Der kleine Fürst 265 – AdelsromanText

Aus der Reihe: Der kleine Fürst #265
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Der kleine Fürst – 265 –

»So, meine Liebe«, sagte Cora Bühler und setzte die beiden Tassen behutsam auf das edle Silbertablett, »mit zwei Löffeln Zucker und einer schönen Sahnehaube, wie Sie beide es am liebsten mögen.«

Ihre Worte waren an Lili Hausmann gerichtet, die fast halb so alt war wie sie, nämlich dreiundzwanzig. Cora war fünfundvierzig und seit beinahe zwei Jahrzehnten als Haushälterin und Köchin bei Johannes Graf von Ammerthal und seinem Sohn Florian tätig, Lili war seit fast zwei Jahren Florians Kindermädchen und hatte sich sofort eng an Cora angeschlossen.

Bei den Worten der Älteren errötete sie heftig, weil sie, genau wie der elfjährige Florian, Süßigkeiten liebte. ›Schleckermäulchen‹ nannte Cora sie beide gelegentlich mit liebevoll-mütterlichem Unterton.

Graf Johannes sah es nicht gern, wenn sein Sohn Zucker in die heiße Schokolade bekam, aber Cora nahm sich die Freiheit heraus, manche seiner Anweisungen zu übergehen, wenn sie fand, dass es ›dem Jungen‹ gut tat. Florian hatte vor zweieinhalb Jahren seine Mutter verloren. Cora fand, wenn zwei Löffel Zucker wenigstens für ein paar Augenblicke ein Lächeln auf sein sonst so trauriges Gesicht zauberten, waren sie gut angelegt und man konnte reinen Gewissens darüber hinwegsehen, dass sie vielleicht seinen Zähnen schadeten. Bei Graf Johannes war es schwieriger, ihm ein Lächeln zu entlocken. Mit zwei Löffeln Zucker war es da nicht getan. Cora erinnerte sich nicht einmal, wann sie ihn zum letzten Mal hatte lächeln sehen.

»Wenn das der Graf sähe«, sagte Lili leise. Sie sah noch jünger aus als sie war, man hätte sie auch für einen Teenager halten können mit ihrem spitzen kleinen Gesicht, in dem vor allem die warmen braunen Augen auffielen. Auch sonst schien alles an ihr klein und spitz zu sein. Wann immer Cora, die zu gemütlicher Fülle neigte, sie ansah, hatte sie das Gefühl, sie ein wenig aufpäppeln zu müssen.

»Er sieht es aber nicht, und den Jungen macht es glücklich«, erklärte sie gelassen. »Wo bleibt er denn eigentlich? Wenn er nicht bald kommt, ist die Schokolade kalt und die Sahne zerlaufen.«

»Er wollte nur schnell noch einmal nach seinem Pony sehen, weil es heute Morgen nicht richtig gefressen hat. Ich habe ihm gesagt, dass es heiße Schokolade gibt, wenn er zurückkommt.«

»Die lässt er sich nicht entgehen«, lächelte Cora, »darauf kann man sich verlassen.«

»Ich sehe trotzdem mal nach, wo er bleibt«, erwiderte Lili. Aber sie rührte sich nicht von der Stelle, ihr Blick war an den beiden Tassen auf dem Silbertablett hängen geblieben.

»Trinken Sie ruhig schon, Lili«, sagte Cora.

Aber die junge Frau blieb standhaft. »Nein, ich warte auf Florian«, sagte sie. »Bis gleich, Frau Bühler.« Nach diesen Worten schlüpfte sie aus der Küche des weiträumigen Gutshauses, das Graf Johannes seit dem Tod seiner Frau allein mit seinem Sohn bewohnte und das schon vorher viel zu groß für die kleine Familie gewesen war.

Cora wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Graf Johannes hatte angerufen, er werde pünktlich zum Abendessen zu Hause sein, also musste sie sich beeilen. Zwar fragte sie sich manchmal, wieso sie sich noch immer so viel Mühe mit dem Kochen gab, obwohl Vater und Sohn kaum zu bemerken schienen, was sie zu sich nahmen, aber sie wollte sich nicht entmutigen lassen. Eines Tages würde die Trauer um die verlorene Ehefrau und Mutter in den Hintergrund treten und das Leben für die Hinterbliebenen wieder an Farbe gewinnen. Daran glaubte sie ganz fest, obwohl im Moment nichts darauf hindeutete, dass ihr Optimismus gerechtfertigt war.

*

Arabella von Lützow summte leise vor sich hin. Sie war auf dem Weg zu ihren Freunden im Sternberger Schloss, wo sie ein verlängertes Wochenende verbringen würde. Lange war sie nicht mehr bei ihnen gewesen, umso mehr freute sie sich darauf, sie wiederzusehen. Sternberg war zu jeder Jahreszeit schön, sie hatte sich dort immer wohl gefühlt: Die Umgebung war zauberhaft, im Schloss selbst wurde man verwöhnt und umsorgt, und das Zusammensein mit ihren Freunden war immer Entspannung und Anregung zugleich.

Mit Baronin Sofia und Baron Friedrich von Kant war sie schon lange befreundet. Beide waren Anfang Vierzig und damit deutlich älter als sie selbst, aber ihrer Freundschaft hatte der Altersunterschied nicht geschadet, im Gegenteil. Die beiden hatten zwei Kinder, die vierzehnjährige Anna und den siebzehnjährigen Konrad. Und dann gab es noch den kleinen Fürsten: Prinz Christian von Sternberg, Sofias sechzehnjährigen Neffen. Christian war der Sohn ihrer Schwester Elisabeth und ihres Schwagers Leopold, des Fürstenpaares von Sternberg. Beide waren im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Piloten bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Seitdem war Christian das dritte Kind der Familie von Kant.

Er hatte den Verlust seiner Eltern besser verkraftet als zunächst befürchtet, was auch an der liebevollen Unterstützung seiner Verwandten lag. Zwar war er ernster als seine Altersgenossen, auch reifer, aber seine Lebensfreude hatte er sich erhalten können, und er hatte einen ganz eigenen Weg gefunden, seine Trauer zu verarbeiten: Er besuchte das Grab seiner Eltern jeden Tag und sprach in Gedanken mit ihnen. Deshalb kam es ihm so vor, als seien sie nicht vollständig verschwunden, sondern auf geheimnisvolle Weise noch immer in seiner Nähe. Zugleich hielt er auf diese Weise die Erinnerung an sie wach.

Anders sah es bei Sofia aus. Elisabeth war nicht nur ihre Schwester gewesen, sondern auch ihre engste Freundin, und es verging noch immer kein Tag, an dem sie nicht heimlich ein paar Tränen um sie vergoss. Und anders als Christian konnte sie den Gang zur fürstlichen Gruft auch jetzt, über ein Jahr nach dem Unfall, nicht über sich bringen. Den Namen ihrer Schwester in Marmor eingraviert zu sehen und damit einmal mehr an die Unabänderlichkeit dessen erinnert zu werden, was geschehen war, überstieg ihre Kräfte.

Das bedeutete jedoch nicht, dass sie sich dem Leben nicht mehr gewachsen fühlte. Sie machte ihre Trauer weitgehend mit sich selbst aus, wollte sie doch die Teenager und auch ihren Mann damit nicht belasten. Im Großen und Ganzen hatte sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden und war meistens gelassen und gefestigt, aber es gab Tage, an denen ihr die Welt grau in grau erschien, und dann konnte nichts sie aufheitern. Zum Glück wurden diese Tage immer seltener.

Arabella warf einen Blick auf die Uhr. Halb fünf. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass die Familie jetzt sicherlich in der Bibliothek saß, die nach einhelliger Meinung der schönste Raum des Schlosses war. Im Winter wurde ein Feuer im Kamin entzündet, ringsum brannten die Lampen auf den kleinen Lesetischen, die sich in der mehrere Räume umfassenden Bibliothek verteilten, an den Wänden standen Regale, die bis an die Decken reichten und in denen sich nur noch wenige Lücken für neue Bücher fanden. Einige der ausladenden Ledersessel standen immer vor dem Kamin, und Arabella sah vor ihrem inneren Auge die ganze Familie dort sitzen, mit Tee, Kaffee und dem köstlichen Gebäck, das Marie-Luise Falkner, die talentierte junge Schlossköchin, jede Woche frisch herstellte.

Eine halbe Stunde noch, dann würde sie selbst auch dort sitzen. Allein bei dem Gedanken an das Gebäck lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie war lange unterwegs gewesen und hatte seit dem Frühstück nur noch einen Apfel und eine Banane gegessen.

Sie überlegte, ob sie Musik einschalten sollte, als links vor ihr etwas aufblitzte, das sie nicht sofort identifizieren konnte. Sie trat sofort auf die Bremse, doch es war bereits zu spät. Sie sah noch ein blasses Kindergesicht unter blonden Haaren, dann gab es einen dumpfen Aufprall, und das Gesicht war verschwunden. Jemand schrie wie am Spieß, es dauerte Sekunden, bis sie begriff, dass sie selbst es war, die schrie. Es kostete sie Mühe, damit aufzuhören. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, sich nicht rühren zu können, doch die Straße war menschenleer, sie konnte nicht damit rechnen, dass jemand ihr zu Hilfe eilte.

Mit bebenden Fingern löste sie den Sicherheitsgurt und öffnete die Tür. Ihr Magen revoltierte, sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Aber sie würgte lediglich ein paar Mal. Als sie aufstand, musste sie sich abstützen. Ihr graute vor dem Anblick, der sich ihr gleich bieten würde. Dennoch war ihr klar, dass sie sich beeilen musste. Der Junge brauchte Hilfe.

Sie schob sich vorwärts, und da lag er, auf dem Rücken, das Gesicht halb dem Boden zugeneigt. Er trug eine dicke blaue Steppjacke und Stiefel. Auf den ersten Blick sah es aus, als hätte er sich zum Schlafen niedergelegt, aber sie bemerkte den dünnen Blutfaden in seinem Mundwinkel. Sie fiel auf die Knie, berührte ihn vorsichtig an der Schulter. »Hallo?«, sagte sie. »Kannst du mich hören? Bitte, sag mir, dass du mich hören kannst.«

Der Junge rührte sich nicht, er gab auch keine Antwort. Sie erinnerte sich an den Kursus in Erster Hilfe, den sie einmal gemacht hatte und schob ihn behutsam in die stabile Seitenlage. Dann tastete sie nach seinem Hals und spürte unter ihren Fingern ein leises Pochen. Immerhin, er lebte. Diese Erkenntnis riss sie aus ihrer Erstarrung. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und wählte mit bebenden Fingern die Notrufnummer. Die ruhige Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung tat ein Übriges, sie wieder so weit zu bringen, dass ihr Verstand funktionierte, und so schaffte sie es schließlich, ihm präzise zu sagen, wo sie sich befand, und sie begriff auch, dass sie den Jungen möglichst nicht weiter bewegen, aber trotzdem versuchen sollte, ihn warm zu halten.

»In ein paar Minuten werden Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei bei Ihnen sein«, versicherte der Mann. »Bleiben Sie, wo Sie sind, und decken Sie den Jungen mit allem zu, was Sie haben, er darf nicht auskühlen. Und stellen Sie ein Warndreieck auf, damit es nicht noch zu einem weiteren Unfall kommt.«

 

Das war das Erste, was Arabella nach dem Gespräch tat, danach hüllte sie den Jungen in ihre warme Jacke, während sie unablässig mit ihm redete. Das hatte der Mann ihr zwar nicht geraten, aber sie erinnerte sich, dass bewusstlose Menschen manchmal durchaus mitbekamen, was um sie her geschah, und ihr schien, sie sollte dem Jungen Mut machen.

»Gleich kommt Hilfe, also halte bitte durch, ja? Du bist bewusstlos, ich weiß nicht, warum. Ich hoffe, du bist nicht schwer verletzt. Sag mal, wieso bist du denn einfach auf die Straße gelaufen, ohne nach rechts oder links zu sehen? Ich bin doch mit Licht gefahren, du musst mich also gesehen haben. Oder dachtest du, du musst nicht auf den Verkehr achten, weil die Straße so wenig befahren ist? Kannst du nicht wenigstens die Augen öffnen? Es würde mich beruhigen, ich würde mir dann nämlich sagen, dass es vielleicht nicht so schlimm um dich steht.«

Der Junge blieb stumm und reglos, aber wann immer sie zwei Finger an seinen Hals legte, fühlte sie das leise Pochen. Als sie es einmal nicht sofort fand, geriet sie in Panik, aber dann war es doch wieder da, und sie beruhigte sich wieder.

Von ferne ertönte eine Sirene, und dann sah sie auch schon Blaulicht aufblitzen. Das Geheul wurde rasch lauter und erstarb dann schlagartig. Die vorher so einsame Straße verwandelte sich in einen Ort der Betriebsamkeit. Im ersten Moment war sie nur erleichtert, dass sie die Verantwortung für den Jungen jetzt abgeben konnte, doch schon im nächsten merkte sie, dass das Zittern zurückkehrte, dass es ihr nicht gelang, allein auf die Beine zu kommen, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen und dass sie, als ein freundlicher Polizeibeamter ihr eine Frage stellte, kein Wort herausbrachte, so sehr sie sich auch bemühte.

Schließlich legte eine Polizistin ihr eine Decke um die Schultern, führte sie zu einem der Wagen, drückte sie auf einen Sitz und reichte ihr einen Tee. Aber Arabella konnte ihn nicht trinken. Ihre Hand zitterte so, dass sie die Hälfte verschüttete. Sie bekam keine Luft mehr und wollte wieder anfangen zu schreien. Stimmen waren um sie herum, aber sie konnte keine Gesichter unterscheiden, und dann wurde alles um sie herum schwarz.

Es war eine Erlösung.

*

»Wann wollte Bella denn hier sein?«, fragte Anna von Kant, während sie sich ein weiteres Plätzchen in den Mund schob.

»Gegen fünf«, antwortete Baronin Sofia.

Sie hatte die blonden Locken an ihre Tochter vererbt, ebenso wie das hübsche, runde Gesicht und die blauen Augen. Ihr Sohn Konrad dagegen ähnelte mehr seinem Vater. Zwar waren auch seine Haare blond, während der Baron braunhaarig war, doch das klassisch-scharfe Profil hatte Friedrich ihm vererbt.

»Es ist ja eine lange Fahrt von Erfurt hierher«, fuhr Sofia fort, »und man muss immer mit Staus rechnen. Wenn sie sich verspätet, ruft sie sicher an.«

»Es ist halb sechs«, stellte Anna fest. »Also ist sie schon verspätet.«

»Tatsächlich?« Verwundert warf die Baronin einen Blick auf ihre Uhr. »Sie kommt bestimmt gleich. Ich bin so gespannt darauf, von ihren neuen Erfahrungen zu hören. Ich fand es ja mutig, aus München nach Erfurt zu ziehen, das ist dort bestimmt ein ganz andere Welt.«

Aus der Eingangshalle war klägliches Winseln zu hören. Christian, Sofias Neffe, erhob sich sofort. Er war groß und schlank und hatte als Einziger in der Runde dunkle Haare. Er sah seiner verstorbenen Mutter sehr ähnlich, was Sofia jedes Mal, wenn sie ihn ansah, schmerzlich bewusst wurde.

»Togo will noch mal raus«, sagte er. Togo war sein junger Boxer. »Und da Bella noch nicht hier ist, mache ich den fälligen Spaziergang mit ihm am besten jetzt gleich.«

Wie auf Kommando sprangen auch Anna und Konrad auf, um ihren Cousin zu begleiten, so dass sich Sofia und Friedrich gleich darauf allein vor dem Kamin der Bibliothek wiederfanden.

»Hoffentlich gab es auf der langen Strecke nicht irgendwo Blitzeis«, sagte Sofia besorgt. »Es wundert mich schon, dass Bella sich noch nicht gemeldet hat. Das sieht ihr nicht ähnlich.«

»Wenn sie sich nur um ein paar Minuten verspätet, lohnt sich ein Anruf nicht«, erwiderte Friedrich gelassen. »Wie du gesagt hast: Sie wird sicherlich gleich hier sein.«

Eberhard Hagedorn, der langjährige Butler von Schloss Sternberg, erschien an der Tür. »Haben Sie noch Wünsche, Frau Baronin, Herr Baron?«

Sofia warf ihrem Mann einen Blick zu, er schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, Herr Hagedorn«, sagte sie daraufhin. »Ich hatte gehofft, Sie würden uns die Ankunft unsere Freundin ankündigen.«

»Ich halte schon seit einiger Zeit nach Frau von Lützow Ausschau, Frau Baronin, aber bis jetzt ist noch nichts von ihr zu sehen.« Nach diesen Worten zog sich der alte Butler zurück.

Sofia trank noch einen Schluck Tee. Sie wusste, dass es nichts half, wenn sie sich Sorgen machte, aber die Gedanken ließen sich leider nicht auf Kommando vertreiben. Sie hatte ganz einfach ein ungutes Gefühl.

*

Lili kehrte außer Atem in die Küche des Gutshauses zurück. »Er war überhaupt nicht bei seinem Pony«, berichtete sie. »Und es stimmt auch nicht, dass es heute Morgen nicht fressen wollte. Aber wieso hat er mir das dann erzählt?«

Cora runzelte die Stirn. »Er hat Sie angelogen?«, fragte sie beunruhigt.

Lili nickte unglücklich. »Das hat er noch nie gemacht, ich verstehe das nicht.«

»Vielleicht hat er mitbekommen, dass Sie gekündigt haben«, sagte Cora nachdenklich. »Er hängt ja sehr an Ihnen.« Nach kurzer Pause setzte sie hinzu: »Sie wissen, wie sehr ich Ihren Entschluss bedaure. Noch nie hat sich ein Kindermädchen so gut mit dem Jungen verstanden wie Sie. Und für mich gilt übrigens das Gleiche.«

Lili wurde wieder rot, aber ihr war anzusehen, dass die Worte der Haushälterin sie freuten. »Aber ich kann nicht mehr bleiben«, sagte sie leise.

Cora nickte. »Das habe ich schon verstanden«, sagte sie ruhig.

»Ich glaube nicht, dass er schon von der Kündigung weiß. Eigentlich hätte ich ihm lieber selbst davon erzählt, aber der Graf hat ja gemeint, er will das übernehmen, und so viel ich weiß, hat er Flo noch nichts gesagt. Dabei …« Lili stockte kurz, bevor sie ihren Satz beendete. »Dabei bin ich ja gar nicht mehr lange hier. In gut zwei Wochen fange ich schon bei der anderen Familie an.«

»Jetzt müssen wir Florian erst einmal finden, bevor sein Vater nach Hause kommt. Wo kann er sein?«

»Ich habe überall gesucht, wirklich überall. Er ist nicht in seinem Zimmer, er ist nirgends im Haus. Natürlich habe ich nicht in die Schränke gesehen, aber Verstecken spielt er sicherlich nicht. Er hat seine dicke blaue Steppjacke an und die gefütterten Stiefel, also ist er bestimmt irgendwo draußen. Nur verstehe ich nicht, warum er mir gesagt hat, er geht das Pony füttern, wenn er das gar nicht vorgehabt hat. Und warum er mir erzählt hat, dass es dem Pony nicht gut geht.«

Cora behielt ihre Gedanken für sich. Sie war viel beunruhigter, als sie zu erkennen gab, aber ihrer Ansicht nach hatte es wenig Sinn, Lili noch mehr zu ängstigen. Die junge Frau war ja bereits außer sich.

»Dafür kann es viele Gründe geben, Lili, die müssen nichts mit Ihnen zu tun haben. Lassen Sie uns noch einmal überlegen.«

Sie suchten auch noch auf dem Dachboden und im Keller, sie gingen abermals zu den Pferdeställen, von Florian fand sich jedoch keine Spur, bis einer der Gärtner von der Suche etwas mitbekam und verwundert sagte: »Aber der Junge wollte doch ins Dorf! Er lief mir im hinteren Teil des Parks über den Weg und sagte, er müsste noch etwas für die Schule besorgen.«

Coras Sorgen verfestigten sich. Offenbar hatte Florian etwas vorgehabt, aber mit niemandem darüber reden wollen. Ein gutes Zeichen war das nicht. Sie warf Lili einen raschen Blick zu und erkannte, dass die junge Frau mittlerweile einer Panik nahe war. Sie legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte ruhig: »Lassen Sie uns zurück ins Haus gehen, Lili. Offenbar hatte Florian Pläne, von denen wir nichts wissen sollten. Zum Abendessen wird er sich sicher wieder einfinden.«

Sie glaubte selbst nicht an ihre Worte, aber sie konnte nicht laut aussprechen, was sie befürchtete: dass Florian weggelaufen war, um seinem freudlosen Zuhause zu entkommen. »Ich hätte ihn nicht allein hinübergehen lassen dürfen«, jammerte Lili, als sie erneut die Küche betraten.

»Reden Sie keinen Unsinn«, widersprach Cora freundlich, aber bestimmt. »Man kann doch einen elfjährigen Jungen nicht mehr rund um die Uhr im Auge behalten. Er ist doch oft allein unterwegs gewesen, und immer hat er gesagt, wohin er geht und wann er zurückkommt. So etwas wie heute ist noch nie vorgekommen, wie sollten Sie das vorhersehen?«

Aber Lili ließ sich nicht beruhigen. Sie begann noch einmal, das Haus abzusuchen.

Cora ahnte, dass dieses Unterfangen zwecklos war, doch sie erhob keine Einwände. Wenn es Lili beruhigte, sollte sie weitersuchen. Freilich würden sie sich bald Gedanken über weitergehende Maßnahmen machen müssen, obwohl es für eine Vermisstenanzeige sicherlich zu früh war. Aber, dachte Cora, nicht in diesem Fall, doch das würde man der Polizei vermutlich nicht vermitteln können.

Florian hatte sich seit dem Tod seiner Mutter ganz in sich zurückgezogen, alle Freundschaften hatte er aufgegeben. Alterstypischen Beschäftigungen ging er nicht mehr nach. Er spielte keinen Fußball mehr, und er lief nicht mehr Ski, obwohl er früher bei beiden Sportarten mit Leidenschaft bei der Sache gewesen war. Auch an den neuesten elektronischen Geräten zeigte er sich nicht interessiert. Er konnte mit ihnen umgehen, aber in seiner Freizeit spielten sie keine Rolle. Meistens lag sein Smartphone vergessen in seinem Zimmer.

Er las viel und war ein ausgezeichneter Schüler. Seine schriftlichen Arbeiten bekamen fast immer Bestnoten, lediglich seine mündliche Beteiligung am Unterricht ließ regelmäßig zu wünschen übrig. Er spielte auch gern Klavier, manchmal stundenlang, und sein Lehrer ließ keinen Zweifel daran, dass er überdurchschnittlich begabt war. Aber Florian wollte nicht üben, er wollte nur spielen, wonach ihm der Sinn stand – in der Regel waren das schwere, melancholische Stücke.

Als Cora den Wagen von Graf Johannes in den Hof fahren sah, seufzte sie. Obwohl Lili nichts falsch gemacht hatte, würde der Graf vermutlich zunächst einmal sie verantwortlich für das Verschwinden seines Sohnes machen. Sie war jedoch fest entschlossen, der jungen Frau nach Kräften beizustehen.

Sie verließ eilig die Küche, um Lili zu sagen, dass Graf Johannes nach Hause gekommen war, doch Lili war nicht aufzufinden. Ein unglücklicher Zufall wollte es, dass der Graf in dem Moment den Eingangsbereich des Hauses betrat, in dem Lili den Dachboden verließ und mit lauter Stimme rief: »Florian, wo bist du? Florian!«

Cora sah, wie sich die Augenbrauen ihres Arbeitgebers hoben, dann erst entdeckte er sie. »Was ist hier los?«, fragte er. »Wieso sucht Lili nach Florian?«

Offenbar hatte Lili seine Stimme gehört, denn nun kam sie eilig nach unten, das Gesicht gerötet. Sie begrüßte den Grafen mit einem scheuen Lächeln, woraufhin er seine Frage wiederholte.

»Er wollte das Pony füttern«, erklärte Lili. »Ich habe ihm gesagt, wenn er zurückkommt, trinken wir heiße Schokolade. Seitdem ist er verschwunden. Und er war überhaupt nicht bei seinem Pony. Ich habe ihn seitdem überall gesucht. Einem Gärtner hat er gesagt, dass er ins Dorf will.«

Graf Johannes wurde blass. »Wie lange ist das her?«

Cora fing Lilis Blick auf und ergriff daraufhin selbst das Wort. »Eine Stunde, vielleicht anderthalb«, sagte sie. »Seitdem suchen wir ihn. Es hat sich herausgestellt, dass er Lili angelogen hat. Er hat ihr gesagt, er müsste nach dem Pony sehen, weil es morgens nicht fressen wollte. Das stimmte aber gar nicht. Dem Gärtner hat er gesagt, dass ihm noch etwas für die Schule fehlt. Das stimmt aber auch nicht, er hatte alles, was er für morgen braucht. Er muss etwas anderes vorgehabt haben, etwas, das er niemandem erzählt hat.«

Ihre Einschätzung war falsch gewesen: Der Graf ging nicht auf Lili los, er beschuldigte überhaupt niemanden. Stattdessen rannte er wortlos aus dem Haus, stieg wieder in seinen Wagen und jagte ins Dorf.

Als er ohne Florian zurückkehrte, war sein Gesicht grau. »Niemand hat ihn gesehen«, sagte er. »Ich rufe jetzt die Polizei an.«

*

»Wer war das?«, fragte Arndt Stöver, der beste Assistent, den Kriminalrat Volker Overbeck von der Sternberger Kriminalpolizei jemals gehabt hatte. Seit einiger Zeit arbeitete Arndt mit Billigung seines Chefs bevorzugt mit seiner Kollegin Miriam Bauer zusammen, einer schönen, temperamentvollen Rothaarigen, die ›ähnlich tickte‹ wie er, so zumindest drückte er es aus. Sie verstanden sich bei der Arbeit blind, auch weil sie beide gern ungewöhnliche Wege einschlugen und damit häufig Erfolg hatten.

 

Arndt hatte sich schon öfter gefragt, ob er eigentlich in Miriam verliebt war, diese Frage aber immer schnell wieder verdrängt. Als Liebespaar konnten sie nicht mehr so zusammenarbeiten wie bisher, und das hätte er sehr bedauert.

»Johannes Graf von Ammerthal«, antwortete Miriam. »Sein Sohn Florian, elf Jahre alt, wird seit ungefähr zwei Stunden vermisst. Sein Vater beteuert, das sehe dem Jungen nicht ähnlich.«

»Ammerthal, Ammerthal?«, murmelte Arndt. »Kennen wir den?«

»Nicht persönlich, zumindest ich nicht«, erklärte Miriam. »Aber ich weiß, dass seine Frau vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist.«

Arndt nickte. »Mhm, jetzt erinnere ich mich auch. Es war von einem tragischen Todesfall die Rede. Wahrscheinlich ein Unfall. Und jetzt ist der Junge verschwunden? Vermutet er eine Entführung?«

»Nein. Es könnte sein, dass der Junge weggelaufen ist, er hat nämlich seinem Kindermädchen ein paar Lügen aufgetischt – und dann noch einem Gärtner. Er hat auf diese Weise dafür gesorgt, dass nicht sofort nach ihm gesucht wird, sondern dass sein Verschwinden erst nach einer Weile auffiel.«

»Mhm«, machte Arndt wieder. »Normalerweise tauchen ja vermisste Kinder nach ein paar Stunden von selbst wieder auf.«

»Ja, aber ich fürchte, dieses ist kein normaler Fall. Auf mich hat es so gewirkt, als hätte der Junge einen schon länger gefassten Plan in die Tat umgesetzt. Er scheint ziemlich klug zu sein, und mit elf ist man ja auch kein Kleinkind mehr. Er ist warm angezogen, hat aber sein Smartphone zu Hause gelassen.«

»Merkwürdig«, stellte Arndt fest. »Elfjährige sind doch verrückt danach.«

»Er will wohl nicht gefunden werden. Ich nehme mal an, dass er schon ein paar Krimis gesehen hat und also weiß, dass man mit solchen Geräten geortet werden kann.«

»Was denkst du denn, was er vorhat?«

»Vielleicht will er einfach verschwinden.« Miriam sah auf die Uhr. »Wir haben übrigens gerade Dienstschluss.«

»Du meinst …?«

»Das meine ich allerdings. Los, komm schon. Es wäre doch gelacht, wenn wir ihn nicht fänden. Die Ammerthals wohnen in einem Dorf, das zehn Kilometer von hier entfernt liegt. Dort fangen wir an. Der Vater war zwar schon da, aber er ist bestimmt nicht systematisch vorgegangen.«

»Krankenhäuser, andere Polizeistationen, die Notrufzentrale und so weiter und so fort«, murmelte Arndt.

»Genau«, sagte Miriam.

Sie verließen das Büro, hatten aber das Pech, ihrem Chef in die Arme zu laufen.

Kriminalrat Volkmar Overbeck betrachtete seine beiden talentierten Mitarbeiter erstaunt. »Sie verlassen Ihr Büro pünktlich auf die Minute? Was ist passiert?«

»Nichts, Chef«, behauptete Arndt eilig. »Wir wollen einfach mal einen zusammen trinken.«

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