood Springs. Ich werde im kühlen Park des Windhill Hotels unter den schattigen Ulmen und Plantanen sitzen und zu den grünen Bergen hinaufschauen. Es wird sehr schön und erholsam – und sehr einsam sein.«

»Ich werde Sie begleiten«, hörte da Holliday die gepresste Stimme des Freundes hinter sich.

Er wandte sich um, und plötzlich fiel seine Lache klirrend und ein wenig spöttisch wie immer in den kleinen Raum:

»Nein, Wyatt Earp, wir werden das alles nicht tun.«

»Sondern?«

»Sondern wir werden das tun, was näher liegt.«

»Was liegt denn näher?«, fragte der Missourier.

»Ich weiß es noch nicht«, entgegnete Doc Holliday.

Wyatt suchte sein Gesicht gegen das immer dunkler werdende purpurne Rot der Prärie erkennen zu können.

»Ich weiß es noch nicht«, wiederholte Doc Holliday leise, »aber ich werde es von Ihnen erfahren.«

»Von mir?«, entgegnete der Missourier verdutzt.

»Ja, von Ihnen. Es ist da etwas seit gestern, das Sie bedrückt.«

Da löste sich die Gestalt des Marshals von der Wand, und mit ein paar Schritten hatte er den kleinen Raum durchmessen und stand vor dem Gefährten.

»Wie geht es Ihnen, Doc?«

»Thanks, Sie wissen es ja.«

»Ich weiß, dass es Ihnen nicht gut geht.«

»Es kommt ganz darauf an«, entgegnete Holliday, »was anliegt.«

Da schüttelte der Missourier den Kopf.

»Nein, wir werden warten, Doc.«

Eine Minute kroch auf Schneckenfüßen durch den dämmerigen Raum.

Dann fragte der Spieler mit verhaltener Stimme:

»Was ist geschehen, Marshal?«

Wyatt blickte an dem Gefährten vorbei hinaus in die Savanne.

Es hatte ja doch keinen Zweck. Er musste es ihm sagen, zu sehr bedrängte es ihn.

Und da war wieder die Stimme des Georgiers:

»Clay Allison?«

Wyatt musste jetzt doch erleichtert lächeln.

»Nein, Gott sei Dank nicht.«

Er sah, dass sich die Brust des Gefährten hob und senkte. Also atmete auch er auf. Nichts Schlimmeres hätte geschehen können, als dass der gefährliche Desperado, der im Südwesten von Trinidad an der Grenze nach New Mexico in der kleinen Stadt La Punta saß, sich bemerkbar gemacht haben könnte. Noch befanden sie sich in seinem County, in seinem Reich.

»Es ist etwas mit Spittkey geschehen«, sagte der Marshal leise.

»Er ist ausgebrochen, nicht wahr?«

»Yeah, und – nachdem er die beiden Staatenreiter getötet hat – geflüchtet.«

Holliday nagte an seiner Unterlippe. Dann zog er seine goldene Uhr aus der Westentasche, ließ den Deckel aufspringen und lauschte dem Läutwerk.

»Und – weiter?«

Wyatt hätte am liebsten die Hand gereicht, weil er wieder mal feststellen musste, dass der Freund über ein ganz außerordentliches Feingefühl verfügte.

»Ja, es ist noch nicht zu Ende, Doc. Er war auf der Maxwell-Ranch.«

Hollidays Kopf flog herum. Seine Augen waren groß und dunkel.

Aber er sagte nichts.

Da berichtete der Missourier weiter:

»Er hat das Mädchen entführt.«

»Juana?«

Der Marshal nickte.

Wieder war es eine volle Minute still in dem kleinen Raum.

Hollidays Gedanken flogen hin und her.

Der Rustler Rip Spittkey, dem sie die Hölle von Tigerhoo zu verdanken hatten, war in Weston zu siebenjähriger Zwangslagerhaft verurteilt worden und hatte seine beiden Bedränger also ausgelöscht und war entkommen. Dazu hatte er die eiskalte Stirn besessen und auf der Maxwell-Ranch, von der er das Vieh gestohlen hatte, die Rancherstochter weggeholt.

»Wie lange ist es her?«

»Ich weiß es nicht genau«, entgegnete der Marshal. »Zwei, höchstens drei Tage.«

Wieder war es still.

Weshalb musste immer alles bei ihnen münden, bei ihnen hängenbleiben? Weshalb drängte sich alles an den Mann heran, der doch auch nur einen fünfzackigen silbernen Stern trug und seit mehr als anderthalb Jahrzehnten so sehr viel für den Vormarsch des Gesetzes in diesem wilden Lande getan hatte?

Weshalb fanden alle diese Dinge wie Magnetnadeln zu seiner Person?

Holliday wandte sich jetzt um und blickte neben dem Marshal hinaus in die Prärie.

Dann sagte er leise:

»Sie haben doch wirklich den großartigsten Job erwischt, Marshal, von dem ich jemals gehört habe. Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht stimmt.«

Es war wieder einen Moment still. Und dann schlug nebenan im Hof ein kleiner Hund an.

Eine Frau kam aus dem Nachbarhaus und trug ein Blech, auf dem flache Maiskuchen dampften.

 

»Ein großartiger Job«, sagte Doc Holliday wieder. »Ich möchte bloß wissen, womit Sie das verdient haben.«

»Ich?«, entgegnete der Missourier. »Ich möchte viel eher wissen, womit Sie sich das verdient haben, Doc. Sie haben mehr als genug getan, um mir zu helfen. Sie sind nicht gesund und müssten sich erholen. Ich erwarte jetzt, dass Sie hinauf nach Colorado fahren. Ich werde nachkommen, wenn ich das hier erledigt habe.«

Wieder perlte die spöttische Lache von den Lippen des Georgiers.

»Ja, wenn Sie das hier erledigt haben. Ich muss doch sagen, dass der Weg nach Dodge City ziemlich weit geworden ist, Wyatt.«

Wieder lauschte er dem Läutwerk der Uhr, klappte dann den goldenen Deckel zu und schob sie in die Tasche zurück.

»Also gehen wir.«

Wyatt schüttelte den Kopf.

»Nein, Doc, diesmal werde ich allein reiten. Ich weiß, dass ich es allein tun muss, weil ich nicht verantworten kann, dass Sie mich noch einmal begleiten. Ich verspreche Ihnen, dass ich sofort nach Glenwood Springs hinaufkommen werde, wenn ich es hinter mich gebracht habe.«

In diesem Augenblick fiel unten in der Gasse irgendwo ein Schuss.

Sein Echo brach sich an den Häuserwänden.

Und dann erscholl ein röhrender Schrei, der ebenfalls ein vielfaches Echo nach sich zog.

Harter Hufschlag dröhnte durch die steinige Gasse, und dann preschte ein Reiter unten an der Häuserfront vorbei.

Sie können den Reiter vom Fenster beobachten, sehen, wie er in die offene Prärie hinausflüchten will.

Plötzlich aber stoppt er, reißt sein Pferd auf der Hinterhand herum und prescht wieder auf die Häuser zu.

Die beiden Westmänner haben den Grund dafür sofort begriffen.

Rechts und links an den Häuserfronten sind Reiter aufgetaucht, die ebenfalls jetzt in die Savanne hinausjagen.

Der Reiter hält schnurgerade auf das Haus zu, in dem die beiden Dodger am Fenster stehen.

Wyatt verlässt das Zimmer und geht hinunter in den Hof.

In dem Augenblick, in dem der Reiter das Tor erreicht hat, öffnet der Marshal es, lässt ihn herein und schließt es sofort wieder hinter ihm, um den Balken vorzuwerfen.

Der Mann ist sofort aus dem Sattel gerutscht und steht vor ihm.

Es ist ein großer Mensch mit blondem Haar und hagerem Gesicht. Er trägt die Kleidung eines Cowboys.

Sekundenlang stehen die beiden schweigend voreinander.

Plötzlich glaubt der Marshal begriffen zu haben.

Seit dem frühen Nachmittag war oben in der Stadt der Prozess gegen Kid Garland im Gange. Er hatte sich nicht weiter darum gekümmert, sondern nur im Vorbeigehen gehört, dass der Cowboy Kid Garland wegen eines Mordes vor Gericht stand.

Und dieser Mensch hatte mit dem Prozess zu tun.

Plötzlich nahm er seinen Hut und schleuderte ihn von sich.

»Kid ist unschuldig«, stieß er hervor.

»Und wer sind Sie?«, fragte der Mar­shal.

»Ich bin sein Bruder.«

»Und wo ist Kid?«

»Weg.«

»Sie haben ihn also befreit.«

Der Mann hob den Kopf und suchte im dämmernden Abendlicht das Gesicht des Missouriers deutlicher zu erkennen.

»Ja, ich habe ihn befreit, und ich habe es getan, weil er unschuldig ist. Ich war dabei, als Hal Everett den Revolver zog. Es stimmt schon, er war nicht schnell genug für Kid, aber die Kugel kam nicht von vorn, sondern von hinten, und darauf schwöre ich einen Eid. Es ist einer der anderen Burschen gewesen, die dabei waren, wenn nicht am Ende gar ­Bruce selbst …«

Es war einen Augenblick still. Dann sagte der Mann:

»Ich bin Ferry Garland. Mein Vater und ich haben den Prozeß beobachtet. Als mein Vater hinausging, um sich auf sein Pferd zu ziehen, sagte er: ›Du holst ihn heraus.‹ Und das war ein Befehl.«

»Auch sein Vater kann nicht den Befehl geben, gegen das Gesetz zu verstoßen.«

»Er hat mir nicht den Befehl gegeben, gegen das Gesetz zu verstoßen, Mister. Er hat mir nur den Befehl gegeben, dem Gesetz etwas nachzuhelfen. Denn das, was da geschehen ist, war ein himmelschreiendes Unrecht. Richter Martinez, diese kleine satanische Wanze, hat die Verhandlung in einer Weise geführt, die unglaublich ist.«

»Aber wenn ein Mann zum Tode verurteilt wird, dann tut das meistens ein Richter nicht allein. Vor allem nicht in einer Stadt, die so groß ist wie dieses Trinidad. Ich nehme an, dass also auch Geschworene dabei waren.«

»Weshalb nicht Freunde von Hal Everett?«, wollte der Missourier wissen.

»Weil Everett ein Freund meines Bruders war.«

»Die Sache ist ziemlich kompliziert, Mr Garland.«

»Ja, es sieht so aus.Aber es ist nicht so. Mein Bruder war von Jugend an mit Hal Everett befreundet. Die Everett-Ranch liegt nicht weit von unserer Ranch entfernt. Die beiden hatten in dem Graham-Salon gepokert, und eine Menge Leute standen herum. Kid ist ein ausgezeichneter Spieler und Hal war ihm ebenbürtig. Es war immer spannend, wenn die beiden ihren Double-Poker hinlegten.«

»Und was war sonst noch?«, fragte der Marshal.

Ferry fuhr sich durch sein strähniges blondes Haar.

»Nichts sonst.«

»Kein Girl?«

Verblüfft starrte der Cowboy den Missourier an.

»Wie kommen Sie denn auf Mae?«

»Aha, dachte ich’s doch«, versetzte der Missourier. »Also ein Girl.«

In diesem Augenblick waren draußen vorm Hof Schritte und Stimmen zu hören. Harter Hufschlag kam heran.

Der Cowboy griff nach seinem Revolver.

Aber der Missourier schüttelte den Kopf und legte seine Linke mit hartem Griff auf die rechte Hand des Cattleman.

Ferry starrte ihn an und presste die Zähne aufeinander.

»Ich denke nicht daran, mich greifen zu lassen. Kid ist unschuldig.«

»Ist Kid denn in Sicherheit?«

»Darauf können Sie sich verlassen. Er ist in Sicherheit – und er ist unschuldig!«

Wyatt fuhr sich mit dem Daumennagel der Linken gedankenvoll über die Unterlippe und fragte dann:

»Und wer hatte mehr Glück bei Mae?«

Da senkte der Cowboy den Kopf.

»Ich glaube, Hal Everett.«

»Glauben Sie es oder sind Sie sicher?«

»Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube es.«

»Und weiter? Wie ist es mit Bruce? War er auch an Mae interessiert?«

Überraschung stand in den Augen des Cowboys.

»Damned! Daran habe ich noch gar nicht gedacht. In der Tat. Und wie scharf war er auf sie. Ich weiß es genau. Dass keiner darauf gekommen ist.«

In diesem Augenblick wurde heftig an das Tor gepocht.

Wieder griff der Cowboy nach seinem Revolver.

Aber der Missourier winkte ab, wies mit dem Kopf zum Haus.

Das Pferd trieb er in den Türwinkel und öffnete dann das Tor.

Vor ihm standen drei Männer.

Einer von ihnen war der Sheriff.

Als er sah, wer da stand, tippte er nur grüßend an den Hut und meinte:

»Oh, Sie sind hier, ich wollte Sie nicht stören. Es ist nur – Kid Garland ist geflüchtet. Das heißt, er ist entführt worden. Sie wissen doch, der Bursche, der heute vor Gericht stand. Es war eine Mordsache. Sein Bruder hat ihn entführt. Aber wie das Ganze abgerollt ist, weiß keiner genau. Es ging so schnell, dass es niemand mitbekommen hat. Jedenfalls ist Ferry Garland hier durch die Gasse geritten und müsste hier irgendwo in der Nähe sein.«

»Aha«, sagte der Missourier nur.

»Well, Leute«, meinte der Sheriff dann, während er wieder grüßend an den Hutrand tippte, »wir wollen weitergehen.« Und an den Missourier gewandt, sagte er noch:

»Ich wäre froh, wenn ich wegen der anderen Sache noch mit Ihnen sprechen könnte.«

»Ja, vielleicht«, sagte der Missourier.

Der Sheriff ging mit seinen beiden Leuten zum nächsten Hof.

Als der Missourier sich umblickte, war Ferry Garland verschwunden.

Wyatt ging ins Haus und fand ihn im Korridor am Treppenaufgang stehen.

»Hier auf der Treppe steht jemand«, sagte er.

»Das ist möglich«, entgegnete der Missourier.

»Was soll der Mann?«

»Vielleicht fragen Sie ihn einmal.«

Da kam die leise spöttische Lache des Spielers aus dem Dunkel des Treppenflures. Seine weiße Hemdbrust schimmerte etwas im matten Abendlicht, das den Hausgang kaum erhellte.

»Darf ich Ihnen einen neuen Bekannten vorstellen, Doc«, sagte der Missourier. »Es ist Ferry Garland. Er hat soeben seinen Bruder, der wegen Mordes zum Tode verurteilt war, aus der City Hall befreit.«

»Interessant«, entgegnete Doc Holliday und kam langsam herunter, um vor Garland stehenzubleiben.

Garland blickte von einem zum anderen. Dann sagte er mit belegter Stimme zu dem Missourier:

»Wer sind Sie? Ich habe Sie schon irgendwo gesehen. Und der Ton, mit dem der Sheriff Sie ansprach, lässt mich vermuten, dass Sie – sind Sie etwa ein Staatenreiter?«

»Ich bin Wyatt Earp«, sagte der Mar­shal.

Garland schnellte einen Schritt zurück. Dann spreizte er die Beine und stieß den Kopf vor:

»Wyatt Earp! Ich bin also vom Regen direkt in die Traufe geraten.«

»Ich würde sagen, unter Umgehung der Traufe direkt in den Tümpel«, spöttelte der Georgier, während er langsam zur Hoftür ging und auf deren Schwelle stehenblieb.

Es war still im Hausgang. Und es war das Glück des Cowboys, dass die anderen Zimmer alle unbewohnt und die ­Boardinghouseinhaber steinalte und taube Leute waren.

»Wie wär’s, Ferry Garland«, ließ sich da der Missourier vernehmen, »wenn Sie mir jetzt die Geschichte genauer erzählen würden.«

»Ich habe sie Ihnen erzählt.«

»Nicht ganz.«

Dann begann Ferry Garland die Geschichte seines Bruders und dessen Liebe zu der hübschen Mae Westerland und berichtete von dem jungen dunkelhäutigen Hal Everett, den er in der Gunst der hübschen Rancherstochter glaubte. Mae Westerlands Vater hatte die größte Ranch in der Umgebung. Es war von seiten Kid Garlands jedoch keineswegs die Absicht, durch eine Heirat in den Besitz der großen Ranch zu kommen, denn Kid war ohnehin der Ältere der beiden Garland-Brothers und hätte sowieso die Ranch seines Vaters geerbt, wohingegen Hal Everett der dritte von drei Brüdern war. Jack, der Älteste, würde die Ranch erben, und sein Bruder Duke war seit längerer Zeit schon nicht mehr im County.

Ferry Garland berichtete von dem eintönigen Leben auf der Ranch, von den wenigen Besuchen in der Stadt, und erneut kam er auf den Abend zu sprechen, an dem es geschehen war.

Es war genau das, was er dem Marshal schon gesagt hatte. Es war alles so schnell gegangen, dass niemand richtig begriff, wie es eigentlich geschehen war.

Aber er, Ferry, hatte dabeigestanden und genau gesehen, dass Hal in den Rücken getroffen worden war.

Es war einen Augenblick still nach diesem Bericht.

Dann wandte der Spieler, der immer noch auf der Türschwelle zum Hof stand, den Kopf und sagte in den Korridor hinein:

»Wo liegt Hal Everett?«

»Auf dem Graveyard«, brachte der Cowboy heiser hervor. Dann sah er den Marshal an und meinte mit unterdrückter Stimme:

»Ist er etwa – Doc Holliday?«

Der Marshal nickte.

Wyatt hatte schon begriffen, was der Spieler meinte.

»Ja, er liegt auf dem Graveyard«, sagte der Cowboy noch einmal. »Es ist das zweite Grab in der vorletzten Reihe. Der Grabhügel ist noch frisch. Meine Mutter hat Blumen hingebracht, und als sie den Friedhof verlassen wollte, haben ihr die Westerlands und auch Jack Everett Flüche nachgerufen.«

»Die Westerlands sind also auch davon überzeugt, dass Ihr Bruder Hal Everett ermordet hat?«, wollte der Marshal wissen.

»Natürlich. Jetzt muss es doch so sein, wo auch der Reiter und die Geschworenen dieser Ansicht waren.«

»Und wie ist es Ihnen gelungen, Ihren Bruder zu befreien?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Marshal – weil es auch gegen das Gesetz verstößt, wie Sie sagen.«

»Also haben Sie es zusammen mit Ihrem Vater getan.«

Der Cowboy senkte den Kopf.

»Well«, sagte der Missourier. »Sie bleiben hier im Haus, und falls Sie auf den Gedanken kommen sollten, sich während meiner Abwesenheit selbstständig zu machen, so haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben.«

Der Cowboy blickte ihn schweigend an.

Wyatt ging hinaus.

Als er in die Main Street kam, sah er, wie der Sheriff gerade in seinem Office verschwand.

Er folgte ihm.

»Etwas Neues?«

Sheriff Tucker schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nichts. Es muss dem Burschen also gelungen sein, ebenso spurlos zu verschwinden, wie sein Bruder. Ich möchte bloß wissen, woher die Garlands plötzlich das Talent haben, sich unsichtbar zu machen.«

»Das haben sie sicher nicht«, entgegnete der Marshal, um dann zu fragen:

»Kennen Sie den Mann, der gegen Kid Garland ausgesagt hat?«

»Der wichtige Zeuge war zweifellos Bruce«, versetzte der Sheriff. »Auf seine Aussage hin wurde Kid ja erst verurteilt.«

»Ist dieser Bruce noch in der Stadt?«

»Ja«, meinte der Sheriff, »er ist jetzt drüben in Ben Grahams Saloon.«

Der Marshal hatte den Kopf gewandt und blickte auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo jetzt aus einer Schenke der Lichtschein auf die dunkelnde Straße fiel.

»Und der Richter? Ist er auch noch hier?«

»Ja, der ist auch drüben.«

»Kennen Sie eigentlich die Westerlands?«, erkundigte sich der Marshal.

Überrascht blickte der Sheriff auf.

»Natürlich. Bill Westerland hat eine große Ranch hier in der Gegend. Es ist die größte im westlichen Bezirk des Countys.«

»Ist vor Gericht davon gesprochen worden, dass Hal Everett und Kid Garland in Mae Westerland verliebt waren?«

»Nein, das nicht.«

»Wusste der Richter also nichts davon?«

»Es kann sein, aber ich weiß es nicht. Jedenfalls haben sie auch nicht davon gesprochen.«

»Die Geschworenen wussten auch nichts davon?«

»Nein.«

»Wer waren die Geschworenen?«

Der Sheriff runzelte die Stirn.

»Da war Pete Gerrit, er hat hier in der Stadt einen Store, dann war der Walter Malcolm, es ist ein ehemaliger Offizier, der in der Stadt in hohem Ansehen steht –« Der Sheriff brach ab und fuhr sich mit dem Mittelfinger der rechten Hand durch sein kragenloses Hemd.

»Und der dritte Geschworene?«, erkundigte sich der Missourier.

»Das war Bill Westerland.«

»Aha«, sagte der Marshal nur.

»Wieso?«, meinte der Sheriff verblüfft. »Sie glauben doch nicht, dass die Geschworenen nicht in Ordnung waren?«

»Das will ich nicht behaupten. Es ist für mich nur interessant, dass der Rancher Westerland unter den Geschworenen war. Wenn ich recht vermute, hatte er die gewichtigste Stimme dabei.«

»Nun ja, er ist ein steinreicher Mann, und die Leute in der Stadt achten und ehren ihn.«

Wortlos ging der Missourier hinaus, überquerte die Straße und tauchte gleich darauf drüben im Eingang der Bar auf.

Als er den einzelnen Schwingarm aufgestoßen hatte, sah er zu seiner Verblüffung Doc Holliday drüben am Stirnende der Theke stehen.

Er betrat den Schankraum, und während er auf die Theke zuging, sah er einen großen dunkelhaarigen Mann an der Theke stehen, der wortreich von der Verhandlung berichtete.

Noch ehe der Marshal die Theke erreicht hatte, hörte er, wie ein anderer ihn beim Namen nannte, und sagte:

»Es ist ganz klar, Bruce, dass der Mörder gesucht und gegriffen wird.«

Das also war Bruce!

Als der Marshal die Theke erreicht hatte, sah er, wie Doc Holliday etwas in den Staub schrieb, der hier das Thekenende bedeckte.

Die Räume in den Häusern der Westernstädte waren immer sehr staubig, da die Straßen staubig waren und die Fenster meist offenstanden. Die Frauen hatten mit dem Staubwischen ihre liebe Not, und deshalb war das auch eine Beschäftigung, eine Arbeit, die man die Frauen unentwegt verrichten sah.

Wyatt folgte dem rechten Zeigefinger des Georgiers und sah, wie er den Namen Bruce schrieb, wie er dann zu einem A ansetzte, und dann musste der Missourier zu seiner Verblüffung lesen, dass Doc Holiday den Namen Allison schrieb.

Bruce Allison!

Der Mann hieß also Bruce mit Vornamen und sein Nachname war Allison.

Die Wirkung auf den Marshal war nicht eben gering.

Sofort wandte er sich um und ging hinaus.

Doc Holliday folgte ihm.

Schweigend standen sie auf dem Vorbau nebeneinander.

Dann sagte der Marshal:

»Ich weiß nur von vier Allisons. Und einer davon ist tot.«

»Ja, einer ist tot, und damit wären es nur noch drei. Clay, Jonny und Mat. – Aber das sind nur die aus der Familie, die wir kennen. Aber da Unkraut gewöhnlich ziemlich üppig wuchert, ist stark zu vermuten, dass es noch mehr von der Sippe gibt.«

»Sie halten es also für möglich, dass es ein Verwandter Clays ist?«

»Leider.«

»Trotzdem muss ich mit ihm sprechen«, entgegnete der Missourier.

»Natürlich«, entgegnete Holliday. »Ich wollte es Ihnen nur gesagt haben.«

»Wie sind Sie darauf gekommen?«

»Es war ziemlich einfach.«

Und als er es dann erklärte, musste der Marshal feststellen, dass es absolut nicht einfach war. Drinnen auf der Theke stand einer jener zinnernen Behälter, in denen in einer oben offenen Papiertüte, die langen schwarzen Virginiazigarren steckten, die im Westen gern geraucht wurden. Auf der Rückseite dieses Zigarrenbechers stand ein Briefumschlag, auf dem der Name Bruce Allison stand. Nun hätte Holliday den Umschlag von vorn nicht erkennen können, hatte ihn aber im Thekenspiegel entdeckt.

Ein winziges Lächeln stand in den Augenwinkeln des Missouriers.

»Sie sind ein gefährlicher Mann, Doc«, sagte er, »ich möchte nicht Ihr Gegner sein.«

Damit ging er zurück in die Schenke.

Doc Holliday folgte ihm langsam.

Bruce Allison war ein Mann, der rein äußerlich durchaus an die Allisons aus La Punta erinnerte. Er war dunkelhaarig, hatte dunkle Augen und ein wildes tiefbraunes Gesicht. Auch seine muskulöse Gestalt erinnerte an die Desperados aus La Punta. Er trug ein schreiend gelbes Hemd, eine schwarze Weste und eine schwarze Hose. Sein Halstuch war rot. Also auch die Vorliebe für die grellen Farben teilte er mit den Allisons aus La Punta!

Es wäre dem Marshal nicht sonderlich angenehm gewesen, wenn dieser Mann wirklich mit Clay Allison verwandt war, denn noch hatten die beiden Dodger das ganze Las-Animals-County vor sich. Der Weg nach Dodge City führte durch dieses Land. Und das Land sah in Clay Allison seinen Beherrscher, so unglaublich das auch klingen mag.

Der Missourier hatte in seinem Leben als Sternträger sehr viele Outlaws kennengelernt. Wenn später auch oft behauptet wurde, dass der berühmte Tombstoner Bandenführer Ike Clanton der Gefährlichste seiner Widersacher gewesen sei, so ist das ebenso ein Irrtum wie die Behauptung, es wäre der Gangster Capucine gewesen, oder gar Morton Nugent. Der wirklich größte und gefährlichste Gegner, den Wyatt Earp jemals gehabt hatte, war in der Tat der gefürchtete Brigant aus Colorado: Clay Allison.

Mehrmals schon war der Marshal mit diesem Mann zusammengestoßen. Und seit dem Tage, an dem Ric, Clays jüngster Bruder, in Dodge City bei einem Brand, den er selbst verursacht hatte, ums Leben kam, waren die Allisons seine verschworenen Feinde. Und wenn Wyatt Earp bisher geglaubt hate, dass es nur drei Allisons gegeben hatte, so musste er nach Rics Tod feststellen, dass es immer noch drei Allisons gab. Denn wie aus der Versenkung war plötzlich ein neuer Bruder Clays aufgetaucht: Jonny Allison. Er stand dem großen Clay kaum nach.

Und was das besonders Unangenehme und Gefährliche an Clay Allison war: Er tauchte überall auf. An den entlegensten Orten war er dem Marshal begegnet. Fern unten in Wort Worth und in Dallas, mitten in Texas hatte er ihn getroffen, hier in Colorado, drüben in Dodge City gar war er aufgetaucht, und, was der Marshal nie für möglich gehalten hätte, sogar im entlegenen Tombstone unten an der mexikanischen Grenze war er ihm begegnet.

Kein Wunder, dass er nur mit einem dunklen Unbehagen durch dieses Land hier ritt, in dem Clay Allison daheim war, in dem ihm jeder untertan zu sein schien.

Dennoch war es die Pflicht des Mar­shals, dem Fall nachzugehen, an den er da durch Ferry Garland gekommen war.

Es war gar nicht notwendig, Bruce Allison etwa gar anzusprechen oder anzutippen, denn er hatte den Fremden sofort entdeckt und sprach ihn jetzt mit der auffallend kehligen Stimme an, die den Allisons eigen war und den Marshal fast erschreckte.

»Na, Brother, weshalb sind wir denn vorhin so schnell geflüchtet? Sie wollten doch nicht etwa damit andeuten, dass ich stinke?«

Es war ganz klar, der Mann war ein Krakeeler, der typische Krawallbruder, ganz ähnlich, wie es der junge Richard Allison gewesen war.

Das Bild rundete sich mehr und mehr ab. Es stand für Wyatt fast fest, dass dieser Bruce Allison mit den Allisons aus La Punta verwandt sein musste, und vielleicht nicht einmal entfernt verwandt.

»Ich habe nichts dergleichen andeuten wollen, Mister. Aber wenn Sie gestatten, so möchte ich eine Frage an Sie richten.«

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