Der neue Dr. Laurin 30 – ArztromanText

Aus der Reihe: Der neue Dr. Laurin #30
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Der neue Dr. Laurin – 30 –

Julian Petterson beobachtete das junge Paar am Rande der Bühne unauffällig. Er studierte mit seinem Ballettensemble »Schwanensee« von Tschaikowski ein, zur Abwechslung wieder einmal ein klassisches Ballett. Sie brachten vornehmlich moderne Stücke zur Aufführung, aber das Publikum liebte nun einmal die Klassiker, und er konnte das sogar verstehen. Die Musik von ›Schwanensee‹ war betörend, die Tänze waren es auch.

Dabei fand er eigentlich, dass auch eine Kunst wie das Ballett die Gegenwart abbilden sollte, aber diese war eben nicht so verführerisch wie das Märchen von der in einen Schwan verzauberten Prinzessin, die schließlich durch die Liebe erlöst wird. Seine Idee für die nächste Produktion war hingegen eher bedrückend: Ihm schwebte eine Liebestragödie zwischen einem schwarzen Flüchtling und einer weißen Frau vor, die in gesicherten Verhältnissen lebte. Er sah die Bilder bereits vor sich … Sie würden eindrucksvoll sein, aber eher verstörend als verzaubernd.

Mit dieser Verstörung waren sein Ensemble und er berühmt geworden. Aber gelegentlich machten sie Ausflüge in die Klassik, um zu beweisen, dass sie diese ebenfalls beherrschten und auch, um sich ein größeres Publikum zu erschließen, was ihnen regelmäßig gelang.

Sein Ensemble war dasjenige mit der größten Bandbreite, sie traten in der ganzen Welt auf. Er stellte sehr hohe Anforderungen, bevor er jemanden aufnahm.

Wenn er vortanzen ließ, kam es regelmäßig zu Zusammenbrüchen abgelehnter Bewerberinnen und Bewerber. Aber der Erfolg gab ihm Recht. Es gab keine zweite Ballettkompanie wie seine.

Er versuchte, diese Gedanken abzuschütteln und sich wieder auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Es würde eine glanzvolle Aufführung von ›Schwanensee‹ werden. Er hatte, wie jeder Künstler, natürlich auch Kritiker, und denen würde er schon zeigen, dass er nicht nur verstören, sondern auch verzaubern konnte. Die Premiere war schon in zwei Wochen, bis dahin lag noch viel Arbeit vor ihnen, aber er hatte ein klares Ziel vor Augen, und er gedachte, es zu erreichen.

Das Paar, auf dem seine Augen noch immer ruhten, bestand aus Jana van Eyck, einer zwanzigjährigen Tänzerin mit vermutlich großer Zukunft und dem ebenfalls sehr talentierten André Baum, der zwei Jahre älter war als sie. Jana war eine zierliche Blondine mit biegsamem Körper, in dem mehr Kraft steckte, als man zunächst vermutete. Sie hatte ein hübsches, etwas puppenhaftes Gesicht, das dazu verleitete, sie für harmlos zu halten. Julian wusste es besser. Hinter ihrer glatten Stirn und ihrem Lächeln verbarg sich ein stahlharter Wille, es bis ganz nach oben zu schaffen. Er zweifelte nicht daran, dass sie ihr Ziel erreichen würde, aber vermutlich nicht in seinem Ensemble.

Jana tanzte einen der Schwäne, zugleich war sie die Zweitbesetzung für die Doppelrolle der verzauberten Prinzessin einerseits und der Tochter des bösen Zauberers andererseits. Sie würde in einigen späteren Aufführungen in der Doppelrolle auftreten, wenn Beatrice Medo, der Star des Ensembles, eine Pause brauchte – also frühestens in zwei, drei Monaten. Sie würden einige Aufführungen hier in München haben und dann in anderen großen europäischen Städten gastieren.

Jana war sehr gut, aber ihm fehlte bei ihr etwas, das ihm, neben technischer Brillanz, besonders wichtig war: Es mangelte ihr an Gefühl und Ausdruck. Beides vermochte Beatrice mühelos in jede ihrer Rollen zu legen. Es war nicht nur ihre besondere Ausstrahlung, die sie berühmt gemacht hatte, sondern neben der technischen Perfektion auch ihre Fähigkeit, sich so tief in ihre Rollen zu versenken, dass sie quasi damit verschmolz. Wenn sie tanzte, wusste man sofort, ob sie Freude oder Trauer ausdrückte. Man fühlte es, weil sie es fühlte.

Technisch war auch Jana nahezu perfekt, aber er hatte sich schon oft gefragt, ob sie überhaupt imstande war, Glück oder Verzweiflung zu empfinden, geschweige denn, das dann auch zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht war sie noch zu jung, sie hatte ja noch nicht viel erlebt. Möglich, dass ihre immergleiche Mimik und Gestik darauf zurückzuführen waren. Trotzdem: Er würde sie auf jeden Fall an ein paar Abenden tanzen lassen. Sie hatte hart gearbeitet und sich diese Belohnung verdient.

Er wusste, sie würde alles daransetzen, Beatrice auszustechen. Gut so, denn so würde sie sich noch mehr anstrengen und vielleicht noch besser werden, vor allem da, wo sie seinen Ansprüchen noch nicht genügte.

André Baum, der Tänzer, der den Prinzen darstellte, war so verliebt in Jana, dass Julian ihn schon jetzt bedauerte. André sah gut aus mit seinen dichten braunen Locken und dem klassisch geschnittenen Gesicht. Julian war sicher, dass die Frauen es ihm leicht machten, aber er hatte nur Augen für Jana. Armer Kerl, dachte Julian, sieht er denn nicht, dass ihr ihre Karriere wichtiger ist als alles andere? Sie wird ihn vernaschen und dann fallenlassen, alles andere würde mich wundern.

Sein Blick wanderte weiter zu Alina Altmann, auch sie stellte einen der Schwäne dar. Alina war eine weitere Zukunftshoffnung seines Ensembles, wäre sie nur nicht so schüchtern gewesen! Ihre Schüchternheit ließ sie oft genug geradezu unscheinbar wirken, dabei war er sicher, dass sie über weit mehr Ausdrucksmöglichkeiten verfügte als Jana. Aber etwas schien sie zu hemmen, und er hatte noch nicht herausgefunden, was es war. Wenn sie eine größere Rolle spielen wollte in seinem Ensemble, würde sie jedenfalls mehr aus sich herausgehen und an ihrer Bühnenpräsenz arbeiten müssen.

In diesem Augenblick betrat Beatrice die Bühne, und sofort war es so, als richtete sich alles an ihr aus. Sie musste sich um Aufmerksamkeit nicht bemühen, sie schien sich ihr, wo auch immer sie erschien, ganz von selbst zuzuwenden. Beatrice Medo, die große Liebe seines Lebens. Schmal, dunkelhaarig, mit diesen riesigen dunklen Augen, in die er sich zuerst verliebt hatte. Ein Blick hatte genügt, er erinnerte sich genau daran, und im selben Moment spürte er den altbekannten Schmerz in der Brust, weil diese Liebe nicht gelebt werden konnte. Beatrice war auf dem Höhepunkt ihres Könnens, eine Primadonna, die alle großen Rollen des klassischen Balletts getanzt hatte, bevor sie zu ihm gekommen war und sein Ensemble erst zu dem gemacht hatte, was es heute war. Sie war schon mit siebzehn berühmt gewesen, alle hatten sich um sie gerissen, dieses ›Wunderkind des Balletts‹.

Er wusste sehr wohl, dass er ohne ihr außergewöhnliches Können längst nicht so berühmt geworden wäre, wie er es heute war. Und seine Version von ›Schwanensee‹ würde ohne Beatrice nicht so glanzvoll sein können, wie es ihm vorschwebte – und auch nicht so modern.

Er sah den Blick, den Jana Beatrice zuwarf. Knapp zehn Jahre trennten die beiden Frauen – die eine war auf dem Sprung nach oben, wo die andere schon fast ihr halbes Leben lang war. Ein paar Jahre blieben Beatrice noch, nicht mehr viele, dann würden ihre hohen Sprünge weniger hoch sein, ihr Körper würde anfangen, ihr Grenzen zu setzen. Er hatte sich schon oft gefragt, ob er ihr dann endlich würde sagen können, was er für sie empfand. Und wie sie darauf reagieren würde.

Andere in seiner Position waren da weniger zurückhaltend, aber glückliche und dauerhafte Beziehungen zwischen einem Kompaniechef und einer Tänzerin waren selten, er jedenfalls kannte nicht allzu viele Beispiele. Und Beatrice hatte ihn nie auch nur ansatzweise ermutigt. Es war besser so, das wusste er. Besser für ihn, besser aber auch für seine ›Truppe‹, die solche Störungen nicht gebrauchen konnte, wenn sie ihren Platz in der Welt behalten wollte. Und doch …

Jana hatte sich wieder André zugewandt, aber Julian hatte ihre Gedanken gelesen, so deutlich, als hätte sie sie laut ausgesprochen: Eines Tages, hatte Jana gedacht, werde ich der Star dieses Ensembles sein, und dieser Tag ist nicht mehr fern. Sie irrte sich, aber das wusste nur er. Jana würde niemals der Star seines Ensembles sein können, es sei denn ein Wunder geschah und sie lernte über Nacht, wie man seinen Gefühlen durch Tanz Ausdruck verlieh. Sie war, dachte er, eher eine Akrobatin als eine Tänzerin.

Die Pause war zu Ende, er trat nach vorn, klatschte in die Hände. Sofort füllte sich die Bühne, die Probe ging weiter.

Er fing Beatrices Blick auf, sie lächelte ihm zu. Die Musik setzte ein. Es war die Szene, in der der Prinz seine Prinzessin zum ersten Mal erblickte und sich sofort unsterblich in sie verliebte.

Wie immer wirkte die Musik auch auf Julian unmittelbar. Das war das Geheimnis Tschaikowskis, und manchmal wünschte er sich, er hätte für seine modernen Geschichten, die er in Tanz zu übersetzen versuchte, einen Komponisten wie Tschaikowski an seiner Seite, der es verstand, auch verstörende Geschehnisse so in Musik einzubetten, dass sie die Herzen des Publikums unmittelbar erreichten.

Beatrice fing an zu tanzen, und Julian vergaß alles, was er eben noch gedacht hatte.

Sie war die Größte – auf der Bühne und in seinem Herzen.

*

»Du hast mich verführt!«, sagte Antonia Laurin mit gespieltem Vorwurf in der Stimme zu ihrem Mann. »Wir haben vier Kinder, Leon, wir sind ein Ehepaar in mittleren Jahren, und du hast mich nach allen Regeln der Kunst ins Schlafzimmer gelockt und verführt.«

Leon Laurin küsste ihre nackte Schulter. »Ich bekenne mich schuldig, zu meiner Entlastung kann ich nur anführen, dass ich außer mir war vor Liebe und Verlangen.«

Sie umschlang ihn mit beiden Armen. »Du bist verrückt«, sagte sie zärtlich.

»Ja, nach dir«, versicherte er ernsthaft. »Aber ich fand un­bedingt, dass wir es ausnutzen müssten, das Haus ganz für uns zu haben …«

»Lüg nicht!«, rief sie. »Wir hatten das Haus wochenlang für uns während der großen Ferien …«

 

»Und haben wir es etwa nicht ausgenutzt?«

»Doch, das meine ich ja gerade! Da kannst du doch nicht behaupten, dass du darben musstest, weil wir das Haus nie für uns hatten.«

»Das habe ich ja auch nicht gesagt. Ich sprach nur von ›ausnutzen‹, und ich bin sehr dafür, dass wir jede sich bietende Gelegenheit ergreifen, zum Beispiel jetzt, denn eine Stunde bleibt uns ja noch, bis die Kinder zurückkommen, schätze ich.« Wieder küsste er ihre Schulter, dann wanderten seine Lippen weiter zu der kleinen Mulde zwischen ihrem Hals und ihren Schultern und von dort abwärts.

Antonia atmete bereits schwer und gab ihren Widerstand auf.

Nach einem weiteren leidenschaftlichen Liebesakt sagte sie: »Und jetzt habe ich Hunger. Meinst du nicht, dass noch ein paar Reste von einem von Simons wunderbaren Gerichten im Kühlschrank sind?«

Simon Daume war der junge Mann, der ihnen den Haushalt führte und für sie kochte – Kochen war seine Leidenschaft. Da seine beiden jüngeren Schwestern Lisa und Lili und er Waisen waren, hatte Simon beschlossen, so lange zu arbeiten, bis die beiden Mädchen auf eigenen Füßen stehen konnten und erst dann seine Ausbildung zum Koch zu beginnen. Die Anstellung bei Laurins, so sah er es heute, war für ihn und seine Schwestern das Beste gewesen, was ihnen hatte passieren können: Seine Arbeit machte ihm Spaß – seltsamerweise putzte er sogar gern –, er lernte eine Menge dabei, und er wurde auch noch gut dafür bezahlt. Ein Sechser im Lotto, mindestens.

»Bestimmt«, erwiderte Leon abwesend, »wir können ja gleich mal nachsehen, aber vorher habe ich noch eine Überraschung für dich.«

»Mhm?«, machte Antonia und drehte sich träge um, so dass sie ihn ansehen konnte. Sie waren beide nackt und verschwitzt. Die Fenster des Schlafzimmers standen weit offen, von draußen drang der Gesang der Vögel herein, und irgendwo in der Nähe hatte jemand seinen Rasensprenger angestellt. Es war ein warmer, sonniger Spätsommersonntag.

»Was für eine Überraschung?«, fragte Antonia, als Leon von sich aus nicht weitersprach.

»Ich habe Karten für die Premiere von ›Schwanensee‹«, sagte er. »In zwei Wochen. Wir gehen zu selten aus, wir beide, finde ich.«

»Schwanensee? Das Ballett?«

»Das Ballett!«, bestätigte er.

»Seit wann interessierst du dich für Ballett?«

»Ich interessiere mich nicht speziell dafür, aber die Musik ist schön, und bestimmt ist es schön anzusehen, was da auf die Bühne gebracht wird.«

»Komisch«, murmelte Antonia nachdenklich, »ich habe ›Schwanensee‹ als Kind einmal gesehen, mit meinem Vater, es war eine Aufführung vom Bayerischen Staatsballett. Er wollte, glaube ich, etwas für meine Bildung tun. Ich muss neun gewesen sein, vielleicht zehn. Es war ein traumatisches Erlebnis.«

»Traumatisch? Wieso?«

»Kennst du die Geschichte?«

»Äh … nein, ehrlich gesagt. Aber bestimmt hat es etwas mit Schwänen zu tun, oder?«

»Leon! Du kaufst Karten für ein Ballett, von dem du keine Ahnung hast?«

»Na, die habe ich dann doch, wenn ich es gesehen habe, oder nicht?«

Antonia fing an zu lachen. »Wenn du die Geschichte nicht kennst, wirst du überhaupt nichts verstehen. Also: Ein Prinz, der sich verheiraten soll …«

»… damit die Monarchie erhalten bleibt …«

»… sieht ein wunderschönes Mädchen und verliebt sich sofort. Das Mädchen ist aber leider eine verzauberte Prinzessin. Oder sogar eine Königin, die Schwanenkönigin, die sich nur nachts in Menschengestalt zeigen darf. Sie heißt Odette.«

»Aber sie kann bestimmt erlöst werden, oder?«

»Ja, durch wahre Liebe.«

»Dann ist doch alles klar, der Prinz liebt sie, und alles wird gut.«

»Du vergisst den Zauberer, der eine Tochter hat. Er erscheint mit der Tochter auf einem Ball im Schloss, wo er es schafft, dass der Prinz denkt, er hätte Odette vor sich. Er will diese Tochter, den schwarzen Schwan, heiraten, aber da erscheint Odette an einem Fenster, und er erkennt, dass er einem Betrug aufgesessen ist.«

»Und alles wird gut.«

»Nicht unbedingt. Der Zauberer gibt nicht so leicht auf, er lässt den See zu einer gewaltigen Flut anwachsen, der Prinz und Odette geraten in große Gefahr. Und dann ist es leider so, dass es mehrere mögliche Enden gibt.«

»Wie bitte?«, rief Leon.

»Du hast richtig gehört. Entweder stirbt Odette oder der Prinz stirbt oder beide sterben – oder sie überleben beide und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Es bleibt also spannend bis zum Schluss, weil man vor einer neuen Aufführung nie weiß, welches Ende zu sehen sein wird.«

»Ich verlange ein happy end!«, sagte Leon. »Sonst gehen wir ja völlig niedergeschlagen nach Hause. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.«

»Du hättest dich besser vorher erkundigt.« Antonia küsste ihren Mann. »Ich freue mich jedenfalls sehr auf die Musik und die Interpretation der Geschichte, und ich bin gerührt, dass du diese Karten gekauft hast.«

»Und wieso war das jetzt ein traumatisches Erlebnis für dich, damals mit deinem Vater?«

»Wegen des Zauberers und seiner Tochter, die versucht hat, den Prinzen zu verführen, der sich ja eigentlich schon in die Schwanenkönigin verliebt hatte. Ich konnte kaum hinsehen, weil ich dachte, es geht schlecht aus, alles ist verloren, die Liebe hat keine Chance.«

»Arme Antonia. Und? Ging es schlecht aus?«

»Nein, zum Glück nicht, Odette, der weiße Schwan, hat ihren Prinzen gerettet, aber der Schrecken saß tief. Seitdem hatte ich immer ein bisschen Angst vor dem Ballett. Daran siehst du, wie lange so ein erster Eindruck nachwirken kann. Aber es wird interessant sein, das Stück heute zu sehen und meine Eindrücke zu vergleichen. Man vergisst ja vieles, aber seltsamerweise ist mir diese Aufführung immer im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich sogar auch später noch oft daran erinnert.«

»Aber du hast das Ballett nicht noch einmal gesehen?«

»Nein.« Wieder küsste Antonia ihren Mann. »Ich erinnere mich jetzt, dass ich über die Produktion gelesen habe, es ist ja keine Aufführung des Staatsballetts, sondern ein Ensemble von außerhalb. Es war ein Interview mit dem Ballettchef. Er scheint ein interessanter Typ zu sein, das Ensemble ist weltweit erfolgreich, vor allem mit modernem Ballett, aber ab und zu genehmigt der Chef sich und seiner Kompanie Ausflüge ins klassische Fach.«

»Ich sehe, du bist bestens informiert«, stellte Leon zufrieden fest. Er zog sie näher zu sich heran. »Wie wäre es, wenn wir noch einmal …«

Antonia warf einen Blick auf die Uhr und schob ihn energisch von sich. »Leon! Die Kinder werden bald zurückkommen. Wir müssen aufstehen.«

»Na, und? Meinst du, sie wüssten nicht, was erwachsene Menschen, die sich lieben …«

»Leon! Ich möchte duschen und nicht in diesem Zustand von meinen Kindern überrascht werden!« Ihren Hunger schien sie vollkommen vergessen zu haben.

»Na, schön, dann duschen wir wenigstens noch zusammen.«

Sie stieß einen Laut irgendwo zwischen Lachen und Verzweiflung aus und verließ eiligst das Bett.

Als die Kinder tatsächlich wenig später von einem Besuch bei den Großeltern nach Hause kamen, war das Bett im Elternschlafzimmer wieder ordentlich gemacht, und Antonia und Leon saßen in frischer, luftiger Kleidung bei einer Tasse Kaffee und ein paar Keksen auf der Terrasse und erkundigten sich eingehend, wie der Besuch verlaufen war.

Der Einzige, der die begehrlichen Blicke bemerkte, die ihr Vater ihrer Mutter von Zeit zu Zeit zuwarf, war der dreizehnjährige Kevin, der schon immer ein scharfer Beobachter gewesen war. Und da er diese Blicke wiedererkannte – sein frühreifer Freund Mike sah so aus, wenn er ein Mädchen erspähte, das seine sexuelle Fantasie anregte – war Kevin auch der Einzige, der ganz richtig vermutete, wie sich seine Eltern die Zeit vertrieben hatten, in der ihre Kinder unterwegs gewesen waren.

Er fand es gut. Irgendwann würde er wissen, was es mit dieser Sache, die bei vielen Erwachsenen und eben jetzt auch bei Mike eine so große und wichtige Rolle spielte, auf sich hatte. Er begann es zu ahnen, seit er mit seiner Freundin Emma zusammen war und sie begonnen hatten, sich zu küssen. Es war ihm vorher nie in den Sinn gekommen, dass ein Kuss etwas derartig Aufregendes sein könnte. Seit einiger Zeit wusste er es besser.

Aber weiter würden sie erst einmal nicht gehen, Emma und er, es würde beim Küssen bleiben. Sie waren ja noch jung und hatten viel Zeit! Und er fand das mit dem Küssen schon aufregend genug.

Erneut fing er einen der Blicke auf, die sein Vater seiner Mutter zuwarf, dieses Mal erwiderte sie ihn. Kevin spürte ein kleines Kribbeln im Rücken. Sie waren eindeutig scharf aufeinander, wie sein Freund Mike es ausgedrückt hätte.

*

Armer Kerl, dachte Beatrice in der Probenpause, als sie den Blick sah, mit dem André der schönen Jana folgte. Es hat ihn richtig erwischt. Sie ist auch ein bisschen verliebt in ihn, aber längst nicht so wie er. Und sowieso hat er keine Chance. Für sie zählt nur die Karriere, sie wird es weit bringen.

Und arme Alina, dachte sie, als sie die junge Tänzerin sah, die ihrerseits André mit ihren Blicken folgte. Man konnte nur hoffen, dass André bald aus seiner Verblendung aufwachte und endlich zur Kenntnis nahm, dass das Glück für ihn schon ganz nahe war …

Sie musste über sich selbst lachen. Was ging sie Andrés Liebesleben an? Er war ihr Bühnenpartner, er tanzte den Prinzen, in den sie, die Schwanenkönigin, sich verliebte, und auf der Bühne verstanden sie sich blind. Aber privat hatten sie kaum miteinander zu tun, da kam er ihr manchmal noch sehr unreif vor mit seinen zweiundzwanzig Jahren, während sie selbst im nächsten Jahr ihren dreißigsten Geburtstag feiern würde.

André jedenfalls hatte sich in Jana van Eyck verliebt, statt in Alina Altmann, die zwei Jahre älter war als Jana und in Beatrices Augen das größere Talent war. Aber Alina war auf eine eher unscheinbare Art und Weise hübsch, sie fiel beim ersten Hinsehen kaum auf. Und sie drängte sich auch sonst nicht in den Vordergrund, während Jana wusste, wie man auf sich aufmerksam machte. Alina liebte André, das sah man an jedem ihrer Blicke, an jeder ihrer Gesten, wenn sie einmal mit ihm sprach. Aber André merkte nichts, er hatte nur Augen für Jana – jedenfalls abseits der Bühne. Und Julian, der kluge Ballettchef, hatte Alinas herausragendes Talent offenbar auch noch nicht bemerkt. Jedenfalls machte er keine Anstalten, sie besonders zu fördern.

Julian. Ihr Herz zog sich ein wenig zusammen, wie immer, wenn sie an ihn dachte. Wieder einmal überlegte sie, ob sie ihn von ihrer Entscheidung in Kenntnis setzen sollte, wieder einmal entschied sie sich dagegen. Es war zu früh, und es würde einen Schatten auf die bevorstehende Premiere werfen, vermutlich jedenfalls, und das wollte sie auf keinen Fall riskieren. Sie würde es ihm irgendwann in den nächsten Monaten sagen, so viel Zeit blieb ihr ja noch.

Sie sah ihn mit schnellen Schritten auf sich zukommen und schaffte es gerade noch, das beherrschte Gesicht aufzusetzen, das sie bei der Arbeit meistens zeigte, aber sie lächelte dabei.

»Machen wir weiter?«, fragte sie.

»Gleich«, antwortete er. Sein Blick ruhte auf ihr, und sofort wurde sie unruhig, wie immer, wenn er sie auf diese Weise ansah.

»Habe ich Fehler gemacht?«, fragte sie. »Wenn du mich so ansiehst …«

War sein Lächeln traurig? Ja, entschied sie, eindeutig. Aber warum?

»Ich denke nicht immer nur an die Arbeit, Bea«, sagte er ruhig. »Ich wollte einfach mit dir reden.«

Sie liebte ihn, seit sie ihm das erste Mal begegnet war. Vor vier Jahren war das gewesen: Da waren sie, die gefeierte Primadonna und er, der aufstrebende Ballettchef, einander vorgestellt worden. Er hatte nicht einmal seine ganze Überredungskunst anwenden müssen, um sie für sein Ensemble zu gewinnen. Sie hatte damals bereits ein paar seiner Stücke gesehen und schnell gewusst: Das war es, was sie in Zukunft machen wollte. Die Welt des klassischen Balletts war ihr da bereits nicht mehr genug. Nicht, dass sie darauf verzichten wollte, aber sie wollte mehr zeigen dürfen als perfekte Pirouetten, Schrittfolgen und Sprünge. Sie wollte sich eine neue Tanzwelt erschließen, und diese Möglichkeit hatte Julian ihr geboten. Diese letzten vier Jahre unter seiner Führung waren die besten ihres Berufslebens geworden – nicht nur, weil sie sich hatte entfalten dürfen, sondern auch, weil sie ihn liebte. Sie bildete sich ein, dass diese Liebe keine Erfüllung finden durfte, weil er sich dann nicht mehr mit ganzer Kraft seinem Ensemble hätte widmen können, aber sie war jeden Tag mit ihm zusammen, sie diskutierten viel, er hörte auf sie, nahm ihre Vorschläge auf. Sie arbeiteten an gemeinsamen Projekten, und diese Arbeit machte sie glücklich.

 

Nur eben nicht vollständig. Es gab eine Leerstelle in ihrem Leben, und je älter sie wurde, desto mehr schmerzte diese Stelle. Sie wusste, es würde in den kommenden Jahren noch viel schlimmer werden, aber noch gelang es ihr meistens, solche Gedanken rasch zu verdrängen – vor allem in Zeiten wie diesen, wenn sie besonders hart arbeiten musste. Aber sie hatte ihre Entscheidung ja bereits gefällt …

»Du siehst traurig aus«, stellte Julian fest.

Erschrocken sah sie ihn an. Konnte er neuerdings Gedanken lesen?

Er hielt ihren Blick fest, und für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, in einen Spiegel zu sehen, aber der Moment ging so schnell vorüber, wie er gekommen war.

»Ich bin nicht traurig«, erklärte sie. »Ich war nur nicht ganz zufrieden mit meiner Leistung eben. Ich muss mehr Gefühl in diese Szene legen, wenn ich den Prinzen zum ersten Mal sehe.«

»Du warst perfekt«, erklärte Julian. »Und am Premierenabend wirst du die Menschen wieder einmal zu Tränen rühren und sie am Ende von den Sitzen reißen.«

»Warum sagst du das?«, fragte sie verunsichert. »Du bist sonst eher sparsam mit Lob – und Vorschusslorbeeren sehen dir überhaupt nicht ähnlich.«

Überraschend lachte er. »Ich hatte heute einfach mal Lust darauf, mich anders zu verhalten als sonst. Übrigens bin ich froh, dass ihr so gut harmoniert, André und du.«

Beatrice lächelte. »Er ist einfach ein sehr netter Mann«, sagte sie mit warmer Stimme. »Und hochbegabt noch dazu, er wird eine glänzende Karriere machen.«

»Jana auch«, erwiderte Julian mit neutraler Stimme.

»Vielleicht nicht«, hörte sich Beatrice sagen, obwohl sie sich eigentlich geschworen hatte, sich nicht kritisch über ihre jüngere Kollegin zu äußern, die allgemein als der kommende Star gehandelt wurde, als Beatrices Nachfolgerin.

»Nicht?«, fragte Julian.

»Sie ist noch sehr jung«, sagte Beatrice nachdenklich. Sie bereute ihre unbedachten Worte bereits. »Ihr fehlt Lebenserfahrung, die sie in ihre Rollen einfließen lassen kann.«

»Gefühl, meinst du?«

»Ja. Aber wahrscheinlich war das bei mir in dem Alter auch so. Wir müssen alle wachsen, während wir auftreten – und irgendwann, wenn wir endlich soweit sind, unsere Gefühle in den Tanz einfließen lassen zu können, streiken Gelenke und Knochen. Das ist tragisch.«

Jetzt war Julians Blick prüfend. »Bei dir streikt gar nichts«, sagte er. Ein scharfer Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen, der Beatrice befremdete. Wollte er seine eigenen Zweifel damit übertönen oder weshalb reagierte er so?

»Es war eine eher allgemeine Feststellung«, sagte sie. »Ich freue mich auf die Premiere, Julian.«

Er sah sie an, und wieder meinte sie, in seinem Blick etwas zu lesen, das vorher nicht dagewesen war. Der Wunsch, ihn zu umarmen und ihm ihre Liebe zu gestehen, wurde beinahe übermächtig. Sie hatte ja schon manchmal das Gefühl gehabt, dass auch sie ihm nicht gleichgültig war – aber er war auf Distanz geblieben, und das hatte sie respektiert. Er war der Chef, er war für ›seine Leute‹ verantwortlich, und das setzte eine gewisse Distanz zu allen Mitgliedern seines Ensembles voraus. So jedenfalls sah sie es, und­ sie nahm an, er sah es auch so, sein Verhalten legte diesen Schluss nahe.

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