TodesGrant

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Höttinger bebte, Gradoneg sowieso.

„Ich hab verdammt noch einmal nicht den Kopf von meiner Frau auf ein Fensterbrett gestellt, sondern ein ganz normales Fleischsackerl von der Türschnalle genommen und unserem Kater gefüttert. Das ist hoffentlich noch ein Unterschied zu einem Schwerverbrechen. Und ich wollte genauso wenig überführt werden, weil ich nichts getan hab. Ich hab einen Kater gefüttert, das ist alles! Das Fleisch hat gestunken, deshalb hat’s mich interessiert, was da drinnen ist. Der Whitey hat es ja nicht einmal gefressen, weil es so gestunken hat. Ich wollte ja nur wissen, von welchem Viech das Fleisch stammt. Sonst nichts! Und wenn ich beim Dr. Randelsberger gestern nicht zufällig einen Termin gehabt hätte, wäre überhaupt nichts passiert. Dann hätte ich alles ins Klo geschmissen.“

„Ins Klo geschmissen!“, äffte Höttinger Gradoneg nach, „genauso läuft es bei euch Kreaturen: Der Mensch ist nichts wert und wird ins Klo geschmissen!“

„Das nehmen Sie sofort zurück!“

Höttinger musste hinter dem Plexiglas ebenso einen Alarmknopf haben. Jedenfalls sprang die Tür ruckartig auf und zwei Justizwachen packten Gradoneg unter den Achseln. Und es war wohl besser so: Gradonegs Puls war schon viel zu hoch, und wer weiß, ob nicht dessen Besitzer jeden Moment auch durch die Decke gegangen wäre.

„Pahhh!“, meinte ein Justizwachebeamter zu Gradoneg und rümpfte angeekelt die Nase, „was ist denn mit dir los?!“

Tja, der Krankenpfleger hatte mit dem Abführmittel recht:

Ein bisschen was kam nach.

Fünf

Ein Schlauch.

Ein enger, enger, enger ... möblierter Schlauch, in welchem man sich wie in einer Schlange fühlte. Mehr war dieses Zimmer, die Zelle, nicht. An einem Ende die Metalltür mit einer Durchreiche, gegenüber das vergitterte Fenster; links an der Wand zwei Betten, rechts ein Tisch mit zwei Klappstühlen; ein Kühlschrank und ein Spind, daneben die Schwingtür zur Toilette. Gradoneg kannte solche Schläuche aus seiner Unizeit in den Studentenheimen.

Sogar den Geruch kannte er: Zu lange getragene Socken, ein vergessener Müllsack, billige und halb vergammelte Convenience-Produkte, der Dampf aus den Kochtöpfen und der Gestank von der Toilette, einmal im Monat der scharfe Geruch eines Putzmittels.

„Fressen“, „Furzen“ und „Schwitzen“ auf engstem Raum.

Ein Mief, bei dem der Körper eben noch atmete und die Seele gerade nicht erstickte.

Der Typ, sein Zellenkollege, kauerte im Bett am Fenster. Starrte stumm die Wand an, zeigte Gradoneg nur den Rücken. Selbstbewusst wie ein Löwe, dem man nichts anhaben konnte. Das Revier war also abgesteckt. Gradoneg kippte ins Bett neben der Tür. Müde, abgekämpft und frustriert. Hungrig, depressiv und seiner letzten Illusionen beraubt. Allerdings auch um eine brutale Erkenntnis reicher: Es existierte zweifelsfrei eine Laboranalyse, mit der sich alle seine Hoffnungen wie in Salzsäure auflösten. Die ersten Gewebeproben und DNA-Analysen des Faschierten, das er Dr. Randelsberger übergeben hatte, wiesen auf ein menschliches Gehirn hin. Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, wie der Richter vorhin beim Verhör meinte. Ja, Gradoneg hatte es selbst zu Hause von einem Katzenteller gekratzt und höchstpersönlich ins Labor der Universität für Bodenkultur Wien gebracht. Er war der Überbringer seines eigenen Unglücks, und Dr. Randelsberger servierte nun dem LKA Wien ein Gutachten, wie es ein solches in der österreichischen Kriminalgeschichte noch nie gegeben hatte. Mit dieser Indizienkette würde man Gradoneg im Handumdrehen an einen Galgen knüpfen.

Und was hatte er darauf zu antworten?

Nichts als ein lächerliches Geschwätz von anonymen Fleischpaketen vor seiner Haustür.

Wie ein Embryo kauerte er im Bett und wusste nicht, ob sein Kreislauf verrücktspielte oder das Bettgestell so wackelte.

Er überlegte kurz, sich beim Zellenkollegen vorzustellen. Nein, er war zu müde.

Nach dem Malheur mit dem Abführmittel im Vernehmungszimmer hatte man ihn draußen am Gang in die Gemeinschaftsdusche gesteckt und ihm einen Trainingsanzug aus dem Gefangenenfundus hingeworfen. Rau, viel zu klein und zu eng. Nervös zupfte er an diesem verwaschenen, engen Ding herum. Als hätte man ihm eine Hodenklemme für einen Stier verpasst, der gerade in die Arena getrieben wurde.

„Deutsch …?“, fragte der Typ im Bett am Fenster nach einer Weile, musterte Gradoneg mit einem argwöhnischen Blick. „Du bist doch der Menschenfresser, oder? Mit dem haben sie mir vorhin gedroht … Einen österreichischen Hannibal Lecter, der auf ‚Hirn mit Ei‘ steht.“

Gradoneg schwieg. Diesen Dummschwätzer brauchte er noch.

„Jetzt wollen sie mich halt mit dir fertigmachen, diese Arschlöcher …“, sprach Gradonegs Gegenüber noch immer mehr mit der Wand als mit ihm. „Wenn’s ihnen schon nicht mit einem Dschihadisten gelingt, dann probieren sie’s eben mit einem Kannibalen.

Eigentlich sind die gar nicht so brutal, die Dschihadisten. Hab schon zwei ausgehalten. Ohne Macheten sind das eh alles harmlose Zwergerl. Beten halt den ganzen Tag … aber in Schwechat beim Flughafen zerreißt es einem ja auch das Trommelfell vor lauter Lärm. Gibt Schlimmeres da im Häfen. Die lassen wenigstens deinen Kühlschrank in Frieden … alles vom Schwein zumindest. Du musst nur bei der Wurst aufpassen, dass die immer vom Schwein ist … so wie die Frankfurter. Gut, ein Schaf rühr ich sowieso nicht an. Ich … also, was ich mein, ist, wir … wir beide werden uns schon vertragen, oder?

Ich schmeck bestimmt nicht und außerdem hab ich Krampfadern. Ich fall über niemanden her, verstehst

du …? Und wenn … wenn du genauso einer bist, kann jeder von uns in der Nacht die Augen zumachen und in der Früh wachen wir dann wieder mit allen Gliedmaßen auf. Das wär eine wichtige Regel … Verstehst eh, wie ich das mein? Wir bleiben einfach beide am Leben.“

Der Zellengenosse rappelte sich schwerfällig im Bett auf, deutete auf die Tür.

„Ich möcht jedenfalls nicht den roten Knopf dort drücken. Immer nur den grünen … Wenn’s nach mir geht, brauchen wir den roten Knopf nicht.“

Gradoneg schwieg weiter, wandte jedoch seinen Blick zur Tür. Tatsächlich waren dort an der Mauer ein grüner und ein roter Knopf zu sehen.

„Der grüne ist fürs Duschen und Telefonieren …“, meinte der Typ. „Dann holen dich die Wärter ab, falls sie’s hören. Aber für dich ist der grüne eh nur fürs Duschen. Telefonieren kannst du frühestens in zwei Monaten, und selbst dann sind alle Nummern gesperrt. Die Zeitansage, mehr ist am Anfang beim Telefonieren nicht drin. Das programmieren sie gleich am ersten Tag. Sie checken dein Handy und sperren dir dann alle Nummern. Und der rote ist eben für Auszucker und Selbstmorde, dann kommen die Wärter schneller.

Vom roten würd ich gern meine Finger lassen, kapierst du?“

Mit diesem Typen hatte Gradoneg also jetzt schon die Höchststrafe ausgefasst. Da brauchte es keine Gerichtsverhandlung mehr. Eine einzige Nacht mit diesem durchgeknallten Kerl würde schon lebenslänglich bedeuten.

Nicht hinhören, dachte sich Gradoneg. Seine Probleme lagen ja auch ganz woanders als in diesem Bett dort gegenüber und dem unerträglichen Schwachsinn, der sich von dort ausbreitete.

„Wie schmeckt denn eigentlich so ein Mensch?“, ließ der Zellengenosse nicht locker.

„Den Mike Tyson kann ich ja schlecht fragen, und der hat das Ohrwaschl von seinem Gegner sowieso wieder ausgespuckt. Hast eh den Boxkampf damals gesehen?

Angeblich schmeckt ein Mensch wie ein Schwein, nur etwas süßer. Deshalb essen wir ja so gerne Schweinefleisch, weil uns das an unsere Zeit als Kannibalen erinnert. Ich mein, an unsere Vorfahren … Das weiß ich von einer Doku über einen Flugzeugabsturz. Da haben sich die Überlebenden praktisch nur von Toten ernährt und dann so was Ähnliches erzählt.

Na ja … vielleicht haben sie sich dort die Leichenteile nur als Schweinefleisch vorgestellt, damit ihnen nicht schlecht wird. Daran erinnere ich mich nicht mehr so genau. Aber … ich mein, kann man sich so einen Menschen wie ein Beef Tatar ohne Dotter und Gewürze vorstellen? Halt ein Beef Tatar vom Schwein … aber eben ungewürzt?“

Nein, Gradoneg antwortete nicht. Das mit dem ‚Beef Tatar‘ hatte er genau genommen nicht einmal mehr gehört. Längst war er mit den Gedanken wieder bei seinem Fall und der Typ im Bett gegenüber höchstens eine lästige Geräuschkulisse.

Wer könnte ihm dieses Gehirn vor die Tür gelegt haben, grübelte er unentwegt. Ging alle Nachbarn, vom Parterre bis in den letzten Stock, in seinen Gedanken durch. War es dieser dubiose FPÖ-Funktionär von der Türnummer 12, der immer wie ein eitler Gockel durchs Stiegenhaus flatterte und alle Mitbewohner so misstrauisch und militant musterte? Den hatte Gradoneg doch erst vor ein paar Tagen beleidigt.

Wissen Sie eigentlich, dass man euren neuen Führer, den Herbert Kickl, nur eingedeutscht hat?, grinste Gradoneg den FPÖ’ler an – ‚Kickl‘ stammt nämlich aus dem arabischen ‚Karnickel‘.

Natürlich eine saudumme Beleidigung, die sich Gradoneg hätte sparen können. Abgesehen davon, dass er den Wortstamm von ‚Karnickel‘ gar nicht wusste und das ‚Arabische‘ nur erfunden hatte. Der FPÖ’ler hätte allerdings Gradonegs Hemma nicht ständig vorwerfen dürfen, dass die Kleine die Post aus den Briefkästen stehlen würde.

Oder war es die Slowakin aus dem ersten Stock? Die versorgte den Kater doch schon wöchentlich mit Fleisch. Eine gar große und verdächtige Menge für eine alleinstehende Frau. Noch dazu arbeitete sie als Krankenpflegerin und konnte so durchaus in den Besitz eines menschlichen Gehirns gelangt sein. In irgendeiner Tonne mussten ja die Operationsreste von einem Krankenhaus entsorgt werden. War es ein Stück eines entfernten Gehirntumors?

 

Ja, da war er wieder, der ‚Denunziant‘ in Gradoneg. Dieser ‚typische Österreicher‘, für den sich historisch alle schämten und der dennoch mit seinen Anschuldigungen und Mutmaßungen ewig weiterlebte.

Und die Frau Haberzettel, die Nachbarin von nebenan? Eine Hexe, die sich täglich beim ‚Tischerlrücken‘ mit ihrem seit Jahrzehnten verstorbenen Mann unterhielt. Wer weiß, mit welchen okkulten Hirngespinsten sich die alte Dame noch beschäftigte?

Alle seine Nachbarn drehte der ‚Denunziant‘ in Gradoneg durch den Fleischwolf. Selbst den Supermärkten und sämtlichen Lebensmittelgesetzen misstraute er auf der Suche nach dem Übeltäter. Bis nach Großbritannien zur Rinderseuche ins Jahr 1992 trieben ihn seine Gedanken: Hatte man nicht damals die erkrankten Rinder mit Schafshirnen gefüttert? Die Landwirtschaft und der Lebensmittelhandel gleichen ja bisweilen einem Frankenstein-Labor. Was, wenn das menschliche Gehirn vor seiner Tür schlicht und einfach ein Faschiertes aus einem Supermarktregal war? Irgend so ein Fleisch von einem neuen Fütterungs­experiment aus der Massentierhaltung, bei dem die DNA der Tiere plötzlich mutierte und jener eines Menschen entsprach?

Nein, so kam er nicht weiter. Jetzt merkte selbst Gradoneg, dass er vor Verzweiflung und Müdigkeit schon halluzinierte. Alles, was er in diesem Zustand noch schaffte, waren abstruse Vermutungen und Verschwörungstheorien, die keiner Logik standhielten.

Völlig paranoide. Ja, es war gut, dass ihn die Müdigkeit nun endlich davon erlöste und Gradoneg in ihrem schwarzen Meer ertrinken ließ.

***

Plötzlich, mitten in der Nacht, spürte Gradoneg eine Hand. Ein ekelhaftes Tätscheln auf seiner Schulter; danach einen festen Griff, der ihn ins Schlüsselbein zwickte.

Gradoneg riss die Augen auf, schnellte hoch und strampelte sich frei. Genau das hatte er befürchtet; genau so etwas hatte er schon oft gelesen und in amerikanischen Filmen gesehen: Neue Gefangene waren Freiwild, Frischfleisch für ihre Zellengenossen. Und dieser Typ hier in der Zelle schien ohnehin komplett durchgeknallt zu sein. Wer erkundigt sich schon so akribisch nach dem Geschmack von Menschenfleisch?

„Schleich dich!“, strampelte Gradoneg um sich: „Oder ich drück den roten Knopf! Vorher bring ich dich aber um!“

„Spinnst du?!“, sprang der Typ zur Seite, krachte in den Spind gegenüber: „Ich wollt dich ja nur auf eine Tomatencreme-Suppe einladen.“

„Was?!“

„Auf eine Tomatencreme-Suppe!“

„Ich scheiß auf deine Tomatencreme-Suppe!“, schrie Gradoneg und schlug noch immer wie ein wild gewordenes Pferd um sich. Diese widerlichen Berührungen brannten ihm wie Brennnesseln am Körper. Und was konnte denn dieser Typ mit seiner ‚Tomatencreme-Suppe‘ anderes meinen als irgendein Gefängniskürzel für eine sexuelle Handlung?!

Der Wiener Häfenjargon trieb ja die seltsamsten Stilblüten: Was steht denn auf deiner Speisekarte?, fragt man etwa, wenn man sich nach den Delikten und Haftstrafen eines Gefangenen erkundigt.

Raub … Betrug … Missbrauch … Erpressung … Körperverletzung … Mord … das waren die Menüs auf dieser „Speisekarte“. Und bestimmt war mit einer Einladung auf eine ‚Tomatencreme-Suppe‘ ebenfalls nichts Kulinarisches gemeint.

„Ich wollt dir nur die Hand reichen …“, zitterte die Stimme des Typen beleidigt, „… auf ein gutes Zusammenleben halt.“ Er öffnete den Spind, kramte einen halb verrosteten Elektrokocher mit nur einer Kochplatte hervor. Dort hatte er auch seinen Proviant an Packerl­suppen verstaut. „Sogar mein letztes Paar Frankfurter hätt ich reingeschnitten.“

„Du willst wirklich nur eine Suppe kochen?“, beruhigte sich Gradoneg allmählich.

„Was denn sonst …?“

„Gern … ja, bitte, wenn’s eine Suppe ist … da mache ich gern mit“, stammelte Gradoneg.

„Ich bin der Hermann“, stellte der Typ den Kocher am Bett ab und hielt Gradoneg die Hand hin. „Hermann … Hermann Utlaubner.“

„Freut mich, ich bin der Matthias … Matthias Frerk Gradoneg.“

„Doppelnamen merk ich mir nie.“

„Matthias passt schon … ‚Frerk‘ ist eigentlich ein Vorname, mein zweiter.“

„Preis-Leistung sind die am besten …“, wachelte Hermann Utlaubner mit dem Packerl von der Tomatencreme-Suppe vor Gradoneg herum. „Das musst du dir merken … Die funktionieren sogar mit lauwarmem Leitungswasser. Einfach einrühren und das Essen ist fertig. Den Kocher nehm ich nur für die Frankfurter. Wenn du dann ein Konto eingerichtet hast und die Liste herumgeht, musst du dir gleich ein paar davon bestellen.“

„Was meinst du mit einem Konto?“

„Na, zum Einkaufen. Glaubst du, die schenken dir hier was? Ohne Konto und abbuchen geht da überhaupt nichts. Sonst verhungerst du zwischendurch. Die schieben uns um halb zwölf das Mittagessen rein und schmeißen schon um zwei das Lunchpaket für den Abend nach. Und von zwei bis zum Frühstück um sechs dauert es ewig. Eine Tomatencreme-Suppe ist dann eine ideale Abwechslung. Meine Alte hat sich immer auf ihr deppertes Intervallfasten so viel eingebildet … dabei sind wir im Häfen lauter Intervallfaster.“

Gradoneg atmete erleichtert auf; eine Suppe mit Frankfurtern konnte nicht schaden. Platz dafür hatte er genug im Magen.

„Danke für den Tipp.“

„Wir Quoten-Weißen müssen ja zusammenhalten“, zwinkerte ihm Utlaubner verschwörerisch zu: „Ich glaub eh, dass du unschuldig bist. Wahrscheinlich zumindest. Den Hannibal Lecter gibt’s nur im Film. Die suchen sich immer ein paar Quoten-Weiße fürs Gefängnis aus, und jetzt hat’s eben auch dich erwischt. Für ihre Bilanz, verstehst du. Ist umgekehrt zu draußen … Draußen suchen sie sich ein paar Asylanten für die Gemeindewohnung und hier drinnen im Häfen brauchen sie eben uns. Die frisieren mit uns ihre Bilanz … damit sie auch ein paar straffällige Österreicher vorweisen können.“

Keine Frage, auf diesen rassistischen Unsinn hätte es einer klaren Entgegnung von Gradoneg bedurft. Beim Verhör mit dem Richter hatte er sich als Denunziant erwiesen und seine Nachbarn verpfiffen, nun drohte ihm endgültig der moralische Abgesang. War ihm etwa schon eine Packerlsuppe mehr wert als seine Moral? Kam doch das ‚Fressen zuerst‘ und dann erst ‚die Moral‘?, wie Bertolt Brecht einst meinte.

„Falls du ein Raucher bist, Zigaretten hab ich auch … fast noch eine halbe Stange“, war dieser Hermann Utlaubner weiterhin die rassistische Großzügigkeit in Person. „Bin zwar selbst Nichtraucher … aber mir ist lieber, ein Weißer raucht, als irgendein Kameltreiber betet den ganzen Tag.“

„Beten ist immerhin gesünder“, entgegnete Gradoneg halbherzig. „Aber hin und wieder rauche ich gerne eine, danke.“

Ja, die ewige menschliche Frage vom „Fressen“ und der „Moral“ …

Darf man sich mit einem Rassisten ans Lagerfeuer setzen? Darf man dort am Lagerfeuer allen rassistischen Unsinn dieser Welt unwidersprochen runterschlucken, damit man etwas zum Nagen bekam? Hat die Moral zu schweigen, wenn der Magen knurrte und der Hunger schrie? Gradonegs Antwort war einfach und offensichtlich: Er setzte sich an den Tisch und löffelte dankbar die Suppe; wie andere eine Auster, genoss er die rote Sauce mit den aufgesprungenen Frankfurter-Stückchen. Kaute und schlürfte und freute sich über diesen ersten erträglichen Moment in seinem verfluchten, neuen Leben.

Utlaubner beugte sich nach einer Weile ruckartig über den Tisch zu Gradoneg hin. So nahe, dass Gradoneg schon seine Suppe mit dessen Haarschuppen würzen konnte.

„Irgendwann ist bei meinem Essen Rattengift drinnen …“, flüsterte Utlaubner geheimnisvoll. „Ist nur eine Frage der Zeit und sie schicken mir ein Tomatencreme-Packerl mit Rattengift. Oder sie vergiften die Frankfurter. Glaub mir, die bringen mich um, bestimmt … Ich weiß denen einfach zu viel.“

Gradoneg erschrak. Nicht weil er fürchtete, dass er gerade seine letzte Mahlzeit eingenommen hatte, nein, er sah sich in diesem Moment erstmals diesen Hermann Utlaubner genauer an. Und dieses fremde Gesicht da vor ihm erinnerte Gradoneg seltsam und angsteinflößend an sein eigenes. Wie er eines Tages oder gar schon bald aussehen könnte, falls sein Leben im Gefängnis enden würde. Älter und hässlicher, verhärmt und hasserfüllt. Überall Falten, als hätte jemand einen Pflug über die ausgetrocknete Gesichtshaut gezogen; tiefe Ackerrillen um den Hals, bis zum Brustbein runter. Dünnes, fettiges Haar würde ihm am Schädel kleben und kein einziger Funke vom Schalk in seinen Augen wäre mehr lebendig. Und selbst seine Stupsnase würde nur noch eine verdorrte Wurzelknolle sein. Ja, es war seine eigene Zukunft, die ihm da plötzlich gegenübersaß und ihn aus einem zersprungenen Spiegel anstarrte.

„Das mit dem Udo Proksch werden die mir nie verzeihen“, nahm Utlaubner Gradonegs Verwirrung nicht wahr. „Die haben sich gedacht, den Proksch wird niemand mehr ausbuddeln, und sie kommen mit ihren Verbrechen davon.

„Wie bitte …?“, erwachte Gradoneg aus seinem Déjà-vu mit der Zukunft.

„Du kennst doch noch den Udo Proksch, oder?“, fragte Utlaubner.

„Ja, schon … aber wie kommst du jetzt auf den Udo Proksch, der ist doch schon ewig tot?“

„Trottel! Genau das wollen sie uns ja einreden!“, pfauchte Utlaubner und schwang dabei seinen Suppenlöffel durch die Luft, als würde er damit Gradonegs Einwand wie eine lästige Fliege erschlagen. „Die haben damals ja gar nicht den Udo Proksch begraben, sondern bloß die Wahrheit und ihre eigenen Verbrechen. Und mich wollen sie jetzt dazulegen, in ihr verlogenes Grab … wo es nur so vor lauter Lügen und Verbrechern stinkt. Deshalb sitz ich ja seit Monaten in Untersuchungshaft. Die scheißen sich vor der Wahrheit an und wollen mich jetzt vergiften. Ich bin nämlich derjenige, der alles weiß.“

Natürlich ‚kannte‘ Gradoneg Udo Proksch. Wer nicht in seiner Generation?

Bei einem Kartenspiel, also einem „Verbrecher-Quartett“ über die Republik Österreich, wäre diesem Herrn eine Karte sicher. Ebenfalls manch anderem, der bei Udo Prokschs verbrecherischen Spielchen in den 80er-Jahren mitgemischt hatte. Denn dieser Liebling einiger sozialdemokratischer Politiker und angesehener Künstler landete einen ganz besonders blutigen Coup:

Er schickte eine hochversicherte ‚Uranerz-Anlage‘ mit einem Frachter namens Lucona über den Indischen Ozean auf Reisen – und da die hochversicherte ‚Uranerz-Anlage‘ nur ein wertloser Schrotthaufen war, ließ er den Frachter mitsamt den Matrosen im Indischen Ozean versenken. Schließlich ging es hier nicht um läppische Menschenleben, sondern um eine möglichst hohe Versicherungssumme.

Und wie sie dann alle mithalfen, diese hochnotpeinliche Blutlache des Udo Proksch im Indischen Ozean wieder aufzuwischen: Der österreichische Nationalratspräsident und ebenso der Innenminister wischten und schrubbten höchstpersönlich an allen erdenklichen Paragrafen herum, bis sich ihr Freund wieder auf freiem Fuße befand und seine Flucht antreten konnte. Als dann aber diese Politiker das Gesetz doch nicht auf ewig beugen konnten – und besagter Udo Proksch per Interpol gesucht wurde –, ließ sich dieser blutige Schifferlversenker als erster österreichischer Schönheitstourist auf den Philippinen von einem Voodoo-Chirurgen das Gesicht zerschnippseln. Niemand würde ihn mehr erkennen und so auch nicht mehr finden.

Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder, auch in Österreich: Anfang Oktober 1989 landete Udo Proksch freiwillig und überraschend am Flughafen Wien Schwechat und taumelte dort völlig verwirrt seiner Verhaftung entgegen.

Ja, was für ein Jahr – in Berlin fiel die Mauer und in Österreich landete Udo Proksch.

Die Deutschen hatten ihre Freiheit wieder und die Österreicher ihren Oberverbrecher.

Proksch verstarb dann schließlich im Jahr 2001 an Herzversagen in einem Grazer Gefängnis.

Und spätestens dann bekamen wieder alle rechtschaffenen Politiker ihre Ehre zurück:

Der Nationalratspräsident werkte als Ehrenvorsitzender der SPÖ und bekam nach seinem Ableben ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof; der ehemalige Innenminister freute sich über die Ehrenpräsidentschaft im größten Pensionistenverband. Und Prokschs Künstlerfreunde durften freilich auch fleißig weitermoralisieren – und belehren bis heute die österreichische Gesellschaft.

Ja, Gradoneg kannte diese ehrenvolle Geschichte. Was aber hatte Udo Proksch Jahrzehnte später in einer Zelle in der Justizanstalt Josefstadt zu suchen.

Utlaubner beugte sich noch weiter über den Tisch, wurde noch geheimnisvoller.

„Ich hab den damaligen Anwalt vom Proksch getroffen …“, säuselte er in Gradonegs Teller, wo die rote Tomaten-Cremesuppe bereits so seicht war wie der Neusiedlersee nach einem Hitzesommer. „Ich mein, nicht den berühmten, der hinterher in allen Medien war. Ich mein, einen anderen, einen jungen Anwalt …, den sie damals zuerst in seine Zelle geschickt haben. Verstehst du, die waren sich alle ihrer Sache so sicher, dass sie zuerst einen jungen Anwaltswurschtel hingeschickt haben“, flüsterte Utlaubner sein Geheimnis weiter.

 

„Und weißt du, was der mir erzählt hat, dieser Anwalt? Rat einmal …!“

Mehr als fragend seine Schultern hochzuziehen, fiel Gradoneg nicht ein.

Utlaubner hatte diese Frage ohnehin rhetorisch gemeint.

„Dieser Anwalt hat mir erzählt, dass das gar nicht der Proksch war! Kapierst du! Die haben in Schwechat damals einen anderen aus dem Flieger geholt. Irgendeinen Geisteskranken oder Obdachlosen. Deshalb hat ja der Proksch auch seit seiner Landung in Österreich nur noch Blödsinn verzapft. Der war ja angeblich völlig übergeschnappt und konnte sich an nichts mehr erinnern. Eh logisch … der im Gefängnis war ein unschuldiges Double von ihm. Ein geisteskranker Obdachloser, den sie irgendwo auf der Straße aufgeklaubt haben. Vielleicht im Burgenland oder in Niederösterreich.“

Gradoneg räusperte sich. Es sah so aus, und vor allem hörte es sich so an, dass er seine Tomatencreme-Suppe mit einer kruden Verschwörungstheorie würde bezahlen müssen.

„Na ja, sei mir nicht bös, aber das ist schon ein bisschen weit hergeholt“, meinte er pragmatisch. „Du kannst doch nicht so einfach einen Obdachlosen aus einem Flugzeug in Schwechat …“

Utlaubner ließ ihn nicht zu Ende sprechen, wurde immer aufgeregter.

„Siehst du! Genau das war ja das Geniale an dieser Sauerei. Denkt sich doch niemand, dass die einen Obdachlosen in Schwechat landen lassen, damit der echte Proksch irgendwo auf einer Insel seine Ruhe vorm Gesetz hat. Aber dieser Anwalt, den ich kenn … der … der hat bei seinem ersten Besuch in der Zelle genau hingeschaut. Der hat gleich gemerkt, dass der Typ nie und nimmer der Proksch ist. Hundertprozentig war das ein anderer.“

Jetzt war es höchste Zeit für Gradoneg, dieser Verschwörungslegende einen Dolchstoß zu versetzen.

„Quatsch, der Proksch hat sich ja auf den Philippinen liften lassen … und verwirrt zu sein, hat noch lange nichts mit einer falschen Identität zu tun. Dann gäbe es ja in unseren Altersheimen nur obdachlose Doubles …“

Utlaubner sprang empört vom Stuhl.

„Die Kopfform, du Depp! Kapierst du das nicht?! Es ging ja um seine Kopfform. Die Schädelknochen kannst du nämlich nicht so einfach wegschneiden, und das hat dieser Anwalt sofort bemerkt.“

Gradoneg gab auf.

„Danke …“, nahm er den Topf und die Teller vom Tisch, „ich … ich werde einmal abwaschen.“

Utlaubner gab nicht auf.

„Und weißt du, was dann passiert ist? Na, was denkst du?“

„Die Abwasch ist das Waschbecken am Klo, oder?“, ging Gradoneg mit dem Geschirr zur Schwingtür neben dem Spind.

„Dieser Anwalt ist sofort zu seinen Auftraggebern in die SPÖ-Parteizentrale in die Löwelstraße gelaufen. Verstehst du …? Der wollt sich von den Bonzen nicht verscheißern lassen. Und jetzt halt dich an, jetzt kommt der helle Wahnsinn.“

Wie ein Opernsänger vorm Höhepunkt einer Arie holte Utlaubner tief Luft.

„,Frag nicht so blöd und verteidige ihn!‘ Kapierst du?! Das haben sie zu diesem Anwalt gesagt. Einfach nur: ‚Frag nicht so blöd und verteidige ihn‘! Also, wenn das kein Schuldeingeständnis ist … dann hat der Jack the Ripper nie jemanden aufgeschlitzt.“

Gradoneg drehte sich kurz um.

„Und du hast jetzt die SPÖ mit dieser Geschichte erpresst …?“, zwängte er sich irgendwie in die Toilette. Die Schwingtür verpasste ihm dabei einen Schubser, beinahe wäre er mit dem Geschirr gestolpert.

„Spinnst du?!“, hörte er Utlaubner brüllen. „Nein! Ich hab doch niemanden erpresst. Das war meine Alte. Ich schneid ja niemandem mit einer Nagelschere die Ohren ab und zupf ihm dann mit einer Pinzette die Haare aus den Ohrmuscheln. Auf so eine Idee kommt nur ein Weib, und … und meine Unterschrift hat sie bei ihrem saublöden Erpresserbrief auch noch gefälscht.“

Gradoneg beutelte es vor Ekel. Immerhin, jetzt wusste er, dass er nicht in der Abteilung für Pädophile untergebracht worden war, wie es ihm die Justizwachebeamten noch unten im Gefängnishof angekündigt hatten. Es war leider noch schlimmer: Er war auf einer Abteilung für geistig abnorme Rechtsbrecher gelandet. Man hielt ihn für verrückt. Für sehr, sehr verrückt und gefährlich, und man würde ihn bestimmt schon demnächst in die Justizanstalt Mittersteig überstellen. Gradoneg war in den Augen der Justiz ein unzurechnungsfähiger, geistig abnormer Rechtsbrecher.

Er stellte das Geschirr ins Waschbecken.

Bartstoppeln, Zahnpasta, Seifenreste, Haare.

Der Abfluss war verstopft. Das Wasser stieg hoch, die Bartstoppeln trieben in den Tellern.

Er nahm das Geschirr wieder aus dem Waschbecken, stellte es auf den Boden.

Mit seinen Handflächen versuchte Gradoneg das Wasser durch den verstopften Abfluss zu pumpen.

Er pumpte und pumpte, es plätscherte und spritzte.

Seltsamerweise rief ihm dieses Plätschern sein letztes Telefonat mit seinem Freund Hannes Roschinic in Erinnerung.

Erst vor drei Tagen hatte dieses stattgefunden.

„Wo bist du?“, fragte Roschinic.

„In Oberlaa … in der Therme“, meinte Gradoneg. „Was halt ein professioneller Freizeitanimateur mit seinen Kindern am Sonntag so macht, die Zeit verblödeln, Geld ausgeben und leiden.“

Logisch, das Wassergeräusch von der Therme Oberlaa sprudelte in seinem Gedächtnis wieder, deshalb entsann er sich an dieses Telefonat. Sein Freund, Hannes Roschinic, war ein Handy-Phobiker, besaß auch keines und rief prinzipiell immer aus einer Telefonzelle an. Er war der letzte Mohikaner der Wiener Telefonzellen. Witzelte oft, dass er wohl mit der letzten Wiener Telefonzelle aussterben würde. Gradoneg hob daher bei Roschinic immer sofort ab, selbst in einer Therme, wie es eben vor drei Tagen der Fall war.

„Arbeitest du noch mit diesem Laboranten auf der BOKU zusammen“, wollte Roschinic wissen.

„Ja, übermorgen ist die nächste Pinkelrunde mit der Familie … und danach schauen wir einmal, was bei der Geschichte rauskommt. Vielleicht haben sie ja jetzt statt Spritzmitteln lauter Vitamine im Urin“, antwortete Gradoneg.

„Übermorgen …? Du gehst am Dienstag auf die BOKU ins Labor?“

„Voraussichtlich.“

„Was jetzt …?! Gehst du am Dienstag hin, ‚ja‘ oder ‚nein‘?“

„Ja.“

„Und dieser Laborant dort, wie heißt der noch mal?“

„Randelsberger … Dr. Friedrich Randelsberger.“

„Ist der gut … versteht der seinen Job?“

„Mehr als das, der ist exzellent.“

Roschinic hatte ja Gradoneg den Job im neuen Verlag verschafft. Von daher war er neugierig und durch Gradoneg stets gut informiert.

„Bist du heute Abend zu Hause?“, fragte Roschinic.

„Wird heute eher spät … Jetzt wart ich einmal, dass die Kinder mit ihren Chloraugen auftauchen, und dann taucht bestimmt noch die Ursula mit ihren Wünschen auf. Wahrscheinlich will sie noch ins Kino. Ich bin nämlich der Kaugummiautomat in unserer Familie: Am Sonntag werfen alle was rein und holen sich ihre Wünsche raus.“

„Aber morgen? Morgen bist du erreichbar, oder?“

„So ab 18 Uhr sollte sich ein Bier ausgehen, probier’s einfach.“

„Ich … ich schau vorbei“, legte Roschinic abrupt auf.

Gradoneg kam allerdings am besagten Dienstag ein beruflicher Termin in die Quere, und auch Ursula war mit den Kindern noch unterwegs gewesen. Und der ausgesperrte Hannes Roschinic schäumte wohl so vor der Wohnungstür, wie er es sich eigentlich vom Bier erwartet hätte.

Dieses Telefonat ließ Gradoneg nicht mehr los. Jedes Wort und jede Silbe klopfte er nach einem verdächtigen Tonfall und einer besonderen Bedeutung ab. Ganz gegen sein Naturell war ja Roschinic an diesem Tag auffällig kurz angebunden gewesen, hatte sogar auf den obligatorischen Seitenhieb über Gradonegs spießiges Familienleben verzichtet und rein gar nichts von sich selbst erzählt. Normalerweise brannte Roschinic vor Ideen, palaverte minutenlang über unausgegorene Projekte, und Gradoneg glühten hinterher die Ohren.

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